Archive for the ‘HAU 1, 2, 3 – Berlin’ Category

Ironische Maskenspiele zwischen Liebe, Verrat und Imagination. Oder was kann und wozu studiert man Universalgeschichte? – Zwei Intertextuelle Versuche mit Heiner Müller und Friedrich Schiller über den Aufstand auf Berliner Bühnen.

Dienstag, März 19th, 2013

 ___

„Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

Foto: St. B. bat-studiotheater_der-auftrag_febr-2013.jpg
Ohne Auftrag auf dem Teppich der Weltgeschichte.
Blick in die leere Szene am bat-Studiotheater.

„Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater und „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co im HAU 1

Wie es der Zufall manchmal so will, gab es in den vergangenen Wochen gleich zwei Inszenierungen an Berliner Theatern, die sich vordergründig mit dem Thema des Aufstands und seiner Rezeption in der Geschichte beschäftigen und gleichzeitig damit in Bezug zur gesellschaftspolitischen Wahrnehmung und dem revolutionären Potential in unseren Tagen treten wollen. Gerade eben erst ist der Autor der viel beachteten Streitschrift „Empört Euch!“ Stéphane Hessel gestorben. Sein Aufruf zum Engagement war vor allem an die Jugend gerichtet und hallte auch auf vielen deutschsprachigen Bühnen landauf und landab wider. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich der künstlerische Nachwuchs gerade am bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch mit einem der zeitgeschichtlichen Stücke Heiner Müllers auseinander setzte, das den „Auftrag“ zum Aufstand sozusagen schon im Titel trägt. Im HAU 1 dagegen beleuchtete das bekannte Künstlerkollektiv andcompany & Co. den Aufstand aus Sicht der „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“ von Friedrich Schiller und verschränkte es dabei mit weiteren Texten zum Thema, u.a. dem neuerdings ebenso oft auf deutschen Bühnen (von Berliner Schaubühne bis Maxim Gorki Theater) zitierten revolutionären Aufruf zum Widerstand „Der kommenden Aufstand“ des „Unsichtbaren Komitees“. Einem politischen Text, der bereits seit 2007 in Frankreich und seit 2010 auch in deutscher Übersetzung kursiert. Dass diese zeitgeschichtlichen Exkurse in HAU und bat noch dazu stark intertextuellen Charakter aufweisen, ist eine weitere interessante Gemeinsamkeit beider Inszenierungen. Sie beziehen sich dabei vor allem auf spezielle Ereignisse der Zeitgeschichte oder deren Abbildung in Werken anderer Künstler.

Motiv bei A.S.

Debuisson auf Jamaika
Zwischen schwarzen Brüsten
In Paris Robespierre
Mit zerbrochenem Kinn.
Oder Jeanne D’Arc als der Engel ausblieb
Immer bleiben die Engel aus am Ende
FLEISCHBERG DANTON KANN DER STRASSE KEIN
FLEISCH GEBEN
SEHT SEHT DOCH DAS FLEISCH AUF DER STRASSE
JAGD AUF DAS ROTWILD IN DEN GELBEN SCHUHN.
Christus. Der Teufel zeigt ihm die Reiche der Welt
WIRF DAS KREUZ AB UND ALLES IST DEIN.
In der Zeit des Verrats Sind die Landschaften schön.

Heiner Müller (1958)

Tragödie oder Farce? – „Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater

Der zeitgeschichtliche Bezug bei Heiner Müller und die Intertextualität des Stücks „Der Auftrag“ bestehen nicht allein nur darin, dass sich Müller auf Motive der Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ von Anna Seghers stützt, welche die französische Revolution und ihr Wirken auf historisch verbürgte Vorgänge jener Zeit auf den europäischen Kolonien der Antillen beschreibt. Er spielt im „Auftrag“ auch vielfach auf biblische Motive an und stellt klare Bezüge zu Georg Büchners Revolutionsstück „Dantons Tod“ sowie den geschichtstheoretischen Ausführungen von Karl Marx (Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte) und Walter Benjamin (Über den Begriff der Geschichte) her. Der Untertitel des Stücks „Erinnerungen an eine Revolution“ verweist dabei deutlich auf die wohl wichtigste Intension in Müllers Werk, nämlich die, gegen das allgemeine Geschichtsvergessen anzuschreiben. Dazu kommt wie so oft bei Müller der Verrat in all seinen Formen und Spielarten. Hier im Speziellen eben auch der Verrat an der Geschichte, der Zusammenhang von Liebe, Genuss und Verrat sowie historischem Auftrag und opportunistischer Staatsraison.

Die Republikaner Debuisson, Sohn von französischen Plantagenbesitzern auf Jamaika, Galloudec, ein französischer Bauer, und Sasportas, ein ehemaliger Sklave, werden vom französischen Konvent 1797/98 ausgesandt, um auf Jamaika einen Aufstand unter den Plantagensklaven zu organisieren. Als sie dort ankommen sind, hat aber bereits Napoleon am 18. Brumaire VIII des Republikanischen Kalenders (09.11.1799) die Herrschaft in Frankreich an sich gerissen und die Freiheit trägt wieder Uniform. Der Auftrag ist somit obsolet. Das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht. Während Debuisson in die alten Verhaltensmuster der herrschenden Klasse zurückfällt, sterben die anderen beiden bei dem Versuch ihren Auftrag dennoch auszuführen. Sasportas wird gehängt und Galloudec verreckt in Gefangenschaft an den Folgen seiner Verwundung. Die Revolution auf Jamaika ist gescheitert. Der Auftraggeber Antoine in Frankreich erhält den letzen Brief des sterbenden Galloudec, der den Auftrag wieder zurückgegeben will. Bürger Antoine, nunmehr der Bankrotteur einer Firma, die nicht mehr im Handelsregister steht, verleugnet den Auftrag und flieht sich in die Arme seiner Frau. Hier setzt nun der Bezug zur Gegenwart ein. Wie bankrott sind heute Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bzw. worin könnte noch so etwas wie ein Auftrag bestehen? Und was hindert uns daran ihn anzunehmen. Eine junge Frau reflektiert zu Beginn der Inszenierung am bat aus dem Off über ihr Schauspielstudium. Sie beschreibt ihre Vorstellungen von künstleris   cher Entfaltung auf der Probebühne, die Angst vor dem Scheitern sowie die finanzielle Sicherheit, die ihr das Geld des Vaters beim sich Ausprobieren bietet. Auf der einen Seite steht die unsichere Möglichkeit mit Kunst etwas zu verändern, auf der anderen Seite die, sich nach einem Scheitern wieder bequem in die Abhängigkeit zum Geld des Vaters zurückfallen zu lassen.

der-auftrag-vl-weil-bruggemann-breustedt-richter-vetter_-foto-ch-burchard.jpg
Der Auftrag v.l. Weil, Brüggemann, Breustedt, Richter, Vetter. Foto: Ch. Burchard

Vor diesem Hintergrund entwickeln die sechs Schauspielstudenten im 3. Studienjahr ihre Version von Heiner Müllers „Auftrag“ als Versuch und Diskurs über das Scheitern, den Verrat an sich selbst, seinen Gefühlen und Ideen. Dabei entwickeln sie in einer spielerisch sehr anregenden Form Müllers Requiem auf verlorene Revolutionen, das immerhin schon fas 25 Jahre auf dem Buckel hat, konsequent weiter. Von traditionell chorischen Passagen zu Beginn über die zynischen Dialoge der drei Emissäre bis zu den von Müller eingefügten mystischen Traumsequenzen und parabelartigen Monologen, wie der „Ersten Liebe“ oder dem „Mann im Fahrstuhl“, wechseln die Darsteller gekonnt hin und her. Dabei werden die strengen Müller`schen Texte und Szenenfolgen immer wieder durch Slapsticknummern durchbrochen, verlieren dadurch aber nicht an Kraft und Intensität. Es geht nicht allein um ironische Brechung, sondern um eine konkret spielerische Aneignung des Stoffs. Nicht bloße Reproduktion, sondern die Durchdringung von Müllers Texten ist die Folge. Und das unterscheidet Magali Tosatos Inszenierung von der üblichen Müller-verehrenden Rezeption seines Werks, wie z.B. in der letzten großen, bekannten Inszenierung des „Auftrags“ zu des Dichters 75. Geburtstag. Der Müller-Schauspieler und einstige Hamletdarsteller Ulrich Mühe hatte 2004 das Drama in Starbesetzung (Florian Lukas, Christiane Paul, Ekkehard Schall, Herbert Knaup, Udo Samel, Inge Keller, Heike Kroemer) auf die große Bühne im Haus der Berliner Festspiele gebracht. Das war gut gemeinte Heiner-Müller-Ikonografie in rostigem Bühnenbild. Ein wenig 11.September hier, ein wenig ökologische Dystopie da, und ein andächtiges Erstarren vor des Meisters Text. Eine hehre Leichenfledderei im besten Sinne nach 10 Jahren des kollektiven Vergessens jeglicher Aufträge.

Im bat findet das Spiel auf zwei sich voneinander abhebenden Ebenen (Bühne: Franziska Keune) statt. Am Boden liegen Regale die durch Antoine (Anton Weil) zu Beginn wie Ikea-Möbel verschraubt werden. Er wirkt dabei wie ein heutiger gestresster Alltagsbürger, der sich bei seiner Arbeit gleich von einer ganzen Gruppe von Briefüberbringern genötigt sieht. Wie in einem bösen Traum schießen die Hände mit dem Schreiben Galloudecs immer wieder geisterhaft aus den liegenden Regalsärgen zu ihm empor. Und immer wieder klingt dazu auch wie zum Hohn ein alter Schlager über Ananasfarmen auf Jamaika. Während unten die drei grundverschiedenen Revolutionäre ihre Ansichten vom Kampf zunächst noch sehr euphorisch darlegen, dräut oben der „Engel der Verzweifelung“ aus der Luke und zieht die „Erste Liebe“ (ganz in weiß Kara Schröder) den Plantagenbesitzersohn Debuisson (mit herrschaftlichem Tropenhelm Felix Maria Richter) mit ihren süßen Reden von Verrat und Genuss wieder in ihren Bann. Er hat hier auf Jamaika seine Maske nicht mehr nötig. Schnell legt er sie wie seine Überzeugungen ab, während die anderen beiden diese Möglichkeit nicht haben. „Dein Fell bleibt schwarz, Sasportas. Du, Galloudec, bleibst Bauer. (…) Ich will mein Stück vom Kuchen.“ Die Hackordnung wird wieder hergestellt. Demütig müssen Galloudec (Jan Gerrit Brüggemann in gescheckten Unterhosen) und Sasportas (nur in Shorts Christophe Vetter) ihre angestammten Masken aufbehalten. Ihnen bleibt nur das Schauspiel von der Französischen Revolution als Farce zu wiederholen. Und sie schlagen sich dabei im „Theater der weißen Revolution“ ihre närrischen Rasta-Perücken vom Kopf. „Ein bisschen Spaß muss sein“ singt die Gruppe dazu und führt ein koloniales Bananentänzchen inklusive brauner Brüste auf. Die Freiheit ist wieder, wie schon Dantons Gefährte Lacroix in Büchners Drama kurz vor dem Schafott erwähnt, zur Hure gemacht. „Die Freiheit und die Hure sind die kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren.“ (Danton in: „Dantons Tod“, 5.Szene)

der-auftrag-vl-vetter-breustedt-bruggemann-richter_-foto-ch-burchard.jpg
Szene aus „Der Auftrag“ im bat-Studiotheater. (v.l. Vetter, Breustedt, Brüggemann, Richter) – Foto: Ch. Burchard

„Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution.“ Die Geschichte schreitet voran, der Mensch dreht sich in ihr beständig im Kreis. Eine fatale, fatalistische Mischung aus Benjamins verzweifeltem „Engel der Geschichte“, Marx‘ Rückkehr der Geschichte als Farce sowie „Dantons Tod“ von Georg Bücher als Revolutionstheater der fleischgewordenen Masken. Und immer noch scheitert der Mensch an der Last der Entscheidung zwischen Vernunft und Eros, Auftrag und Genuss oder auch dem Zwiespalt gesellschaftlicher Verpflichtung und persönlichem Glück. Er wird „zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte“, wie es Georg Büchner beim Rückblick auf die Französische Revolution desillusioniert bezeichnete, die gleichwohl eine unvollendete bleibt. (Siehe hierzu auch Jette Steckels Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ am Hamburger Thalia Theater.) Dagegen setzt Heiner Müller sein Theater des „konstruktiven Defaitismus“, des ironischen Zweifels an der reinen Ideologie. Das im Angesicht des Scheiterns aller Utopien trotz allem noch Raum für einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine scheinbar unerreichbar gewordene Utopie lässt. Hierzu wird der Monolog „Der Mann im Fahrstuhl“ im bat zum besonderen Ereignis. In ruhigem, deklamierenden Ton – Die Zeit ist aus den Fugen – besteigt Anton Weil Sprosse um Sprosse der Leiter nach oben. Zunächst noch eingeschnürt in Schlips und Zwang seinen Auftrag nicht zu verfehlen, kommt ihm nach und nach die Gewissheit seines Scheiterns, und wird der Verlust seines imaginären Auftrags zur inneren Befreiung. Die Angst weicht dem Vergessen und öffnet somit durchaus die Möglichkeit einer anderen, neuen gedanklichen Ebene. Auch auf einem grasüberwachsenen Bahndamm bleibt jede Arbeit auch immer Hoffnung.

Und so wie Müller seine Protagonisten in ihrer ganzen Zerrissenheit zwischen einer Sehnsucht nach Glück und Hoffnung, Geschichtsvergessenheit und Verrat zeigt, so sind die Macher des Abends im bat auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Auftrag in einer Welt, wie sie sich den drei Revolutionären in einer kleinen Videoeinspielung mitten im Prenzlauer Berg zwischen religiösen Wahnvorstellungen und Verheißungen, Drang zu sklavischer Liebe und Unterordnung sowie jeder Menge anderer Schicksale und Ungerechtigkeiten aller Art eröffnet. Der scheinbar ohne konkreten Auftrag aus der Enge des Fahrstuhls tretende Mensch, befreit von den Zwängen einer vorbestimmten Ideologie, wird seinen ganz persönlichen Auftrag auch in diesem offensichtlichen Wirrwahr nicht verfehlen können. Vorausgesetzt man empfindet die Ungerechtigkeit der Welt nicht als gottgegeben und begnügt sich damit, durch sein Handeln kein weiteres Unrecht zu begehen und niemandem zu schaden. Wie es der Vater unserer Schauspielstudentin, offensichtlich selbst in leitender Position, im abschließenden Video seiner Tochter als seine Werte vorleben und mitgeben will.
Das bat-Studiotheater wird sich im April im Rahmen eines regelrechten Festivals mit Studenteninszenierungen, übrigens neben Bertolt Brechts Frühwerk „Trommeln in der Nacht“, auch wieder mit Heiner Müller befassen. Dann stehen mit „Zement“ und „Verkommenes Ufer. Medeamaterial. Landschaft mit Argonauten“ weitere Texte zwischen Revolution, Utopieverlust und Mythen der Geschichte auf dem Programm. „DO YOU REMEMBER DO YOU NO I DONT”

Termine unter: www.bat-berlin.de

***

Imaginäre Bühnenbesetzung am HAU 1 – andcompany&Co. proben den (kommenden) Aufstand nach Schiller.

hau-1_februar-2013.jpg
Schillersche Trutzburg der Kunst. Das HAU 1 in der Stresemannstraße Berlin-Kreuzberg – Foto: St. B

Um das Herstellen eines bestimmten Kontextes zur Geschichte geht es auch in „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co. Vor dem Hintergrund von Schillers Text über die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“ versuchen die Performer um Alexander Karschnia sich über die politischen und ökonomischen Grundlagen für einen Aufstand klar zu werden. Also was sind die Grundlagen für eine revolutionäre Situation und wie kommt sie in Gang. Dazu besetzen die Performer die Bühne und machen uns zu ihren Komplizen im Zuschauerraum. Künstlerische Unterstützung hat das Kernteam der andcompany diesmal vom flämischen Theatermacher Joachim Robbrecht, mit dem sie schon für die Lecture-Performance „BLACK BISMARCK previsited“ zusammengearbeitet haben und von Kollegen aus den Niederlanden bekommen. „How do you squat an imaginary space within an imaginary context?“ ist die Frage die es zu klären gilt. Die Darsteller nennen das, was sie auf der Bühne des HAU 1 zusammengeführt hat, dann zunächst auch eine Besetzungsprobe. Der imaginäre Raum des Theaters lässt sich für das Vorhaben, über die politischen Anliegen der Kunst zu verhandeln und dem freier Bürger dazu eine Bühne zu bieten, bekannter Maßen auch am besten nutzen. Schon Friedrich Schiller selbst hatte in seiner Vorlesung „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ das Theater als eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärung bezeichnet.

Ausgehend von den historischen Kämpfen der vereinigten Niederlande im 80jährigen Krieg von 1568 bis 1648 gegen die Europäische Zentralmacht Spanien (Spanische Krone), in Deutschland eher bekannt als der 30jährige Religionskrieg in Mitteleuropa, werden auf der Bühne nach Parallelen zur heutigen globalen Finanzkrise einerseits und zur Krise der Kunst in den heutigen Niederlanden andererseits gesucht. Die weltweiten Occupy-Bewegungen werden dabei mit dem Aufstand der „Geusen“ 1564 verglichen. Die Bühnenbesetzer im HAU 1 treten dann auch im Gewand der niederländischen Aufständischen wie Bettler in Säcke gekleidet auf. Sie üben zunächst das Vokabular der heutigen globalisierungskritischen Widerstandsbewegung, das sich in den zahlreichen Occupy-Camps entwickelt hat, ein. Man sitzt dazu mit dem Rücken zum Publikum und wiederholt dabei stoisch immer wieder alles Gesagte. In Hinblick auf eine globalisierte Geschichte des Widerstands ist es erst einmal notwendig zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Ein imaginären Kontext entsteht aber erst in der Verbindung einiger skizzenhaften Spielszenen von den Werken wie Goethes „Egmont“ oder Schillers „Don Carlos“ mit der universalen Geschichte Europas von den Zeiten der Entdeckung Amerikas durch die Spanier über deren Aufstieg zur Weltmacht bis hin zur Entstehung des freien Warenaustauschs in den Niederlanden. Auf der Bühne, wo sich für Schiller Vergnügen und Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wird spielerisch die Reise von den Silberminen des Potosi über den finanziellen Zusammenbruch Spaniens, das sein Gold nicht mehr los wurde, bis zum ersten Weltmarkt mit den Finanzplätzen Antwerpen und Amsterdam vollzogen.

andcompany_co_der_kommende_aufstand_01.jpeg
Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller – Szenenfoto von Hans Jörg Michel

Der Lack ist ab, die einst glänzende Fassade wird in der kleinen Guckkastenbühne mit der Tapete abgerissen. Der Aufstand der niederländischen Bürger gegen die spanische Krone als Reaktion auf die Behinderung des freien Handels. Die Niederlande entwickelten sich zu einem Zentrum von florierender Wirtschaft, Wissenschaft und Fortschritt ohne die Repressionen der spanischen Inquisition, die hier noch einmal in rotem Kutten- und Mützenmummenschanz den Aufständischen die Instrumente zeigen darf, deren Ton arg verstimmt klingt. Mit historischen Kostümen geht man über zu Schillers „Don Carlos“. Doch wo bleibt bei all der lustigen Fiktion und Historienbebilderung der Bezug zu heutigen Aufständen. „Wo bleibt der Aufstand?“, wird dann auch aufgeregt von einem Beteiligten gefragt. Der (kommende) Aufstand manifestiert sich hier auch erst einmal nur durch die eingestreuten Wuttexte der Performer inklusive Auszügen aus dem Pamphlet des Unsichtbaren Komitees. Auf der Bühne entsteht so zunächst auf ironische Weise eine imaginäre Ästhetik des Widerstands mit Anleihen bei Schiller, Peter Weiss und Heiner Müllers konstruktivem Defaitismus. Und so kommt dann schließlich auch noch der Umschluss zur prekären Situation der Künstler in den heutigen Niederlanden. Die Künstler stehen dort bereits mit dem Rücken zur Wand und hier auf der Bühne plötzlich ohne Hosen da. Kein Geld zu besitzen macht sie daheim zu Bittstellern mit geöffneten Geldbeutel und Verbrechern im Sinne der Gesellschaft, deren größte Missetat es ist, wie in Brechts „Mahagonny“ kein Geld zu besitzen.

Den „Kommenden Aufstand“ zitieren und singen die Holländer und Flamen gemeinsam mit den deutschen Performern der Truppe zumindest kollektiv auf der Bühne herbei, und versuchen ihn auch in die Reihen des Publikums zu tragen. Mit runtergelassener Hose, nostalgischen Protest-Hits wie „Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, solln aufstehn“, entsprechenden Protestschildern und unkoordiniertem Gewusel auf der Bühne hat das natürlich schon etwas fröhlich unbefangen Chaotisches. Aber zu Schillers Forderung nach Gedankenfreiheit gesellen sich so neben Rede-, Versammlungs- auch die Assoziationsfreiheit der Kunst. Ganz frei nach Heiner Müllers Feststellung: „Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist die Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“ Und dabei produziert vor allem auch die Angst Kreativität. Sie ist konstruktiv und zwingt uns zu Lösungen (HM aus: „Gesammelte Irrtümer“). Selbst auf die Gefahr hin, dass, wenn man an mehreren Zitat-Baustellen gleichzeitig bastelt oder auf der Bühne an zu vielen Lichtschaltern spielt, man ganz plötzlich auch im Dunklen stehen kann. Es geht hier natürlich nicht nur um die reine Lust am Zitieren. Es soll in beiden Stücken vordergründig unsere heutige Stellung zu einer universellen Menschheitsgeschichte aus bestimmten Machtverhältnissen, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und den daraus resultierenden Aufständen herausgearbeitet werden. Von den erfolgreichen Aufständen bei Friedrich Schiller über die gescheiterten bei Heiner Müller versuchen die bat-Inszenierung „Der Auftrag“ und die Performance „Der (kommende) Aufstand“, vor allem mittels spielerischer Untersuchung der historischen Mythen, in alten Geschichtsräumen neue Türen aufzustoßen. Beiden Inszenierungen ist das dann auch mit ihren aktuellen Bezügen mehr oder weniger glücklich gelungen.

der-aufstand_schiller.jpg
Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller von andcompany&Co – (c) Jan Brokof

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

***

Literatur:

  • Heiner Müller: „Der Auftrag und andere Revolutionsstücke“, Herausgegeben von Uwe Wittstock, Reclam, Stuttgart 2005 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8470)
  • Heiner Müller, Werke 1: „Die Gedichte“, Herausgegeben von Frank Hörnigk, Suhrkamp 1998
  • Georg Büchner: „Dantons Tod“, Reclam Taschenbuch
  • Karl Marx: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Suhrkamp Taschenbuch oder auf zeno.org
  • Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: „Don Carlos“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Reclam Taschenbuch und
  • Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Inselverlag Leipzig, 1979 (nur gebraucht) oder beides auf Projekt Gutenberg-DE
  • Das Unsichtbare Komitee: „Der Kommende Aufstand“, Edition Nautilus, Hamburg 2010, oder auf pdfcast.org

_________

Beim „Monologfestival 2012“ im Theaterdiscounter geht es um Fragen der Moral. Fabian Hinrichs will dagegen in seiner Performance „Die Zeit schlägt dich tot“ beim Festival „Foreign Affairs“ vor dem Missverständnis warnen, die Frage schon für die Antwort zu halten.

Mittwoch, Oktober 24th, 2012

___

„Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.“
Friedrich Nietzsche, aus „Jenseits von Gut und Böse“, Aph. 153

Ist Moral die Triebfeder der Menschheit, oder eher Korrektiv und damit Hemmschuh der gesellschaftlichen Entwicklung? In der Antike war für Aristoteles tugendhaftes Handeln (Ethik) der Ausdruck höchsten Glücks und allein begründet in der menschlichen Vernunft. ( „Die Tugend ist also ein Verhalten [eine Haltung] der Entscheidung, begründet in der Mitte in Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde.“ Aristoteles: „Nikomachische Ethik“ ) Dabei war für ihn die sogenannte Verstandestugend (Klugheit) die Kardinaltugend schlechthin, als Voraussetzung für ein „moralisch-praktisches Urteilsvermögen“.  ( „Es bleibt also nur übrig, dass sie [die Klugheit] eine handlungsleitende, wahre und auf Begründung beruhende Haltung im Bereich des für den Menschen Guten und Schlechten ist.“ Aristoteles: „Nikomachische Ethik“ ) Allerdings lässt einen der Verlauf der menschlichen Geschichte doch oft eher an der menschlichen Vernunft zweifeln. Soviel zur vielgepriesenen Mitte der Gesellschaft.

Während z.B. für die Hedonisten moralisches Handeln rein der Maximierung des individuellen Glücks dient, ist die christliche Moral durch Gebote geprägt und verlegt angesichts des Elends auf der Welt die Glückseligkeit bei entsprechendem Handeln lieber ins Himmelreich. Bei Kant ist ethisches Handeln abhängig von moralischen Prinzipien, denen sich der Mensch in freiem Willen unterwirft, was in den kategorischen Imperativ mündet, nachdem jeder sein Gewissen zu befragen hat. Somit steht der Mensch immer wieder vor der schwierigen Frage, nach welchen Regeln er sein Handeln überprüfen soll. Was bestimmt nun heute menschliches Handeln? Wie steht es mit dem Streben nach dem ganz individuellen Glück und der Moral im Kapitalismus, wo immer mehr reine Sachzwänge unser Handeln bestimmen? Oder bietet allein der Kommunismus die Glückseligkeit, indem er verspricht, dass jeder nach seinen Bedürfnissen befriedigt werden und sich in der Gemeinschaft verwirklichen kann? Sind Moral- und Glücksphilosophie am Ende? „Was gilt Jenseits von Gut und Böse?“ ist daher die berechtigte Frage, die sich die Macher des Monologfestivals im Theaterdiscounter in diesem Jahr gestellt haben.

theaterdiscounter_monologfestival-2012.jpg

„Out of the dark into the night (copy and taste)” – Zu Beginn des Monologfestivals im Theaterdiscounter versuchen sich andcompany&Co. an einer Moraldefinition.

„Arbeit und Tugend schließen einander aus.“ Aristoteles

Vielleicht hat das Performancekollektiv andcompanyCo. auch daran gedacht, als sie zur Eröffnung des Monologfestivals 2012 die verschiedenen Moralbegriffe auf den Prüfstand stellten. Gerade noch mit „BLACK BISMARCK previsited“ auf dem Festival „Foreign Affairs“ machen sich die Performer nun zum Thema Moral auf, und gehen „Out of the dark into the night”. Moral ist nicht nur das A und O gesellschaftlichen Handelns. Moral ist eben auch Arbeitsmoral behauptet der Performer Sascha Sulimma, der sich hier als Falcoimitator versucht und erst einmal über den Titel der Performance aufklärt. Man hat den Falcosongtitel „Out of the dark into the light“ nicht nur leicht abgeändert, da er so interessanter klingt, sondern um damit wieder ein eigenes Copyright zu schaffen und vielleicht so auch GEMA-Gebühren zu sparen. Denn Moral ist vor allem auch Zahlungsmoral. Und am Anfang stehen nicht ein A oder B, sondern eine Null zu der sich eine Eins gesellt und dann immer mehr Nullen. Und schon sind wir beim Euro, der aus Frankfurt kommt. Wie auch Sascha Sulimma, der eigentlich lieber eine Falco-Performance vorführen würde, aber nun diesen Text vom Denker der Truppe Alexander Karschnia vortragen muss. Sulimma sinniert über die EZB, die in einem Gebäude sitzt, das einmal die Bank für Gemeinwesen beheimatete, nachdenkliche Banker und die Occupybewegung. Er kalauert sich von D-Marks und Engels über das Gespenst das in Europa umgeht, europäischer und persönlicher Verschuldung wieder zum Zahlungsmittel Euro und versucht es im Spotlight zu erhaschen.

Der Untertitel der Veranstaltung heißt „copy and tast“. Auch wieder so eine Anspielung auf das Copyright und die Versuchung von anderen Köpfen zu leben. Das untermauert Sulimma dann mit einem Schillerzitat aus dessen Antrittsvorlesung 1789 in Jena „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, in der Schiller dem sogenannten Brotgelehrten den freien, philosophischen Geist gegenüberstellt, und wo es heißt: „…zwischen denkenden Köpfen gilt eine innige Gemeinschaft aller Güter des Geistes; was Einer im Reiche der Wahrheit erwirbt, hat er allen erworben.“ Eine wahrlich schöne Doppeldeutigkeit. Sulimma stellt noch fest, dass er sich gerade mit seinem Labtop den gesamten Kommunismus runtergeladen hat und nun Angst vor der unkontrollierten Verbreitung hat. Dann ufern allerdings Performance und Text immer weiter aus, meandern noch durch deutsche Schlafzimmer, mit Wächtern vor der Tür (Kafka lässt grüßen), an die heute immer schon Gerichtssäle grenzen. Wir hören Berichte von Heeren wanzenverseuchter IKEA-Möbel, die unsere Wohnzimmer überfluten. Bis alles irgendwann im kuriosen Gebot: „Du sollst nicht Duzen!“ gipfelt. Die vergnügliche Performance verschachtelt die verschiedensten Moral-Ebenen auf ironische Weise miteinander und bringt es schließlich ganz ohne Reue frei nach Jürgen Teipels Bestseller über die Musikszene der 80er mit „Verschwende deine Tugend, denn sie vergeht.“ auf den Punkt.

Fazit: Moral ist heute nicht mehr so leicht zu fassen. Also dann „Back to zero?“ Oder doch lieber auf in eine neue Utopie? Um wieder mit Schiller zu sprechen, mit dieser Performance haben andcompany&Co. zumindest den ersten Handschuh mitten hinein in den Fight der monologischen Moral-Diskurse geworfen. 10 weitere Positionen werden noch bis zum 28.10.12 folgen. Unter anderem auch am 27.10. um 21:00 Uhr das heiß umstrittene Reenactment „You will not like what comes after America #1: Breiviks Statement“ von Milo Rau, das gerade erst in Weimar Premiere hatte und schon für viel Gesprächsstoff gesorgt hat. Andcompany&Co sind noch einmal am 24.10. um 20:00 Uhr dran.

Out of the dark into the night (copy and taste)
von Alexander Karschnia, Nicola Nord, Sascha Sulimma&Co.
Performance: Sascha Sulimma
Dauer: ca. 45 min.

  • Programmvorschau Monologfestival auf:

www.theaterdiscounter.de

  • Nächster Termin von andcompany&Co. in Berlin:

Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller
26.02.und 28.02.2013 im Hebbel am Ufer

***

Die Zeit schlägt dich tot – Fabian Hinrichs führt einen musikalisch-philosophischen Diskurs-Monolog über die ganz großen Fragen mit sich selbst und lässt das Publikum bei den Foreign Affairs daran teilhaben.

Berlin, eine Großstadt im Herbst. Goldenes Wetter, die Sonne lacht den ganzen Tag. Auch am Samstagabend herrschen noch angenehme Temperaturen, als das kulturhungrige Volk sich zu einer weiteren illustren „Foreign Affair“ im Haus der Berliner Festspiele einfindet. Voll froher Erwartung harrt das Premierenpublikum bei Sekt und Bier dem Beginn der ersten Regiearbeit des allseits beliebten und talentierten Schauspielers Fabian Hinrichs. Auf der Bühne grüner Rollrasen, ein Bandsetting im Hintergrund, leichte Klopf- und Knarzgeräusche aus den Boxen, der kongeniale Interpret Pollesch´scher Diskursschleifen macht es wirklich spannend. Doch was muss man sehen? Zu seiner musikalischen Solo-Performance „Die Zeit schlägt dich tot“ erscheint Fabian Hinrichs als gehäuteter Schmerzensmann im schlaffen muscle suit und beginnt auf offener Bühne eine etwas verfrühte, ausgewachsene Herbstdepression zu pflegen. Falsches Timing, falscher Ort, oder war ihm einfach sein „Koffer voller Schmerzen“, den er hier in Berlin bereits mehrfach in den sophiensaelen zu philosophischen Vortragsperformances über Gott und Welt geöffnet hatte, auf den Fuß gefallen? Vielleicht ist ihm aber auch das viele Philosophieren aufs Gemüt geschlagen. Aus dem lebensfrohen Stadtjungen von einst scheint ein nachdenklicher Mensch geworden zu sein.

die-zeit-schlagt-dich-tot-fabian-hinrichs-_c_-william-minke.jpg
Die Zeit schlägt dich tot. Fabian Hinrichs, hier gottlob noch ganz lebendig. © William Minke

Und was einem dann nicht alles so im Kopf herum geht. Doch zunächst schwingt Fabian Hinrichs eine lange, aus einem Holzscheit bestehende Schaukel hin- und her, und beginnt die Ahnen der deutschsprachigen Schauspielkunst aufzurufen. Fritz Kortner, Bernhard Minetti, Maria Wimmer, Will Quadflieg, Günter Pfitzmann, genannt „Pfitze“ usw., alle bereits tot. Danach rezitiert er noch aus dem „Tod des Empedokles“ von Friedrich Hölderlin. Klassisch dehnt Hinrichs dabei die Silben und deklamiert die pantheistischen Jamben-Verse über den sizilianischen, vorsokratischen Philosophen, dem großen Einzelnen im Kampf mit der ihm feindlichen Gesellschaft, der den Göttern abschwört und sich der Natur zuwendet. „O gebt euch der Natur, eh sie euch nimmt.“ Wo aber z.B. Frank Patrick Steckel in seinen „Antworten an Deutschland“ am Centraltheater Leipzig noch den ans Volk gewandten, auffordernden Empedokles thematisiert, spielt Hinrichs hier den einsamen Melancholiker, mit sich im Zwiespalt, kurz vor dem Sturz in den Ätna, dem man ob seiner Stimmungsschwankungen getrost eine ausgemachte Persönlichkeitsstörung oder ähnliches attestieren könnte. Der Empedokles des Hölderlin ist der personifizierte Weltschmerz, das Verzweifeln an und die Flucht aus der Welt. Wahrlich, zum Verrücktwerden.

Wo seid ihr meine Götter…
Einmal noch! noch einmal
Soll mir’s lebendig werden und ich will’s!
Fluch oder Segen! (…) tagen soll’s
Von eigner Flamme mir! Du sollst
Zufrieden werden, armer Geist,
Gefangener, frei, groß und reich
In eigner Welt dich fühlen –
Und wieder einsam, weh! Und wieder einsam?
(aus Friedrich Hölderlin: „Der Tod des Empedokles“, 2. Fassung, 1. Akt, 2. Auftritt)

Die Frage wäre, ob Hinrichs sich hier gemütsmäßig tatsächlich mit Hölderlin vergleichen will, dem man von schizo-affektiven Psychosen bis zum Asperger-Syndrom bereits alles mögliche angedichtet hat. Oder er den Empedokles doch nur für seine anschließenden Ausführungen über die Technik- und Großstadtverdrossenheit braucht. Als Rufer in der kalten, grauen Großstadtwüste sozusagen. Gespielt hat Hinrichs den Empedokles jeden Falls schon einmal in Laurent Chétouanes „EMPEDOKLES // FATZER“ 2008 am Schauspiel Köln. Ein Trauerspiel macht Hinrichs im Weiteren aber gottlob nicht aus seiner Performance. Er hat dann doch ganz „moderne Probleme“.

Es geht Fabian Hinrichs schon um den vereinzelten Menschen in der anonymen Großstadt. Eine Abrechnung mit Berlin, die sich bereits schon im letzten Stück von René Pollesch „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ an der Volksbühne angekündigt hatte. Allerdings ist auch Hinrichs wie Empedokles im Zwiespalt. Einerseits will er in der Stadt leben, bzw. „Ich wollte das mal.“ Ist andererseits aber zu der Erkenntnis gelangt, dass man hier eigentlich gar nicht leben kann. Die Stadt, einmal „Herz und Hoffnung der Zivilisation“, befindet sich nämlich in Zersetzung. Berlin ist, wie auch andere Großstädte, nicht mehr die Stadt mit Herz. Die Menschen finden nicht zueinander, sitzen einsam in Cafés – „einsam im Gewühl, Staubkörner an der Oberfläche“ – oder pflegen ihr ICH. Hinrichs springt hier mit einem Hüpfball mit gleichlautender Aufschrift auf die Bühne und lässt demonstrativ die Luft raus. Er plädiert für mehr Herz statt Verstand, umarmt Leute im Publikum und fordert alle auf ihrem Nachbarn zu sagen, wie gut er aussieht. Mit augenzwinkernder Ironie mimt Hinrichs hier den TV-Prediger. „Und jetzt alle: Do it!“ Mit dem gleichen Pathos, wie er die Verse Hölderlins vorgetragen hat, geht Hinrichs nun auch durch den eigenen Text. Auflockernd oder auch verstärkend, je nach Gemütslage im Publikum, wirkt dann die musikalische Begleitung durch die Band um Jakob Ilja, den Gitaristen von „Element of Crime“. Auch Hinrichs selbst greift hier mit in die Saiten. Anstatt Großstadtblues gibt es aber Rockmusik satt.

Es folgen Selbstreflexionen über Kinderträume, verflossene Jahre und Betrachtungen über das eigene abgetragene Gesicht, dass mit 40 für immer das letzte sein wird. Jetzt geht Hinrichs wieder in den Klagemodus über, konstatiert einen Mangel an Liebe und hebt die Hände gen Himmel. Wie können wir Liebe geben, wenn wir gar nicht mehr wissen, was das ist? Gibt es gar nichts Neues mehr, was noch kommen könnte? Ein leuchtender Strick zeigt sich am Bühnenhintergrund. Nein. Da muss doch noch Wut sein. Aber auch die scheint im Publikum eher abgeflaut. Sind wir tatsächlich alle schon so abgestumpft? In der Sitzsauna geht Hinrichs dann in die innere Kontemplation, spielt Krocket und philosophiert weiter über die Unterschiede zwischen den Menschen, die eigentlich das Bewusstsein anregen sollen, und das Gleichmaß der Eindrücke. Dann möchte er schließlich mit uns in den Himmel über Berlin fliegen. Allein, so sympathisch und nachvollziehbar das alles ist, es fehlt die Dringlichkeit. Hinrichs selbst scheint das zu wissen, und nimmt es sogar billligend in seinen ironischen Unterton mit auf. All den Furor, den er hier anzettelt, nimmt ihm im Publikum so leicht keiner ab. Aus der Klage über die verrinnende Lebenszeit wird ein doppeldeutiges Totschlagen von Zeit. „Eine Idee ist bei uns nur die Verbindung aus zwei Zitaten.“ Die Ironie, die in diesem Satz steckt, trifft Hinrichs hier selbst. Die zündende Idee fehlt ihm leider.

Einmal noch kann sich Fabian Hinrichs zu einer schönen Geschichte aufschwingen, über die großen Missverständnisse zwischen den Menschen, diesen Unterschiedswesen, die immer schon die Frage für die Antwort halten. „Das darf nicht passieren“, und da hat er tatsächlich etwas Wahres gesagt, das sich so mancher Theatermacher hinter den Spiegel klemmen sollte. Dann setzt wieder die Musik ein und Hinrichs träumt von der Sehnsucht, als dem „einzigem normalen Zustand“. Und die bleibt. Am Ende winkt uns der anfänglich so aufgeregte Diskurstarzan Hinrichs noch einmal freundlich und entspannt von seiner Gedankenliane aus zu. „Geht doch.“ scheint er da erleichtert zu denken. „War doch gar nicht so schlimm.“ Oder? Wenn die Sache dann im tristen, kalten Dezember am Berliner HAU rauskommt, braucht er sich vermutlich um Zuspruch zu seinen Thesen keine Sorgen mehr zu machen. Hier und heute gab es schon mal warmen und aufmunternden Applaus.

 foreign-affairs-logo.jpg

Foto: St. B.

Die Zeit schlägt dich tot

Uraufführung
Von und mit Fabian Hinrichs [Berlin]

Musik und Komposition Jakob Ilja
Konzeptionelle Mitarbeit / Raum Jürgen Lehmann
Kostüme Victoria Behr

Jakob Ilja (Gitarre)
Nikko Weidemann (Tasten)
Niels Lorenz (Bass)
Carolina Bigge (Schlagzeug)

Ausführender Produzent Büro Tom Stromberg
Eine Produktion von Berliner Festspiele / Foreign Affairs in Koproduktion mit Hebbel am Ufer / Berlin sowie mit Ringlokschuppen Mülheim, Stadsschouwburg Amsterdam, Le Maillon-Théâtre de Strasbourg und Kaserne Basel

Dauer ca. 1h, keine Pause

_________

Festivalsommer 2012 (Schluss): Eine „Große Weltausstellung“ zum Abschied und ein kleiner Ausblick in die Zukunft der performativen Kunstformen in Berlin

Donnerstag, August 30th, 2012

„The World Is Not Fair“ oder Performative Kunst in prekären Zeiten. – Die Große Weltausstellung des Berliner HAU fand im Juni auf dem Tempelhofer Feld zum Ende der Ära Matthias Lilienthal statt.

„Berlin hätte es bitter nötig, über kulturelle Institutionen der Zukunft nachzudenken. Der Stadt ist zehn Jahre lang aufgrund der Mietsituation und der Stiftungen vieles in den Schoß gefallen. Aber die soziale Basis davon wird in den nächsten Jahren unweigerlich wegbrechen. Da fände ich es sinnvoll, neue Räume zu schaffen, die sich nicht mehr klar den einzelnen Kunstgenres zuordnen lassen. Ich würde ja den Hangar in Tempelhof vorschlagen, da könnte man so ein Performance-Zentrum mit zwölf Räumen hinsetzen.“ Matthias Lilienthal im Tagesspiegel-Interview vom 04.05.2012

Da geht´s lang! Der Macher Matthias Lilienthal. matthias-lilienthal_foto-by-kevin-slavin-unter-cc-lizens-auf-flickrcom.jpg
Foto: Kevin Slavin unter CC-Lizens auf flickr.com

Neun Jahre hat Matthias Lilienthal nun das Berliner HAU geleitet, hat Theater gemacht für die Stadt mit Themen der Stadt, hat den freien Gruppen eine Plattform geboten, für die Finanzierung der Projekte gesorgt und verschiedenste Kunstformen unter einem Dach vereint. Der Kunstvisionär Lilienthal hat die drei Spielstätten HAU 1, 2 und 3 zu einem gut funktionierenden „Theaterkombinat“ und Versuchslabor für neue Formate jenseits der festgefahrenen Stadttheaterstrukturen zusammengeschweißt. Im Juni ging er nun noch einmal, wie schon oft vorher, mitten hinein in die Stadt, setzte sich fest auf dem weiten Feld und entdeckte das brachliegende, ungenutzte Potenzial am Rande der City als neuen Raum für performative Kunst, bevor es die üblichen Investoren okkupieren werden. Der ehemalige Flughafen Berlin-Tempelhof scheint geradezu prädestiniert als Bühne für die Zusammenführung alternativer Architektur, Kunst und gesellschaftlichem Diskurs. Der geschichtsträchtige lokale Ort als Tor zur Welt. Das „launische, trashige Dorf“ der Theaterschaffenden und langjährigen Mitstreiter Lilienthals versammelte sich hier und gab sich zum Schluss noch einmal als „Große Weltausstellung“.

grose-weltausstellung.jpg
Check ein in die Große Welt im spartenübergreifenden Kleinformat!

15 Pavillons wurden dafür in Zusammenarbeit der Künstler mit den Architekten des Büros „raumlaborberlin“ weiträumig über das Tempelhofer Feld verteilt. Einige der kleineren duckten sich dicht an die Grasnarbe, andere sah man schon von weit her über das Feld leuchten, signalfarben rot-weiß gestreift. Hier wo die Feldlerche sich einen geschützten Raum zum Brüten zurückerobert hat, gesellte sich zu ihr eine weitere seltene und schützenswerte Spezies, der freie Künstler jenseits des rundumgeförderten Theaterbetriebs. Matthias Lilienthal stellte ihm hier im Rahmen seiner Quer- und spartenübergreifenden Kunstförderung noch einmal ein natürliches Biotop zur Verfügung, eine fast unbegrenzte Spielwiese, die zur freien, kreativen Entfaltung einlud. Zu einfach sollten es dabei aber weder die Künstlern selbst noch deren potentielle Rezipienten haben, die sich, wollten sie den gesamten Kunstparkcour absolvieren, wohl oder übel auf ein Fahrrad setzen mussten.

institut-imaginarer-inseln.jpg
Imaginäre Inseln der Kunst. Kleine Utopien auf dem weiten Feld der Großen Weltausstellung.

Wind und Wetter trotzend, machte sich dann auch so manch williger Besucher auf den recht beschwerlichen Weg zum uneingeschränkten Kunstgenuss, der dem aufnahmebereiten Kunstinteressierten für gewöhnlich ja nicht ganz unbekannt sein dürfte. Und auch dem freien Künstlern blasen hin und wieder raue Winde ins Gesicht, ähnlich denen, die bisweilen über das offene Gelände des Tempelhofer Felds fegen und auf den Rollbahnen eher zum sportlichen Kiteboarding einladen, als zum kreativen Kommunizieren mit dem vorüberziehenden Volk. Die sonst eher starre Beziehung zwischen aktivem Kunstproduzenten und normalerweise passivem Konsumenten wurde auf diesem Wege nicht nur auf ironische Weise aufgebrochen, sondern entwickelte dabei auch eine ganz eigene Art von Dynamik.

Rabih Mroué  rabih-mroue.jpg
„Double Shooting“

Was für die eine oder andere Seite nun im Einzelnen dabei heraus gekommen ist, lässt sich wie immer nur schwer beziffern. Allein die breite Mischung der Kunstsparten bot letztendlich für Jeden etwas, ganz unabhängig von Geschmack und Erwartung. Neben den erwartungsgemäß stark vertretenen Performance-Kollektiven gab es vor allem einige bemerkenswerte Installationen zu sehen und auch zu hören, wie die 15minütige Klanginstallation „Farafra“ von Willem De Rooij, für die er Geräusche auf einer Kamelfarm in Ägypten aufgenommen und zu einer eindrucksvollen Komposition verdichtet hat. Oder die Foto-Installation des Libanesen Rabih Mroué „Double Shooting“, die in 72 Einzelaufnahmen ein Handyvideo eines Demonstranten aus Syrien zeigte, der seine eigen Erschießung filmte. Man konnte einen 42 Meter langen Tunnel-Gang neben den Aufnahmen entlang laufen, und so die letzten 18 Sekunden des Filmers nacherleben. Mit der politischen und militärischen Vergangenheit des Tempelhofer Flughafens beschäftigte sich die Installation des Dokumentartheatermachers Hans-Werner Kroesinger „Feldpost 2012“ in einem ehemaligen Antennengebäude inmitten des Flugfeldes.

hans-werner-kroesinger.jpg „Feldpost 2012“
Hans-Werner Kroesingers Klanginstallation in einem Antennengebäude des Flughafens.

Neben aktuellpolitischen Beiträgen und Einblicken in die Geschichte des Flughafens selbst wurde aber auch die Geschichte der Internationalen Weltausstellungen insgesamt reflektiert. Von den Anfängen die noch nach dem Prinzip der exotischen Menschenzoos konzipiert waren (Klanginstallation von Willem De Rooij), spannte sich der Bogen bis ins Heute. Im Pavillon des Künstlers Erik Göngrich wurde die architektonische Gigantomanie dieser Großevents auf einer überdimensionalen Zeichnung dokumentiert . Einige Workshops und Diskussionsrunden beschäftigten sich daher auch mit moderner alternativer Stadtentwicklung unter Einbeziehung der gewachsenen Strukturen. Besitzt doch das Tempelhofer Feld als Ort der Weltausstellung selbst ein riesiges Entwicklungspotential, über das nach wie vor gestritten wird. Einen Vorschlag für eine Künstlersiedlung, die man sich durchaus gut am Ort der Ausstellung vorstellen könnte, unterbreitete die Berliner Künstlergruppe Dellbrügge & De Moll mit ihrem „Camp der Renegaten“. Eine kreative Heimstatt für Künstler im Ruhestand, deren Zahl in Berlin wohl stetig anwachsen wird. Gedanken zur Finanzierung des Projektes konnten im Innern des Jurtenähnlichen Pavillons schriftlich an den Wände dargelegt werden.

camp-der-renegaten_innen.jpg
Das leidige Geldproblem. „Wie finanziert wir das Ganze?“ fragen Dellbrügge & De Moll im „Camp der Renegaten“.

tracey-rose.jpg
Keine einfachen Laiendarsteller, Tracey Rose aus Südafrika.

Von den Performern seien hier beispielhaft drei Gruppen genannt. Zuerst die Südafrikanerin Tracey Rose mit ihrer Truppe, die in einer Nachbildung eines alten S/W-Fernsehers eine Daily Soap in Form einer Minstrel-Show spielten. Ihre Performance gab der Weltausstellung den Namen: „The World Is Not Fair“. Der japanische Regisseur Toshiki Okada stellte in seiner Performance „Unable To See“ die Katastrophe von Fukushima in den Mittelpunkt. Die Zuschauer folgten den beiden Performern, die sich vorab Schutzanzüge überstreiften in das Innere des nachgestellten Reaktorblocks und erhielten so einen imaginären Einblick in eine abstrakte Welt zwischen Katastrophe und Technikgläubigkeit. In aller Ruhe wurden kontaminiertes Kühlwasser mit den Gummistiefeln geschöpft und dem Publikum die Brennstäbe wie Heiligenschreine präsentiert. Die technikgewohnten Japaner haben eine ganz einfache Erklärung für unsere Bedenken gegen die Atomkraft: „Je weiter entfernt die Menschen sind, desto größer ist ihre Angst.“ Nebenbei war noch zu erfahren, dass der Strom zur Weltausstellung 1970 in Osaka aus dem damals noch zukunftstträchtigen Fukushima stammte.

toshiki-okada_fukoshima.jpg

Toshiki Okadas Performance „Unable To See“ für die der Reaktor aus Fukushima in Tempelhof nachgebildet wurde.

toshiki-okada_ausen.jpg

Einen der interessantesten Pavillions hatten mit Sicherheit das Theaterkollektiv Andcompany & Co. In ihrem World Freud Centerkonnte sich der im realen Leben geschundene Künstler auf die Couch legen oder in einer Perormance mit Tatiana Saphir (DJ Obstsalat) und Santiago Blaum hemmungslos dem Mammon frönen, in einem Kunstexorzismus nach ganz spezieller Andcompany-Art mit den typischen selbstgebastelten Schildern, Sprechblasen und bunten Requisiten. Aus dem geschützten Ei seines Künstlerdaseins geschlüpft, fällt der Protagonist in die Welt des Kommerz und Konsums in der es immer wieder heißt: „Es gibt kein Budget für Dich.“ Andcompany aber weisen in fast religiösem Eifer einen Ausweg auf die Kehrseite der Welt ins gelobte Land. Die Truppe wird dem HAU weiter erhalten bleiben, man probt gerade wieder an neuen Stücken, u.a. an „Der (kommende) Aufstand“ nach Friedrich Schiller. Beim Festival „Foreign Affairs“ kann man am 03.10.12 eine erste Kostprobe ihrer Performance „Black Bismarck“, die 2013 im HAU gezeigt wird, im Haus der Berliner Festspiele sehen. Interdisziplinär heißt auch das Zauberwort der Stunde bei dem im September und Oktober stattfindenden Festival „Foreign Affairs“. Zu den vielschichtigen Themen Einsamkeit, Kolonialismus, Konsumismus, Ökologie, Rassismus, Manipulation und Erinnerung wird es laut der Kuratorin Frie Leysen einen „Clash von Visionen“ aus Tanz, Film, Bildender Kunst, Architektur, Musik und Performance geben. Das Augenmerk liegt dabei auf der Präsentation von „originalen Kreationen“ und nicht auf der bekannter Vorlagen, wie der neue Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender im Interview mit der Berliner Morgenpost betonte.

ancompany_performance1.jpg

Andcompany & Co. empfingen in ihrem World Freud Center zum musikalisch-performativen Exorzismus.

ancompany_performance4.jpg

Die Nachfolge von Matthias Lilienthal hat nun die Belgierin Annemie Vanackere angetreten. Sie wird im Grunde wohl nichts Wesentliches an der Struktur des HAU verändern, außer das wahrscheinlich die performative Kunst wieder mehr im Vordergrund stehen wird. Die Grenzen hatten sich da in der letzten Zeit immer mehr zu anderen Genres hin verwischt. Diese Weltausstellung ist dafür bestes Beispiel. Vanackere wird u.a. wieder mit den großen Namen der internationalen Tanz- und Performanceszene wie Laurent Chétouane, Anne Teresa de Keersmaeker und Meg Stuart zusammenarbeiten. Ob da aus dem „Es gibt kein Budget für Dich.“ der Performer Andcompany & Co. ein Hoffnung verheißendes „Kreatives künstlerisches Potential gepaart mit innovativen Ideen schafft Dein Budget“ werden kann, wird die kommende Spielzeit ab November am dann frisch renovierten Theaterkombinat HAU zeigen. Auch das Tempelhofer Feld wird weiterhin im Fokus der Theatermacher stehen. Im November zeigt das Gefängnistheater aufBruch hier ihr neues Stück SIMPLICISSIMUS in einer Inszenierung von Peter Atanassow in der Alten Feuerwache des Flughafens Tempelhof. Weitere Kunstausstellungen, die die Weite des Feldes zu nutzen wissen, würden dem Ort aber sicher auch wieder gut zu Gesicht stehen.

tamer-yigit_branka-prlic.jpg Ganz und gar nicht asozial. Das Lager der Performer Tamer Ygit und Branka Prlic.

Ob die Konkurrenz der Freien Szene die behäbigen Stadttheaterkreuzer in Berlin etwas beflügeln kann, wird man spätestens in einem Jahr sehen können, wenn sich 2013 von Anfang Mai bis in den August die Festivals in Berlin sozusagen die Klinke in die Hand drücken. Nach dem Theatertreffen im Mai und den Autorentheatertagen im Juni, bei denen sich die Creme des deutschsprachigen Sprechtheaters und der Gegenwartsdramatik feiern, wird im Juli der bekennende Verächter des konventionellen Stadttheaterbetriebs  Matthias von Hartz mit seiner ersten Version der „Foreign Affairs“ für die Berliner Festspiele ins Rennen gehen. Ihm folgt das bis dahin hoffentlich ebenfalls mit einem erfrischenden Update versehene Festival „Tanz im August“. Spannende Aussichten also für die kommende Theatersaison. Es verspricht wieder etwas farbiger zu werden in der bisweilen grauen Berliner Theaterlandschaft. Der Sommer ist zu Ende, Willkommen in der neuen Spielzeit.

Nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlene Anleitung zum Kunst-Verständnis zu Zeiten von Dada. (Pavillion von Hans-Werner Kroesinger)

 hans-werner-kroesinger_innen.jpg

Fotos: St. B.

Video zur Großen Weltausstellung auf Spiegel online

Literatur:
Import Export. Arbeitsbuch zum HAU Berlin
Herausgegeben von Kirsten Hehmeyer und Matthias Pees.
Mit Beiträgen von u.a. Stefanie Carp, Neco Çelik, Carolin Emcke, Barbara Gronau und Joseph Vogl, Pirkko Husemann, Rabih Mroué, Sylvia Sasse und Stefanie Wenner.
Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012, 180 S., 18 Euro
Zur Rezension auf Nachtkritik

_________

Festivalsommer 2012 (3): Sprache und Bewegung beim „Tanz im August“

Freitag, August 24th, 2012

Bemerkenswerte Solo-Performances mit Antony Rizzi, Lisbeth Gruwez und Lee Meir beim Festival „Tanz im August“

Dass Sprache und Tanz sich nicht grundsätzlich gegenseitig ausschließen, ist nicht erst seit der Zusammenarbeit von Autor und Theaterregisseur Falk Richter mit der Choreografin Anouk van Dijk oder den Tanztheaterstücken einer Constanza Macras an der Berliner Schaubühne bekannt. Auch William Forsythe setzt sich schon länger in seinen Choreografien immer wieder auch mit Texten auseinander. Sein modernes Tanztheater wird nicht nur „Denken in Bewegung“ genannt, „Sprache und Tanz“ heißt eine weitere Monografie zu Forsythes umfangreichem Schaffen. Neben dem Ausdrücken von Gedanken und Emotionen durch Tanz hat sich laut dem Linguisten Wolfgang Steinig sogar die Sprache und ihre grundlegende Grammatik ursprünglich aus tänzerischen Ausdrucksformen entwickelt. Nun hat das Berliner Festival „Tanz im August“ dem Thema Sprache im Tanz einen kleine Schwerpunkt gesetzt. An besagter Schaubühne am Lehniner Platz fand dann auch einer der Höhepunkte dieser Reihe statt. Der langjährige Mitstreiter in William Forsythes Frankfurter Company Antony Rizzi setzte mit dem Solo „Drugs kept me alive“ einen biografischen Text, den ihm der belgische Maler, Dramatiker, Regisseur und Choreograf Jan Fabre auf den Leib geschrieben hat, performativ und erzählerisch um.

schaubuhne_tanz-im-august-2012.jpg
Antony Rizzi und Jan Fabre zu Gast an der Schaubühne am Lehniner Platz

Grundlage des Stücks sind Rizzis eigene Drogen-, Sex- und Krankheitserfahrungen. Er ist seit einigen Jahren HIV-positiv. Und so stehen dann dort am Bühnenrand im Halbkreis aufgereiht Fläschchen mit Pillen und Elixieren, von denen man nicht genau weiß, und wahrscheinlich auch nicht unbedingt wissen will, welche Wirkung sie im Einzelnen versprechen. Rizzi schert sich aber nicht viel darum und beginnt über jede Droge, die er in seinem Leben genommen hat, detailliert zu berichten und zu reflektieren, was genau ihn daran am Leben gehalten hat und warum. Natürlich nicht ohne die nötige ironische Verklärung, die der zeitliche Abstand mit sich bringt. Dazu geriert sich der ganz in schwarz gewandete und mit einer Art spitzer Sufimütze bekleidete Rizzi als Hohepriester der reinen Lebenslust und -sucht, mit all ihren bekannten und unbekannten Risiken und Nebenwirkungen. Er bezeichnet sich als wandelnde Apotheke, schüttet sich Pillen ins Gesicht, stopft sich die Fläschchen unter die Jacke oder dreht und windet sich auch mal vor deren Übermacht.

Aber trotz all diesem Furor bleibt hier fast alles Sprache. Eine intensivere Assoziation über Bewegung findet kaum statt, eher sogar das Gegenteil. Rizzi betreibt gekonnt eine ironisch aufgeladene Abspaltung der Performance von der Erzählung. Er kreiert als „uncurable soldier of love“ eine scheinbar heile, aber doch fragile Welt aus Seifenblasen, die er mit einem großen Ring erzeugt, um in sie hinein zu schlüpfen. So verliert das Ganze natürlich seine schwarze Seite und Rizzi begibt sich ins Reich der liebenswerten Schaumschlägerei und des Seifenblasenkitsches. Allein das Wissen, dass dieser Mensch all das tatsächlich durchgemacht und überlebt hat, wovon er da freimütig berichtet, nötigt einem schließlich die Bewunderung über dessen ungebrochene Vitalität und Virilität ab, und lässt die World of Bubbles, mit der er sich umgibt, wieder in einem anderen Licht erscheinen. Hier feiert jemand sein Überleben und den Spaß am Leben, mit allen Auf und Abs. „Life is to accept the unacceptable.“ Das hat der unermüdliche Lebensphilosoph Antony Rizzi für sich erkannt.

Heute im Podewil:

tanz-im-august-2012_podewil-halle.jpg

Mal einen Yogakurs …

Etwas anders geht die belgische Tänzerin und Choreografin Lisbeth Gruwez in ihrer Performance „It’s going to get worse and worse and worse, my friend.“ im Podewil vor. Sie benutzt die Worte eines Anderen, für eine strenge Konversion des Gesprochenen in klare Bewegungsabläufe. Dafür hat ihr der Sounddesigner Maarten von Cauwenberghe Satzfetzen einer Rede des US-amerikanischen TV-Predigers der konservativ-religiösen Gemeinschaft „Assemblies of God“ Jimmy Swaggart zu einer Toncollage verdichtet. Gruwez ist zu ihrer Performance korrekt in ein weißes Hemd und eine Bügelfaltenhose gekleidet, das Haar streng nach hinten gekämmt. Später ändert sie das Outfit leicht, indem sie die Strümpfe über die Hosenbeine und einen korsettartigen Stoff über das Hemd zieht. Das verstärkt die Strenge ihres Vortrags noch zusätzlich.

Ruhig beginnt Gruwez mit ihren Händen zu agieren, hebt und senkt sie, führt nivilierende Kreisbewegungen aus. Erste unverständliche Wort-Fragmente zerschneiden die fast klassische Musik, bis sie sich zu vollständigen Sätzen formen. Nun werden die Bewegungen von Gruwez entsprechend ruckartiger, sie führt Pirouetten aus, die gleich den abgehackten Sätzen immer wieder repetiert werden. „We have not made any advancement at all.” ist die Kernaussage des Textes, die Gruwez jetzt plastisch sichtbar macht. Das konservative Denken und die entsprechende Rhetorik Swaggerts übersetzt sie in eindrückliche, fast zwanghafte Bewegungsmuster. Ein Schütteln befällt den ganzen Körper zur sich überschlagenden Stimme des Predigers. Gruwez ist Sender und Empfänger der Botschaft gleichermaßen. Die Performance verdeutlicht die Kunst des Verführens durch entsprechende Mimik, Gestik und Diktion, wobei die Worte hier fast austauschbar erscheinen. Auf die Wirkung kommt es an, und die ist in der Tat gespenstisch.

tanz-im-august-2012_podewil-sommergarten.jpg

… oder doch lieber Sommergarten?

Im Anschluss an Lisbeth Gruwez trat die junge israelische Choreografien Lee Meir mit einem 15minütigen Solo auf, das sich ebenfalls einen bestimmten Satz zum Auslöser von teilweise unkontrolliert wirkenden Bewegungsabläufen gewählt hat. „Translation Included“ trägt die Rückübersetzung von Sprache in entsprechende Bewegung schon im Titel. Meir steht vor dem Publikum und spricht immer wieder den Satz „Is it working between us?“ mit einladend fragenden Gesten in Richtung einzelner Zuschauer. Sie variiert dabei die Diktion, die Armbewegungen werden schneller, bis sie sich zu verheddern scheinen. Meir bringt auf ironische Weise die Schwierigkeit zum Ausdruck, Worten und Bewegungen ein konkretes Ziel zu geben. Ihre zwischenmenschlichen Bemühungen scheitern am eigenen Körper, der sich vergeblich am Koordinierungsproblem abarbeitet und schließlich in sich verrenkt am Boden landet. Dass das nicht als verhinderte rhythmische Sportgymnastik endet, liegt vor allem an Meirs Können, auf witzige Art und Weise innere Blockierungen nach außen zu transportieren und in entsprechender Körpersprache sichtbar zu machen.

Der „Tanz im August“ ist in den letzten Jahren immer mal wieder wegen angeblich programmatischer Beliebigkeit kritisiert worden. Die FAZ sprach 2011 sogar von „Kinderkram“ und attestierte den Kuratoren eine „vollkommene ästhetische Instinktlosigkeit“. Das Festival gehöre umbenannt in „Etwas im August“. Drei Mitglieder des langjährigen Kuratorenteams, unter ihnen der ehemalige HAU-Chef Matthias Lilienthal, scheiden nun in diesem Jahr aus ihrer Verantwortung und schon macht sich im Hintergrund ein kleines Kompetenzgerangel bemerkbar. Die koproduzierende Tanz-Werkstatt im Podewil und die neue Intendantin am Hebbel am Ufer Annemie Vanackere vertreten unterschiedliche Positionen zur Fortführung des „Tanz im August“. Die Anbindung an die Kulturprojekte Berlin GmbH mit festem Haushaltstitel steht gegen eine Trägerschaft durch das HAU mit einer externen Kuratorenstelle. Wie auch immer man sich seitens des Senats entscheiden wird, eine verbesserte Außenwirkung ist dringend angeraten.

kleines Podewil … podewil-august-2012.jpg

Bisher ist der „Tanz im August“ eine reine Insiderveranstaltung, die sich im Stadtbild noch zu wenig bemerkbar macht. An den veranstaltenden Häusern wie dem HAU, Podewil, den sophiensaelen oder der Schaubühne gibt es kaum Hinweise zum Festival selbst. Zwar sind die Vorstellungen wie immer gut besucht, für ein renommiertes Internationales Tanzfest kocht die Szene jedoch auch weiterhin zu sehr im eigenen Saft. Ein netter Sommergarten im Podewil oder eine sogenannte „Sideshow“ mit Yoga und anderen Positionen neben dem Tanz dringen kaum wirklich in das Bewusstsein einer durchaus interessierten breiteren Öffentlichkeit. Es scheint, man wolle weiterhin unter sich bleiben. Ob da ein runder Expertentisch Abhilfe schaffen kann, ist fraglich. Derweil zeigt zumindest Annemie Vanackere schon mal Präsens. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn sie im Streit um die künftige Ausrichtung des „Tanz im August“ nicht die Nase vorn behält.

 tanz-im-august-2012_hebbel-am-ufer.jpg … gegen großes HAU

Fotos: St. B.

***

Weitere Termine: Tanz-Nacht Berlin, 22.-26.08.2012 im Podewil (Klosterstraße 68), Maison de France (Kurfürstendamm 211) und in den Uferstudios (Uferstr. 8/23, Berlin-Wedding) – Termine unter: www.tanznachtberlin.de

Literatur: Wolfgang Steinig: Als die Wörter tanzen lernten: Ursprung und Gegenwart von Sprache – Elsevier, Spektrum Akademischer Verlag, München 2007, 456 Seiten, 24,00 Euro

_________

Non Stop Nonsens? Herbert Fritsch lässt es an der Volksbühne murmeln und Patrick Wengenroth beBILDert das Leben von Seite-2-Kolumnist Franz Josef Wagner im HAU

Sonntag, April 1st, 2012

„Murmel Murmel“ – Herbert Fritschs grandiose Spaß-Choreographie lässt Dieter Roths konkrete Poesie an der Berliner Volksbühne wiedererstrahlen

Der Aktions- und Objektkünstler Dieter Roth hat seit den 1960er Jahren unermüdlich sein ganzes Leben selbst zur Kunst gemacht. Er war ein Universalgenie und in fast allen Bereichen der bildenden Kunst zu Hause, wie auch als Lyriker und Schriftsteller tätig. Roth gehörte zu den Vertretern der sogenannten „Konkreten Poesie“, einer Mischung aus Schrift, Bild und Wort. Die Sprache dient dabei nicht mehr dem Sinn der konkreten Beschreibung von etwas, sondern wird selbst zur Kunstform. Wie Ernst Jandl oder H. C. Artmann hat auch Dieter Roth seine Werke wie z.B. die „Scheiße-Gedichte“ auf eine ganz spezielle Art vorgetragen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der ebenfalls als Universalkünstler bekannte Schauspieler, Filmemacher und Theaterregisseur Herbert Fritsch sich auf das Werk Roths stürzen würde, um es dem Vergessen zu entreißen. Nun hat er sich tatsächlich Roths einzigem Theaterstück namens „Murmel“ gewidmet, das aus eben diesem einzigen Wort besteht. „Murmel“ ist im Stile der „Konkreten Poesie“ verfasst und stellt eine Art Künstlerbuch dar, das Roth im Jahr 1974 im Eigenverlag herausgebracht hat. Den ganz speziellen Wort- und Bildrhythmus hat Fritsch in der Berliner Volksbühne nun in eine Art musikalisch choreographiertes Bild-, Ton- und Bewegungstheater übersetzt. Und auch die Zeit der Sofas und Trampoline, wie noch zuletzt beim „Raub der Sabinierinnen“ am Thalia in Hamburg oder letztes Jahr bei der „(s)panischen Fliege“ an der Volksbühne selbst, scheint vorbei zu sein. Die Bühne zeigt zu Beginn keinerlei Requisiten dieser Art.

volksbuhne_murmel-murmel.jpg Foto: St. B.

Für seine Inszenierung „Murmel Murmel“ hat Herbert Fritsch ein Bühnenbild aus monochromfarbigen Portalen und Wänden gebaut, empfunden nach Roths früher Op-Art-Phase, die sich rahmenartig ineinander verschachteln können. Bildräume entstehen und verengen sich wieder im Rhythmus des Musikers Ingo Günther, der wiederum die 11 Schauspieler auf der Bühne dirigiert. Der Sound besteht aus Marimbaphonklängen und dem mitunter treibenden 60th-Beat einer Hammondorgel. Aus den 50er und 60er Jahren sind auch die Kostüme. Die Herren tragen Anzug und Hut, die Damen Kleider und auftoupierte Perücken. Erst einzeln schüchtern, dann im Pulk wagen sich die Murmler an die Rampe und dann geht es auch schon los: „Murmel, Murmel, Murmel…“ intoniert man solo oder in ganzen Murmler-Chören, stehend, laufend oder in den Orchestergraben stürzend. Es gibt einen Murmler-Catwalk, Rampen-Murmler in Gruppenpose, Murmelhaucher, -brüller und einen ganzen Murmler-Choral. Murmel Murmel über alles und überall, sogar, was Wunder, in der Hose der männlichen Murmler. Dem assoziativem Slapstick sind keine sinngebenden Wort-Grenzen mehr gesetzt. Hier trifft Buster Keaton auf Jacques Tati, die Marx-Brothers auf Stan und Olli, zusammengehalten durch den Takt der Musik und den Drang das eine Wort loszuwerden. Und dabei ist Murmel nicht gleich Murmel, in der Wiederholung verliert das Wort seine Form, zerdehnt sich, geht in eine andere über und schnippst schließlich wieder in die ursprüngliche Lautformung zurück.

Was auf den ersten Blick klar wirkt, scheint, einer optischen Täuschung gleich, auf den zweiten und dritten nicht mehr das zu sein, was es vorgibt. Ähnlich ist es mit dem gesprochenen Wort. Was sich dahinter tatsächlich verbirgt, entsagt durch mehrfache Wiederholung oft der gewohnten Wahrnehmung, wird zur surrealen Absurdität. Das scheinbar abgründig Absurde, was Andrea Breth in ihren Zwischenfällen mit Texten von Courteline, Cami und Charms gesucht hat, abstrahiert Fritsch mit der Murmelei von Roth ins absolut sinnfreie Dada. Nachdem Fritsch das eine Weile so hat durchspielen lassen, verschwinden die elf Murmler hinter der Bühne. Durch einen Gazevorhang sieht man die Schattenrisse sich umkleiden. Dann hüpfen alle in engen neonfarbenen Gymnastikanzügen mit Tutus zu einem Murmel-Ballett über die Bühne und machen noch ein paar pantomimische Turnübungen. Dabei tragen sie weiße Masken mit den Zügen des Regisseurs. Fritsch elf mal verkörpert vom dienstbaren Ensemble, das sich sichtlich dankbar für diesen sinnfreien Spaß nicht zu schade ist. Wenn es einem dann doch endlich so vorkommt, als sei das Wort und der Abend endgültig überdehnt, dreht Fritsch plötzlich ab und die Darsteller gehen ansatzlos zur Applausordnung über, verschwinden und kommen hinter den Wänden wieder hervor, bis der Meister schließlich selbst auf der Bühne erscheint und die Maske fallen lässt. In der Kürze liegt die Würze. Das weiß der schlaue Murmel-Fuchs Fritsch und nimmt nach gut einer Stunde und 15 Minuten Applauszugabe die Murmel aus dem Maul und gibt sie an das gut gelaunte Publikum weiter. Mehr Worte brauchte es nicht dafür, als „Murmel, Murmel…“

Murmel Murmel an der Volksbühne wieder am:

Sa 07.04., Sa 14.04., So 22.04., So 29.04., So 13.05. und So 20.05. jeweils um 19:30 Uhr

Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme Victoria Behr, Musik: Ingo Günther, Dramaturgie: Sabrina Zwach.
Mit: Florian Anderer, Matthias Buss, Werner Eng, Jonas Hien, Simon Jensen, Wolfram Koch, Annika Meier, Anne Ratte-Polle, Bastian Reiber, Stefan Staudinger, Axel Wandtke und Ingo Günter (am Marimbaphon).

murmel-murmel.jpg  Dieter Roth: Murmel.
Reykjavik, Rikisprentsmidja Gultenberg, 1974. 176 Seiten im Buchdruck. 18 x 12 cm. Fadenheftung, broschiert, Papier gebräunt. Gefunden bei AbeBooks, Preis: 600,00 bis 923,87 € (signiert)

Das Leben

Wenn sich das Leben richtet
nach dem Falle wieder auf,
hab ich die Falle schon gesichtet
und haue dem Leben eins drauf

Dieter Roth aus „Frühe Schriften und typische Scheiße“ Sammlung Luchterhand 1973, 1975 neu herausgegeben von Edition Hansjörg Mayer, Stuttgart London Reykjavík

***

„Katarakt“ / „Brief an Deutschland“ – Patrick Wengeroth verschränkt die Autobiografie des „Gossen-Goethe“ und „Gaga-Kolumnisten“ Franz Josef Wagner mit dem Lebensmonolog eines alten Mannes von Rainald Goetz im Berliner HAU 2

Zum 100. Todestag von Karl May erinnert sich Franz Josef Wagner in seiner gestrigen Kolumne „Post von Wagner“ an seine ersten Leseerlebnisse unter der Bettdecke. Er lernte in der Sprache der Wilden was Gott heißt – Manitou – und das Rothäute edel waren. Wagner hat mit 8 Jahren Winnetou ein Happy-End geschrieben. „Howgh, ich habe gesprochen“. Besser kann man nicht beschreiben, wie aus dem Karl-May-Fan, der immerhin auch Fallada, Salinger und Hemingway verehrt, der berühmt-berüchtigte Kolumnist auf der ersten (Innen)-Seite der Bild-Zeitung wurde. Sein großes Vorbild ist der damalige Bild-Chef Peter Boenisch, den er stets um seine Fähigkeit der kurzen und prägnanten Schlagzeile beneidete. Boenisch hatte es immerhin zum Staatssekretär und Pressesprecher unter Helmut Kohl gebracht. Wagner war Bild-Journalist, Mitbegründer der Super-Illu, Bunte- und B.Z.-Chefredakteur. 1992 setzte er das erste Ost-Boulevard-Blatt „Super!“ bereits nach einem Jahr in den märkischen Sand. Seit 2001 genießt Wagner als Chefkolumnist bei Bild und Welt am Sonntag (bis 2005) sein journalistisches Gnadenbrot beim Axel Springer Verlag.

Den Tod seines Ex-Chefs Peter Boenisch, der 2005 an Prostatakrebs starb, und auch das tragische Ende von dessen Frau, walzt Wagner nun in seiner Autobiografie „Brief an Deutschland“ (Diederichs, 2010) in plattester „BILD“-Manier breit. Er zeigt dabei das journalistische Feingefühl einer Dampframme, die anstatt mit Öl, mit triefendem Seelenschmalz geschmiert ist. Wagner trieb immer die Sorge um seine literarische Wirkung an, eine lebenslange verzweifelte Suche nach dem ersten Satz. Das hat ihn allerdings nicht daran gehindert ein paar Romane zu schreiben, von denen „Das Ding“ 1978 mit Uwe Ochsenknecht in der Hauptrolle von Uli Edel sogar verfilmt wurde. Vom ersten großen Geld kaufte sich Wagner dann einen Porsche, den er aber nicht vor dem Haus seiner Eltern parken durfte. Das sein Erfolg, nach Jahren des Umhertingelns in Europa und als Kriegsberichterstatter in Vietnam und dem Nahen Osten, von den Eltern nicht anerkannt wurde, scheint Wagner heute noch zu wurmen. All das erfahren wir nun, wenn es nicht bereits bestens bekannt ist, in Patrick Wengenroths Nummernkabarett über Franz Josef Wagners Leben im HAU 2.

HAU 2, Foto: St. B. hau-2_katarakt.JPG

Damit die etwas zu lang geratene Kolumne „Brief an Deutschland“ nicht zum drögen Monolog wird, hat sich Wengenroth mit seinen langjährigen Mistreiterinnen Vivien Mahler, Verena Unbehaun sowie mit Niels Bormann von der Schaubühne Verstärkung auf die Bühne geholt, die mit Nachbildungen West-Berliner Wahrzeichen wie der Gedächtniskirche, dem Funkturm, Brandenburger Tor und dem Flugbrückendenkmal ausgestattet ist. Musikalisch wird der Abend durch die Band „Ja, Panik“ begleitet, die mit „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.“ den passenden Soundtrack beisteuert. Gemeinsam sind die vier Schauspieler nun Alter Egos von Franz Josef Wagner, erzählen Anekdoten aus dessen Buch und fallen sich dabei immer wieder gegenseitig ins Wort. Geboren als Flüchtlingskind, aufgewachsen an einem Sarg in dem die „Leiche Deutschlands“ lag, schwärmt Wagner von seiner Mutter, die sich mit dem spät aus dem Krieg heimgekehrten Vater im Vorgarten des Regensburger Reihenhaus streitet. Vivian Mahler steigt dazu in einen Mutter-Courage-Mantel. Eine weitere Station aus Wagners Lebensbeichte ist ein Treffen mit Sartre in Paris (Verena Unbehaun im Muppet-Marsianer-Kostüm), dem er sein neustes Gagarin-Gedicht vorträgt: „Oh Gagarin, sag uns die Wahrheit, sind die Marsmenschen schöner als wir?“ (Niels Bormann in Dichterpose). Noch besser ist der Versuch des jungen W. an Hiroshima: „Oh Atomium, oh Radioaktivität, alle Fische ungenießbar.“, schnell auf den Block eines Kellerns verewigt. Mehr von dem auf 13 Verse angelegten Gedicht ist leider nicht überliefert.

Für große Heiterkeit sorgen auch die Erinnerungen an Treffen mit Andreas Baader in Schwabings Kneipen und Wagners erstes Interview mit dem 17-jährigen Wimbleton-Sieger Boris Becker. Niels Bormann mit roter Perücke und offenem Hemd wird dabei von Vivian Mahler regelrecht abgeschleckt. Fruchteis schleckt auch das Mädchen auf Seite 1, dem Wagner in seiner Kolumne nachweint: „Lieber Chefredakteur, mir fehlt dieses Mädchen auf Seite 1, das lebt, liebt … und lutscht“ dichtet Wengenroth dazu. In Highheels und Tangerslip rekelt er sich auf einer Videoleinwand oder läuft als Goldelse über die Bühne. Fürs Regietheater hat Wagner dagegen wenig  übrig: „Liebe deutsche Theaterregisseure, auf euren Bühnen wird geschissen, gefurzt, onaniert und Urin getrunken… Warum, frage ich mich, subventionieren wir die Theater, wenn doch jeder Porno-Shop das Gleiche bietet?“ Passend dazu gibt Wengenroth eine kleine Kotzschlauchpersiflage auf die Falladainszenierung am Gorki. Und so wird zu jedem noch so peinlichen und pathetischen Satz Wagners das passende Bild erzeugt. Wagner erreicht allerdings mit seinen schlappen Polemiken täglich Millionen, während Wengenroth angefangen mit der Off-Theater-Produktion „Planet Porno“ einige Jahre brauchte, um nun seine Satiren im subventionierten Theater vor einigen wenigen Eingeweihten zu zelebrieren.

Nach gut 90 Minuten ist Schluss mit lustig, die Band packt ein und die Wagner-Darsteller trollen sich. Auf der Bühne steht nun allein die Schauspielerin Eva Löbau und hält eine ganz andere Art von Monolog. Als Widerpart zum emotionalen Bauch-Menschen und Stammtisch-Schwadroneur Wagner hat Wengenroth den intellektuellen Kopf-Chaoten und Pop-Poeten Rainald Goetz gesetzt. Beide eint eine rege Mitteilsamkeit über Gott und die Welt, Wagner mit seiner Bild-Kolumne und Goetz in seinem Onlinetagebuch „Abfall für alle“ oder dem Blog „Klage“, das er für ein Jahr auf der Website der Illustrierten Vanity Fair führte. Das „Loslabern“ von Goetz unterscheidet sich aber wesentlich von dem Wagners und so ist „Katarakt“ ein wagemutiges Kontrastprogramm, dem bei der Premiere nicht alle Zuschauer mit der nötigen Engelsgeduld folgen mochten. Patrick Wengeroth scheint eine gewisse Affinität zu Rainald Goetz zu besitzen, bereits in seiner Persiflage auf Karl Kraus´ „Die letzten Tage der Menschheit“ 2010 am HAU 2 hat er aus Goetz´ berüchtigter Klagenfurter Skandallesung vorgetragen. Goetz ist übrigens gerade mit dem Berliner Literaturpreis zu fast unverhofften Ehren gekommen. Der Preis ist mit der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ an der Freien Universität Berlin verbunden. Antrittsvorlesung ist am 10.05.2012 im Hörsaal 1b der Rostlaube an der Habelschwerdter Allee 45.

goetz_klappenfoto.jpg Rainald Goetz, Foto: Suhrkamp Verlag

In Goetz´ 1993 in Mülheim preisgekröntem Theatermonolog versucht ein alter, vermutlich einsamer Mensch, sich auszudrücken, seine innersten Gedanken einem imaginärem Publikum mitzuteilen. Er kommt dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, reißt vieles an, führt nichts zu Ende aus. Dem einerseits folgt stets ein anderseits, er fällt sich selbst in den Gedanken und verwirft alles als Quatsch. Man kann diese Lebensklage als Wagners eigene Reflexionen zu dessen unausgegorenen, sich oft widersprechenden und mit viel Halbwissen angereicherten Ergüssen ansehen, es kann sogar wie ein Nachruf auf dessen gesamtes Wirken gelesen werden. Wengeroth lässt das offen. Er versucht den sprunghaften Wagner mit Goetz´ intellektuellem Nonsens-Text zu entschleunigen und hat mit Eva Löbau auch die kongeniale Darstellerin dafür gefunden. „Wenn man sich sonst nicht bewegt, hört man sogar das Öffnen und Schließen der Augenlider.“ Sie trägt aber den Monolog recht locker mit einer gewissen naiven Impulsivität vor, steigt gestikulierend auf die erste Stuhlreihe und verteilt freundlich auffordernd Bierflaschen. Allein es hilft nichts, nach 2 ½ Stunden ist man trotzdem ziemlich ausgelaugt und wenn man sich nicht schon ein Bier von der Bühne geangelt hatte, strebt man durstig der Premierenparty entgegen. Fazit: „Hm, na ja.“ Kann man so machen, aber anderseits…

Rainald Goetz: „Katarakt“ auf voxpulpi.blogspot.de

Katarakt / Brief an Deutschland im HAU 2 wieder am:

01.04. und 02.04. jeweils um 20:00 Uhr

Regie: Patrick Wengenroth, Musik: Ja, Panik, Bühne: Masha Mazur, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Licht: Hans Leser, Dramaturgie: Friederike Heller
Mit: Eva Löbau, Vivien Mahler, Verena Unbehaun, Niels Bormann und Patrick Wengenroth

_________

I´m a happy, happy, happy Millionaire – Rimini Protokoll lassen im HAU 1 die „Lagos Business Angels“ fliegen

Freitag, März 30th, 2012

Die Macher der Dokumentartheatergruppe Rimini Protokoll haben sich den Titel ihres neuen Projekts aus der Business-Sprache entlehnt. Business Angel sind im ursprünglichen Sinne Wirtschaftsberater für Existenzgründer oder suchen Finanziers für bestimmte Firmenprojekte. Sie helfen mit ihrem Know-how und Erfahrungen Netzwerke zwischen Produzenten und finanzkräftigen Investoren zu knüpfen oder steigen auch gleich selbst in die Finanzierung mit ein. Rimini Protokoll haben nun solche Business People aus der Boomtown Lagos in Nigeria gecastet, um mit diesen Alltags-Experten in Wirtschaftsdingen eine Art Geschäftsmesse im HAU 1 zu veranstaltet. Sie gehen dabei mit uns, den Messe-Besuchern, auf die Suche nach der besten Idee, dem Traum vom „Own small Business“, den diese Männer und Frauen aus Lagos so kongenial zu verkörpern scheinen. „Lagos Business Angels“ führt durch eine Art Stationen-Parcours, in dem diese kreativen Gründer und Projektentwickler ihre Geschäftsideen präsentieren und dabei nebenbei noch Einblicke in ihr Leben in Nigeria geben.

hau-1.jpg Foto: St. B.
Das Hebbel am Ufer (HAU 1)

Nigeria ist laut Helgard Haug von Rimini Protokoll wegen seiner Extreme besonders interessant. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist auch besonders reich an Ölreserven. Dagegen stehen, dass mehr als 100 Millionen Menschen weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben haben. Entlang dieser Spannung erzeugenden Kluft, entwickelt die Tatsache auch einen enormen Sog auf Geschäftemacher aller Art, deren Kreativität auf Grund des Fehlens jeglicher staatlicher Unterstützung oder Einmischung keinerlei Grenzen gesetzt sind. Nigeria wird 2050 Deutschland wirtschaftlich gesehen eingeholt haben. Da kann einem schon sein festgefügtes Afrikabild ins Wanken geraten. Beim genaueren Hinsehen und -hören bei den einzelnen Stationen der Performance, stößt man aber unweigerlich auch wieder auf die üblichen Klischees wie Korruption, Betrug oder Zahlenschönfärberei und Bilanzfälschung. Davon jedoch ist die europäische Wirtschaft auch nicht gerade frei. Die hiesige Krise, ihre Ursachen und Folgen scheinen sich in Afrikas Boomstädten regelrecht wiederzuspiegeln. Aber erst einmal lockt das schier unendliche Potential für Ideen und deren Entwicklung. Was fehlt ist oft lediglich nur das nötige Kleingeld zur Realisierung und da hofft man natürlich auf den finanzstarken Westen. Wir Westler werden hier nun also von den BA´s aus Lagos beraten und einerseits zum Nachdenken über sinnvolle Strategien der Entwicklungshilfe oder gar eigene Realisierungspläne angeregt.

lagos_island.jpg Skyline von Lagos, Nigeria – Foto von Benji Robertson unter CC-Lizenz (Wikimedia Commons)

Jude Fejokwu z.B. ist eine Art kritischer Investmentbanker und Analyst. Er empfiehlt anhand seiner Portfolios den Einstieg an der Börse in Lagos. Uwe Hassenkamp aus Deutschland ist schon dick im Geschäft und bietet sein Netzwerk zur Vermittlung von Kontakten zu nigerianischen Firmen an. Frieda Springer-Beck, Unternehmerin aus Nürnberg, haben ihre schlechten Erfahrungen, nachdem sie 300.000 Dollar durch krumme Geschäfte verloren hatte und erst nach dem mühseligen Weg durch alle Instanzen zum Teil wiedererlangen konnte, zu einem besonderen Engagement in Nigeria geführt. Sie berät in Sachen Wirtschaftbetrug und klärt Neueinsteiger auf. Immobilienmakler Oludolapo Babs Ajayi wirbt für den Einstieg in den Wohnungsmarkt von Nigeria. Ob sich allerdings alle Nigerianer seine nachhaltig erbauten Häuser leisten können, und wie die notwendigen Kredite dafür finanziert werden sollen, ist in der Kürze der Zeit nicht zu erfahren. Frank Okoh, Autoresteverwerter, und Kester Peters, Zierfischhändler und Berater im Ölgeschäft, sind da ganz die Machertypen. Aus kleinen Verhältnissen haben sie sich hochgearbeitet und wagen nun den Schritt über die Grenzen. Frank Okoh steht an seinem Überseecontainer im Hof des HAU und verkündet freudestrahlend: „Let me show you, how we do the business.“ Zeit ist Geld, don´t waste it! Das ist die Botschaft und im 10 Minutentakt wechselt zum Gospelsong I’m A Millionaire von Bill Gaither der Standort und Standpunkt. Bei Lapdipo Oluwafemi schreitet man über einen Laufsteg, während er das Schuhwerk der potentiellen Kundschaft begutachtet. Er träumt von der Vergrößerung seines Familienbetriebs für ganz spezielles Schuhwerk. Markenbewusstsein ist nicht nur im Kauf eines Mercedes aus Deutschland erkennbar, auch im österreichischen Lustenau schätzt man die afrikanische Kundschaft. Seit Jahren schon verkauft Silke Hagen-Jurikowitsch mit hochwertigen Stickereien verzierte Stoffe an betuchte Nigerianerinnen.

lagos-market.jpg Market in Lagos, Nigeria – Foto von Zouzou Wizman unter CC-Lizenz (flickr.com)

Alle zusammen bestärkt der ungetrübte Glaube an das freie Unternehmertum. Zum Ende des Abends wird dann sogar eine himmlische Messe zelebriert, in die alle Anwesenden mit einbezogen werden. Pastor und Filmproduzent Victor Eriabie hat auch schon die passende Idee für notleidende deutsche Theater, er sucht Stätten für seine charismatischen Gottesdienst-Events. Dieser Abend von Rimini Protokoll ist tatsächlich eher zwiespältig und zudem noch recht einfach gestrickt. Ich vermute da aber auch die gute Absicht im Hintergrund und nicht vorrangig einen Lapsus bei der Regie. Wenn man mal all das Negative, was man über Geschäftsleute aus Nigeria oder Afrika allgemein gehört hat, außen vor lässt, entwickelt sich doch ein ganz ähnliches Bild, wie meinetwegen noch vor zwanzig Jahren im Osten Deutschlands. Auch wenn man das natürlich nicht unmittelbar vergleichen kann. Es gibt eine Art Aufbruchsstimmung in Nigeria und viele versuchen sich mit ihren Ideen durchzusetzen. Und was man hier zu sehen bekommt, ist sicher nur ein Bruchteil dessen, was an Potential in diesem Land steckt. Die Leute müssen dort ihre Nische finden, wo nicht die global agierenden Großkonzerne bereits das Territorium abgesteckt haben. Und dass Sie dabei den Heilsversprechungen des Kapitals im Westen folgen, ist nun mal der Lauf der Dinge. Wir haben es vor gemacht. Das ist dann auch der doppelte Boden, den dieses Rimini-Projekt fast unbemerkt einzieht. Auch der Westen hat die Gewinnspannen entdeckt, die im Export gefragter Produkte nach Nigeria stecken. Der direkte Preisvergleich zum Schluss zeigt das sehr deutlich. Man kann das als seichte Kapitalismusshow abtun, hier kann man aber auch sehr gut das Prinzip Angebot und Nachfrage studieren oder das Funktionieren von Kapitalmärkten erkennen. Leichter wird man es nicht mehr erklärt bekommen.

Der Businesstourplan im HAU 1 hau-1_lagos-business-angels.jpg 

Die nächsten Termine:

LAGOS BUSINESS ANGELS 
von RIMINI PROTOKOLL (HAUG/KAEGI/WETZEL)

  • 30. und 31.03.2012 / 19.30 UHR / HAU 1
  • 01., 03. und 04.04.2012 / 19.30 UHR / HAU 1

_________

Über das Erinnern (2) – Drei Theaterstücke in Berlin beschäftigen sich mit der DDR-Vergangenheit

Samstag, März 17th, 2012

„Jeder Mensch ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig und jeder Aufmerksamkeit würdig.” Hermann Hesse

She She Pop öffnen im Hau 2 mit ihren Gästen Ost-West-Erinnerungs-Schubladen

Fritz Kater ist mit seinem Stück „zeit zu lieben zeit zu sterben“ das Kunststück gelungen, Erinnerung unmittelbar auf der Bühne erlebbar zu machen. Das ist es auch, was Armin Petras als Regisseur immer wieder mit der Inszenierung von Romanen versucht. Antú Romero Nunes ist es am Maxim Gorki Theater gelungen Katers Erzählstrom mittels Klang, Bild und Bewegung in mitreißendes Theater zu übersetzen. Wie sieht das nun mit den Mitteln des Diskurstheaters oder der Performance aus? Wie lässt sich also das Erinnern einer realen Person authentisch auf der Bühne umsetzen und dabei noch künstlerisch ansprechend darstellen? Am Internationalen Frauentag luden drei Performerinnen von She She Pop, alle in West-Deutschland aufgewachsen, ins HAU 2. Sie räumten gemeinsam mit drei Gast-Frauen, die in der DDR sozialisiert wurden, genüsslich ihre ganz privaten Schubladen aus. Zum Vorschein gekommen sind die teilweise sehr unterschiedlichen Sichtweisen nicht nur zum Feminismus in Ost und West, auch systemimanente Begriffsdefinitionen und Erziehungsfragen wurden einander gegenübergestellt. Dass das Ost-West-Thema erst nach immerhin 22 Jahren Einheit auf den Tisch der Theatermacherinnen West gelangt ist, erklären diese ehrlich mit ihrem anfänglichen Desinteresse sowie einem gewissen Selbstverständnis und der Ignoranz eben andere Probleme wichtiger zu finden. Man scheute auch die ständigen Fragen nach der Herkunft, aus Angst ein vermeintliches Tabu zu berühren. Damit sollte nun endlich Schluss sein. (Siehe „Das erste Mal“ – She She Pop im Gespräch; der Freitag, 08.03.12)

alice-miller.jpg  denkst-du-schon-an-liebe.jpg
Aus der Schublade gekramt: Befreiung West versus Aufklärung Ost

She She Pop benutzen in ihren Stücken, wie z. B. auch in „Testament“, oft Musik für ihre vielfältige Erinnerungsarbeit. In „Schubladen“ kam nun auf einem Plattenteller ein ganz besonderes Sampling von über 30 Jahren deutsch-deutscher Vergangenheit zu Gehör. An Tischen sitzen drei Paare auf Bürorollstühlen, die sich auch für schöne Bewegungschoreografien eignen, und ziehen kleine Wägelchen mit Büchern, Briefen, Fotos und Schallplatten zu sich heran. Auf den Tisch kommt nun das persönliche Erinnerungsmaterial, das man der jeweils Gegenübersitzenden an konkreten Beispielen aus der eigenen Biografie näher bringen will. Es prallen Ideologien aufeinander und öfter wird vom Gegenüber „Stop!“ gerufen und „Definiere!“ z.B. Kapitalist, Dividende, Klassenbrigadier und Pazifist. Oder nicht doch eher Pazifistin? Da stehen das West-Befreiungsbuch von Alice Miller „Das Drama des begabten Kindes“ neben Heinrich Brückners DDR-Aufklärungsfibel „Denkst du schon an Liebe?“, Westaufsätze über die DDR gegen die Definition eines Kapitalisten aus dem Heimatkundelehrbuch DDR Klasse 4. Man erzählt sich seine Kindheit vom daheim behüteten Westmädchen oder dem nach sechs Monaten in die Krippe gegebenen Ostmädchen. West-Performerin Nina Tecklenburg summt genüsslich die Titelmelodien kitschiger Vorabendserien und die in Rostock aufgewachsene Soziologin Wenke Seemann kontert mit dem Neid-Lied aus Reinhard Lakomis „Traumzauberbaum“.

Das wirkt am Anfang noch etwas bemüht, entwickelt aber immer mehr seinen Charme, wenn die kurzen Berichte mit konkreten Erlebnissen, Anekdoten oder ganz persönlichen Tagebucheintragungen unterfüttert werden. Die Sopranistin Alexandra Lachmann erzählt von der Schere im Kopf, dem Verstellen in der Schule und wie ihr Bruder kurz vor der Wende über Ungarn in den Westen ausgereist ist. Die Schriftstellerin Annett Gröschner litt unter der Bevormundung im Studium und fing an ihre Albträume aufzuschreiben. Aber bei all der schweren Erinnerungsarbeit, darf auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Was war wirklich drin im Westpaket und hätte Frau Ost nicht doch lieber Tampons anstatt Seife und echt 4711 gehabt? Es darf an der Rampe bei einem Gläschen Wodka kurz abgelästert werden über die verzärtelten Westfrauen. Diese haben ihre Probleme damit, dass die eigene Mutter vom Geld des Vaters lebt oder dem schwierigen Erbe von Onkeln die heute immer noch wie Karl Marx aussehen. Stolz ist man über die erste eigene Wohnung und das politische Engagement. Es wird der Song „Wir sind geboren um frei zu sein“ von Ton Steine Scherben aufgelegt, die Ostfrauen halten ihre Favoriten dagegen. So gibt ein Klischee das andere, bis die Westfrauen schließlich über das Fehlen der sozialistischen Alternative klagen. Wenke Seemann bringt es auf den Punkt: „Hast Du eigentlich eine Ahnung davon, wie es ist, in Deiner Alternative aufzuwachsen.“

Bis in die Zeit kurz nach der Wende geht der Abend dann noch und die Ostfrauen berichten von merkwürdigen Feministinnencamps, falschen Vorstellungen und ersten Enttäuschungen. Die verschlafene Wendenacht, die Enge am Grenzübergang in der Schlange auf der Warschauer Brücke oder Männern mit tätowierter Werbung auf dem Gemächt, regelrecht literarisch wird es, wenn Annett Gröschner aus ihren Traumtagebüchern zitiert. Johanna Freiburg schwärmt von einer ersten platonischen Liebe und Ilia Papatheodorou imaginiert ein erotisches Erlebnis. Auch die Westfrauen sind mittlerweile im Osten von Berlin angekommen, stellen aber bestürzt fest, dass man im Adressbuch kaum Telefonnummern von Ostfreunden hat. Das sich das ändern könnte, dafür steht dieser sympathisch humorvolle und nie ganz von Ironie freie Gesprächsabend. Konsens findet sich bei der Theatermacherin West Johanna Freiburg und der Schriftstellerin Ost Annett Gröschner schnell beim Dramatiker Heiner Müller oder Nina Tecklenburg und Wenke Seemann schwärmen von Eiskunstlaufolympiasiegerin Katarina Witt und führen eine Carmenkür auf ihren Bürodrehstühlen auf. Da heben sie für einen kleinen Moment ab, lassen den theoretischen Ballast am Boden und alles Schubladendenken weit hinter sich.

***

„Das Ende der SED“ – Im Europasaal des Auswärtigen Amtes zeigt das Theater 89 noch einmal die letzten Tage des Zentralkomitees der SED

Um eine ganz andere Art der Erinnerung geht es in dem Stück „Das Ende der SED – Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED“, das das Theater 89 im Europasaal des Auswärtigen Amtes uraufführte. Hier am historischen Platz lassen die Schauspieler in der Regie des Theaterleiters Hans-Joachim Frank die letzten Zentralkomiteesitzungen von Oktober bis Dezember 1989 revuepassieren. Der Historiker und Publizist Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam hat mit Gerd-Rüdiger Stephan von der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Abschriften der Original-Tonbandmitschnitte dieser Sitzungen 1997 in einem gleichnamigen Buch beim Ch. Links Verlag veröffentlicht und bot diese Texte seitdem verschiedenen Theatern wie Sauerbier an. Das Theater 89 hat nun in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ein Theaterstück daraus gemacht.

Das Material bietet sich tatsächlich für eine theatrale Aufarbeitung an, sind doch alle Elemente eines klassischen Dramas darin enthalten. Man könnte es auch als antike Tragödie aufführen, allein der eigentlich Leidgeprüfte ist nicht anwesend. Man hat vergessen das Volk ins Stück mit einzubauen. Dafür intoniert ein Chor (Singakademie Frankfurt/O.) Arbeiterkampflieder, die hier nicht ganz unbeabsichtigt wie Klagelieder einer vergangenen Zeit wirken. Die Götterdämmerung im Herbst 1989 erreichte die gottgleich auf ihrem Olymp erstarrte Parteinomenklatur scheinbar wie aus heiterem Himmel. Die Hybris der führenden Rolle hatte die SED lange unangreifbar erscheinen lassen, umso schneller kam der selbstverschuldete Sturz in den Orkus der Geschichte. Die Tragödie wurde zum kleinbürgerlichen Trauerspiel um Erklärungsnot und scheinheilige Schulddebatten. Das Theater 89 versuchte nun diese Ereignisse der Wendewirren dem Vergessen zu entreißen. Vielen im Publikum werden ihre eigenen Erinnerungen an die Zeit der Wende wieder gegenwärtig, anderen ist es immerhin eine lebendige Geschichtsstunde.

dsc06527.JPG Foto: St. B.
Genosse Austauschbar. – Pappkameraden in grauen Anzügen beim Ende der SED im Europasaal des Auswärtigen Amts

Das Schauspielensemble, weiß geschminkt und in grauen Anzügen, stellt die verschiedenen ZK-Mitglieder dar, die in endlosen Debatten und Redebeiträgen nach Fassung ringen und sich gegenseitig ins Wort fallen. Es wird auf einen schnellen Entschluss gedrängt, das Heft des Handelns nicht aus der Hand zu geben. Den Draht zum Volk hat man aber längst verloren. Es wird nach Ursachen gesucht, allerdings nach dem alten Motto: Bloß keine Fehlerdiskussion. Aus den Kreisleitungen der Partei kommt erster Widerspruch und einige ZK-Mitglieder üben zerknirschd Selbstkritik. Vorn im Präsidium sitzen zu Anfang noch der neue Generalsekretär Egon Krenz, Kurt Hager, Armeechef Heinz Kessler und andere Politbüromitglieder. Lange können sie sich da nicht mehr halten, die ehemalige Führung wird nach und nach ausgetauscht. Die entstehenden Lücken füllen Puppen in grauen Anzügen aus. Für die Künstler in der Partei spricht der Schriftsteller und Verbandspräsident Hermann Kant, der das Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten anprangert und im Dialog mit dem Volk die Führungsrolle wiedererlangen will. Andere ergehen sich in belanglosen Scheindebatten und Schönfärbereien. Dazwischen immer wieder sakrale Chorpassagen mit Brechts „Kinderhymne“, dem „Lied der Partei“, „Spaniens Himmel“ oder Wolfgang Langhoffs „Moorsoldaten“. Es wird die unfreiwillige Grenzöffnung mit Schabowski-O-Ton eingespielt und die Wirtschaftslenker des ZKs gestehen ihre Fehler ein. Alle haben sich im Zuge der Parteidisziplin dem Urteil der Parteioberen gebeugt.

Das Land steht 1989 am Rande des Bankrotts und niemand will es bemerkt haben. Der Arbeiter- und Bauerstaat hing schon lange am Tropf des Westens. Die Schuldfrage ist schnell geklärt. Die Genossen fühlen sich vom Politbüro des ZKs, das die Belange der Partei und des Staates nach Gutdünken lenkte, betrogen. Der 86 Jahre alte Genosse Bernhard Quandt, der von 1939 bis 1945 in Sachsenhausen und Dachau saß, verlangt unter Tränen die standrechtliche Erschießung der Verantwortlichen für die erlittene Schmach des Machtverlusts. Einer Reflexion auf die eigene Schuld hin sind nur wenige fähig. Ein wirklicher Widerpart ist hier auch nicht zu erwarten. Dazu fehlen kontroverse Stimmen von außerhalb der Parteikreise, die die Inszenierung nicht für nötig hält und sich strikt am Text der Aufzeichnungen orientiert. Das ist nicht nur künstlerisch ein Manko. Problematisch ist bei dieser Herangehensweise, dass die Schuld hier leicht delegierbar scheint und dadurch einer umfassenden Aufarbeitung entgegenwirkt. Die Stimme des Volkes wird zum Schluss wieder eingeblendet, es ruft die bekannten Worte: „Wir sind ein Volk.“ Das war es auch schon vorher.

„Niemals haben Menschen so vieles vergessen sollen, um funktionsfähig zu bleiben, wie die, mit denen wir leben.“ Christa Wolf aus Kindheitsmuster

Die nächsten Aufführungen in Berlin:

  • 31.03.12, 19:00 Uhr, Akademie der Künste am Hanseatenweg
  • 14.04.12, 19:00 Uhr, im Kleistsaal der Urania
  • 12.05.12, 19:00 Uhr, Haus der Kulturen der Welt
  • 02.06.12, 19:00 Uhr, Zionskirche

Literatur: _______________________ das-ende-der-sed_buch_cover.jpg

Hans-Hermann Hertle/Gerd-Rüdiger Stephan (Hg.), Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees. Mit einem Vorwort von Peter Steinbach, Berlin: Ch. Links Verlag 1997

zurück zu Teil 1

_________

She She Pop öffnen im Hau 2 Ost-West-Schubladen – Die Kurzkritik

Freitag, März 9th, 2012

Am Internationalen Frauentag luden gestern She She Pop zu ihrer neuen Performance „Schubladen“ ins HAU 2. Drei der in West-Deutschland aufgewachsenen Performerinnen räumten gemeinsam mit drei Gast-Frauen, die in der DDR sozialisiert wurden (u.a. die Schriftstellerin Annett Gröschner), genüsslich ihre Schubladen aus. Ost-West-Klischees, schwierige Definitionsfragen, Feminismus in Ost und West, viel Musik und der Weltfrieden auf dem Prüfstand. Eine perspektivische Ost-West-Erinnerung mit einem lachenden und weinenden Auge. Aber zum Schluss wurde der theorielastige Ballast vom Tisch gefegt und begannen die Frauen wie Kati Witt zu schweben. Unbedingt hingehen und staunen!

Schubladen im HAU 2 noch bis zum 11.03.12 jeweils 20.00 Uhr (Dauer ca. 2h)

ausführliche Besprechung folgt.

_________

Michael Coolhaze sieht rot im DT und Herrmann battled im HAU – Studio Braun und Rimini Protokoll zeigen uns Kleist einmal anders

Samstag, November 19th, 2011

Studio Braun zeigen ihr Actionmusical „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ am Deutschen Theater Berlin

Nicht nur der Truppe um Armin Petras im Maxim Gorki Theater ist aufgefallen, dass wir im Kleistjahr sind, auch andere Theatergruppen nehmen das Jubiläum zum Anlass, um sich mit dem streitbaren Autor auseinander zu setzen. Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger vom Hamburger Trio „Studio Brau“ sind alle drei künstlerisch vielseitig begabt, machen Musik, schreiben Bücher sowie Theatertexte und sind berüchtigt für ihre Telefonstreiche auf verschiedenen Radiosendern. Bisher hatten sie ihre Heimstadt am Hamburger Schauspielhaus, für das sie sich in der Intendanten-Krise auch tatkräftig eingesetzt haben, Ex-Kultursenator Reinhard Stuth, kann ein Lied davon singen.

Im letzten Jahr haben Studio Braun am traditionsreichen Hamburger Theater schon einmal eine Revue aufgeführt und nannten das eine moderne Fantasie. Es ging um die Figur des Kremlfliegers Matthias Rust. In „Rust – Ein deutscher Messias“ war der grandiose Schauspieler Fabian Hinrichs als naiv sensibler Flugschüler mit Sendungsbewusstsein zu sehen, der ,mangels Aufmerksamkeit, erst auf dem Roten Platz in Moskau landet, dann den Weltfrieden verkünden will und schließlich wieder in der medialen Versenkung verschwindet, aus der er sich nur mittels einiger aufsehenerregender Straftaten wieder zu befreien hoffte. Irgendwann gänzlich der Vergessenheit anheim gefallen, diente er nun Studio Braun zur lustigen Mythenbildung und wurde schließlich zum Sektenguru und Gründer des utopischen Friedensreichs „Lagonia“ gekürt. Die drei Meister des abseitigen Humors peppten dieses moderne Märchen mit schrägem Witz, skurrilen Szenen und natürlich jeder Menge Musik auf.

Musik ist nun auch die treibende Kraft in ihrem neuen Streich „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“. Ein ganzes Orchester hat sich im Graben vor der Bühne verschanzt, wie zu Beginn der Veranstaltung Heinz Strunk verkündet. Auch wird genau erklärt worum es sich bei dieser Vorstellung handelt. Wir sehen zunächst ein Filmteam auf einer drehbaren Bühnenkulisse, das sich anscheinend an irgendeiner Hollywoodschmonzette versucht. Anita Vulesica ist die Schauspieldiva Bonnie und Felix Göser ist niemand anderes als der große Actionstar Charles Bronson. Wir befinden uns im Jahr 1982 am Set der Fortsetzung der amerikanischen Kultsaga „Ein Mann sieht rot“, indem ein unbescholtener Architekt, nachdem seine Frau ermordet und seine Tochter vergewaltigt wurde, mit einer Pistole bewaffnet den Moloch New York aufräumt und, zur Freude von Polizei und Justiz, die Zahl der frei herumlaufenden Kleinganovenschar stark dezimiert.

(mehr …)

Drei Mal Leben und Sterben – ganz unterschiedliche Generationenkonflikte in drei Inszenierungen am DT und HAU Berlin

Sonntag, April 10th, 2011

Am 05.04.11 war im HAU 2 noch einmal das seit einem Jahr laufende und zum Theatertreffen 2011 eingeladene Stück „Testament“ der Performancegruppe „She She Pop“ zu sehen. Grund war die Verleihung des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost. Herzlichen Glückwunsch dem Team noch nachträglich zu dieser verdienten Ehrung. Anhand des Shakespeare-Dramas um den greisen „König Lear“ der seine Macht aufgibt, sein Reich an seine drei Töchter aufteilen will und an den ungeregelten Verhältnissen aller untereinander scheitert, verhandelt das Performerteam mit ihren Vätern den Generationenvertrag neu aus. Eine verspätete Vorbereitung zum Generationenwechsel nennt sich der Abend im Untertitel und weist damit schon darauf hin, dass man meist erst viel zu spät über das Altern der Elterngeneration und die damit auftretenden Probleme und Unannehmlichkeiten nachdenkt, auf die man nie so richtig vorbereitet scheint.
Zuerst stellen die mitwirkenden Performer (zwei Töchter und ein Sohn) ihre Väter vor, nur eine Tochter wollte ihren Vater lieber nicht auf der Bühne sehen. Die Väter nehmen dann auf Sesseln Platz, ihre Gesichter werden groß auf umrahmte Leinwände an die Bühnerückwand geworfen. Es sind Herren zwischen 60 und 70 Jahren aus dem gutsituierten Bildungsbürgertum meist schon im Ruhestand, durchaus theaterbegeistert aber kritisch gegenüber dem Performancegedanken der Töchter. In nachgespielten Probenausschnitten wird der Kampf um die Deutungshoheit dieses Theaterexperiments verdeutlicht. Streit bleibt nicht aus und die Väter drohen schon mal damit das Ganze platzen zu lassen. Das Ergebnis ist dennoch interessant anzusehen. An einem Flipchart werden erst mal verschieden Themen aufgeschrieben, die verhandelt werden sollen.
Der Text des Shakespearestücks läuft auf einer Leinwand mit und wird in Auszügen zu jedem Akt gelesen. So bleibt das Stück als Hintergrund und Aufhänger erhalten und wird mit heutigen Entsprechungen neu interpretiert. Zum Beispiel die Aufteilung des Reichs mit dem Anspruch der Kinder auf die Hinterlassenschaft der Väter. Was möchte man erben, auf was hat man ein Recht. Beispiele werden von den Töchtern aufgeführt. Ein Diagramm zeigt das Verhältnis von Liebe der Nachkommen proportional zur Abgabe des Vermögen der Eltern. Ist es besser alles sofort abzugeben oder sich die Liebe mit einer rationierten Werteabgabe dauerhaft zu sichern. Das ist natürlich ironisch gemeint, ernster wird es schon wenn noch Enkel ins Spiel kommen, sich die alleinstehenden Töchter dadurch benachteiligt fühlen und die Enkelstunden in einen monetären Ausgleich umrechnen. Das nächste Problem tritt zwangsläufig auf, wenn die Väter mit ihrem Tross „Ritter“ zu den Töchtern ziehen und diese nicht darauf vorbereite oder eingerichtet sind. Dies wird anhand der Bücher eines der Väter bildlich am Flipchart verdeutlicht. Aber es geht natürlich auch um lieb gewordenen Eigenheiten, die die Töchter natürlich ganz anders sehen und schließlich ist man bei der Würde der Väter angelangt, die sich darüber definiert im Alter noch gebraucht zu werden und auch vehement einfordert wird. Es geht darum gemeinsam Zeit zu verbringen, dem anderen aber trotzdem genügend Platz für sich zu lassen.
Ein Generationenkonflikt wäre aber kein Konflikt, wenn es nicht auch um verschiedene Interessen und Ansichten ginge, hier im speziellen die der politisch aktiven 68er-Generation zur heutigen, die das ewige Gerede von früher nur nervt. Es werden einige Vorurteile und Klischees ausgetauscht. Letztendlich gipfelt das dann im besagten Generationenwechsel, zu dem die Sturmszene im Lear genutzt wird. In einem gemeinsamen Ritual, werden den Vätern die Hemden ausgezogen und letzte Lieblingslieder gemeinsam gesungen. Dann treten die Töchter in die Stiefel ihrer Väter und nehmen auf den Sesseln Platz. Die nun hilfsbedürftigen Väter sind dem Schutz der Töchter anheim gegeben, das Pflegethema wird nun verhandelt. In einem Monolog spricht eine Tochter über den immer mehr verfallenden Körper des Vaters, den sie bis zum Tod begleitet. Die Tochter deren Vater nicht an der Performance teilnimmt, vergibt ihm in einem weiteren Monolog, dass er nie wirklich für sie da war und lieber für die Arbeit gelebt hat Es werden letzte Fragen gestellt, die natürlich nicht zur Gänze beantwortet werden, einer der Väter liegt dazu in einem Pappsarg. In einem schönen Schlussbild liegen die Väter und Töchter wie Lear und Cordelia im Tod vereint im Knäuel auf der Bühne.
Das mag alles sehr oberflächlich erscheinen, viele Themen können natürlich nur angerissen und skizziert werden. Die angestrengte Arbeit zu diesem Theaterstück ist auf der Bühne natürlich nicht komplett abzubilden. Es liegt hier am Zuschauer, das für ihn wichtige zu entnehmen und selbst mit seinen Eltern im gemeinsamen Dialog durchzuspielen. In der Laudatio zur Verleihung des Preises im Anschluss an die Vorstellung ist von einem „gleichermaßen mutigen wie berührenden Dokumentartheater-Abend“ die Rede, der ein großes Wagnis eingehe zu einer echten Begegnung über den Generationenkonflikt hinaus. Dem kann man durchaus zustimmen.

Ganz anders da das neue Stück „Die Ängstlichen und die Brutalen“ vom viel versprechenden und preisgekrönten Jungautor Nis Momme Stockmann, das am 07.04.11 an den Kammerspielen des DT aufgeführt wurde. Hier ist der Vater bereits tot und die Nachkommen stehen entgeistert vor den Überresten gelebten Lebens. Die Bühne läuft nach hinter schräg an, auf einem Sessel sitzt eine zur Seite gesunkene Puppe, eine kahle verdreckte Matratze, zwei Umzugskartons und ein Telefon, das sind die sparsamen Requisiten. Die Wände zieren Sprüche wie „Geduld braucht es für das Hineinwachsen eines Menschen in die Welt“. Das mutet wie Waldorfschulpsychologie an oder soll sehr existentialistisch klingen, ist aber doch nur pseudophilosophische Brühe. Es sind Zitate aus dem Stück und stehen auf vielen Zetteln, die in den Kisten auf der Bühne verborgen sind. Elaborate des verstorbenen Vaters, den seine beiden Söhne da auf dem Sessel finden, in seiner finalen Kacke.
„Kacke!“ ist dann auch das meist gebrauchte Wort zu Beginn des 90-minütigen Kammerspiels über die Unfähigkeit der beiden Brüder, mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters klar zu kommen, den sie sichtlich nicht wirklich gekannt haben, noch bisher irgendein geartetes Interesse an dessen verflossenem Leben zeigten. Und so dreht sich all ihr Bestreben erst mal um die Suche nach einer Möglichkeit aus dieser absurden Situation wieder heraus zu kommen, die Schuld für die Situation beim Pflegdienst zu suchen oder sich gegenseitig in die Schuhe zu schieben. Mit der Klobürste muss Berg den Vater säubern, diese bleibt dann der Puppe im Hintern stecken, als sichtbares Zeichen, das in Würde Sterben in dieser Welt so nicht möglich ist.
So weit so gut, daraus ließe sich schon etwas machen. Aber Autor Stockmann will die ganz große Familientragödie bedienen und so haben beide Söhne jede Menge Mutti- und Vati-Komplexe und halten sich ihre verpfuschten Leben vor. Der ältere Eirik (Werner Wölbern) hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, die er noch nicht überwunden hat und der etwas tollpatschig, unsicher wirkende jüngere Berg ist sichtlich nicht in der Lage eigene Entscheidungen zu treffen. So wird er auch von seinem großen Bruder tyrannisiert und rumgeschupst, das führt bis zu einem ersten Gewaltausbruch mit dem Abrasieren des Schurrbarts, da der zu sehr an den überpräsenten Vater erinnert. Berg revanchiert sich dann mit dem Geständnis mit Eiriks Frau geschlafen zu haben, nur um ihm etwas weg zu nehmen. Nachdem beide hinter den wahren Grund des Gestanks in der Wohnung des Vaters gekommen sind, es hebt sich die Bühnenrückwand und eine riesiger Berg Müll kommt zu Vorschein, eskaliert das Ganze zum verzweifelten Selbstreflektionsdrama und beide werfen sich ihre Ängste und psychotischen Traumsequenzen über Spinnen, Katzen, Mütter und Väter (Freud lässt grüßen) ungefiltert an den Kopf, unfähig zur wirklichen Kommunikation miteinander. „Hör auf, ich will das alles nicht hören.“
Beim verzweifelten Aufräumen fällt ihnen dann die Zettelsammlung des Vaters mit Gedichten und philosophischen Abhandlungen in die Hände. Das nimmt ihnen nun gänzlich die Fassung. „Hast du das gewusst?“ und „Ich fühl mich verarscht.“ sind die Reaktionen, was wunder, der Zuschauer fühlt dies mit zunehmendem Maße auch. Der junge Regisseur David Bösch deckt lieber den Mantel des Schweigens über den Inhalt der Zettelkisten, ein Zitat ist im Programmheft abgedruckt. Es scheint als wollte Bösche retten was zu retten ist, die beiden ehrlich bemühten Darsteller Werner Wölbern und Christoph Franken sind aber nicht mehr zu retten. Stockmann zieht seinen Figuren ohne ersichtlichen Grund, plötzlich den Boden unter den Füßen weg, sie straucheln und stürzen ziellos in der einsamen Gedankenwelt ihres Autors herum, aussichtslos der totalen Leere ausgeliefert. Schließlich erhebt sich der geknechtete Berg über seinen Bruder Eirik und erschlägt ihn nach einem weiteren Gewaltexzess im Müllberg. Einen Ausweg aus der Situation findet er nicht, gefangen in seiner Angst vor dem wahren Leben bricht er zusammen.
Das Stockmann die Seele der kleinbürgerlichen Familie feinfühlig sezieren kann, hat er in „Kein Schiff wird kommen“ bewiesen, hier zeigt er nur große Abgründe, aber ohne wirklich deren Tiefen auszuloten. Gähnende, nihilistische Leere beherrscht trotz der großen Müllberge die Bühne. Durch dieses Stück weht so tief der schwere Atem von Beckett, dass kein hochrangiger Regisseur mehr Lust verspüren wird, diese hohlen, ausgelutschten Signifikanten noch mit Leben zu füllen. Stockmann erliegt hier sichtlich selbst dem „Teufel Signifikant“, den er eigentlich anprangern wollte. Wenn die neue Form der Dramatik bedeutet, jegliche Relevanz zu verweigern, so ist das Stockmann hier bestens gelungen. Man kann sich die eigene Autorenschaft aber auch schön reden, nur wird Stockmann so irgendwann als Schaumschläger nicht als großer Dramatiker enden. Es ging ihm um das Anliegen des Autors, als Seele seiner Arbeit, dieses Stück ist aber leider seelenlos und ein Anliegen nirgends greifbar. Dem Markt wird es egal sein, Allgemeingültigkeit und Nachhaltigkeit sind mit diesen gesichtslosen Figuren allemal gegeben, die Frage ist nur, wie lange das Publikum das noch mitmacht.

Große Themen werden auch in der zweiten Premiere im Deutschen Theater am 08.04.11 verhandelt. In den Stücken „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“, erzählt die niederländische Autorin Judith Herzberg die Geschichte einer jüdischen Familie von 1972 bis 1998. Stephan Kimmig hat diese drei Teile nun zu einem 4 ½-stündigen Abend „Über Leben“ zusammengefügt. Judith Herzberg, Jahrgang 1934, ist Tochter von Holocaust-Überlebenden und hat von 1943-45 in wechselnden niederländischen Familie auf dem Lande gelebt. Ihre Erfahrungen dieser Zeit sind in dieses Werk mit eingeflossen.
Die Hauptperson Lea (Susanne Wolff) ist ebenfalls bei einem nichtjüdischen Ehepaar aufgewachsen und liebt die Pflegemutter Riet (großartig Christine Schorn), die ziemlich offen ihre Rechte einfordert und immer wieder für kuriose Einwürfe sorgt, genauso wie ihre leiblichen Eltern Ada (Almut Zilcher) und Simon (Christian Grashof). Im ersten Teil wird Leas dritte Hochzeit gefeiert, neben dem Bräutigam Nico (Daniel Hoevels) sind die früheren Männer Leas, die Exfrau von Nico sowie etliche Verwandte und Bekannte anwesend. Durch dieses weitverzweigte Gestrüpp der Verhältnisse muss man sich erst mal durchfinden, bis die Beziehungen der Figuren zueinander klar werden. Die Grundidee Herzbergs war, dass das Stück auf einem Balkon vor dem Hochzeitsaal stattfindet. Eine etwas boulevardeske Situation, Kimmig lässt hier die Protagonisten alle zusammen auf der Bühne stehen, die Figurengruppen im Gespräch treten immer wieder aus dem Kreis heraus und tanzen ansonsten zu Lateinamerikanischer Musik. Das wirkt etwas statisch, ist aber mit 1 Stunde recht kurz und reicht so zur Einführung aller Personen. Wir erfahren, das Nico immer noch in seine Ex Dory (Maren Eggert) verliebt ist und das diese einen Vaterkomplex hat, begründet dadurch ihn nie kennen gelernt zu haben, da er im Holocaust umgekommen ist. Sie versucht immer wieder Informationen aus Simon herauszubekommen. Das ist das eigentliche Problem des Stücks, dass nicht über dieses Thema gesprochen werden kann. Der einzige der immer wieder laut über seine tote Frau klagt ist der nichtjüdische Zwart (Markwart Müller-Elmau) Vater von Nico, der nun mit Duifje (Simone von Zglinicki) verheiratet ist und diese seine Stiefgattin nennt. Ada ist durch die Geschehnisse im Lager traumatisiert und will eine stationäre Therapie machen. Simon hält das für Untreue und droht sie zu verlassen. Er wird später ein Verhältnis mit Dory anfangen aus dem ein Sohn (Isaac) entsteht, der bei Simon und Lea aufwachsen wird, da Dory als Geigerin ständig auf Tour ist. Auch Leas dritte Ehe wird scheitern, Nico geht zu Dory zurück.
Komplizierte Zusammenhänge, die noch durch weitere Nebenpersonen wie Freunde von Nico und Lea komplettiert werden. Ihr erster Ex David bringt sich gleich bei ihrer Hochzeit mit Nico um und der zweite Mann Alexander (Peter Moltzen) ist mit einer Prostituierten verheiratet und zieht im 2. Teil „Heftgarn“ mit Frau und Kind in die Nähe von Ada und Simon, da er selbst ohne Eltern eine innige Beziehung zu Ada aufgebaut hat. Es dreht sich im Großen und Ganzen um die Menschen die fehlen und das schwierige Leben mit dieser Last überlebt zu haben. Eine ziemlich leergeräumte Bühne mit hohen Sperrholzwänden dreht sich und symbolisiert die vergehende Zeit. Dennoch ist dieses Stück nie schwermütig oder pathetisch. Der Text von Judith Herzberg besitzt eine große Ironie, die sich im 2. Teil nach und nach entfaltet, leiser Humor und die sparsame Bebilderung von Stephan Kimmig verhelfen diesem schweren Thema ohne jeglichen Einfühlungskitsch und Betroffenheitsgedusel zu seinem Recht. Von Rührseeligkeit keine Spur. Es wird geliebt, geboren und gestorben. Ada stirbt und auch Alexander und seine Frau kommen bei einem Autounfall ums Leben. Von außen dringt immer wieder nur ein Klempner in die abgeschlossnen Welt der Familie ein, die sich ganz um sich selbst dreht. Diese Figur steht aber nicht nur für einen schönen Running Gag im zweiten Teil, in dem Gerber mit Rohrzange mal von links und mal von rechts über die Bühne latschen darf und schönen, trockene Sätze abliefert, sondern für die Außenwelt, die ein echtes Interesse am Leben dieser Familie als ganz normale Menschen zeigt. Kluiters begleitet den Lebensweg der Figuren und ist selbst noch am Schluss als Stromableser da, wenn Simon schon alt und klapprig ist und ihn kaum noch wiedererkennt.
Im Zentrum des 3. Teils steht nun Simon, der nach dem Tod von Ada allein mit Lea im Haus der Familie lebt, das längst an Hans (Jörg Pose) den alten Freund von Nico verkauft ist, aber Simon kann wieder nicht mit seiner Tochter darüber sprechen. Hans hat seine Frau Pien (Meike Droste), die er auf der Hochzeit Leas kennen gelernt hat, mit sieben Kindern sitzen lassen und ist in Amerika zu Reichtum gelangt. Die Kinder sind nun selbst erwachsen und rebellieren gegen die ältere Generation wie Isaac (Paul Schröder), der nicht Stellvertreter für die vielen Toten des Holocaust sein will, fordern ihre Geschichte ein, wie Xandra (Claudia Eisinger), die im Waisenhaus aufgewachsene Tochter von Alexander oder lehnen ihre Väter ganz ab, wie Piens und Hans Sohn Chaim (Moritz Grove). Die Figuren stehen dazu dicht an der Rampe und artikulieren ihre Wut oder Resignation. Aber es wird auch noch mal träumerisch und die Toten Ada und Alexander nehmen die Hinterbliebenen noch mal an die Hand und bitten zu einem letzten Tänzchen. Am Sterbebett von Simon schließt sich der Kreis, alte Wunden zwischen Lea und Dory werden wieder aufgerissen oder man versucht sich zu versöhnen. Und der alte Fuchs Simon will und will nicht sterben. Ein Theaterabend mit großartigen Schauspielern, wie es lange keinen mehr am DT gab. Dank an das Team und an Stephan Kimmig, dass er diese Stücke von Judith Herzberg wieder ausgegraben hat und sich mit seiner Inszenierung alles in allem wohltuend zurückhält. Nach dem nihilistischen Debakel vom Vorabend in den Kammerspielen, ist das ein reines Fest fürs Leben, das auch den Blick auf den Tod, das Unfassbare sowie die Schwächen der Menschen und ihre Unfähigkeit damit umzugehen nicht ausspart.

Judith Herzberg und Stephan Kimmig im Gespräch   (tip Berlin)