Archive for the ‘George Feydeau’ Category

Nobody called? – Feydeaus „Floh im Ohr“ bleibt in der eher gebremsten Regie von Philip Tiedemann am Berliner Ensemble merkwürdig anschlusslos.

Donnerstag, Mai 23rd, 2013
Floh im Ohr von George Feydeau im Berliner Ensemble - Foto: St. B.

„Floh im Ohr“ von Georges Feydeau im Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Gute Unterhaltung ist Mangelware an den Theatertempeln der subventionierten deutschen Hochkultur. Obwohl man sich schon hin und wieder mal am gut gemachten Boulevard versucht. Neben zeitgenössischen deutschen Autoren wie David Gieselmann (Herr Kolpert) und Lutz Hübner (Blütenträume, Richtfest u.a.), dem Briten Alan Ayckbourn (Bedroom Farce, RollenSpiel, Schöne Bescherungen u.a.) oder auch der Meisterin des französischen Edelboulevards Yasmina Reza (Drei Mal Leben, Der Gott des Gemetzels u.a.), die in ihren Komödien aber immer auch eine tiefere Metaebene einziehen, eignen sich dabei besonders die französischen Autoren der Belle Époque wie Eugène Labiche (Das Sparschwein) oder sein Bewunderer Georges Feydeau, der das Vaudville immer gegen die Hochkultur verteidigt hatte. Dieses Genre der sogenannten leichten Muse (u.a. Jacques Offenbach) und Boulevard-Komödie erfuhr etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch an deutschen Theatern seine Hochzeit.

Das Deutsche Theater in Berlin hat sich in der Gründerzeit aus eben einer solchen Vaudeville- und Operettenbühne heraus erst zum Nationalen Kunsttempel entwickelt. Das national erstarkte deutsche Bürgertum, das sein Selbstverständnis plötzlich nicht mehr nur in der reinen Unterhaltung sah, sondern seine gerade gewonnene Freiheit wieder mit strengeren Moralvorstellungen reglementierte, entdeckte wieder Goethe, Schiller und Kleist für sich. Eine für Deutschland durchaus typische Entwicklung, die bis heute trotz Postdramatik und Regietheater anhält, und sich nun, damit ästhetisch fast am Ende, plötzlich wieder in ironischer Weise des guten alten Vaudevilles besinnt. Dass die Komödie mit ironischem Tiefgang jedoch auch gewaltig in die Hose gehen kann, hat gerade erst der oberste Hausregisseur des DT Andreas Kriegenburg mit seiner bunten Show des individualisierten Unterhaltungsterrors „Sklaven“ nach Einaktern von Georges Courteline bewiesen.

Um der Hölle der sogenannten bürgerlichen Freiheit zu entkommen, ging der vergnügungssüchtige Familienvater von jeher gerne in den Puff und daheim zum Lachen in den Keller, oder eben auch ins Boulevardtheater. Da war es fast schon zwangsläufig Bedingung, dass neben dem festgefügten bürgerlichen Weltbild auch die Hosen ordentlich ins Rutschen geraten durften. Dazu bedarf es natürlich, um nicht auch noch das Niveau allzu tief sinken zu lassen, eines glücklichen Regiehändchens und einer gut geölten Theatermaschinerie vor und hinter den Kulissen. Nichts ist auf der Bühne schwieriger, als einen Schwank so zu schmieren, dass die Chose ordentlich flutscht und dabei nicht vollends abschmiert. Was so leicht aussieht, ist also durchaus handwerkliche Schwerstarbeit, und davor steht natürlich noch der mit der nötigen Begabung fürs Feine und Grobe versehene Autor, der in seinen Stücken das Uhrwerk so genau einzustellen weiß, dass es auch an den richtigen Stellen gongt, sprich Witz und Situationskomik überhaupt erst zünden können.

Georges Feydeau (1862 - 1921)

Georges Feydeau (1862 – 1921)

Und so ein Meister der guten Theaterschmiere ist eben der bereits erwähnte Georges Feydeau. Er hat derer immerhin sechsundsechzig geschrieben. Dabei durchlebte Feydeau seine, die Doppelmoral des Bürgertums entlarvenden Komödien, geradezu am eigenen Leib. Je nach Erfolg seiner Stücke bewegte er sich in gehobeneren oder weniger solventen Kreisen, und beendete sein Leben als geschiedener Mann, der die letzen Jahre seines Lebens in einem Hotel verbrachte, infolge einer Syphiliserkrankung geistig umnachtet. Feydeaus bekanntestes und auch immer wieder auf den Spielplänen der subventionierten Stadttheater stehende Stück ist die schwankhaft-groteske Komödie „La puce à l’oreille“, zu deutsch „Der Floh im Ohr“.

Das Berliner Ensemble öffnet sich damit nun auch ganz offiziell dem breiteren Publikumsgeschmack. Was nicht weiter erwähnenswert wäre, würde man hier nicht geradezu immer wieder den Hort der politischen Widerständigkeit gegen jegliche programmatische Verflachung verteidigen. Mit Regisseur Philip Tiedemann hat man dann auch den Mann gefunden, der bereits mehrfach bewiesen hat, siehe seine Inszenierungen der Schillerversion „Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen“ nach der Komödie des Franzosen Louis-Benoît Picard oder „Immanuel Kant“ von Thomas Bernhard, dass er einer boulevardesken Figurenzeichnung durchaus nicht abgeneigt ist, und den Spagat zwischen E und U mühelos hinbekommt.

Philip Tiedemann befindet sich mit seiner Idee Feydaus Klamotte „Floh im Ohr“ auf die große Bühne des BE zu hieven in prominenter Gesellschaft. Wie bereits Martin Kušej 2004 am Thalia Theater Hamburg und Dieter Dorn 2006 am Resi in München verwendet er dabei die moderne Übersetzung von Elfriede Jelinek. Die französische Boulevardkomödie hat tatsächlich einen gewissen Reiz auf die österreichische Autorin ausgeübt, und sich mit Sicherheit auch in den oft endlos kalauernden Wortkaskaden ihrer Theatertexte niedergeschlagen.

Die scharfe Kritikerin bürgerlicher Abgründe und fieser Scheinmoral ist von Detailreichtum, Komplexität und Zeichenhaftigkeit der Sprache in der französischen Farce gleichermaßen fasziniert, wie von der rasanten Schnelligkeit und der Tatsache, das nach dem kurzen Durchrütteln der bürgerlichen Konventionen alles wieder auf den Ausgangspunkt zuläuft. Der Bürger als Hamster im Rad der gesellschaftlichen Konventionen, wie sie es beschreibt. Die Komik speist sich hier aus der Verzweifelung der Figuren, mit der sie ihre Fehltritte zu vertuschen suchen, um dabei doch nur in Höchstgeschwindigkeit scheinbar immer tiefer im Strudel um die eigenen Lügen und Intrigen zu versinken.

Der „Floh im Ohr“ von Raymonde (Swetlana Schönfeld), der Ehefrau des Rechtsanwalts Victor-Emmanuel Chandebise (Joachim Nimtz), ist die irrige Annahme, dass ihr Gatte, der sie scheinbar absichtlich vernachlässigt, eine Affäre haben muss. Denn, was ich selber denk und tu, das trau ich auch den andren zu. Beweis sind ein paar Hosenträger, die ihr aus dem berüchtigten Etablissement „Zur Zärtlichen Miezekatze“ mit der Post zugeschickt wurden. Ihr Plan ist es, mit Hilfe eines fingierten anonymen Liebesbriefs, den ihre Freundin Luceinne (Marina Senkel) schreiben muss, den Untreuen Ehemann zu überführen. Daraus ergeben sich naturgemäß in Folge die allerschönsten Verwicklungen. Die verklemmte Moral wirft im Verborgenen ihre Hosenträger ab und stolpert sogleich über die heruntergelassenen Hosen.

Floh im Ohr am BE. Bühnenbild: Norbert Bellen - Foto: St. B.

„Floh im Ohr“ am Berliner Ensemble.
Bühnenbild: Norbert Bellen – Foto: St. B.

Der eigentliche Besitzer der Chandebise’schen Hosenträger ist allerdings der Cousin des Hausherrn Camille, der überdies einen veritablen Sprachfehler besitzt (Thomas Wittmann beherrscht das konsonantenlose Sprechen praktisch wie aus dem Effeff), und ohne Hilfsmittel des zwielichtigen Arztes Dr. Finache (Uli Pleßmann) nicht viel zur Aufklärung beitragen kann. Der in Liebesdingen Benachteiligte benötigt etwas erotische Nachhilfe, die er sich in den Armen „zärtlicher Miezekatzen“ erhofft.

Weiterhin verwickelt sind der bisher verschmähte Verehrer von Madam Chandebise und Mitarbeiter von Victor-Emmanuel, Romain Tournell (Veit Schubert), der für seinen vorsichtigen Chef das Rendezvous wahrnehmen soll, und der sich nun ebenfalls gehörnt glaubende spanische Gatte von Luceinne, Carlos Homenides de Histangua (Jakob Schneider). Für vollkommene Verwirrung bei allen Beteiligten sorgt noch, dass der versoffene Portier des Hotels „Zur Zärtlichen Miezekatze“, genannt Poche, Rechtsanwalt Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Joachim Nimtz brilliert in dieser Doppelrolle mit schnellem Wechsel von Körperhaltung, Sprache und Kostüm.

Wie in jeder richtigen Boulevardkomödie klappen nun auch am BE die Türen und Bodenluken auf und zu, drehen sich Betten und verschwinden die Figuren damit im Bühnenboden, geben sich Herrenzote und Unterleibswitz die Klinke in die Hand. Nach anfänglichem Geplänkel und Ränkeschmieden im Hause Chandebise dreht die Klamotte erwartungsgemäß im 2. Akt bei den „Zärtlichen Miezekatzen“ auf. Ganz routiniert und halbwegs gut geölt läuft dann auch die Bühnenmaschinerie mit einer variabel verschiebbaren Lattenwand (Bühne: Norbert Bellen), die neben den Türen noch Platz zum Durchschlüpfen lässt und den Akteuren auch als Klettergerüst dient.

Die ganze Personage versammelt sich zum nicht ganz freiwilligen, gemeinsamen amourösen Tänzchen im verruchten Hotel. Männer stammeln, Damen kreischen. Klischee reiht sich an Klischee. Der Holzhammer regiert und Fußtritte sind noch immer probates Mittel für Schenkelklopfer. Chaplin lässt grüßen, und hat noch immer die Lacher auf seine Seite bekommen. Ein riesiger Rugbyspieler (Nicolai Despot) gibt den nach erotischen Abenteuern gierenden Engländer gleichen Namens, der sich auf alles was noch einen Rock trägt mit eindeutiger Pose stürzt. Der eifersüchtige spanische Ehemann trägt seinen Colt wie ein mexikanischer Pistolero, und kaut dabei bedrohlich auf seinem Akzent herum.

Feydeaus frecher Floh beißt sich fest im Ohr aller Beteiligten und versucht auch den gewagten Sprung ins Publikum, das bislang nur vereinzelt zu Lachen wagte. Dabei halten sich innere Abwehrhaltung und der Wille zum Amüsement vorerst die Waage. Allein das Karussell der Verwicklungen dreht sich dann doch etwas zu vorhersehbar. Man merkt dem Floh seine Jahre an, die er auf dem Buckel trägt. Es ächzt bedächtig im Gebälk der Witzmaschine. Der Sprung in die Gegenwart gerät leider etwas zu kurz. Tiedemann lässt der Farce auch nicht vollends ihren freien Lauf, bewahrt sie vor dem unkontrollierten Durchdrehen.

Das Team vom "Floh im Ohr" beim Beifall. Foto: St. B.

Das Team vom „Floh im Ohr“ beim Beifall. Foto: St. B.

Zu durchsichtig scheint heute diese Verwechslungskomödie, als dass sich daraus die nötigen Funken schlagen ließen, um einen Hochkultur-gesättigten Bildungsbürger noch aus der Reserve locken zu können. Obwohl die moralischen Hosenträger sicher auch weiterhin festgezurrt am Körper sitzen, scheinen uns das vorübergehende Ausbrechen aus starren Ehe-Konventionen oder ähnlich lächerliche Befindlichkeiten, wie die Angst vor dem Skandal, der noch die Figuren in Feydeaus Komödien antrieb, heute doch eher kalt zu lassen. Oder lag es am kühlen Wetter? Trotz allem noch ein recht warmer Applaus für das aufopferungsvoll kämpfende und ausgelassen hüpfende Floh-Ensemble.

Kurzfassungen auf livekritik.de und nachtkritik.de

***

Termine:

  • 27.05.2013 um 19:30 Uhr
  • 28.05.2013 um 19:30 Uhr
  • 02.06.2013 um 18:00 Uhr
  • 13.06.2013 um 19:30 Uhr
  • 16.06.2013 um 19:30 Uhr
  • 28.06.2013 um 20:00 Uhr

__________