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Wir schaffen das – Hakan Savaş Mican adaptiert den Erfolgsroman „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada für das Maxim Gorki Theater Berlin

Freitag, Januar 22nd, 2016

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Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

„Wir schaffen das.“ – Mit dieser gut gemeinten Angela-Merkel-Floskel könnte die äußerst gut gemeinte und über weite Strecken auch sehr gut gemachte Bühnenadaption des 1932 erschienen Erfolgsromans Kleiner Mann – was nun? von Hans Fallada, die Regisseur Hakan Savaş Mican am Maxim Gorki Theater inszeniert hat, die titelgebende Frage glatt beantworten. Aber was hat die Kleine-Leute-Geschichte aus einem in den Nachwehen der Weltwirtschaftskrise liegenden Berlin am Vorabend des aufkommenden Nationalsozialismus mit unseren aktuellen Problemen und erst recht mit der Aufnahme von über einer Million Kriegsflüchtlinge zu? Nun, sie hat es indirekt über eine häufig in Falladas Roman eingeforderte ethische Haltung zu einer breiten Solidarität, an deren Fehlen auch heute wieder die Gesellschaft krankt. Die deutsche, wie auch die gesamte Bevölkerung Europas, zieht sich zunehmend lieber ins eigene Private zurück und beharrt, wo sie dem Druck zur neoliberalen Selbstoptimierung (im doppelten Wortsinn) unterlegen ist, auf weitgehend egoistischen bis hin zu rein nationalistischen Positionen einer Das-Boot-ist-voll-Mentalität.

Unsere angebliche Solidargemeinschaft hat sich über der Frage zur Aufnahme von Flüchtlingen in einem Maße zerstritten, was den Zuständen der Streitkultur auf den Straßen vor dem Ende der Weimarer Republik immer ähnlicher werden. Zumindest hat man diesen Eindruck, wenn man die Kommentarspalten der Internetmedien und sozialen Netzwerke liest. Es wird lieber lauthals Bedenken geäußert anstatt an die Möglichkeit einer positiven Veränderung der Zustände geglaubt. All das zeugt nicht gerade von einem hohen Grad an politischem Bewusstsein. Wohlgemerkt, nicht alle sind so. Und auch Fallada hat wie in den meisten seiner sehr realistischen Romane das Bild einer recht breit gefächerten Gesellschaft gezeichnet. Es braucht also kaum der zwanghaften Aktualisierung auf der Bühne. Womit wir wieder beim eigentlichen Thema – der Inszenierung im Maxim Gorki Theater – sind, die dann auch ganz im Gewand der 1930er Jahre daherkommt.

Das stellt sich hier zunächst als recht unterhaltsames Revuetheater mit passender Live-Musik-Begleitung und komödiantischem Typenkabarett dar. Wobei sich besonders Tim Porath als kauziger Kartoffelhändler Kleinholz, norddeutscher Proletarier-Vater Mörschel und fast schon UfA-reifer Kleinganove Jachmann hervortut. Lustig anzusehen ist sicher auch Tamer Arslan als Schupo und Nazi Lauterbach mit Blondperücke. Sie teilen sich in schnellen Wechseln mit Mehmet Ateşçi als Schulze, Jänicke und Spannfuß, Çiğdem Teke u.a. als mondäne Mutter Mia Pinneberg und Mehmet Yılmaz als solidarischem Kollegen Heilbutt die Rollen der Romanvorlage. Das hat schon Luc Perceval in seiner 2010 zum Theatertreffen eingeladenen Münchner Fallada-Adaption so gemacht. Die Sympathien lagen damals genau wie heute beim jungen Ehepaar, das inmitten einer klar in Oben und Unten geteilten, durchkapitalisierten Welt verzweifelt um sein kleines Glück kämpft.

In historischen Kostümen swingt, singt, springt und rennt man auf einem schrägen Steg aus Brettern, die hier die kleine Welt des kleinen Mannes Johannes Pinneberg (Dimitri Schad) und seiner großen Liebe Emma Mörschel (Anastasia Gubareva) bedeuten. Sie nennt ihn stoisch-optimistisch „Junge“, er sie liebevoll „Lämmchen“. Mican lässt seinen herausragenden Hauptdarsteller Schad zu Beginn schwärmerisch von den ersten zarten Berührungen beim Kennlernen im Provinznest an der Ostsee erzählen. Da ist die Liebe noch ganz romantisch. Die Alltagssorgen stellen sich dann aber relativ schnell mit der Verkündigung des „Murkel“ ein. Chorisch tritt hier das Ensemble als Arzt auf. Das von den jungen Eheleuten sparsam zurückgelegte Wirtschaftsgeld im Blecheimer wird immer weniger, und Schad singt jammervoll vom Glück der kostenlosen Freuden.

 

Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Das Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

An der Rampe springt Pinneberg auf den auskragenden Brettern wie auf einem Sprungbrett, allein der Absprung zum Aufstieg will nicht glücken. Immer wieder ist er angewiesen auf die Hilfe von Heilbutt, dem Mehmet Yılmaz im Gegensatz zum unterwürfigen Pinneberg eine straffe Würde verleiht. Aber nicht etwa nur der progressiv denkende Anhänger der Freikörperkultur ist der „Turm“, sondern vor allem Lämmchen ist sein heimlicher Fels in der Brandung. An der einfachen Tochter aus dem Arbeitermilieu kann sich der wankelmütige Kleinbürger Pinneberg anlehnen und wird von ihr mit einem bodenständigen „Junge lass, es wird schon gehen“ mehr als einmal wieder aufgerichtet.

Den harten Konkurrenzkampf der Angestellten untereinander verdeutlicht der Regisseur in einem ständigen Auf- und Abrennen der Schauspieler beim „Sacken“ im Laden des antreibenden Kleinholz‘ und dann wieder in der Herrenkonfektion des Kaufhauses Mandel. Überall, wohin Pinneberg kommt, beginnt von neuem der Kampf dagegen, abgebaut zu werden. Und wenn auch beim Umzug nach Berlin die vom Schürboden hängende Schirmlampe gegen einen Kronleuchter wechselt, ist das Glück doch trügerisch. Der Abstieg erfolgt über einen Lagerraum mit „Kino beim Kacken“ bis in eine alte Laube außerhalb Berlins mit blanker Glühbirne. Symbolisch eingeschnürt in mehrere Jacketts schwitzt Pinneberg unter der Angst seinen Verkaufs-Soll nicht zu erfüllen. Am Ende steht er ohne Hemd da.

Als Pinneberg zuvor einmal die im Kleinen Tiergarten sitzenden Arbeitslosen beobachtet, zählt er sich als einer von Millionen gedanklich schon zu ihnen. Aus ihrer Mitte tritt Mehmet Ateşçi als Gast aus der Zukunft und gibt auf Pinnebergs Frage, ob es einmal leichter wird, einen Ausblick auf die deutsche Geschichte vom Krieg, über den Mauerbau, der Ankunft erster Gastarbeiter bis zum heutigen Stress mit den Vielen, die da noch kommen werden. Da spannt Hakan Savaş Mican den anfangs schon erwähnten Bogen in die Gegenwart, auch wenn er sich dann nur noch in der Figur des Verkaufsoptimierers Spannfuß, der hier wie ein moderner Motivationstrainer auftritt und von Work-Life-Balance faselt, eine weitere sinnfällige Aktualisierung erlaubt.

Dass der kleine Angestellte Pinneberg sehr wohl auch zum kleinen Wutbürger neigt, zeigen seine kurzen Ausbrüche mit einem fast schon prophetischen Hinweis auf einen, der da mal kommen wird, um sich für die kleinen Leute einzusetzen. Falladas unpolitisch erscheinendes Pärchen als Gegenentwurf zur Radikalisierung auf der Straße zu sehen, die hier wie im Roman als Kampf Nazis gegen Sozis gegen Kommunisten hin und wieder aufflackert, greift da wohl etwas zu kurz. Der Abend verliebt sich manchmal zu sehr in seine rechtschaffende Nettigkeit. Sympathieträger sind die wunderbar spielenden Anastasia Gubareva und Dimitrij Schad allemal. Sie halten sich auch bei Micas noch im allergrößten Elend und der schlimmsten Demütigung aneinander fest. Ein starkes Bild, aber insgesamt auch eher schwacher Trost, der zumindest als Fünkchen Hoffnung und Anreiz, dass es zu schaffen wäre, weiterglimmt.

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KLEINER MANN – WAS NUN? (Maxim Gorki Theater, 15.01.2016)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Sylvia Rieger
Kostüme: Sophie Du Vinage
Musikalische Leitung und Komposition: Jörg Gollasch
Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit: Tamer Arslan, Mehmet Ateşçi, Anastasia Gubareva, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Çiğdem Teke und Mehmet Yılmaz
Live-Musiker: Valentin Butt, Lukas Fröhlich und Matthias Trippner
Premiere war am 15. Januar 2016
Weitere Termine: 27. 1. / 6., 25. 2. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 17.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Kunst und Rausch – Sebastian Hartmann entwirft am Maxim Gorki Theater Berlin ein großes Trinker-Oratorium frei nach Hans Fallada

Montag, März 19th, 2012

Die große Sehnsucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken –
Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.

aus „Katerpoesie“ von Paul Scheebart (unverstandener Philosoph, hurmorvoller Dichter und Illustrator, phantastischer Erfinder und großer „Freund“ des Alkohols)

Paul Scheerbart (1863 – 1915) ps_scher103.jpg

Nach F. Scott Fitzgerald ist Trinken das Laster des Schriftstellers. So ist dann auch die Liste der schreibenden Säufer unendlich lang und besonders die der englischsprachigen Vertreter dieser Zunft. Edgar Allan Poe, Eugene O’Neill, John Steinbeck, William Faulkner, Jack London, Dylan Thomas, Malcolm Lowry, Ernest Hemingway, William S. Burroughs, Jack Kerouac, Charles Bukowski, Dorothy Parker sowie die Iren Oscar Wilde und Flann O’Brien sind nur einige der Bekannteren unter ihnen. Der stetige Alkoholkonsum ging meist noch einher mit der Einnahme von Tabletten und anderen Drogen. Man trank nicht mehr nur um schreiben zu können, sondern man schrieb meist obwohl man trank. Der New Yorker Psychiater Donald W. Goodwin hat versucht das in seinem Buch „Alkohol & Autor“ (Suhrkamp Taschenbuch, 2000) wissenschaftlich zu belegen. Oft waren auch anhaltende psychische Probleme die Ursache für Alkohol- und Drogensucht, wie bei dem 2008 durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen David Foster Wallace, Autor des Romans „Der unendliche Spaߓ, in dem es u.a. auch um exzessiven Drogenkonsum geht. Explizit Niederschlag im Werk gefunden hat die Sucht aber außer bei den Autoren der Beat Generation William S. Burroughs und Jack Kerouac sowie dem „Gossenpoeten“ Charles Bukowski bei kaum einem Schriftsteller.

„Sie schafften mich runter in die Säuferzelle, hielten die Tür auf. Jetzt ging es nur noch darum, auf dem Boden der Zelle zwischen 150 Männern einen Platz zu finden. Zum Scheißen gab es nur einen einzigen Eimer. Kotze und Pisse, wo man hinsah. Ich fand ein Plätzchen zwischen meinen Mitmenschen. Ich war Charles Bukowski, dessen Werke vom Literatur-Archiv der University of California in Santa Barbara gesammelt wurden. Dort gab es jemanden, der mich für ein Genie hielt. Ich machte mirs auf dem Zementboden bequem.“ Charles Bukowski „Die große Zen-Hochzeit“ aus „Kaputt in Hollywood“, eine Auswahl von Stories aus dem Sammelband „Erections, Ejaculations, Exhibitions an General Tales of Ordinary Madness, 1967-1972“, herausgegeben und übersetzt von Carl Weissner

Der Nasenlose

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Jack London: John Barleycorn oder Der Alkohol, Verlag Neues Leben, Berlin 1976, Übersetzung Günter Löffler, Illustrationen von Peter Muzeniek

Es gibt lediglich einzelne Romane, in denen sich Autoren mit der eigenen Alkoholabhängigkeit auseinandersetzen, wie z.B. „John Barleycorn“ (dt. Ausgabe „König Alkohol“) von Jack London. Er war Gelegenheitstrinker in Geselligkeit und konnte zunächst lange Zeiten ohne den Drang nach Alkohol verbringen. Lediglich die ständige Verfügbarkeit der sozialen Droge und die Gewohnheit unter Freunden zu trinken, machten ihn schließlich zum abhängigen Leveltrinker. London reflektierte ziemlich nüchtern und selbstkritisch sein Trinkverhalten und konstatierte dennoch am Ende seines Romans: „Nein, entschied ich; wenn sich die Gelegenheit findet, werde ich trinken. Trotz der vielen Bücher auf meinen Regalen, trotz all der Gedanken der Denker, die ich durch mein Temperament sah, entschied ich kühl und überlegt, daß ich fortsetzen würde, was zu wünschen ich angehalten worden war. Ich wollte trinken, aber – oh, geschickter, maßvoller als je zuvor.“  Der von ihm selbst so genannten „weißen Logik des Alkohols“ konnte Jack London wohl nie ganz entkommen. Die Folgen waren Depressionen und eine Niereninsuffizienz, die sein Leben bereits mit 40 Jahren beendeten. Ernest Hemingway neigte noch viel deutlicher zur männlichen Glorifizierung des Alkohols, dessen regelmäßiger Konsum ihn Zeit seines Lebens als täglich wiederkehrendes Ritual begleitete und schließlich in die Paranoia trieb, mit dem bekannten Ende.

„Es war so wie manches Essen im Krieg, an das ich mich erinnere. Viel Wein, eine ignorierte Spannung und das Gefühl von Dingen, die kommen würden und die man nicht verhindern konnte. Unter der Wirkung des Weins verlor ich mein Gefühl von Ekel und war glücklich.“ Ernest Hemingway aus „Fiesta“, 1926 unter dem Originaltitel „The Sun Also Rise“ erschienen

Aber auch im guten alten Europa war die Trunksucht unter den Schriftstellern keine Seltenheit. Was für Frankreich Charles Baudelaire, Paul Verlaine, Arthur Rimbaud, Marguerite Duras und Françoise Sagan, waren für den deutschsprachigen Raum Christian Dietrich Grabbe, Gottfried Keller, E.T.A. Hoffmann, Theodor Fontane, Hermann Löns, Joseph Roth, Paul Scheerbart, Ernst Herhaus, Irmgard Keun und Ingeborg Bachmann. Auch Gerhart Hauptmann und selbst der alte Geheimrat Goethe waren dem übermäßigen Weingenuss nicht abgeneigt. Bei kaum einem von ihnen durchzieht aber die lebenslange Sucht das gesamte Schaffen wie bei dem Schriftsteller Hans Fallada. Sein Roman „Der Trinker“, über den gescheiterten Geschäftsmann Erwin Sommer, beschreibt ausführlichst alle Phasen einer Alkoholikerkarriere und trägt verstärkt autobiografische Züge.

hans-fallada-006.jpg Hans Fallada (21.07.1893 – 05.02.1947)

„Sieben Jahre liege ich nun schon an der Kette der Sucht, mal Morphium, mal Kokain, mal Äther, mal Alkohol. Sanatorien, Irrenanstalten, Leben in der Freiheit, gebunden an die Sucht, eine löst die andere ab.“ Hans Fallada aus „Drei Jahre kein Mensch“, Geschichten aus dem Nachlass 1929-1944, Aufbau Verlag 1997

Was für Funken würde nun der kunstsüchtige Theaterverweigerer Sebastian Hartmann aus Falladas Trinkerelegie schlagen können? Nun, um es kurz zu machen, der Noch-Intendant vom Centraltheater Leipzig taucht das Maxim Gorki Theater des Noch-Intendanten Armin Petras in einen psychedelischen Bilderrausch a la Burroughs „Naked Lunch“ und lässt die Schauspieler Samuel Finzi und Andreas Leupold entsprechend ungebremst dazu agieren. Zugute kommt Hartmann dabei, dass man Räusche viel besser in Bilder übersetzen kann, als in allgemein verständliche Sprache. Gerade viele bildende Künstler haben mit Drogen experimentiert, um ihre Eindrücke dabei auf die Leinwand zu bannen. Arnulf Rainers Übermalungen in den 60er Jahren entstanden oft unter dem Einfluss von LSD oder Alkohol. Amedeo Modigliani, Francis Bacon und Jackson Pollock waren starke Alkoholiker, was zumindest Bacon in seinen Bildern auch thematisierte. Wo sich Fallada bemühte Wut, Depressionen, Euphorie und Absturz in eindrückliche Sätze zu pressen, um die verschiedenen Zustände seines Ich-Erzählers zu beschreiben, genügen Hartmann hier die allgemein bekannten Erscheinungsformen von Wutanfällen, Delirium, Krämpfen, und Kotz-Attacken zur Bebilderung. Nicht dass es Falladas Roman an dieser Art von Drastik fehlen würde, das aber in entsprechende darstellende Kunst zu verwandeln, bedarf es etwas mehr als Videos mit flirrenden Insekten und ganze Schlauchentladungen von Erbrochenem.

der_trinker_04.jpg Der Trinker
(Steve Binetti, Andreas Leupold, Samuel Finzi) © R. Arnold/Centraltheater

Es beginnt eher harmlos. Vor einem Varietevorhang, auf dem mittels Video ein Spotlight gezeichnet ist (Bilder vom Leipziger Maler Tilo Baumgärtel), tritt der Gitarrist Steve Binetti, den Hartmann bereits in seinen Inszenierungen „Der Zauberberg“ und „Nackter Wahnsinn / Was ihr wollt“ zur musikalischen Untermalung aufgeboten hatte. Binetti beginnt nun auf einer akustischen Gitarre rumzuzupfen und recht bemüht dazu zu singen. Er wird später die Akustik- gegen einen E-Gitarre tauschen, um mit etwas mehr Verve die Alkoholexzesse seiner beiden Mitspieler zu befeuern. Die musikalische Begeleitung macht Sinn. Binetti gelingt es mit seinem Blues oft besser als den Schauspielern Gemütszustände und Gefühlsschwankungen des Protagonisten in Szene zu setzen. Leupold und Finzi folgen Binetti auf die Bühne, wie dieser in schwarze Showanzüge gewandet und spielen Falladas als Duell getarnten Selbstmordversucht aus jungen Jahren nach. Die Pistolen werden danach imaginär in den Zuschauerraum geworfen und erzeugen ein verspätetes Platschen vom Band. Hartmann geht es nicht um die Darstellung von Realität, sondern um die rein künstlerische Ausbeute dessen, was sich Fallada in der Trinkerheilanstalt abgerungen hat. An der Rampe sitzend, tragen die beiden Schauspieler abwechselnd Textpassagen der Geschichte Erwin Sommers vor und steigern sich dabei Stück für Stück in den Absturz des aus seinem drögen Alltag ohne Liebe und beruflichem Erfolg entfliehen wollenden Geschäftsmanns hinein. Was ihm kurzzeitig Erfüllung verheißt, wird schließlich zur verzweifelten Sehnsucht, die er mit immer mehr Alkohol und einer kurzen Affäre mit der Kellnerin Elsabe, seiner „reine d`alcool“, zu stillen hofft.

Hartmann wollte mit der Aufteilung der Rolle die Zerrissenheit zwischen dem Künstler Hans Fallada und dem Menschen Rudolf Ditzen einerseits sowie dem Süchtigen, dem im Rausch die Realität verschwimmt, anderseits darstellen. Man sieht aber nur einen sich die Haare raufenden Andreas Leupold, dem die Sprache versagt und einem herumhopsenden Samuel Finzi, der seinem Partner an die Kehle geht. Die Flucht in den Alkohol ist zwar immer auch eine Flucht aus der den Süchtigen umgebenden Realität, aber eben auch eine Zumutung für die Umgebung, die weniger mit dem Kunstgedanken Hartmanns, als mit den sichtbaren Auswüchsen assoziiert wird. Dieser Zumutung fühlen sich einige der Zuschauer dann auch nicht gewachsen und verlassen schimpfend den Saal. Ob die Kotzszene, bei der sich Finzi und Leupold Schläuche an alle möglichen Körperöffnungen halten, aus denen minutenlang eine breiige Masse schießt, oder die wimmernden Klänge von Steve Binettis Gitarre der Auslöser dafür sind, sei dahingestellt, einen populären Kunstgeschmack ist Sebastian Hartmann so oder so nicht bereit zu bedienen. Er lässt die Windmaschine aufheulen, der Vorhang, der eben noch ein Kneipenviertel zeigte, wird von allerlei albtraumhaften Getier bevölkert und beginnt schließlich mit ihm zu fliegen. Danach ist Katerstimmung und nicht nur Steve Binetti dürfte wie im Delirium Tremens frösteln.

der_trinker_08.jpg Der Trinker
(Andreas Leupold, Samuel Finzi) © R. Arnold/Centraltheater

Hartmann dekliniert brav alle Stadien des Trinkers durch, inklusive dem Verzehr einer Säuferleber aus rotbrauner Götterspeise und legt noch eine Parodie des Glöckners von Notre-Dame oben drauf. Es könnte aber auch ein Bild für das doppelte Gesicht des Trinkers sein, der wie zwischen Jekyll und Hyde hin und her switcht, bis er sich vollends der abgründigen Seite zugewandt hat und aus der Gesellschaft katapultiert wird. Dazu beschwören Finzi und Leupold fleißig die Hölle. Das letzte Stadium ist nach dem im Delirium verübten Mordversuch von Erwin Sommer an seiner Frau auch bald erreicht und er wird in die Trinkerheilanstalt eingeliefert, aus der ihm nur einmal noch die Flucht gelingt. Nach einem Wutausbruch mit anschließendem Rückfall entmündigt und für immer weggesperrt, gibt es für Erwin Sommer nur noch den einen Wunsch, den Fallada bereits in seiner frühen Erzählung „Die Kuh, der Schuh, dann du“, die er 1919 während einer Entziehungskur schrieb, schildert. Ein drogensüchtiger Student in einer Nervenheilanstalt begeht darin immer wieder Selbstmordversuche, um an eine Kokainspritze des Arztes zu kommen. Auch Sommer hat einen Traum, er trinkt das Sputum tuberkulöser Patienten, um dann ebenfalls todkrank den Arzt um einen letzten Schluck Ethanol bitten zu können. Hier lässt Hartmann noch einmal den Worten Falladas ganz Raum, bevor der nun goldene Vorhang die Darsteller endgültig verschluckt.

Da er dem Stoff diesmal mit recht konventionellen Regieeinfällen beizukommen versucht, bleibt Hartmanns Kunst-Attacke auf den vermeintlich biederen Bildungsbürgergeschmack auch eher blass. Die Einsamkeit und Sehnsüchte des in seiner Ideenwelt gefangenen Künstlers und die Visionen eines durch körperliche Abhängigkeit Gezeichneten lassen sich am Beispiel von Falladas „Trinker“ wohl doch nur bedingt darstellen. Das Ergebnis ist nun seit dem 17.03.12 auch am Centraltheater Leipzig zu bewundern.

Paul Scheerbart, Zeichnungen aus der Jenseitsgalerie um 1902

paul-scheerbart-jenseitsgalerie.gif           paul-scheerbart-2.jpg

Ingrimm

Eine wilde Fratze
Muß ich schneiden,
Denn dies Leben
Macht mir keinen Spaß.
O, ich möchte nur
Ein altes Rabenaas
Mit verrückter Wollust
In zehntausend Stücke reißen,
Und dann möcht ich
Hübsche Mädchenköpfe
Balsamieren mit verfaultem Tran
Oder andrer ekler Flüssigkeit.
Und dann möcht ich
In den Himmel springen
Und die Sterne fressen
Und zuletzt:
Den ganzen Lebensunsinn
Ohne weiteres vergessen
Und als Ätherwolke
Traumlos weiterschweben.
Dieses, glaub ich, wird mir
Noch einmal gelingen.

Paul Scheerbart aus Katerpoesie

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Schwere Kost dann schließlich noch mit Fallada und Hauptmann zum Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater und an der Schaubühne Berlin. (Teil 2)

Mittwoch, September 14th, 2011

Nachdem man viel über den platten Berliner Wahlkampf gelacht und etwas über Gott und die Welt nachgegrübelt hatte, schoben die Schaubühne und das Maxim Gorki Theater mit Gerhart Hauptmann und Hans Fallada auch gleich richtig schweren und ernsten Stoff nach. Friederike Heller versuchte in ihrer dritten Inszenierung für die Schaubühne die „Einsamen Menschen“ von Hauptmann ins moderne Berlin der intellektuellen Ego-Schooter zu transformieren und Jorinde Dröse, als frisch gebackene Hausregisseurin am Gorki, stieg dann sofort in das hauseigene Dramatisierungsteam von dicken Schwarten der Weltliteratur ein. Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ aus dem Berlin der Nazizeit stand diesmal auf dem Programm.

schaubuhne-sept-2011.JPG Foto: St. B. – Spielzeitstart an der Schaubühne am Lehniner Platz

Vergebliche Emanzipationsversuche über Flachwasser – Friederike Heller inszeniert Hauptmanns „Einsame Menschen“ an der Berliner Schaubühne ganz Mitte-tauglich

„Man kann ohne Liebe Holz hacken, man kann aber nicht ohne Liebe mit Menschen umgehen.“ Leo Tolstoi

Die quadratische Bühne kreist über trübem Wasser, das sich erst später als recht flach erweisen wird. Vier Drehstühle, darauf sitzen die jungen Vockerats (Eva Meckbach und Tilman Strauß), die Mutter (Ernst Stötzner in Rock und Herrenhemd) und der Maler Braun, Freund der Familie (Christoph Gawenda). Die Studentin Anna Mahr (Jule Böwe) tritt unvermittelt in die Mitte dieser Kernfamilie und wird sie, wie Hauptmann es in seinem Stück von 1891 beschreibt, buchstäblich auseinander sprengen. Da ist also immer eine(r) zu viel aber auch von Vielem zu wenig. Johannes Vockerat ist mit Frau und Familiennachwuchs an den Berliner Müggelsee gezogen, das banale Familienleben ödet ihn an, er fühlt sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit unverstanden. Sein ebenso unentschlossener wie zielloser Freund Braun ist ihm keine wirkliche Hilfe, die Frau Käthe in seinen Augen keine Unterstützung.
Käthe geht ganz in der Kindererziehung und Hausarbeit auf und ist bei Hauptmann ein farbloses Dummchen. Hier ändert Friederike Heller die Vorzeichen und gibt der sichtlich überforderten, von ihrem Mann in den Alltagsgeschäften allein gelassenen Frau eine Stimme, die sie auch vehement erhebt. In Anna Mahr sieht Johannes die erhoffte, ebenbürtige Figur, die Schwester im Geiste. Die Mutter, bei Stötzner mit viel Ironie versehen, steht zwischen den allgemeinen Emanzipationsversuchen und zeigt die Kraft der religiös bestimmten Familientradition. Sie will den Fremdkörper Anna mit Macht heraustrennen. In Person des Vaters bricht Stötzner dann auch, mit einem direkten Zungenkuss bei der Mahr, den letzten Willen seinen Sohnes.
Es wird nicht ganz klar, warum Friederike Heller Hauptmanns sehr persönliche Familienaufstellung so gegen den Strich und doch auch sehr traditionell inszeniert hat. Da man das nur sehr schwer ergründen kann, beginnt man sich zwangsläufig etwas zu langweilen. Die Figuren haben keine Tiefe mehr, außer der von Käthe, die an Kontur gewinnt, wo sie bei Hauptmann nur in Tränen zerfließt. Allerdings kann sich Heller auch nicht aus dem Korsett des Stücks endgültig befreien und so sitzt man in der Schaubühne wieder vor einer weiteren Bestandsaufnahme der bürgerlichen Seelenlandschaft, nur dass diese hier wie aus einer anderen Welt zu sein scheint. Nicht dass es diese Menschen nicht heute genauso gäbe, aber in Zeiten der Patchworkfamilien wird niemand, und vor allem kein Mann, wegen Orientierungslosigkeit ins Wasser gehen. Der Mann hat schon lange seine Stellung als Familienoberhaupt eingebüßt und sucht nach neuen Bewährungsfeldern.
Intellektuelle Defizite beim potentiellen Partner sind heute ja eher ein Grund erst gar keine Beziehung oder sogar eine Ehe einzugehen. Bleibt das Familienproblem mit Kindern und Haushalt. Das stellt Heller ja auch interessanter Weise in den Vordergrund. Nur kommt es einem trotzdem vor, als würde sie hier von Ihren Eltern erzählen, wie Jorinde Dröse das am Maxim Gorki Theater mit Ibsens „Nora“ gemacht hat. Heute würde die Konstellation von Hauptmann spätestens nach dem 4. Akt auseinander fliegen und man würde sich im Rest des Stückes mit den jeweiligen Anwälten um das Sorgerecht streiten. Bleibt noch ein Punkt, der vielleicht von Interesse wäre, gibt es eine platonische, rein freundschaftliche Beziehung zwischen Mann und Frau? Auch nicht gerade ein neues Thema. Liebe scheint es ja nicht zu sein, was Johannes und Anna zusammen treibt, sondern eher die gemeinsamen Interessen und mangelnde andere Möglichkeiten.
Der verhinderte Schöngeist Johannes kann mit irdischen Problemen nichts anfangen und klammert sich an diese, ihm einzig ersterbenswerte Möglichkeit, dem Alltag zu entrinnen. Welche Motive Anna hat, bleibt völlig unklar. Es scheint, als ob sich das Inszenierungsteam nicht einig war, welche Themen hier eigentlich bearbeitet werden sollten. Der Verweis auf den Russischen Realisten Wsewolod M. Garschin, einem Vorbild von Gorki und Tschechow, mit der Erzählung „Künstler“ im Programmheft, läßt das vermuten. Hauptmann kannte die Russischen Schriftsteller und Dramatiker auch. Er war wiederum ein Vorbild für Anton Tschechow. Es wirkt wie ein Fehlgriff im Bücherregal, anstatt Tschechow zieht man Hauptmann heraus und versucht das krampfhaft zu kaschieren. Die Leichtigkeit der letzten Inszenierungen von Friedrike Heller an der Schaubühne geht ihr bei diesem schwierigen Thema völlig verloren. Viel Gerede und Getue und am Ende ist einer tot. Dazu klimpert es noch ein wenig von Michael Mühlhaus´ Flügel her. Das Ganze ist wie Planschen im nebulösen Flachwasser, allerdings auf schauspielerisch recht hohem Niveau.
Das Stück entpuppt sich schließlich als sehr resistent gegen Hellers Tranformationsversuche ins Heute. Es zeigte auch ursprünglich die Unfähigkeit der Emanzipation von Mann und Frau in der Übergangszeit der Jahrhundertwende. Johannes ist noch nicht fähig sich den tradierten Rollenvorgaben seiner Eltern zu entziehen. Er sucht einen Partner im Geiste und da er ihn nicht in seiner Frau zu finden vermag und in Anna nicht finden darf, geht er zu Grunde. Hauptmann war außerdem kein Verfechter der Frauenemanzipation wie vielleicht Ibsen. Die einzige Emanzipation die er seinen Frauenfiguren und übrigens auch seinen eigenen Frauen zugestand, war die Verwirklichung an der Seite ihres Mannes. Käthe soll sich für die Arbeit ihres Mannes interessieren, um so ihren Horizont zu erweitern. Anna Mahr ist hier auch kein Idealbild einer emanzipierten Frau, sondern eher ambivalent. Einerseits selbständig und frei, anderseits sucht sie eine emotionale Bindung und glaubt, diese in der Familie Vockerat gefunden zu haben. Das sind Widersprüche wie sie gerade auch jetzt wieder in der anonymen Großstadt auftreten. Vielleicht will Friederike Heller ja gerade das zeigen. Die Unfähigkeit des modernen Menschen auf die Befindlichkeiten des anderen einzugehen. Alles einsame Egos eben, immer fehlt irgendetwas zur eigenen Selbstverwirklichung.

„Heil Hitler! Herr Nachbar.“ Jorinde Dröse karikiert Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ am Maxim Gorki Theater

Nachdem mit „Kleiner Mann – was nun?“, „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, „Der Trinker“ und „Bauern, Bonzen und Bomben“ Falladas Werke schon mehrfach für das Theater adaptiert wurden, hat der vom Staatsschauspiel Dresden kommende Dramaturg Jens Groß eine neue Theaterfassung des Romans „Jeder stirbt für sich allein“ für das Maxim Gorki Theater geschaffen. Unter seiner Mitarbeit entstand schon gemeinsam mit Armin Petras eine Adaption des Dresden-Romans von Uwe Tellkamp „Der Turm“. Das Gorki wird sich in dieser Spielzeit wieder mit dem Erzählen von Geschichte beschäftigen und dabei vorrangig Geschichtsräume durchstreifen. Im Vordergrund steht hier der Stadtraum Berlin selbst und dessen Menschen. Der Hausherr Armin Petras wird sich noch im September mit Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ befassen.
Um zwischenmenschliche Defizite geht es auch in „Jeder stirbt für sich allein“, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen als bei der Inszenierung „Einsame Menschen“ an der Schaubühne. Hans Fallada beschreibt in seinem Roman auf sehr drastische Weise, die Zustände unter den kleinen Leuten in der Zeit des Dritten Reiches in Berlin. Voll Unbehagen spricht er beim Schreiben von „… der völligen Trostlosigkeit des Stoffes … ein von vornherein aussichtsloser Kampf, Verbitterung, Hass, Gemeinheit, kein Hochschwung.“ Für diesen Schwung will nun Jorinde Dröse in ihrer neuen Regiearbeit am Gorki sorgen. Und genauso beginnt die Inszenierung auch, indem Julischka Eichel als Postbotin Eva Kluge auf der Stelle rennt und den Leuten im Haus des Ehepaars Quangel die Post bringt. Vom ständig „Heil Hitler!“ brüllenden Persicke mit passendem Bärtchen (Robert Kuchenbuch) bis zur alten und völlig verstörten Jüdin Rosenthal (Matti Krause) werden die Bewohner im Schnelldurchlauf vorgestellt.
Otto, der Sohn von Anna und Otto Quangel ist gefallen, diese Botschaft ereilt sie 1940 in der allgemeinen Euphorie des Frankreichfeldzugs. Selbst bisher bedenkenlose Mitläufer, reift nun bei ihnen, infolge der Trauer, der Wille etwas tun zu müssen. Sie schreiben Postkarten, in denen sie das menschenverachtende Hitlerregime anklagen. Ruth Reinecke und Andreas Leupold spielen die Beiden eher ruhig, ohne große Gesten, ganz im Gegensatz zu den andren Figuren, die schnell und schrill hinkarikiert werden. Sieben Schauspieler teilen sich die 22 Rollen. Das erinnert immer wieder an Jan Bosses Version von Günter Grass´ „Blechtrommel“, in der auch sieben Schauspieler eine Beziehung zur Hauptfigur des Romans suchten. Hier sind sie meist nur Chargen ohne greifbare Konturen. Einzig zwei Figuren haben längere Auftritte, um einen Charakter entwickeln zu können. Ottos Verlobte Trudel (Julischka Eichel) erst Mitglied in einer Kommunistischen Widerstandszelle, dann auf der Suche nach dem privaten Glück und der Zuhälter Enno Kluge (Albrecht A. Schuch), ein durchtriebener Schlawiner, der letztendlich aber auch Opfer eines Systems wird, dem er mit seiner Bauernschläue nicht gewachsen ist. Alle anderen toben immer wieder schreiend und wild gestikulierend an der Bühnenschräge auf und ab, oder fallen schließlich tot ins Aus.
Was Fallada auf 700 Seiten langsam entwickelt, handelt Jorinde Dröse in gut zwei Stunden ab. „Brot und Arbeit“ die Nazi-Parole der 30er Jahre steht über der Bühne auf Plastikvorhängen, die runtergerissen im Hintergrund den Blick auf die Fragmente des Wortes „Freiheit“ freigeben. Die Zusammenhänge dazwischen bleiben vage, in nur wenigen Szenen treten die Quangels gegen die Mitläufer, Denunzianten und Vertreter des Systems an. Michael Klammer gibt die Travestie einer blonden SS-Gattin und ihren Ehemann dazu und darf sich dann noch als sadistischer Obergruppenführer Prall austoben, der dem erfolglosen Kommissar Eschrich (Robert Kuchenbuch) ein Waterboarding verpasst und als besondere Foltermethode zum Schlagzeugsoli dessen Kopf in die Trommel legt. Fallada selbst war die Düsterkeit und Darstellung der Gewalt in seinem Buch unangenehm und er versuchte sich dafür zu entschuldigen, es wäre eben so gewesen. Das wie immer spielfreudige Gorki-Ensemble müht sich tapfer, diese Drastik darzustellen, kann aber so, außer der Bilder, keine wirkliche Haltung zum Roman finden.
Das Ende wirkt dagegen wieder eher unspektakulär, nach der Denunzierung werden die Quangels festgenommen, den Prozess und die Hinrichtung spart Jorinde Dröse aus. Die ambivalente Figur des Kammergerichtsrats Fromm, der Otto Quangel während des Prozesses eine Zyankalikapsel zuspielt, bleibt dadurch bei Robert Kuchenbuch eher blass. Es gibt dafür einen Ausblick auf ein Was wäre wenn. Julischka Eichel und Michael Klammer stehen als junges Paar Trudel und Karl an der Rampe und sinnieren darüber ob man nicht etwas tun müsse, es darf nur kein Risiko dabei sein. Die Frage des Gewissens neu aufgeworfen, nur dass der eigentliche Bezug dazu in dieser knalligen Inszenierung irgendwie verloren gegangen ist. Man kann zur Abwechslung auch Falladas Roman wieder lesen. Er ist in diesem Jahr in ungekürzter Fassung beim Aufbau Verlag neu erschienen.

Erschienen im Aufbau Verlag. fallada.jpg
Gebunden mit Schutzumschlag, 704 Seiten, 19,95 €.

Die Fallada-Zitate sind dem Nachwort von Almut Giesecke entnommen.

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