Archive for the ‘Hanns Eisler’ Category

EISLER ON THE BEACH – Jürgen Kuttner und Tom Kühnel inszenieren am Deutschen Theater eine kommunistische Familienaufstellung zwischen Film Noir und Beachparty mit revolutionärer Surfmusik

Montag, November 16th, 2015

___

„Wir, so gut es gelang, haben das Unsere getan.” Friedrich Hölderlin

Jürgen Kuttner und Tom Kühnel haben seit ihrem Antritt am Deutschen Theater Berlin schon einige dramatische Geschichtsbetrachtungen vorgenommen. Sie inszenierten dabei Stoffe quer durch den bunten Reigen der Weltanschauungen. So etwa das Theaterstück Die Sorgen und die Macht vom kommunistischen Dichter Peter Hacks und Capitalista, Baby! nach dem Roman The Fountain Head von der marktliberalen, US-amerikanischen Autorin Ayn Rand. Das Regie-Duo Kuttner/Kühnel erstellte auch mehr oder weniger pointierte Psychogramme der russischen Zarenfamilie kurz vor dem Ersten Weltkrieg (Agonie) oder der frühen und späteren SPD um Willy Brandt (Tabula rasa, Demokratie).

Foto: DT-Schaukasten

Foto: DT-Schaukasten

In ihrem neuen Streich Eisler on the Beach geht es wieder um eine typische Tragödie der Linken, bei der sich zu Beginn des Kalten Krieges die Brüche zwischen den sich feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftssystemen mitten durch eine Familie ziehen. Es handelt sich dabei um die Familie des berühmten Komponisten Hanns Eisler – bekannt vor allem durch seine Arbeit mit Bertolt Brecht und als Komponist der DDR-Nationalhymne. Charly Chaplin verglich die verwandtschaftlichen Beziehungen der Geschwister Elfriede, die sich später Ruth Fischer nannte, Gerhart und Hanns Eisler sogar mit einem Shakespeare‘schen Königsdrama. Waren die drei vor dem Zweiten Weltkrieg in Österreich und Deutschland noch innig vereint im kommunistischen und antifaschistischen Kampf, standen sie sich spätestens im amerikanischen Exil bei den Anhörungen vor dem sogenannten McCarthy-Ausschuss feindlich gegenüber. Als Königsmörderin fungierte hierbei die Schwester Ruth Fischer, die besonders ihrem Bruder Gerhard kommunistischer Spionage für den sowjetischen Geheimdienst und terroristischer Aktivitäten im Auftrag Stalins wie etwa dem Mord an ihrem Mann Arkadi Maslow bezichtigte. In diesen Strudel aus antikommunistischer Paranoia und Denunziation geriet auch Hanns Eisler, der zeitlebens engen Kontakt zu seinem Bruder pflegte.

Für weitere Einzelheiten und Zusammenhänge möge man bitte die einschlägigen Eisler-Biografien bemühen. Zumindest also, so möchte man meinen, ein spannendes Familienpsychogramm mit historischem Hintergrund und somit sicher ein gefundenes theatralisches Fressen für den eloquenten Videoschnipsler Jürgen Kuttner. Wie angekündigt beginnt der Abend unterm hohen mit „OCEAN“ überschriebenen Bühnenportal dann auch im Stile einer psychologischen Familienaufstellung, bei der Kuttner lässig im Hawaii-Hemd den älteren Geschwistern (Simone von Zglinicki als Ruth Fischer, Jörg Pose als Gerhart und Michael Schweighöfer als Hanns Eisler) aus der Exilzeit ihre Pendants aus jüngeren Jahren (dito Maren Eggert, Daniel Hoeves und Ole Lagerpusch) gegenüberstellt.

Der Text, den die Schauspieler dabei sprechen, ist aus den zahlreichen Anhörungsprotokollen vor dem Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten entnommen, und wird hier, da doch meist recht trocken, in arrangierten Spielszenen anstatt wie vor einem Tribunal dargestellt. Nur zwei Seitenlogen, in denen die Live-Musiker des Abends sitzen, erinnern an die historische Situation vor dem McCarthy-Ausschuss. Zuweilen fühlt man sich aber wie in einem ästhetischen Ableger zwischen Frank Castorf und Katie Mitchel. Ständig fährt eine Videoleinwand herunter und zeigt die Protagonisten auf der nicht einsehbaren Drehbühne hinter dem Portal in verschiedenen Settings (Bühne: Jo Schramm). Die Bilder werden live gefilmt und stellen fast ausschließlich bekannte Gemälde des US-amerikanischen Malers Edward Hopper nach. Hopper porträtierte die Gesellschaft in den USA der 1930er bis 50er Jahre in melancholisch erstarrten Großstadtstilleben oder sonnenlichtdurchfluteten Seelandschaften.

 

Eisler on the Beach am DT Berlin - Foto (C) Arno Declair

Eisler on the Beach am DT Berlin – Foto (C) Arno Declair

 

Dieser bewussten Stimmung versuchen Kuttner und Kühnel mit ironisch gebrochenem Plauderton zu begegnen. Das sorgt für einige komische Momente und Lacher im Publikum. So etwa, wenn im American-Diner-Setting von Hoppers Nighthawks dem „Marx der Musik“ (treffend mit Rauschebart: Michael Schweighöfer) ein Zugeständnis seiner kommunistischen Tätigkeit entlockt werden soll, oder eine Befragung zur Bewerbung Hanns Eislers für die KPD auf dem Bett des Gemäldes Morning Sun von Maren Eggert und Ole Lagerpusch wie eine komplizierte Liebesszene gespielt wird.

Der kommunistische Funktionär Gerhart Eisler hat es mit seinen Aktivitäten in den USA sogar in einen Film Noir geschafft, der hier kurz an- und dann im Originalton von den DarstellerInnen auf der Bühne weitergespielt wird. I Was a Communist for the FBI ist ein patriotischer Spionageschinken von Gordon Douglas aus dem Jahr 1951 über den in Pittsburgh in eine örtliche kommunistische Parteizelle eingeschleusten FBI-Agenten Matt Cvetic. Die ausgewählten Szenen zeigen die Kommunisten vor allem als Rassisten und Antisemiten. Ein paar Ausschnitte aus Filmen, zu denen Hanns Eisler in Hollywood die Musik geschrieben hat, wären da vielleicht eine schöne Ergänzung gewesen.

Eigentlicher Star dieses zwiespältigen Abends ist die Musik Hanns Eislers, die von der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot in zeitgemäßen GI-Uniformen neu arrangiert wurde. So sind einige feine Kleinode zu hören, wie etwa die Ballade vom Sprengen des Gartens, aber auch Bekannteres von Bertolt Brecht wie das Lob des Revolutionärs oder Lob des Kommunismus. Vor allem sind es jedoch Eislers Ernste Gesänge mit Texten von Stephan Hermlin, Friedrich Hölderlin, Giàcomo Leopardi, Helmut Richter und Berthold Viertel über die Traurigkeit, die wechselnd von den SchauspielerInnen aus den Spielsituationen heraus vorgetragen werden. Das zunächst Kämpferische geht immer mehr ins Melancholisch-Tragische über. Eisler hat in den Liedern die doch recht schwierige und mitunter einsame Exilzeit kreativ verarbeitet – gegen die aufkommende Langeweile, wie es mal so schön im Stück heißt. Passend dazu auch Peter Altenbergs Und endlich stirbt die Sehnsucht doch oder Brechts Und ich werde nicht mehr sehen.

Aufgelockert wird der Abend durch so schräge Szenen wie ein Interview mit Eisler zu den verwendeten Texten von Hölderlin (Komm! ins Offene, Freund!) und Helmut Richter (XX. Parteitag), bei dem der unnachahmliche Originalton Eislers mit seiner wunderbar österreichischer Färbung eingespielt und das parallel von Ole Lagerpusch pantomimisch nachgestellt wird. Das gehört unbestritten zu den witzigeren Momenten dieser Inszenierung.

Ansonsten ist das ein doch fast durchweg melancholischer, bisweilen sogar resignativer Abend, der für Kutter/Kühnel erstaunlich distanziert und ohne großen Erkenntnisgewinn für den Zuschauer bleibt. Sieht man mal davon ab, dass der stalinistische Terror wie auch die antikommunistische Verfolgung auf beiden Seiten ihre Opfer verlangten und sich dabei verheerend bis in familiäre Beziehungen drängten. Es bleibt eine gewisse Sprachlosigkeit und Schwere zurück gegenüber den sonst so ausufernden, reflexiven Abenden, die das Regie-Duo bisher abgeliefert hat. Oder um es mit Heiner Müller zu sagen: „… Lektüre für Dichter / Denen die Geschichte eine Last ist / Unerträglich ohne den Tanz der Vokale / Auf den Gräbern gegen die Schwerkraft der Toten“. Und so klingt auch am Ende das Eisler-Medley auf offener Drehbühne fast wie ein postrevolutionäres Requiem.

***

EISLER ON THE BEACH
Eine kommunistische Familienaufstellung mit Musik
Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Maren Eggert, Daniel Hoevels, Jürgen Kuttner, Ole Lagerpusch, Jörg Pose, Michael Schweighöfer, Simone von Zglinicki
Live-Musik: Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot
Live-Video: Marlene Blumert

Termine: 28.11. sowie 05., 13., 22. und 26.12.2015

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 13.11.2015 auf Kultura-Extra.

__________

Zweimal Brecht zur Abendunterhaltung – „Leben des Galilei“ an der Berliner Parkaue und „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ am Staatsschauspiel Dresden (1)

Mittwoch, März 28th, 2012

Bertolt Brechts „Leben des Galilei im Theater an der Parkaue – Eine Inszenierung von Kay Wuschek in Koproduktion mit dem Volkstheater Rostock

In seinem 1938/39 im dänischen Exil geschriebene Theaterstück „Leben des Galilei“ beschäftigte sich Bertolt Brecht mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und seinen Auswirkungen auf den Menschen. Er benutzt dazu die historische Figur des italienischen Naturwissenschaftlers Galileo Galilei (1564 – 1642), der mit seinen Forschungen das kopernikanische Weltbild beweisen will. Der eigentlich gläubige Galilei scheitert mit seinen Reformbemühungen am Dogma der katholischen Kirche, die aus Gründen des Machterhalts am ptolemäische Weltbild festhält, und muss widerrufen. Das von Brecht selbst als episch bezeichnete Stück ist eine Aneinanderreihung von langen Dialogpassagen, die wiederum von erklärenden Monologen durchzogen werden. Die Inszenierung im Theater an der Parkaue muss hier nun junge Menschen ab 15 Jahren bedienen und deren Aufmerksamkeit über 2 ½ Stunden aufrecht erhalten, ohne dass die Kids irgendwann wieder zu ihren Smartphones greifen oder sich anderweitig selbst belustigen.

theater-in-der-parkaue.JPG Foto: St. B.
Theater an der Parkaue – Junges Staatstheater Berlin

Dieser Herausforderung hat sich nun Regisseur Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue, in einer Zusammenarbeit mit dem Volkstheater Rostock gestellt. Die Hauptrolle übernahm dabei der in Rostock engagierte Schauspieler Jakob Kraze. Seine Darstellung des Galilei zwischen erklärendem Peter Lustig, Didi Hallervordenwuseligkeit und Luftgitarre spielendem Ostrocker Lutz Kerschowski (Langhaarkranz) – kein Mensch unter 40 wird den mehr kennen – ist schon etwas gewöhnungsbedürftig. Der Lebemann, und allzu menschliche Wissenschaftler Galilei, der sich nicht einfach nur plump ans Volk ranwanzt, sondern von Brecht bewusst diese volksnahen Züge bekommt, wirkt hier etwas zu kumpelig und bauernschlau, ein nicht erwachsen gewordener Altachtundsechziger mit Rockerattitüde. Das versteht heute auch kein junger Mensch mehr und der ständig aufgekra(t)zte Jakob Kraze nervt tatsächlich auf Dauer etwas. Dazu kommt noch, dass Wuschek die Musik von Hanns Eisler in den Hintergrund drängt und weitestgehend durch Showeinlagen der Darsteller ersetzt.

Machtpolitiker gegen Wissenschaftler, dass ist heute nicht mehr die eigentliche Frage, Lobbyismus, Interessenskonflikte und Opportunismus schon. Die bekannten Brechtzitate werden hier mit Ausrufezeichen ins Publikum geschleudert. „“Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß, und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ oder nach dem Widerruf Galileis, Andrea: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat.“ Galilei: „“Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Erst ganz zum Ende werden die Töne leiser und im Schlussgespräch zwischen Andrea (Michael Ruchter) und Galilei kommt es zum Nachdenken über die Zusammenhänge von Vernunft, Wissenschaft und Verantwortung, ein Zusatz Brechts nach dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima. Das verpufft aber nach der ganzen Lustigkeit des Abends etwas und die meisten Jugendlichen waren da wohl eh schon wieder in ihre Facebookseiten vertieft. Es verpufft auch das Zitatduell zwischen den Kardinälen (Alexander Flache und Peer Roggendorf) und Galilei in einer albernen Saunaszene, an der nur die entblößten Leiber für Aufsehen im jugendlichen Publikum sorgen.

Brechts Galilei brechts-galilei_stamps_of_germany_ddr_1988_minr_block_091.jpg
Vernunft und Verantwortung des Wissenschaftlers

Regisseur Kay Wuschek bleibt sehr nah an Brechts Text, kann aber nichts wirklich Aktuelles hinzufügen, außer Zitatsplitter zu Guttenberg, wohl ein Anspielung auf das geguttenbergte holländische Fernrohr, oder was sollte uns das sagen? Vermutlich zielt das eher auf den Satz Andreas: „“Die Wissenschaft kennt nur ein Gebot: den wissenschaftlichen Beitrag.“ Galilei beklagt ja auch den fehlenden wissenschaftlichen Ehrenkodex, an dem es zumindest einigen Politikern heute auch mangeln dürfte. Das würde sich dann aber etwas vom Brecht’schen Gedanken entfernen, der die unmittelbare Verantwortung des Wissenschaftlers für seine Forschung in der Vordergrund stellt. Bleibt noch die Frage, die heute genauso akut ist wie zur damaligen Zeit, wie komme ich als Wissenschaftler an die nötigen Forschungsgelder und wo liegt heute der greifbare Nutzen der Wissenschaft? Zumindest für angehende Studierende nicht ganz unwichtig. Das Verhältnis des Nutzens von Geistes- zu Naturwissenschaften dürfte sich so gut wie umgekehrt haben, was die Grundproblematik der Finanzierung von Forschung aber nicht verändert, nur das immer mehr an den immer kleiner werdenden Pfründen partizipieren wollen und dabei in der Privatwirtschaft die größeren Drittmittel einzuwerben sind. All das thematisiert die Inszenierung nicht, man könnte die Jugend ruhig etwas mehr fordern.

Wuschek versucht noch die Rolle der unterdrückten Tochter des berühmten Mannes etwas aufzuwerten. Virginia (Caroline Erdmann), die Galilei für etwas einfach gestrickt hält und daher gerne schnell verheiratet sehe. Mehr als eine alberne Girlie-Karikatur wird allerdings nicht daraus. Der Gegenwartsbezug zur Oberflächlichkeit mancher junger Frauen unserer Tage trifft die Tragik der Figur nicht wirklich und angesprochen fühlt sich dadurch eh kaum jemand im Publikum. Der Akzent der Inszenierung müsste eigentlich auf die „neue Kunst des Zweifelns“ gelegt werden. Die von Brecht eingezogenen epischen Reflexionsebenen, kommen hier eher zu kurz. Ein Nachdenken darüber befördert das nicht gerade. Es muss ja nicht gleich Adorno sein, aber in seiner „“Minima Moralia“ steht der schöne Satz: „“Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Das ist die aktuelle Parallele zur Zeit und manche Parallelen treffen sich nicht erst im Unendlichen. Trotzdem ist der Abend, dank der guten Darsteller, alles in allem zumindest sehr unterhaltsam, was man in Berlin heute noch einmal erleben kann. Mindestziel also erreicht.

Wird fortgesetzt.

___

nächste Vorstellungen:

  • 20.04. 2012, 19:30 Uhr, Theaterzelt Rostock

________

Manfred Karge baut den beiden Brecht-Komponisten Hanns Eisler und Paul Dessau am Berliner Ensemble fragwürdige Denkmäler.

Sonntag, April 3rd, 2011

___

Hanns-Eisler-Revue – Manfred Karge stellt ein Mischung aus Kampf- und Protestsongs zu einem Portrait des Komponisten Hanns Eisler zusammen

Hanns Eisler der Sohn eines österreichischen Philosophen und einer Fleischertochter, war Zeit seines Lebens eng mit der Arbeiterklasse verbunden und widmete ein Großteil seines umfangreichen Werks deren Kampf gegen Kapitalismus und Faschismus. Als Schüler von Arnold Schönberg war er aber auch Zwölftonmusiker und komponierte hoch anspruchsvolle Kunstlieder. Manfred Karge versucht nun das Leben von Hanns Eisler mit Hilfe seiner bekanntesten Lieder in Form einer szenisch gestalteten Revue darzustellen. Über weite Strecken gelingt ihm das auch, anhand ironischer Übertreibung ein durchaus eindrückliches Bild dieses hoch intelligenten und nachdenklichen Menschen zu zeichnen. Darin liegt aber auch eines der Probleme dieser Inszenierung, die dick aufträgt und die Person Eisler hinter Schminke und Kostümierung der 20er Jahre verschwinden lässt.
Roman Kaminski in langem Mantel, den Hut schwenkend, darf als Eisler zwischen den Liedern aus dessen bewegter Biografie plaudern und Anekdoten bedeutungsgeladen mit rollendem R zum Besten geben. Sogar ein kleines Zwiegespräch zwischen ihm, dem Schüler und seinem Meister Schönberg gibt es, in dem der ihm prophezeit, dass er sich den Sozialismus nach den ersten zwei Anzügen schon noch abgewöhnen wird. Es kam bekanntlich anders. Der Puppenspieler Benno Lehmann führt eine Eislerpuppe vor sich her, die in Brechtscher Verfremdung parliert und zu der vom Band eingespielten Eisler-Originalaufnahme „Die haltbare Graugans“ den Gesang übt. Hier hat der Abend Witz, nimmt sich nicht zu ernst und zeigt Eislers Selbstironie. Mit großen Sängern hat er zusammengearbeitet, sie waren ihm für die Interpretation seiner Musik sehr wichtig. So werden am Rande Größen wie Ernst Busch, Gisela May und Irmgard Arnold erwähnt, die so eine Revue sicher belebt hätten.
Das Orchester unter der Leitung von Tobias Schwencke ist auf jeden Fall gut aufgestellt und begleitet den Abend sicher und souverän, während sich 6 Schauspielerinnen und 15 Schauspieler mit der Darbietung der Eisler-Songs mit mehr oder weniger Erfolg abmühen. Es beginnt auf der nach vorn spitz zu laufenden Revue-Bühne von Karl-Ernst Herrmann mit „viel Blut“ und dem Spartakus-Lied von 1919, gesungen von Judith Strößenreuter. Im Stempellied (Text: David Weber) wird sitzend im Chor berlinert „Ohne Pinke an der Panke“ und „Das Lied des Händlers“ (Ich weiß nicht, was ein Mensch ist / ich kenne nur seinen Preis.) leitet dann die Brecht/Eisler-Songs ein, die den Großteil des Abends bestimmen. Erster Höhepunkt ist sicher „O Falladah, die du hangest!“ vom Sterben eines Kutschpferdes auf offener Straße, sehr plastisch von den Protagonisten geschildert. „Ändere die Welt, denn Sie brauchte es“ (aus der Maßnahme) und „Die Ballade vom Wasserrad“ (aus Die Rundköpfe und die Spitzköpfe) folgen, Videoprojektionen von Frieder Aurin auf der Bühnenrückwand bebildern die einzelnen Nummern.
Ein weiterer David-Weber-Text mit „Der Ballade vom Nigger Jim“ bricht mit jazziger Musik und dem starken Gesang von Georgios Tsivanoglou die Brechtphalanx für kurze Zeit auf. Walter Mehrings „Bankenlied“ und das „Seifenlied“ von Kurt Tucholsky, ein Spottlied auf die Sozialdemokratie in der Weimarer Republik, stehen den knalligen Interpretationen der Brechtsongs aber in nichts nach. Es wird auch ordentlich Schaum geschlagen und Seifenblasen fallen vom Bühnenhimmel. Karge versucht sich wieder in bildreichem Politkabarett. Weiter wird dick getüncht, passend zum Brecht-Song aus den Rundköpfen und Spitzköpfen. Sabin Tambrea singt gestenreich „Das Lied vom SA-Mann“ und schmiert sich dann theatralisch seine blutigen Hände ins Gesicht, bevor er in den Schoss von Swetlana Schönfeld als deutsche Mutter flieht. Die leisen Töne darf die Schönfeld dann schließlich mit dem „Lied einer deutschen Mutter“ anschlagen, leider trifft sie diese nur selten. Das wird es wohl u.a. gewesen sein, was die May bewogen hat in der Pause der Premiere im Januar über die Triolen zu referieren, bevor sie von Hausherr Peymann zur Ordnung gerufen wurde. Katharina Susewind hat noch einen großen Auftritt mit der „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“, aber auch sie muss zum Schluss übertrieben chargieren.
Von der anderen Liedkunst Eislers zeugen die Ausschnitte aus den Woodbury-Liederbüchlein für Frauenchor, hier tut sich besonders Anna Graenzer mit ihrer hohen klaren Stimme hervor. Johannes R. Becher wird als Unterstützer nach der Rückkehr aus dem Exil in den USA gewürdigt, die Zusammenarbeit mit Eisler gipfelte ja bekanntlich in der Nationalhymne der DDR. Diese wird aber nicht gespielt, dafür „Deutschland – Heimat meine Trauer / Land im Dämmerschein“ und „Die alten Weisen“. Die Eislerpuppe intoniert dann noch die „Kinderhymne“ mit dem Brechttext „Anmut sparet nicht noch Mühe“, eine Alternative zur DDR-Hymne, eine Idee, die nach der Wende von einigen Intellektuellen wieder aufgegriffen wurde, aber im nationalen Taumel keine Mehrheit fand. Den bombastischen Schluss bildet dann das „Solidaritätslied“ in immer stärker werdendem Chor mit rotem Transparent. Lange schauen die Sänger danach ins Publikum bevor die Massen auseinander laufen, eine Anspielung auf Brechts Johanna oder auf heute? Vielleicht, dem Publikum im BE kann es egal sein. Zwiespältig ist dieser Abend wie die ganze Person Eislers selbst und so kann Karges Revue ihr auch nur eingeschränkt gerecht werden. Ansehen sollte man sich den Abend aber auf jeden Fall. Zu empfehlen sind übrigens auch die Brecht-Lehrstückinszenierungen von Frank Castorf in der Volksbühne mit Musik von Hanns Eisler, Paul Hindemith und Kurt Weill.

Song-Beispiele auf YouTube:

Gisela May „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“, Brecht/Eisler

Hanns Eisler und Irmgard Arnold „Kinderhymne“, Brecht/Eisler

Ernst Busch „Solidaritätslied“, Brecht/Eisler

Hanns Eisler – Piano Sonata No. 3 I-III

_________________________________________________

„Der Lukullus-Skandal“ als mäßiges Politkabarett – Manfred Karge inszeniert einen Text von Werner Hecht zum Formalismusvorwurf an die Brecht/Dessau-Oper „Die Verurteilung des Lukullus“

Wie gut gemachtes Dokutheater aussehen könnte, hat jüngst Jürgen Kuttner mit Hacks „Die Sorgen und die Macht“ am DT bewiesen. Manfred Karge inszeniert nun einen Text des Brechtexperten Werner Hecht über den Skandal zur Aufführung der Brecht/Dessau-Oper „Das Verhör des Lukullus“ auf der Probebühne des BE, die nach langen für die Künstler entwürdigenden Debatten in die „Verurteilung des Lukullus“ umbenannt und von Bertolt Brecht mit Ergänzungen versehen wurde. Kurz zum Inhalt: Brecht schrieb die Geschichte über den römischen Feldherren Lukullus bereits 1940 im schwedischen Exil als Hörspielversion. Lukullus als erfolgreicher Eroberer kommt nach seinem Tod in den Hades und soll sich dort vor einem Tribunal aus einfachen Leuten (u.a. Bäcker, Fischweib, Bauer) für seine Kriegstaten verantworten. Die Hörspielfassung endet nicht mit einer Verurteilung, sondern mit der Forderung „Ins Nichts mit ihm“. Daran und an der modernen Musikfassung störten sich die Kulturpolitiker der damaligen DDR im sogenannten Formalismusstreit.
Karges Inszenierung wirft hier aber keine Fragen zur Formalismusdebatte Anfang der 50er Jahre auf, die es ernsthaft zu diskutieren gäbe, er stellt eine fertige Meinung aus. Der Einsicht, dass sich Politik nicht in die Kunst einmischen soll, ist im vollen Umfang zuzustimmen. Dazu bedarf es aber keiner solchen Kunstanstrengung. Werner Hecht hat mit Sicherheit wertvolles Material zum Lukullus-Skandal zusammengetragen, mehr aber auch nicht. Warum publiziert er das nicht selbst? Vermutlich fehlt das allgemeine Interesse daran und er hat sich gedacht, am BE ist das Material wohl am besten aufgehoben. Da ist er aber genau an die richtige Adresse geraten, museale Geschichtsaufbereitung mit Knallchargen auf einer Guckkastenbühne, das ist Theater zum Abnicken im doppelten Sinne.
Zur politischen Einordnung in den Kontext des kalten Krieges fehlt jeder Bezug. Es wird nur die Figur des russischen Kulturpolitikers Orlow vorgestellt, ein Pseudonym des Diplomaten Wladimir Semjonow, Berater der sowjetischen Miltäradministration und ab 1953 Botschafter in Ostberlin, von 1979 – 1986 dann auch in der Bundesrepublik. Diese Figur dürfte außenpolitisch nicht ganz unbekannt sein. Er war Sammler russischer Kunst von Kandinsky bis zu den Suprematisten, eine schillernde Gestalt, deren Wirken man nur schwer mit den Aussagen zum Formalismus aus der Täglichen Rundschau von 1951 in Einklang bringen kann. Er tritt hier als dumpfer Russe mit typischem Akzent auf. Es war halt so, die Ostzone musste auf Linie gebracht werden, da waren Kosmopoliten wie Brecht, Eisler oder Dessau per se verdächtig.
Es kommt dann ein kleiner Verweis auf Wolfgang Harich, Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Theaterkritiker, der auch in der Täglichen Rundschau publizierte, ein etwas anderer Geist, der öffentlich die Kulturpolitik der Partei kritisierte und nach dem Tod Stalins für einen eigenen Weg zum Kommunismus wie in Ungarn eintrat und dafür auch kurz nach Brechts Tod zusammen mit Walter Janka zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Um das alles geht es Hecht aber nicht, es dreht sich nur um Brechts Eintreten für die künstlerische Freiheit der Lukullus-Oper und deren Komponist Paul Dessau, der im Übrigen hier in diesem Stück eher eine Nebenrolle spielt.
Eine weitere nicht unwichtige Figur, die hier nicht ganz zu Unrecht zur Knallcharge gemacht wird, ist der damalige Intendant des Theaters der Freundschaft (heute Theater an der Parkaue) Hans Rodenberg, der in einer einem Tribunal ähnelnden Diskussion über Dessau herzieht und von Helene Weigel über die Rezeption der Mutter von Gorki aufgeklärt wird. Rodenberg hat auch im Fall Eisler keine rühmliche Rolle gespielt. Es fällt nicht schwer gegen solche Pappnasen, mit halbwegs vernünftigen Argumenten zu punkten. Brecht darf dann hier aber gleich eine flammende Rede zur Stellung des Künstlers zur Politik halten. Au backe, wenn er sich da mal selbst immer dran gehalten hätte.
Brecht wird aber wieder mal auf einen Kunst-Sockel gehoben, ohne sein politisches Wirken in der DDR kritisch zu hinterfragen. Das versucht Karge erst lieber gar nicht, obwohl er es besser wissen müsste. Warum hat er nicht mit Hanns Eisler weitergemacht, wenn er unbedingt künstlerisch an der Formalismusdebatte arbeiten muss. Der „Johann Faustus“ von Eisler ist mindestens genauso lohnend und wurde auch am BE, übrigens erst 1983, zur Uraufführung gebracht. Auch da kommt Brecht am Rande eine nicht unerhebliche Verteidigerposition zu. Aber Brecht muss der uneingeschränkte Held sein, der den Formalismusvorwurf besiegt, indem er einfach ein paar marginale Ergänzungen vornimmt und den doofen Kulturpolitikern die Tour versaut.
„Von wegen eingeknickt“, schreibt Hecht in der Berliner Zeitung, einen Sündenfall der Brecht-Rezeption will er heilen. Ja, Brecht hat schwer lernen müssen, dass er mit seiner Kunst der herrschenden Politik zu nahe gekommen ist. Den 17. Juni übergeht Hecht völlig. Brecht hat sich eigentlich nie klar von den DDR-Oberen distanziert, auch oder gerade um der Kunst Willen. Brecht hat sich nach dem 17. Juni in eine Art Innere Emigration begeben (Buckower Elegien), aber er hat nie an der DDR gezweifelt, vielleicht an der Führung der Partei, das gipfelte ja in den einigen Spottgedichten auf die Regierung die sich ein neues Volk wählen soll (Die Lösung), auf das „Kaderwelsch“ der Parteibonzen (Die neue Mundart) oder die beflisse „Selbstkritik“ der Kulturfunktionäre (Nicht feststellbare Fehler der Kunstkommission).
Das allein macht aber noch keinen Dissidenten aus Brecht, dieser Art der Beweihräucherung bedarf es auch nicht. Er hat zwar weiter in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ unter dem von der Partei eingesetzten Chefredakteur Wilhelm Girnus seine Gedichte veröffentlichen können, war aber auch nicht mit allen Entscheidungen der Partei einverstanden. Brecht hat versucht eine Art Vermittlerrolle zu spielen. In der Zeit der Tauwetterperiode nach Stalins Tod hat er beratend für den Präsidenten der Akademie der Künste und Kulturminister Johannes R. Becher, gewirkt. Er hat den eingeschlagenen Weg der Partei nicht wirklich verlassen, sich aber immer für verfemte Künstler wie Eisler oder sogar Barlach eingesetzt, der Jahre nach seinem Tode bei einer Ausstellung 1952 noch in Formalismusverdacht geriet. Brechts Werk steht für sich und muss nicht durch das Herausstellen seines entschiedenen Eintretens gegen die Formalismusvorwürfe gerettet werden. Dahingegen erzeugt das Stück von Hecht geradezu ein falsches, geschöntes Bild von Brecht. Wie sich das alles weiter entwickelt hätte, kann man nur mutmaßen, da Brecht 1956 gestorben ist. Künstlerisch ist er nicht hoch genug einzuschätzen, aber das Politische muss man bei ihm immer mitdenken.
Dann noch zum Schluss des Stücks eine bemerkenswerte Entdeckung oder doch nur Anekdote? Brecht bekommt das BE von den Kulturpolitikern der DDR in der Hoffnung, dass er sich damit übernimmt. Doch es kam anders, aber das ist eine andere Geschichte sagt Hecht, das hätte er ruhig näher ausführen können. Die Quintessenz der Veranstaltung ist, dass sich Claus Peymann nun von Werner Hecht als Nachlassverwalter Brechts geadelt fühlen darf und endlich auch den Schriftzug Brecht-Museum an die Tür nageln kann. Aber das ist auch eine ganz andere Geschichte. Diese Geschichte bekam noch nach der Premiere einen bitteren Beigeschmack, als sich Daniela Reinhold vom Musikarchiv der Akademie der Künste in einem Leserbrief in der Berliner Zeitung zu Fehlern im Inhalt von Hechts Stück äußerte und auf bereits „gesicherte Erkenntnisse zum Entstehungs- und Umarbeitungsprozess“ der Oper aufmerksam machte, die seit einer Ausstellung zu Paul Dessau aus dem Jahre 1995 in Katalogform vorliegen.

DIE VERURTEILUNG DES LUKULLUS (1951) von Bertolt Brecht (Libretto) & Paul Dessau (Musik), Probenbilder einer Inszenierung von Ruth Berghaus (Deutsche Staatsoper Berlin 1992 Wiederaufnahme einer Produktion von 1983) auf YouTube