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Der Mann, der Liberty Valance erschoss und The Making Of – Großes Kino am Maxim Gorki Theater Berlin

Freitag, Januar 27th, 2017

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Der Mann, der Liberty Valance erschoss – Mit seiner Bühnenadaption der Erzählung von Dorothy M. Johnson betreibt Hakan Savas Mican am Maxim Gorki Theater eine ironische Demontage amerikanischer Heldenmythen

Ein Band mit Erzählungen von Dorothy M. Johnson

Die US-amerikanische Western-Autorin Dorothy M. Johnson (1905-1984) dürfte in Deutschland eher weniger bekannt sein. Ihre Romane und Erzählungen sind teils nur im Groschenheftformat in deutscher Sprache erschienen. Sicher zu Unrecht, waren doch drei ihrer Kurzgeschichten Vorlage für große Western-Verfilmungen wie The Hanging Tree von Delmer Daves mit Gary Cooper, Maria Schell und Karl Malden, A Man Called Horse von Elliot Silverstein mit Richard Harris und The Man Who Shot Liberty Valance von John Ford mit John Wayne, James Stewart und Lee Marvin.

John Ford läutete 1962 mit seinem Film die Phase des Spät-Western ein, in der gebrochene Antihelden bereits an den Mythen des sogenannten Wilden Westens zu kratzten begannen. Aber gerade John Wayne hatte u.a. in Fords Filmen mehrfach noch den Western-Helden alten Schlags verkörpert. John Ford sagte dazu in der 1967 von Peter Bogdanovitch veröffentlichten Biografie des Regisseurs: „Wir haben eine Menge Leute, von denen angenommen wird, daß sie große Helden gewesen sind. Und Sie wissen verdammt gut, daß sie es nicht waren. Aber es ist gut für das Land, Helden zu haben, um zu ihnen aufblicken zu können.“ Geschichtlich gesehen war das Genre jedoch längst auserzählt. Die Wende kam nicht von ungefähr mit der großen Krise Hollywoods zu Anfang der 1960er Jahre.

Der Filmpublizist Michael Hanisch schreibt in seinem 1986 im Henschel Verlag Berlin erschienen Buch Western. Die Entwicklung eines Filmgenres: „Diese Entwicklung, die die Geschichte der Kolonisation des Westens darstellt, ist 1890 im wesentlichen abgeschlossen. (…) Je weiter man sich von dieser Vergangenheit entfernte, um so unschärfer wurden ihre Konturen, um so mehr überwucherten Legenden die gar nicht so spannende, aufregende Realität.“ Und kurz vor diesem Scheidepunkt, genau gesagt um 1880, spielt Dorothy M. Johnsons The Man Who Shot Liberty Valance. Eine nicht untypische Geschichte, über die Gründung amerikanischer Mythen, von Freiheit, Fortschritt und Demokratie, die auf Gewalt und kleineren, oder größeren Lügen aufgebaut sind.

Der Mann, der Liberty Valance erschoss im Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Dieses Thema hat sich nun auch Hakan Savas Mican für seine neueste Regiearbeit Der Mann, der Liberty Valance erschoss am Maxim Gorki Theater ausgewählt. Aber er lässt nicht Fords Kino-Fassung, für die Dorothy M. Johnson auch das Drehbuch schrieb, oder die 2014 uraufgeführte englische Bühnenfassung spielen, sondern legt seiner eigenen Version Johnsons Original-Story von 1953 zu Grunde. Diese zeichnet den jungen Ransome Foster von der Ostküste in seinem Idealismus wesentlich ambivalenter als in Fords Kinoversion (mit anderen Namen), die den zum Gouverneur aufgestiegenen Anwalt in einer Rahmenhandlung in das Western-Städtchen zur Beerdigung des Cowboys Bert Barricune zurückkommen lässt. Dort erzählt Foster die wahre Geschichte von der Ermordung des die Stadt terrorisierenden Banditen Liberty Valance durch Barricune, der ihm damit das Leben rettete. Worauf ein Reporter die Wahrheit mit den Worten „When the legend becomes fact, print the legend!” einfach wegwischt. Diesen bezeichnenden Satz verschenkt leider Micans Inszenierung.

Der Regisseur konzentriert sich ganz auf das hehre Vorhaben Fosters, den Bewohnern von Twotrees nicht nur Lesen und Schreiben beizubringen, sondern auch Unterricht in Demokratie zu geben. Mehmet Ateşçi entwickelt sich hier vom zunächst noch unsicheren Greenhorn mit Schlips und Aktentasche, der zu Beginn im Video vom Überfall Liberty Valance auf sich erzählt und dabei blutige Spuren ins Gesicht geschminkt bekommt, ganz zum smarten Selfmademan mit höheren Ambitionen. Sylvia Rieger hat Mican dazu eine echte Westernstadtkulisse mit Hotel und Saloon auf der einen Seite sowie Coca-Cola-Automat auf der anderen Seite gebaut. Schon das ist ein Zeichen für den unaufhaltsamen Fortschritt, der Leute wie den cool spuckenden Westerner Bert Barricune (Taner Şahintürk) und den ebenfalls sehr authentisch von Yousef Sweid verkörperten Liberty Valance, die die alte Ordnung mit der Waffe in der Hand verteidigen wollen, hinwegfegen wird.

Sie dürfen ausgiebig böse gucken und ein kleines Zwiegespräch über das innere Labyrinth des Rechts, das Foster mit seinen Wahlen errichten will, und das äußere der freien Wüste von Liberty Valance führen, in dem jeder sein eigener König ist. Ansonsten wird die Szenerie beherrscht von vielen großen Worten über Gleichheit, Gerechtigkeit und Glück für alle, woher sie auch kommen. Und das immer schön frontal ins Publikum. Einwürfe über Einschnitte beim Wahlrecht für Ausländer oder Frauen sollen das immer wieder vom Rand her konterkariert. Natürlich ist das Spiel mit Blick auf die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung auch durchzogen von Ironie und falschem Pathos. Einmal muss sogar Hallie Ericsson (Lea Draeger), kleine Hotelbesitzerin und Frau zwischen den beiden Männern Ransome und Bert, als Freiheitsstatue mit Fackel und Zackenkrone auftreten.

 

Ein altes Filmplakat des Westerns von Henry Ford.

 

Hakan Savas Mican versucht sich recht und schlecht kritisch am amerikanischen Traum abzuarbeiten. Der Bandit Valance singt noch im Sterben David Bowies Song „This Is Not America“ und auf der Videoleinwand sind Gewalt und Szenen aus der US-amerikanischen Geschichte zu sehen. DJ Volkan T. Türeli als feiger Sheriff Kane macht ansonsten einen gut abgemischten Gitarrensound, zu dem auch mal ausgelassen getanzt wird. Zunächst kein besonders standhaftes Bild der vierten Gewalt zeigt auch Tim Porath als schön versoffener Journalist Henry Locke, der sich dann aber am Ende zum charismatischen Wahlkampfredner aufschwingt. Hier schwenkt die Inszenierung mit farbigen Luftballons ins US-Wahlkampfgeschehen von heute. Lea Draeger zeigt sich als Melanie-Trump-Verschnitt und spricht davon, Amerika wieder größer machen zu wollen.

Die Drehbühne zeigt immer mal wieder die kahle Sperrholzrückseite, die wie die Story selbst den Fake verdeutlicht. Hier bildet das Theater leider selbst nur eine ziemlich platte Reproduktion der bereits bekannten postfaktischen Realität, die im Wahljahr 2017 auch Deutschland längst erreicht hat. Der sich zur Wahl stellende Foster erscheint am Ende im Leuchtanzug des Elektrischen Reiters aus dem gleichnamigen Post-Western von Sydney Pollack mit Robert Redford als uramerikanischem Helden und Einzelkämpfer für die Rechte des kleinen Mannes gegen den übermächtigen Staat.

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Der Mann, der Liberty Valance erschoss (MGT, 14.01.2017)
Nach der gleichnamigen Erzählung von Dorothy M. Johnson
Bühnenfassung und Regie: Hakan Savas Mican
Bühne: Sylvia Rieger
Kostüme: Sophie Du Vinage
Musik: Jörg Gollasch
Video: Hannes Hesse, Sebastian Pirchner
Live-Kamera: Sebastian Pircher
Dramaturgie: Ludwig Hauck
Mit: Mehmet Ateşçi, Taner Şahintürk, Lea Draeger, Yousef Sweid, Tim Porath, Volkan Türeli
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere am Maxim Gorki Theater war am 14.01.2017
Termine: 28.01. / 12.02.2017

Infos: http://gorki.de/de/der-mann-der-liberty-valance-erschoss

Zuerst erschienen am 16.01.2017 auf Kultura-Extra.

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Im Studio Я zeigt Nora Abdel-Maksoud mit The Making-Of eine herrliche Satire über Geschlechterrollen im Filmbusiness

The Making-Of im Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste heißt ein deutscher Independentfilm von Regisseurin Isabell Šuba, der das vergebliche Pitching eines von der Regisseurin geplanten Filmprojekts und den Chauvinismus der Filmbranche auf dem Internationalen Filmfestival in Cannes zeigt. Wohlgemerkt inkognito gedreht. Ein erfolgreiches Making-Of sieht da anders aus. Ganz großes Kino will auch die eher kammerspielartig angelegte Satire The Making-Of sein, für die die Autorin Nora Abdel-Maksoud auch gleich noch die Regie im Studio Я übernahm. In ihrem Stück will die Regisseurin eines Fledermausmann-Remakes für die Promotion ihres Films ein perfektes Making-Of drehen. Heraus kommt eine deftige Satire auf Filmbusiness und Geschlechterrollen im Mainstreamkino.

„Tittchen“ sind auch im Film der Regisseurin Gordon (Stella Hilb) von nicht unerheblicher Wichtigkeit, und so hat sie die weibliche Hauptrolle in ihrem „Jahrhundertprojekt“ mit der blonden Genderperformerin Gloria (Mareike Beykirch) besetzt, die für das entsprechende Honorar auch noch ein bisschen mehr zeigt. „Macht ist eine männliche Ressource. Geld auch. Warum in Gottes Namen sollte ich sie nicht nutzen.“ Und so ist auch der Produzent des Films ein Mann und zwar der schwedische Actionstar Dolph Lundgren, der gleich noch seinen deutschen Sohn Mads als Hauptdarsteller durchgesetzt hat. Eine Paraderolle für Eva Bay, die auch schon in Isabell Šubas Film glänzte. Und auch die damalige Hauptdarstellerin Anne Haug ist im künstlerischen Team der Gorki-Produktion.

Ohne seine Voice-Maschine besitzt der an einigen Vaterkomplexen leidende Mads allerdings eine Kastratenstimme mit schwäbischem Akzent. Geradezu zum Brüller wird der immer wieder geprobte Showdown mit dem Satz: „Was es auch ischt, es ischt nuklear.“ Sein Antagonist und Bösewicht des Fledermausstreifens ist ein Schakal (Till Wonka). Eine zunächst noch schweigsame Rolle, die Wonka allerdings nicht lange durchhält und dem schwächelnden Mads die Hauptrolle streitig zu machen beginnt. Zwecks Authentizität wird „Schackie“ aber bald wieder auf seine Naturinstinkte zurückgestutzt, schon wegen der großen Leckszene mit der immer mehr den Cocktails verfallenden Gloria.

Nora Abdel-Maksoud bürstet ihre freche Branchen-Satire ordentlich gegen den Genderstrich und spart auch nicht mit inkorrektem, kabarettistischem Wortwitz á la „Blasenentzündungen sind die ungeweinten Tränen einer Frau.“ Das chaotische Making-Of in der von Katharina Faltner entworfenen schwarzen Guckkastenbühne gerät immer mehr zum Desaster und herrlich schrägem Reflexionsrahmen für die Eitelkeiten und Wehwehchen von Möchtegernstars am Filmset und macht sich lustig über Körperkult, Filmfinanzierung, ungerechte Gagen, Penis oder Emotionen und Feminismus als Kassengift.

Als Gordon sich auch noch als desillusionierte Theaterregisseurin, die neben der künstlerischen Anerkennung endlich auch mal finanziellen Erfolg haben möchte, entpuppt, ist das Bedauern der Filmcrew groß und der Bogen zur Bühne geschlagen. Und natürlich bekommen Film-und Theaterstars wie Nina Hoss, der deutsche Nazifilme und mit einem selbstironischen Blick auch der Authentizitätswahn der Performanceszene ihr Fett weg. Als Mekka der feministischen Filmförderung wird schließlich dank Bechdaltest für die gendergerechte Einordnung von Kinoproduktionen Schweden entdeckt und zum Welthit Downtown von Petula Clark vom großartig aufspielenden Ensemble ironisch besungen. Herzzerreißend komisch das.

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THE MAKING-OF (Studio Я, 24.01.2017)
von Nora Abdel-Maksoud
Regie: Nora Abdel-Maksoud
Bühne/Kostüme: Katharina Faltner
Musik: Enik
Dramaturgie: Tobias Herzberg
Künstlerische Mitarbeit: Aram Tafreshian, Till Wonka, Mareike Beykirch, Eva Bay, Stella Hilb und Anne Haug
Mit: Eva Bay, Mareike Beykirch, Stella Hilb und Till Wonka
Uraufführung am Maxim Gorki Theater war am 13.01.2017
Weitere Termine: 19. und 22.02.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

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Falk Richter und Sascha Marianna Salzmann erzählen im Maxim Groki Theater von queerer Identität

Samstag, Juni 25th, 2016

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Città del Vaticano – Der neue Theaterabend von Falk Richter und Nir de Volff als Gastspiel der Wiener Festwochen

Vor dem Maxim Gorki Theater hat das Zentrum für politische Schönheit einen großen Tigerkäfig aufgebaut. Mit ihrer Aktion Flüchtlinge fressen – Not und Spiele protestiert die Künstlergruppe um Philipp Ruch gegen den Paragrafen 63, Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Nach fruchtlosem Ablauf eines Ultimatums an das Auswertige Amt sollen aus Syrien nach Deutschland eingeflogene Flüchtlinge drei lybischen Tigern aus dem Zirkus zum Fraß vorgeworfen werden. Man kann für ihren Flug spenden und sie in den Käfig rein wählen. Eine zynische Abwandlung antiker römischer Volksbelustigung sowie die Umkehrung einer ehemaligen Aktion von Christoph Schlingensief, der im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen Asylbewerber aus einem Container neben der Wiener Staatoper zur Abschiebung rauswählen ließ.

 

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

Während draußen also drei eingesperrte, müde Tiger gähnen und auf Futter warten, gastiert im Saal der Dramatiker und Regisseur Falk Richter mit seiner neuen Text- und Tanz-Performance Città del Vaticano, die der Autor gemeinsam mit dem Choreografen Nir de Volff sowie bei der Biennale in Venedig gecasteten Performern und dem Ensemble des Schauspielhauses Wien entwickelt hat. Es ist ein Gastspiel der Wiener Festwochen 2016, und so schließt sich ein historischer Kreis. Schlingensiefs Aktion entstand nach der Bildung eines Regierungsbündnisses der ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ. Richters Premiere in Wien fand einen Abend vor dem denkwürdigen zweiten Wahlgang der durch die Flüchtlingskrise angeheizten österreichischen Präsidentschaftswahlen statt. Der ehemalige Grünenvorsitzende Alexander Van der Bellen konnte sich knapp gegen den FPÖ-Mann Norbert Hofer durchsetzen. Ein Sieg in letzter Minute für die Vertreter einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Genau wie bei Schlingensief wird die Flüchtlings-Aktion des Zentrums für politische Schönheit von Gesprächen mit Künstlern und Politikern flankiert. An diesem Abend ist die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt, ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu Gast. Sie ist wie Falk Richter selbst schon zur Zielscheibe rechtpopulistischer und unverholen faschistischer Anfeindungen geworden. „Linksgrün-versifft“ ist eines der Lieblingsattribute in den einschlägigen Hasskommentaren. Und wie schon in seinem Pegida-Abend Fear an der Berliner Schaubühne bedient sich Richter auch in Città del Vaticano wieder reichlich aus dem Vokabular der Rechten.

 

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del Vaticano – Foto © Matthias Heschl

 

Zunächst aber bekommt der im Stück-Titel erwähnte katholische Kirchenstaat sein Fett weg. Das Zentrum der christlichen Werte ist ein durch Finanzkrisen der Vatikanbank, Korruption und Kindesmissbrauch geschütteltes „Bad Empire“. Hier regieren alte Männer mit Vorliebe für Schmuck und Frauenkleider, wurde nie ein Kind geboren, und die Vatikan-Wächter der Schweizer Garde werden ironisch mit Toy Boys verglichen. Das Abkanzeln der christlichen Moralapostel erfolgt bei einem Frontalmeeting, bei der die sieben Performer auf Stühlen an der Rampe, munter zwischen Deutsch und Englisch wechselnd, ihre Ansichten zum Vatikan-Staat vortragen. Das sitzt zunächst, gibt aber nicht die weitere Richtung des Abends vor. Es geht mehr um den Einfluss und die Gültigkeit der moralischen Werte, die durch den Papst und die katholische Kirche vorgegeben werden. „Who cares?“ Die Ansichten des Vatikans haben nichts mit unserem Leben zu tun, ist die überwiegende Meinung der fünf offen schwulen Performer und beiden jungen Frauen im Team.

Damit könnte der Abend auch schon zu Ende sein. Falk Richter legt seinen Performern aber nicht nur seinen Text in den Mund, es sind auch die persönlichen Erfahrungen jedes Einzelnen, die in diesem als „Work in Progress“ bezeichneten Projekt zum Ausdruck kommen. Hier überzeugen vor allem die Schilderungen des Wiener Schauspielers Steffen Link, der von seiner Kindheit in einer freikirchlichen Gemeinschaft erzählt. Ein Anhalten zu einem ewigen Arbeiten an sich selbst, das durch Schuldgefühle, verklemmte Sexualität und Scham vor dem eigenen Körper geprägt war. Man wird das nicht los, gesteht Link. Dazu flimmern passende Videobilder von Predigten vor Kindern über die Rückwand der sonst bis auf die Stühle leergeräumten Bühne. Ein Videobild ist aber besonders eindrücklich. Francis Bacons Studie nach Velázquez‘ Portrait Papst Innozenz` X. Der Mund des Papstes ist zum stummen Schrei geöffnet. Ein Symbol für das lange Schweigen der Kirche.

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del VaticanoFoto © Matthias Heschl

 

Es geht aber auch weg vom Katholizismus-Bashing hin zu einer gesamteuropäischen Bestandsaufnahme. Wieder auf Stühlen werden Bekenntnisse eines allegorischen Europas aufgesagt, das von linker Utopie, Krieg, Auschwitz, Eroberungen und Kolonisation bis zur Hochkultur des Theaters alles in sich birgt. Vassilissa Reznikoff steigert sich in die Verzweiflung eines europäischen Bürgers, der die Unübersichtlichkeit der globalen Welt nicht mehr versteht und über den Kontrollverlust über das eigene Leben klagt. „Ich will mich nur noch mit Dingen beschäftigen, die ich wirklich verstehe. Und ich will keine Verantwortung übernehmen müssen für Dinge, die ich nicht verstehe.“ Eine klare Absage an die Verantwortung Europas für das Leid der anderen, was nicht zuletzt auch das „Zentrum für politische Schönheit“ in seinen Aktionen anprangert.

Neben den Hieben auf dumpf-dumme Pegida-Anhänger, die hier bevorzugt wieder im ländlichen Osten verortet werden, die „Karrierefrauen“ der AfD und das rechtskonservative Bündnis „Demo für Alle“ wird natürlich auch noch ein wenig getanzt, was sich in schön umschlungen Gruppen- und Einzelszenen zeigt. Eine eindrucksvolle Bewegungsperformance zum Thema Sexualität und Entdeckung des eigenen Körpers. Dazu werden von Tatjana Pessoa immer wieder passende Fragen an alle zu Liebe, Partnerschaft, oder Familie gestellt. Höhepunkt ist sicher der Traum von einer Boy-Group, die für den Vatikan den Eurovision Songcontest gewinnt, was auch göttlich performt wird.

Ein Abend für frei gewählte und gelebte Sexualität, die das internationale und durchweg großartig agierende Ensemble nicht nur zu Lebensbeichten, sondern auch zu einigen glühenden Bekenntnissen treibt, unter anderem zu einer Botschaft an ein ungeborenes Kind, das sich Gabriel da Costa zusammen mit seiner ehemaligen Partnerin und seinem jetzigen Partner wünscht. Ein Wunsch auch nach einem selbstbestimmten Leben in einem Europa ohne Grenzen. Das lässt den doch etwas plakativ einfachen Erzählabend, der sich aber gut in die offene Ästhetik der letzten Arbeiten von Falk Richter oder Yael Ronen am Gorki Theaters einfügt, ganz versöhnlich ausklingen.

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Città del Vaticano (Maxim Gorki Theater, 17.06.2016)
von Falk Richter und Nir de Volff
Regie: Falk Richter
Choreografie: Nir de Volff
Ausstattung: Falk Richter, Nir de Volff
Dramaturgie: Tobias Schuster
Mit: Telmo Branco, Gabriel da Costa, Johannes Frick, Steffen Link, Tatjana Pessoa, Vassilissa Reznikoff, Christian Wagner
Uraufführung bei den Wiener Festwochen im Schauspielhaus Wien am 20.05.2016
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.schauspielhaus.at/
http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 19.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Queere Berliner auf Identitätssuche – METEORITEN von Marianna Salzmann, inszeniert von Hakan Savaş Mican

Meteroiten am MGT_Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Kompliziert hatte es Marianna Salzmann schon in ihrem letzten Stück Wir Zöpfe schwierige Identitätsprobleme in einer russisch-jüdischen Familie in Berlin, die sich an Weihnachten noch weiter internationalisierten. Ganz ähnlich geht es in ihrem neuen Stück Meteoriten, das diesmal im Berliner Sommer angesiedelt ist, was die Story nicht unbedingt entspannt. Wir treffen zunächst auf zwei Paare: Udi (Thomas Wodianka) aus Israel, der den Syrer Roy (Mehmet Ateşçi) liebt, der wiederum betont nicht wegen des Krieges, sondern wegen der Liebe in Berlin zu sein. Sie sind befreundet mit der schwarzen Türkin Üzüm (Thelma Buabeng), die eine lesbische Beziehung zur transsexuellen Cato (Mareike Beykirch) hat. Das ist für eine deutsche Otto-Normal-Hete für den Anfang schon recht viel.

Marianna Salzmann, die sich als Ausdruck ihrer männlichen Seite den Vornamen ihres Großvaters Sasha dazugewählt hat, schickt vier queere Berliner mit verschiedensten Migrationshintergründen los, als Pioniere die Welt zu retten, indem sie beschließen als zukünftige Großfamilie Kinder in selbige zu setzen. Soweit der Plan und die Abmachung. Vor der schon nicht ganz einfachen Weltenrettung setzt aber nun die Autorin zwecks Drama erst noch eine viel kompliziertere Ich-Werdung, die sich bei den einzelnen Figuren ganz unterschiedlich vollzieht. Titelgebende Meteoriten sind sie alle irgendwie, und sei es nur als schöner, verglühender Stern kurz vor dem Aufschlag in der Realität. Einige katastrophale Verheerungen in der Gefühlswelt der anderen richtet zumindest der Einschlag von Serösha (Dimitrij Schaad) in die Phalanx der zwei scheinbar glücklichen Paare an.

Zumindest möchte Serösha so cool sein wie jemand, der beim Einschlag des Meteors von Tscheljabinsk nur kurz die Scheibenwischer anstellt und weiterfährt. Wegen des Wehrdienstes aus Russland nach Berlin geflohen, hat er Angst zur Beerdigung seines Vaters, eines hohen russischen Militärs, zu fahren und bittet Cato ihn zu begleiten, allerdings nicht als Freund, sondern als seine Frau, so wie Serösha Cato auch gerne sähe. Das stürzt den gerade voll mit seiner „Transition“ Beschäftigten in eine zusätzliche Identitätskrise. Und auch Serösha hat arge Probleme. Er kann sich nämlich seine latente Homosexualität nicht eingestehen, was sich ziemlich aggressiv auch in Schüben von Homophobie äußert. In eine Schwulenbar läuft er Roy und Udi über den Weg, die sich ihren Traum vom eigenen Heim mit dem Abziehen von Touristen erfüllen wollen. In einer schönen Schattenchoreografie zu Musik und Videoeinspielung wird Serösha von beiden im Darkroom verführt.

Wenn es verworren und kompliziert sein soll, hat es sich in letzter Zeit als sehr effizient gezeigt, ein vertikales Schachtelbühnenbild zu bauen. Im Gorki Theater schraubt Magda Willi ein Gerüst aus Metallleitern mit betonfarbenen Ebenen zwischen zwei Wände, auf dem es sich herrlich herumklettern lässt. Das Ensemble ist hier die ganze Zeit auf der Bühne, macht live Musik und filmt sich beim Spielen. Auf die Rückwände der Wohnzellen projiziert Videofilmer Guillaume Cailleau zusätzlich die reale Welt mit Syrien-Krieg, Maidan und Krim-Annexion, die die Fünf gerne ausblenden, aber immer wieder von ihr eingeholt werden. Als aktueller deutscher Hintergrund dient die Fußballweltmeisterschaft 2014. Was zumindest für Üzüm von Bedeutung ist, die sich voll integriert mit Deutschland-Makeup von ihrer kriselnden Beziehung zu Cato ablenken will.

Die anderen stoßen die nationalen Gesänge eher ab, oder sie klopfen wie Roy und Udi ironische Sprüche zum Holocaust-Denkmal und ihrer für deutsche Verhältnisse unklaren Identität. Roy macht Dienst beim schwulen Überfalltelefon und berichtet von homophober Gewalt, vor deren Auswüchsen in Russland auch Serösha Angst hat. Viel mehr Politisches ist nicht im Stück, es dreht sich mehr oder weniger um die Beziehungsprobleme der Figuren, die sich immer mehr auseinanderleben, je mehr Autonomie sie vom anderen für sich einfordern. Das betrifft vor allem Roy, dem seine Freiheit lieber ist als der Plan vom Eigenheim mit Kind und Udi. Was den armen Kerl in eine herrlich schräge Liebeskummerszene stürzt. Während er sich anhänglich bei Serösha ausheult, liefern sich Üzüm und Cato ein paar Eifersuchtsszenen. Man wirft sich gegenseitig den Verrat an der gemeinsamen Idee vor.

Als zusätzliche gedankliche Metaebene zu den Geschlechter-Irrungen und Beziehungs-Wirrungen zieht Sasha Marianna Salzmann monologisch vorgetragene Episoden ein, die von den Metamorphosen des Ovid angeregt sind. Das geht von der entführten, nun rachsüchtigen Europa über den Seher Teiresias, der in beiden Geschlechtern lebte, bis zur Vereinigung der Nymphe Salmakis mit dem Hermaphroditos, von der am Ende Cato berichtet. Da ist er/sie wahrscheinlich schon tot, durch einen homophoben Übergriff ums Leben gekommen, und beschwört noch einmal die Vollkommenheit und die Liebe als schmerzhafte Suche nach dem einst verlorenen zweiten Geschlecht.

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert das mit gewohnt leichter Hand. Man schaut den SchauspielerInnen gerne zu, auch wenn mit der Zeit der allgemein boulevardeske Stil am Gorki fast jedes Stück irgendwie gleich aussehen lässt. Man läuft hier Gefahr das bereits als Gorki-Boulevard Betitelte zur neuen Norm zu erklären. Berühren tut das hier schon, auch wenn nicht jeder Charakter gleichermaßen überzeugt. Man möchte den manchmal verbissen mit sich ringenden ProtagonistInnen gerne zurufen: Seid doch einfach alle, wie ihr seid – ganz normal!

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METEORITEN (Maxim Gorki Theater, 15.04.2016)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Michelle Gurevich
Video: Guillaume Cailleau
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Jens Hillje
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Thelma Buabeng, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 15. April 2016

Weitere Termine: 24.06. / 20.09. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 17.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Wir schaffen das – Hakan Savaş Mican adaptiert den Erfolgsroman „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada für das Maxim Gorki Theater Berlin

Freitag, Januar 22nd, 2016

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Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

„Wir schaffen das.“ – Mit dieser gut gemeinten Angela-Merkel-Floskel könnte die äußerst gut gemeinte und über weite Strecken auch sehr gut gemachte Bühnenadaption des 1932 erschienen Erfolgsromans Kleiner Mann – was nun? von Hans Fallada, die Regisseur Hakan Savaş Mican am Maxim Gorki Theater inszeniert hat, die titelgebende Frage glatt beantworten. Aber was hat die Kleine-Leute-Geschichte aus einem in den Nachwehen der Weltwirtschaftskrise liegenden Berlin am Vorabend des aufkommenden Nationalsozialismus mit unseren aktuellen Problemen und erst recht mit der Aufnahme von über einer Million Kriegsflüchtlinge zu? Nun, sie hat es indirekt über eine häufig in Falladas Roman eingeforderte ethische Haltung zu einer breiten Solidarität, an deren Fehlen auch heute wieder die Gesellschaft krankt. Die deutsche, wie auch die gesamte Bevölkerung Europas, zieht sich zunehmend lieber ins eigene Private zurück und beharrt, wo sie dem Druck zur neoliberalen Selbstoptimierung (im doppelten Wortsinn) unterlegen ist, auf weitgehend egoistischen bis hin zu rein nationalistischen Positionen einer Das-Boot-ist-voll-Mentalität.

Unsere angebliche Solidargemeinschaft hat sich über der Frage zur Aufnahme von Flüchtlingen in einem Maße zerstritten, was den Zuständen der Streitkultur auf den Straßen vor dem Ende der Weimarer Republik immer ähnlicher werden. Zumindest hat man diesen Eindruck, wenn man die Kommentarspalten der Internetmedien und sozialen Netzwerke liest. Es wird lieber lauthals Bedenken geäußert anstatt an die Möglichkeit einer positiven Veränderung der Zustände geglaubt. All das zeugt nicht gerade von einem hohen Grad an politischem Bewusstsein. Wohlgemerkt, nicht alle sind so. Und auch Fallada hat wie in den meisten seiner sehr realistischen Romane das Bild einer recht breit gefächerten Gesellschaft gezeichnet. Es braucht also kaum der zwanghaften Aktualisierung auf der Bühne. Womit wir wieder beim eigentlichen Thema – der Inszenierung im Maxim Gorki Theater – sind, die dann auch ganz im Gewand der 1930er Jahre daherkommt.

Das stellt sich hier zunächst als recht unterhaltsames Revuetheater mit passender Live-Musik-Begleitung und komödiantischem Typenkabarett dar. Wobei sich besonders Tim Porath als kauziger Kartoffelhändler Kleinholz, norddeutscher Proletarier-Vater Mörschel und fast schon UfA-reifer Kleinganove Jachmann hervortut. Lustig anzusehen ist sicher auch Tamer Arslan als Schupo und Nazi Lauterbach mit Blondperücke. Sie teilen sich in schnellen Wechseln mit Mehmet Ateşçi als Schulze, Jänicke und Spannfuß, Çiğdem Teke u.a. als mondäne Mutter Mia Pinneberg und Mehmet Yılmaz als solidarischem Kollegen Heilbutt die Rollen der Romanvorlage. Das hat schon Luc Perceval in seiner 2010 zum Theatertreffen eingeladenen Münchner Fallada-Adaption so gemacht. Die Sympathien lagen damals genau wie heute beim jungen Ehepaar, das inmitten einer klar in Oben und Unten geteilten, durchkapitalisierten Welt verzweifelt um sein kleines Glück kämpft.

In historischen Kostümen swingt, singt, springt und rennt man auf einem schrägen Steg aus Brettern, die hier die kleine Welt des kleinen Mannes Johannes Pinneberg (Dimitri Schad) und seiner großen Liebe Emma Mörschel (Anastasia Gubareva) bedeuten. Sie nennt ihn stoisch-optimistisch „Junge“, er sie liebevoll „Lämmchen“. Mican lässt seinen herausragenden Hauptdarsteller Schad zu Beginn schwärmerisch von den ersten zarten Berührungen beim Kennlernen im Provinznest an der Ostsee erzählen. Da ist die Liebe noch ganz romantisch. Die Alltagssorgen stellen sich dann aber relativ schnell mit der Verkündigung des „Murkel“ ein. Chorisch tritt hier das Ensemble als Arzt auf. Das von den jungen Eheleuten sparsam zurückgelegte Wirtschaftsgeld im Blecheimer wird immer weniger, und Schad singt jammervoll vom Glück der kostenlosen Freuden.

 

Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Das Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

An der Rampe springt Pinneberg auf den auskragenden Brettern wie auf einem Sprungbrett, allein der Absprung zum Aufstieg will nicht glücken. Immer wieder ist er angewiesen auf die Hilfe von Heilbutt, dem Mehmet Yılmaz im Gegensatz zum unterwürfigen Pinneberg eine straffe Würde verleiht. Aber nicht etwa nur der progressiv denkende Anhänger der Freikörperkultur ist der „Turm“, sondern vor allem Lämmchen ist sein heimlicher Fels in der Brandung. An der einfachen Tochter aus dem Arbeitermilieu kann sich der wankelmütige Kleinbürger Pinneberg anlehnen und wird von ihr mit einem bodenständigen „Junge lass, es wird schon gehen“ mehr als einmal wieder aufgerichtet.

Den harten Konkurrenzkampf der Angestellten untereinander verdeutlicht der Regisseur in einem ständigen Auf- und Abrennen der Schauspieler beim „Sacken“ im Laden des antreibenden Kleinholz‘ und dann wieder in der Herrenkonfektion des Kaufhauses Mandel. Überall, wohin Pinneberg kommt, beginnt von neuem der Kampf dagegen, abgebaut zu werden. Und wenn auch beim Umzug nach Berlin die vom Schürboden hängende Schirmlampe gegen einen Kronleuchter wechselt, ist das Glück doch trügerisch. Der Abstieg erfolgt über einen Lagerraum mit „Kino beim Kacken“ bis in eine alte Laube außerhalb Berlins mit blanker Glühbirne. Symbolisch eingeschnürt in mehrere Jacketts schwitzt Pinneberg unter der Angst seinen Verkaufs-Soll nicht zu erfüllen. Am Ende steht er ohne Hemd da.

Als Pinneberg zuvor einmal die im Kleinen Tiergarten sitzenden Arbeitslosen beobachtet, zählt er sich als einer von Millionen gedanklich schon zu ihnen. Aus ihrer Mitte tritt Mehmet Ateşçi als Gast aus der Zukunft und gibt auf Pinnebergs Frage, ob es einmal leichter wird, einen Ausblick auf die deutsche Geschichte vom Krieg, über den Mauerbau, der Ankunft erster Gastarbeiter bis zum heutigen Stress mit den Vielen, die da noch kommen werden. Da spannt Hakan Savaş Mican den anfangs schon erwähnten Bogen in die Gegenwart, auch wenn er sich dann nur noch in der Figur des Verkaufsoptimierers Spannfuß, der hier wie ein moderner Motivationstrainer auftritt und von Work-Life-Balance faselt, eine weitere sinnfällige Aktualisierung erlaubt.

Dass der kleine Angestellte Pinneberg sehr wohl auch zum kleinen Wutbürger neigt, zeigen seine kurzen Ausbrüche mit einem fast schon prophetischen Hinweis auf einen, der da mal kommen wird, um sich für die kleinen Leute einzusetzen. Falladas unpolitisch erscheinendes Pärchen als Gegenentwurf zur Radikalisierung auf der Straße zu sehen, die hier wie im Roman als Kampf Nazis gegen Sozis gegen Kommunisten hin und wieder aufflackert, greift da wohl etwas zu kurz. Der Abend verliebt sich manchmal zu sehr in seine rechtschaffende Nettigkeit. Sympathieträger sind die wunderbar spielenden Anastasia Gubareva und Dimitrij Schad allemal. Sie halten sich auch bei Micas noch im allergrößten Elend und der schlimmsten Demütigung aneinander fest. Ein starkes Bild, aber insgesamt auch eher schwacher Trost, der zumindest als Fünkchen Hoffnung und Anreiz, dass es zu schaffen wäre, weiterglimmt.

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KLEINER MANN – WAS NUN? (Maxim Gorki Theater, 15.01.2016)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Sylvia Rieger
Kostüme: Sophie Du Vinage
Musikalische Leitung und Komposition: Jörg Gollasch
Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit: Tamer Arslan, Mehmet Ateşçi, Anastasia Gubareva, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Çiğdem Teke und Mehmet Yılmaz
Live-Musiker: Valentin Butt, Lukas Fröhlich und Matthias Trippner
Premiere war am 15. Januar 2016
Weitere Termine: 27. 1. / 6., 25. 2. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 17.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Die Ungehaltenen – Hakan Savaş Mican inszeniert seine Bühnenfassung des Berlin-Türkei-Romans von Deniz Utlu am Studio Я

Mittwoch, Juni 17th, 2015

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Gerade noch als junger, politisch interessierter Berliner Deutsch-Türke Cem im Film Nachspielzeit von Andreas Pieper auf dem Achtung Berlin Filmfestival – nun ist Mehmet Atesci am Maxim Gorki Theater in einer ganz ähnlich gelagerten Rolle zu sehen. Er spielt den wütenden, mit sich und der Welt hadernden Elyas aus Kreuzberg, die Hauptperson aus dem Roman Die Ungehaltenen. Die gleichnamige Bühnenfassung des Debuts von Autor und Freitext-Herausgeber Deniz Utlu hat Regisseur Hakan Savaş Mican gemeinsam mit Necati Öziri für seine neue Inszenierung im Studio Я erarbeitet.

Foto (c) Esra Rotthoff

Mit Mehmet Atesci als Elyas
Foto (c) Esra Rotthoff

Ungehalten ist Elyas aus mehreren Gründen. Schon zu Beginn schwitzt sich Mehmet Atesci dessen Wutmonolog auf Touristen, Zugezogene und die ganze Pseudoszene der Partystadt Berlin förmlich aus dem Bauch heraus. Den Live-Soundtrack dazu spielen auf Geige, Oud, Gitarre und Schlagzeug Elmira Bahrami, Volkan T. und Mehmet Yilmaz, die auch als ständige Sidekicks und Nebendarsteller zur Verfügung stehen. Elyas treibt selbst aber auch haltlos zwischen ungeliebtem Jurastudium, Bars und Clubs, schmeißt schließlich die Uni und kapselt sich von Freunden und den Eltern ab, deren Erwartungen er nicht erfüllen kann und will. Wie der Cem aus Nachspielzeit kämpft hier ein junger, in Deutschland geborener Türke gegen seine unbestimmte Herkunft an und die Werte der Elterngeneration, die sich noch nach Jahren im Ausland über die alte Heimat definiert. Als Sinnbild dessen erzählt Elyas vom großen Kleiderschrank des Vaters mit den stets gebügelten Sachen und einem Handbuch für Türken im Ausland.

Kontakt pflegt Elyas nur noch sporadisch zu einem alten Freund (Mehmet Yılmaz) des Vaters, der sich in seiner Hausgemeinschaft politisch betätigt und dessen Berufung gegen eine Räumungsklage gerade abgewiesen wurde oder einem skurrilen Rapper und Taubenzüchter (Volkan Türeli), der trotz Rückschlägen beharrlich weiter an seinen Musiker-Karriere arbeitet. Was Elyas im Gegensatz zu den Beiden und auch zu Cem fehlt, ist ein Lebenssinn, ein Ziel, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Das scheint sich erst zu ändern, als Elyas auf der Jubiläumsfeier zum 50. Jahrestag des Deutsch-Türkischen Anwerbeabkommens die junge Ärztin Aylin (Elmira Bahrami) kennenlernt, die ihn mit ihrer direkten unangepassten Art fasziniert. Nur verliert er sie schnell wieder aus den Augen, da Aylin für unbestimmte Zeit in die Türkei fährt. Nach dem Tod seines Vaters beschließt Elyas schließlich alle Brücken in Berlin abzubrechen und selbst nach Istanbul zu reisen, um Aylin zu suchen.

Angekommen in diesem Land, das er nur aus Geschichten kennt, fallen Zorn, Selbstmitleid und Berlin („Die Stadt klebt an uns wie Hundescheiße“) nach und nach von ihm ab. Elyas beginnt über seine Jugend und das problematisches Verhältnis zum Vater zu reflektieren. Erste Heimatgefühle entwickelt der junge Mann beim Erinnern an bestimmte Gerüche aus der Kindheit. Leider tritt auf der Reise mit Aylin ans Schwarze Meer die eigentliche Liebesgeschichte etwas in den Hintergrund. Auch politische Themen wie Wende, Alltagsrassismus oder der NSU-Skandal werden nur am Rande gestreift, wenn Mehmet Atesci kurz zur Empörung aufruft. An der Rückwand flimmern dafür schöne Bilder von Stadt-Silhouetten Berlins und Istanbuls, alte Fotos und eine lange bewegte Road im Movie.

Die Inszenierung bleibt fast ausschließlich auf die Entwicklung Elyas konzentriert, der schließlich vor dem Grab des Vaters angekommen, ein letztes Zwiegespräch über Würmer und Gedanken mit dem Toten hält. Hier kommt auch endlich mal die Bühneninstallation von Sylvia Rieger mit den lang an der Wand aufgereihten Sesseln richtig zur Geltung, deren Polsterkissen Mehmet Atesci zu einem großen Steingrab aufhäuft. Wie bereits in Schwimmen lernen, seiner Auftaktinszenierung im Studio Я vor zwei Jahren, gelingt es Hakan Savaş Mican, selbst Experte für Geschichten mit Migrationshintergrund (On My Way Home), die Zerrissenheit junger Menschen zwischen zwei Kulturen und Heimatländern mit von den Darstellern eingespielter Livemusik und berührendem Gesang mitreißend in Szene zu setzen. Als Gefühlsverstärker wirkt das wunderbar, und der überragende Mehmet Atesci trägt dazu das Spiel und den starken Text von Deniz Utlu fast im Alleingang. Ein gutes, sehenswertes Stück Bühnenarbeit, das den rauen, poetischen Sound der Vorlage in 80 kurzweiligen Minuten einzufangen versucht.

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Die Ungehaltenen (14.06.2015)
nach dem Roman von Deniz Utlu
in einer Bühnenfassung von Hakan Savaş Mican und Necati Öziri
Premiere am Studio Я im Maxim Gorki Theater war am 30.05.2015
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger
Musik: Volkan T.
Video: Benjamin Krieg
Dramaturgie: Necati Öziri
Mit: Mehmet Ateşçi, Elmira Bahrami, Volkan Türeli, Mehmet Yılmaz

Dauer: ca. 80 Minuten, keine Pause

Termine: 29. und 30.06.2015

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/die-ungehaltenen/

Zuerst erschienen am 16.06.2015 auf Kultura-Extra.

Die Ungehaltenen_Buchcover

Literatur:
Die Ungehaltenen
von Deniz Utlu
Graf Verlag (2014)
gebunden
240 Seiten
18,00 €

 

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FASSBINDER-FOCUS der Berliner Festspiele 2015 (Teil 2): Drei Inszenierungen im Rahmen des 52. THEATERTREFFENs

Montag, Mai 18th, 2015

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Die TT-Trophäe gestaltet vom Künstler  Olaf Metzel - Foto: St. B.

Die TT-Trophäe gestaltet vom Künstler Olaf Metzel
Foto: St. B.

Mehr als 40 Filme hat Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) in seiner zwölfjährigen aktiven Schaffenszeit gedreht. Zum 70. Geburtstag in diesem Jahr widmet ihm die Berliner Festspiele sogar eine kleine Ausstellung im Martin Gropius Bau, in der Fassbinders heutige Wirkung z.B. auf die Moderne Videokunst untersucht wird. Aber auch die Theaterschaffenden setzen sich immer wieder inhaltlich mit dem streitbaren Regisseur auseinander. Wie, das war bei einigen Inszenierungen im Rahmen des 52. THEATERTREFFENs zu entdecken.

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Die Ehe der Maria Braun an der Schaubühne am Lehniner Platz

Wie sich die in der aktuellen Fassbinder-JETZT-Werkschau ausgestellten mondänen Roben auf der Theaterbühne machen, kann man seit einiger Zeit an der Berliner Schaubühne in Thomas Ostermeiers Inszenierung von Fassbinders Film Die Ehe der Maria Braun, seinem großen bundesrepublikanischem Sittengemälde der 1950er Jahre, bewundern. Ostermeier hat seine Inszenierung an den Münchner Kammerspielen aus dem Jahr 2007 an der Schaubühne mit neuer Besetzung wiederaufgenommen. Fassbinder begann mit seinem 38. Film 1979 eine sogenannte BRD-Trilogie, die er mit Lola und Die Sehnsucht der Veronika Voss fortsetzte. Diese Filme sind unwiderruflich verbunden mit den Namen großer Filmschauspielerinnen wie Hanna Schygulla, Barbara Sukowa und Rosel Zech. Im Rahmen des „Focus Fassbinder“ beim 52. Theatertreffen konnte man dieses gute Stück alte Bundesrepublik nun wiederentdecken.

Die Ehe der Maria Braun in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

Die Ehe der Maria Braun in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

In Ostermeiers Bühnenadaption spielte zunächst in München Brigitte Hobmeier die Maria Braun. An der Schaubühne hat nun Ursina Lardi die Hauptrolle übernommen. Und das ist in jedem Fall kein Verlust, sondern eher im Gegenteil eine große Lust ihr über die 105 Minuten Spielzeit zuzusehen, wie sie diesen schwierigen Fassbinder’schen Frauencharakter verkörpert. Nicht einfach nur ein Reenactment der Münchner Erfolgsinszenierung oder des Fassbinderfilms, auch wenn einige Szenen einen tatsächlich stark an das souverän zurückgenommene Spiel von Hanna Schygulla erinnern. Ostermeier hat außer der Maria Braun alle anderen Rollen, auch die der Frauen, mit den Schaubühnendarstellern Thomas Bading, Robert Beyer, Moritz Gottwald und Sebastian Schwarz besetzt. Ein großartiger Einfall, der die vier Akteure ein gewaltiges Theaterfeuer aus Komik, Travestie und schneller Verwandlung um den weiblichen Fixpunkt der Aufführung entfachen lässt.

Die Geschichte des Aufstiegs der Maria Braun, die nach ihrer Hochzeitsnacht ihre große Liebe Herrmann an den Krieg verliert und auch nach dessen Ende weiter unbeirrt auf die Rückkehr ihres Mannes wartet, ist die Biografie einer Frau, die in der Nachkriegszeit ihre Chance sieht und selbstbewusst ergreift. Über die Stationen Schwarzmarkt, Nachtbar für amerikanische GI’s und schließlich als Assistentin und Geliebte des Strumpffabrikanten Oswald macht Maria Braun Karriere, nur um ihrem Mann, der während dessen eine Gefängnisstrafe wegen Todschlags für sie absitzt, das bisher entbehrte Glück und Heim aufzubauen. Die anfängliche Freiheit entpuppt sich letztendlich aber als große Illusion in einer Welt, die sich nach wie vor nur um die der Männer dreht.

Gespielt wird das auf einer Möbellandschaft aus den deutschen Fifties mit Cocktailsesseln und Nierentischen, Fernsehschrankwand und schweren Samtvorhängen. Es erklingt die Swing-Musik der Zeit, es wird getanzt, geraucht und viel Sekt getrunken. Den Mythos der Gründerjahre der BRD lässt Fassbinder am Ende in einem großen Knall zur WM-Reportage Herbert Zimmermanns aus Bern in die Luft fliegen. Auch das übernimmt Ostermeier in seine Inszenierung, genau wie berühmte Adenauerreden und historische Filmdokumente, die über die Rückwand der Bühne oder auf die Körper der Schauspieler projiziert werden. Dem Schaubühnenintendanten ist hier die Übertragung eines großartigen filmischen Zeitdokuments auf die Theaterbühne gelungen, das auch sonst wunderbar an den immer noch das mondäne Flair der Vergangenheit atmenden Berliner Kudamm passt.

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Die Ehe der Maria Braun
Nach einer Vorlage von Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch: Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Nina Wetzel
Kostüme: Ulrike Gutbrod, Nina Wetzel
Video: Sébastien Dupouey
Musik: Nils Ostendorf
Dramaturgie: Julia Lochte, Florian Borchmeyer
Darsteller:
Maria Braun: Ursina Lardi
Hermann Braun, Betti, Amerikanischer Soldat, Journalist, Kellner: Sebastian Schwarz
Standesbeamter, Opa Berger, Bronski, Dolmetscher, Karl Oswald, Notarin: Thomas Bading
Mutter, Arzt, Richter, Senkenberg Wärter, Anwalt, Kellner: Robert Beyer
Rotkreuzschwester, Schwarzmarkthändler Bill, Willi, Schaffner, Amerikanischer Geschäftsmann, Frau Ehmke, Kellner, Wetzel: Moritz Gottwald

Termin beim Theatertreffen: 10.05.2015

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/die-ehe-der-maria-braun.html

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Angst essen Seele auf am Maxim Gorki Theater

Neben der Schaubühne am Lehniner Platz, die bereits längere Zeit mit Fassbinder auftrumpft und mit den Patrick Wengenroth-Inszenierungen Angst essen Deutschland auf oder Die bitteren Tränen der Petra von Kant weitere Beiträge zum „Focus Fassbinder“ beim Theatertreffen liefern konnte, hat auch das Maxim Gorki Theater eine Fassbinder-Inszenierung im Programm. Passend zur postmigrantischen Ausrichtung des Hauses am Festungsgraben in Berlin-Mitte hat sich Regisseur Hakan Savaş Mican den Film Angst essen Seele auf ausgesucht. Ein Stück bundesrepublikanische Geschichte der 1970er Jahre, das auch geprägt wurde durch die vielen Arbeitsmigranten, die durch verschiedene Anwerbeabkommen ab dem Beginn der 1960er Jahre nach Deutschland gekommen sind.

Angst essen Seele auf - Foto © Esra Rotthoff

Angst essen Seele aufFoto © Esra Rotthoff

Fassbinder erzählt in seinem Film eine Geschichte von Sehnsucht nach Liebe, Heimat, Anerkennung und immer noch gültigen Ausgrenzungsmechanismen. Im Mittelpunkt steht die Putzfrau und Witwe Emmi (im Film von Brigitte Mira dargestellt), die sich in den jungen marokkanischen Gastarbeiter Ali (Fassbinderdarsteller El Hedi ben Salem) verliebt und ihn gegen alle Konventionen auch heiratet. Aber beider Liebe scheitert letztendlich an den bekannten Vorurteilen gegenüber Ausländern und dem ganz normalen Alltagsrassismus der Familie, Nachbarn und Kollegen von Emmi, die ihnen ihr Glück nicht gönnen wollen, aber auch am eigenen Unvermögen aufeinander zuzugehen und den anderen so zu akzeptieren wie er ist.

Am Gorki sind Ruth Reinecke und Taner Şahintürk in den Hauptrollen zu sehen. Ein starkes Duo, das sehr glaubwürdig die tragischen Fassbinderfiguren verkörpert. Ansonsten setzt Hakan Savaş Mican in seiner Inszenierung ähnlich wie Ostermeier an der Schaubühne auf ein wandelbares Ensemble, das alle anderen Rollen untereinander aufteilt. Das ist sicher ebenso lustvoll und komödiantisch angelegt. Allerdings geraten die tratschenden, lästernden Putzfrauen, verlebten Kneipenexistenzen sowie spießige Nachbarn und Kinder oftmals zur bloßen Karikatur. Um dem Klischee etwas zu entfliehen, gibt der Regisseur Taner Şahintürk einen Eingangsmonolog, in dem er frei von Akzent die Geschichte der Arbeitsmigranten aus den 1970er Jahren erzählen kann. Auch hier schwelgt man mit Schlaghosen und Songs in den historischen Seventies, und auf leerer Bühne fallen abwechselnd Asche oder Flitter. Die Inszenierung ist sehr sympathisch auf Empathie mit den beiden Hauptfiguren angelegt. Das tödliche Magengeschwür Alis wird hier auch nicht weiter thematisiert – der schwerwiegende Satz „Das kann keiner, ohne die anderen leben, keiner“ wird von Emmis trotzigem „Zusammen sind wir stark“ optimistisch übertönt.

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Angst essen Seele auf
von Rainer Werner Fassbinder
Premiere am Maxim Gorki Theater Berlin war am 06.06.2014
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Sylvia Rieger
Musik: Daniel Kahn
Kostüme: Pieter Bax
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Anastasia Gubareva, Daniel Kahn, Sema Poyraz, Ruth Reinecke, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad und Aram Tafreshian

Termin beim Theatertreffen: 06.05.2015

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/angst-essen-seele-auf/

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Warum läuft Herr R. Amok? von den Münchner Kammerspielen beim Theatertreffen

Plakat der Münchner Kammerspiele

Plakat der Münchner Kammerspiele

Das Theatertreffen steuerte mit Warum läuft Herr R. Amok? eine als bemerkenswert titulierte Inszenierung zum „Focus Fassbinder“ bei, wo implizit auch die Frage aufkam, warum überhaupt Filme von Fassbinder als Theater gemacht werden sollten – darauf wusste die aus München eingeladene Inszenierung von Susanne Kennedy (die im letzten Jahr schon mit ihrer streng artifiziellen Inszenierung von Fegefeuer in Ingolstadt Kritik und Publikum polarisierte) allerdings keine so rechte Antwort zu geben.

Die Regisseurin wird ab 2017 zum neuen Leitungsteam um Chris Dercon an der Berliner Volksbühne gehören, was sie nun erst recht in das Zentrum der Berliner Kritiker rücken ließ. Im Deutschen Theater steht dann wieder einer ihrer Holzkisten, die einen klaustrophobischen Raum zwischen Hobbykeller und Freizeitsauna zeigt. Darin stehen die Figuren mit Silikonmasken, die ihre Gesichtszüge ebnen und sie wie Puppen aussehen lassen. Im Playback der von Laien eingesprochen Drehbuchtexte von Fassbinder und Mitautor und Regisseur Michael Fengler bewegen die Darsteller nur die Münder. Nach kurzen Pausen, bei denen eine Leinwand runterfährt und den selben Raum noch mal im Video doppelt, sagt eine computergenerierte Stimme die Spielorte der einzelnen Szenen an.

Warum läuft Herr R. Amok? - Foto (C) JU Ostkreuz

Warum läuft Herr R. Amok?Foto (C) JU Ostkreuz

Fassbinder hatte sich schon während der Dreharbeiten vom gemeinsamen Werk distanziert. Der in improvisierten Dialogen gefasste Film, der den monotonen Alltag eines in einem Architekturbüro angestellten Technischen Zeichners beschreibt, der am Ende Frau, Sohn und Nachbarin umbringt, konnte seinen künstlerischer Ansprüchen nicht genügen. Er fand auch, dass dieser halbdokumentarisch wirkende Film, in dem die Kamera einfach nur auf das Geschehen draufhielt und abfilmte, was sie sah, zu denunziatorisch. Es geht um Individualität und Gemeinschaftssinn, Masken und Lügen, was sich hier wunderbar in den spießigen Gesprächen von Nachbarn, Kollegen und der Familie des R. selbst demaskiert. Das kulminiert in einer Betriebsweihnachtsfeier mit dem hilflosen Apell von Herrn R., doch mit seinem Chef Brüderschaft zu trinken. Soziale Kälte, Neid und Missgunst der bundesrepublikanischen Leistungsgesellschaft werden so in jeder Szene spürbar.

Wo der Film in seiner Sparsamkeit dennoch einen stringenten Sog erzeugt, der einen bis zum Ende gefangen nimmt, dehnt sich Kennedys Inszenierung grotesk in die Länge. So wird die Szene, in der Herr R. in einem Plattenladen einen von ihm gesuchten Song vorsingt, in mehrere Teile gestückelt, und die Auftritte mit dem sprachgehandikapten Sohn oder bei dessen Lehrerin geraten wie bei einem Loriot-Sketch. Den sowieso schon relativ persönlichkeitslosen Figuren des Films nimmt die Regisseurin neben der stark eingeschränkten Motorik auch noch die Mimik und eigene Stimme und lässt sie so vollkommen austauschbar und fremdgesteuert erscheinen. Das Mittel der zusätzlichen Verfremdung und Distanzierung ist sicher nachvollziehbar, macht aber auf Dauer nur bedingt Sinn. Es bleibt eine künstlerische Eigenart (die bei Fegefeuer in Ingolstadt noch ganz gut funktionierte), eine Masche, die auf Dauer nervtötend ist und ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn bleibt. Daran ändert im Prinzip auch nicht, dass Kennedy nach dem Amoklauf die Laiensprecher, die vorher schon in den Videos alltäglichen Verrichtungen nachgingen, befreit auftreten und zu Eric Claptons „Let It Grow“ tanzen lässt.

Als Mischform aus Experimentalfilm, Installation und darstellender Kunst wäre die Inszenierung für die Dauer eines Halbstünders womöglich interessant gewesen – in der hier dargebrachten Länge wurde sie jedoch zunehmend beliebig. Susanne Kennedy kappt auch wichtige Passagen aus dem Film, die durchaus gesellschaftspolitische Problematiken behandeln und bis heute keineswegs gelöst erscheinen – neben den rein zwischenmenschlichen Konflikten sind das z.B. die geschlechtsspezifischen Rollenbilder, die freie Entfaltung der Frau gegen die traditionellen Erwartungen (auch an den Mann, ihre Persönlichkeitsentwicklung sowie die Erziehung des Kindes). Diese Entpolitisierung des Stoffs verkauft letztendlich die Kunst an den Effekt.

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Warum läuft Herr R. Amok?
nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler
Premiere in den Münchner Kammerspielen war am 27.11.2014
tt15_promo_media_gallery_resRegie: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Newton
Kostüme: Lotte Goos
Sounddesign: Richard Janssen
Licht: Jürgen Kolb
Dramaturgie: Koen Tachelet.
Mit: Willy Brummer, Kristin Elsen, Walter Hess, Renate Lewin, Christian Löber, Sybille Sailer, Anna Maria Sturm, Çiğdem Teke, Edmund Telgenkämper, Herbert Volz, Erika Waltemath

Termine beim Theatertreffen: 03.05. und 04.05.2015

Weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

http://www.theatertreffen.de

Zuerst erschienen am 15.05.2015 auf Kultura-Extra.

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„On my way home“ im Ballhaus Naunynstraße – Eine szenische Installation von Hakan Savaş Mican über die sogenannten Kofferkinder der ersten ArbeitsmigrantInnen in Deutschland

Montag, September 8th, 2014

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(c) Ballhaus NaunynstraßeDer Anrufbeantworter springt immer wieder an, Stimmen in türkischer Sprache fragen wiederholt nach Hakan. Aber Hakan wird nicht ans Telefon gehen. Warum eigentlich nicht? Regisseur Hakan Savaş Mican stellt sich diese Frage zu Beginn seines als szenische Installation bezeichneten Doku-Stückes On my way home über das Schicksal der sogenannten Koffer-, Pendel- oder Sommerkinder der ersten ArbeitsmigrantInnen, die seit den 1950er und 60er Jahren aus Italien, Griechenland, der Türkei oder auch Ex-Jugoslawien nach Deutschland kamen.

Hakan Savaş Mican fragt sich auch noch anderes. Zum Beispiel: „Warum fühle ich mich nirgends zu Hause?“ Obwohl als Sohn türkischer Einwanderer 1978 in Berlin geboren, wuchs er bei der Großmutter in der Türkei auf, bis er 1997 zum Studium wieder nach Deutschland zurückkehrte. Aber immer noch plagt ihn das Gefühl nicht anzukommen. Woher kommt diese Unruhe und Rastlosigkeit?

Der Theaterregisseur ist nun den schweren Weg wieder zurückgegangen in die eigene Kindheit und hat in Gesprächen mit anderen Betroffenen nach den Ursachen dieser Gefühle gesucht. Stellvertretend für Tausende dieser Kinder, die zwischen den Ländern und Kulturen, mal bei den Eltern, mal bei Verwandten oder Tagesmüttern aufwuchsen, hören wir Interview-Schnipsel mit Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, die aber eines eint, dass sie längere Zeit ohne ihre Eltern leben mussten.

On my way home  Foto: St. B.

Veranstaltungsplakat On my way homeFoto: St. B.

Der Theatersaal des Ballhaus Naunynstraße ist weitestgehend leergeräumt. Das Publikum sitzt an den Rändern. In der Mitte steht ein Flügel, an dem Musiker Enik zur Klaviermusik emotionale Balladen singt und Geräusche sampelt. Vom Band kommt später auch der alte Bluesklassiker „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“. Dazu sorgen Videoprojektionen von Landschaften, privaten Kinder- und Familienbildern sowie Möwen und Meer als Sehnsuchtsverstärker an den Wänden für einen schönen Gedankenflow. Die Schauspieler Eva Bay und Dejan Bućin performen teils die Interviewparts, daneben werden immer wieder Originaltöne vom Band eingespielt.

Die Griechin Sonja ist eine, die in ihrer Kindheit und Jugend viel hin und her geschoben wurde. Erst mit 40 hat sie selbst ein Kind bekommen. Sonja erzählt von ihren Zweifeln, der Tochter die Liebe schenken zu können, die sie selbst nicht erfahren hat. Der ruhige Edin scheint dagegen seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht zu haben, obwohl er als 12-14jähriger viel Wut empfand. Mit Yoga und Meditation versucht er die negativen Gedanken los zu werden. Für ihn gibt es heute nichts, was vollkommen perfekt ist.

Krunoslav ist bei seinem Großvater in Jugoslawien aufgewachsen. Er erzählt relativ emotionslos von seiner Kindheit auf dem Land. Ihm hat im Rückblick nichts gefehlt. Der Interviewer Hakan beneidet Krunoslav fast um seine Gelassenheit. Aber immer schwingt in den recht rationalen Berichten des mittlerweile als Ingenieur in Deutschland arbeitenden Krunoslav die Erkenntnis mit, dass es ja irgendwie weitergehen musste, auch ohne die Eltern.

Schließlich reist Hakan in die Türkei zu seiner Familie. Länger redet er mit seiner älteren Schwester Aysil, die sich in der Abwesenheit der Eltern viel um die jüngeren Geschwister kümmern musste und dabei nie richtig Zeit hatte, selbst Kind zu sein. In längeren Gesprächen, die in Ausschnitten wieder vom Band kommen, wird klar, dass auch den Eltern durchaus bewusst war, wie es ihren Kindern ging. Aber sie wollten eben ihr Bestes, Bildung und ein anderes Leben als das ihre. Nur dass das, was sie nach Hause schickten, keine familiären Bindungen ersetzten konnte.

Trotz allem überwieg bei den Kindern neben dem Gefühl der Hilflosigkeit und Wut, die man auch erinnert, der Respekt für die aus schwierigen Situationen heraus zum Arbeiten nach Deutschland gegangenen Eltern. Bei aller persönlicher Emotionalität, die in den Berichten der Interviewten liegt, ist Hakan Savaş Mican aber mit dem sparsamen Einsatz der Theatermittel ein überzeugender Abend gelungen, der nie sentimental wirkt und doch auch die ganz großen Gefühle freilegt.

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On my way home_Ballhaus Naunynstraße_Leuchtschrift

On my way home
von Hakan Savaş Mican
Ballhaus Naunynstraße (5.9.2014)
Regie: Hakan Savaş Mican
Ausstattung: Sylvia Rieger
Video: Benjamin Krieg und Hakan Savaş Mican
Musik: Enik
Sounddesign: Vicki Schmatolla
Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu
Mit: Eva Bay und Dejan Bućin

Uraufführung: 2. September 2014

Weitere Termine: 8.-9.9.2014, 20 Uhr / 7.9.2014, 19 Uhr

Infos: http://www.ballhausnaunynstrasse.de/stueck/on_my_way_home

Zuerst erschienen am 07.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Russen, Tussen, Türken, Birken – Kunst, Culture Clash und Klischees. Hoch her ging‘s beim GOЯKI-Neustart in Berlin.

Freitag, Dezember 20th, 2013

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Es schlug wie eine Bombe ein, als kurz vor Ende des Berliner Theatertreffens im Mai 2012 bekannt wurde, dass Shermin Langhoff, langjährige Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg, die Nachfolge des nach Stuttgart wechselnden Armin Petras am Maxim Gorki Theater antreten würde. Der regierende Bürgermeister, Kultur- und Partysenator Klaus Wowereit hatte die deutsche Theatermacherin mit türkischen Wurzeln kurz vor den Toren Wiens abgefangen. Jetzt könnte man sich in dem Witz ergehen, dass die Türken bereits 1529 und 1683 vor Wien gescheitert sind. Was allerdings die Tatsache negieren hieße, dass sie mittlerweile längst in der Mitte Europas leben, und mit ihnen so manch andere Nationalität. Shermin Langhoffs Entscheidung für Berlin und das Maxim Gorki Theater war letztendlich eine ganz persönliche und bescherte der deutschen Hauptstadt dazu nun endlich auch das erste interkulturelle Schauspielensemble im deutschsprachigen Raum. Die Wiener Festwochen müssen sich mit der Belgierin Frie Leysen begnügen, die bereits das Festival Theater der Welt und 2012 das Berliner Theaterfestival Foreign Affaires kuratierte. Einer weiteren Internationalisierung der Festwochen werden also auch die Wiener nicht entgehen können.

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Der Kirschgarten von Anton Tschechow in einer Inszenierung von Nurkan Erpulat

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Zurück nach Berlin. Mit einem Herbstsalon der Kunst eröffnete Shermin Langhoff Anfang November ihre Intendanz am Maxim Gorki Theater. Für zwei Wochen wurde das angrenzende Palais am Kupfergraben mit Objekten, Installationen und Performances in Berlin lebender Künstler von internationaler Couleur bespielt. Ein gelungener Einstieg und Vorgeschmack auf den eigentlichen Start, der vom 17. bis 19. November mit drei Premieren gefeiert wurde. Mit Anton Tschechows Kirschgarten und zwei Inszenierungen von Gegenwartsstoffen der jungen Schriftstellerin Olga Grjasnowas und der jungen Dramatikerin Marianna Salzmann fiel das erste Wochenende im neuen GOЯKI recht russischlastig aus. Was natürlich nur auf den ersten Blick über die eigentliche Intension dieses vielbeachteten Neustarts hinwegtäuschte. Zum Auftakt präsentierte sich nämlich der nicht nur in Berlin bereits recht bekannte deutsch-türkische Theaterregisseur Nurkan Erpulat, der mit Verrücktes Blut gemeinsam mit dem neuen Gorki Chefdramaturgen Jens Hillje bereits einen Achtungserfolg für das postmigrantische Theater auf dem Berliner Theatertreffen 2011 feiern konnte. Die Inszenierung des Ballhaus Naunynstraße wurde übrigens auch ins Programm des Maxim Gorki Theaters übernommen.

Tschechows Kirschgarten interpretierte Erpulat nicht als Widerspruch Alt gegen Neu, Oben gegen Unten, sondern, ganz im Sinne des Leitmotivs des neuen Gorki, als Kampf der mittlerweile in der dritten Generation im Lande lebenden Migranten gegen die Alteingesessenen. Da wird der alte Sehnsuchtsort Kirschgarten, der ja schon bei Tschechow in jeder Enzyklopädie stand, zu einer Art überkommenen Leitkultur, die der junge Migrant Lopachin (Taner Sahintürk), dessen Vater noch als Leibeigener für die Familie der Ranjewskaja (Ruth Reinicke als letzte Verbliebene – im doppelten Sinne – des alten Gorki-Ensembles) ackern musste, am liebsten abholzen möchte. Er will Parzellen mit Ferienhäusern statt schöne Phrasen der deutschen Aufklärung, für die sich heute eh keiner mehr etwas kaufen kann. Taner Sahintürk liest aus Immanuel Kants Was ist Aufklärung? und lässt das Buch wie einst Tschechows Lopachin verständnislos sinken.

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Das neue GOЯKI. – Foto: St. B.

Die Unterschiede zur verrottenden und schwafelnden Intelligenzija der Ranjewskaja, ihres Bruders Gajew (Falilou Seck, noch bekannt aus Lukas Langhoffs Volksfeind-Inszenierung beim Theatertreffen 2012) oder dem Studenten Trofimow (Aram Tafreshian) werden hier an rein kulturellen Differenzen festgemacht. Da geht doch einiges verloren. Anja (Marleen Lohse), Warja (Sesede Terziyan), oder gar die Ranjewskaja selbst bleiben hier bei allem darstellerischen Können relativ vage. Den Nebenfiguren bzw. Bediensteten bei Tschechow wird in Erpulats Kirschgarten dagegen klar ihre Entsprechung in der heutigen deutschen Einwanderungsgesellschaft zugewiesen. Neben Lopachin trifft das vor allem auf Charlotta, Dunjascha, Firs und Jascha zu. Allen scheint irgendetwas zu fehlen. Sei es die Identität, Liebe, Zugehörigkeit oder gar so etwas wie Heimat.

Während Lopachin zumindest ein Ziel verfolgt, wirken die anderen doch recht orientierungslos. Çetin İpekkaya als Firs verfällt immer wieder in die türkische Sprache und wird von den anderen nicht ernst genommen. Der ersten Generation fehlt der Zugang zur neuen Gesellschaft, in der auch die anderen kaum ihren Platz finden oder nur mit Mühe behaupten können. Tamer Arslan als Jascha spielt den coolen Macho im Trainingsanzug. Pitschick (Mehmet Yilmaz) und Dunjascha (Mareike Beykirch) sind Karikaturen der Anpassung im deutschen Trachtenlook. Die Travestiekünstlerin Fatma Souad bringt als Charlotta mit ihrer ganz speziellen Geschichte (schwul, lesbisch, türkisch, berlinerisch) etwas Kreuzberger Lokalkolorit nach Mitte. Die schon bei Tschechow alters- und heimatlose Gouvernante als transidentisch darzustellen, ist natürlich schlüssig, aber auch nicht ganz neu.

Tschechows differenzierte Figurenzeichnung tritt hier hinter die klare Absicht des Regisseurs zurück. Die Widersprüche im Kirschgarten sollen so einen aktuellen Anstrich erhalten. Nur das dieser bisweilen etwas zu plakativ ausgemalt erscheint. Immer wieder werden deutsche Volkslieder gesungen und eine Musikerin (Sinem Altan) im schwarzen Hidschab spielt Klavier. Spätestens wenn Lopachin sich seine neue Heimat gekauft hat und beginnt die alten Tapeten abzureißen, schlägt auch bei ihm die unaufgearbeitete Vergangenheit durch. Tradition und Moderne geben sich auf der Bühne die Hand. Man tanzt zu türkischer Musik und spricht vom Aufbruch in eine neue Zeit. Zumindest tut man so. Und da ist man wieder ganz bei der Sehnsucht der Tschechow‘schen Figuren.

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Ob der gute Vorsatz nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sei dahingestellt, genau wie die These, dass die deutsche Gesellschaft wie das Gut der Ranjewskaja am Ende ist, wenn sie sich nicht den Problemen der Migration, wie auch den Vorzügen der kulturellen Diversität öffnet. Dass Hochkulturen zur Dekadenz und Fäulnis neigen, wenn sie sich allzu lang um sich selbst gedreht haben, dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte. Ein neuer Pfropf wirkt da mitunter Wunder. In der Beziehung funktioniert die Metapher des alten Kirschgartens, mit dessen Früchten niemand mehr etwas anfangen kann, doch sehr gut. Am neuen Gorki wird man jedenfalls weiter darauf hinweisen, dass die Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund hierhergekommen sind, um einen Anspruch auf Mitgestaltung einzufordern. Und bereits im Januar bringt dann Nurkan Erpulat seine vielbeachtete Wiener Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne neu auf die Bühne des Gorki Theaters. Man darf weiterhin gespannt sein.

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Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt, inszeniert von Yael Ronen und Schwimmen lernen von Marianna Salzmann – Ein Lovesong am neuen Studio Я, inszeniert von Hakan Savaş Mican

In den anderen beiden Inszenierungen ist man dann doch etwas näher dran, an der Lebenswirklichkeit junger Migranten in Deutschland. Die junge Jüdin Mascha (Anastasia Gubareva) aus Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt ist Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan. Sie ist kriegstraumatisiert und daher nicht gerade auskunftsfreudig, was ihre Vergangenheit angeht, die sich ihr deutscher Freund Elias (Knut Berger), mit Hang zum Zuschreibungswahn, entsprechend zusammenreimt. Da gibt es dann genug Platz für altbekannte Klischees und Missverständnisse. Zwischen die beiden schiebt sich der in Deutschland gestrandete und auf ein Visum für die USA wartende Palästinenser Sami (Thomas Wodianka). Er ist einer, der keine Milch von Kühen im Kaffee mag und auch ansonsten nicht viel auf Traditionen gibt. Cem (Dimitrij Schad) ist Türke, schwul, spielt Gitarre und mimt den Conférencier.

Armes Deutschland, kann da Elias Vater Horst (Tim Porath) nur noch von sich geben. Der Deutsche ist hier entweder provinziell verknöchert und stink konservativ oder hyperaktiv um Verständnis heuchelnd. Zumindest muss alles seine Ordnung haben und sich entsprechend einsortieren lassen. Elias kommt mit seinen Fragen allerdings nicht mehr weit. Er erliegt nach der Hälfte des Stücks den Folgen eines blöden Sportunfalls, und mit ihm auch die Lebenslust Maschas. Nach einem traumatischen Besuch in der ostdeutschen Provinz bei Elias Vater, der den Sinn des Lebens darin sieht, die vielen Kuckucksuhren seines Vaters aufzuziehen, über den er sonst auch nicht viel mehr weiß, als über seinen Sohn Elias, verkriecht sich Mascha erstmal für Wochen mit dessen Spotshirt ins Bett. Dass sie da nicht ranzig wird, hat sie Cems Hartnäckigkeit und seinem Sinn für aufbauende Geschichten zu verdanken.

Über schlüpfrige Umwege kommt die sprach- und anderweitig begabte Mascha an ein Auslandsstipendium und damit schließlich nach Israel. Neues Land, neue Liebe, neues Leben. Erinnerungen an früher und allzu feste Wurzeln sind da nur noch hinderlich. Grjasnowas Roman ist ein schöne Beschreibung der bindungsarmen, zwischen den Welten switchenden Jugendlichen, die sich eigentlich nicht viel Gedanken über ihre eigentliche Identität und Heimat machen, diese aber trotzdem immer im Hintergrund mit sich herumschleppen und auch von der Gesellschaft hinterfragt bekommen. Die Inszenierung von Yael Ronen ist frisch, witzig, mit viel Situationskomik und macht definitiv Lust auf mehr.

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Gorki-Studio

Gorki-Studio Я

Ganz ähnlich geht es der jungen Protagonistin im Stück Schwimmen lernen der Dramatikerin Marianna Salzmann. Die Russin Lil (Marina Frenk) fühlt sich einsam in Deutschland. Sie träumt vom Meer in ihrer Heimat. Feli (Anastasia Gubareva) und Pep (Dimitrij Schad) dagegen sind ein Paar und halten sich für die beste Idee. Diese will aber auf Dauer nicht so recht zünden. Feli lernt Lil kennen und lieben. Angesteckt von Lils Idee vom Meer gehen beide schließlich nach Russland. Aber das Leben dort birgt andere Schwierigkeiten. Lil ist schnell genervt von den Kuchennachmittagen und Fragen der Verwandten und Feli fügt sich schwer in ihren neuen Job ein. Der Alltag ist Gift für die junge Liebe und das Meer nur eine ferne Projektion.

Wieder ein schönes Stück über Sehnsüchte Jugendlicher nach Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen. Vereinbar scheinen beide auf Dauer nicht zu sein. Irgendwann ist Feli wieder weg und Lil im fremden Land auf sich allein gestellt. Hakan Savaş Mican inszeniert diesen zwischen Aufruhr der Gefühle und Melancholie schwankenden Lovesong auch als solchen. Die Darsteller singen immer wieder von Heimweh, Liebe und Liebesleid. Sie spielen dazu begnadet auf der Gitarre, dem Klavier, oder trommeln sich die Seele aus dem Leib. Heiß her geht es, bis zum Schluss die Fenster geöffnet werden und die jungen Leute auf die Straße ausbrechen. Ganz großes Theater im kleinen neuen Studio Я, das in Zukunft auch unter der Leitung von Marianna Salzmann stehen wird.

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Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen – Sebastian Nübling inszeniert Sibylle Berg

Sibylle Berg im Oktober 2013, Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia commons

Sibylle Berg im Okt. 2013
Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia

Ganz ohne Migrationshintergrund kommt dagegen das extra fürs neue Gorki geschriebene Stück der Schriftstellerin, Dramatikerin und Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg aus. Jugendlich sind die Protagonistinnen des lockeren Fünfundsiebzig-Minüters Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen aber schon. Regisseur Sebastian Nübling, den Shermin Langhoff überraschender Weise fürs Gorki verpflichten konnte, besetzt das Stück für eine Person und mehrere Stimmen dann auch mit den vier jungen Schauspielerinnen Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas. Deren vierstimmigen Wutschwall, von Berg als ununterbrochener Fließtext geschrieben, inszeniert Nübling als stampfendes, dampfendes Körperballett auf ansonsten leerer Bühne. In Schlabberlook und Nerdbrille zieht das Quartett dabei chorisch und unkorrekt über den heutigen Zeitgeist mit seinem Jugend-, Mode- und Körperwahn her.

Aus der Sicht der namenlosen Hauptprotagonistin hört dieses Rumgeleide aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationdruck wahrscheinlich nie auf. Aber ob da einfach nur Älterwerden die Lösung bringt, darf bezweifelt werden. Vorerst bedient frau noch weiter bestens alle möglichen Ziel- und Randgruppen-Klischees. Dass es hier vor allem immer wieder die heteronormative Männlichkeit trifft ist durchaus beabsichtigt. „Schräger Pony, verdeckt beginnende Geheimratsecken, enge Hose, korrekter BMI, Nerd-Brille … und tschüss!“ Aber auch trendige Fitness-Beautys bekommen ihr Fett weg. „Wie werde ich überflüssige Pfunde am schnellsten los?“ Zuviel Hormone oder überhaupt Gefühle sind da einfach nur zum Kotzen. Zwischendurch rufen immer mal wieder die Schwestern Minna und Gemma oder die angehimmelte Freundin Lina an, während Stiefpapa Paul, das Opfer, im imaginierten Kellerverließ sitzt.

So trampeln sich die vier Darstellerinnen den Frust vom Leib und übertragen mit viel Coolness ihren We don’t give a shit-Storm aufs mehrheitlich jugendliche Publikum. Nur, wer die Radikalität der Bücher von Sibylle Berg kennt und weiß mit welcher oft auch moralischen Keule sie die Leser ihrer S.P.O.N.-Kolumnen traktieren kann, wird hier an manchen Stellen auch schon mal verstohlen gähnen. Ihre sonst recht böse Ironie kommt zuweilen doch recht nett daher. Und während Frau sich noch so ihren Teil denkt, schläft Mann vielleicht schon fest.

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Gorkilogo

Der Kirschgarten
eine Komödie von Anton Tschechow

Mit:
Jascha: Tamer Arslan
Dunjascha: Mareike Beykirch
Firs: Çetin İpekkaya
Anja: Marleen Lohse
Ranewskaya: Ruth Reinecke
Lopachin: Taner Şahintürk
Gajew: Falilou Seck
Trofimov: Aram Tafreshian
Warja: Sesede Terziyan
Simeonow-Pischtschik: Mehmet Yılmaz
Charlotta: Fatma Souad
Musiker: Özgür Ersoy
Musikerin: Sinem Altan

Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Sinem Altan / Tobias Schwencke
Licht: Norman Plathe
Dramaturgie: Daniel Richter

Weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/der-kirschgarten/

Der Russe ist einer, der Birken liebt (UA)
von Olga Grjasnowa in einer Bühnenfassung von Yael Ronen

Mit: Mehmet Ateşçí, Knut Berger, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Esther Krapiwnikow
Video: Benjamin Krieg
Musik: Yaniv Fridel / Dimitrij Schaad
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/

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Schwimmen lernen. Ein Lovesong
von Marianna Salzmann

Mit: Marina Frenk, Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.

Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger
Musik: Enik
Video: Benjamin Krieger
Licht: Daniel Krawietz
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/schwimmen-lernen/

Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (UA)
von Sibylle Berg

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.

Regie: Sebastian Nübling
Choreographie: Tabea Martin
Raum: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger
Mitarbeit Raum/Kostüme: Moïra Gilliéron
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Katja Hagedorn.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/es-sagt-mir-nichts-das-sogenannte-draussen/

siehe auch Kultura-Extra vom 12.12.2013

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RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE – Drei szenische Lesungen im neuen STUDIO Я am Maxim Gorki Theater

Dienstag, Dezember 3rd, 2013

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Süß findet die junge Prostituierte Bibi (Lina Krüger) Adems andauernde, ungelenke Annäherungsversuche. Süß und teuer sind auch die Baklava, die Adems Mutter Meryem (Sema Poyraz) aus der Türkei mit nach Berlin gebracht hat. Allerdings zeigt Adem (Jerry Hoffmann) mehr Interesse für Bibis Po, als für die lästigen Fragen und alten Geschichten seiner besorgten Mutter Meryem. Und dann gibt es da noch Adems Freundin Joelle (Katja Nesytowa), die Jüdin ist, und das leidige Problem: Wie bringe ich es meiner Mutter bei?

Das neue STUDIO Я am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Das neue STUDIO Я am Maxim Gorki Theater.
Foto: St. B.

Um derlei Probleme, Mutter-Sohn-, Mutter-Tochter- und/oder Tochter-Vaterbeziehungen sowie dass die jungen Protagonisten immer noch mindestens ein weiteres Land mitdenken müssen, obwohl sie doch in Deutschland geboren sind und hier ihren Lebensmittelpunkt haben, drehen sich die drei Stückentwicklungen, die das neue Gorki-Studio Я nun als szenische Lesungen herausgebracht hat. Die jungen Leute besitzen alle einen ganz bestimmten Hintergrund, der ihnen zu schaffen macht, ob sie nun wollen oder nicht. Ihre Eltern oder Großeltern sind irgendwann mal aus der Türkei, Afrika oder Russland nach Deutschland ausgewandert. Und wo wären ihre Geschichten besser aufgehoben, als am neuen Gorki Theater, das sich seit dieser Spielzeit mit neuer Intendanz und multiethnisch gemischtem Ensemble verstärkt den Themen der Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund widmen will.

Adem wird im Lauf des von Hakan Savaş Mican geschrieben Stücks Du weißt ich muss gehen erfahren, dass es besser ist, sich den Problemen zu stellen, als vor ihnen davon zu laufen, auch wenn das Schmerzen auf allen Seiten zur Folge haben kann. Mutter Meryem erweist sich trotz Kopftuch als weitaus weltoffener als vermutet, und auch Joelle muss im Gespräch mit der Schwiegermutter in Spe einige ihrer Vorurteile revidieren. Regisseur Michael Ronen hat die Lesung auf einem großen Bett eingerichtet, was ein wunderbares Sinnbild für Unter-einer-Decke-Stecken bzw. etwas unter der selbigen halten wollen darstellt. Ins gemachte Bett kann sich hier jedenfalls keiner legen. Hakan Savaş Micans Stück, das zu ca. zwei Dritteln zur Aufführung kam, sprüht nur so vor Wortwitz, und man möchte gern erfahren, wie sich Adem nun entscheiden wird und ob es doch noch Hoffnungen auf das türkisch-israelische Wunder gibt, oder ganz andere Wunder auf die Protagonisten warten.

Am liebsten auf den Mond schießen möchte Noah (Ernest Allan Hausmann), der Protagonist aus mais in deutschland und anderen galaxien von Olivia Wenzel, seine Mutter Susanne. Sie, einst siebzehnjährige Punkerin in der DDR, hat sich nie sonderlich für Noah interessiert. Susanne, in allen Lebenssituationen unglaublich präsent von Gorki-Schauspielerin Ruth Reinicke dargestellt, wollte immer nur ganz weit weg und hätte ihn gern zu seinem Vater nach Angola gebracht, um dann weiter zu fliehen. Das hat sie allerdings damals nur bis in die Psychiatrie gebracht. Noah wuchs die meiste Zeit bei seinen von Susanne wegen ihrer spießigen Angepasstheit gehassten Großeltern auf. Das Stück verfolgt Noahs Leben vom dreijährigen Jungen bis zum 50jährigen Mann, der immer noch auf der Suche nach sich selbst und seinen eigentlichen Talenten ist.

Noahs Problem ist nicht so sehr seine dunkle Hautfarbe, obwohl er sich auch mal gegen eine Bande von Skinheads verteidigen muss. Wie seine Mutter kann er in seinen Beziehungen nie wirkliche emotionale Nähe aufbauen. Als Zwanzigjähriger, nachdem er endgültig bei Susanne ausgezogen ist, beginnt er seine Hassliebe zur Mutter in einem Comic zu reflektieren. Und der beinhaltet jenen finalen Wunsch, Susanne so weit weg wie möglich in die Galaxie zu schießen. Auf der Reise zum (bei einem Preisausschreiben gewonnen) Mondflug begegnet den beiden das wunderliche Mädchen Lila (Elmira Bahrami), das mit seinen konkreten Fragen die nie ganz ausgesprochenen wunden Punkte zwischen Noah und Susanne wieder aufbrechen lässt. Die bekannte deutsch-türkische Schauspielerin İdil Üner hat den Text, der beständig zwischen Realität und Märchen changiert, mittels South-Park-Puppen und phantastischen Kostümen wunderbar eingerichtet. Olivia Wenzels Text, der am weitesten fortgeschritten war, hat durchaus das Zeug zum Publikumsrenner.

raus_neue_deutsche_stuecke_Foto Esra Rotthoff _gorki Studio

RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE
Foto: Esra Rotthoff

Zu bereits fortgeschrittener Stunde kam dann noch das Stück Zöpfe – Вера, Надежда, Любовь (Wera, Nadeshda, Ljubow) von der Dramatikerin und Studio-Я-Leiterin Marianna Salzmann zur szenischen Aufführung. Hier geht es beileibe nicht nur um alte Zöpfe, die abgeschnitten gehören. Die Haare dienen auch als generationsübergreifendes Sinnbild für die Sehnsüchte der Protagonisten zwischen Tradition und dem eigenen Kopf, den es durchzusetzen gilt. Die recht komplexe Handlung dreht sich um die Ärztin Wera, ihre Tochter Nadeshda und den russisch jüdischen Großvater Konstantin, früher Held der Roten Armee, jetzt krebskrank ans Bett gefesselt. Nadeshda wünscht ihre Haare loszuwerden. Konstantin, der das für eine Ersatzhandlung zur jüdischen Beschneidung hält, wünscht sich seine einstige Haarpracht zurück. Dazwischen steht die alleinstehende Wera, die zwischen dem türkischen Blumenhändler Imran und dem Amerikaner John schwankt.

Dass auch Nadeshda zu John eine rein sexuelle Beziehung pflegte, verkompliziert das Ganze zusätzlich. Sie hat beider Frucht abgetrieben. Nun verfolgt sie dieses Kind vergangener Liebe (Ljubow) in Gedanken und erzählt makabre Witze. Wera, Nadeshda, sind nicht nur einfach drei russische Frauennamen, sondern stehen auch für die drei christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Trotz dass Marianna Salzmann, die bereits mit Muttersprache Mameloschn am DT und Schwimmen lernen jüngst hier im Studio Я glänzte, ihr Stück dermaßen symbolisch auflädt, hebt es nicht total ab. Diese multikulturell zusammengewürfelte und religiös so verschiedene Gruppe von Menschen kommt ausgerechnet zu Weihnachten am Bett Konstantins zusammen und tut, was alle Familien an Heilig Abend so tun. Sie lieben und sie streiten sich.

In der von Babett Grube eingerichteten szenischen Lesung sitzt das bestens aufgelegt Ensemble wie bei einer Familienaufstellung auf Stühlen beisammen. Die Gorki-Truppe mit Marina Frenk (Ljubow), Dimitrij Schaad, Mehmet Yılmaz und ihre Gäste Katja Nesytowa (Nadeshda), Daniel Kahn und Adriana Metzlaff sowie die beiden DT-Schauspieler Anita Vulescia und Bernd Stempel als Wera und Konstantin spielen sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes in einen Rausch und bekommen dann noch nacheinander die Haare geschnitten. Nicht zuletzt hier zeigt sich, dass die Themen dieser Stücke direkt aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen. Um die Zukunft des neuen Gorki-Studios unter der Leitung von Marianna Salzmann muss man sich so keine Sorgen mehr machen.

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Gorki-StudioDie insgesamt sieben Stücke der Reihe RAUŞ – Neue deutsche Stücke werden im Januar 2014 noch einmal im koproduzierenden Ballhaus Naunynstraße zu sehen sein. Die Texte und Portraits der Autoren kann man im Gesellschaftsmagazin freitext, Heft 22 (10 €) nachlesen.

Premiere vom ersten Abend war am 29. 11.2013 im Studio Я.

RAUŞ – Neue deutsche Stücke

Stagediving

Eine Kooperation vom Maxim Gorki Theater mit dem Ballhaus Naunynstraße und dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext, gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

Du weißt ich muss gehen
Von Hakan Savaş Mican
Szenische Einrichtung: Michael Ronen
Mit Jerry Hoffmann, Katja Nesytowa, Sema Poyraz, Lina Krüger

mais in deutschland und anderen galaxien
Von Olivia Wenzel
Szenische Einrichtung: İdil Üner
Mit Ernest Allan Hausmann, Ruth Reinecke, Heide Simon, Peter von Strombeck, Prodromos Tsinikoris, Katharina Alf, Elmira Bahrami

Zöpfe – Вера, Надежда, Любовь
Von Marianna Salzmann
Szenische Einrichtung: Babett Grube
Mit Anita Vulescia, Katja Nesytowa, Marina Frenk, Bernd Stempel, Daniel Kahn, Mehmet Yılmaz, Dimitrij Schaad, Adriana Metzlaff

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/raus-neue-deutsche-stuecke-29-11-13/

zuerst erschienen am 02.12.2013 auf Kultura-Extra

siehe auch Beitrag auf Freitag-Community

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