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Herzhaftes deftig serviert – Regisseur Gordon Kämmerer überwürzt die Uraufführung von Ferdinand Schmalz‘ neuem Stück „der herzerlfresser“ am Schauspiel Leipzig

Donnerstag, November 26th, 2015

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der herzerlfresser_schauspiel leipzigNach am beispiel der butter und dosenfleisch hat nun der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz mit der Uraufführung des Auftragswerks der herzerlfresser am Schauspiel Leipzig seine Stück-Trilogie über Lebensmittelmetaphern vollendet. Es ist wieder eine an poetischer Metaphorik und wild kalauerndem Humor reiche Story um eine kleine Gemeinschaft von Menschen, in die ein geheimnisvoller Fremdling eindringt. Das Herz steht hierbei im Mittelpunkt als organische Pumpe wie auch Gefühlszentrum unseres Körpers und Lebens. Und auch als schaurig schönes Volksstück taugt die einem alten Kriminalfall entliehene Geschichte des Kannibalen von Kindberg in der Steiermark. Dort hatte im 18. Jahrhundert der Knecht Paul Reininger, einem alten Aberglauben folgend, sechs junge Frauen ermordet, um durch das Verspeisen ihrer Herzen unsichtbar zu werden und mehr Glück im Kartenspiel zu haben.

Das heutige Kindberg von Ferdinand Schmalz ist ein verschlafenes Nest am Rande einer Moorlandschaft, die der Bürgermeister Acker Rudi (Michael Pempelforth) trockengelegt und zum Bauland erklärt hat. Seine Herzensangelegenheit ist die Anlockung globaler Investoren und überregionaler Käufer durch den Bau eines Shoppingcenters. Diese moderne Begegnungsstätte zur Kundenbefriedigung soll wieder neues Leben in die Stadt pumpen. Ein Aufschwung erkauft mit den Handschlag-Quali- und Quantitäten ihres Bürgermeisters.

Vorläufig laufen aber nur die Sumpfwasserpumpen, da sich im Neubau des Herzcenters erste Risse gezeigt haben, was nicht nur stinkende Brühe zutage fördert, sondern auch weibliche Moorleichen ohne Herz. Die erste fällt dem beherzten Bürgermeister Rudi und dem Center-Wachmann Gangsterer Andi (Florian Steffens) direkt vom Schnürboden der Diskothek herunter vor die Füße. Damit die Investoren nicht ausbleiben und sich die globale Erfolgsgeschichte zur regionalen Katastrophe wendet, lässt Rudi mit Hilfe des Wachmanns die Leiche wieder verschwinden, und der Hobbykriminologe Andi mit Rundumleuchte auf dem Kopf bekommt den Auftrag den neuen Herzerlfresser zu finden.

 

 der herzerlfresser am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

der herzerlfresser in der Diskothek am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Weitere Herz-Schmerz-Angelegenheiten zu laufen haben die Centermitarbeiterinnen Fauna Florentina (Runa Pernoda Schaefer), an die der Andi gern sein Herz verschenken würde, und Fußpflege Irene (Max Thommes), die früher mal René hieß und versucht, sich per handfester Fußzonenreflexmassage einen Weg ins Herz von Rudi zu orakeln. Herzen schlagen höher, schütten sich aus, verlieren sich, und gefrorene Herzen zerbrechen. Lauter einsame Herzen in organischer Trauer. Nur der fremde Pfeil Herbert (Felix Axel Preißler), ein philosophierender Fleischhauer, trägt sein Herz auf der Zunge und bietet das Heilsversprechen einer Liebe, die durch den Magen geht. Das Paradies, was wir verloren haben. Eine Operation am offenen Herzen der zwischenmenschlichen Sprachlosigkeit. Erst im Rausch brechen die Gefühle es aus ihnen heraus. Nach alkoholseliger Einweihungsfeier im Center kommt es zum durchgeknallten Showdown mit Motorsäge, Laserschwert und Pistole.

Hierbei gehen dem Regisseur Gordon Kämmerer nicht nur einmal die Pferde, oder auch mal ein Ziege durch, die als Pappmachéungetüm auf die Bühne gezogen wird. So jagt ein lustiger Regieeinfall den nächsten, begleitet von dröhnenden elektronischen Herzbeats und mächtig Bodennebel. Neben etlichen Slapstickeinlagen wird ein wenig mit Alfred Jodocus Kwak gealbert und fröhlich im Splattergenre gewildert. Dazu kommt, dass die SchauspielerInnen die ganze Zeit in haarigen Tier-Kostümen stecken. Merkwürdige Fellwesen zwischen Affe und Yeti, die sich Schmalz‘ Herz-, Leib- und Magenmetaphern teilen. Kämmerers Hang zur Comedy stößt auf Dauer etwas sauer auf. Was noch bei der Uraufführung des Nolte-Decar-Stücks Das Tierreich bestens funktioniert hat, erschlägt hier fast die poetische Sprachgewalt des Textes. Am 28. November hat die Zweitaufführung von Ronny Jakubaschk am Deutschen Theater Berlin Premiere. Mal sehen, wie deftig das Schmalz’sche Herzragout dort angerichtet wird.

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der herzerlfresser
von Ferdinand Schmalz
Uraufführung
Premiere in der Diskothek im Schauspiel Leipzig: 20.11.2015
Regie: Gordon Kämmerer, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Max Thommes, Dramaturgie: Esther Holland-Merten
mit: Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Runa Pernoda Schaefer, Florian Steffens, Max Thommes und Maximilian Grafe
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine: 25., 28.11. und 16., 30.12.2015

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 22.11.2015 auf Kultura-Extra.

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„Das Tierreich“ von Nolte Decar in einer knallbunten Uraufführungsinszenierung von Gordon Kämmerer in der Diskothek des Schauspiels Leipzig..

Donnerstag, Oktober 9th, 2014

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Das Tierreich am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Das Tierreich am Schauspiel Leipzig. Foto © Rolf Arnold

Obwohl das junge Autorenduo Jakob Nolte (Jahrgang 1988) und Michel Decar (Jahrgang 1987) beim Titel ihres Stücks Das Tierreich kurz an das Pubertier von Jan Weiler gedacht haben, in dem irgendwo „ein erwachsenes Wesen voller Güte und Vernunft schlummern soll“? An kleine Monster aber mit großer Sicherheit. In immerhin 21 Rollen bevölkern sie das Kleinstadtsetting der beiden Brüder-Grimm-Preisträger des Landes Berlin von 2013. In der Uraufführung des Textes in der Diskothek unterm Dach des Schauspiels Leipzig erscheinen die 6 Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihren Masken, langgezogene Köpfen, ausgepolsterten Kostümen und verzerrten Stimmen jedenfalls wie eine Kreuzung zwischen der Adams Family und den Figuren der Biene-Maja-Zeichentrickfilme. Diese kleinen pubertierenden Monster aus dem Kaff Bad Mersfeld erleben in den Sommerferien ihre ganz spezielle Art des Frühlingserwachens.

Den Namen der Uraufführungsspielstätte Diskothek hat Regisseur Gordon Kämmerer (Jahrgang 1986), Absolvent der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, übrigens ziemlich wörtlich genommen. Ein Soundtrack von über 30 Rock-, Pop- und Countysongs, Raps und klassischen Werken untermalt seine knallig bunte und recht aktionsreiche Inszenierung. Auf einem fahrbaren, immer wieder neu zusammenschiebbaren Holzlaufsteg posieren die Darsteller wie auf einem Catwalk. Die Theater-AG probt Kleists Prinz von Homburg sowie erste Eitelkeiten, und eine obercoole Mädchenrockband tritt in hohen Boots mit Baseballschlägern auf. Dazu dröhnt aus den Boxen der Sound der 80er mit Neue-Deutsche-Welle Hits von DAF über Andreas Dorau bis Palais Schaumburg ihren Post-Punk-Pop-Apologeten wie Stahlnetz und Geile Tiere oder auch Anton Bruckner, Technotronic, Portishead und vieles mehr.

Und dabei liebäugelt Kämmerer sicher nicht nur mit den heutigen Kids, sondern auch mit den großen Kindern der 70er, 80er und 90er, die hier in ihren eigenen Erinnerungen schwelgen dürfen. Eine Reise durch die Zeiten, Musikstile und Moden. „Wir bauen eine neue Stadt.“ Eine große Welt im Kleinen will uns die immer wieder im Video eingeblendete Spielzeugstadt sagen. Die Welt der Jugendlichen, in die neben der ersten Liebe, Partys, Eifersüchteleien und Gemobbe plötzlich auch die Realität in ganz wundersamer Weise aus heiterem Himmel mit einem Leopard II knallt, der aus einem Transportflugzeug auf die Schule fällt. An der Bühnendecke hängt ein Rasenmäher, der neben dem Panzer auch einen vom Vater geklauten Jaguar darstellt, was einen weiteren Crash mit Schädelhirntrauma und Beinverlust zur Folge hat.

Die Kids versuchen sich zu artikulieren. Mal prahlerisch und altklug („Die Rentner haben schon alles hinter sich.“), mal mit schlauen Gedanken von Nietzsche oder Paul Celan. Dann läuft wieder eine schüchtern stumme Annährung am Baggersee über ein Leuchtschriftband. Was nützt die Liebe in Gedanken, die um den ersten Kuss kreisen und nicht heraus wollen („Hast du was gesagt? Ich? Ich hab nichts gesagt.“). So probiert man sich und die andere Seite und auch mal das andere Ufer aus. Als Reaktion auf die große Weltlage will die Chefredakteurin der Schülerzeitschrift ein Essay über Palästina schreiben und die Schul-Umbenennungs-AG bringt Namen wie Albrecht Dürer und Christoph Probst (Weiße Rose) gegen das Hindenburggymnasium in Stellung. Es werden Verschwörungstheorien über Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien diskutiert und sich in Demokratie geübt.

Das Tierreich am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Das Tierreich am Schauspiel Leipzig – Foto © Rolf Arnold

Es bleibt zumeist beim Versuch. Unsere angehenden Erwachsenen stehen ihren Eltern, denen sie kleine, herzliche Hass-Rock-Songs widmen, in nichts nach. Und noch ein weiteres Haustier ist Bestandteil des Stücks und im Gegenzug zu den in ihren Gefühlen und Handlungen schwankenden Jugendlichen, auch wenn sie sich selbst bereits auf dem besten Weg der Anpassung befinden, recht zutraulich und pflegeleicht. Ein kleines, kuscheliges Chinchilla mit Knopfaugen, das zu Beginn verschwunden war und irgendwann im Wald vor der Kamera einer ambitionierten angehenden Tierfilmerin wieder auftaucht. Das kleine graue Nagetier als Auslöser einer großen Obsession. Nur – seine größte Bedrohung ist der Mensch, und vielleicht sollte man dann doch lieber Filme über Menschen machen.

Dazu singen Bonaparte „Wir sind keine Menschen, wir sind Tiere“ und Grauzone von „Marmelade und Himbeereis“. Irgendwo dazwischen liegt wohl die Wahrheit dieses kleinen, fröhlich frechen Textes von Nolte Decar. Und trotzdem ist Das Tierreich viel mehr als eine Kleinstadtparodie von Eis am Stiel. Sicher ist Erwachsenwerden auch eine schwere Zeit. Aber es geht schnell vorbei, wie Sibylle Berg in ihrer trocken sarkastischen Art im Programmheft prophezeit. Vielleicht manchmal etwas zu schnell.

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Das Tierreich (UA)
von Nolte Decar
Premiere: 03.10.2014
Regie: Gordon Kämmerer
Bühne: Jana Wassong
Kostüme: Josa David Marx
Dramaturgie: Julia Figdor
Licht: Jörn Langkabel
Video: Stini Röhrs
Mit:
Pina Bergemann
Julia Berke
Andreas Herrmann
Anna Keil
Dirk Lange
Michael Pempelforth

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/diskothek/inszenierungen/das-tierreich-ua/

Zuerst erschienen am 08.10.2014 auf Kultura-Extra.

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