Archive for the ‘Hans Otto Theater Potsdam’ Category

Aufpolilierte Klassiker – Shakespeares „Lear“ an der Berliner Volksbühne und Grillparzers Trilogie „Das goldene Vlies“ am Hans Otto Theater Potsdam

Montag, Februar 13th, 2017

___

Shakespeare für Bekloppte? – Silvia Rieger zerschlägt mit einem wüsten Lear an der Volksbühne das Erbe Frank Castorfs

LSD (c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

„Lear her oder Leben! Ostdeutsche Szene: Berliner Räuber plündern William Shakespeare in Frank Castorfs Volksbühne“ titelte die F.A.Z. im Oktober 1992. Der Großkritiker Gerhard Stadelmaier verriss die Premiere des damals frisch inthronisierten Volksbühnenintendanten Frank Castorf kurz und bündig mit den Worten: „Castorf plündert und prügelt Shakespeare.“ Was Stadelmaier nicht verhindern konnte, die Volksbühne wurde 1993 Theater des Jahres und mit Castorfs König Lear und Marthalers Murx den Europäer als einziges Haus mit gleich zwei Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Frank Castorf trug mit seinem Lear in mehrfacher Hinsicht ein greises System zu Grabe – das der alten DDR-Parteibosse und das der in seinen Augen überkommenen westdeutschen Theaterpatriarchen – besorgt von einem geharnischten Schlägertrupp aus sieben Rittern.

Mittlerweile gehört Frank Castorf – wie auch Gerhard Stadelmaier – selbst zum Alten Eisen der Theaterherrscher. Ein großer König zwar und immer noch unruhiger Geist, aber einer, der am Ende dieser Spielzeit endgültig abdanken muss. Vorab übergibt Castorf schon mal probeweise das Zepter an den Schauspielnachwuchs. Gegeben wird wieder ein Lear, als wäre es eine Reminiszenz an die alten Zeiten des Aufbruchs oder aber auch ein Abgesang an die von Frank Castorf. Regie bei dieser Kooperation der Volksbühne mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ führt Castorfs langjährige Mitstreiterin Silvia Rieger. Sie hat bereits im letzten Jahr Gorkis Sommergäste mit Studierenden der HfS ziemlich chaotisch auf Bert Neumanns kargen Asphaltbeton geknallt.

Auch bei Riegers Lear nach Shakespeare versinkt die Welt im Chaos. Ein papierenes Reich, zerrissen und zerknüllt, geworfen vor jaulende Hunde. König Lear möchte sich im Alter von der materiellen Last und Verantwortung des Regierens befreien, indem er sein Reich unter seine drei Töchter aufteilen will. Die Art des Bekenntnisses der Liebe zu ihm soll über die Größe des Erbteils entscheiden. Zwei Töchter reden dem Vater nach dem Mund, die dritte liebt ihn aufrichtig, aber nicht mehr als es einer Tochter geziemt und wird dafür von Lear verbannt. Die Welt ist schlecht, voll von Gier, Neid, Lüge und Verrat. Die Alten sind der Jugend lästig und ernten nun, was sie einst dem Nachwuchs eingepflanzt. Das kann einem schon mal die Sprache verschlagen. Lear ist ein einziger Schrei ohne Worte. Silvia Rieger gibt ihn selbst. Ein senil greinender Greis im güldenen Schlafanzug mit umgehängtem Sandmannbart.

 

Lear an der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Shakespeares Plot des von seinen Töchtern gedemütigten und langsam dem Wahnsinn verfallenden Lear ist in Silvia Riegers Inszenierung nur noch in Splittern erkennbar. Man spielt die Tragödie ganz als Castorf-Farce. Lears Töchter sehen aus wie Chicks on Speed. Regan und Goneril sind hier bipolar in einer Figur vereint, während die jüngste Tochter Cordelia nur mal kurz und stumm vorbei stöckelt. Dafür brüllen Graf Gloucester und sein Bastardsohn Edmund umso lauter. Dass im Stück mehrere Briefe mit intrigantem Inhalt hin und her gehen, verleitet die Regisseurin zu einem Slapstick mit großem Briefkasten, aus dem eine Flut von Papier quillt, die nicht mehr zu bändigen ist. Ein Running Gag des Abends. Auf derart zugemüllter Bühne entspinnt sich ebenfalls ungebremst ein zunehmender Wahn aus Kreischarien, minutenlangem Topfschlagen und anderen Blödelszenen.

Ja so warn’s die alten Rittersleut‘, ist man geneigt zu denken. Neune machen einen Lärm für Hundert. Weiter marschiert ein Trupp Rotkäppchen auf. Es wird noch was vom Pferd und Kühlschrank erzählt und Leinezwang für Bullterrier in Brandenburg gefordert. Da sperrt sich der getreue Kent glatt selbst in den Block, wie die ganze Inszenierung in einem Narrenkostüm steckt. Die Kappe dazu bietet der Lear’sche Narr seinem König an. Die Bühnenwelt ist aus den Fugen und zerfällt in zwei Teile. Links werden Heiner Müllers gesammelte Werke gegeben, rechts spielt man die von Shakespeare. Othello muss nach Zypern. Es geht gegen die Türken. Aha. Und alle wollen an die Front, doch „das kostet Menschenleben“. Na sowas.

Nachdem Riegers Lear noch was in unverständlichem Englisch gebrabbelt hat, eröffnet der Müller-Kiosk an der Wolokolamsker Chaussee. Es gibt Bier und Heiner Müller satt. „In meinem Kopf der Krieg hört nicht mehr auf.“ Cordelia stürmt als Asiat, ein Barbar aus dem Osten, die Bühne und brüllt etwas von Kriegspatriotismus – bis alles am Boden liegt. Schon zu Beginn zitiert Silva Rieger aus dem Doors-Song The End. Am Ende lässt sie den Vorhang zuziehen. Der Rest ist Schnee und Schweigen.

***

LEAR (Volksbühne, 02.02.2017)
nach William Shakespeare
Regie: Silvia Rieger
Raum: Bert Neumann
Bühne und Kostüme: Laurent Pellissier
Licht: Torsten König
Dramaturgie: Sabine Zielke
Mit: Maximilian Hildebrandt, Daniel Klausner, Benjamin Kühni, Jeremy Mockridge, Marie Rathscheck, Kim Schnitzer, Léa Wegmann, Felix Witzlau (alle 4. Studienjahr Schauspiel) und Silvia Rieger
Premiere in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war am 01.02 2017.
Weitere Termine: 26.02. / 09. + 30.03. 2017
Eine Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“

Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/lear/

Zuerst erschienen am 03.02.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Doppeldeutiger Kugelmensch – Alexander Nerlich inszeniert am Hans Otto Theater einen in zwei Teile zerfallenden Abend um Das goldene Vlies von Franz Grillparzer

Das goldene Vlies am Hans Otto Theater – Foto (c) Göran Gnaudschun

Mit doppeldeutigen Geschöpfen hat es der junge Regisseur Alexander Nerlich. Er verdeutlicht die innere Gespaltenheit der Hauptfiguren in seinen Inszenierungen oft durch Doppelbesetzungen. Und wie schon im Urfaust und dessen nordischer Entsprechung Peer Gynt bekommt auch die mythische Medea aus Franz Grillparzers Trilogie Das goldene Vlies eine kleine Doppelgängerin an die Seite gestellt. Das ist im Falle Grillparzers nur logisch, spiegelt sich doch in seiner Medea auch Freuds Prinzip der kindlichen Triebunterdrückung, die sich dann im Erwachsenen unterbewusst bahnbricht. Am Hans Otto Theater Potsdam verkörpert die jugendliche Renée Carlotta Gerschke diese dunkle Seite der erwachsenen Medea, die von der rothaarigen Schauspielerin Marianna Linden dargestellt wird.

Medea ist die Königstochter eines antiken Barbarenvolkes auf Kolchis. Der Grieche Phryxus (Peter Pagel) brachte einst auf der Flucht das goldene Widderfell, um das es hier u.a. geht, als Gabe für den Gott der Kolcher mit. Der Gastfreund, wie auch der erste Teil von Grillparzes Trilogie heißt, wird von König Aietes (Bernd Geiling) als fremder Eindringling getötet. Er bedient sich dabei der Zauberkräfte Medeas, die sich daraufhin, geplagt von düsteren Visionen, in einen Turm zurückzieht. Auf dem Vlies lastet nun ein Rachefluch, der sich durch die ganze weitere Geschichte zieht.

Nerlichs Inszenierung streift den ersten Teil nur kurz wie eine Art Rückblende. Kaum ist Phryxos tot, landet auch schon Jason mit seinen Argonauten auf der Suche nach dem sagenumwobenen Vlies auf Kolchis. Das Land der Barbaren ist im Bühnenbild von Tine Becker ein karger, düsterer Ort. Eine schwarze Plane im Hintergrund, dürres Strauchwerk mit Tierschädeln, eine mit okkulten Zeichen bemalte kleine Hütte und eine Badewanne weisen auf primitive Opferriten hin, was sich auch in der dunklen Kleidung der Kolcher (Kostüme: Matthias Koch) spiegelt. Regisseur Nerlich liebt das Unerklärbare und Düstere, und so atmet diese an Fluxus, Informel und Art Brut erinnernde Klang-Kunst-Installation auch viel Archaik und Mystik bis hin zu einem bedrohlichen Gothik-Sound.

Viel mehr an Ideen hat diese Inszenierung bis zur Pause allerdings nicht zu bieten. Nerlich setzt voll auf die Wirkung von Bühnenbild und Körperkraft. Das psychologische Motiv der sich gegenseitig anziehenden und gleichzeitig fremden Charaktere Medea und Jason tritt dabei weitestgehend in den Hintergrund. Der bisweilen pathetische Ton der Vorlage wird durch ständige Kampfchoreografien gebrochen. Die beiden testosterongesteuerten Männer Jason (Florian Schmidtke) und Milo (Wolfgang Vogler) überrollen Kolchis wie ein SEK-Kommando in schwarzen Schusswesten. Pistolen gegen Messer. Da ist der Bruder Medeas, Absyrtus (Jonas Götzinger als Spacko im schwarzen Netzhemd), klar unterlegen. Sprüche wie „Krieg ist Scheiße, hat aber einen geilen Sound.“ oder „Erkenne deinen Herrn.“ verdeutlichen das Wesen Jasons als Eroberer. Da klingt das poetische Bekenntnis seiner Liebe zu Medea als wiedergefundene Hälfte des Platon’schen Kugelmenschen schon etwas befremdlich. Jason bleibt auch in der Liebe ein berechnender Eroberer.

 

Das goldene Vlies am Hans Otto Theater
Foto (c) Göran Gnaudschun

 

Wirklich blutig wird es allerdings erst, als Jason und Medea nun vereint sprechend im blutroten Vlies aus der Wanne steigen. Hier macht die Inszenierung einen Schnitt und setzt nach der Pause in Korinth wieder ein. Medea und Jason lagern im Zelt vor der Stadtmauer. Ein deutlicheres Bild lässt sich für Medea als Flüchtende nicht finden. Sie möchte die Vergangenheit hinter sich lassen und einen Neuanfang mit Jason. Das verfluchte Vlies versenkt sie im Bühnenboden. Einerseits Zwang zur Assimilation und andererseits Vorurteil und Ablehnung gegenüber allem Fremden bestimmen nun den Medea-Teil, der im wesentlich helleren Griechenland zwischen flexibel verschiebbaren Wänden spielt.

Peter Pagel als Korinths König Kreon und Denia Nironen als dessen Tochter Kreusa sind in Haute Couture und Benehmen das Ziel, das es zu erreichen gilt. Dabei lassen beide Medea aber stets spüren, dass sie hier nicht dazugehört. König Kreon, der selbst scharf auf das Vlies ist, hält sich das Flüchtlingspaar wie eine exotische Tierart in einem Glas-Terrarium. Als Schulmeisterin Medeas bleibt Kreusa stets reserviert. Dabei absolviert Medea ein regelrecht erniedrigendes Zuchtprogramm, das in der Katastrophe enden muss. Die Abkehr Jasons von Medea und die Zuwendung zur alten Liebe Kreusa erfolgt recht schnell. Medea wird alle Schuld angelastet. Verschmäht und der Kinder beraubt, die sich nun von Kreusa beeinflusst ebenfalls von ihr abwenden, erwacht ihr altes Ich in Gestalt ihrer Doppelgängerin, die die Widersacherin mordet. Ihre Kinder tötet Medea ja bekanntlich ebenfalls. Viel mehr vermag Nerlich aus seiner Interpretation der Doppeldeutigkeit der Figur nicht herauszuholen.

Gier nach Macht und Reichtum, endlose Gewalt, Ausgrenzung und der Zusammenprall der Kulturen gepaart mit einer leidenschaftlichen Liebe, die in einer Ehetragödie endet. Breiter gefächert könnte der inhaltliche Anspruch, dem sich die Inszenierung hier stellt, nicht sein. Aus den verschiedenen Teilen der Trilogie ein dramatisches Ganzes zu formen, gelingt Alexander Nerlich allerdings nur bedingt. Aber vielleicht lässt sich auch aus dem etwas angestaubten Grillparzer-Vlies nicht viel mehr herausklopfen. Es wäre durchaus mal wieder an der Zeit für eine neue Medea-Bearbeitung.

***

Das goldene Vlies (Hans Otto Theater, 03.02.2017)
von Franz Grillparzer
Regie: Alexander Nerlich
Bühne: Tine Becker
Kostüme: Matthias Koch
Musik: Malte Preuß
Choreografie: Alice Gartenschläger
Dramaturgie: Christopher Hanf
Besetzung:
Medea: Marianna Linden
Jason: Florian Schmidtke
Gora: Sabine Scholze
Phryxus/ Kreon: Peter Pagel
Aietes: Bernd Geiling
Peritta/ Kreusa: Denia Nironen
Milo: Wolfgang Vogler
Absyrtus: Jonas Götzinger
Junge Medea: Renée Carlotta Gerschke, Clara Sonntag
Premiere war am 03.02.2017 im Hans Otto Theater
Termine: 24.02. /  07., 19.03.2017

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 05.02.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Sex, Karriere und No Futur – Zwei Inszenierungen in Berlin und Potsdam beschäftigen sich mit Träumen und Krankheiten der Jugend in der kapitalistischen Gesellschaft

Freitag, Januar 20th, 2017

___

Frühverrentet – Am Berliner Ensemble sieht Ferdinand Bruckners Krankheit der Jugend in der Regie von Catharina May ziemlich old-fashioned aus.

„Ich liebe das Bett. Ich fühle mich darin geborgen, wie in der Heimat.“ sagt die laszive, lebensmüde Desiree im 1925 von Ferdinand Bruckner geschriebenen Drama Krankheit der Jugend. Auch heute soll die Jugend ja gelegentlich nicht so recht aus dem Bett kommen. In der neuen Inszenierung von Regisseurin Catharina May im Pavillon des Berliner Ensembles lümmelt sie vorzugsweise auf einer alten, gepolsterten Couch, wenn sie sich nicht gerade an die Wäsche geht oder in die Haare gerät.

Bruckner beschreibt in seinem Drama eine perspektivlose, desillusionierte Gruppe von Studenten im Wien nach dem Ersten Weltkrieg. Zwischen Verlorenheit, Zynismus und der Suche nach Alternativen geben sich die Protagonisten wechselnden Liebesbeziehungen, Alkohol- und Drogenräuschen sowie psychologischen Experimenten hin. Für die damalige Zeit war das noch ein relativ skandalöser pathologischer Befund. Aber was könnte man nun heute als die „Krankheit der Jugend“ bezeichnen?

 

Krankheit der Jugend von Ferdinand Bruckner am Berliner Ensemble – Foto (c) Monika Rittershaus

 

Außer jeder Menge Retrochic mit Couch, Klamotten und SMEG-Kühlschrank scheint der ebenfalls noch recht jungen Regisseurin da nicht allzu viel eingefallen zu sein. Neben der sich am Ende mit Veronal ins Jenseits befördernden Desirée (Larissa Fuchs), die ansonsten mit latentem Schlafzimmerblick und rauchiger Stimme auffällt, sind es v.a. der Hedonismus in Gestalt des mit Konfetti um sich werfenden Verführers Freder (Sven Scheele), der auch mal seinen Body von Lederjacke und Shirt befreit, und die lautstarken Zickenduelle zwischen der von ihrem Möchtegernliteraten „Bubi“ Petrell (Felix Strobel) verlassenen Marie (Celina Rongen) und ihrer Rivalin, der kühlen Streberin Irene (Marina Senckel), die hier den Ton angeben.

Heißt das dekadente Credo bei Bruckner noch: „Entweder man verbürgerlicht, oder man begeht Selbstmord. Einen anderen Ausweg gibt es nicht“, scheint hier eigentlich alles schon irgendwie vollkommen saturiert. Von „Existenzirrsinn“ und dem Leiden an sich selbst wird nur noch geschwafelt. Das könnte natürlich eine mögliche heutige Setzung einer bereits bei Zeiten verspießerten Jugend sein. Auch die Moralpredigten des ziemlich schlaffen Sofasurfers Alt (Felix Tittel) verhallen hier relativ wirkungslos. So wie sein „Man desertiert nicht.“ aus einem Mangel an Alternativen resultiert, ist das Verderben des properen Hascherls Lucy (Karla Sengteller) durch Freder nur Ausdruck der Langeweile. Die Sehnsucht nach Ehe, Karriere und Verbürgerlichung ist allseits groß.

Catharina May wickelt Bruckners psychologisches Kammerspiel teils recht unterhaltsam ab. Es verkommt aber auch etwas zur komischen Nummernrevue mit 70th- und 80th-Popsongs wie „The Passenger“ von Iggy Pop oder „Sweet Dreams“ von den Eurythmics. Die Partyblase vergnügt sich bei Alkohol und pseudophilosophischen Gedankenspielen. Selbst die vorübergehende lesbische Beziehung zwischen Marie und Desirée ist da nur eine Spielart der Liebe von vielen möglichen. Die Qual der Wahl. Sich auf ihrer Reise vermeintlich ziellos Treibenlassende werden schließlich zu Passagieren hinter Glas. Zukunft scheintot oder „Rokokoschreibtisch“. Bruckners dramatisches Ende erspart uns die Regisseurin zum Teil und lässt Marie in den Kühlschrank entfliehen. Das macht Sinn.

***

KRANKHEIT DER JUGEND (BE, 05.01.2017)
von Ferdinand Bruckner
Regie: Catharina May
Bühne und Kostüme: Maria-Elena Amos
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Mit: Larissa Fuchs, Celina Rongen, Marina Senckel, Karla Sengteller, Sven Scheele, Felix Strobel, Felix Tittel
Premiere war am 05.01.2017 im Pavillon des Berliner Ensembles
Termine: 23., 30.01. 2017

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

Krankheit der Jugend von Ferdinand Bruckner am Berliner Ensemble – Foto (c) Monika Rittershaus

Zuerst erschienen am 09.01.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Die schönen Dinge – Wojtek Klemm adaptiert den Roman Les jolies choses der französischen Skandalautorin Virginie Despentes für das Hans Otto Theater Potsdam

Die schönen Dinge am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Will man momentan etwas über das Hans Otto Theater Potsdam schreiben, kommt man nicht umhin, die Nichtverlängerung des Vertrags von Intendant Tobias Wellemeyer zu erwähnen. Ein kleiner Provinzskandal, wenn auch die Trennung „in einem gemeinsamen Entscheidungsprozess“ mit dem Potsdamer Bürgermeister Jann Jakobs vereinbart worden sein soll, wie es in der Lokalpresse heißt.

Förderverein und Ensemble stehen jedenfalls demonstrativ hinter Wellemeyer, auch wenn es Querelen hinter den Kulissen gegeben haben soll. Aber: Nichts Genaues weiß man nicht. Jakobs sieht einerseits das Theater gut aufgestellt, betont andererseits aber auch, dass es an der Zeit sei, neue Impulse zu setzen. In seinen 9 Jahren in Potsdam hat Tobias Wellemeyer als Regisseur selbst einige künstlerische Akzente setzen können. Erwähnt seien hier nur die Romanadaptionen Der Turm von Uwe Tellkamp, Alexander Solschenizyns Krebsstation oder Auferstehung von Leo Tolstoi. Als Intendant hat er ein beim Potsdamer Publikum beliebtes Ensemble aufgebaut sowie junge und interessante RegisseurInnen wie etwa Barbara Bürk, Annette Pullen, Stefan Otteni oder Alexander Nerlich ans Haus geholt.

*

Auch der polnische Regisseur Wojtek Klemm gehört durchaus zu diesem Kreis. Er hat in Berlin an der HfS Ernst Busch Regie studiert und ist bekennender Castorf-Verehrer, was man seinen Inszenierungen durchaus ansieht. Neben kleineren Arbeiten an der Volksbühne inszenierte Klemm auch in Stuttgart, Polen, der Schweiz und Israel. Nach 3000 Euro nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle sind Die schönen Dinge nach dem 1998 entstanden Roman Les jolies choses der französischen Skandalautorin Virginie Despentes seine zweite Regiearbeit am Hans Otto Theater.

Die 1969 geborene Despentes ist einem breiteren Publikum vor allem durch die Verfilmung ihres 1996 geschriebenen Erstlings Wölfe fangen bekannt geworden. Zwei vergewaltigte Frauen morden sich in einem blutigen Road- und Rache-Movie durch Frankreich. Baise-moi (dt.: Fick mich) war ein Skandal auf dem Filmfestival Cannes und wurde in Frankreich als Pornofilm auf den Index gesetzt. Pornografie, Inzest sowie die männliche Ausnutzung und Unterdrückung weiblicher Sexualität gehören zu den Themen der ehemaligen Punkmusikerin und DJane. Ganz so radikal geht Despentes in ihrem 2001 in deutscher Übersetzung als Pauline und Claudine erschienen Roman nicht zu Werk.

 

Die schönen Dinge am Hans Otto Theater Potsdam
Foto (c) HL Böhme

 

Erzählt wird die Geschichte der ungleichen Zwillingsschwestern Pauline und Claudine, die in ihrer Kindheit durch einen dominanten Vater immer wieder wechselnd gegeneinander ausgespielt wurden. Während sich die eher unscheinbare Pauline später aus der Großstadt zurückgezogen hat, lebt die mit ihrer Sexualität recht freizügig umgehende Claudine in Paris und träumt von einer Karriere als Sängerin. Sie nutzt dafür ihren Selbstdarstellungstrieb und die sexuelle Anziehungskraft als Frau aus. Da sie selbst nicht singen kann, bittet sie ihre talentierte Schwester Pauline, die Demos für einen potentiellen Plattenvertrag einzuspielen. Während eines ersten Konzerts, bei dem Pauline widerwillig die Rolle Claudines eingenommen hat, stürzt sich diese aus dem Fenster ihrer Pariser Wohnung.

Da erst setzt die Inszenierung von Wojtek Klemm in der Potsdamer Reithalle ein. Das erspart einerseits eine schwierige Doppelrolle für die Schauspielerin Nina Gummich, die hier bereits als Isa in Tobias Wellemeyers Adaption von Wolfgang Herrndorfs letztem, Fragment gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe brillieren konnte. Anderseits können sich Regie und Darstellerin so ganz auf die Entwicklung der Figur der Pauline konzentrieren, die in einem Spontanakt an der Leiche der Schwester deren komplette Identität übernimmt. Und Nina Gummich macht das wieder exzellent. Ihr zur Seite stehen Friedemann Eckert als Claudines Musiker-Kollege, der die Einführung Paulines in die Welt der Schwester übernimmt, Eddie Irle als Paulines zunächst im Knast sitzender Geliebter Sébastien, der vor seiner Haft heimlich auch eine Affaire mit Claudine unterhielt, René Schwittay als Big (Platten)Boss und der Musiker Marc Eisenschink, der live den Sound zur Inszenierung sampelt.

Das entspricht in etwa auch der Figurenkonstellation des Romans, wobei Klemm die Handlung nicht ganz linear erzählt, sondern eher episodenhaft streift. Anton Unai hat dazu eine Bühne mit Doppelbett in der Mitte, einer Sitzecke mit Regal und einer Art Telefonzelle an den Rändern gebaut. Die Bühnenrückseite zieren explizite Graffitis und Sprüche. Dazwischen projizieren die Schauspieler mit mehreren Livekameras immer wieder ihre Gesichter. Wojtek Klemm hat in seiner Assistenzzeit bei Frank Castorf gut aufgepasst. Auch das Einsprengseln von Fremdtextbrocken ins Spiel hat der Regisseur von seinem Vorbild übernommen. Hier sind es vor allem Passagen aus Alice im Wunderland, wobei die Männer in Rollschuhen und Märchenkostümen auftreten, oder Peter Pan, die Geschichte von der unschuldigen Kindheit und dem Nichterwachsen-werden-Wollen.

Klemm konfrontiert Despentes‘ Story aber auch immer wieder mit Texten des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq, der u.a. wegen seiner als frauenfeindlich geltenden Darstellungen männlicher Sexualität umstritten ist. Das betrifft vor allem eine Szene des Romans, in der Pauline nach einer Party mit dem Big Boss in einem Swingerclub landet. Die Männer zwängen sich dafür mit Nina Gummich in die enge Telefonzelle. Die Sexszenen Paulines mit den wechselnden männlichen Partnern werden hier auf einem ausgerollten Teppich angedeutet. Natürlich entlarvt Despentes in ihren Romanen auch schonungslos männliches Streben nach Macht, Geld und Sex als Triebfedern des Kapitalismus. Aber v.a. die Gefälligkeiten für den Big Boss, die ihm Pauline für ihre zunächst nur des Geldes wegen angestrebten Musikkarriere gewähren muss, gestalten sich als veritable Lachnummer, in der sich René Schwittay als alternder Macho bewusst der Peinlichkeit Preis gibt.

Natürlich kommt, was kommen muss: Die zunächst noch unsicher im schwarzen Schlabberpulli auftretende Pauline verwandelt sich nach und nach mit Schminke, High Heels und durchsichtigem Glitzerdress in die verhasste Schwester Claudine. Die quälenden Erinnerungen Paulines an die Kindheit, in der sie zunächst für ihr Talent vom Vater gelobt, dann aber in dessen Gunst mehr und mehr von der kalkuliert Körper und Sexualität einsetzenden Schwester verdrängt wurde, singt Nina Gummich immer wieder direkt ins Mikro. Im großen Tohuwabohu der durchaus unterhaltsamen Inszenierung gehen Paulines Reflexionen über ihre erwachende Lust an Sex und Erfolg im Widerspruch zu ihren eigentlichen Träumen von Glück und Liebe etwas unter. Insgesamt ist die Inszenierung dank einer guten Ensembleleistung aber durchaus gelungen.

***

Die schönen Dinge (UA am Hans Otto Theater, 13.01.2017)
Von Virginie Despentes
Nach dem Roman »Les jolies choses«
Deutsch von Michael Kleeberg
Regie: Wojtek Klemm
Bühne: Anton Unai
Kostüme: Anika Budde
Musik: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Helge Hübner
Besetzung:
Pauline: Nina Gummich
Nicholas: Friedemann Eckert
Sébastien: Eddie Irle
Big Boss: René Schwittay
Premiere in der Reithalle des Hans Otto Theaters Potsdam war am 13.01.2017
Termine: 22.01. / 04., 26.02.2017

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 15.01.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Faustens düstere Brüder im Geiste – Schillers „Wallenstein“ an der Berliner Schaubühne und Ibsens „Peer Gynt“ am Hans Otto Theater Potsdam

Mittwoch, Mai 18th, 2016

___

Spät kommt er, aber er kommt zu spät – Michael Thalheimer inszeniert Schillers Wallenstein als müden Melancholiker

Wallenstein von Friedrich Schiller Schaubühne am Lehniner Platz Premiere: 05.05.16 Regie: Michael Thalheimer Bühne: Olaf Altmann Kostüme: Nehle Balkhausen Musik: Bert Wrede Szene mit: Regine Zimmermann, Ingo Hülsmann

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto (c) Katrin Ribbe

Schwerer Nebel begleitet einen schon beim Einlass zu Michael Thalheimers Wallenstein-Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Es ist erst mal nicht viel zu sehen. Düster und brachial haut einen dann auch Bert Wrede seinen gewohnten Bombast-Sound um die Ohren und in die Magengrube. Dazu gibt es einen minutenlangen Prolog mit nackten, blutigen Leibern, die sich um einen vom Schnürboden hängenden halben Pferdekadaver drängen. Der andere Teil, bald ebenso totes Fleisch, sitzt regungslos in Militäruniform mit Orden behangen in einem Lehnsessel am Rand. Es ist Feldherr Wallenstein, Herzog von Friedland, über dessen letzte Tage während des Dreißigjährigen Kriegs Friedrich Schiller eine tagfüllende Trilogie geschrieben hat. Peter Stein hat sie vor Jahren komplett aufgeführt mit einem umherstolzierenden Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle.

Ingo Hülsmanns Wallenstein sitzt fast drei ununterbrochene Stunden lang zusammengesunken sinnierend, während sich um ihn ein Ränkespiel um Macht, Rache und Verrat entspinnt, in das der sein Geschick an die Konstellation der Sterne Hängende viel zu spät tätig eingreifen wird. Hinter ihm steht sein Astrologe und diabolischer Einflüsterer Seni (Lise Risom Olsen). Er hält ihn eisern an der Schulter, bleierne Gewichte scheinen den böhmischen Kriegsherrn im Dienste des österreichischen Kaisers auf seinem Stuhl niederzuhalten. Er grollt und brüllt nur an, was ihm vors halb gesenkte Haupt kommt: vom kaiserlichen Gesandten über die Gefolgsleute bis zu Frau und Tochter.

Regisseur Thalheimer lässt auf der fast ständig halbdunklen, einem Käfig aus Gitterwänden und Boden gleichenden Bühne von Thomas Altmann eine Geschichte von unabwendbarem Schicksal und fataler Selbstüberschätzung spielen, als würde alles nur auf das eine klare Ziel hinauslaufen: Wallensteins Tod. Der Heidelberger Literaturprofessor Dieter Borchmeyer liefert die entstehungsgeschichtlichen Hintergründe zum Drama und eine These zur Verwandtschaft von Schillers Wallenstein zu Goethes Faust, dem melancholischen Bruder im Geiste – ein Essay über den Zusammenhang der beiden Dramen der Weimarer Klassik in ihrer epischen Form sowie den der Sterndeutung mit der Temperamentlehre. Viel wird in beiden Dramen von Schicksalsmacht, geistigen und materiellen Befindlichkeiten geredet, allein drei Stunden Wallenstein lassen sich damit kaum füllen. Da muss auch noch mächtig der Intrigenapparat angeworfen werden.

 

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (c) Katrin Ribbe

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Katrin Ribbe

 

Das Thalheimer‘sche Schauspielpersonal geht dafür immer wieder an die Rampe, um den großen Text Schillers frontal ins Publikum zu sprechen, den man auch in ausgedünnter Form noch genießen und eine Strichliste der geflügelten Worte führen kann. Politischer Erfolg und Verrat liegen hier dicht beieinander, die intriganten Akteure Illo (Andreas Schröders) und Graf Terzky (Felix Römer) pro Wallenstein, Octavio Picolomini (Peter Moltzen) und später Buttler (Urs Jucker) gegen ihn sind im sprachlichen Diktum kaum auseinanderzuhalten. Verschlagenheit, Hass und Furcht vor der eigenen Entschlossenheit lassen sie zudem zappeln, grimassieren und irre lachen.

Ein paar Abstufungen gibt es schon, die das düstere Einerlei der Kostüme durchbrechen. Regine Zimmermanns Gräfin Terzki versucht in wechselnd aufreizender Garderobe zu verführen und greift dem müden Feldherrn auch mal ans Gemächt. Das verhinderte Liebespaar Thekla (Alina Stiegler), Tochter Wallensteins, und Max (Laurenz Laufenberg), Sohn des Octavio Picolomini, trägt noch unbeflecktes Weiß, der jugendliche Idealismus lässt grüßen, hat aber gegen die Abgeklärtheit des Alters nicht viel zu melden.

Sich gegen die Treue zum Kaiser zu entscheiden, um einen Frieden mit den Schweden zu auszuhandeln, hat für Wallenstein auch ganz persönliche Gründe. Er fühlt sich zu Höherem berufen. Seine Entscheidungsarmut erinnert aber nicht nur an das Konfliktaussitzen aktueller Politiker, es hat auch etwas von Shakespeares Hamlet, der lange nicht die richtige Seite findet und am Ende durch die Ränke der anderen fällt. So ist es letztendlich auch mit Wallenstein. Vom einen verraten, vom anderen blutig gemeuchelt und aufs tote Pferd gesetzt, gerät der Stern des selbsternannten Cesaren ins Trudeln. Aber auch der Nachfolger im Sessel hat schon wieder den Einflüsterer vom Anfang im Nacken.

Das ist stringent, ohne große Umschweife und durchaus schlüssig erzählt. Michael Thalheimer beendet mit Schillers Wallenstein seine eigene blutige Kriegstrilogie, die von der antiken Orestie über die mittelalterlichen Nibelungen bis in den Dreißigjährigen Krieg reicht. Die Kriege der Gegenwart und Zukunft stehen hier nicht zur Debatte, man muss dafür aber nicht erst die Sterne deuten.

***

WALLENSTEIN (Schaubühne am Lehniner Platz, 05.05.2016)
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Licht: Norman Plathe
Besetzung: Wallenstein … Ingo Hülsmann Octavio Piccolomini … Peter Moltzen Max Piccolomini … Laurenz Laufenberg Graf Terzky … Felix Römer Illo … Andreas Schröders Buttler … Urs Jucker Isolani, Gefreiter … David Ruland Questenberg, Wrangel … Ulrich Hoppe Seni … Lise Risom Olsen Herzogin von Friedland … Marie Burchard Thekla … Alina Stiegler Gräfin Terzky … Regine Zimmermann
Premiere war am 05. Mai 2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: 3 Stunden, keine Pause
Weitere Termine: 10. – 12. 6. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 07.05.2016 auf Kultura-Extra.

 

**

*

Peer Gynt Alexander Nerlich inszeniert Henrik Ibsens dramatisches Gedicht in Potsdam als düsteres Psychogramm einer gespaltenen Persönlichkeit

Das 1867 von Henrik Ibsen geschriebene dramatisches Gedicht Peer Gynt ist als großes Ichdrama die kongeniale Übersetzung des Faustmotivs in die Gegenwart des modernen Menschen. Nicht umsonst wird es weithin auch als „Faust des Nordens“ bezeichnet. Peer Gynt treibt als einziger Lebenszweck die permanente Sucht nach Selbstfindung und -bestätigung an. Dabei bewegt ihn weniger die Suche nach dem, was die Welt im Inneren zusammenhält, sondern der unbedingte Wille zum Erfolg. Der Außenseiter Peer muss besser sein als alle anderen, die in ihm nur den Verlierer und Träumer sehen. Er ist sich dabei sein eigener Mephisto, eine höchst ambivalente Gestalt, die mit sich selbst ringt.

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam - Foto © HL Böhme

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam – Foto © HL Böhme

Ich-sein oder Nicht sein – was Ibsen zunächst in nordische Mythen von Geistern und Trollen verpackt, später mit frühkapitalistischen Motiven des Geld- und Sklavenhandels sowie philosophischen Metaphern von sich häutenden Zwiebeln und Knopfgießern anreichert – ist für Regisseur Alexander Nerlich das Psychogramm einer manischen, tief gespaltenen Persönlichkeit. Und daher begegnet sich der Peer Gynt am Potsdamer Hans Otto Theater auch immer wieder selbst auf der von Wolfgang Menardi als schwarze Bretterschräge gestalteten Bühne, die seitlich mit ebenso schwarzen Plastikplanen abgehängt ist und in deren Mitte immer wieder ein dunkles Loch droht, das mal mit einfachen, schwarzen Brettern oder später mit goldenen Vorhängen umsäumt wird.

Schon in einer surrealen Eingangsszene stehen sich Bernd Geiling als gealterter Peer aus dem 5. Akt und Alexander Finkenwirth als sein junges Alter-Ego und unheimlicher fremder Passagier in grünen Friesennerzen auf hoher See gegenüber. Der Fremde will Peer Gynt nicht die Seele dafür aber dessen Kadaver abhandeln. „Vor allem suche ich den Sitz der Träume.“ Später wird Finkenwirth als junger Peer mit dem unsichtbaren Krummen, dargestellt von Bernd Geiling, erneut mit sich selbst ringen. Der Weg führt außen rum, immer an sich selbst vorbei. Diesen jungen Peer spielt Alexander Finkenwirth als ungestümen Träumer, der sich in seine Geschichten verstrickt und die Hochzeitgesellschaft der schönen Ingrid (Denia Nironen) aufmischt. Von Mutter Aase (Rita Feldmeier) wird er zwar als Lügner beschimpft, sie nimmt ihn aber auch immer wieder gegen die anderen in Schutz. Aus der Enge der spießigen Bretterbudengesellschaft mit Luftballons und Schlauchboothüpfburg, in die er erst unbedingt hinein will, bricht Peer schnell wieder mit der gestohlen Braut aus.

Im ersten Teil des Abends bleibt Regisseur Nerlich ungewohnt lange bei der heimischen Vorgeschichte des Titelhelden und seiner Mutter Aase, bis Peer sie schließlich in seinen Armen mit schönen Märchen in den Himmel wiegt. Er trifft ein schwarz bemaltes Troll-Ballett, wird zum wilden Tanz gebeten und flieht wieder. Mit der Akkordeon spielenden Solvejg (Franziska Melzer) geht Peer in die Wälder und baut sich eine Hütte aus schwarzen Schlauchbooten. Letztendlich verlässt er aber seine Liebe, um in die Welt zu ziehen. Sei dir selbst genug, ist nicht genug für Peer. Das ist äußerst intensiv gespieltes Theater mit einem ausdrucksstarken Alexander Finkenwirth, der bis zur Pause stetig präsent bleibt. Mal ist er feinfühlig Liebender, dann wieder Ego-Rampensau. Die frisch gereimte, mitunter kalauernde Übersetzung von Angelika Gundlach bietet hier und da auch einige passende Anspielungen zum Theater.

 

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam - Foto © HL Böhme

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam – Foto © HL Böhme

 

Nach der Pause übernimmt Bernd Geiling den Part des nun weit umher und durch Sklavenhandel zu Geld gekommenen Peer Gynt. Ein Lebenszyniker, der mit solariumsgebräunten Bussiness-Chargen (Michael Schrodt, Eddie Irle und Philipp Mauritz in noch vielen weiteren Rollen) an einer Tafel mit schwarzer Plane und Hirschkadaver hockt, und über sein Leben sinniert. Er spielt weiter den „geilen Hahn“, wird von der orientalischen Schönheit Anitra (Denia Nironen) am Gängelband geführt und landet schließlich im Irrenhaus, wo man ihm sein Ich streitig macht. Das ist die wohl stärkste Szene des zweiten Teils, der sonst fast diametral zum intensiven ersten wirkt. Aus dem Loch steigen drei weitere Peers und verwickeln Bernd Geiling in ein wildes Tänzchen des gespaltenen Individuums.

Ein wahrlich faustischer Moment. Den passenden Sound dazu gibt’s von Malte Preuß, der zwischen düsterem Pop, Ambient und Klassik schwankt. Auf schwankenden Planken und Planen bewegt sich auch Peer auf seinem Weg nach Hause, wo er seiner Beerdigung beiwohnt, sein Leben wie eine Zwiebel häutet und unter den Brettern der Welt nur Sand findet. Fast wie im Schnelldurchlauf zieht sein Leben, von dem er glaubte, es ende nie („Man stirbt nicht mittendrin im 5. Akt.“), an ihm vorüber. Doch schon unter der schwarzen Tafel hockt wieder sein jüngeres Alter-Ego, das ihn nicht in Ruhe lässt und schließlich später, wenn er verarmt wieder daheim angekommen ist, als Knopfgießer (Alexander Finkenwirth) einfach als misslungen umgießen will. Erst in den Armen Solvejgs, die ihn in den letzten Traum wiegt, findet der vom eigenen Ich Verfolgte so etwas wie innere Ruhe und ein durchaus bemerkenswerter, gut drei Stunden lang sämtliche Höhen und Tiefen seiner Hauptperson auslotender Abend sein stilles Ende.

***

Peer Gynt (29.04.2016)
von Henrik Ibsen
Deutsch von Angelika Gundlach
Regie: Alexander Nerlich
Bühne und Kostüme: Wolfgang Menardi
Musik und Sounddesign: Malte Preuß
Choreografische Mitarbeit: Alice Gartenschläger
Dramaturgie: Helge Hübner Mit: Alexander Finkenwirth, Bernd Geiling, Rita Feldmeier, Franziska Melzer, Denia Nironen, Michael Schrodt, Eddie Irle, Philipp Mauritz
Premiere war am 23.04.2016 am Hans Otto Theater Potsdam Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Termine: 18. und 29.05. / 03.06.2016

Info: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 03.05.2016 auf Kultura-Extra.

__________

„Bilder deiner Großen Liebe“ und „Kruso“ – Zwei interessante Romanadaptionen im Hans Otto Theater Potsdam

Samstag, Januar 30th, 2016

___

Das Hans Otto Theater Potsdam hat mit der Dramatisierung von Uwe Tellkamps Dresden-Roman Der Turm bereits eine Buchpreis-gekrönte DDR-Geschichte im Spielplan. Nun kommt nach Magdeburg und Gera mit der Bühnenbearbeitung von Lutz Seilers Insel-Roman Kruso eine weitere hinzu. Der aus Gera stammende Autor hat dafür 2014 den Deutschen Buchpreis erhalten. In seinem Romanfragment Bilder deiner großen Liebe beschreibt der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf den Ausbruch des lebenshungrigen Mädchens Isa aus der Psychiatrie. Er knüpft hier lose an seinen Erfolgsroman Tschick an, der ebenfalls in Potsdam als Bühnenfassung zu sehen ist. Damit…

*

Intendant Tobias Wellemeyer belässt in seiner Inszenierung einer Bühnenadaption von Wolfgang Herrndorfs Romanfragment Bilder deiner großen Liebe alles im sterilen Drinnen.

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

Wolfgang Herrndorf hat sich 2013, nachdem es keine Hoffnung mehr auf Heilung seines Hirntumors gab, das Leben genommen. Er wollte das Ende selbst in der Hand haben. Nicht mehr in der Hand hatte Herrndorf die Vollendung seines letzten Romans Bilder deiner großen Liebe. Der posthumen Veröffentlichung des Fragments liegen ein Manuskript von 95 Seiten und ein Textkonvolut Verstreutes zugrunde, das die befreundete Autorin Kathrin Passig und der Rowohlt-Lektor Marcus Gärtner geordnet und zu einer halbwegs linearen Erzählung gebündelt haben. Es geht darin um den Ausbruch der 14jährigen Isa aus einer geschlossenen Psychiatrie. Auf ihrem Weg über Felder, durch Wälder und auf Berge begegnet dieses Mädchen mit wilder Fantasie den unterschiedlichsten Menschen, wie etwa einem philosophierenden Kanalschiffer, einem väterlichen Schriftsteller und auf einer Müllhalde auch zwei gleichaltrigen Jungs in einem alten Lada, die die Herrndorf-Leser schon aus dem Buch Tschick kennen.

Der Roman ist in der Bühnenfassung des Dresdner Chef-Dramaturgen Robert Koall zu einem regelrechten Theater-Renner geworden. Tschick ist neben Dresden und Berlin auch am Hans Otto Theater Potsdam zu sehen. Nachdem Robert Koall im letzten Jahr auch das Romanfragment Bilder deiner großen Liebe für die Dresdner Bühne adaptierte, hat es nun der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer in der Reithalle neu inszeniert.

„Eine weniger verlässliche Erzählerin als Isa, die mit einem taubstummen Jungen plaudert und sich an Dinge erinnert, die nicht stattgefunden haben können, ist kaum vorstellbar.“ heißt es im Nachwort zum Buch von Kathrin Passig und Marcus Gärtner. Tobias Wellemeyer hat das anscheinend etwas zu wörtlich genommen. Seine Inszenierung spielt in einem Bühnenbild (von Matthias Müller), das etwas von der Sterilität eines Krankenhausflurs mit Medikamentenschrank rechts und gefliester Waschnische links hat. Eine große Glaswand mit Doppeltür bildet die Grenze zwischen Drinnen und Draußen. Das lässt fast unweigerlich nur die eine Assoziation zu: Alle Berichte über ihre Erlebnisse können nur Isas Kopf entsprungen sein. Dagegen spräche eigentlich der konsequent im Präsens gehaltene Erzählstil des Romans. Man kann das natürlich auch anders deuten.

So wäscht sich die fabelhaft wild fabulierende Nina Gummich als Isa nicht mit Fanta die durch einen Einbruch in ein Lebensmittelgeschäft blutig geschnittenen Füße, sondern im Waschbecken und steigt nicht etwa auf den „goldenen Berg“, sondern nur auf den Medikamentenschrank. Dafür schmatzt sie umso genüsslicher echten Lachgummi, dass man ihn bis in die vorderen Sitzreihen riechen kann. Ansonsten hat Nina Gummich wie in der Bühnenfassung vorgesehen einen nur Mann genannten Partner für die Begegnungen auf Isas Weg, dessen Ziel lediglich vage angedeutet ist. Diesen Mann spielt René Schwittay, erkennbar als Mitpatient im Bademantel. Und nicht nur die merkwürdige Klammer an seinem kahlen Kopf lässt erahnen, dass Wellemeyer hier den an Krebs erkrankten Autor persönlich meint, der sich im Mann auf dem Friedhof auch selbst in die Geschichte geschrieben hatte. Am Ende wird sich die Setzung des Regisseurs dann umso deutlicher offenbaren.

 

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Bis auf zwei, drei Szenen durchläuft die Inszenierung die einzelnen Etappen des Romans, mal nur von Nina Gummich erzählt, mal im Dialog mit René Schwittay, der auch kleine Passagen aus dem von Isa mitgeführten Tagebuch vorliest, das hier fast als einziges Requisit ständig präsent ist und auch immer wieder wie zur Bestätigung von der jungen Ausreißerin vorgezeigt wird. Hier hat sie die Erinnerungen an ihre Kindheit oder das, was sie dafür hält, aufgeschrieben. Die enge Vater-Tochter-Beziehung etwa oder einen Traum über ein normales Familienleben wie in einem Heimkehrer-Film aus dem Krieg ins ländliche Idyll. Wirklich ausgespielt wird nur die auch im Roman recht lang beschriebene Kanalfahrt mit einem weisen Schiffer, der dem hibbeligen Mädchen eine merkwürdige Geschichte über einen Bankraub und das Wartenkönnen im Leben erzählt.

Sehr witzig auch die Szenen, in der Isa mit dem taubstummen Jungen Olaf spricht und dazu die Klappe eines Mülleimers bewegt, oder beim Schriftsteller mit einem imaginierten Rasenmäher zwischen den Baumstämmen draußen vor der Glaswand kurvt. Hier verlässt das Mädchen auch erstmals das hermetische Drinnen. Hall, Videoeinsatz und unbändiges Tanzen im Stroboskoplicht unterstreichen die Vitalität Isas gegenüber einem sonoren elektronischen Pling-Pling in den nachdenklich stimmenden Momenten, in denen das Mädchen auch mal vor ihrem Video-Spiegelbild erschrickt.

In ihren Selbstreflexionen sagt Isa einmal, dass sie lieber ein Junge wäre, da man als Mädchen plötzlich einen Körper hat, auf den man ständig reduziert wird. Das ist im Buch an einigen Stellen noch deutlicher ausformuliert, etwa wenn Isa sich unter einem Rasensprenger auf einem abendlichen Fußballplatz wäscht und dabei von einer Gruppe trainierender Jungen beobachtet wird, oder in der Beschreibung des wegen ihr onanierenden Fahrers eines Schweinetransporters. Diese Szenen sind wohl der eher kammerspielartigen Bühnenbearbeitung zum Opfer gefallen.

Das Mädchen Isa ist mitnichten bescheuert oder gar geisteskrank. Sie ist, wie sie selbst betont, nur etwas ver-rückt – neben der ärztlichen Norm. Eine Herrscherin über das Universum, die mit den Fingern die Sonne aufhalten und sich selbst vor dem drohenden Sturz in den Abgrund retten kann. Ganz abzuheben vermag sie in Tobias Wellemeyers Inszenierung, in der der Regisseur viel auf die Vorstellungskraft des Publikums setzt und auf eine großartige Schauspielerin, die in ihrer Darstellung ungezügelter Wildheit und Lebenssucht fast schon etwas zu expressiv agiert. Trotzdem, oder gerade wegen Nina Gummich, ist dieser durchaus bewegende Abend dennoch sehenswert.

***

Bilder deiner großen Liebe
Nach dem gleichnamigen Romanfragment von Wolfgang Herrndorf
Für die Bühne bearbeitet von Robert Koall
Regie: Tobias Wellemeyer
Bühne / Kostüme: Matthias Müller
Musik / Video: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Helge Hübner
Besetzung:
Isa: Nina Gummich
Ein Mann: René Schwittay
Premiere in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters Potsdam war am 22.01.2016
Dauer: ca. 90 Minuten

Termine. 30.01. / 20. und 21.02. / 13. und 28.03.2016

Infos: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 24.01.2016 auf Kultura-Extra.

*


*

Verlorene Insel-Utopie – Der mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnete Hiddensee-Roman Kruso von Lutz Seiler in einer körperbetonten Inszenierung von Elias Perrig

Wie sein Romanheld Edgar hat Lutz Seiler in Halle studiert und war Saisonkraft auf Hiddensee. Die von ihm in Kruso beschriebene Gemeinschaft der „Esskaas“ in der Ausflugsgaststätte Zum Klausner hat daher durchaus reale Vorbilder. Und ähnlich dem Turm handelt es sich hier ebenfalls um eine von der DDR-Realität weitestgehend abgeschottete Nische.

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Auf die Insel Hiddensee, diesen „Sehnsuchtsort der Freiheit“, treibt es den Germanistikstudenten Edgar im Sommer 1989 kurz vor der Wende. Er will den Tod seiner verunglückten Freundin G. vergessen und nimmt eine Arbeit als Tellerwäscher an. Die „Besatzung“ unter dem Gaststättenleiter Krombach besteht aus den verschiedensten Typen, Verlorenen und Lebensphilosophen. Deren heimlicher Kopf ist der Tellerwäscher Alexander Krusowitsch, genannt Kruso. Der Sohn eines russischen Generals und einer Hochseilartistin ist durch das ungeklärte Verschwinden seiner Schwester Sonja ähnlich traumatisiert wie Edgar. Der Trakl-Liebhaber und Spezialist für Barocke Lyrik findet in Kruso so etwas wie einen Bruder im Geiste, der selbst Gedichte schreibt und ihn unter seine Fittiche nimmt.

Kruso hat auf der Insel ein ausgeklügeltes Beherbergungssystem für DDR-Fluchtwillige geschaffen, die es von Hiddensee aus über den Bodden in Richtung der dänischen Insel Møn zieht. Allerdings will Kruso diese sogenannten Schiffbrüchigen innerhalb von drei Tagen mittels gemeinschaftsbildenden Initiationsriten zu ihren inneren „Wurzeln der Freiheit“ führen, so dass sie in der Lage sind, die Insel wieder in Richtung DDR-Festland zu verlassen und somit die Unfreiheit der Verhältnisse über die Zeit durch die Freiheit der Herzen und Menge der Bekehrten ändern. Diese Utopie einer solidarischen Gemeinschaft beschreibt Lutz Seiler in einer sehr poetischen Prosa. Liebe und Poesie als Widerstand.

Diese Poesie der Worte kommt in der Inszenierung von Elias Perrig nur hin und wieder zum Vorschein. Zu Beginn schwebt Ed (Holger Byhlow), seine Vorgeschichte erzählend, wie ein „Pilot in seiner Kapsel“ vom Schnürboden aus in die mit Sperrholzwänden umfasste Bühne, die das Innere der schützenden Arche des Klausners mit Tischen, Stühlen und Abwaschbecken darstellt. Die Besatzungsmitglieder funktionieren wie ein eingespieltes Team, was hier mit einem rhythmischen Teller-Frisbee dargestellt wird, in das sich Ed nach und nach einfügen muss. Nach der immer gleichen, monotonen Alltagsarbeit setzt man sich am linken Bühnenrand zu Lesungen von Gedichten.

Als einzige Stimme der Außenwelt dringt die Sprecherin des Radiosenders Viola in die abgeschottete Welt des Klausners, die ansonsten alle Gerüchte von außen als „Festlandgeplapper“ abtut. Andrea Thelemann spricht Viola an einem alten Rundfunkmikrofon und gibt daneben noch die Kellnerin Karola im Leoparden-Overall. Die Kostüme verströmen etwas Zeitkolorit wie etwa der braune Doppelreiher von Krombach (Christoph Hohmann), der Karo-Pullunder von Tresenmann Rick (Philipp Mauritz), die super-kurze Jeanshose von Eisverkäufer René (Axel Sichrovsky) oder die schwarze Lederkluft des Kellners Rimbaud (Eddi Irle). Dagegen kommt wohltuend wenig Ostalgie auf, auch wenn einmal ein Tablett mit blauem Würger, grüner Wiese und anderen farblich gut aufeinander abgestimmten DDR-typischen Trostspendern die Runde macht. Man stellt sich auf zum Gruppenfoto, erzählt anschaulich vom Insel-Fußballturnier, bläst um Mitternacht das Deutschlandlied auf Flaschen und singt immer wieder stolz den Song vom Mond, Mann und Meer.

 

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (c) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Die „Freie Republik Hiddensee“ weiß sich zu feiern, und der wie ein stämmiger Seebär in blauer Latzhose auftretende Raphael Rubino als Kruso schwingt seinen massigen Körper mit dem aus dem Abfluss gejäteten „Unkraut“ wie bei einem Schlangentanz. Das sind fraglos die lustigen Szenen der Inszenierung, in die sich auch immer wieder Nachdenkliches mischt, wenn Kruso zu seinen Inselrundgängen verschwindet und Ed auf der Suche bei Rommstedt (Christoph Hohmann) in der alten Strahlenschutzstation, die hier durch Videos mit Elektrowellen an den Wänden angedeutet wird, einiges aus Krusos Vergangenheit erfährt.

Wie eine magische Fee taucht immer wieder Larissa Aimée Breidbach als Erinnerung Eds an G., als Mädchen Cleo, die ihm durch Krusos „Beglückungsprogramm“ zugelost wird, und als Verrückter Junge mit Schappka, der Lotsensignale per Flaggenalphabet gibt. Als gegenseitige Lotsen empfinden sich auch Ed und Kruso, fast so wie eine körperliche Symbiose von Robinson Crusoe und Freitag. Verbale und körperliche Reibereien zwischen Ed und René lassen dennoch erste Zweifel an Krusos Kulthandlungen aufkommen. Die sonnenbebrillte Staatsmacht interessiert sich für die beiden und eine angeschwemmte Wasserleiche. Immer wieder donnert lautstark eine MiG über die Szene. Dazwischen flötet die Radiostimme erste Meldungen von Flüchtlingen in Ungarn und der Prager Botschaft. Im Herbst beginnt dann die eingeschworene Inselgemeinschaft zu zerfallen. Erst Koch-Mike (Michael Schrodt), dann das Tresen-Ehepaar und schließlich auch Rimbaud verlassen die Insel.

Nun verliert leider auch die Inszenierung etwas an Fahrt. Ed und Kruso müssen das Schiff allein auf Kurs halten. Das Ausbleiben der Schiffbrüchigen und Eds Zweifel empfindet Kruso allerdings als Verrat an seiner Utopie und hält noch einen wutentbrannten Vortrag über das Wesen und den Preis der Freiheit. Er beschreibt das neue System von Markt und Verbraucher zynisch als Fressen und Scheißen und wirft sich wie ein Sumo-Ringer auf Ed. Das Ende von Kruso bleibt hier etwas im Dunkeln, dafür rezitieren alle aus Eds Epilog, in dem er von seinen Nachforschungen nach dem Verbleib der vielen unbekannten, in Dänemark angespülten Flüchtlingsleichen berichtet. Das etwas beklemmende Ende einer weitestgehend annehmbaren Inszenierung, die allerdings nicht ganz an die Vorlage heranreicht.

***

Kruso (Hans Otto Theater, 24.01.2016)
Stück von Dagmar Borrmann nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Regie: Elias Perrig
Bühne / Kostüme: Marsha Ginsberg
Musik: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Ute Scharfenberg
Mit: Holger Bülow, Raphael Rubino, Christoph Hohmann, Eddie Irle, Michael Schrodt, Axel Sichrovsky, Philipp Mauritz, Larissa Aimée Breidbach, Andrea Thelemann
Premiere war am 15.01.2016 Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 20. und 21.02. / 10., 18. und 25.03.2016

Info: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 26.01.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Wer bin ich und wenn ja wie viele? Jan Bosse und dreimal Amphitryon – Von der Gebrechlichkeit der Welt. Armin Petras und She She Pop experimentieren mit Kleists Novellen – Eine Nachbetrachtung zum Kleistfestival im Maxim Gorki Theater. Teil 3

Sonntag, Dezember 4th, 2011

Kleists Kantkrise und die Tragikkomödie des „Aphitryon“

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün ­ und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.“
Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801

Die meisten Werke Heinrich von Kleists entstanden infolge der Verarbeitung seiner sogenannten Kantkrise. Kleist war nach dem Studium von Kants „Kritik der Urteilskraft“ in eine existentielle Krise gestürzt, die einerseits dadurch begründet war, dass nach Kant der Verstand, den Kleist so hoch schätzte, nicht in der Lage sei, die Wahrheit und somit die Welt zu erkennen und anderseits darin, dass alles Streben nach, „Liebe, Ruhm, Glück usw.“ sinnlos wird, „…wo alles unweigerlich mit dem Tode endigt!“ Kleists Fazit: „Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.“ Dass er dennoch in den 10 ihm noch verbleibenden Jahren 8 Dramen, 8 Erzählungen sowie zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und theoretische Schriften verfasst hat, zeugt immerhin von einer unglaublichen Willens- und Schaffenskraft. Kleist konnte sich immer wieder entsprechend disziplinieren, wenn auch seine eigentlichen Lebensziele und Unternehmungen fast ausnahmslos scheiterten.

„Wirklich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles was ich unternehme, zugrunde geht, wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter den Füßen entzieht.“
Heinrich von Kleist an seine Schwägerin Marie von Kleist vom 17. Sept. 1811.

kleist_berlin_2011-5.JPG alter Kleist-Grabstein

Nach der schon besprochenen Tragödie „Die Familie Schroffenstein“ ist der „Amphitryon“ wohl das Stück, welches die Identitätskrise Kleists und seine Zweifel an der Erkennbarkeit der Wahrheit am besten ausdrückt. Das Lustspiel des französischen Komödiendichters Molière über den Gott Jupiter, der mit der Alkmene in Gestalt ihres Gemahls Amphitryon eine Liebesnacht verbringt und die Protagonisten damit in eine existentielle Glaubenskrise stürzt, hatte Kleist in der französischen Gefangenschaft zu seiner Version einer Tragikomödie inspiriert. Das Stück bekam einige gute Rezensionen, nur Goethe hatte wie immer etwas daran auszusetzen und wollte lieber Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ in Weimar aufführen. Goethe bekam das Manuskript von Kleists Verleger Adam Müller zugesandt, der in dessen Abwesenheit für das Stück trommelte, und analysierte das Lustspiel genau. Er schrieb am 14.07.1807 an F. W. Riemer: „Das Ende aber ist klatrig. Der wahre Amphitryon muß es sich gefallen lassen, dass Zeus diese Ehre angetan hat. Sonst ist die Situation der Alkmene peinlich und die des Amphitryon zuletzt grausam.“ Und an Adam Müller: „… es ist allenfalls nur ein wunderlich Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt.“ Für Goethe war das Stück, „jenes merkwürdige poetische Produkt“, nur als Einwickelpapier für Geld gut, dass er dem Verleger Frommann nach Jena schickte. Dort wurde das Exemplar aber, neben anderen Werken Kleists, zur Abendunterhaltung von Frommann selbst vorgetragen.

(mehr …)

Himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt – Bruno Cathomas sucht am Potsdamer HOT das ganz große Pathos der Liebe in Shakespeares Romeo und Julia

Samstag, Januar 29th, 2011

Nun, man kann von Shakespeares „Romeo und Julia“ ja so einiges halten, ein wohl bekannter Kritiker hält es sogar für eine große Scharteke. Das es aber auch zum veritablen Gefühlsverwirrungsspiel reicht, hätte man erst mal nicht für möglich gehalten. In Potsdam beweist genau das nun Schauspieler Buno Catomas. Erst vor kurzem tobte er noch als liebes- und geschlechtsverwirrter Sir Toby Rülp in Jan Bosses „Was ihr Wollt“ über die Bühne des Thalia Theaters in Hamburg und nun versucht er sich mal eben selbst als Regisseur eines Shakespeare-Klassikers.
„Romeo und Julia“ ist nun der Liebes- und Schmachtfetzen unter Shakespeare Stücken schlechthin, Romeo stürzt sich aus unerfüllter Liebe ins Vergnügend, erblickt auf einem Fest Julia und verfällt ihr augenblicklich, der Rest ist bekannt, man muss zum Inhalt nicht mehr allzu viel sagen, er ist sogar den eher theaterfernen Kreisen nicht erst seit Leonardo DiCaprio durchaus geläufig. Die neuesten Versionen dieses Stückes, dieser der bedingungslosen Liebe verfallenen Teenager zwischen zwei bis auf Blut verfeindeten Familien in Verona, chargieren zwischen Schwulst und Klamauk mit allerlei modernisierenden Mätzchen wie Hip-Hop, Jugendgangs und Ähnlichem. Cathomas will nun die ehrliche große Emotion in den Vordergrund stellen, die absolute Liebe in all ihrem Pathos. Und das wird erst mal ungeniert und fett behauptet, von allen Beteiligten in teilweise kurioser Überzeichnung. Überall Liebessehnsucht und -wahn, mit melancholischer, stimmungsvoller Tangomusik pinselt Cathomas satt nach und das scheint durchaus gewollt. Er vollzieht gekonnt einen Spagat zwischen Kitsch, Klamauk und großen Gefühlen.
Es wird allen Arten der Liebe Platz eingeräumt, die Mutter Julias, Elzemarieke de Vos als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, ist unglücklich verheiratet mit einem golfspielenden, dauerkalauernden Irren, grandios Wolfgang Vogler als Capuletkarikatur, dessen Wutausbruch über die ungehorsame Tochter, die Säulen des Pappmachebühnenbilds von Thomas Giger zum Krachen bringen. Ähnliches sah ich nur in „Sieben Sommersprossen“ von Regisseur Herrmann Zschoche, ein DEFA-Film über eine Schülergruppe, die im Sommerlager Shakespeares Stück aufführt und sich darin gefühlsmäßig verstrickt. Und so haben auch hier einige eine unerfüllte Sehnsucht, allen voran Lady Capulet, die dem ihrer Tochter angedachten Bräutigam Paris (Jan Dose) hinterher schmachtet und im Hochzeitswahn die Brautinsignien etwas Altes, etwas Neues, etwas Blaues selbst anzieht. Das Geliehene fehlt aber als Zeichen des Glücks, das sie nicht erreichen kann. Auch die Amme (Meike Fink) findet das gestandene Mannsbild Paris interessanter als den Hänfling Romeo, eher auch blass Eddie Irle, der aber in seiner Liebesraserei den Nebenbuhler schließlich ins Jenseits befördert.
Gestorben wird ja in „Romeo und Julia“ auch mit viel Pathos. Erstes Opfer der Familienfehde ist bekanntlich Romeofreund Mercutio, der sich erst mit seinem Kumpel Benvolio (Florian Schmidtke) noch einige lustige Kapriolen, wie Einkaufstaschen- und Fliegenslapstick leisten darf. Holger Bühlow hat sich nach seiner grandiosen Darstellung des Christians im „Turm“ zum Potsdamer Publikumsliebling gemausert. Das Vorgeplänkel zum Duell mit Streithahn Tybalt wird zum brüllend komischen Versuch dem Unausweichlichen u.a. mit einer Wasserpistole aus dem Weg zu gehen, Mercutio zieht schließlich bekannter Maßen den Kürzeren und auch Tybalt wird dann von Romeo regelrecht hingewürgt.
Die leiseren Töne gibt es dann in den nicht fehlen dürfenden Liebesszenen des jungen Paares, hier auf eine Leiter an der dreistöckigen Bühnenbildwand mit lauter Öffnungen. Die Julia der Juliane Götz ist die einzige, die ihre große Liebe lebt und wahrhaft artikuliert. Die Szenen mit ihrem Romeo gehören zu den wirklich anrührenden des Abends. Zur ersten Liebesnacht verkriechen sich beide in einem großen Shirt, es wird später dann zum Totenbett der beiden. Hier steckt das große Pathos eine jungen Liebe, die nicht nach einem Warum oder Wofür fragt.
Und noch einem wird in dieser Inszenierung eine zentrale Rolle eingeräumt, René Schwittay als Bruder Lorenzo philosophiert haareraufend an der Bühnenrampe über die Unerklärbarkeit der Emotionen wie Liebe und Hass und durch was sie ausgelöst werden. Ansonsten sitzt er in seiner Junggesellen-Klause auf einem wahrscheinlich aus lauter Liebesromanen bestehenden Bettlager und sieht dem Geschehen fassungslos kopfschüttelt zu. Ein Liebestor, der sich in seiner Einsamkeit vergraben hat, unfähig seine inneren Gefühle an die Frau (Amme) zu bringen. Zu mehr als einer beiläufigen Einladung zu einem Drink reicht es nicht, die Vergeblichkeit seiner Liebesbemühung ertränkt er mit Dosenbier. Bruno Cathomas schenkt ihm noch einen verzweifelten Schluss-Monolog über die unerfüllte Liebe. Ist das Pathos Liebe doch nur ein großes Missverständnis, Cathomas bleibt die Antwort bewusst schuldig. Es ist ihm kein großer Wurf, aber eine über weite Strecken einleuchtende Interpretation des klassischen Liebesstoffes gelungen. Man darf gespannt sein, wie sich Mona Kraushaar im Mai am Berliner Ensemble mit diesem Stoff schlägt. Bruno Cathomas hat noch etwas Platz unter der Latte gelassen.

Die Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek in der Reithalle des HOT Potsdam

Sonntag, Juni 20th, 2010

In einer Inszenierung von Lukas Langhoff

Vom RBB wurde das Stück noch als der Knaller vor der Sommerpause angekündigt, das hat auch mich angelockt und so bin ich am Samstag in die schöne Stadt Potsdam gefahren, um mir das Affentheater anzusehen.

„Die Eclipse als Zeichen der Krise und Katastrophe ist in die Szenerie der Geburt des Menschen eingebunden. Und dazu hören wir Ligetis Requiem.“ heißt es im Programmheft, in einem Text von Gottlieb Florschütz zu Stanley Kubricks Film „2001 – A Space Odyssee“. Lukas Langhof nimmt für seine Inszenierung aber das bekanntere Intro, Richard Strauss` Eröffnung zu Nietzsches „Also Sprach Zarathustra“. Der absolute Wiedererkennungswert zum Film ist ihm also wichtig. Kubrick wollte einen Science-Fiction-Film drehen, in dem technische Utopie und kulturphilosophische Spekulationen über außerirdische Existenzen mit der Evolution des Menschen kollidieren. Langhoff wollte mit Masken spielen und Banker als Affen auftreten lassen. Als Intro funktioniert die Affenszenerie von Lukas Langhoff noch halbwegs, als Monolith steht die besagte Telefonzelle als Relikt der außerirdischen Vergangenheit da. Das erste Klingeln wird von den Affen noch erschrocken bestaunt. Der Evolutionsschritt erfolgt wie bei Kubrick mit dem finden des Knochens. Langhoff überspringt die Werkzeug-Stufe und geht sofort zum Mordinstrument beim Kampf um die Wasserstelle über. Die Gier ist geboren.
Das hätte als Einstieg genügt, für Langhoff ist die Evolution aber noch nicht beendet und so bleibt der Mensch erst mal noch Tier und die Affenmaske auf. Als nächster Zivilisationsschritt fällt ein Koffer mit Kleidern vom Schnürboden, die Affen kleiden sich ein und führen uns, wie bei einer Modenschau, ihre neue Identität vor. Das Individuum ist geboren. Ach ja, Jelinek gibt es natürlich auch noch. Immer wenn einer der Affen aus der Rolle dessen, was Affen so machen fällt, werden die Jelinekschen Texte zum Besten gegeben. Langhoff bleibt nicht bei den strengen Textgruppen Jelineks, sondern löst die Affengruppe auf und entwickelt lieber Individuen. Da das Stück keine Dialoge hat, müssen welche hinzu erfunden werden. Es folgt ein lustiger Regieeinfall nach dem anderen und derer sind viele, der Text des Stücks stört da eher. Die Textfragmente des originären Stücks werden immer wieder durch die anderen der Affengruppe unterbrochen, ihnen ist langweilig, sie wollen lieber fernsehen oder machen den Redner nach, Affen eben. Menschlich wird es trotzdem noch. Es treten eine Eso-Äffin, die alle Chakren erklärt, bis man selbst ganz schackrig wird, ein Gitarre spielender Muski-Affe, der die Hand aufhält, gähn, ein Prügelaffe, ein bayrisch sprechender Affe und ein verliebter der poetische Texte aufsagt, seine Angebetete von hinten beschnuppert und eine Erdnussdose erjagt. Er bekommt aber sofort von einem anderen Affen vorgehalten, das sein Verhalten nicht PC ist und in den Erdnüssen zu viele Konservierungsstoffe enthalten sind. So kalauert sich Langhoff durch die Inszenierung, ohne zu merken, das der Text von Elfriede Jelinek selber witzig genug ist, er verändert ihn sogar so, das ein des Textes nicht Mächtiger kaum noch erkennen kann, was Jelinek ist und was Regieeinfall.

Texttreue ist kein Dogma, Elfriede Jelinek lässt jedem Regisseur für das Stück den größt möglichen Freiraum. Auch Nicolas Stemann hat das weidlich ausgenutzt. Nur bei ihm wusste man immer, wann es um Jelinek geht oder wann einfach mal eine Pause ist, um die Schwere des Textgewitters zu durchbrechen und den Kontakt zum Publikum zu suchen. Von Gewitter ist hier keine Spur, der Zuschauer wird nicht gefordert. Verfremdung ist gut, Entfremdung eher missverständlich und hinderlich bei der Selbstreflektion. Wenn die Masken bisweilen fallen, dann nur um zu demonstrieren, das der Mensch nicht besser als ein Affe ist. Das Ausweiden einer im Anzug steckenden Affenpuppe und das genüssliche Verspeisen der Innereien ist sicher provokativ, aber wozu? Die Provokation steckt im Text. Aber Langhoff traut ihm nicht und zerstört so seine gewaltige Macht. Nur einmal kommt so etwas wie ein Zusammenhang von Inszenierung zum Text auf, wenn eine der Äffinnen sich im Wasser spiegelt, sich erkennt und dann den Monolog über den österreichischen Finanzministerminister Grasser vorträgt, dem Sonnyboy der FPÖ, der sich mit seinem Charme aus allem raus redet. Da ist das Lena-Special mit Euro-Fahne eher wieder aktuelle Effekthascherei. Denn was hat Lena mit Europa zu tun, außer das sie den Euro Song Contest gewonnen hat. Der Text des Stücks wird persifliert und kulminiert in der Tatsache, das Elfriede Jelinek selbst am Telefon eingesteht, das sie nichts von der Wirtschaft versteht und der Kapitalismus auf der ganzen Linie gesiegt hat. Da ist sie also wie wir, auch endlos verstrickt, ohne Hoffnung auf einen Ausweg, nur das sie ein Stück geschrieben hat, das Langhoff und Co. anscheinend nicht verstanden haben.

Wenn das alles nur eine „Scheiß-Metapher“ ist, wie einer der Affen irgendwann konstatiert, was ist dann noch wahr? Wirklichkeit und Theater, alles Illusion, die Finanzblase, das Geld das nun weg ist, die Spaßgesellschaft, wahrscheinlich noch der ganze Text von Elfriede Jelinek dazu. Rene Pollesch wird im Programmheft zitiert: „Sie wurden betrogen ums interaktive Theater? Seid froh! Seid glücklich! Diesem unerbittlichen Amüsierbetrieb entkommen zu sein.“ Mit dieser Farce hat Lukas Langhoff sich aber wieder voll mit diesem Amüsierbetrieb kurzgeschlossen.