Archive for the ‘HAU 1, 2, 3 – Berlin’ Category

Tri tra trullala – Zweimal poppige Revolutionrevue an Berliner Theatern

Mittwoch, November 30th, 2016

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NOT MY REVOLUTION, IF… im HAU1 – ancompany&Co. erzählen in einem ironischen Agit-Pop-Musical DIE GESCHICHTEN DER ANGIE O.

angie-o-_hau_notmyDie Welt steckt in der Krise. Sei es nun die Finanzkrise, Flüchtlingskrise oder die Krise der westlichen Demokratie mit Wahlsiegen rechter Populisten von der AfD bis hin zu Donald Trump. Immer wenn gerade mal wieder die ökonomische Krise des Kapitalismus wie das baldige Ende der Welt eingeläutet wird, erinnert sich das Theater seiner politischen Mission und haben Bertolt Brecht und Heiner Müller auf den Bühnen Hochkonjunktur. So zurzeit auch in Berlin. Und auch das Performancekollektiv andcompany&Co. hat sich schon ausführlich mit den beiden Säulenheiligen des politischen Theaters beschäftigt, ob nun als anthropophage Einverleibung mit Fatzer-Braz nach Bertolt Brecht oder als einen kybernetischen Müller in Metropolis. In ihrer neuen Inszenierung im HAU1 kommt man dagegen mal wieder ganz ohne dramatische Vorlage aus und singt, die Bühne zum revolutionären Protestcamp machend, das hehre Lied von der Geschichte der „Angie O.“.

Allerdings ist das ein ironisches Wortspiel mit der englischen Kurzform NGO für Non-Governmental Organisation (zu Deutsch: Nichtregierungsorganisation). In Not my Revolution, if…: Die Geschichten der Angie O. zelebrieren die beiden deutschen Performerinnen Nicola Nord und Claudia Splitt, unterstützt durch ihre beiden holländischen Kollegen Krisjan Schellingerhout und Vincent van der Valk, einen ganz unterhaltsamen, leicht kritisch angehauchten Agit-Pop-Abend. Zum Protestslogan „Merry crisis and a happy new fear“ intoniert das Ensemble im Stile der britischen Protestband Chumbawamba zu Gitarre, Fanfaren und Trommeln einiges an politischen Rock- und Rebel-Songs. Ein durchaus witziger Bühnen-Marsch durch einige Jahrzehnte Protestbewegung.

Als metaphorische Bühnenfigur dient dabei also besagte Angie O., die bestens vernetzt durch die Welt jettet, in einer Fair-Trade-Coffee-Shop-Kette arbeitet und ihr Zelt in Parks, auf Plätzen, vor Banken oder wie hier auf der Bühne aufschlägt. Sie ist überall da, wo es gilt Menschen zu helfen oder mal eben die Welt zu retten. „Es helfen Menschen, wo Menschen sind.“ Aber anstatt Menschen kommen meist Organisationen. Am schlimmsten sei dabei immer der Ausspruch: „Ich bin von der Regierung und bin gekommen, um zu helfen.“ andcompany&Co. beleuchten also das institutionalisierte Business der internationalen Hilfs- und Protestorganisationen, ob nun non-governmental oder nicht.

(c) Noah Fischer

(c) Noah Fischer

 

Der Abend taugt allerdings nur bedingt als ernstzunehmende Reflexion auf die Geschichte der Protestkultur, auch wenn man dabei im Stile traditioneller, amerikanischer Singer-Songwriter agiert, die Krise des Kapitalismus rappt, „The Man Who Sold the World“ singt oder zur Melodie des PJ-Harvey-Songs „The Weel“ über die Bühne marschiert. „It’s the song I hate“ sangen die Sonic Youth in den 1990ern. Und so changiert man beständig zwischen Pop und Parolen, Songs und Smoothies. Es gibt wenig Erleuchtendes, was ja meist auch nicht im Sinne der ausufernden Performances der andco’s ist.

So assoziieren sich die mit Schürzen und Namensschildern ausgerüsteten Zapatista-Baristas auf der Suche nach einem geeigneten, unabhängigen „Third Space“ durch das „Wood Wide Web“ der Rhizome bildenden Pilze. Eine Vision der Angie O., die nach dem Genuss von Magic Mushrooms erst die globale Vernetzung von Organisationen entdeckte. Oder man treibt mit einem Abraham-Lincoln-Penny als Kopf lustige Wortspiele mit Coffee und Money. Ja, die Investition ins Geschäft mit der Moral und Fair-Trade-Produkten kann sich auszahlen. Starbucks macht‘s vor, und Angie O. wäre damit auch nur die neoliberale Variante der Heiligen Johanna der Schlachthöfe, womit wir wieder bei Brecht wären. From save our sells to sells our souls. Selbst für free hugs muss jemand bezahlen.

Natürlich reflektiert man auch die eigene Rolle als Actor und politischer Akteur, was in einem Umfallerslapstick von Krisjan Schellingerhout mündet und dem Witz, dass Künstler zwar viel über Neoliberalismus reden, aber nicht mal ihre Steuererklärung verstehen. Neben ein wenig Medienkritik, wobei die Akteure ihr Gesichter in große ausgeschnittene Smartphonedisplayatrappen stecken oder wie die russischen Pussy Riot auftreten, wird auch noch anhand des großen pyramidenförmigen Zelts auf der Bühne, in dem Schaumstoffpupen an Stangen hängen, die Verteilung des weltweiten Reichtums erklärt. Oben stehen 10 %, die 86 % besitzen, unten 50 % mit nichts außer ihrer Arbeitskraft. Dazwischen wäre dann die sogenannte Mittelklasse mit 14 % des Reichtums anzusiedeln. Nicht nicht mitgerechnet die, die außerhalb des Zelts stehen und gar nicht mehr gebraucht werden.

Der Abend ufert dann endgültig in einem an eine schlechte Pollesch-Parodie erinnernden Streitgespräch auf einer Demo im Angesicht der die Staatsgewalt ausübenden Polizei aus. Theaternebel und Tränengas simulierende Tränenstifte stiften untergehakten Gemeinsinn. Die Protestgemeinschaft als hierarchisch organisierte Affinitätsgruppe, aus dem der Ausbruch nur eines Ichs die Lücke für den Zugriff schlägt. Aktion und Gegenaktion – wer A sagt, erwartet ein B, obwohl eigentlich schon A gilt oder nichts. Da erweist sich die kleine Gruppe der tapferen Bühnen-Aktivisten, die verzweifelt die schlaff am Boden liegenden Schaumstoffpuppen wiederbeleben und aufstellen will, ganz gemäß dem PJ-Harvey-Song als eine ewige „Community of Hope“.

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NOT MY REVOLUTION, IF…: DIE GESCHICHTEN DER ANGIE O. (HAU1, 25.11.2016)
Von und mit: Noah Fischer, Alexander Karschnia, Nicola Nord, Krisjan Schellingerhout, Claudia Splitt, Sascha Sulimma und Vincent van der Valk&Co.
Text: Alexander Karschnia & Co.
Musik: Sascha Sulimma und Vincent van der Valk&Co.
Bühne: Noah Fischer&Co.
Kostüme und Mitarbeit Bühne: Franziska Sauer&Co.
Licht Design: Rainer Casper
Ton: Mareike Trillhaas
Regieassistenz: Hilkje Kempka
Technische Leitung: Marc Zeuske
Premiere im HAU Hebbel am Ufer: 24. November 2016
Eine Produktion von andcompany&Co. in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer (Berlin), Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, FFT Düsseldorf, Ringlokschuppen Ruhr, Theater im Pumpenhaus Münster und brut Wien und House on Fire

Weiterer Termin siehe: http://www.andco.de/

Weitere Infos siehe auch: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Zuerst erschienen am 27.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Marat/Sade am Deutschen Theater – Stefan Pucher veranstaltet mit dem Revolutionsspiel von Peter Weiss ein monströses Schaubudenspektakel

Marat/Sade am DT Berlin - (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

Im Deutschen Theater Berlin soll das Publikum laut Spielzeit-Motto „Keine Angst vor niemand“ haben. Dafür gibt man sich reichlich Mühe mit deutscher Dichtung angefangen bei Goethe über Brecht bis Peter Weiss. Zum hundertsten Geburtstag bringt dem deutschen Dramatiker, den man inhaltlich irgendwo zwischen Bertolt Brecht und Heiner Müller verorten kann, der Pop-Regisseur Stefan Pucher ein Revolutionsständchen mit dessen 1964 als Stück der Stunde am Berliner Schillertheater uraufgeführtem Drama in zwei Akten: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, abgekürzt: Marat/Sade. Länger geht’s nur bei René Pollesch an der Volksbühne. Dringend zu kürzen ist hier nicht nur der Stücktitel, obwohl darin der ganzen Plot schon bestens erklärt ist, sondern auch der Text. Und auch da hat sich Stefan Pucher reichlich Mühe gegeben. 1 Stunde und 45 Minuten kurz ist die Inszenierung. Die Pause für Schwätzchen bei Brezeln und Bier wurde gestrichen.

Schwatzen darf hier nur, wer den entsprechenden Text dafür hat. Reichlich davon gibt es für Anita Vulesica, die als Irrenanstaltsdirektor Coulmer in die Handlung einführen und als Ausrufer zwischen den Szenen Moderation auf Revolution reimen darf. Ansonsten teilt der schlimme Finger Marquis de Sade, wie schon im Stücktitel erwähnt, die Sprechrollen zu. Felix Goeser gibt ihn recht herrisch als dominanten Regisseur, der bei Revolution eher an Kopulation denkt und sich beim Auspeitschen auch schon mal lustvoll ans Gemächt greift. Das ist nicht etwa Ekeltheater, sondern echter Weiss. Ansonsten brüllt Goeser seine Puppenschauspieler an oder die Souffleuse nach Text. Leider sind den Figuren hier nicht nur ein paar Texte abhandengekommen, sondern auch die Beine, die sie nun wie Kasperlepuppen als Stummel vor dem Bauch geschnallt tragen. Ähnliches hatte schon Philip Tiedemann in seiner Schiller-Inszenierung Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen am Berliner Ensemble gezeigt.

Und auch Tiedemann war es, der zum letzten Mal vor 16 Jahren in Berlin den französischen Revolutionsführer Marat in Gestalt von Martin Wuttke in eine Wanne setzte, in der dieser so agil plantschte, dass es bis in die erste Reihe des Zuschauerraums im BE spritzte. Schwamm drüber. Im DT bleibt die Wanne leer. Das heißt, Daniel Hoevels als Marat mit schön aufgeschminkten Ekzemen tut nur so, als ob sein Blut das Wasser trüben würde wie das der Toten, die zu Tausenden in den Zeiten des großen Terrors über die Guillotine gehen. In einem Schaukasten sieht man abgetrennte Köpfe wie in einem Gruselkabinett der Revolution, in das uns Stefan Pucher führt. „Illusionen, Sensationen, Original Gespenster- und Geistererscheinungen, Horror und Monstrositäten“ steht über der Jahrmarktsbude auf der Bühne. Der Fall ist klar: Die Revolution ist begraben und erlebt hier lustig-ironische Auferstehung zwecks Publikumsbespaßung. Angst soll ja niemand haben.

 

Marat/Sade am DT Berlin - (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Nun hat ja Peter Weiss sein Drama durchaus auch als Komödie mit Musik angelegt. Nur wollte er dabei schon, dass man das verhandelte Thema auch entsprechend ernst nimmt. Nun gibt es am Deutschen Theater nach Kuttners Fatzer-Revue bereits den zweiten witzigen Musiktheaterabend in Sachen Revolution. Erst über eine, die nicht kommt, dann über eine, die sich tot gemordet hat. Die Reihenfolge von Brecht zu Weiss ist dabei durchaus gut gewählt. In beiden Fällen geht es aber nicht nur um die Gewalt als Mittel zum Zweck. „Wir morden nicht / wir töten aus Notwehr“ sagt der seine Revolutionsideale verteidigende Marat zu de Sade im Disput der Weltanschauungen. Wie auch im Fatzer geht es aber vor allem um die Auseinandersetzung des Individuums mit dem ideologischen Massenmenschen. „Es gibt kein Wir / Ich scheiße auf alle / Ich glaube nur an mich selbst“ sagt hier der von der Revolution enttäuschte und zum Zyniker gewordene Freigeist und Individualist de Sade.

Diese Szenen kommen auch bei Pucher nicht zu kurz. Nur versucht er sie immer gleich wieder doppelt ironisch zu brechen. Weiss wollte in Abkehr zur Brecht auch kein didaktisches Lehrstück schreiben, sondern das Publikum emotional packen. Das allerdings gelingt Pucher mit seinem Kasperletheater, bei dem er Felix Goeser auch noch heutiges Regietheater persiflieren lässt, nicht. Hier fühlt sich niemand ernsthaft gemeint. Der Rest des Irrenanstaltspersonals fristet sein Dasein als ulkige Randfiguren der Geschichte. Katrin Wichmann spielt die Marat mordende Charlotte Corday als fehlgeleitete Fanatikerin, und Benjamin Lillie den ehemaligen Priester Jacques Roux als Hassprediger und Aufpeitscher der Massen. Michael Goldberg gibt im Fummel Marats Frau Simonne Evrard, und Bernd Moss den opportunistisch abwartenden Corday-Liebhaber Dupperet, der seiner Angebeteten beim trauten Sing-Sang auch mal an die Puppenwäsche gehen darf.

Wirklich stark gelingt Pucher nur der das Volk darstellende Chor aus Studierenden der HfS „Ernst Busch“, der uniform gekleidet immer wieder auf den ins Publikum ragenden Laufsteg tritt und ruft: „Marat was ist aus unserer Revolution geworden / Marat wir woll’n nicht mehr warten bis morgen“. Später wird der Chor sich dann mit Marats Worten vor der Nationalversammlung an das Publikum wenden: „Immer werdet ihr vom Volk / als von einer rohen und formlosen Masse sprechen“. Die sich von den korrupten, lügenden Eliten abgehängt Fühlenden sehen die Nation in Gefahr und rufen nach dem wahren Abgeordneten des Volkes, dem Chef in der Zeit der Krise. Hier kann man auch ohne direkten Pegida-Bezug spüren, inwieweit uns dies alles heute noch betreffen könnte. Das ist in seiner verstörenden Mehrdeutigkeit näher an uns dran, als jedes billige Revolutionstheater.

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MARAT / SADE (Deutsches Theater Berlin, 27.11.2016)
von Peter Weiss
Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Meika Dresenkamp
Künstlerische Leitung des Chors: Christine Groß
Coaching Puppen: Jochen Menzel
Dramaturgie: John von Düffel
Licht: Matthias Vogel
Maske: Andreas Müller
Mit: Felix Goeser, Daniel Hoevels, Michael Goldberg, Katrin Wichmann, Bernd Moss, Benjamin Lillie, Anita Vulesica
Chor: Johanna Meinhard, Tabitha Frehner, Victor Tahal, Viktor Nilsson, Johannes Nussbaum, Thomas Prenn, Mascha Schneider, Sonja Viegener, Daniel Séjourné und Juno Zobel
Musiker: Chikara Aoshima und Michael Mühlhaus
Premiere war am 27. November 2016

Weitere Termine: 3., 10., 21. 12. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 29.11.2016 auf Kultura-Extra.
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„Látszatélet / Imitation of Life“ und „Eiswind / Hideg szelek“ – Zwei verstörende ungarische Theaterstücke zu Gast in Wien und Berlin

Dienstag, November 1st, 2016

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Schutthaufen der Erinnerung – Der ungarische Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó ist mit seinem Proton Theatre Budapest und dem Stück Látszatélet / Imitation of Life zu Gast im Berliner HAU 2

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Foto: St. B.

Vor gut zwei Jahren bereits gastierte der ungarische Film-Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó mit seiner Produktion Dementia, or the Day of My Great Happiness beim ungarischen Theater-Festival “Leaving is not an option?” im Hebbel am Ufer. Nun ist er mit einer weiteren Koproduktion mit den Wiener Festwochen zurück in Berlin. Und auch in Látszatélet / Imitation of Life (zu Deutsch: Scheinleben) geht es um soziale Verwerfungen in der ungarischen Gesellschaft.

Statt eine alte abgewrackte Nervenheilanstalt zu schließen, versucht nun eine Investmentfirma mit Hilfe eines Inkassobüros mit Namen Liquid GmbH eine ältere Frau mit Mietschulden aus ihrer Wohnung zu werfen. Lörinc Ruszó (Lili Monori) ist Angehörige der Roma-Minderheit und setzt sich zunächst tapfer gegen die Ausfragungen und Belehrungen des Mitarbeiters vom Inkassobüro (Roland Rába) zur Wehr. Schließlich erzählt sie ihm aber verzweifelt die Geschichte ihres Lebens, das aus ständiger staatlicher Bevormundung, gesellschaftlicher und institutioneller Diskriminierung und anderen daraus resultierenden Schicksalsschlägen besteht.

Die Zuschauer sehen das Gesicht der Frau in Nahaufnahme auf einer Videoleinwand, die, wenn sie gefallen ist, eine kleine schäbige Wohnung in einem engen Bühnenkasten freigibt. Hier hat Frau Ruszó die letzten Jahre ihres Lebens verbracht und wartet nur noch auf die Rückkehr ihres Sohnes, der sie verlassen hat, da er sich für seine Herkunft schämt und seine Haut und die Haare bleichte, um nicht als Rom zu gelten. Die Androhung einer weiteren Umsiedlung lässt sie zusammenbrechen.

 

Látszatélet / Imitation of Life - (Foto (c) Marcell Rév

Látszatélet / Imitation of Life(Foto (c) Marcell Rév

 

Der Inkassomann bekommt es mit der Angst und versucht die Rettung zu rufen. Da sich aber die Adresse in einer Roma-Siedlung befindet, reagiert die Dame am Telefon recht abweisend und mit vorurteilsbehafteten Fragen. Etwa ob die Frau getrunken habe oder von ihrem Mann geschlagen wurde. Da hier andere Prioritäten gelten, könne man erst in 74 Minuten kommen, sonst würde das ungarische Volk untergehen. Was letztendlich untergeht, ist wiedermal die Menschlichkeit in einem System, in dem sich jeder selbst der nächste und für Minderheiten erst recht kein Platz mehr ist.

Das symbolisiert Mundruczó mit einem plötzlichen Gewitter und Regen, was sich wie ein Schleier über die Szene legt. Langsam beginnt sich die kleine Behausung um die eigene Achse zu drehen, und die Einrichtungsgegenstände fallen lautstark und effektvoll durcheinander. Ein Leben hebt sich aus den Angeln, und Berge von Erinnerungsschutt entladen sich aus Bettkasten und Schrankschubladen.

 

Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2 - Foto Applaus: St. B.

Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2
Foto Applaus: St. B.

 

Im zweiten Teil des 95minütigen Abends bezieht die junge Frau Veronika (Annamária Láng) die durcheinandergewirbelte Wohnung und verschweigt dem Vermieter ihren Sohn Jónás (Dáriusz Kozma). Denn: „Kindersegen ist das große Druckmittel der Minderheiten“, wie der Mann sagt. Parallel montierte und seitlich angeordnete Videoszenen zeigen den verloren Sohn der mittlerweile im Krankenhaus verstorbenen Frau Ruszó in seinem neuen Leben, in dem Szilveszter (Zsombor Jéger) aber bald das alte mit der Mutter wieder einholt. Aus seinem Scheinleben verdrängt erscheint er wie ein untoter Geist in der dunklen Wohnung und begegnet dort dem ebenfalls blonden Jónás, der von seiner Mutter über Nacht alleingelassen wurde. Hier schließt sich ein magischer Kreis, Vergangenheit und unausweichlich scheinende Zukunft stehen sich gegenüber wie zwei nicht zu trennende Brüder.

Zum Abspann erfährt das Publikum auch noch den Hintergrund der Geschichte. Grundlage ist ein 2005 aktenkundig gewordener Fall der Budapester Polizei, bei dem ein junger Rom in einem Bus mit einem Samuraischwert angegriffen wurde. Das zog viel Medienrummel und Demonstrationen gegen Rassismus nach sich, da der Täter einer nationalistischen, rechtsextremen Gruppierung angehörte. Wie sich später herausstellte, war er aber ebenso ein Rom wie sein Opfer. Im Thema der Verleugnung der eigenen Herkunft lehnt sich Mundruczó auch entfernt an den Film Imitation of Life von Douglas Sirk an. Wie eine ungerechte, rassistische Gesellschaft so ein Verhalten befördert und was daraus folgen kann, zeigt der Regisseur bei aller szenischen Sparsamkeit in doch sehr eindrucksvollen Bildern.

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Látszatélet / Imitation of Life (HAU2, 28.10.2016)
Von Kornél Mundruczó / Proton Theatre
Regie: Kornél Mundruczó
Bühne: Márton Ágh
Kostüme: Márton Ágh, Melinda Domán
Licht Design: András Éltető
Text: Kata Wéber
Dramaturgie: Soma Boronkay
Musik: Asher Goldschmidt
Produktion: Dóra Büki
Produktion Management: Zsófia Csató
Produktion Assistenz: Ágota Kiss
Technische Leitung: András Éltető
Lichttechnik: Zoltán Rigó
Soundtechnik: Zsigmond Farkas Szilágyi
Bühnenmeister: Benedikt Schröter
Requisiten: Tamás Fekete
Dresser: Melinda Domán
Mit: Lili Monori, Roland Rába, Annamária Láng, Zsombor Jéger, Dáriusz Kozma
Ungarisch mit deutschen und englischen Übertiteln
Dauer: ca. 95 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer, Wiener Festwochen, Theater Oberhausen, La rose des vents – Scène nationale Lille Métropole Villeneuve d’Ascq (Maillon), Théâtre de Strasbourg / Scène européenne, Trafó Kortárs Művészetek Háza (Budapest), HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste (Dresden), Wiesbaden Biennale
Die Uraufführung war 27.04.2016 im Trafó House of Contemporary Arts, Budapest
Premiere bei den bei den Wiener Festwochen war am 21.05.2016
Die Berliner Premiere war am 28.10.2016
Weitere Termine: 29. und 30.10.2016

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Zuerst erschienen am 29.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Festung Europa – In ihrem österreichisch-ungarischen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek untersuchen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie Tendenzen vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen

Alexandra Henkel (Judith), Zsolt Nagy (János)

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
Foto (c) Reinhard Werner

In ihrem parabelartigen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek zeigen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie eine Waldhütte in den österreichischen Bergen zur Festung Europa ausgebaut wird. In der Nacht eines Schneesturms treffen hier der deutsche Hochschulprofessor mit DDR-Biografie, Frank (Falk Rockstroh), und seine österreichische Frau Judith (Alexandra Henkel) auf das ungarische Paar Ilona (Lilla Sárosdi) und János (Zsolt Nagy). Ilona ist vor ihrem Mann und den politischen Verhältnissen in Ungarn geflohen und verdingt sich als Haushälterin bei Frank, der ebenfalls in einer Sinnkrise Wien und seinen Job verlassen hat. Ilonas Mann, ein ungarischer Polizist, will seine Frau in die Familie zurückholen und sie an ihre Pflicht als Mutter erinnern. Dazu gesellen sich schließlich noch Franks Frau, eine reiche, emanzipierte Verlegerin, und ihr gemeinsamer Sohn Felix (Martin Vischer), ein etwas labiler, dauerkiffender Schauspieler.

Es treffen hier zwei recht unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander. Einerseits eine patriarchale Familientradition in Verbindung mit einer national-konservativen politischen Ausrichtung á la Viktor Orbán – andererseits eine liberal-westliche Haltung, die sich allerdings mit intellektuellem Dünkel schmückt. Zerrüttet sind letztendlich die Beziehungen beider Paare, was sich in den emotional recht angespannten Gesprächen der Eheleute verdeutlicht. Und hier sind es vor allem die Männer, die sich zunächst noch ganz unterschiedlich verhalten. Während der Intellektuelle Frank am liebsten aus seiner kriselnden Ehe und einer beruflichen Sackgasse ausbrechen möchte, ist János jedes Mittel recht, seine abtrünnige Frau zurück zu bekommen, um seinen gewohnten Familienstatus aufrecht zu erhalten.

Auf der Hütte, einem aufgeständerten Quader mit Glasflächen, der nach Schneesturm und Zusammenbruch des Kommunikationsnetzes zur unerreichbaren Exklave wird, kollidieren nun diese unterschiedlichen Interessen relativ ungebremst. Was sich zunächst noch durch männliches Imponiergehabe und in Eifersüchteleien äußert, entwickelt sich bald zu einer perfiden Art der Umerziehung, die János an den Westeuropäern vollzieht. Der starke Mann mit Hang zur Führung will ihnen – wie er es ausdrückt – nur helfen, sich zu finden. Dabei spielen das Gewehr von Frank, eine Rolle Maschendraht und die heraufbeschworene Gefahr von hungrigen Wölfen eine tragende Rolle.

Éva Zabezsinszkij und Árpád Schilling entwerfen hier einen Plot, der nicht ganz frei von Klischees ist, aber dennoch einige interessante Fragen aufwirft. Zum Beispiel die, inwieweit man bereit ist, für die eigene (innere) Sicherheit seine Freiheitsideale zu opfern. Der ehemalige Ossi Frank, der schon zu DDR-Zeiten kein großer Kämpfer war und nur bei der Grabrede für einen alten Freund von Freiheit, der Schlange Wohlstand und dem Aufstand der Sklaven schwadroniert, ergibt sich nach der ersten Begegnung mit den ominösen Wölfen (Statisterie), die die Hütte auf der Suche nach Futter umkreisen, schließlich ziemlich kleinlaut den totalitären Anweisungen von János bei der Befestigung und Verteidigung des Heims. Die Männer sind sich hier schnell dahingehend einig, dass etwas getan werden muss.

 

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien - Foto (c) Reinhard Werner

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
Foto (c) Reinhard Werner

 

Franks Sohn Felix ist da die vielleicht die zwiespältigste Figur des Stücks. Zunächst noch recht ziellos und gleichgültig, lässt er sich erstaunlich schnell, ohne erkennbare Entwicklung, von János manipulieren. Als junger Mensch, dem seine dekadenten Eltern eher als verachtenswert gelten, mag das als Vorbild durchaus stimmig sein. Auch wenn er den eher liberalen Beruf eines darstellenden Künstlers ausübt, ist er nicht vor übertriebenem Redikalismus gefeit. Dass gerade die Erziehung Jugendlicher nicht ganz unwichtig ist, zeigt eine Szene, in der Ilonas und János‘ fünfzehnjähriger Sohn Levente (András Lukács) via Skype zugeschaltet wird. Er ist auf einem Gymnasium für nationale Verteidigung und lernt den Einsatz von Überwachungsmethoden gegen die Feinde des Vaterlands.

Es bleibt allein den Frauen Judith und Ilona überlassen, einen Gegenpart zu den Macho-Allüren der Männer zu geben. Hierbei greift das Stück einerseits zu ungarischen Epen wie das des Nationalhelden
János von Sándor Petöfi, das z. B. der nationalistisch eingestellte Regisseur Attila Vidnyánszky zur Eröffnung seiner Intendanz am Ungarischen Nationaltheater in Budapest inszenierte, oder dem titelgebenden Volkslied Eisige Winde wehen. Anderseits wird ein Bezug zu Frauengestalten der antiken Mythologie und der Bibel wie Helena und Judith hergestellt. Die eine galt den Griechen als Störenfried, die andere enthauptete den Tyrannen Holofernes.

„Jedes Volk trägt seinen eigenen latenten, mitunter jedoch ausbrechenden Faschismus in sich“, wird der ungarische Autor und linke Philosoph György Konrád im Programmheft zitiert. Der immer offenere Antisemitismus wäre noch zu ergänzen. Es läuft letztendlich darauf hinaus, dass die deutsch-ungarischen Tendenzen, die vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen – wie es im Erklärungstext des Burgtheaters heißt – im Modellraum Hütte (sprich: Festung Europa) sich entsprechend dramatisch zuspitzen und zu eskalieren beginnen. Dass sich die Macher auch auf Ibsen und den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke mit seinen Werken Funny Games und Das weiße Band berufen, scheint einleuchtend, spiegelt sich allerdings nur in der szenischen Dramaturgie des Stücks wider, nicht aber in seinen doch recht einfach gestrickten Dialogen. Die Radikalität der Bilder eines Oliver Frljić wird dabei allerdings nicht erreicht. Dennoch ein wichtiger und durchaus gut gemeinter Versuch, die Gespaltenheit Europas in der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu verdeutlichen.

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Eiswind / Hideg szelek (02.06.2015, Akademietheater Wien)
Ein Projekt von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij
Mitarbeit: Annamária Láng
Deutsch von Anna Lengyel
Regie: Árpád Schilling
Bühne und Kostüme: Juli Balázs
Musik: Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Hans Mrak
Mit: Lilla Sárosdi, Falk Rockstroh, Zsolt Nagy, Alexandra Henkel, Martin Vischer, András Lukács sowie Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller (Statisterie)
Uraufführung war am 25. Mai 2016 im Akademietheater Wien
Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Termine: 13.11.2016

Info: http://www.burgtheater.at/

Zuerst erschienen am 04.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Im Mai bei den Wiener Festwochen nun beim Peter-Weiss-Festival im Berliner HAU – „Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt“

Freitag, September 30th, 2016

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Der bosnische Theaterregisseur Oliver Frljić provoziert den europäischen Bildungsbürger mit einer Paraphrase des Terrors inspiriert durch den dreiteiligen Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss

Bereits im Mai den den Wiener Festwochen erzeugte die neue Inszenierung von Oliver Frljić für einen kleinen Skandal. Der bosnische Regisseur  hatt den Kritikern mit seinem Stück Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt ein Stöckchen hingehalten, und sie waren erwartungsgemäß gesprungen. „Der bisherige Tiefpunkt der Saison.“, wurde da u.a. getitelt. Die Inszenierung zeichne sich durch „Simplizität und Rohheit“, „das Bemühen zu schockieren“ sowie „den unangenehmen Geruch von Schulkabarett“ aus.

Was ist dran am Verriss? Im Grunde nicht viel. Nachdem Frljić sich in seinem für das Münchner Residenztheater entwickelten Stück Balkan macht frei schon mit Heiner Müllers kritischer Bearbeitung von Bertolt Brechts Lehrstück Die Maßnahme auseinandergesetzt hatte, war es fast folgerichtig, dass er nun beim Schriftsteller und Dramatiker Peter Weiss und seiner Romantrilogie Die Ästhetik des Widerstands angekommen ist. Weiss befasst sich darin ausführlich mit den Debatten und Konflikten innerhalb des kommunistischen und antifaschistischen Widerstands zurzeit des Nationalsozialismus und deren Reflexion durch deutsche Künstler im Exil wie etwa Bertolt Brecht. Die große Frage, die der Roman aber aufwirft, ist die der Darstellbarkeit von Gewalt und Gräuel mit Mitteln der Kunst. Dazu beschreibt Weiss eine Vielzahl von Werken der Kunstgeschichte.

 

Naše nasilje i vaše nasilje von Oliver Frljić - Foto (c) Alexi Pelekanos

Naše nasilje i vaše nasilje Foto (c) Alexi Pelekanos

 

Nun hat Oliver Frljić eine neue, kritische Art von Lehrstück vorgelegt. Man könnte es auch das Lehrstück von der unterlassenen Hilfeleistung nennen. Oder aber die verzweifelte Suche nach einem geeigneten künstlerischen Werkzeug, wie es der Ich-Erzähler in Weiss‘ Roman beschreibt, sprich einer Ästhetik des Widerstands gegen den alltäglichen Faschismus und Rassismus in Europa, der immer mehr in der Mitte der Gesellschaft Fuß fasst. Kunst als Mittel zum Kampf gegen oder zur Aufklärung über bestimmte gesellschaftliche Zusammenhänge – bei der Einsicht, dass angesichts von Faschismus und Terror „waffenlose Schöngeistigkeit einfachster Gewalt nicht standhalten kann“.

Heiner Müller nannte das „konstruktiven Defaitismus“. Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“ bezeichnet seine provokanten Aktionen, wie etwa den Europäischen Mauerfall, bei dem die deutschen Mauertoten mit den toten Flüchtlingen an den europäischen Grenzen gleichgesetzt werden, als „aggressiven Humanismus“, während der Schweizer Recherchetheatermacher Milo Rau von „zynischem Humanismus“ spricht, wenn er den Versuch der Europäer meint, z.B. mittels Onlinepetitionen die Welt zu retten. Peter Weiss sah auch nach dem Sieg gegen das faschistische Regime die Welt als geteilt. Faschismus und Kolonialismus haben ihre Spuren hinterlassen.

Das ist letztendlich auch der Ausgangspunkt für Frljić‘ Stück: Die aktuelle Flüchtlingskrise als Folge des kolonialen Erbes, an dessen Ursache Europa nicht ganz unschuldig ist. Und so hat der Regisseur für sein Projekt die mitwirkenden SchauspielerInnen der Esembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana mit einem Fluchthintergrund ausgestattet, die sie in einer schnellen Vorstellungsrunde vortragen und auch ein wenig ironisch ihre Zukunftsaussichten und den Stand der Integration reflektieren. Was folgt ist eine Kuschelrunde zum christlichen Weihnachtslied „Stille Nacht“, bei der sich nackte multisexuelle Paare bilden, die sich auf den Körper gemalte arabische Schriftzeichen herunterwischen. Übrig bleibt eine Frau mit der traditionell muslimischen Kopfbedeckung, dem Hidschab, als sichtbares Zeichen des Andersseins. Als die Muslima dann eine kleine Österreichfahne aus ihrer Vagina zu Tage fördert und hisst, gehen die Blicke der anderen wohlwollend nach oben.

Oliver Frljić spielt christliche gegen islamische Ikonografie aus. Da darf natürlich auch ein Jesus nicht fehlen, der von einem Kreuz aus einer Wand von Benzinkanistern steigt, die Frau hinterrücks vergewaltigt und sich mit seinem rot-weißen Österreich-Lendentuch das Gemächt abwischt. Auf die Kanisterwand hatte zuvor ein Performer den Satz: DAS PETROLEUM STRÄUBT SICH GEGEN DIE FÜNF AKTE geschrieben. Das sind klare Schock-Bilder, die aber zunächst noch mit dem Roman von Peter Weiss wenig zu tun haben. Die Drastik, mit der Weiss aber Folterung und Hinrichtung von Mitgliedern der Widerstandsgruppe Rote Kapelle beschreibt oder von den Verhöhnungen und der Internierung der nach Frankreich geflohenen Spanienkämpfer und ihrer Familien berichtet, entwickelt Frljić nun analog in seinen Spielszenen, in denen einem syrischen Flüchtling bei einem Fest Alkohol und Schweinfleisch aufgezwungen werden. Auch der Text ist da an Zynismus nicht zu überbieten und könnte direkt aus einschlägigen Hassplattformen im Internet stammen.

 

Naše nasilje i vaše nasilje - Foto (c) Alexi Pelekanos

Naše nasilje i vaše nasiljeFoto (c) Alexi Pelekanos

 

Natürlich ist Peter Weiss‘ Mammutwerk, wie nun folgerichtig auch Frljić‘ Interpretation, nicht unumstritten. Man warf Weiss seitens der Literaturkritik vor, er habe „seine ästhetischen Maßstäbe und damit seine Identität als Künstler der politischen Parteinahme geopfert“. Und wie Heiner Müller anlässlich eines konspirativen Streitgesprächs mit Peter Weiss nach der DDR-Premiere von dessen Stück Viet Nam Diskurs am Berliner Ensemble berichtete, kritisierte man die politischer Haltung des Autors und dessen deutliches Bekenntnis zum Sozialismus mit den Worten: „Von Vietnam sprechen, heißt von Bautzen schweigen.“ Was heute natürlich wieder eine ganz andere Bedeutung bekommt.

In der Logik von Frljić bedeutet das in etwa, über Brüssel und Paris sprechen, hieße von Syrien, Irak oder Afghanistan schweigen. Schweigeminuten für beiderlei Opfer des Terrors baut der Regisseur dann auch in die Performance ein, nicht ohne ein provozierendes Fazit, dass wohl erst 4 Millionen Opfer in Europa den Frieden bringen würden. Nun heiligt der Zweck bei weitem nicht alle Mittel. Und die Hinrichtungsszenen, bei denen den PerformerInen in orangener Häftlingskleidung symbolisch der Hals durchgeschnitten wird, sind dann schon recht grenzwertig. Als Tote geben sie dann noch einige Statements ab, wie etwa, dass wer den Faschismus verurteile, ohne gegen Kapitalismus zu sein, sein Stück vom Kalb haben wolle, ohne es selbst zu schlachten. Die Bloßstellung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, der sich gegen die Flüchtlings-Willkommenskultur des Thalia Theaters Hamburg ausgesprochen hatte und eine Zusammenarbeit deswegen absagte, ist da geschenkt.

In Heiner Müllers Revolutionsstück Der Auftrag spricht Debuisson, der Sohn französischer Plantagenbesitzer: „Ich will mein Stück vom Kuchen der Welt. Ich werde mir mein Stück herausschneiden aus dem Hunger der Welt.“ Oder auch: „Die Welt wird was sie war, eine Heimat für Herren und Sklaven. Ich entlasse uns aus unserm Auftrag.“ Oliver Frljić führt dem österreichischen Publikum den Zusammenhang von ungerechter Wohlstandsverteilung recht drastisch vor Augen.

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Etwas anders gehen da Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mit ihrer ebenfalls zu den Wiener Festwochen eingeladenen Inszenierung des Heiner-Müller-Klassikers Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution vor. Sie arbeiten sich im Sinne Müllers und mit dessen eigenen, vom Band gesprochenen Worten ganz konkret an den Vorstreitern und Ikonen vergangener Revolutionen ab. Auch hier sprechen natürlich die Toten zu den Lebenden in Gestalt von Karl Marx, Lenin, Rosa Luxemburg, Mao oder Che, und die drei Emissäre der französischen Revolution auf Jamaika, Debuisson, Galloudec und Sasportas, treten in den Farben der französischen Trikolore auf. Eine bunte Grand Guignol, bei der im Trick-Theater der Revolution die Papierköpfe von Danton und Robespierre rollen.

Man kann Frljić und seinem Stück nun kaum vorwerfen, sich ästhetisch nicht ausschließlich an der Historie abzuarbeiten, wie etwa Peter Weiss und Heiner Müller. Ein komplexes Fazit lässt sich trotzdem nur schwer ziehen. Vielleicht aber noch am ehesten mit den Worten Heiner Müllers, den Christoph Rüter zu Beginn seiner Filmdokumentation Die Zeit ist aus den Fugen zitiert: „Die Zeit der Kunst ist eine andere Zeit als die der Politik. Das berührt sich nur manchmal, und wenn man Glück hat, entstehen Funken.“ Die zünden, müsste man anfügen, hier in Wien leider nicht wirklich. Man wird sich anlässlich des Festivals „Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100“, zu dem das Berliner HAU Frljić‘ Stück im September geladen hat, erneut darüber unterhalten können.

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Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt
(Schauspielhaus Wien, 31.05.2016)
Text nach dem Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss
Textadaption: Oliver Frljić, Marin Blažević
Inszenierung: Oliver Frljić
Dramaturgie: Marin Blažević
Kostüme: Sandra Dekanić
Bühne: Igor Pauška
Licht: Dalibor Fugošić
Künstlerische Beratung: Aenne Quiñones
Regieassistenz: Barbara Babačić
Produktionsleitung: Hannes Frey
Mit: Barbara Babačić, Daša Doberšek, Uroš Kaurin, Dean Krivačić, Jerko Marčić, Nika Mišković, Dragica Potočnjak, Matej Recer, Blaž Šef
Auftragsarbeit und Produktion HAU Hebbel am Ufer, Berlin
Koproduktion Wiener Festwochen, Slovensko mladinsko gledališče, Ljubljana, Kunstfest Weimar, Zürcher Theaterspektakel, Hrvatsko narodno kazalište Ivana pl. Zajca, Rijeka
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes im Rahmen von „Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100“, ein Festival des HAU Hebbel am Ufer, Berlin

Termine: 28. – 30.09.2016 im HAU 1

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/nase-nasilje-i-vase-nasilje-1/

Zuerst erschienen am 01.06.2016 auf Kultur-Extra.

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Zwei bemerkenswerte Gastspiele von Meg Stuart & Damaged Goods beim Festival Tanz im August 2016

Dienstag, September 6th, 2016

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Blessed – Meg Stuart/Damaged Goods & EIRA im HAU 2

tiA16_Plakatmotiv22007, zwei Jahre nach dem verheerenden Hurrikan Katrina, hatte die Tanzperformance Blessed von Meg Stuart Premiere am Theater Vooruit in Gent. Sie tourte dann durch Europa und machte auch Station an der Berliner Volksbühne, die bereits einige Stücke von Meg Stuart & Damaged Goods koproduzierte. „Eine Apokalypse in Karton“ steht auf der Website des Festivals Tanz im August, das in seiner letzten Woche der Choreografin aus New Orleans mit zwei Produktionen eine kleine Werkschau ausrichtet und eine Veröffentlichung im Interview-Magazin mono.kultur präsentiert.

Und wie bei der schweren Naturkatastrophe in der US-amerikanischen Stadt am Mississippi regnet es auch auf der kleinen Bühne im HAU 2 fast ohne Unterlass. Noch im Trockenen zeigt die Bühnen-Installation von Doris Dziersk eine Palme, einen Schwan und ein kleines Häuschen aus Pappe. Der portugiesische Tänzer und Choreograf Francisco Camacho in weißem Overall und Badeschlappen schreitet diesen Parcours aus symbolischen Sehnsuchtsbildern mechanisch ab, lehnt sich an die Palme, verbeugt sich vor dem Schwan. Eine Huldigung des Schönen aber auch des gefährdet Vergänglichen.

Der beginnende Regen zerstört den idyllischen Ort. Die Palme knickt ein, der Schwan lässt den Hals hängen. Selbst der sichere Unterschlupf im Papphäuschen, an dessen Wänden Camacho die Bilder mit der Sprühdose zu verewigen versucht, gibt unter der Flut vom Bühnenhimmel nach. Hier geht die Kreatur Mensch samt Zivilisation und Kunsttraum sprichwörtlich baden. Die Katastrophe ist hausgemacht und überrascht doch schicksalhaft. Eben noch bunt gewandet wie ein esoterischer Pop-Voodoo-Priester krabbelt das halbnackte Menschenbündel im Regencape bald orientierungslos wie ein Insekt über die Reste seiner Existenz und versucht sich vergeblich zu schützen und zu artikulieren.

 

Foto (c) Chris Van der Burght

Foto (c) Chris Van der Burght

 

Das Auftauchen einer Varieté-Tänzerin (Kotomi Nishiwaki) mit großem Kopfputz und weißen Mega-Stiefeletten lässt ihn in seinem Elend erstarren. Sie tanzt den Blues und Boogie des Immer-so-Weiter. Die Eventkultur schlachtet die letzten Reste aus. Gesegnet ist die jesusgleiche Schmerzensgestalt im Dauerregen, die vom Kostümbildner immer wieder in andere Pop-Outfits gekleidet wird, nicht gerade. Zu den Elektronik-Sounds von Hahn Rowe betreibt Francisco Camacho choreografiertes Tai-Chi zur Existenzbeglaubigung. Meg Stuart gelingt mit Blessed eine eindrucksvolle Performance des unbehausten, verletzlichen Menschen, der nach seiner Bestimmung sucht. Man muss die Hintergründe nicht unbedingt kennen, um die künstlerische und philosophische Aussage dahinter zu verstehen.

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BLESSED (HAU 2, 30.08.2016)
Meg Stuart / Damaged Goods & EIRA
Choreografie: Meg Stuart
Musik: Hahn Rowe
Dramaturgie: Bart Van den Eynde
Installation: Doris Dziersk
Kostüme: Jean-Paul Lespagnard
Lichtdesign: Jan Maertens
Licht: Jan Maertens
Regen und Bühne: Kay Hupka
Mit: Francisco Camacho, Kotomi Nishiwaki & Abraham Hurtado

Infos: http://www.tanzimaugust.de/programm/festivalplan/meg-stuart-eira-blessed/

Zuerst erschienen am 30.08.2016 auf Kultura-Extra.

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Until Our Hearts Stop – Meg Stuart & Damaged Goods mit ihrem zweiten Gastspiel beim Tanz im August in der Berliner Volksbühne

Während der zukünftige Volksbühnenintendant Chris Dercon auf der Pop-Kultur in Neukölln noch nach künstlerischen Inspirationen suchte, zeigte das Festival TANZ IM AUGUST an dessen neuer Wirkungsstätte eine recht bemerkenswerte Mischung aus Konzert, Tanz und intensiver Körperperformance. Die Choreografin Meg Stuart ist mit ihrer Truppe Damage Goods und dem 2015 an den Münchner Kammerspielen entstandenen Stück Until Our Hearts Stop an das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz zurückgekehrt. Wie der Zufall so will, war das auch die letzte Produktion der Kammerspiele unter Johan Simons, der (im Gegensatz zu Frank Castorf an der Volksbühne) seinen Platz für Matthias Lilienthal allerdings vorzeitig und freiwillig räumte.

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Der von München nach Hamburg gewechselte Schauspieler Kristof Van Boven, der schon in mehreren Produktionen von Meg Stuart mitwirkte, wird hier in Berlin in einer improvisierten Pause nicht nur die Schlüssel seiner alten Wohnung, Knetmasse und manch anderes dem Publikum anbieten, er hat als Entertainer und Varieté-Künstler im Frack auch noch ein paar heiße Infos zum neuen Volksbühnenintendanten und belgischen Landsmann Chris Dercon parat.

Da ist der Abend aber schon weit fortgeschritten und in eine nicht enden wollende Improvisations-Zugabe kulminiert. Until Our Hearts Stop zerfällt deutlich in zwei recht disparate Teile, von denen der erste mit einer ziemlich coolen Jam Session der drei Jazzmusiker Samuel Halscheidt (der den kurz nach der Uraufführung verstorbenen Komponisten Paul Lemp ersetzten musste), Marc Lohr und Stefan Rusconi an Klavier, Bass und Schlagzeug/Trompete beginnt. Das Ensemble aus jeweils drei Perfomerinnen und Performern geht dazu in den direkten Körperclinch. Es entstehen dabei gymnastische bis akrobatische Paarkonstellationen, die auch zu Ringkämpfen führen und schließlich gruppendynamisch in Pyramiden und Körperverknäulungen münden.

 

Foto (c) Iris Janke

Foto (c) Iris Janke

 

Meg Stuart ist mit ihrem Stück auf der Suche nach körperlicher Nähe. Direkter Körperkontakt ist dauerhaft unmöglich und durch Konventionen erschwert. Das Ensemble zelebriert ihn daher lust- wie auch qualvoll als Versuch entgrenzten Zusammenseins. Dafür werden athletische oder therapeutische Elemente wie auch Yoga- und Tantra-Figuren in die Performance eingebunden. Man hechelt wie bei therapeutischen Atemübungen oder vollführt nackt eindeutige bis witzige Körperkonstellationen und setzt sich damit dem Zuschauer als Voyeur schutzlos aus.

Ein zweiter aber nicht weiter entwickelter Strang zum Thema Cornelius Gurlitt und seiner obsessiven Sammelleidenschaft bestimmt das Bühnenbild, das einerseits einen Kellerraum mit Treppe und Holzlattenverschlag zeigt, der einen Zauberschrein, gerahmte Gemälde und ein altes Ledersofa enthält. Anderseits ist es aber auch ein der Realität entrückter Übungsraum, in dem die PerformerInnen ihren spielerischen Versuchen und Leidenschaften ungestört und ungehemmt nachgehen können.

Das gelingt dann auch über 90 Minuten ganz hervorragend, bis (wie schon erwähnt) die symbolische vierte Wand für ein erweitertes Spielchen mit dem Publikum bricht, und nachdem diese wieder aufgerichtet ist, der Abend in zirzensischem Klamauk mit Entertainer, Zaubershow, glitzernden Tanzmäusen und esoterischen Séancen zerfällt. Es wird auch noch nach einem Klempner für ein kaputtes Rohr oder die Liebe gesucht. Man weiß, dass das gewollt ist, die Grenzen des guten Geschmacks weit auslotend, wünscht sich aber doch die starke Intensität des Anfangs zurück.

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Until Our Hearts Stop (Volksbühne, 03.09.2016)
Meg Stuart / Damaged Goods & Münchner Kammerspiele
Uraufführung war am 18.06.2016
Choreografie: Meg Stuart
Entwickelt und performed von Neil Callaghan, Jared Gradinger, Leyla Postalcioglu, Maria F. Scaroni, Claire Vivianne Sobottke, Kristof Van Boven
Dramaturgie: Jeroen Versteele
Livemusik: Samuel Halscheidt, Marc Lohr, Stefan Rusconi
Originalmusik: kreiert von Paul Lemp, Marc Lohr, Stefan Rusconi
Bühnenbild: Doris Dziersk
Kostüm: Nadine Grellinger
Lichtdesign: Jurgen Kolb, Gilles Roosen
Technische Leitung: Oliver Houttekiet
Bühnenleitung: Jitske Vandenbussche
Soundtechnik: Richard König
Licht: Gilles Roosen
Bühnentechnik: Bart Van Bellegem
Garderobe: Patty Eggerickx / Emma Zune
Dauer: 120 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.tanzimaugust.de/programm/festivalplan/meg-stuart-until-our-hearts-stop/2657/

Zuerst erschienen am 04.09.2016 auf Kultura-Extra.

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Heu im HAU – Das Berlienr Hebbel am Ufer richet dem Dichter und Dramatiker Heiner Müller ein Festival aus

Dienstag, März 8th, 2016

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„Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts.“ Heiner Müller (1982)

Heiner Müller!_Plakat HAUHeiner Müller (1929-1995) war nicht nur ein bedeutender deutscher Dichter und Dramatiker, sondern auch eine begnadete Zitatmaschine. Mit vielen seiner überlieferten Sätze ließe sich heute gut leitartikeln. So sprach Müller bereits kurz nach dem Fall der Mauer von „neuen Mauern“. In seiner Rede zur Verleihung des Kleistpreises 1990 bezeichnete er Deutschland als ortlos und „Erdbebenzone (…) auf dem Riss zwischen West- und Ostrom“. Der neue Limes hat sich heute von der Elbe weiter nach Osten und Süden verschoben, an die Grenzen Europas. Die Dramen Heiner Müllers sind immer auch ein „Ausflug in die Geschichte aus der Gier des Dramatikers auf Katastrophen“ nebst Totenbeschwörung und einem nahezu prophetischen Blick in die Zukunft. Heiner Müller ist nun seit 20 Jahren tot und sozusagen selbst Geschichte. Geschichte schreiben aber nach wie vor andere.

Zitatenreich wie Heiner Müller gibt sich auch das Festival, das das Berliner Hebbel am Ufer (HAU) dem Vielzitierten seit Donnerstagabend ausrichtet. Es heißt ganz einfach HEINER MÜLLER! – geschrieben in Müller-Versalien und mit Ausrufezeichen. Unter dem Motto des Müller-Zitats „Was jetzt passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart.“ versuchen noch bis zum 12. März Performer, Musiker, Schauspieler und Regisseure Müllers Texte auf Gegenwartstauglichkeit zu überprüfen.

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Syberbergs Für Heiner Müller im HAU 1

Den Anfang macht aber ein alter Müller-Bekannter aus früheren BE-Zeiten, der vor 25 Jahren auch schon mal am Hebbel-Theater gearbeitet hat. Die Rede ist vom Theater- und Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg, der sein Handwerk Anfang der 1950er Jahre am Berliner Ensemble erlernte. Und auch hier ein Bezug zu Heinrich von Kleist. Der Monolog Ein Traum, was sonst mit Edith Clever, 1990 im Hebbel-Theater aufgeführt, basiert u.a. auf Kleists Prinz von Homburg. Die Clever spielt die Gräfin Bismarck, die kurz vor Kriegsende in den Trümmern ihres Gutshauses auf die Russen wartet und dabei Kleist, Goethe und Euripides deklamiert. Eine hochästhetische Kunstanstrengung, deren Verfilmung von 1994 Teil einer multimedialen Installation Syberbergs im Theatersaal des HAU 1 ist. Im Zentrum des schummrigen Raums, der in einen Müller- und Syberberg-Flügel geteilt ist, steht ein Modell des Amphitheaters von Delphi, das Urbild der Theaterwelt, auf das sich Syberberg bezieht.

 

Foto (c) Dorothea Tuch

Foto (c) Dorothea Tuch

 

Für Heiner Müller nennt sich diese mit einigen Fernsehbildschirmen, Videoleinwänden und einer Fuhre frischem Heu aus Syberbergs 2001 rückgekauftem ehemaligen elterlichen Gutshofs in Nossendorf ausgestattete, begehbare Installation. Syberberg stammt wie Müller aus Mecklenburg. Seine Familie wurde enteignet, er ging in den Westen. Müller blieb in der DDR und schrieb ein Drama zur Kollektivierung mit dem Titel Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande. 1961 von B. K. Tragelehn uraufgeführt, wurde es sofort verboten. Der Regisseur verschwand in der Produktion, der Autor flog aus dem Schriftstellerverband. Nun hat Müllers Stück eine Art Andachtsraum erhalten, den Syberberg gleichzeitig zur Reflexion seiner Geschichte als Großgrundbesitzersohn vor 1945 nutzt. Im Grunde genommen eine doppelte Rehabilitierung. Doch der Sieger der Geschichte ist der Traktor, wie Syberberg in seiner Einführung anmerkt. Ein kleines Model dieses Siegs des technischen Fortschritts über den Menschen ziert die Bühnenrampe und schlägt damit den Bogen zu Müllers frühen Werken.

Es drängen sich noch weit mehr Assoziationen beim Durchgang durch die Installation auf. Im Rückblick auf Peter Steins Birken der alten Schaubühnenära, die im Theater am Halleschen Ufer um die Ecke begann, lässt sich feststellen, dass auch Heu im HAU einen irren Duft verströmt. Ansonsten kommt man sich zwischen den Filmapparaten wie in der Vernissage-Installation The Art Show von Edward Kienholz vor, wobei das Ganze noch die Aura einer Schlingesief‘schen Totenmesse wie einst im Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig hat. Ein wenig viel Syberberg und Clever, etwas zu wenig Heiner Müller, wobei die heiße Diskussion anlässlich einer Syberberg-Werkschau 1990 in der Akademie der Künste mit Heiner Müller und anderen Ost- und Westintellektuellen sowie die Rede von Alexander Kluge zu Heiner Müllers Tod allein schon das Ansehen wert sind.

Und noch ein anderer Erinnerungskünstler deutscher Geschichte ist anwesend. Neben Syberbergs Bühnenaltar mit Heu und Scheunenskelett sowie links und rechts davon je einem Videoleinwandflügel gibt es auch einen Film über die Morgenthau-Plan-Gemälde von Anselm Kiefer zu sehen. Eine künstlerische Umsetzung der US-amerikanischen Nachkriegs-Vision eines Deutschlands als befriedetem Agrarland. Ob Müller-Utopie oder -Dystopie, darüber ließe sich nun trefflich streiten.

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Müller-Maschinen im HAU 2 und 3

HEINER MÜLLER! im Hebbel am Ufer - Foto: St. Bock

Die Müllermatrix am HAU 2  Foto: St. Bock

Wie die jüngere Künstlergeneration mit Heiner Müllers Erbe umgeht, ist beim laufenden Hebbel am Ufer-Festival HEINER MÜLLER! v.a. im HAU 2 und 3 zu sehen. Als „Mensch-Maschine“ ist die Stimme des toten Dichters in der Telefonzellen-Installation Die Müllermatrix von Interrobang zurückgekehrt und spricht auf Tastendruck in zusammengesampelten Textfetzen über ganz gegenwärtige Themen wie Migration, den Untergang Europas oder das zeitgenössische Theater. Ein Müller für jede Gelegenheit.

Noch fast komplett analog ist da die Installation Transitraum goes HAU von Kristin Schulz und Chasper Bertschinger. Die Literaturwissenschaftlerin und Müller-Expertin Kristin Schulz hat dafür Teile des originalen Müller-Transitraums aus der HU Berlin in den 2. Stock des HAU 2 transferiert. Hier kann man nun ganz Old School haptisch in Werken, Manuskripten und Typografien Müllers blättern oder sehen, was in seiner Bibliothek stand und den Dichter inspirierte. Neben Sideboards mit Büchern von Bertolt Brecht, Alexander Bek, William Faulkner und Steven King sind aber auch einige Hörstationen aufgebaut, die einladen, Müller selbst beim Lesen zuzuhören oder gar in den Film-Gesprächen mit Alexander Kluge beim Zigarre-Paffen und Verfassen von Gedanken zuzusehen.

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Die digitale Müller-Brille auf hat das Performance-Kollektiv andcompany&Co. mit ihrem Lecture-Konzert 2045: Müller in Metropolis im HAU 3. Hier wird nun Heiner Müller gänzlich zum Cyborg aus der Zukunft. „WIE FRÜHER GEISTER KAMEN AUS VERGANGENHEIT / SO JETZT AUS ZUKUNFT EBENSO“ heißt es in Brechts Fatzer-Fragment, das Müller bearbeitet hat. Ein Gedanke, der ihn bewegte und wohl auch Einzug in diese 45minütige Tischperformance mit Video und Musik gefunden hat. Der andcompany-Mastermind Alexander Karschnia und seine Cooperanten Nicola Nord und Sascha Sulimma scheinen ebenfalls die Kleistrede von Heiner Müller gelesen zu haben. Reichlich wird daraus zitiert. Aber v.a. die vorausschauende Äußerung zur „Hochzeit von Mensch und Maschine“ hat es ihnen angetan. Als Kind der 80er freut es einen natürlich immer, alte Elektrohelden mal in einer Theaterperformance verwurstet zu sehen. Hier ist es Anne Clark mit ihrem titelgebenden Hit Sleeper in Metropolis. Und Nicola Nord performt dann auch den deutschen Text zu Fritz Langs berühmten Stummfilmbildern mit ordentlich Nebel aus der Trockeneismaschine.

 

Foto (c) Dorothea Tuch

Foto (c) Dorothea Tuch

 

Sind wir nicht alle digitale Schläfer? Eine Frage, der andcompany&Co. nachgegangen sind und mit einer Exkursion in die technologische Singularität und ins Silicon-Valley aufwarten. Auch Müller war in Kalifornien, wenn auch nicht in einer Garage in Palo Alto. Spaß haben und unheimlich reich werden ist die Maxime der digitalen Hippies, der neuen 68er Generation, die sich Mitte der 1980er Jahre aufmachte, um das World-Wide-Web zu erobern. Aus der Starre des Beobachtens in die Genickstarre der digitalen Kommunikation. Alles ist möglich, das „Ich“ zur Adresse geworden. 1 oder 0 ist wie Sein oder Nichtsein. Das Arbeiten an der Differenz geschieht im On-Off-Modus. Das permanente Lauschen im digitalen Rauschen der täglichen Informations- und Kommunikationsflut.

Wie ein roter Faden zieht sich die Kybernetik, auch ein Hobby Müllers, durch die Eröffnungsveranstaltungen des Festivals im HAU. Man muss den turbo-philosophischen Ausführungen von Alexander Karschnia nicht unbedingt folgen, um hier etwas mitzunehmen. Die Menschheit hat den ersten Schritt zur technischen Evolution längst getan. Wir drücken im Internet auf den Unsterblichkeits-Button. Die Aufhebung des Menschen in seiner Schöpfung, der Technologie, wie es Müller formulierte. Vorbild ist wie immer Amerika, wo ein Transhumanist zum Präsidentschaftswahlkampf antritt, ein Terminator-Filmstar Gouverneur werden kann und man sich beim Burning Man in der Wüste Nevadas mit Mutantenfahrzeugen vergnügt. Der Mensch versucht aus der Geschichte herauszufallen, heißt es bei andcompany&Co. Sein Ziel ist die ewige Gegenwart.

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HEINER MÜLLER!
Ein Festival im Hebbel am Ufer

Mit: andcompany&Co., Sebastian Baumgarten, Ana Berkenhoff&Cecilie Ullerup Schmidt, Boris Buden, Laurent Chétouane, Marie-Hélène Gutberlet, Thomas Heise, Interrobang, Boris Nikitin, Patrick Primavesi, Damian Rebgetz & Paul Hankinson, Annegret Schlegel, Kristin Schulz, Veit Sprenger, Hans-Jürgen Syberberg, B.K. und Christa Tragelehn, Ginka Tscholakowa, Hans-Thies Lehmann, Helena Varopoulou u.a.

Termine: 03. – 12. März 2016

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/2015-2016/heiner-mueller/

Zuerst erschienen am 04.03. und 05.03.2016 auf Kultura-Extra

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Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 – Rimini Protokoll setzen sich im HAU 1 mit Hitlers autobiografischer und antisemitischer Hetzschrift auseinander

Freitag, Januar 15th, 2016

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Mein Kampf ist mit einer Auflage von über 12,5 Millionen Exemplaren neben der Bibel oder dem Koran das vielleicht am häufigsten verkaufte Buch der Welt. Dem Autor Adolf Hitler hat seine 1925 im Landshuter Gefängnis geschriebene, autobiografisch gefärbte und antisemitische Hetzschrift bis 1944 Tantiemen in Höhe von insgesamt 15 Millionen Reichsmark eingebracht, die der selbsternannte Führer des Deutschen Volkes zum größten Teil nicht einmal versteuern musste. Ab dem 1. Januar 2016, 70 Jahre nach Hitlers Tod, ist dieses vom bisher die Urheberrechte haltenden Bayerischen Finanzministerium als hoch gefährlich eingestufte und penibel geschützte Buch nun gemeinfrei. Mein Kampf könnte demnach von jedem x-beliebigen Verlag gedruckt und neu herausgebracht werden. Der ungehinderten Verbreitung des Buches stehen allerdings wegen seines Inhalts ein paar strafrechtliche Belange wie der Tatbestand der Volksverhetzung und die Störung des öffentlichen Friedens im Wege.

 

Mein Kampf_Erstausgabe von 1925 im DHM (c) Huttenlocher auf Wikipedia

Mein Kampf – Erstausgabe von 1925 im DHM Berlin – Foto (c) Huttenlocher auf Wikipedia

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Dies und noch viel mehr erfahren wir in dem neuen Stück der bekannten Dokutheater-Macher Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll. Nach der Uraufführung im September 2015 beim Kunstfest Weimar feierte Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 nun just am Vorabend des Verkaufsstarts der kommentierten Neuausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte seine Berlin-Premiere auf der Bühne des Hebbel-Theaters (HAU 1). Sechs ausgewählte Experten des Alltags, wie es immer so schön heißt, verhandeln aber nicht nur rein rechtliche Dinge. Ihre Recherche unter der Leitung von Rimini Protokoll diente auch der Annäherung an den historisch brisanten Text zum Zwecke seiner Entmystifizierung. Was aus deutscher Sicht auch immer ein wenig Geschichtsaufarbeitung bedeutet.

Neben den nackten Zahlen und Fakten über z.B. die Vielzahl der Ausgaben im In- und Ausland geben die Experten daher auch einen Einblick in ihre Herkunft und Familiengeschichte. Irgendwie gab es dieses Buch in der Nazizeit dann ja in fast jedem deutschen Haushalt. Und bis heute hat es sich hartnäckig in so manchem Bücherschrank in der zweiten Reihe oder in anderen Verstecken erhalten. Gelesen will es allerdings kaum jemand haben. So hat die Frauenrechtlerin Sibylla Függe 1955 als 14jährige ein Exzerpt von Mein Kampf (MK) auf 20 Schreibmaschinenseiten erstellt und ihren schweigenden Eltern unter den Weihnachtsbaum gelegt. Flügges ältere Schwester ist dann später zur R.A.F. in den linken Untergrund gegangen. Auch ein Stück deutscher Geschichte.

Auf Alon Kraus, der eigentlich den israelischen Ankläger im Eichmann-Prozess zu seinen Vorbildern zählt, übt MK ebenfalls eine gewisse Faszination aus. Für den israelischen Anwalt mit deutscher Großmutter scheint die Lektüre eine Art lebenslanger Flirt mit dem Bösen zu sein. Allerdings pflegt  einen eher lockeren und auch mal provokanten Umgang mit dem Buch. Das erste Mal hat Kraus es als Student in der Unibibliothek gelesen und erzählt, wie es ihn aus seiner Schreibblockade befreite. Nun nutzt er MK hin und wieder als Mittel, um deutsche Frauen am Strand in Tel Aviv anzubaggern.

 

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Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 von Rimini Protokoll im HAU 1 – Foto: St. Bock

 

Dass es vor allem in Israel auch immer wieder Probleme mit der Veröffentlichung von MK gab, zeigt eine nachgespielte Debatte in der Knesset, die sich vor bereits vor zwanzig Jahren mit der für israelische Historiker geplanten Übersetzung ins Hebräische befasste. Während heute der Zentralverband der Juden in Deutschland die Herausgabe der neukommentierten Ausgabe von MK als Mittel zur Entlarvung des Rechtspopulismus begrüßt hat, fürchten jüdische Opferverbände dagegen die erneute Verbreitung von Hitlers rassistischen Thesen. Und auch der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, hält nichts davon, die Neuauflage von MK im Schulunterricht einzusetzen.

Eine ähnlich provokante Ader wie Alon Kraus hat der türkische Rapper Volkan T Error, bekannt aus Produktionen des Maxim Gorki Theaters. Er stellt eine türkische Manga-Ausgabe von MK vor und ist ansonsten zuständig für den Sound des Abends, bei dem es in expliziten Rap-Songs auch um den Umgang mit der deutschen Sprache und Kartoffel als Schimpfwort geht.

Die junge Rechtsanwältin Anna Gilsbach hat sich MK als PDF aufs Handy geladen und klärt über die rechtlichen Konsequenzen der Verbreitung auf. Ihr Großvater hat seinen Widerstand in der NS-Zeit mit der Lektüre von Hitlers Buch begründet und wurde wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt. Der gelernte Buchbinder Mathias Hageböck ist Restaurator an der Anna Amalia Bibliothek in Weimar und hat ein rein bibliophiles Interesse an MK, da er es inhaltlich eher für überschätzt hält. Während der Vorstellung druckt er sein eigenes Exemplar, bindet es und gibt es einem Zuschauer zum Lesen.

Wie schon in der Rimini-Protokoll-Produktion Karl Marx: Das Kapital, Erster Band ist auch hier der blinde Radiomoderator und Brailleschrift-Redakteur Christian Spremberg mit von der Partie, der einige Passagen aus einem Punktschrift-Exemplar von MK zum Besten gibt. Selbst das Bühnenbild des Kapital-Stücks ist recycelt worden. Eine große Bücherwand, auf deren Rückseite (oder Arschseite, wie sie von den Beteiligten genannt wird) sich der recht kurzweilige Abend abspielt. Der Touch des scheinbar Unfassbaren lässt sie das Buch zur Musik von Volkan T wie bei der Reise nach Jerusalem von einem zur anderen werfen oder zu Stichworten eines Buchstabenspiels darüber assoziieren.

Aber was hat uns nun der Inhalt des Buches Mein Kampf, von dem der britische NS-Experte und Hitler-Biograf Ian Kershaw sagt, es sei völlig nutzlos, eigentlich heute noch zu sagen? Und so horchen die Experten angestrengt auf den Klang des Textes, den Volkan T nach ihren Vorstellungen in elektronische Samples übersetzt oder den Christian Spremberg immer wieder, auch mal mit verzerrter Stimme den Duktus Adolf Hitlers imitierend, vorliest. Natürlich kitzeln die Beteiligten auch noch ein paar kabarettistische Stilblüten aus Hitlers Pamphlet, und im Hintergrund ist kurz Helmut Qualtinger vom Band zu hören, dessen höchst amüsante Lesung von Mein Kampf nun auch auf DVD zu haben ist. Hitler ist sicher kein Thomas Mann oder Goethe, Mein Kampf aber durchaus ein gutes Beispiel völkischer Literatur, wie es sie in den 1920er Jahren zu Hauf gab, meint der österreichische Historiker und MK-Experte Othmar Plöckinger im Video. Aus heutiger Sicht ist das Buch somit zweifellos eine wichtige historische Quelle. Ob man sie unbedingt in der Schule lesen muss, sei dahingestellt, als Zeugnis wirksamer, perfider Propaganda hat das Buch sicher auch in unserer Zeit noch Bedeutung.

Angesichts des Phänomens, dass neben Hitler auch der Neonazi Michael Kühnen und der erst linke, dann extrem rechte Anwalt Horst Mahler Bücher im Knast geschrieben haben, fragt man sich am Ende auf der Bühne, woran denn gerade Beate Zschäpe schreibt. Ich würde auf ein Buch mit unschuldigen deutschen Kochrezepten tippen.

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Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 (HAU 1, 07.01.2016)
von Rimini Protokoll
Konzept, Regie & Text: Helgard Haug, Daniel Wetzel
Dramaturgie & Recherche: Sebastian Brünger
Bühne & Video: Marc Jungreithmeier
Interaction Design: Grit Schuster
Musik: Volkan T
Regie-Assistenz: Meret Kinderlen
Technische Koordination & Licht: Andreas Mihan
Sound Design / Ton-Technik: Peter Breitenbach
Hospitanz: Linn Günther
Company Management: Heidrun Schlegel
Mit: Sibylla Flügge, Anna Gilsbach, Matthias Hageböck, Alon Kraus, Christian Spremberg, Volkan Türeli

Uraufführung beim Kunstfest Weimar am 03.09.2015
Berlinpremiere im HAU 1 am 07.01.2016
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Weitere Termine:
29.01. und 31.01.2016 an den Münchner Kammerspiele
17.02. – 18.02.2016 am Schauspiel Leipzig
23.03. – 24.03.2016 am Staatsschauspiel Dresden

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de

Zuerst erschienen am 09.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Theater und Politik – Ein aktueller Jahresrückblick (Teil 1) – Rimini Protokoll holen die Realität in den fiktionalen Raum Theater. Wolfram Lotz löst Realität mit Mitteln der Fiktion auf. Die Bilder müssen in beiden Fällen im Kopf neu zusammengesetzt werden.

Montag, Dezember 29th, 2014

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Realität oder Fiktion, das ist die Frage, die politisch denkende Theatermacher derzeit umtreibt. Während Rimini Protokoll die reale Welt in den fiktionalen Raum des Theater holen, greifen Theaterautoren wie Wolfram Lotz mit Mitteln der ins Absurde getriebenen Fiktion die Realität an. „Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist also der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision.“ Für Lotz sind Theaterstücke Anleitungen für die Wirklichkeit. In seiner „Rede für das unmögliche Theater“ plädiert er für das Theater als Ort, „an dem Fiktion in Wirklichkeit umgesetzt wird.“

Dass irgendwie alles mit allem verbunden ist, weiß man spätestens seit der Chaosforschung oder dem rhizomatischen Denk- und Weltbeschreibungsmodell der Postmoderne von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Festgefügte Begriffe wie Logos, Ursprung, Wahrheit und Vernunft lösen sich auf und beginnen zu gleiten. Nichts hat Anfang und Ende. Früher sprach man mit Heraklit: „Alles fließt.“, oder besser: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Nur, dass die Einheit aller Dinge, wie Heraklit sie noch sah, heute einen ontologischen Knacks bekommen hat.

Das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit ist daher wieder besonders interessant für das Theater. Wird der Zuschauer im HAU 2 beim Video-Stück Situation Rooms von Rimini Protokoll als in einer Installation fiktiv handelnde Person in reale Zusammenhänge verstrickt, denen er sich nicht, ohne das Spiel bewusst zu verlassen, entziehen kann, bringt Wolfram Lotz in seinem Hörspiel Die lächerliche Finterniss die als real empfundene Welt des Zuschauers mit seinem fiktiven Text in Unordnung, um Realität neu verhandeln zu können. Wobei Regisseurin Daniela Löffner am Deutschen Theater dieser Verunsicherung die entsprechenden Bilder entgegenzusetzen versucht. Ein Unterfangen, das in beiden Fällen fast zwangsläufig zu Wahrnehmungsproblemen führen sollte.

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Situation Rooms – Rimini Protokoll zeigen ihr zum Theatertreffen 2014 eingeladenes interaktives Video-Stück im Rahmen des Themenschwerpunkts „Waffenlounge“ am Berliner HAU 2.

Situation Rooms_HAU 2_Plakat Waffenlounge

Schwerpunkt Waffenlounge im HAU 2 Foto: St. B.

Wir stehen an einem langen Tisch im HAU 2. Eine kleine Gemeinschaft von zwanzig ganz normalen Personen, die durch einen Spielleiter auf das nun Folgende eingeschworen werden. In den nächsten rund 80 Minuten sollen wir, den Anweisungen auf einem Tablet-PC folgend, nacheinander in zehn von zwanzig Charaktere des Videostücks Situation Rooms der bekannten Doku-Theatermacher Rimini Protokoll schlüpfen. Der Titel ist dem Schnappschuss aus dem Weißen Haus entlehnt, der die US-Administration bei der Live-Video-Übertragung der Liquidierung Osama Bin Ladens durch eine Spezialeinheit von US-Marines zeigt.

Nun schauen wir also auf kleine flimmernde Bildschirme, vor uns ein räumlicher Parcours mit zwanzig nummerierten Eingangstüren, durch die wir einzeln in die uns nur von Berichten aus Film, Fernsehen oder den unterschiedlichen Print- und Internetmedien bekannte Welt der Rüstungsindustrie, des globalen Waffenhandels sowie der militärischen Krisen mit allen ihren Folgen eintreten werden. Für kurze Zeit tauschen wir unsere persönliche Identität gegen die der von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel ausgewählten Experten des Alltags, denen wir sonst so bequem im Theatersesel beim Erzählen ihrer Geschichten lauschen durften.

Der Alltag ist hier zumeist ein blutiger. Ich stehe zunächst in einem einfachen Raum, der eine Schule in Kisangani (Demokratische Republik Kongo) darstellt. Der neunjährige Yaoundé Mulamba Nkita erzählt von einem Angriff der Kabila-Milizen, nach dem er mit den anderen Schülern entführt und zum Kindersoldaten ausgebildet wurde. Ich ziehe die Fahne Zaires hoch und muss sie nach dem Machtwechsel wieder einholen. Später, fast am Ende des Parkours, werde ich wieder vorbeikommen und die Hand von Richard Khamis, einem Journalisten aus dem Süd-Sudan schütteln, der hier sein Rundfunkstudio aufgebaut hat und ehemalige Kindersoldaten zu Journalisten ausbildet. Khamis zeichnet an einer Tafel noch einmal den Weg der Waffen im sudanesischen Bürgerkrieg nach. Die Regierungstruppen hatten deutsche G3-Gewehre, die Rebellen kauften Kalaschnikows in Osteuropa.

Situation Rooms_HAU 2_Dez. 2014

Situation Rooms im HAU 2
Foto: St. B.

Und darum geht es auch. Wir sollen, den Weg der Waffen zurückverfolgend, unsere Verstrickung in die Konflikte dieser Welt nachvollziehen können. Ich wechsele dazu in die Identität eines Computer-Hackers, der Sicherheitssysteme von Banken checkt oder auch zu knacken weiß. Die von ihm entwickelten Programme werden also auch für ihr Gegenteil missbraucht. So stehe ich wenig später mit einem Hipster-Hut neben dem sorglosen Schweizer Arbeiter eines Rüstungsbetriebs und schaue ihm beim Werkeln über die Schulter. Einen Computer-Stick, den er benutzt, stecke ich wenig später in die Jacke seines Spindes zurück, bevor ich sie selbst anziehen muss, um mich nun als Konstrukteur von High-Tech-Waffenteilen zu betätigen. Beim abendlichen Teller Borschtsch flimmert der Krieg bei den Nachrichten in die Wohnstube, und der Mann erklärt seiner Frau am anschaulichen Beispiel aus dem Golfkrieg, was er am Tage zusammengebaut hat.

So hängt alles mit Allem zusammen, will uns das Spiel von Rimini Protokoll erklären. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, aber auch sehr variabel – durch das Auge des jeweiligen Betrachters gesehen. Nichts ist dabei von Anfang an so, wie es einem zunächst scheint. Man muss die Bilder auf dem Tablet im Kopf neu montieren. Dazu bleibt aber relativ wenig Zeit. Das Spiel ist auf den Punkt getimt, man muss Anschluss halten. Und so erfahre ich, dass die Möglichkeiten an einem Krieg zu verdienen, genauso vielgestaltig sind, wie in einen verwickelt zu werden. Die einen tun dies aus freien Stücken, andere eher unwissentlich oder auch gezwungener Maßen. Im Hinterhof der Installation reflektiert ein israelischer Soldat seine Situation auf dem täglichen Patrouillengang. Man kann bequem am Joystick des Dohnenkrieges sitzen oder deren Opfer vor Gericht verteidigen.

Ein deutscher Sportschütze lässt sich vom Waffenhersteller Heckler & Koch sponsern. Er testet die neuesten Modelle auf der Schießanlage. Und ich, einst selbst Wehrdienstleistender bei der NVA, gehe gehorsam in den liegenden und stehenden Anschlag. Auf einer Waffenmesse führe ich einen elektronischen Handschuh für Sicherheitschecks vor und helfe einer Mitspielerin in eine schusssichere Jacke. Wo die deutsche Hochburg der Rüstungsindustrie steht, erfahre ich in der Rolle eines Friedenaktivisten, der die Geschichte der Waffenstadt Olberndorf mit dem Mauserwerk bis zurück ins Dritte Reich rekapituliert.

Situation Rooms_HAU 2_Waffenlounge1

Installation Waffenlounge im HAU 2 – Foto: St. B.

Schnell wird das Spiel dann wieder als Kriegsfotograf vor Ort. Hier treffe ich auch noch einmal den Kindersoldaten. Ein Foto kostet Geld oder auch das Leben. „Heute war mein Leben ganze 4 Dollar wert“, gibt der dpa-Mann zu Protokoll. Nicht gerade viel im Gegensatz zum Profit der Waffenlobbyisten, die sich in klinisch sauberen Konferenzräumen treffen. Am Ende stehen dort alle rund um einen großen Tisch, die Tablets flimmern. Wir kehren zurück in unsere Realität. Die Bilder werden noch eine Weile bleiben.

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Rimini Protokoll
Situation Rooms (19.12.2014)
Von: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel
Szenografie: Dominic Huber / blendwerk
Video: Chris Kondek
Ton: Frank Böhle
Technische Leitung und Licht: Sven Nichterlein
Mit: Abu Abdu Al Homssi (Syrien), Alberto (Mexiko), Shahzad Akbar (Pakistan), Jan van Aken (Deutschland), Narendra Divekar (Indien), Nathan Fain (USA), Reto Hürlimann (Schweiz), Maurizio Gambarini (Deutschland), Andreas Geikowski (Deutschland), Marcel Gloor (Schweiz), Barbara Happe (Deutschland), Volker Herzog (Deutschland), Richard Khamis (Süd-Sudan), 
Wolfgang Ohlert (Deutschland), Irina Panibratowa (Russland), Ulrich Pfaff (Deutschland), 
Emmanuel Thaunay (Frankreich), Amir Yagel (Israel), Yaoundé Mulamba Nkita (Kongo), Familie R (Lybien). Sowie: Christoper Dell, Alexander Lurz, Karen Admiraal
Recherche: Malte Hildebrand, Cornelius Puschke
Regieassistenz: Ann-Kathrin Büdenbender, Malte Hildebrand
Mitarbeit Szenografie / Assistenz: Claudia Bartel, Ute Freitag, Sophie Reinhard, Leonie Süess
Produktions-leitung: Heidrun Schlegel
Video-Assistenz: Philipp Hochleichter
Werkstatt Leitung: Steffen Fuchs
Licht: Hans Leser, Stefan Neumann
Elektronik Effekte: Georg Werner
Assistenz der Produktions-leitung: Caroline Lippert, Christin Prätor
Übersetzung: Amina Orth, Günter Orth, Djengizkhan Hasso, Riad Ben Ammar, Othman Saeed, Nahal Saeed, KITA Berlin
Produktion: Rimini Apparat und Ruhrtriennale
Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer, Schauspielhaus Zürich, SPIELART festival & Münchner Kammerspiele, Perth International Arts Festival, Grande Halle et Parc de la Villette Paris, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, Onassis Cultural Center – Athens.
Dauer: ca. 80 Minuten, keine Pause
Premiere bei der Ruhrtriennale: 23.08.2013
Berlin Premiere im HAU 2 am: 14.12.2014
Weiter Termine: 15.-22.12., 27.-30.12.2014, 2.-11.1.2015 / HAU2 /
Begrenzte Kapazität, Anmeldung erforderlich

Infos: http://www.2013.ruhrtriennale.de/de/programm/produktionen/rimini-protokoll-situation-rooms/

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/programm/alphabetisch/rimini-protokoll-situation-rooms/

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/waffenlounge/

Zuerst erschienen am 23.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz inszeniert Daniela Löffner an den Kammerspielen des DT als Reigen kurioser Situationen

Das Rhizomatische an Wolfram Lotz‘ Geschichte ist, dass sie wie Rimini Protokolls Situation Rooms Zusammenhänge sichtbar machen will. Nur das Lotz dazu in die Trickkiste greift und zwei bereits aufeinander beruhende Fiktionen miteinander verschränkt, indem er sie gleichzeitig in unsere Gegenwart holt. Im Untertitel nennt der Autor seine Bezüge. Das Hörspiel Die lächerliche Finsternis nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse fußt auf dem Afrika-Roman Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und dem Vietnamfilm-Klassiker Apokalypse Now von Francis Ford Coppola.

Lichter in der Finsternis - Weihnachten am Deutschen Teater Berlin - Foto: St. B.

Lichter in der Finsternis – Weihnachten am Deutschen Teater Berlin – Foto: St. B.

Die Neuadaption von Lotz versetzt das Geschehen nach Afghanistan an den Hindukusch, in der Annahme, so die Annäherung an die Vorlagen, dass dieser ein Fluss sei. Zwei Bundeswehrsoldaten, der Hauptfeldwebel Oliver Pellner und der Unteroffizier Stefan Dorsch, fahren mit einem Boot in den Dschungel Afghanistans, auf der Suche nach dem abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger, der mehrere Soldaten im Wahn getötet hat. Das Wasser ist dabei das alles verbindende Element, wie auch der Transportweg aus der sicher geglaubten westlichen Zivilisation in die Irre der Finsternis aus wirtschaftlichen Verflechtungen und Kriegen. Kein Tablet weist hier den Weg zurück in die Realität. Aus dieser Verunsicherung wird eine ganz neue Realität erschaffen.

Lotz macht trotz bissiger Satire und jeder Menge surreal komischer Momente schon im Prolog des somalischen Piraten klar, dass es ihm durchaus auch ernst ist. Meist mit angeklebtem Schnurrbart darf Kathleen Morgeneyer hier alle übrigen männlichen Rollen verkörpern, u.a. eben auch die des Somaliers Ultimo Michael Pussis, der sich wegen des durch westliche Fischereiflotten leergefischten Meers vor Somalias Küste mit seinem Freund Tofdau als diplomierter Pirat verdingen muss. Morgeneyer setzt dabei vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang ganz in schwarz ohne das übliche Blackface zu einer recht poetischen, in ruhigem Ton vorgetragenen Verteidigungsrede vor einem Hamburger Strafgericht an.

Die lächerliche Finsternis - Foto DT-Schaukasten

Die lächerliche FinsternisFoto DT-Schaukasten

Dagegen werden dann Hauptfeldwebel Pellner (Alexander Khuon) als desinteressierter Zyniker und Unteroffizier Dorsch (Moritz Grove) als anscheinend zu kurz gekommenen Ossi, der seine einzige Aufstiegschance bei der Bundeswehr sieht, vorgestellt. Pellner behandelt den verzweifelt um Anerkennung Ringenden stets von oben herab. Die Spielszenen mit den Beiden sind geprägt durch Slapstick mit einem Radio, das als einziges Requisit noch an den Ursprung des Stücks als Hörspiel erinnert. Die Feldverpflegung besteht ausschließlich aus Bananen, aus Plastikflaschen klatscht man sich Wasser unter die Achseln und an die Brust. Besonders schweißtreibend ist das Unterfangen der beiden die meiste Zeit auf einer Art in Kunststofffolie eingepacktem Floß schwebenden Soldaten aber eher nicht. Die lyrische Metapher des Flusses in die Finsternis geht im Klamauk unter.

Immer wieder kreuzen skurrile Typen die Fahrt der Soldaten. Es begegnen ihnen italienische Blauhelmsoldaten, die Coltan abbauende Einheimische (zu dem Thema hatte Roland Schimmelpfennig schon am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein poetisches Rührstück in den afrikanischen Bühnensand gesetzt) beaufsichtigen. Man isst Pizza und wirft den unzivilisierten „Eingeborenen“ (hier uns Zuschauern) ein paar Brocken zu. Ein in einer Aluminiumkiste vorbeischwimmender Händler vom Kriegsschauplatz Balkan bietet mitten im Dschungel den üblichen Ramsch der Zivilisation an und geht dafür mit dem Unglück seiner Familie hausieren. Ein lüsterner Missionar lässt sich über den Islam aus und kultiviert Wilde. Ein sprechender Papagei sagt die bittere Wahrheit als antrainiertes Kunststück und im Gleichnis vom Lippenbär und dem Mädchen Paya spiegelt sich der westliche Sextourismus. Die Statisterie des DT bietet dafür noch ein paar stramme UNO-Blauhelme auf und engelsgleich umherhuschende Wilde mit goldigem Lametta-Haar.

Im Großen und Ganzen karikiert Lotz hier die Klischees des in der westlichen Welt sozialisierten wie zivilisierten Kleinbürgers über das ihm Unbekannte, das zu erklären er aber nie müde wird. Während Dorsch noch um etwas Anteilnahme bemüht ist, versucht Pellner sichere Distanz zu wahren. Die Figuren verstrickten sich hier eher beiläufig in lächerliche Situationen. In allzu große Zweifel werden sie dabei aber kaum gestürzt. Dass am Ende der Abtrünnige Deutinger doch noch in der Gestalt von Kathleen Morgeneyer im kleinen Schwarzen auftaucht und Pellner sich die Bühne mit dem auf dem Meeresgrund dahergelaufenen Tofdau teilen muss, spielt da eigentlich nur eine kurios numerische Nebenrolle. Der Irsinn des Krieges als arithmetische Gleichung mit mehreren Unbekannten.

Die lächerliche Finsternis - Foto DT-Schaukasten

Die lächerliche FinsternisFoto DT-Schaukasten

Es ist schon so schwierig mit dem Stück, aber fast unmöglich mit der Inszenierung von Daniela Löffler klar zu kommen. Am besten ist da noch das Bühnenbild von Claudia Kalinski. Es geht mit diesem kleinen Wolken/Wellen-Schiffchen solange rauf und runter, bis alles zerfließt, was uns als sicher erscheint und nichts mehr da ist, was es zu verhandeln gäbe. Da kommt Regisseurin Daniela Löffner, die schon so verschiedene Gegenwartsstücke wie Das Ding von Philipp Löhle oder Rebekka Kricheldorfs Alltag & Ekstase auf die Bühne gebracht hat, der Intension des Autors schon sehr nahe. Eine absurde Überhöhung der Realität, die uns eh nur aus den öffentlichen Medien bekannt ist.

Leider ist in der Inszenierung auch nichts wirklich lächerlich Finsteres zu sehen, außer der Lächerlichkeit unserer Welt selbst. Und die ist ja wohl auch ohne dem meist ziemlich finster. Vielleicht ist das ja die Absicht des Autors. Nur wird das in der Inszenierung nicht wirklich deutlich. Lotz will absurd sein und mischt Fiktion mit der Wirklichkeit, wobei beides trotzdem immer klar erkennbar bleibt. Daraus macht Löffner hilflose Maskerade und Farce. Die beabsichtige Verunsicherung bleibt aus und es wirkt alles eher uninteressant. Das ist dann eben genau das „Pimmelschwäne-Theater“, von dem Lotz in seiner Rede zum unmöglichen Theater spricht.

Aber vielleicht ist ja auch ganz o.k., mal den Pimmel raushängen zu lassen, um ordentlich abzustrullen. So ist es! Und so ist es auch wieder nicht. Aber da kann man auch Beckett oder Heiner Müllers Bildbeschreibung lesen. „Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau, zwei riesige Wolken schwimmen darin, wie von Drahtskeletten zusammengehalten, jedenfalls von unbekannter Bauart, die linke größere könnte ein Gummitier aus einem Vergnügungspark sein, das sich von seiner Leine losgerissen hat, oder ein Stück Antarktis auf dem Heimflug, …“ – Mag sein.

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Die lächerliche Finsternis (21.12.2014)
von Wolfram Lotz
Regie: Daniela Löffner, Ausstattung: Claudia Kalinski, Musik/ Sounddesign: Sebastian Purfürst, Licht: Marco Schwerle, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Alexander Khuon, Moritz Grove, Kathleen Morgeneyer, Andy Kubiak, Patrick Sommer, Marof Yaghoubi.

Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters war am 14.12.2014

Termine: 03., 10. und 23.01. / 15. und 28.02.2015

Infos: www.deutschestheater.de

Fortsetzung folgt…

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Ungarische Theaterschaffende präsentieren sich auf Berliner Bühnen – Kornél Mundruczó und Csaba Polgár bei „Leaving is not an option?“ im HAU und András Dömötör mit „Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen“ von Marianna Salzmann im Gorki-Studio

Freitag, März 14th, 2014

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Das Ungarn-Festival „Leaving is not an option?“ mit Theater-Gastspielen im Berliner HAU

Schon seit dem 9. März bevölkern für eine ganze Woche lang ungarische Theater- und Performancekünstler mit ihren Produktionen die drei Spielstätten des Berliner Hebbel am Ufer. Mittels Theater, Tanz, Film und Diskussionen untersuchen sie hier die Optionen von Bleiben oder Emigration aus ihrem gewohnten Lebensumfeld. Die Frage dabei ist vor allem: Wie haben sich die politischen Veränderungen in Ungarn auf ihr künstlerisches Schaffen ausgewirkt, und kann man mit Kunst überhaupt darauf reagieren? Im obersten Geschoss des HAU2 hat die Performance-Gruppe Little Warsaw zur Vernissage ihrer Installation text war pic geladen. Das Künstlerduo lädt noch bis zum 15. März zu Workshops rund um die Frage nach den Mitteln der Kunst zum Zweck der Überzeugung und Agitation. Lassen sich dadurch überhaupt politische Effekte auslösen?

Vor dem Foyer des Theatersaals im 1. OG steht ein Fernsehgerät, in dem in einer Art filmischen Retrospektive Beiträge zu den Projekten des freien Budapester Theater Krétakör (Kreidekreis) um den Regisseur Arpád Schilling laufen. Der umtriebige Ungar ist leider mit keiner neuen Produktion beim Festival vertreten. Dafür sind vor allem im kleineren HAU3 Inszenierungen junger Regisseure und unabhängiger Theatergruppen aus Ungarn zu sehen, die es noch zu entdecken gilt. Bis zum Sonntag kann man hier also täglich auf Tour gehen.

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Kornél Mundruczó und das Budapester Proton Theatre zeigen im HAU 2  das Stück Dementia, or the Day of My Great Happiness

Dementia, or the Day of My Great Happiness im HAU 2 - Foto: St. B.

Dementia, or the Day of My Great Happiness
im HAU 2 – Foto: St. B.

Der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó ist dagegen in Deutschland, vor allem durch Theaterarbeiten wie Eis nach dem Roman von Wladimir Sorokin oder dem Frankenstein-Projekt, bereits gut bekannt. Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet ihn auch mit den Wiener Festwochen, wo er zuletzt 2012 seine Adaption von J. M. Coetzees Roman Schande zeigte. Die Inszenierung lief auch zur Wiedereröffnung des Berliner HAU unter Annemie Vanackere. Nun ist Mondruczó gemeinsam mit dem Budapester Proton Theatre und seiner neuer Produktion Dementia, or the Day of My Great Happiness beim Festival „Leaving is not an option?“ wieder zu Gast in Berlin.

Mit seinen unkonventionellen Methoden verstört und verzaubert Mundruczó das Publikum gleichermaßen. Sein Theater ist vor allem ein Theater der Überforderung. Lust, Albernheit, Gewalt und Pathos kennzeichnen alle seine zum größten Teil international koproduzierten Werke, in denen er aber immer auch Stellung zur aktuellen politischen Lage in Ungarn bezieht. So nun auch in seinem vielgelobten Stück Dementia, das nach Stationen beim Spielartfestival in München und im Festspielhaus Hellerau jetzt im HAU2 zu sehen war.

In einer abgewrackten Demenzstation in Budapest (großartige Bühne von Márton Ágh) ist Tag der offenen Tür, was schon an sich ein Witz ist, sind doch dort die Ausgänge meist versperrt und alarmgesichert. Chefarzt Dr. Szatmáry (Roland Rába) ist sein bester Patient, und nachdem er schnell ein paar Pillen eingeworfen hat, erklärt er ganz Ungarn zur Demenzklinik. Bei der Demenz, so der aufgekratzte Neurologe, wird das Gehirn vom Nichts gefressen. Das sei so wie in Ungarn: „keine Vergangenheit, keine Zukunft“. Der Befund ist zynisch und doppelsinnig zugleich, bedeutet dies doch auch, wer kann, haut ab. Wer dazu nicht mehr in der Lage ist, dämmert hier weiter vor sich hin. Deswegen hat Dr. Szatmáry seinen verbliebenen vier Patienten auch etwas Aufheiterung verordnet, und mit Hilfe seiner rechten Hand, Schwester Dóra (Kata Wéber), die Dementia-Band gegründet.

Dementia, or the Day of My Great Happiness von Kórnel Mundruczó - Foto: Márton ÁGH

Dementia, or the Day of My Great Happiness von Kórnel Mundruczó – Foto: Márton ÁGH

Die therapeutische Wirkung von Musik ist bekanntermaßen erwiesen, und so regen sich beim gemeinsamen Musizieren auch wieder die Lebensgeister der zuvor in ihren Betten vor sich hin Dämmernden mit mehr oder minder starker Erinnerungsleistung. Kunst als Widerstand also, der zusammenschweißt und den die Insassen auch bitter nötig haben. Steht doch der Investor Bartonek (Ervin Nagy) vor der offenen Tür, der mit einem Scheck für den Chefarzt winkt und die Patienten zwecks Eigenbedarf vor die selbige setzen möchte. Der schmierige, zu schmalziger Popmusik die Hüften schwingende Investor, der sein Geld neben Immobilien auch noch mit erotischen Welten in digital gemacht hat, setzt nun alles daran, die Belegschaft zu korrumpieren und den Patienten Unterschriften für ihre Einwilligung zur Entlassung abzunötigen.

Mundruczó inszeniert das Ganze als schwarzhumorige Farce. Eine überdrehte Bühnenshow als bös-ironischer Seitenhieb auf die gesellschaftlichen Zustände im postkapitalistischen Ungarn, mit liebevollem Seitenblick auf die Insassen der Demenzstation, die alle einen besonderen Tick kultiviert haben. So beginnen bei der ehemaligen Operndiva Mercédesz (Lili Monori) jedes Mal bei einer ganz bestimmten Melodie die Augen zu leuchten und erwachen verschüttete Liebeskräfte. Computerfachmann Lukács (Gergő Bánki) hängt in einer Erinnerungsschleife fest, in der es um eine frische Brise und das Segeln auf dem Balaton geht, die schüchterne Oci (Orsi Tóth) geht nachts immer an den Kühlschrank, aus dem Beethovens Neunte erklingt, und der Zahnarzt Elöd (László Katona), dem man 25 Jahre lang gesagt hat, was man machen muss, trägt nun Windeln und kann das Zähneziehen nicht lassen.

Es wird gesungen und getanzt, geschachert, eine Zunge abgeschnitten und wieder angenäht. Die Diva Mercédesz erzählt aus ihrem Leben, eine Gebrauchsanweisung für die demente Merci Sápy, in der sie sarkastisch mit der Männerwelt und der dementen Unterhaltungsgesellschaft abrechnet. Nachdem Arzt und Schwester mehrmals die Seiten gewechselt haben, kulminiert der Kampf der Insassen im nun geschlossenen Horror-Haus schließlich in einem regelrechten Gewalttrip und Amoklauf des Investors, der mit Kamera schemenhaft nach außen übertragen wird. Die endgültige Befreiung sieht die Gruppe dann nur noch im kollektiven Selbstmord. Dafür liegt auch schon für jeden das finale Suicide-Kit unterm Weihnachtsbaum. Die bittere Erkenntnis einer Gesellschaft, die sich hier per Tüte überm Kopf selbst die Luft abschnürt. Zum Finale singt man dann zusammen ein versöhnliches „We’ll Meet Again“. Es geht gegen die verordnete Auslöschung von Erinnerungen. Erinnern, das Wort, das der Dentist mit Kreide an die Außentür schreibt, als essenziell wichtige Fähigkeit einer Gesellschaft, ohne die sie auf Dauer auch nicht überlebensfähig ist.

Dementia, or the Day of My Great Happiness
Ungarisch mit deutschen Übertiteln
Regie: Kornél Mundruczó
Bühne und Kostüme: Márton Ágh
Dramaturgie: Viktória Petrányi und Gábor Thury
Musikalische Konzeption: János Szemenyei
Produktion: Dóra Büki
Technische Leitung und Lichtdesign: András Éltetö
Ton: Zoltán Belényesi
Requisiten: Gergely Nagy
Video: Zoltán Gyorgyovics
Garderobier: Melinda Domán
Regieassistent: Zsófia Csató
Produktions-assistenz: Ágota Kiss
Besetzung:
Bartonek … Ervin Nagy
Dr. Szatmáry …. Roland Rába
nurse Dóra … Kata Wéber
Mercédesz Sápi … Lili Monori
Henrik Holényi …. Balázs Temesvári
Lady Oci … Orsi Tóth
Lukács … Gergő Bánki
Dentist … László Katona

Produktion: Proton Theatre. Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer, Theatre National de Bordeaux Aquitaine, Trafó – House of Contemporary Arts (Budapest), HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste (Dresden), Festival De Keuze / Rotterdamse Schouwburg, Noorderzon Performing Arts Festival (Groningen), SPIELART Festival (München), Festival Automne en Normandie (Rouen), Maria Matos Teatro Municipal (Lissabon), Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt am Main), Kunstenfestivaldesarts (Brüssel). 

Dauer: ca. 130 min

Zuerst erschienen am 14.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Korijolánusz – Eine Shakespeare-Bearbeitung des Ungarn Csaba Polgár im HAU 1

Die Shakespeare-Tragödie des römischen Feldherrn Caius Marcius genannt Coriolanus aus dem Jahre 1607 hat schon einige moderne Bearbeitungen erfahren. Die bekannteste stammt wohl von Bertolt Brecht, der den aufmüpfigen Volkstribunen noch mehr Macht gab. Er ließ sie den nationalen Befreiungskampf gegen den abtrünnigen Kriegshelden Coriolan führen und endete das Stück mit einer römischen Bodenreform. Zwar nicht allein dagegen mokierte sich das DDR-Volk 1953, aber es stand nur kurze Zeit nach den Proben in Berlin auf der Straße. Brecht nötigte das einen flotten Spruch von der Regierung, die sich einfach ein anderes Volk wählen solle, ab. Der Blechtrommler Günter Grass sah sich daraufhin bemüßigt Brecht fortzuschreiben und ließ seinerseits einfach die Plebejer einen Aufstand gegen den Theatermacher proben.

Das HAU 1 - Foto: St. B.

Das HAU 1 – Foto: St. B.

Vom 17. Juni 1953 in der DDR ist es nicht mehr weit bis zum ebenfalls gescheiterten Ungarnaufstand 1956. Das Rad der Geschichte drehte sich unaufhörlich weiter, der Ostblock ist zerfallen, Deutschland wiedervereinigt. Aber auch heute geht es immer noch um die Frage Demokratie oder Diktatur. Und gerade angesichts des viel kritisierten politischen Rechtsrucks in Ungarn, den seit vier Jahren eine populistische, national gesinnte Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán zu verantworten hat, beschäftigt sich die Budapester HOPPart Company unter dem Regisseur Csaba Polgár wieder mit dem alten Shakespeare-Stoff über politischen Machtwillen und demokratische Gepflogenheiten, denen sich der Konsul Coriolanus nicht beugen will. Im Rahmen eines Festivals ungarischer Theatergruppen gastierte die Inszenierung nun an zwei Abenden im Hebbel am Ufer.

Dazu ist der Zuschauersaal leergeräumt worden, und das Publikum nimmt auf einer kleinen Tribüne vor dem Bühnenportal Platz. In Anzügen oder heutiger Freizeitbekleidung steht das Schauspielensemble im Raum und wartet, bis auch der letzte Hereinströmende seinen Platz gefunden hat. Dann beginnt das Volk wegen der steigenden Kornpreise zu klagen. „Es geht um uns, Römer.“ Dabei rückt man dicht gedrängt unter einer alten Stehleuchte zusammen. Wer nicht mit einstimmen will, bleibt außen vor. Der gemeine Plebejer, der hier recht vollmundig seinen Aufstand probt, kommt aber bei Polgár nicht besonders gut weg. Dagegen lässt er den zuvor auf einem Sockel stehenden Patrizier Agrippa als eloquenten Politiker die Parabel vom Magen und den anderen Körperteilen vortragen. So bereitet der geschickt die Einsicht in die Notwendigkeit des Staatswesens vor, dem sich das Volk unterzuordnen habe. Als freundliche Zugabe darf es weitere zwei Tribune wählen.

Der Auftritt des Caius Marcius erfolgt im Unterhemd und mit Scheinwerfer in der Hand. Er pöbelt gegen das Volk und stilisiert sich zum Hauptdarsteller. Die nationale Bedrohung durch die Volsker, die auch mal kurz als Slowaken bezeichnet werden, schweißt die Meute aber zusammen. Man zieht gegen Corioles, das hier einfach eine leere Kühltruhe ist, die Caius Marcius im Alleingang nimmt, während der Plebs lieber zurückbleibt und mit Faschingströten Beifall zollt. Der Titel Coriolanus ist ihm so sicher, und Volsker-Chef Aufidius wird zum Watschenonkel degradiert. Die anschließenden Demütigungen vor dem Volk bei der Wahl zum Konsul lässt der Kriegsheld widerwillig über sich ergehen und die Hosen auf Anraten seiner Mutter Volumnia schließlich runter. Wahlkampfreden sind nicht sein Ding, und dass ihm das aus dem Maul stinkende Volk zuwider ist, daraus macht Coriolanus mit Tritten keinen Hehl. Aus Wut und verletztem Stolz läuft der Entmachtete schließlich zum Feind über.

Man wird hier nicht ständig mit der Nase auf die aktuellen ungarischen Verhältnisse gestoßen. Polgár streut nur gelegentlich wie nebenbei etwas ein, was sicher auch nicht immer verständlich ist. Trotzdem funktioniert die Darstellung der Manipulation des Volkes mit Versprechungen und nationalen Parolen schon sehr gut. Tribune wie Patrizier halten schöne Reden und kaufen Stimmen. In der Szene, in der sich ein römischer und volskischer Handwerker zum Schwätzchen treffen, kommt auch noch ein bisschen Brecht ins Spiel. Man jammert gemeinsam, dass sich nicht viel geändert habe. „Man ißt, schläft und zahlt Steuern.“ Begrüßt aber die Verbannung des Coriolan. Der kleine Frieden ist wichtiger für gute Geschäfte in Rom wie auch in Antium. Ironisch karikiert Polgár hier den Willen des Volkes zur Revolte. Das lässt sich lieber weiter für dumm verkaufen und dreht sich zu „Alle meine Entchen“ im Kreis.

Korijolánusz von Csaba Polgár und HOPPart Company - Foto: Dániel Borovi

Korijolánusz von Csaba Polgár und HOPPart Company
Foto: Dániel Borovi

Immer wieder stellen sich auch die Schauspieler zusammen und singen Choräle wie In Pace oder Sanctus aus Mozarts Requiem. Da mutet das Ganze schon wegen des morbiden Charmes des Hebbel-Theaters manchmal wie eine kleine, schräge Marthalerei an. Aber auch Poppiges wird geboten. Die großartige Nóra Diána Takács darf als Muttertier ihrem Kriegersohn Coriolanus ein herzzerreißendes „The Winner Takes It All hinterhersingen, und die Politikergilde ruft sich ein „Give A Bit Of Hmm To Me And I Give A Bit of Hmm To You“ zu oder klebt sich ein Hitlerbärtchen an. Zeit für Populisten. Die Devise lautet: Eine Hand wäscht die andere. Politik verkommt zum Showprogramm mit lauter Selbstdarstellern. Wen man nicht mehr braucht, entsorgt man einfach.

Nachdem Coriolanus ermordet ist, geht man wieder zum Alltag über, verspricht den Volskern die Rückgabe von Corioles und stellt einen Antrag zur Reparatur der Wasserleitung. Bis dahin wird einfach ein Eimer unter das marode Dach gestellt. Auch ein Sinnbild für die ungarische Krise, unter der vor allem die unbotmäßige freie Kunstszene zu leiden hat. Wer sich nicht in den gleichgeschalteten Chor der Nationalisten einreiht, wird es auch in Zukunft in Ungarn schwer haben. Die Gelder werden längst schon von regierungskonformen Gremien verteilt. An eine Änderung dieser Verhältnisse ist wohl auch nach den bevorstehenden Wahlen nicht zu denken. Da wird denen, die nicht gewillt sind, mit den Wölfen zu heulen, letztendlich nur der Weg ins Ausland bleiben, den schon sehr viele ungarische Künstler gegangen sind.

Korijolánusz
Ungarisch mit deutschen Übertiteln
Regie: Csaba Polgár
Text: Ildikó Gáspár, Gergely Bánki
Licht und Ton: János Rembeczki
Bühne und Kostüm: Lili Izsák
Musikalische Konzeption: Tamás Matkó
Produktion: HOPPart Company
mit: Imre Baksa, Richárd Barabás, Gergely Bánki, Diána Drága, Zoltán Friedenthál, Tamás Herczeg, Tamás Keresztény, Diána Magdolna Kiss, Zsolt Máthé, Katalin Szilágyi, Nóra Diána Takács, Sándor Terhes

Dauer: ca. 100 min

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weitere Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Infos zum Festival: http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/leaving-is-not-an-option/

Zuerst erschienen am 12.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen von Marianna Salzmann, András Dömötör und Ádám Fekete als Szenische Einrichtung im Gorki-Studio

Nicht beim Ungarn-Festival im HAU, aber thematisch in die gleiche Kerbe hauend, beschäftigt sich der ungarische Nachwuchsregisseur András Dömötör in einer szenischen Inszenierung, die er bereits im Februar für das Maxim Gorki Theater eingerichtet hat, mit den derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnissen in seinem Heimatland. Er transportiert diese inklusive der eigenen Erfahrungen in ein Stück der Gorki-Autorin Marianna Salzmann. Am 7. und 8. März wurden seine „Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen“ wieder im Studio Я aufgeführt.

Ein Schusterjunge muss unten im Keller arbeiten, ein Hurenkind steht oben verloren auf der Straße. Ein Hurenkind weiß nicht, wo es herkommt, ein Schusterjunge nicht, wo er hingeht. (Quelle: Wikipedia)

Diese Merksprüche für typografische Satzfehler, die das Erscheinungsbild eines Schriftsatzes negativ beeinflussen, passen auch ziemlich genau auf die Konstellation der Protagonisten aus dem Stück „Hurenkinder Schusterjungen“ von Marianna Salzmann, das im Januar in Mannheim uraufgeführt wurde. Genau verorten lassen sich die drei nämlich weder in Herkunft noch im Hier und Jetzt. Und was sie antreibt, was sie wollen, bleibt ebenso unklar. Sie bilden lediglich so etwas wie eine zufällige Schicksalsgemeinschaft auf Zeit.

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen im STUDIO Я - © 2014 Maxim Gorki Theater

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen
im STUDIO Я – © 2014 Maxim Gorki Theater

Während im Haus von Vermieter Tschech (Till Wonka) die Uhren irgendwann stehen geblieben zu sein scheinen, ist die Zeit draußen geprägt von Kämpfen. In einem nahe gelegenen Park treffen sich immer wieder Leute und protestieren. Den jungen Buchs (Mehmet Ateşçi) zieht es aber nicht hinaus. Er sitzt lieber in seiner im Keller befindlichen Dunkelkammer und entwickelt Fotos, über die er nicht näher Auskunft gibt. Das Interesse der beiden so unterschiedlichen Männer fokussiert sich auf Ali (Lina Krüger), die ihre Miete mit dem Verkauf von Kaffee, Bier und Schokoriegeln in Zügen verdient. Es ist eine der typischen Dreierkonstellationen aus Salzmanns Stücken, in denen jeder nach seinem Platz sucht und immer mindestens einer dabei auf der Strecke bleibt.

Durch den Garten (Eden?) neben dem Haus führt eine Eisenbahnstrecke. Auch eine Art Metapher für das Ankommen und wieder Gehen. Zumindest haben alle drei diese Möglichkeit andauernd vor Augen. Der Weggang oder die Vertreibung scheinen dann auch nur eine Frage der Zeit. Derweil richtet man es sich gemütlich ein und spielt sexuell motivierte Frage-Antwort-Spielchen. Ein verbales und körperliches Abtasten, in dem jeder mal oben oder unten zu liegen kommt. Was stellenweise wie eine verschärfte Familienaufstellung wirkt, ist ein Kampf um Dominanz, der Unentschlossenheit und Schwäche kaschieren soll. Ein idyllisches Familienglück wird sich so aber nicht wirklich einstellen.

András Dömötör inszeniert die Geschichte im Foyer des Studios recht dynamisch auf und neben der Bar (Bühne: Moïra Gilliéron). Mit Hilfe von Playmobilfiguren, Legohäuschen, Kamera und Mikros werden einige der Szenen spielerisch verstärkt und an die Rückwand der Bar projiziert. Zum dramatischen Ende am Bahndamm kommt noch eine Ketchupflasche zum Einsatz. Um dem Ganzen mehr zeitliche Aktualität und eine gewisse Verortung zu geben, hat Regisseur Dömötör eigene Gedanken und Reflexionen über die allgemeine politische Situation in Ungarn und im Speziellen zu den Zuständen am Theater hinzugefügt. Schauspieler Aram Tafreshian trägt diesen Text als Alter Ego des Regisseurs in kleinen, eingeschobenen Szenen vor. Diktatur oder Demokratie, Nationalismus, Staat oder Gottvertrauen? Es läuft auch für ihn auf die ewige Frage hinaus: Bleiben oder gehen? Bis zu 5% der Bevölkerung Ungarns haben das für sich bereits mit dem Gang ins Ausland beantwortet.

Diese Notizen Dömöters, die dem Stück den Beinamen geben, berichten von den ganz persönlichen Eindrücken jenes jungen Regisseurs, der seit kurzem selbst in Berlin lebt, und rückblickend über seine Biografie, den Unmut über das herrschende System und die Resignation, die viele dabei befallen hat, räsoniert. In seinen Überlegungen spielen Aussagen ungarischer Intellektueller wie die des Literaturnobelpreisträger Imre Kertész oder des Friedenspreisträger Péter Esterházy ebenso eine Rolle, wie seine eigenen Zweifel und Überlegungen, ob und wie man etwas ändern kann. Es bleibt mithin eine fast schizophrene Erkenntnis, ein Ungar in Berlin ohne eigene Geschichte zu sein. Das sind konkrete Parallelen zum Stück, dessen Figuren ähnliche Fragen quälen. Ali wird sich schließlich den Protesten anschließen und auch Buchs denkt in einem Telefonat mit seinem Vater daran, den Keller endlich zu verlassen. Ein erster Versuch des Aufbegehrens gegen das eigene innere Koma.

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen
im Studio Я (Premiere war am 13.02.2014)
von Marianna Salzmann, András Dömötör und Ádám Fekete
Szenische Einrichtung
Regie: András Dömötör
Regieassistenz: Chantal Kohler
Bühne: Moïra Gilliéron
Mit: Mehmet Ateşçi , Lina Krüger, Aram Tafreshian und Till Wonka

weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/hurenkinder-schusterjungen/

Zuerst erschienen am 11.03.2014 auf livekritik.de

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Worte und Zeichen – andcompany&Co. und She She Pop im Berliner HAU

Donnerstag, Oktober 10th, 2013

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Der Versuch eines postkolonialen Exorzismus – BLACK BISMARCK von andcompany&Co. im HAU 2

Im Rahmen eines kleinen Afrika- und Kolonialismus-Schwerpunkts bei den Foreign Affairs 2012 hatten die Performer Alexander Karschnia, Sascha Sulimma und ihr belgischer Kollege Joachim Robbrecht von andcompany&Co. bereits einen kleinen Ausblick auf ihre jetzt am HAU 2 herausgekommene Produktion Black Bismarck gegeben. Im Haus der Berliner Festspiele saßen die drei vor einer weißen Leinwand und hielten eine Art Lecture-Performance über die Suche nach den kolonialen Wurzeln Europas und im Speziellen über die Verstrickungen Deutschlands. Eine Lehrstunde für alle überprivilegierten Unterpigmentierten über das Weißsein als unmarkierte Normalität sowie das Spielen im Dunklen der romantisierenden und gleichsam diskriminierenden Vorstellungen über den schwarzen Kontinent.

Black Bismarck Foto: Jan Brokof&Co.

Black Bismarck
Foto: Jan Brokof&Co.

Als graue Eminenz, oder besser Weißer Revolutionär bzw. Riese der deutschen Kolonialgeschichte beleuchteten andcompany&Co. vor allem den einstigen Ministerpräsidenten des preußischen Staats und späteren Kanzler des Deutschen Reichs, den heute wohl immer noch bekanntesten und beliebtesten Politiker Otto von Bismarck. Black Bismarck previsited war nicht einfach nur ein interessanter Lichtbildervortrag mit Musikuntermalung. Es war kluge Unterhaltung mit ernstem Hintergrund auf hohem Niveau. Ein tiefer Abstieg auf die dunkle Seite des weißen, europäischen Selbstverständnisses, wo das Gespenst des Kolonialismus noch immer munter umherspukt.

Sascha Sulimma und Joachim Robrecht sind auch diesmal wieder mit von der Partie. Allerding ist, sieht man mal davon ab, dass die zwei mit Dela Dabulamanzi, Simone Dede Ayivi, Nicola Nord und Gorges Ocloo schlagkräftige Verstärkung bekommen haben, inhaltlich nicht allzu viel Neues hinzugekommen. Ohne Frage, spielerisch haben andcompany&Co. den Abend ausgebaut. Es wird viel herumgetollt, erklärt, gestritten und musiziert. Die Performer tragen dabei als sichtbare Zeichen fantasievolle Helme und Kostüme, mit deren Hilfe sich z.B. die schwarzen Performer im Team als deutsche Birken verkleiden können. Eine klare Aussage und bestimmtes Zeichen, wie eine Kusshand oder der Mittelfinger eines deutschen Politikers.

Auch die weiße Leinwand ist im Hintergrund wieder angebracht. Sie stellt beim ersten Hinsehen noch kein Zeichen dar, erweckt aber sofort die Fantasie und den Expansionstrieb des Europäers, wie ein weißer Fleck auf der Landkarte, den es zu entdecken und zu kolonisieren gilt. Bei der sogenannten Kongo-Konferenz 1884-85 in Berlin teilten die europäischen Mächte Afrika unter sich auf, zogen Grenzen, die noch heute bestand haben und Grund für Konflikte sind. Von den Kolonialläden, Gartenkolonien über Afrikaferiendörfer und koloniale Straßennamen bis in die Psychoanalyse von Sigmund Freud, die romantische und unbewusste Vereinnahmung des dunklen Kontinents Afrika als Symbol für das Fremde und Unbekannte ist im deutschen Sprachgebrauch allgegenwärtig. In den 70ern belegte Ingrid Peters mit der Coverversion des Rose-Laurens-Hits Afrika Platz eins der deutschen Hitparade im ZDF.

Warum ist der Knecht Ruprecht schwarz? Wer hat den schwarzen Peter? Warum werden weiße Schauspieler im Theater schwarz angemalt? Und auf welche Rollen sind schwarze Schauspieler im Nibelungenhort des deutschen Theaters festgelegt? Fragen über Fragen, die die Performer auf ironische Art ausdiskutieren und versinnbildlichen. Ein Exkurs tief ins Herz des Weißseins. Der Unbewusstseinszustand besteht hierbei darin, weiß und nichtmarkiert zu sein, selbst aber ständig alles zu markieren. Und auch der titelgebende Fürst Bismarck spukt als Gespenst weiter durch Deutschland mit seinen Bismarckheringen, -zigarren, -schnäpsen und -apotheken. In sage und schreibe 142 Städten und Gemeinden stehen heute noch Bismarcktürme.

andcompany&Co: BLACK BISMARCK

BLACK BISMARCK  Foto (c) MuTphoto-Barbara-Braun

Das Ganze verzettelt sich dann leider mehr und mehr in eine lustige Performance. Da springt im Video ein Withe Rabbit in der bekannten Berliner U-Bahnstation mit umgewandeltem Namen Möhrenstraße herum und bewegt sich ein kolonialer Albtraum aus Zucker und Gummi in Form des Marshmellowman Stay Puft über die Bühne. Dem schrägen Diskurs werden zwar immer wieder neue Schlagworte zugeführt, allerdings kommt dabei kaum etwas wirklich Zwingendes zustande. Auch ein Zeichen für die bisweilen hart und bizarr geführte Diskussion um den alltäglichen Rassismus in Deutschland. Einziger Hinweis auf schwarze Gegenpositionen bleibt die Erwähnung des afroamerikanischen Bürgerrechtlers Burghardt Du Bois mit seiner These des Zweiten Gesichts, nach der sich ein Schwarzer immer zugleich auch durch die Augen der Weißen wahrnimmt.

Unsere Wahrnehmung der afrikanischen Kultur erfolgt noch immer anhand von Exponaten, die in der Kolonialzeit aus diesen Gebieten nach Deutschland verbracht wurden und nun bald an geschichtlich brisantem Ort des ehemaligen preußischen Stadtschlosses gezeigt werden. In einer gelungenen Merkel-Parodie verblüfft uns Nicola Nord mit elitärem Politikersprech zum Thema Entwicklungshilfe. Der bunte Abend gipfelt dann im Versuch von Joachim Robrecht, den alten Witz vom Schwarzen auf dem Zebrastreifen zu konterkarieren. „Man sieht mich, man sieht mich nicht“ rufend hüpft er mit vollem Körpereinsatz vor der weißen Leinwand auf und ab und kugelte sich dabei leider auch noch die Schulter aus. Gute Besserung von hier aus.

Letztendlich bringt es andcompany&Co.-Mastermind Alexander Karschnia, der sofort für Robbrecht einsprang, mit seinem Mantra „Empty your Head!“ auf den Punkt. Wenn das nur so einfach wäre. Vielleicht sollte es besser „Open your Mind!“ heißen. Aber schön, dass wir mal drüber geredet haben. Die durchaus anregende Performance geht jetzt auf Deutschlandtournee nach Mülheim, Münster und Düsseldorf und wird auch im kooperierenden deSingel Antwerpen zu sehen sein. Weitere Termine siehe unten.

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Black Bismarck  (29.09.2014)
Von und mit: Dela Dabulamanzi, Simone Dede Ayivi, Alexander Karschnia, Nicola Nord, Gorges Ocloo, Joachim Robbrecht, Sascha Sulimma&Co.
Dramaturgie: Alexander Karschnia&Co.
Bühne: Jan Brokof&Co.
Licht: Gregor Knüppel&Co.
Video: Kathrin Krottenthaler&Co.
Kostüm: Raki Fernandez&Co.
Regieassistenz: Mascha Euchner-Martinez
Bühnenbildassistenz: Julia Harttung
Technische Leitung: Marc Zeuske
Company Management: Katja Sonnemann
Eine Produktion von andcompany&Co. in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer (Berlin), deSingel Antwerpen, FFT Düsseldorf, Ringlokschuppen Mülheim und dem Theater im Pumpenhaus Münster.

Premiere: 27.09.2013 im HAU 2

Weitere Infos:

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/programm/alphabetisch/black-bismarck/#

http://www.andco.de/index.php?context=project_detail&id=7074

Zuerst erschienen am 2. Oktober 2013 auf Kultura-Extra.

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Ende oder die Welt als crazy Rock-Scheibe – She She Pop denken im HAU 3 über das richtige Schlussmachen nach.

Was geschieht eigentlich mit den ganzen Dingen, die ein Performancekollektiv so bei der angestrengten Probenarbeit anhäuft, begutachtet, sortiert, wieder verwirft? Kreativmüll sozusagen. Wird das noch gebraucht, oder kann das weg? Die Probenzeit ist mit dem heutigen Tag beendet, konstatiert Mieke Matzke von der Gruppe She She Pop. Aber irgendwie scheinen die vier Performer mit ihrer Arbeit nicht ganz fertig geworden zu sein. Überall auf dem Bühnenboden verstreut liegen diese Dinge, nebst einigen blauen Müllsäcken, die besonders Mieke Matzke Angst bereiten. Die Angst nicht fertig zu werden, nicht zum Ende zu kommen. Dabei hatte das Ganze noch gar nicht richtig angefangen.

Ende von She She Pop im HAU 3 Foto: St. B.

ENDE von She She Pop im HAU 3 – Foto: St. B.

Dunkel ist es nämlich zu Beginn der Performance Ende im HAU 3. Und wir hören die ersten Worte vom Anfang und Ende, von der Schöpfung der Welt aus der Ursuppe, herumfliegendem Weltraummüll und dem Problem etwas Unfertiges, Ungelöstes aus dem Tag mit in die Nacht zu nehmen. Denn davon handelt die Performance, vom Willen, das einmal Begonnene zu Ende zu bringen.

Nach und nach beginnt sich das Auge an die Dunkelheit zu gewöhnen, bis es hell geblendet den ersten Tag der She She Pop‘ schen Schöpfungsgeschichte erblicken darf. Creation day 1. Und da liegt sie dann, die Ursuppe aus aufgehäuften Utensilien, wie Gaffer Tape, Äpfel, Orangen, Post-its, rote Menstruationsfäden, Wasserflaschen und natürlich eine Bibel. Auf einer aufgeklappten Kreisscheibe, die am Rand mit den Albumtiteln der Bat Out Of Hell-LP von Meat Loaf verziert ist. Die Welt als crazy Rock-Scheibe in der kreativen Schöpfungs- und Vorstellungskraft der Performer.

Diese Welt teilt sich in Adam und Eva, die himmlischen Heerscharen und selbstredend Gott, der das ganze Kuddelmuddel verbockt hat. Jeder übernimmt seine Rolle, wobei zuerst das Problem der Nacktheit zu Gunsten hautfarbener Kostüme geklärt wird. Nur die himmlischen Heerscharen bekommen etwas mehr Farbe ab und die vielleicht undankbarste Aufgabe. Lisa Lucassen, einst jugendliches Opfer der Geschmacksverirrungen ihres Bruders, und heute eigentlich eher cool und modebewusst, schmettert mal zart, mal inbrünstig den „Soundtrack ihres Lebens“, den sie hier nun öffentlich durch Absingen des ganzen Albums exorzieren will. You Took The Words Right Out Of My Mouth. Direkt raus aus der Hölle. Und da ist sie wirklich nicht zu beneiden, denn was sich dieser durchgedrehte Hackbraten da in den 70ern so zusammengesungen hat, passt heute auf keine politisch korrekte Kuhhaut mehr.

ENDE von She She Pop - Foto: Benjamin Krieg

ENDE von She She Pop – Foto: Benjamin Krieg

Sieben Songs und sieben Tage in nur 90 Minuten, da bleibt nicht viel Zeit für überflüssige Details. Aber ob hier etwas Kunst ist, oder in den blauen Müllsack gehört, überlässt man dann doch lieber nicht der Putzfrau. Die Performer nehmen sich nun selbst nochmal die allegorisch belegten Dinge eines nach dem anderen vor. Und Mieke Matze ordnet sie akribisch wie Gott auf der Weltenscheibe an. Muss aber erkennen, dass die Arbeit nie getan ist, immer noch was kommt und immer noch eine Frage zu klären bleibt.

Schluss soll also gemacht werden. Zum Beispiel mit den Vorurteilen über Frauen. Ilia Papatheodorou als Eva beklebt sich mit Orangenhaut und stopft sich hinten und vorne aus, ihre weibliche Zuschreibung grotesk betonend. Was erwartet man von Frauen, wie werden sie gesehen und sehen sich selbst? Papatheodorou performt es auf Äpfeln laufend, Prosecco einschenkend und Frauenwitze erzählend. Sie gibt lächelnd Konversationstipps und streicht ein Klischee nach dem anderen von der Welttafel.

Sebastian Bark dagegen trägt als Adam, oder besser vielleicht doch lieber nur Mensch, das Lebenslicht und versucht sich sonst in der Eigenbeschränkung. Das geschieht rein körperlich in Form von Tape, Schnüren und einem Mülleimer. Denn: „Ende ist, wenn nichts mehr geht.“ Das hindert Bark aber nicht daran, noch die Geschichte seines immer zu kurz gekommenen Cousins vorzutragen. Im übertragenen Sinne ein Beispiel, für das Verschließen der Sinne als Ende aller Fantasie, die selbst gewählte und von anderen zugeschriebene Rolle, in der man gefangen ist. Und sei es eine Ehe, die alles beendet. Meat Loaf / Lisa röhrt dazu: „I’m praying for the end of time that’s all that I can do uhhh.. uhh…”

Wie immer bei She She Pop sind das alles ganz persönliche Erfahrungen und Geschichten, die hier auf Dauer aber doch etwas zu nebulös aus der performativen Ursuppe wabern. Nun ist es ja Gott sei Dank nicht Aufgabe des Kritikers, die unfertig herumliegenden Gedankenenden eines Performers zu ordnen. Lustige Anregungen zum Weiterdenken lassen sich in den zum Ende hin wieder zusammengeschobenen Weltenraumbruchstückchen aber allemal finden. Man muss sie nur aufnehmen und ganz entspannt weiter darüber nachdenken. Heaven Can Wait.

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ENDE (08.10.2014)
Konzept und Produktion: She She Pop
Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer und Forum Freies Theater Düsseldorf
Bühne und Kostüme: Sandra Fox und SSP
Choreographische Beratung: Minako Seki
Musikalische Beratung: Max Knoth
Von und mit: Sebastian Bark, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Premiere: 08.10.2013, HAU 3

Weitere Infos: http://www.sheshepop.de

Zuerst erschienen am 9. Oktober 2013 auf Kultura-Extra.

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Ironische Maskenspiele zwischen Liebe, Verrat und Imagination. Oder was kann und wozu studiert man Universalgeschichte? – Zwei Intertextuelle Versuche mit Heiner Müller und Friedrich Schiller über den Aufstand auf Berliner Bühnen.

Dienstag, März 19th, 2013

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„Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

Foto: St. B. bat-studiotheater_der-auftrag_febr-2013.jpg
Ohne Auftrag auf dem Teppich der Weltgeschichte.
Blick in die leere Szene am bat-Studiotheater.

„Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater und „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co im HAU 1

Wie es der Zufall manchmal so will, gab es in den vergangenen Wochen gleich zwei Inszenierungen an Berliner Theatern, die sich vordergründig mit dem Thema des Aufstands und seiner Rezeption in der Geschichte beschäftigen und gleichzeitig damit in Bezug zur gesellschaftspolitischen Wahrnehmung und dem revolutionären Potential in unseren Tagen treten wollen. Gerade eben erst ist der Autor der viel beachteten Streitschrift „Empört Euch!“ Stéphane Hessel gestorben. Sein Aufruf zum Engagement war vor allem an die Jugend gerichtet und hallte auch auf vielen deutschsprachigen Bühnen landauf und landab wider. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich der künstlerische Nachwuchs gerade am bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch mit einem der zeitgeschichtlichen Stücke Heiner Müllers auseinander setzte, das den „Auftrag“ zum Aufstand sozusagen schon im Titel trägt. Im HAU 1 dagegen beleuchtete das bekannte Künstlerkollektiv andcompany & Co. den Aufstand aus Sicht der „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“ von Friedrich Schiller und verschränkte es dabei mit weiteren Texten zum Thema, u.a. dem neuerdings ebenso oft auf deutschen Bühnen (von Berliner Schaubühne bis Maxim Gorki Theater) zitierten revolutionären Aufruf zum Widerstand „Der kommenden Aufstand“ des „Unsichtbaren Komitees“. Einem politischen Text, der bereits seit 2007 in Frankreich und seit 2010 auch in deutscher Übersetzung kursiert. Dass diese zeitgeschichtlichen Exkurse in HAU und bat noch dazu stark intertextuellen Charakter aufweisen, ist eine weitere interessante Gemeinsamkeit beider Inszenierungen. Sie beziehen sich dabei vor allem auf spezielle Ereignisse der Zeitgeschichte oder deren Abbildung in Werken anderer Künstler.

Motiv bei A.S.

Debuisson auf Jamaika
Zwischen schwarzen Brüsten
In Paris Robespierre
Mit zerbrochenem Kinn.
Oder Jeanne D’Arc als der Engel ausblieb
Immer bleiben die Engel aus am Ende
FLEISCHBERG DANTON KANN DER STRASSE KEIN
FLEISCH GEBEN
SEHT SEHT DOCH DAS FLEISCH AUF DER STRASSE
JAGD AUF DAS ROTWILD IN DEN GELBEN SCHUHN.
Christus. Der Teufel zeigt ihm die Reiche der Welt
WIRF DAS KREUZ AB UND ALLES IST DEIN.
In der Zeit des Verrats Sind die Landschaften schön.

Heiner Müller (1958)

Tragödie oder Farce? – „Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater

Der zeitgeschichtliche Bezug bei Heiner Müller und die Intertextualität des Stücks „Der Auftrag“ bestehen nicht allein nur darin, dass sich Müller auf Motive der Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ von Anna Seghers stützt, welche die französische Revolution und ihr Wirken auf historisch verbürgte Vorgänge jener Zeit auf den europäischen Kolonien der Antillen beschreibt. Er spielt im „Auftrag“ auch vielfach auf biblische Motive an und stellt klare Bezüge zu Georg Büchners Revolutionsstück „Dantons Tod“ sowie den geschichtstheoretischen Ausführungen von Karl Marx (Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte) und Walter Benjamin (Über den Begriff der Geschichte) her. Der Untertitel des Stücks „Erinnerungen an eine Revolution“ verweist dabei deutlich auf die wohl wichtigste Intension in Müllers Werk, nämlich die, gegen das allgemeine Geschichtsvergessen anzuschreiben. Dazu kommt wie so oft bei Müller der Verrat in all seinen Formen und Spielarten. Hier im Speziellen eben auch der Verrat an der Geschichte, der Zusammenhang von Liebe, Genuss und Verrat sowie historischem Auftrag und opportunistischer Staatsraison.

Die Republikaner Debuisson, Sohn von französischen Plantagenbesitzern auf Jamaika, Galloudec, ein französischer Bauer, und Sasportas, ein ehemaliger Sklave, werden vom französischen Konvent 1797/98 ausgesandt, um auf Jamaika einen Aufstand unter den Plantagensklaven zu organisieren. Als sie dort ankommen sind, hat aber bereits Napoleon am 18. Brumaire VIII des Republikanischen Kalenders (09.11.1799) die Herrschaft in Frankreich an sich gerissen und die Freiheit trägt wieder Uniform. Der Auftrag ist somit obsolet. Das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht. Während Debuisson in die alten Verhaltensmuster der herrschenden Klasse zurückfällt, sterben die anderen beiden bei dem Versuch ihren Auftrag dennoch auszuführen. Sasportas wird gehängt und Galloudec verreckt in Gefangenschaft an den Folgen seiner Verwundung. Die Revolution auf Jamaika ist gescheitert. Der Auftraggeber Antoine in Frankreich erhält den letzen Brief des sterbenden Galloudec, der den Auftrag wieder zurückgegeben will. Bürger Antoine, nunmehr der Bankrotteur einer Firma, die nicht mehr im Handelsregister steht, verleugnet den Auftrag und flieht sich in die Arme seiner Frau. Hier setzt nun der Bezug zur Gegenwart ein. Wie bankrott sind heute Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bzw. worin könnte noch so etwas wie ein Auftrag bestehen? Und was hindert uns daran ihn anzunehmen. Eine junge Frau reflektiert zu Beginn der Inszenierung am bat aus dem Off über ihr Schauspielstudium. Sie beschreibt ihre Vorstellungen von künstleris   cher Entfaltung auf der Probebühne, die Angst vor dem Scheitern sowie die finanzielle Sicherheit, die ihr das Geld des Vaters beim sich Ausprobieren bietet. Auf der einen Seite steht die unsichere Möglichkeit mit Kunst etwas zu verändern, auf der anderen Seite die, sich nach einem Scheitern wieder bequem in die Abhängigkeit zum Geld des Vaters zurückfallen zu lassen.

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Der Auftrag v.l. Weil, Brüggemann, Breustedt, Richter, Vetter. Foto: Ch. Burchard

Vor diesem Hintergrund entwickeln die sechs Schauspielstudenten im 3. Studienjahr ihre Version von Heiner Müllers „Auftrag“ als Versuch und Diskurs über das Scheitern, den Verrat an sich selbst, seinen Gefühlen und Ideen. Dabei entwickeln sie in einer spielerisch sehr anregenden Form Müllers Requiem auf verlorene Revolutionen, das immerhin schon fas 25 Jahre auf dem Buckel hat, konsequent weiter. Von traditionell chorischen Passagen zu Beginn über die zynischen Dialoge der drei Emissäre bis zu den von Müller eingefügten mystischen Traumsequenzen und parabelartigen Monologen, wie der „Ersten Liebe“ oder dem „Mann im Fahrstuhl“, wechseln die Darsteller gekonnt hin und her. Dabei werden die strengen Müller`schen Texte und Szenenfolgen immer wieder durch Slapsticknummern durchbrochen, verlieren dadurch aber nicht an Kraft und Intensität. Es geht nicht allein um ironische Brechung, sondern um eine konkret spielerische Aneignung des Stoffs. Nicht bloße Reproduktion, sondern die Durchdringung von Müllers Texten ist die Folge. Und das unterscheidet Magali Tosatos Inszenierung von der üblichen Müller-verehrenden Rezeption seines Werks, wie z.B. in der letzten großen, bekannten Inszenierung des „Auftrags“ zu des Dichters 75. Geburtstag. Der Müller-Schauspieler und einstige Hamletdarsteller Ulrich Mühe hatte 2004 das Drama in Starbesetzung (Florian Lukas, Christiane Paul, Ekkehard Schall, Herbert Knaup, Udo Samel, Inge Keller, Heike Kroemer) auf die große Bühne im Haus der Berliner Festspiele gebracht. Das war gut gemeinte Heiner-Müller-Ikonografie in rostigem Bühnenbild. Ein wenig 11.September hier, ein wenig ökologische Dystopie da, und ein andächtiges Erstarren vor des Meisters Text. Eine hehre Leichenfledderei im besten Sinne nach 10 Jahren des kollektiven Vergessens jeglicher Aufträge.

Im bat findet das Spiel auf zwei sich voneinander abhebenden Ebenen (Bühne: Franziska Keune) statt. Am Boden liegen Regale die durch Antoine (Anton Weil) zu Beginn wie Ikea-Möbel verschraubt werden. Er wirkt dabei wie ein heutiger gestresster Alltagsbürger, der sich bei seiner Arbeit gleich von einer ganzen Gruppe von Briefüberbringern genötigt sieht. Wie in einem bösen Traum schießen die Hände mit dem Schreiben Galloudecs immer wieder geisterhaft aus den liegenden Regalsärgen zu ihm empor. Und immer wieder klingt dazu auch wie zum Hohn ein alter Schlager über Ananasfarmen auf Jamaika. Während unten die drei grundverschiedenen Revolutionäre ihre Ansichten vom Kampf zunächst noch sehr euphorisch darlegen, dräut oben der „Engel der Verzweifelung“ aus der Luke und zieht die „Erste Liebe“ (ganz in weiß Kara Schröder) den Plantagenbesitzersohn Debuisson (mit herrschaftlichem Tropenhelm Felix Maria Richter) mit ihren süßen Reden von Verrat und Genuss wieder in ihren Bann. Er hat hier auf Jamaika seine Maske nicht mehr nötig. Schnell legt er sie wie seine Überzeugungen ab, während die anderen beiden diese Möglichkeit nicht haben. „Dein Fell bleibt schwarz, Sasportas. Du, Galloudec, bleibst Bauer. (…) Ich will mein Stück vom Kuchen.“ Die Hackordnung wird wieder hergestellt. Demütig müssen Galloudec (Jan Gerrit Brüggemann in gescheckten Unterhosen) und Sasportas (nur in Shorts Christophe Vetter) ihre angestammten Masken aufbehalten. Ihnen bleibt nur das Schauspiel von der Französischen Revolution als Farce zu wiederholen. Und sie schlagen sich dabei im „Theater der weißen Revolution“ ihre närrischen Rasta-Perücken vom Kopf. „Ein bisschen Spaß muss sein“ singt die Gruppe dazu und führt ein koloniales Bananentänzchen inklusive brauner Brüste auf. Die Freiheit ist wieder, wie schon Dantons Gefährte Lacroix in Büchners Drama kurz vor dem Schafott erwähnt, zur Hure gemacht. „Die Freiheit und die Hure sind die kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren.“ (Danton in: „Dantons Tod“, 5.Szene)

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Szene aus „Der Auftrag“ im bat-Studiotheater. (v.l. Vetter, Breustedt, Brüggemann, Richter) – Foto: Ch. Burchard

„Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution.“ Die Geschichte schreitet voran, der Mensch dreht sich in ihr beständig im Kreis. Eine fatale, fatalistische Mischung aus Benjamins verzweifeltem „Engel der Geschichte“, Marx‘ Rückkehr der Geschichte als Farce sowie „Dantons Tod“ von Georg Bücher als Revolutionstheater der fleischgewordenen Masken. Und immer noch scheitert der Mensch an der Last der Entscheidung zwischen Vernunft und Eros, Auftrag und Genuss oder auch dem Zwiespalt gesellschaftlicher Verpflichtung und persönlichem Glück. Er wird „zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte“, wie es Georg Büchner beim Rückblick auf die Französische Revolution desillusioniert bezeichnete, die gleichwohl eine unvollendete bleibt. (Siehe hierzu auch Jette Steckels Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ am Hamburger Thalia Theater.) Dagegen setzt Heiner Müller sein Theater des „konstruktiven Defaitismus“, des ironischen Zweifels an der reinen Ideologie. Das im Angesicht des Scheiterns aller Utopien trotz allem noch Raum für einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine scheinbar unerreichbar gewordene Utopie lässt. Hierzu wird der Monolog „Der Mann im Fahrstuhl“ im bat zum besonderen Ereignis. In ruhigem, deklamierenden Ton – Die Zeit ist aus den Fugen – besteigt Anton Weil Sprosse um Sprosse der Leiter nach oben. Zunächst noch eingeschnürt in Schlips und Zwang seinen Auftrag nicht zu verfehlen, kommt ihm nach und nach die Gewissheit seines Scheiterns, und wird der Verlust seines imaginären Auftrags zur inneren Befreiung. Die Angst weicht dem Vergessen und öffnet somit durchaus die Möglichkeit einer anderen, neuen gedanklichen Ebene. Auch auf einem grasüberwachsenen Bahndamm bleibt jede Arbeit auch immer Hoffnung.

Und so wie Müller seine Protagonisten in ihrer ganzen Zerrissenheit zwischen einer Sehnsucht nach Glück und Hoffnung, Geschichtsvergessenheit und Verrat zeigt, so sind die Macher des Abends im bat auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Auftrag in einer Welt, wie sie sich den drei Revolutionären in einer kleinen Videoeinspielung mitten im Prenzlauer Berg zwischen religiösen Wahnvorstellungen und Verheißungen, Drang zu sklavischer Liebe und Unterordnung sowie jeder Menge anderer Schicksale und Ungerechtigkeiten aller Art eröffnet. Der scheinbar ohne konkreten Auftrag aus der Enge des Fahrstuhls tretende Mensch, befreit von den Zwängen einer vorbestimmten Ideologie, wird seinen ganz persönlichen Auftrag auch in diesem offensichtlichen Wirrwahr nicht verfehlen können. Vorausgesetzt man empfindet die Ungerechtigkeit der Welt nicht als gottgegeben und begnügt sich damit, durch sein Handeln kein weiteres Unrecht zu begehen und niemandem zu schaden. Wie es der Vater unserer Schauspielstudentin, offensichtlich selbst in leitender Position, im abschließenden Video seiner Tochter als seine Werte vorleben und mitgeben will.
Das bat-Studiotheater wird sich im April im Rahmen eines regelrechten Festivals mit Studenteninszenierungen, übrigens neben Bertolt Brechts Frühwerk „Trommeln in der Nacht“, auch wieder mit Heiner Müller befassen. Dann stehen mit „Zement“ und „Verkommenes Ufer. Medeamaterial. Landschaft mit Argonauten“ weitere Texte zwischen Revolution, Utopieverlust und Mythen der Geschichte auf dem Programm. „DO YOU REMEMBER DO YOU NO I DONT”

Termine unter: www.bat-berlin.de

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Imaginäre Bühnenbesetzung am HAU 1 – andcompany&Co. proben den (kommenden) Aufstand nach Schiller.

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Schillersche Trutzburg der Kunst. Das HAU 1 in der Stresemannstraße Berlin-Kreuzberg – Foto: St. B

Um das Herstellen eines bestimmten Kontextes zur Geschichte geht es auch in „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co. Vor dem Hintergrund von Schillers Text über die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“ versuchen die Performer um Alexander Karschnia sich über die politischen und ökonomischen Grundlagen für einen Aufstand klar zu werden. Also was sind die Grundlagen für eine revolutionäre Situation und wie kommt sie in Gang. Dazu besetzen die Performer die Bühne und machen uns zu ihren Komplizen im Zuschauerraum. Künstlerische Unterstützung hat das Kernteam der andcompany diesmal vom flämischen Theatermacher Joachim Robbrecht, mit dem sie schon für die Lecture-Performance „BLACK BISMARCK previsited“ zusammengearbeitet haben und von Kollegen aus den Niederlanden bekommen. „How do you squat an imaginary space within an imaginary context?“ ist die Frage die es zu klären gilt. Die Darsteller nennen das, was sie auf der Bühne des HAU 1 zusammengeführt hat, dann zunächst auch eine Besetzungsprobe. Der imaginäre Raum des Theaters lässt sich für das Vorhaben, über die politischen Anliegen der Kunst zu verhandeln und dem freier Bürger dazu eine Bühne zu bieten, bekannter Maßen auch am besten nutzen. Schon Friedrich Schiller selbst hatte in seiner Vorlesung „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ das Theater als eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärung bezeichnet.

Ausgehend von den historischen Kämpfen der vereinigten Niederlande im 80jährigen Krieg von 1568 bis 1648 gegen die Europäische Zentralmacht Spanien (Spanische Krone), in Deutschland eher bekannt als der 30jährige Religionskrieg in Mitteleuropa, werden auf der Bühne nach Parallelen zur heutigen globalen Finanzkrise einerseits und zur Krise der Kunst in den heutigen Niederlanden andererseits gesucht. Die weltweiten Occupy-Bewegungen werden dabei mit dem Aufstand der „Geusen“ 1564 verglichen. Die Bühnenbesetzer im HAU 1 treten dann auch im Gewand der niederländischen Aufständischen wie Bettler in Säcke gekleidet auf. Sie üben zunächst das Vokabular der heutigen globalisierungskritischen Widerstandsbewegung, das sich in den zahlreichen Occupy-Camps entwickelt hat, ein. Man sitzt dazu mit dem Rücken zum Publikum und wiederholt dabei stoisch immer wieder alles Gesagte. In Hinblick auf eine globalisierte Geschichte des Widerstands ist es erst einmal notwendig zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Ein imaginären Kontext entsteht aber erst in der Verbindung einiger skizzenhaften Spielszenen von den Werken wie Goethes „Egmont“ oder Schillers „Don Carlos“ mit der universalen Geschichte Europas von den Zeiten der Entdeckung Amerikas durch die Spanier über deren Aufstieg zur Weltmacht bis hin zur Entstehung des freien Warenaustauschs in den Niederlanden. Auf der Bühne, wo sich für Schiller Vergnügen und Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wird spielerisch die Reise von den Silberminen des Potosi über den finanziellen Zusammenbruch Spaniens, das sein Gold nicht mehr los wurde, bis zum ersten Weltmarkt mit den Finanzplätzen Antwerpen und Amsterdam vollzogen.

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Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller – Szenenfoto von Hans Jörg Michel

Der Lack ist ab, die einst glänzende Fassade wird in der kleinen Guckkastenbühne mit der Tapete abgerissen. Der Aufstand der niederländischen Bürger gegen die spanische Krone als Reaktion auf die Behinderung des freien Handels. Die Niederlande entwickelten sich zu einem Zentrum von florierender Wirtschaft, Wissenschaft und Fortschritt ohne die Repressionen der spanischen Inquisition, die hier noch einmal in rotem Kutten- und Mützenmummenschanz den Aufständischen die Instrumente zeigen darf, deren Ton arg verstimmt klingt. Mit historischen Kostümen geht man über zu Schillers „Don Carlos“. Doch wo bleibt bei all der lustigen Fiktion und Historienbebilderung der Bezug zu heutigen Aufständen. „Wo bleibt der Aufstand?“, wird dann auch aufgeregt von einem Beteiligten gefragt. Der (kommende) Aufstand manifestiert sich hier auch erst einmal nur durch die eingestreuten Wuttexte der Performer inklusive Auszügen aus dem Pamphlet des Unsichtbaren Komitees. Auf der Bühne entsteht so zunächst auf ironische Weise eine imaginäre Ästhetik des Widerstands mit Anleihen bei Schiller, Peter Weiss und Heiner Müllers konstruktivem Defaitismus. Und so kommt dann schließlich auch noch der Umschluss zur prekären Situation der Künstler in den heutigen Niederlanden. Die Künstler stehen dort bereits mit dem Rücken zur Wand und hier auf der Bühne plötzlich ohne Hosen da. Kein Geld zu besitzen macht sie daheim zu Bittstellern mit geöffneten Geldbeutel und Verbrechern im Sinne der Gesellschaft, deren größte Missetat es ist, wie in Brechts „Mahagonny“ kein Geld zu besitzen.

Den „Kommenden Aufstand“ zitieren und singen die Holländer und Flamen gemeinsam mit den deutschen Performern der Truppe zumindest kollektiv auf der Bühne herbei, und versuchen ihn auch in die Reihen des Publikums zu tragen. Mit runtergelassener Hose, nostalgischen Protest-Hits wie „Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, solln aufstehn“, entsprechenden Protestschildern und unkoordiniertem Gewusel auf der Bühne hat das natürlich schon etwas fröhlich unbefangen Chaotisches. Aber zu Schillers Forderung nach Gedankenfreiheit gesellen sich so neben Rede-, Versammlungs- auch die Assoziationsfreiheit der Kunst. Ganz frei nach Heiner Müllers Feststellung: „Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist die Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“ Und dabei produziert vor allem auch die Angst Kreativität. Sie ist konstruktiv und zwingt uns zu Lösungen (HM aus: „Gesammelte Irrtümer“). Selbst auf die Gefahr hin, dass, wenn man an mehreren Zitat-Baustellen gleichzeitig bastelt oder auf der Bühne an zu vielen Lichtschaltern spielt, man ganz plötzlich auch im Dunklen stehen kann. Es geht hier natürlich nicht nur um die reine Lust am Zitieren. Es soll in beiden Stücken vordergründig unsere heutige Stellung zu einer universellen Menschheitsgeschichte aus bestimmten Machtverhältnissen, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und den daraus resultierenden Aufständen herausgearbeitet werden. Von den erfolgreichen Aufständen bei Friedrich Schiller über die gescheiterten bei Heiner Müller versuchen die bat-Inszenierung „Der Auftrag“ und die Performance „Der (kommende) Aufstand“, vor allem mittels spielerischer Untersuchung der historischen Mythen, in alten Geschichtsräumen neue Türen aufzustoßen. Beiden Inszenierungen ist das dann auch mit ihren aktuellen Bezügen mehr oder weniger glücklich gelungen.

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Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller von andcompany&Co – (c) Jan Brokof

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

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Literatur:

  • Heiner Müller: „Der Auftrag und andere Revolutionsstücke“, Herausgegeben von Uwe Wittstock, Reclam, Stuttgart 2005 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8470)
  • Heiner Müller, Werke 1: „Die Gedichte“, Herausgegeben von Frank Hörnigk, Suhrkamp 1998
  • Georg Büchner: „Dantons Tod“, Reclam Taschenbuch
  • Karl Marx: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Suhrkamp Taschenbuch oder auf zeno.org
  • Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: „Don Carlos“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Reclam Taschenbuch und
  • Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Inselverlag Leipzig, 1979 (nur gebraucht) oder beides auf Projekt Gutenberg-DE
  • Das Unsichtbare Komitee: „Der Kommende Aufstand“, Edition Nautilus, Hamburg 2010, oder auf pdfcast.org

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