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Zur Nichtvergabe des Preises beim Heidelberger Stückemarkt 2010

Samstag, Mai 15th, 2010

Beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt wurde durch die Jury, bestehend aus der SZ-Kritikerin Christine Dössel, dem Dramaturgen Erik Altorfer und Vorjahrespreisträger Nis-Momme Stockmann, kein Preis vergeben, mit der Begründung, das keines der Stücke so herausrage, das es eine eindeutige und konsensfähige Entscheidung zu einem Preis gegeben hätte. Dazu kommt, das auch der europäische Förderpreis nicht verliehen wurde. Gastland war übrigens Israel vertreten mit 3 Stücken im Wettbewerb. Die Jury verbindet ihre Entscheidung mit der Anregung zu einer Diskussion über die Förderkultur der deutschsprachigen Dramatik.
Das erregte den Unmut der Jungdramatiker der in einem offenen Brief gegen die Entscheidung, den Preis in gleichen Teilen an alle Teilnehmer zu vergeben, mündete. Es fehle eine inhaltliche Begründung und das pauschale Urteil atme den „Geist der Exklusion“ unter dem Mantel von Nachhaltigkeit und Qualität. Daraufhin wurde auf der Seite von Nachtkritik angeregt und sehr kontrovers von vielen Kommentatoren das Für und Wider diskutiert. Nachzulesen auf  www.nachtkritik.de unter Scharfe Kritik der betroffenen Autoren an der Jury des Heidelberger Stückemarkt. Dort wurde Christine Dössel, die in einem Artikel der SZ, das Fehlen von Stücken zum Nah-Ost-Konflikt und der Frage der Palästinenser bemängelte, unter anderem Antisemitismus vorgeworfen.
Vorausgegangen war noch einer Art Philippika von Nis-Momme Stockmann gegen die Bewertungsmacht der Kritik auf der Stücke-2010-Seite von Nachtkritik zu den Mühlheimer Theatertagen. Nachzulesen auf Stücke 2010 – 35. Mülheimer Theatertage NRW

Ja, da hat der junge Herr Stockmann ein paar Latten vom Zaun gerissen, die ihm jetzt durch jene, denen sie nun fehlen, gewaltig um die Ohren gehauen werden.
Dieser Streit um das von Stockmann so bezeichnete „Bewertungskompetenzgold“ zeigt doch genau worum es eigentlich geht, der ewige Kampf um die, den, das Beste. Da kann das Ganze doch nur zum Katzengold mutieren. Unter welchen Kriterien soll denn nun in so einem Wettbewerb, das beste Stück gefunden werden? Das kann doch nur ganz subjektiv erfolgen und nicht nach „Bewertungsclustern“, wer will die denn auch bestimmen, das ist doch kein Sportwettkampf. Außerdem geht es Stockmann gar nicht um gesellschaftliche Relevanz, wenn die jetzt wieder eingefordert wird, sonder lediglich um „Theater wie es sein soll, eine Kunst, ein Medium – einfach ein Affekt, Leben, Brand, Versuch, Zwang, Neurose (und die Begegnung mit ihr), Verzweiflung, Dummheit, Irren, Widerspruch – Liebe Liebe Liebe – diffus und dumm – überwältigend, herabwerfend, katastrophal!
Denn das ist menschlich.“
Es ist allerdings auch schwach von der Jury, sich nicht weiter zum Thema zu äußern, sondern nun die Debatte den Institutionen und dem Feuilleton zu überlassen. Aber wahrscheinlich bedurfte hat es dieses Ausrufezeichens, um die Debatte überhaupt erst anzustoßen.
Es ist wahrscheinlich richtig dämlich, den Streit um junge Dramatik in Deutschland vom Zaun zu brechen, wenn man sich Gäste aus Israel dazu eingeladen hat, die damit überhaupt nichts zu tun haben und das auch nicht verstehen können. Da ist sicher viel Schaden angerichtet worden. Aber es ist nie die richtige Zeit für bestimmte Debatten und man muss jetzt versuchen, das sauber zu trennen, um die sprichwörtliche Kirche/Synagoge/Moschee im Dorf zu lassen. Der Antisemitismusvorwurf ist schnell gemacht, aber danach ist es kaum noch möglich, eine sachliche Debatte zu führen.

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Die Musendrossel oder eine Schwalbe macht noch keinen Frühling.

Flieg Drossel flieg,
Dein Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Musenland,
Musenland ist abgebrannt.
Flieg Drossel flieg.

Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar im Land der großen Sänger veranstalteten, wie in jedem Jahr, einen großen Wettstreit und sie lobten ein fetten Wurm als Preis aus, für denjenigen, der den schönsten Gesang unter den hiesigen Vögeln hätte.

Zu Richtern erkoren sich die Vögel die in Kunstdingen erfahrene Musendrossel, den Einfarbgimpel von hinter dem Berg, der dort auch schon einen Sängerwettstreit abgehalten hatte und den Rüpellgirlitz, der sich als großer Sänger bereits im letzten Jahr hervorgetan hatte.

Und so kamen sie denn, die Edelfinken aus den großen Städten, die Einsiedlerdrossel aus der fernen Provinz, Zwergdrossel, Singdrossel, Ringdrossel, selbst die Klippenschwalbe vom Meer kam und ein kleiner seltener Schlichtstar hüpfte ganz schüchtern und aufgeregt auf und ab, ob er wohl die Gnade in den Augen der Richter erlangen können würde.

So standen sie nun alle vor dem hochheiligen Gerichte und putzten sich noch einmal von der Brust bis zum Bürzel, blähten die kleinen Lungen und sangen so schön von Freud und Herzeleid, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, das es die Luft nur so erfüllte.

Von weit her kam die Rotmeerschwalbe, ein recht ein kryptischer Vogel, gleich einem Fabelwesen, welches hier zu Lande noch niemand gesehen hatte und erhob einen Gesang, den keiner verstehen und in seiner Fremdheit ertragen konnte. Da die Musendrossel so etwas nicht gelten lassen wollte, musste die Rotmeerschwalbe unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Auch die anderen Sänger fanden keine Gnade in ihren Augen und Ohren und so ward ein langes Harren ob der Entscheidung, wer denn wohl am besten gesungen hätte, die einfach nicht fallen wollte.

Aber wie sich nun die Musendrossel, der Einfarbgimpel und der Rüpellgirlitz nicht einigen konnten wer den fetten Wurm bekommen sollte und diesen vor lauter Wut darüber, in lauter kleine Teile zerrissen, in den Rinnstein warfen, erhob sich ein Geschrei der anderen Vögel und die Aasgeier kreisten gleich den Erinnyen über den Himmel und gaben alle Schuld über den zerrissenen Wurm der Musendrossel.

Erschauernd darüber verstummte die Musendrossel und der kleine Rüpellgirlitz hielt einen wundersamen Vortrag über die Liebe zum Gesang, den wiederum niemand verstand und darob auch keinen Beifall zollen wollte.

Wie nun das Geschrei nicht verebbte und der Musendrossel schon ganz schwindelig war und ihr die kleinen Ohren wehtaten, hob sie zum großen Klagegesang an. All ihren Unmut über die ihr zu Teil werdende Schmach legte sie darein. Über die Unfähigkeit der kleinen Sänger und die schlechte Behandlung ihrer erlauchten Person, beklagte sie sich zu tiefst.

Und so erhoben sich nun alle Vögel zu einer großen Nänie.

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

Und es ward Stille hin fort im Land der großen Sänger.

(Unter Verwendung von Friedrich Schillers Gedicht Nänie von 1799)

PS: Die Drossel wird mit den Beeren gefangen, die sie gesäet. (Sprichwort)

Stefan , 25. Mai 2010