Archive for the ‘Heiner Müller’ Category

Von Kleist`scher Melancholie über ein Heiner-Müller-Oratorium bis zur schrägen Molière-Freakshow – Einige Abschiede an Berliner Theatern (Teil 4)

Freitag, März 17th, 2017

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Ohne großes Getöse und recht melancholisch verabschiedet sich der scheidende Intendant Claus Peymann mit Kleists Drama Prinz Friedrich von Homburg vom Berliner Ensemble

Prinz Friedrich von Homburg am Berliner Ensemble
Foto (c) Monika Rittershaus

In einigen Theatern der Stadt Berlin stehen in diesem Jahr die Zeichen auf Abschied. Zwei Intendanten müssen ihren Platz räumen. Aber während Frank Castorf an der Volksbühne nur die Theaterkantine wechseln wird und Chris Dercon die verrauchten Wände ein wenig neu streicht, gibt es am Berliner Ensemble einen echten Generationswechsel. Der alte Theaterpatriarch Claus Peymann übergibt den Intendantenstab an Oliver Reese aus Frankfurt, ehemals Chefdramaturg am DT und bestens in Berlin vernetzt. Der hat sich bereits die Mitarbeit zweier bekannter Regisseure gesichert. So kommt es, dass man Frank Castorf und Michael Thalheimer, der von der Schaubühne an den Schiffbauerdamm wechselt, schon sehr bald wiedersehen wird. Aber dazu später.

Währen Frank Castorf es an der Volksbühne mit den Stones oder Iggy Pop oft krachen lässt, liebt man es am Berliner Ensemble etwas softer. Hier säuselte schon Cat Stevens in Leander Haußmanns letzter BE-Inszenierung Die Räuber von Father and Son. Nun hört man ihn bei Peymann am Ende „If you want to sing out, sing out / and if you want to be free, be free” röhren. Dazu steigt Sambrin Tambrea, Peymanns wohl größte Schauspielerentdeckung in seiner Zeit am BE, auf ein schräg durch den Zuschauersaal gespannte Seil, das er bereits zum Anfang des Abends erklettert hatte. Er spielt die Hauptrolle in Heinrich von Kleists 1809/1810 geschriebenem Drama Prinz Friedrich von Homburg. Das letzte aus der Feder von Kleist, der sich bekanntlich 1811 am Kleinen Wannsee das Leben nahm. Entgegen der preußischen Glorifizierung des Helden durch den Autor lässt Claus Peymann seinen Prinzen am Ende nach Kanonendonnergrollen tot in den Seilen hängen. Der jugendliche Traum-Seiltänzer vom Anfang fällt in einer Vorschau auf künftige Schlachten seinem Gehorsam, später auch treffend Kadavergehorsam genannt, zum Opfer. Selbst aus dem Mund der vom Prinzen geliebten Prinzessin Natalie von Oranien, Nichte des Kurfürsten von Brandenburg, lässt Peymann Blut fließen.

Zwischen traumwandlerischem Beginn und fulminantem Ende stehen allerdings zähe zwei Stunden mit einem vollkommen entschleunigten Theater, wie man es selbst von Claus Peymann nicht erwartet hätte. Im Grunde gibt er sich mit seiner erstaunlich pazifistischen Schlussdeutung zufrieden. Der patriotische Ruf: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“ erschallt schon zu des Prinzen übermütigem Alleingang mit seinem Reiterregiment in der Schlacht von Fehrbellin gegen das schwedische Heer. Auf der kargen, in tiefes Schwarz getauchten Bühnenschräge von Achim Freyer, auf der auch mal kurz Fahnen geschwenkt werden, stehen die Schauspieler zumeist in Haufen. Allzu viel Bewegung ist nicht. Lange Blacks trennen die eh schon recht schwach ausgeleuchteten Szenen voneinander.

 

Prinz Friedrich von Homburg am Berliner Ensemble
Foto (c) Monika Rittershaus

 

Viel Raum gibt Peymann nur seinem Prinzen, der alle Gefühlslagen von nachdenklich verträumt bis jugendlich forsch, von verzweifelt um seine Leben flehend bis zur Einsicht in die Notwendigkeit seiner Verurteilung aus Staatsraison auskosten darf. Roman Kaminski als Kurfürst gibt den fast väterlichen Zuchtmeister mit Hang zu Gehorsam und Gesetz, Antonia Bill als dessen Nichte Natalie die Pragmatische mit Durchblick, die die Stimmungsschwankungen des Prinzen zu ordnen versucht. Und Carmen-Maja Antoni hat als Obrist Kottwitz mit angeklebtem Zwirbelbart und Zopf ein paar knarzig-schöne Auftritte als alter preußischer Samurai-Verschnitt. Ansonsten viel Deklamation und Krampf.

Nun könnte man einiges über mögliche Altersweisheit, -milde oder Weitsicht sagen, man muss letztendlich aber konstatieren, dass sich Claus Peymann in seinem letzten Aufbäumen als Regisseur am Berliner Ensemble hier weit unter Format schlägt. Ein zu tiefst melancholischer Abgang, der dem sich einstmals selbst als „Reißzahn im Regierungsviertel“ Postulierten endgültig die Schärfe nimmt. Wer Claus Peymann nochmal sehen will, muss nun nach Wien oder nach Stuttgart fahren, wo Armin Petras, der dann selbst in seiner letzten Spielzeit als Schauspieldirektor fungiert, den ehemaligen Intendanten Peymann eingeladen hat, Shakespeares König Lear zu inszenieren. Ein wahrhaft würdiger Abschluss, den man sich eigentlich schon für den Abschied vom Berliner Ensemble gewünscht hätte.

Das Homburg-Ensemble beim Schlussapplaus. Foto: St. B.

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PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG
Ein Schauspiel von Heinrich von Kleist
Inszenierung: Claus Peymann
Bühne und Kostüme: Achim Freyer
Dramaturgie: Jutta Ferbers, Sarah Thielen
Mitarbeit Bühne und Kostüme: Petra Weikert, Wicke Naujoks
Mit: Roman Kaminski (Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg), Swetlana Schönfeld (Die Kurfürstin), Antonia Bill (Prinzessin Natalie von Oranien, seine Nichte, Chef eines Dragonerregiments), Veit Schubert (Feldmarschall Dörfling), Sabin Tambrea (Prinz Friedrich Arthur von Homburg, Genereal der Reiterei), Carmen-Maja Antoni (Obrist Kottwitz, vom Regiment der Prinzessin von Oranien), Fabian Stromberger (Hennings, Oberst der Infanterie / Ein Soldat), Carl Bruchhäuser (Graf Truchß, Oberst der Infanterie), Matthias Mosbach (Graf Hohenzollern, von der Suite des Kurfürsten), Boris Jacoby (Rittmeister von der Golz), Luca Schaub (Graf Reuß, Rittmeister), Anatol Käbisch (Prittwitz, ein Diener / Ein Offizier)
Premiere war am 10.02.2017 im Berliner Ensemble
Dauer: ca. 2h 10 Min (ohne Pause)
Termine: 23., 30.03 / 01., 13.04. / 01.05.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

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Mit Heiner Müller und HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE. trägt Philip Tiedemann auf der Probebühne des Berliner Ensembles die Intendanz von Claus Peymann zu Grabe

HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE in der Probebühne des BE
Foto (c) Marcus Lieberenz

„Mein Blick aus dem Fenster fällt / Auf den Mercedesstern / Der sich im Nachthimmel dreht melancholisch…“ heißt es in Ajax zum Beispiel, einem Langgedicht des deutsche Dramatikers Heiner Müller, das er ein Jahr vor seinem Tod bei der Arbeit an seinem letzten Stück GERMANIA 3. GESPENSTER AM TOTEN MANN geschrieben hat. Die Uraufführung 1996 hat Müller nicht mehr erlebt. Im Stück treten sie alle noch einmal auf, die teuren untoten Geister der deutschen Geschichte wie Rosa Luxemburg, Ernst Thälmann oder Walter Ulbricht. Der Horizont reicht von den Nibelungen über Stalingrad bis an die Berliner Mauer, das „Mausoleum des deutschen Sozialismus“. Das Mausoleum der guten deutschen Schauspielkunst scheint momentan für viele am Schiffbauerdamm zu stehen. Man ist am Berliner Ensemble ganz auf Abschied eingestellt. Melancholisch dreht sich auch das BE-Zeichen über dem Haus, das Claus Peymann zum Ende der Spielzeit abgeben wird und das auch Heiner Müller von 1992 bis zu seinem Tod 1995 mit einem Intendantenteam leitete.

Das sind dann auch schon die wesentlichsten Gemeinsamkeiten zwischen Berliner Ensemble und Heiner Müller, von dem in der Intendanz Claus Peymanns eher selten die Rede war. Ganze fünf Mal schaffte es hier eine Inszenierung Müllers auf die Bühne. Im Januar 2014 gab es noch ein Fest zu Heiner Müllers 85. Geburtstag. DER SPUK IST NICHT VORBEI, so dachte man da noch optimistisch. Nach Bildbeschreibung (2001) und VORSICHT OPTIMIST! (2005) versucht sich nun zum dritten und letzten Mal Regisseur Philip Tiedemann an den Texten des sperrigen Dichters und Dramatikers. Der Titel des Abends lautet passend HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE.

Auch hier kreiselt als Reminiszenz ans Haus und den toten Dichter ein rundes Logo mit der Inschrift „HERZSTÜCK“ über der kleinen Probebühne. Philip Tiedemann leistet ein gutes Stück sentimental-melancholische Aufräumarbeit am Hause Brechts, Müllers und nun auch des scheidenden Peymanns. Und das geht dann wohl auch besser mit der passenden Musik, dachte sich die Regie und kleidet die Texte Müllers, allen voran das Minidramolett HERZSTÜCK, das Müller 1981 für ein Theaterfest an Peymanns Bochumer Bühne geschrieben hatte, in den samtenen Schmelz einer melancholischen Marching Band mit viel Tuba, die auch den Blues beherrscht, oder zum Trompetensolo bläst.

 

HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE in der Probebühne des BE
Foto (c) Marcus Lieberenz

 

Welche Musik passt zu Heiner Müller, fragt man sich zu Beginn des Abends. Diese hier zum größten Teil wohl eher nicht, weiß man an seinem Ende. Ein großes Missverständnis, sieht man mal vom inneren Beat der Texte Müllers ab, die ihren Rhythmus meist stakkatohaft entfalten. Sie sind scharfe didaktische Herzschläge, wie das Metronom auf der Bühne sie zu Beginn auch vorgibt. Wir sehen zunächst geblendet im vernebelten Gegenlicht die Schatten der Live-Band. In Trenchcoats gehüllt baut das Ensemble den Müller-Parcours aus Tischen und Stühlen auf rotem Tuch auf. Es schwingt viel Wehmut und Tod mit, was nicht immer den Sinn der von Regisseur Tiedemann zusammengetragenen Gedichte und Kurztexte Müllers trifft. Das Können des Ensembles muss da vieles wettmachen.

Von Theatertod ist die Rede, viel Träumerisches erklingt und der Engel der Verzweiflung schaut vorbei. Ansonsten gibt es auch viel dramatischen Leerlauf. Ein wenig ironisch-makaber wird es beim Tafeln mit ICH HATT EINEN KAMERADEN, und der Streit Friedrichs des Großen mit seinem Müller ist eine zirzensische Clownerie am Trapez. Zwei deutsche Klassiker im Disput über Kunst und Politik als BRANDENBURGISCHES KONZERT. Das hat durchaus Witz. Wie ein Hit der Neuen Deutschen Welle präsentiert sich, dem Dichter noch am nächsten, ein dadaistischer Todesmarsch. „Arbeiten und nicht verzweifeln“ bleibt aber das sich mantraartig wiederholende Motto des Abends.

„Darf ich Ihnen mein Herz zu Füßen legen?“ heißt es hier ebenfalls mehrfach. Mal als Chanson, Opernarie, oder als clownesker, pantomimischer Stummfilm zum Klavier vorgetragen. „Ihr Herz ist ein Ziegelstein.“ stellt der angebetete Klaviervirtuose fest. „Aber es schlägt nur für Sie!“ haucht der ergebene Fan zurück. Eine Anbetung des Dichters ist dieser Abend von Philip Tiedemann sicher nicht. Dennoch machen der Regisseur und sein Kurzschluss zum bevorstehenden Ende von Peymanns BE ein unfreiwilliges Oratorium mit finalem Schlafliedgesang nach Brecht daraus. Ein Scheitern, das wiederum ganz gut zu Müllers Zeiten am BE und dem Reißzahngehabe Peymanns nach ihm passt.

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HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE (BE, 24.02.2017)
von Heiner Müller
Regie: Philip Tiedemann
Bühne: Moritz Nitsche
Kostüme: Margit Koppendorfer
Musikalische Leitung: Martin Klingeberg
Dramaturgie: Dietmar Böck
Licht: Benjamin Schwigon
Mit: Claudia Burckhardt, Anke Engelsmann, Raphael Dwinger, Winfried Peter Goos, Uli Pleßmann, Martin Schneider, Jörg Thieme, Georgios Tsivanoglou
und David Hagen (Susaphon, Kontrabass)
Martin Klingeberg (Trompete, Tenorhorn)
Peer Neumann (Klavier, Percussion)
Timofey Sattarov (Akkordeon)
Premiere war am 14.02.2017 auf der Probebühne des Berliner Ensembles
Dauer: ca. 1h 30 Min (ohne Pause)
Termine: 23.03. / 13.04.2017

Info: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 26.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Ach! und weh! Mord! Zeter! Jammer! Ach vergeh! – Michael Thalheimer inszeniert in der Berliner Schaubühne Molières Der eingebildete Kranke als groteske Horrorfarce

Der eingebildete Kranke an der Schaubühne – Foto (c) Katrin Ribbe

Humor ist wenn man trotzdem lacht! Der deutsche Lyriker und Schriftsteller Otto Julius Bierbaum kannte da noch nicht den ganz speziellen Humor von Regisseur Michael Thalheimer, der für seinen Abschied von der Schaubühne mit der Komödie Der eingebildete Kranke nach dem Tartuffe Ende 2013 seinen zweiten Molière inszeniert hat. Thalheimer hält es hier eher mit Andreas Gryphius und seinem Ander Buch, in dem der sprachgewaltige deutsche Barockdichter das Leiden und die Gebrechlichkeit des Lebens und der Welt zelebrierte. Das Studium der Philosophie bei René Descartes und die Faszination bei der Durchführung von öffentlichen Sektionen an Mumien im Theatrum Anatomicum an der Universität Leiden inspirierten ihn zu seinen klagenden Sonetten über die menschliche Eitelkeit und Vergänglichkeit.

Wie Molière verfasst der eigentliche Pessimist Gryphius neben einigen Trauerspielen auch ein paar Lustspiele und erlag ähnlich dem französischen Komödiendichter mit nur 48 Jahren an einem Schlaganfall. Das barocke Zeitalter war nicht nur eine Ära großer europäischer Künstler, sondern auch für Kriege und Krankheiten, und damit ebenso eine Hochzeit für medizinische Quacksalber aller Couleur, denen sich die von ihren Leiden Gepeinigten auf Gedeih und Verderb ausliefern mussten. Das Programmheft bietet hier eine amüsante Abhandlung über den Leibarzt des französischen Sonnenkönigs, der in seiner Amtszeit einiges an medizinischen Martern über sich hatte ergehen lassen müssen.

„Ach! und Weh! / Mord! Zeter! Jammer! Angst! Kreuz! Marter! Würme! Plagen. / Pech! Folter! Henker! Flamm! Stank! Geister! Kälte! Zagen! / Ach vergeh!“ hebt Peter Moltzen als Molières Eingebildeter Kranker Argan dann auch zu Beginn zum Klagegesang aus Gryphius‘ Gedicht Die Hölle an, bevor er aus den Arztrechnungen für seine täglichen Anwendungen aus verschiedensten Pillen, Tränken und Einläufen deklamiert und hernach sein weiß gefliestes Krankenzimmer mit allerlei Kunstblut und Körpersäften besudelt, nebst frischem Stuhlgang in einer Windel, die seine impertinente Dienerin Toinette (Regine Zimmermann) wie eine Trophäe schwenkt. Ein irrwitziger Schlagabtausch der Sondergüte in einem von Olaf Altmann gebauten Kastenverließ, in dem Argan in einem Rollstuhl vegetiert und mit ihm hin und wieder wie das Pendel einer großes Lebensuhr schwingt. Sakral dazu die Orgelmusik von Bert Wrede.

Der eingebildete Kranke an der Schaubühne
Foto (c) Katrin Ribbe

 

Thalheimer vereint den barocken Komödiendichter Molière mit dem Metaphysiker des barocken Memento mori Gryphius, die lächerliche Wehleidigkeit der Titelfigur mit einer gewissen Lust am Leiden und das Wissen um die Vergänglichkeit mit der Angst vor dem Tod. Zumindest pseudobarock ist auch die Kostümierung (Michaela Barth) des Ensembles, das sich nacheinander in den beengten Fliesenkasten zwängt, was immer wieder Anlass für Slapstick bietet. Allein der Humor wirkt dabei etwas makaber bis grotesk albern. So etwa beim Auftritt des Doktor Diafoirus (Ulrich Hoppe) mit seinem grenzdebil stotternden Sohn Thomas (Renato Schuch), den Argan als Freier für seine Tochter Angélique (Alina Stiegler) auserkoren hat, um medizinisch bestens versorgt zu sein. Was dem jungen Mann an Geist fehlt, macht er durch sein riesiges Gemächt wett. Da kann der Musiklehrer und eigentliche Geliebte Angéliques Cléante (Felix Römer) mit seiner ärmlichen Kunstperformance kaum mithalten.

Trotz Streichungen im Text spult Thalheimer die Komödie so einigermaßen erkennbar ab. Schön hintertrieben, fast schon gruselig böse wirkt Jule Böwe als Ehefrau und Stiefmutter Béline, die nur auf den Tod ihres Mannes Argan wartet. Wie ein hilfloser Käfer liegt dieser auf dem Rücken, wenn er sich auf Anraten Toinettes und seines Bruders Béralde (Kay Bartholomäus Schulze) tot stellt, um seine geldgierige Frau zu entlarven. KB Schulze tritt hier als völlig in Binden gewickelte Mumie auf, die röchelnd und blutend von Gesabbel der Medizin spricht. Thalheimer treibt die Komödie um die Angst vor dem Tod ins übertrieben Lächerliche. Argan ist ein alter, geiler Bock, der sich gern von einer Domina-Krankenschwester quälen lässt und bei der Familie den Autoritären herauskehrt.

Das ist allerdings weder zum Niederknien komisch noch „Zum Totlachen“, wie es noch vor 5 Jahren bei der Molière-Inszenierung von Martin Wuttke an der Volksbühne über dem Bühnenportal stand. Auch Wuttke hatte sich in übertriebener Manier kreischend und winselnd ans Leben gehängt, während das Hausmädchen Toinette düster Antonin Artaud deklamierte. Hier ist es eben Gryphius‘ Weltuntergangsschmerz. Ein großes Theater ums Leben und Sterben wird das allerdings auch nicht. Quälend lang mit dem Kopf an die Wände seines Fliesengefängnisses rennend verabschiedet sich Argan aus der Welt in den erlösenden Tod.

 

Schlussapplaus für den eingebildeten Kranken an der Schaubühne
Foto: St. B.

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Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals, dass Michael Thalheimer nach dieser matten Molière-Komödie zu Oliver Reese, dem Nachfolger des ebenso ermatteten Claus Peymann, ans Berliner Ensemble wechselt. Vielleicht vitalisiert ihn ja die Aussicht dort auf den nimmermüden Frank Castorf zu treffen. Schon Ende März kann Thalheimer am Deutschen Schauspielhaus Hamburg zeigen, ob er in Kleists Lustspiel Der zerbrochene Krug mehr Potential zur Komödie oder zur Tragödie sieht.

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DER EINGEBILDETE KRANKE
von Molière
Deutsch von Hans Weigel
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Michaela Barth
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Norman Plathe
Darsteller:
Argan: Peter Moltzen
Béline: Jule Böwe
Angélique: Alina Stiegler
Louison: Iris Becher
Béralde: Kay Bartholomäus Schulze
Cléante: Felix Römer
Doktor Diafoirus: Ulrich Hoppe
Thomas Diafoirus: Renato Schuch
Toinette: Regine Zimmermann
Premiere war am 18.01.2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: ca. 105 Minuten
Termine: 16.-19.04.2017

Infos: http://www.schaubuehne.de/de

Theaterabschiede Teil 1: Christoph Marthaler an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

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Der Auftrag und Der Horatier – Zweimal Heiner Müller in Berlin

Freitag, Dezember 16th, 2016

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Der Auftrag – Mirko Borscht inszeniert am Maxim Gorki Theater Heiner Müllers Erinnerung an eine Revolution als fernen Krieg der Welten

Die Knotenpunkte des politischen Koordinatensystems an Berliner Theatern heißen in diesem Herbst Bertolt Brecht, Peter Weiss und Heiner Müller. Mit mehr oder minder großem Erfolg versuchte man sich z.B. mit Brecht und Weiss im HAU und DT an der Wiederbelebung von deutscher Geschichts- und Revolutionsdramatik. Das Maxim Gorki Theater zieht nun mit Heiner Müller nach. Mirko Borscht inszeniert Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution. Das ist einerseits immer ein Blick zurück in die Vergangenheit, anderseits aber auch einer nach vorn in die Gegenwart und Zukunft. So heißt es in Brechts Fatzer: „Wie früher Geister kamen aus Vergangenheit / So jetzt aus Zukunft ebenso.“ (Müller erarbeitete bekanntlich eine Fassung des Fragments). Man kann sie als Wiedergänger vergangener Kämpfe betrachten wie auch als düstere Boten aus der Zukunft, in der der Mensch dem „Krieg der Landschaften“ gewichen ist. Müller beschreibt das Warten auf die Revolution als Zeitschleife, eine Wiederkehr des immer Gleichen, allerdings unter anderen Umständen. Die Differenz dient „der Sprengung des Kontinuums“. Zumindest das scheint Mirko Borscht verstanden zu haben.

der-auftrag_gorki_foto-c-esra-rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Ansonsten verortet der Regisseur Müllers Figuren mal wieder konsequent in der Zukunft oder einem imaginären Transitraum im Nirgendwo, der hier wie eine Business-Lounge einer Abflughalle aussieht – mit einem futuristischen Aufzug in der Mitte, über dessen Schiebetür der Maschinenmensch aus Fritz Langs Metropolis flimmert. Borscht zitiert hier vermutlich unbeabsichtigt ein Thema der musikalischen Lecture-Performance Müller in Metropolis, die andcompany&Co Anfang des Jahres anlässlich des Heiner-Müller-Festivals im HAU aufgeführt hatten. „As a sleeper in Metropolis / You are insignificance” singt da Anne Clark. Müller als kühler Kybernetiker einer Zukunftsvision, in der der Mensch sich von der Bedeutung seiner Geschichte befreit. Im Gorki wird aber eher auf die Trennung der Gesellschaft in oben und unten abgezielt. Das alte Thema von Sklave und Herr.

Müller Stück spielt das diskursiv durch. Im Auftrag des jakobinischen Konvents der Französischen Revolution landen Debuisson, Sohn eines Großgrundbesitzers, der bretonische Bauer Galloudec und der schwarze Sklave Sasportas auf Jamaika, um einen Sklavenaufstand gegen die Briten im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu organisieren. Der Westimport einer Revolution, die noch vor der Ankunft der drei Emissäre in Port Royal durch einen Staatsstreich des Generals Napoleon beendet wurde. Debuisson wechselt die Seiten, während Sasportas gehängt wird und Galloudec in Gefangenschaft stirbt. Der Auftrag scheint obsolet und wird von Galloudec in einem Brief an den Absender zurückgegeben. Heute importiert der Westen immer noch gern Freiheit und Demokratie, während Gleichheit und Brüderlichkeit weiterhin nicht besonders hoch im Kurs stehen.

Nachdem zu Beginn schon die Briefzeilen Galloudecs das Ende wie aus einem fernen Lautsprecher vorwegnehmen, wird die Exposition des Stücks nochmal szenische durchgespielt. Widerwillig nimmt Susanne Meyer als Bürger Antoine in graublauem Anzug den besagten Brief vom syrischen Schauspieler Ayham Majid Agha entgegen. Ein Zeichen, dass auch an anderen Ecken der Welt heute Revolutionen am Desinteresse Europas scheitern. Ansonsten sitzt er nur leidend am Rand. Daneben holt Till Wonka als Debuisson die Leichen von Galloudec (Aram Tafreshian) und Sasportas (Falilou Seck) aus dem Fahrstuhl und wäscht sie. Der bürgerliche Intellektuelle in Abwartehaltung frischt alte Erinnerungen auf, bis diese beginnen ihm an die Wäsche zu gehen.

Das ist hier v.a. ein Spiel mit der „Maske der Revolution“, die Debuisson für seinen Auftrag gar nicht braucht. Er spielt sich selbst, während im „Theater der weißen Revolution“ Galloudec und Sasportas laut Büchners Danton persiflierend mit ihren Pappköpfen aneinandergeraten. Der Herr und Ausbeuter bleibt nach zweifachem Verrat was er ist. Weiß ist die Farbe der Regression. Der Griff nach dem Fleischtopf, wie Sasportas abschätzig bemerkt, ist seine Revolution. Debuisson sinkt in die Arme seiner alten Liebe (Cynthia Micas) und erteilt den anderen eine zynische Absage. Sasportas Maske ist dagegen seine schwarze Haut, die er nicht abstreifen kann. Seine Heimat bleibt der Aufstand. Nur kann er sich mit dem anderen Abgehängten, dem Bauern Galloudec, nicht über das Wie verständigen.

Die Kapitalismuskritik ist dem Stück sozusagen eingeschrieben als einem Kampf der „Neger aller Rassen“ (hier obsiegt Müller über die sonst auf Political Correctness achtende Textfassung des Gorki-Teams), was dem global operierenden Kapital eine neue, global denkende Solidarität entgegensetzen soll. Das ist gerade heute im Angesicht erstarkender rechtsnationaler Kräfte dringend geboten, wenn auch nur schwer vermittelbar. Die rebellischen Puppen werden wieder eingemottet. Dazu singt die Musikerin Romy Camerun „People lust for fame like athletes in a game“ aus Nina Simons Stars und andere Jazzklassiker zur eigenen Klavierbegleitung. Leider hebt dabei die ansonsten eher flügellahme Bodencrew nicht wirklich ab. Auch im recht eintönig im Müller-Stil von Ruth Reinecke vorgetragenen Subtext Der Mann im Fahrstuhl als Angstraum des postkolonialen weißen Mannes ist die globale Dimension des Stücks nur rein textlich fassbar. Der Engel der Verzweiflung ist ganz gestrichen.

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In dieser recht braven Müller-Inszenierung vermittelt Till Wonkas Debuisson zum Ende hin an der Rampe nochmals seine „Angst vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein.“ Das verdeutlicht natürlich die Haltung des westlichen Bildungsbürgers als Bankrotteur, der sich selbst aus dem Auftrag entlassen hat. Damit legt Borscht aber nur kurz den Finger in die Wunde. Wie bankrott sind heute Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wirklich bzw. worin könnte noch so etwas wie ein Auftrag bestehen? Und was hindert uns daran ihn anzunehmen? Zum Thema globale Solidarität weiß die Inszenierung keine Antwort und zementiert damit den Status Quo. Und das, obwohl z.B. der französische Soziologe Didier Eribon mit seinen Thesen über die Rolle der linken Intellektuellen und das Verschwinden der Arbeiterklasse gerade in der öffentlichen Debatte steht. Für das sich so international gebende Gorki Theater ist das eher ein Armutszeugnis.

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Der Auftrag
Erinnerung an eine Revolution
Von Heiner Müller
Regie: Mirko Borscht
Bühnenbild: Christian Beck
Kostüme: Elke von Sivers
Musik: Romy Camerun
Video: Hannes Hesse
Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit: Ayham Majid Agha, Romy Camerun, Susanne Meyer, Cynthia Micas, Ruth Reinecke, Falilou Seck, Aram Tafreshian, Till Wonka
Premiere war am 10.12.2016 im Maxim Gorki Theater
Termine: 07. und 09.01.2017

Infos: http://gorki.de/de/der-auftrag

Zuerst erschienen am 12.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Spiel mit der „unreinen Wahrheit“ – Die Agentur für Anerkennung versucht mit Heiner-Müllers Horatier-Text eine Selbstbefragung im Theater unterm Dach

Der Horatier im Theater unterm Dach - Foto (c) Kamil Rohde

Der Horatier im Theater unterm Dach
Foto (c) Kamil Rohde

Der Horatier, 1968 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings entstanden, gehört zu den Mythen-Stücken Heiner Müllers. Der Dramatiker greift in diesem relativ kurzen Versepos die antike Legende des römischen Patriziergeschlechts der Horatier auf und wandelt sie lehrstückhaft ab. Im Streit der Städte Rom und Alba um die Führung im Krieg gegen die Etrusker kommt es zu einem Entscheidungskampf, der zwischen zwei ausgelosten Vertretern der beiden Städte entschieden werden soll. Ein Horatier aus Rom kämpft gegen einen aus der Familie der Kuriatier aus Alba und tötet den bereits Verwundeten, obwohl dieser angibt, mit der Schwester des Horatiers verlobt zu sein. Beim triumphalen Einzug des Siegers in Rom tritt ihm seine Schwester entgegen und trauert um ihren toten Verlobten. Aus Zorn über ihre vermeintliche Untreue gegen Rom tötet sie der Horatier. Der Held wird zum Mörder „ohne Notwendigkeit“. Es werden hier im Grunde zwei Themen durchgespielt. Was wiegt schweren: Der Verdienst oder die Schuld? Ein vor allem moralisches Dilemma. Um dies zu entscheiden, wird das zunächst dem Helden zujubelnde, im Kampf gegen den Feind geeinte Volk Roms aufgefordert, mit „einer Stimme“ zu sprechen. Müllers Ziel ist nicht nur die kollektive Rechtssprechung durch das Volk, sondern auch die Anerkennung der „unreinen Wahrheit“, das Kenntlichmachen der Dinge und ihrer Widersprüche. Schuld und Verdienst sind gleich zu benennen.

Die Agentur für Anerkennung führt das in einer Art Spiel auf. Die einzelnen Ensemblemitglieder müssen zum Thema eigene Geschichten vortragen, wobei die anderen über den jeweiligen Verdienst oder die Schuld des Erzählenden entscheiden müssen. Belohnt wird mit einem Luftballon, abgestraft mit dem Zusammenkleben von Armen oder Beinen mit Paketband. Da gibt es ganz banale Berichte, etwa aus der Kindheit von Homa Faghiri, die dem großen Bruder mal eins ausgewischt hatte, oder von Fabian Neupert, der einmal einen Schwarm Fruchtfliegen mit dem Staubsauger beseitigte. Katharina Merschel musste, um zu den Proben von Brüssel nach Berlin zu gelangen, den Flieger nehmen, was schlecht für ihr CO²-Charma ist. Schon schwieriger wird es, wenn Darinka Ezeta davon erzählt, wie sie ihren gewalttätigen Vater gegen eine Glastür rennen ließ, oder dass Ayham Hisnawi für die geplante Flucht als Bootsführer nach Europa die Familie in Syrien zurücklassen musste.

 

 

Der Horatier im Theater unterm Dach - Foto (c) Kamil Rohde

Der Horatier im Theater unterm Dach – Foto (c) Kamil Rohde

 

So reflektiert man in kurzen Stücksequenzen, die mit „Text“, „Handlung“, „Verdienst oder Schuld“ und „Zukunft“ überschrieben sind, das eigene Verhalten anhand von Erlebnissen oder berichtet aus dem Probenprozess und prüft dabei Müllers Stück auf seine heutige Tragweite. Dass dabei nicht nur dröge Textexegese herauskommt, dafür sorgen ein schnell wechselnder Spielablauf und immer wieder die Hinterfragung bestimmten Thesen, die sich für das Ensemble bei der Beschäftigung mit dem Stoff ergaben. Neben Selbstbefragungen wie etwa wen man heute für eine Idee opfern würde oder welche Ideale man selbst schon verraten hat, stehen Fragen, wie das Volk den Mächtigen vertrauen oder sich vor ihnen schützen kann? Wer ist überhaupt das Volk, was macht es gewalttätig, und gibt es überhaupt einen Staat, der nicht auf Gewalt gründet? Um all diese Fragen kreist die Inszenierung beständig, bevor auch Heiner Müllers Stück auch noch in Gänze zur Aufführung kommt.

Und hier bleibt dann das Ensemble chorisch mit einer Stimme werktreu am pathetischen Verstext Müllers, kämpft mit Stöcken, ehrt den Helden und straft den Mörder anhand von starren Puppen, denen man den Lorbeerkranz aufsetzen oder die Glieder ausreißen kann und deren Luftballonköpfe mit blutrotem Flitter platzen. Mutet einem dieses Gleichnis aus archaischen Mythen und kraftstrotzenden Worten auch heute etwas fremd an, so kann man doch deren Wirkung auf die Massen in Zeiten populistischer Volksversprechungen gut nachvollziehen. Ein Lehrstück auf Ideologien und falsch verstandenen Nationalstolz, das im Schlussteil seine Warnung vor der Mythenbildung durch das bewusste Verschweigen von Anteilen der Schuld oder des Vierdienstes eines Menschen offenbart. Ist der Mensch auch unteilbar, so trägt er stets auch Widersprüche in sich. Berichtet Müllers Stück, das laut Ensemble keine Gnade kennt, auch nicht von einer greifbaren heutigen Utopie, so ist es dann vielleicht doch die, das der Mensch in seiner Fehlbarkeit ein ewiges und einziges Projekt bleibt.

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DER HORATIER (Theater unterm Dach, 24.11.2016)
von Heiner Müller
Konzept: Agentur für Anerkennung
Regie: Reto Kamberger
Ausstattung und Dramaturgie: Ute Lindenbeck
Chor: Anna Dieterich
Mit: Darinka Ezeta, Homa Faghiri, Ayham Hisnawi, Katharina Merschel und Fabian Neupert
Premiere war am 24. November 2016.
Weitere Termine: 17., 18. 12. 2016 // 14., 15. 1. 2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.theateruntermdach-berlin.de

Infos: www.anerkennungen.net

Zuerst erschienen am 25.11. 2016 auf Kultura-Extra

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Heu im HAU – Das Berlienr Hebbel am Ufer richet dem Dichter und Dramatiker Heiner Müller ein Festival aus

Dienstag, März 8th, 2016

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„Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts.“ Heiner Müller (1982)

Heiner Müller!_Plakat HAUHeiner Müller (1929-1995) war nicht nur ein bedeutender deutscher Dichter und Dramatiker, sondern auch eine begnadete Zitatmaschine. Mit vielen seiner überlieferten Sätze ließe sich heute gut leitartikeln. So sprach Müller bereits kurz nach dem Fall der Mauer von „neuen Mauern“. In seiner Rede zur Verleihung des Kleistpreises 1990 bezeichnete er Deutschland als ortlos und „Erdbebenzone (…) auf dem Riss zwischen West- und Ostrom“. Der neue Limes hat sich heute von der Elbe weiter nach Osten und Süden verschoben, an die Grenzen Europas. Die Dramen Heiner Müllers sind immer auch ein „Ausflug in die Geschichte aus der Gier des Dramatikers auf Katastrophen“ nebst Totenbeschwörung und einem nahezu prophetischen Blick in die Zukunft. Heiner Müller ist nun seit 20 Jahren tot und sozusagen selbst Geschichte. Geschichte schreiben aber nach wie vor andere.

Zitatenreich wie Heiner Müller gibt sich auch das Festival, das das Berliner Hebbel am Ufer (HAU) dem Vielzitierten seit Donnerstagabend ausrichtet. Es heißt ganz einfach HEINER MÜLLER! – geschrieben in Müller-Versalien und mit Ausrufezeichen. Unter dem Motto des Müller-Zitats „Was jetzt passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart.“ versuchen noch bis zum 12. März Performer, Musiker, Schauspieler und Regisseure Müllers Texte auf Gegenwartstauglichkeit zu überprüfen.

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Syberbergs Für Heiner Müller im HAU 1

Den Anfang macht aber ein alter Müller-Bekannter aus früheren BE-Zeiten, der vor 25 Jahren auch schon mal am Hebbel-Theater gearbeitet hat. Die Rede ist vom Theater- und Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg, der sein Handwerk Anfang der 1950er Jahre am Berliner Ensemble erlernte. Und auch hier ein Bezug zu Heinrich von Kleist. Der Monolog Ein Traum, was sonst mit Edith Clever, 1990 im Hebbel-Theater aufgeführt, basiert u.a. auf Kleists Prinz von Homburg. Die Clever spielt die Gräfin Bismarck, die kurz vor Kriegsende in den Trümmern ihres Gutshauses auf die Russen wartet und dabei Kleist, Goethe und Euripides deklamiert. Eine hochästhetische Kunstanstrengung, deren Verfilmung von 1994 Teil einer multimedialen Installation Syberbergs im Theatersaal des HAU 1 ist. Im Zentrum des schummrigen Raums, der in einen Müller- und Syberberg-Flügel geteilt ist, steht ein Modell des Amphitheaters von Delphi, das Urbild der Theaterwelt, auf das sich Syberberg bezieht.

 

Foto (c) Dorothea Tuch

Foto (c) Dorothea Tuch

 

Für Heiner Müller nennt sich diese mit einigen Fernsehbildschirmen, Videoleinwänden und einer Fuhre frischem Heu aus Syberbergs 2001 rückgekauftem ehemaligen elterlichen Gutshofs in Nossendorf ausgestattete, begehbare Installation. Syberberg stammt wie Müller aus Mecklenburg. Seine Familie wurde enteignet, er ging in den Westen. Müller blieb in der DDR und schrieb ein Drama zur Kollektivierung mit dem Titel Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande. 1961 von B. K. Tragelehn uraufgeführt, wurde es sofort verboten. Der Regisseur verschwand in der Produktion, der Autor flog aus dem Schriftstellerverband. Nun hat Müllers Stück eine Art Andachtsraum erhalten, den Syberberg gleichzeitig zur Reflexion seiner Geschichte als Großgrundbesitzersohn vor 1945 nutzt. Im Grunde genommen eine doppelte Rehabilitierung. Doch der Sieger der Geschichte ist der Traktor, wie Syberberg in seiner Einführung anmerkt. Ein kleines Model dieses Siegs des technischen Fortschritts über den Menschen ziert die Bühnenrampe und schlägt damit den Bogen zu Müllers frühen Werken.

Es drängen sich noch weit mehr Assoziationen beim Durchgang durch die Installation auf. Im Rückblick auf Peter Steins Birken der alten Schaubühnenära, die im Theater am Halleschen Ufer um die Ecke begann, lässt sich feststellen, dass auch Heu im HAU einen irren Duft verströmt. Ansonsten kommt man sich zwischen den Filmapparaten wie in der Vernissage-Installation The Art Show von Edward Kienholz vor, wobei das Ganze noch die Aura einer Schlingesief‘schen Totenmesse wie einst im Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig hat. Ein wenig viel Syberberg und Clever, etwas zu wenig Heiner Müller, wobei die heiße Diskussion anlässlich einer Syberberg-Werkschau 1990 in der Akademie der Künste mit Heiner Müller und anderen Ost- und Westintellektuellen sowie die Rede von Alexander Kluge zu Heiner Müllers Tod allein schon das Ansehen wert sind.

Und noch ein anderer Erinnerungskünstler deutscher Geschichte ist anwesend. Neben Syberbergs Bühnenaltar mit Heu und Scheunenskelett sowie links und rechts davon je einem Videoleinwandflügel gibt es auch einen Film über die Morgenthau-Plan-Gemälde von Anselm Kiefer zu sehen. Eine künstlerische Umsetzung der US-amerikanischen Nachkriegs-Vision eines Deutschlands als befriedetem Agrarland. Ob Müller-Utopie oder -Dystopie, darüber ließe sich nun trefflich streiten.

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Müller-Maschinen im HAU 2 und 3

HEINER MÜLLER! im Hebbel am Ufer - Foto: St. Bock

Die Müllermatrix am HAU 2  Foto: St. Bock

Wie die jüngere Künstlergeneration mit Heiner Müllers Erbe umgeht, ist beim laufenden Hebbel am Ufer-Festival HEINER MÜLLER! v.a. im HAU 2 und 3 zu sehen. Als „Mensch-Maschine“ ist die Stimme des toten Dichters in der Telefonzellen-Installation Die Müllermatrix von Interrobang zurückgekehrt und spricht auf Tastendruck in zusammengesampelten Textfetzen über ganz gegenwärtige Themen wie Migration, den Untergang Europas oder das zeitgenössische Theater. Ein Müller für jede Gelegenheit.

Noch fast komplett analog ist da die Installation Transitraum goes HAU von Kristin Schulz und Chasper Bertschinger. Die Literaturwissenschaftlerin und Müller-Expertin Kristin Schulz hat dafür Teile des originalen Müller-Transitraums aus der HU Berlin in den 2. Stock des HAU 2 transferiert. Hier kann man nun ganz Old School haptisch in Werken, Manuskripten und Typografien Müllers blättern oder sehen, was in seiner Bibliothek stand und den Dichter inspirierte. Neben Sideboards mit Büchern von Bertolt Brecht, Alexander Bek, William Faulkner und Steven King sind aber auch einige Hörstationen aufgebaut, die einladen, Müller selbst beim Lesen zuzuhören oder gar in den Film-Gesprächen mit Alexander Kluge beim Zigarre-Paffen und Verfassen von Gedanken zuzusehen.

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Die digitale Müller-Brille auf hat das Performance-Kollektiv andcompany&Co. mit ihrem Lecture-Konzert 2045: Müller in Metropolis im HAU 3. Hier wird nun Heiner Müller gänzlich zum Cyborg aus der Zukunft. „WIE FRÜHER GEISTER KAMEN AUS VERGANGENHEIT / SO JETZT AUS ZUKUNFT EBENSO“ heißt es in Brechts Fatzer-Fragment, das Müller bearbeitet hat. Ein Gedanke, der ihn bewegte und wohl auch Einzug in diese 45minütige Tischperformance mit Video und Musik gefunden hat. Der andcompany-Mastermind Alexander Karschnia und seine Cooperanten Nicola Nord und Sascha Sulimma scheinen ebenfalls die Kleistrede von Heiner Müller gelesen zu haben. Reichlich wird daraus zitiert. Aber v.a. die vorausschauende Äußerung zur „Hochzeit von Mensch und Maschine“ hat es ihnen angetan. Als Kind der 80er freut es einen natürlich immer, alte Elektrohelden mal in einer Theaterperformance verwurstet zu sehen. Hier ist es Anne Clark mit ihrem titelgebenden Hit Sleeper in Metropolis. Und Nicola Nord performt dann auch den deutschen Text zu Fritz Langs berühmten Stummfilmbildern mit ordentlich Nebel aus der Trockeneismaschine.

 

Foto (c) Dorothea Tuch

Foto (c) Dorothea Tuch

 

Sind wir nicht alle digitale Schläfer? Eine Frage, der andcompany&Co. nachgegangen sind und mit einer Exkursion in die technologische Singularität und ins Silicon-Valley aufwarten. Auch Müller war in Kalifornien, wenn auch nicht in einer Garage in Palo Alto. Spaß haben und unheimlich reich werden ist die Maxime der digitalen Hippies, der neuen 68er Generation, die sich Mitte der 1980er Jahre aufmachte, um das World-Wide-Web zu erobern. Aus der Starre des Beobachtens in die Genickstarre der digitalen Kommunikation. Alles ist möglich, das „Ich“ zur Adresse geworden. 1 oder 0 ist wie Sein oder Nichtsein. Das Arbeiten an der Differenz geschieht im On-Off-Modus. Das permanente Lauschen im digitalen Rauschen der täglichen Informations- und Kommunikationsflut.

Wie ein roter Faden zieht sich die Kybernetik, auch ein Hobby Müllers, durch die Eröffnungsveranstaltungen des Festivals im HAU. Man muss den turbo-philosophischen Ausführungen von Alexander Karschnia nicht unbedingt folgen, um hier etwas mitzunehmen. Die Menschheit hat den ersten Schritt zur technischen Evolution längst getan. Wir drücken im Internet auf den Unsterblichkeits-Button. Die Aufhebung des Menschen in seiner Schöpfung, der Technologie, wie es Müller formulierte. Vorbild ist wie immer Amerika, wo ein Transhumanist zum Präsidentschaftswahlkampf antritt, ein Terminator-Filmstar Gouverneur werden kann und man sich beim Burning Man in der Wüste Nevadas mit Mutantenfahrzeugen vergnügt. Der Mensch versucht aus der Geschichte herauszufallen, heißt es bei andcompany&Co. Sein Ziel ist die ewige Gegenwart.

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HEINER MÜLLER!
Ein Festival im Hebbel am Ufer

Mit: andcompany&Co., Sebastian Baumgarten, Ana Berkenhoff&Cecilie Ullerup Schmidt, Boris Buden, Laurent Chétouane, Marie-Hélène Gutberlet, Thomas Heise, Interrobang, Boris Nikitin, Patrick Primavesi, Damian Rebgetz & Paul Hankinson, Annegret Schlegel, Kristin Schulz, Veit Sprenger, Hans-Jürgen Syberberg, B.K. und Christa Tragelehn, Ginka Tscholakowa, Hans-Thies Lehmann, Helena Varopoulou u.a.

Termine: 03. – 12. März 2016

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/2015-2016/heiner-mueller/

Zuerst erschienen am 04.03. und 05.03.2016 auf Kultura-Extra

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Zement – Sebastian Baumgarten inszeniert das Revolutionsdrama von Heiner Müller am Maxim Gorki Theater als knallbunte Totenbeschwörung

Donnerstag, Januar 29th, 2015

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Foto: St. B.

„Mit der Wiederkehr der Farbe droht die / Auferstehung / … Der Tod ist ein Irrtum.“ heißt es in einem Gedicht von Heiner Müller. Für den ehemaligen Schlosser Gleb Tschumalow, der 1921 nach drei Jahren aus dem Bürgerkrieg gegen die Weißen heimkehrt, ist das Sterben eine imperialistische Verschwörung. In Sebastian Baumgartens Inszenierung von Heiner Müllers selten gespieltem Revolutionsdrama Zement (was allerdings erst im Mai beim Theatertreffen in der Regie von Dimiter Gotscheff zu sehen war) trägt der totgeglaubte Held der roten Revolution (eindrucksvoll gespielt von Peter Jordan) die Farbe seines Geschäfts auf der nackten Haut. „Das tägliche Brot der Revolution ist der Tod ihrer Feinde.“ Der unerwartet aus dem Krieg Auferstandene trifft in Müllers 1972 entstandenen Überschreibung des gleichnamigen Romans von Fjodor Gladkow statt auf einen im Aufbau befindlichen Sozialismus wieder auf den Tod in Gestalt von Hunger, Krankheit und Terror. Die Privilegien der Krieger sind abgeschafft. „Der Tod ist für alle“, schlägt es dem Revolutionär entgegen.

Müllers Stücke sind, wo sie sich mit der Geschichte von Revolutionen befassen, im besten Sinne Totenbeschwörungen, mit dem Hintergrund, durch die Befragung des Vergangenen, Zukünftiges gestalten zu können. „Zukunft entsteht allein aus dem Dialog mit den Toten.“ Dieses ständige Ausgraben der Toten geschieht für Heiner Müller also aus „Liebe zur Zukunft“. Und so kriechen am Maxim Gorki Theater die Darsteller auch wie Geister aus einer längst vergessenen Zeit, als ewige Untote der Geschichte aus der Unterbühne. Eine Grube notdürftig mit Brettern abgedeckt, auf denen sie zunächst hilflos schwanken, so als könnten sie jederzeit auch wieder in ihr verschwinden. Gegenstück als Auf- und Abgangsort ist am zunächst weißen Bühnenhorizont ein großer gelber Stern. Ein Blick in die Zukunft? Bei Sebastian Baumgarten weiß man das nie so genau. Der Hintergrund wird mehrfach neu übertüncht, mal weiß, mal rot, Parolen werden per Video darauf eingeblendet. Maschine, Macht, Staat, Volk, Angst – die selbst neu angepinselten Renovierer malen die Zukunft als großes Kreuzworträtsel an die Wand.

Wieder zum Leben erwecken möchte Tschumalow das alte Zementwerk, an dem der Rost nagt und in dessen Halle Ziegen weiden. Es regiert der Bauch und die einzigen Köpfe, wie der des Ingenieurs Kleist (Falilou Seck) sind voll Hass auf das Neue. Er möchte nicht befreit werden. Baumgarten lässt hier den Text vom Prometheus-Befreier Odysseus chorisch einsprechen. Ein antikes Gleichnis Müllers auf die Langwierigkeit von gesellschaftlichen Veränderungen, mit Rückschlägen, der Symbiose von Peiniger und Opfer sowie dessen Furcht vor der Freiheit. Tschumalow, seine eigenen Ressentiments gegen das Bürgertum beiseite schiebend, setzt sich ganz pragmatisch durch und enteignet den Kopf des Ingenieurs für die Revolution. Den Kampf gegen die Widerstände auch in sich selbst spiegelt der zweite Antikentext Herakles 2 und die Hydra, den Peter Jordan allein als große monologische Kraftanstrengung performt.

Zement im MGT - Foto (c) Esra Rotthoff

Zement im Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Aber auch daheim findet Tschumalow einiges verändert. Seine Frau Dascha (Sesede Terziyan) hat sich gegen ihn verhärtet und ist zur treuen Parteisoldatin geworden. Ihre Tochter Njurka verhungert im Kinderheim. Dascha möchte sich windend ihren Unterleib ausreißen. Weibliche Emanzipation wird mit dem Verlust von Privatheit und Individualität erkauft. Die Revolution und der Staat sind zur seelenlosen Maschine geworden. Die Bürokratie beherrscht alles. Im Steppschritt zum Schreibmaschinensound tanzt der Bezirkssekretär Badjin (Thomas Wodianka) seine Dekrete. Dazu wird im Takt gestrichen und sich wie Roboter bewegt. „Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Gedanke.“ Baumgarten fügt hier Zeilen aus Müllers Hamletmaschine ein. Das ewige Einerlei der Versammlungen als Arme schwenkendes Kasperletheater auf Stühlen. Die Parolen werden bevorzugt ins Megafon gebrüllt, wie auch insgesamt ein eher aufgeregt lauter Ton vorherrscht, den das Ensemble aber in ein erstaunlich energiegeladen körperbetontes Spiel umsetzt.

Dazu gibt es wie immer bei Baumgarten jede Menge Popart-Symbole, Spruchbänder und Videos mit animiertem Revolutionskitsch. Große Hämmer, Sicheln – ein ewiges Schwimmen im Zeichenmeer. Der Apparat schützt sich hier mit riesigen Papp-MPis. Bourgeois, Abweichler und Übereifrige werden abgeurteilt oder aus der Partei entfernt. Auch das zweite idealistische Revolutionspärchen Polja Mechowa (Cynthia Micas) und Sergej Iwagin (Dimitrij Schaad, der unglaublich sicher für den erkrankten Aleksandar Radenkovic eingesprungen ist) arbeitet hart an sich und der bürgerlichen Vergangenheit. Was weg kann, wird mit großer Schaufel in die Grube entsorgt. Der ehemalige Kämpfer Tschumalow ist für eine Zigarettenpause. „Die Revolution erstickt im Fett“ konstatiert Polja. Der Euphorie weicht die Ernüchterung nach der Parteisäuberung. Mit der Taschenlampe geht man dann wieder auf die Suche. Den Enthusiasmus auf dem Transparent konterkariert Müllers Engel der Verzweiflung an der Bühnenrückwand. „Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.“ Bei allem ausgestellten Revolutionspessimismus verzichtet der Regisseur aber nicht auf den versöhnenden Schluss mit der Befreiung der Toten und Eingliederung der rückkehrenden Gegner.

Diese Befragung der Vergangenheit mittels recht heutigem, frechem Text-und Bildsampling funktioniert im Vergleich zu Gotscheffs ästhetisch würdevollem Weihespiel wider Erwarten erstaunlich gut. Die Ambivalenz seiner Inszenierung zeigt der Regisseur auch im Autor selbst. Schon zu Beginn lässt Baumgarten Thomas Wodianka einen Text Heiner Müllers zur Deutschen Form der Revolution sprechen, in dem sich Müller zwar mit dem ideologischen Gegenentwurf zur Nazi-Diktatur, nicht aber mit dem daraus resultierenden Staat der DDR, der Bürokratie und dem Stalinterror identifiziert. Das „Geisterschiff der Revolution“ beschwörend, hebt Wodianka dann wieder den Finger und schließt mit der Feststellung, dass die Geschichte der Bundesrepublik noch nicht fertig geschrieben ist. Für Baumgartens lustige Anstreicher ist auf die Frage nach der Weltrevolution, Deutschland allerdings zurzeit fest in Pfarrershänden.

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Zement (26.01.2016)
nach Fjodor Gladkow von Heiner Müller
Regie: Sebastian Baumgarten
Bühne: Hartmut Meyer
Kostüme und Video: Jana Findeklee und Joki Tewes
Musik: Andrew Pekler Licht: Jens Krüger
Dramaturgie: Ludwig Haugk
Besetzung: Peter Jordan (Gleb Tschumalow), Sesede Terziyan (Dascha Tschumalowa), Thomas Wodianka (Badjin), Aleksandar Radenković/Dimitrij Schaad (Sergej Iwagin), Cynthia Micas (Polja Mechowa), Falilou Seck (Kleist/Tschibis/Arbeiter), Aram Tafreshian (Maschinist/Borschtschi/Dmitri Iwagin/Einarm) und Mateja Meded (Motja/Makar)
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause
Premiere am Maxim Gorki Theater: 16. Januar 2015
Nächste Termine: 15.02. und 01.03.2015

Infos: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 28.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Geschichte und Geschichten von Revolutionären Straßen und Chausseen – Das Schauspiel Leipzig stellt die Spielzeit 2014/15 unter das Motto „Zeiten des Aufruhrs“.

Donnerstag, Dezember 11th, 2014

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Zeiten des Aufruhrs – Der Roman Revolutionary Road des US-amerikanischen Autors Richard Yates in einer Bühnenfassung von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto St. B.

…auf Leipziger Straßen?
Foto: St. B.

Zeiten des Aufruhrs – das klingt zunächst ziemlich groß. Doch die Revolutionary Road, wie der Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Yates im Original heißt, führt schnell und geradlinig in die Hölle der kleinbürgerlichen Vororte (Suburbias) von New York und macht auch keinen Hehl aus der Tristesse der Scheinidylle von grünen Vorgärten und schmucken Häuschen mit leicht individuellem Touch. Sie ist dem Regisseur und Leipziger Intendanten Enrico Lübbe, der nun stolz die erste Bühnenfassung des Romans am dortigen Schauspiel präsentiert, nicht einmal als Kulisse gut. Die leere Bühne zeigt nur ein riesiges Reklameschild, das ein Glück vom Häuschen im Grünen verheißt, inklusive billiger Zugfahrpreise. Nicht nur ein rein amerikanischer Traum der dortigen Mittelschicht, auch in Deutschland geht der Trend seit langem zum Arbeiten in der Stadt und Leben auf dem Land.

Das musste man aber selbst Mitte der 1950er Jahre schon ernsthaft wollen. Die Wheelers (ein junges Paar mit erstem Kind und Abschlüssen an der Columbia-Universität in der Tasche) wollen hier nur kurz Atem schöpfen vorm ganz großen Durchstarten, vorzugsweise im alten Europa. Das dafür notwendige Geld verdient Frank Wheeler (Felix Axel Preißler) in einer Büromaschinenfirma in New York, in der schon sein Vater kurz vor einer hoffnungsvollen Karriere stand, die dann aber doch nie starteten wollte. Frank trägt sozusagen die Träume seines alten Herrn auf, ohne auch nur entfernt vorzuhaben, in dessen Fußstapfen zu treten. Es ist ein Job, der ihn nicht interessiert. Hier wird nur schnödes Anschauungsmaterial für den Verkauf gefertigt. Das Gehirn, so sagt er, gibt man in den Bürotowern von New York vorzugsweise am Empfang ab.

Franks Frau April (Anja Schneider) hat eher künstlerische Ambitionen. Mit ihrem Mann und einer elenden Vorstadtlaienspieltruppe strandet ihr Talent an der Revolutionary Road. Hier grassiert der Virus des Scheiterns. Für den durchschlagenden Erfolg am Broadway reicht es dann wohl doch nicht aus. Ihr neues Projekt sind die mittlerweile zwei Kinder und Ehemann Frank, dem sie kurz entschlossen vorschlägt, sich Zeit zur Selbstfindung in Paris zu nehmen. Für den Lebensunterhalt will April nun ihrerseits in einem Bürojob sorgen. Der gar nicht so besonders ehrgeizige Frank muss dazu allerdings erst mit ein paar Drinks an seinem Geburtstag überredet werden, eher er ganz Feuer und Flamme auf den Tisch steigt.

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
Foto (C) Rolf Arnold

Getrunken und geraucht wird hier viel. Man kennt das aus Fernsehserien wie Mad Men. Der Stil der Kostüme und Accessoires atmet ebenfalls dieses Flair. Als sparsame Requisiten dienen jedoch lediglich massenweise Flaschen und Gläser und ein paar Tische und Stühle, die Franks Büro bilden, oder die zum heimischen Esstisch zusammengeschoben werden. Was man nicht sieht, wird erzählt, bevorzugt an der Rampe, mal allein und mal mit dem ganzen Vorstadtpersonal. Zwischen den einzelnen Szenen geht bedeutungsvoll der Eiserne Vorhang rauf und runter. Dazu erklingt eine leicht melancholische Fahrstuhlmusik von Bert Wrede. Die hatte früher auch schon mal mehr Energie. Das alles erzeugt wenig Furor und legt sich mit der Zeit bleiern über die Inszenierung, die im dauernden Erzählstrom versandet. Kein Aufruhr nirgends, nicht mal im dahinrieselnden Stundenglas. Es zieht sich spürbar (Dauer: 3:40 h).

Die direkte Kommunikation erschöpft sich in kurzen Gesprächen mit Franks Arbeitskollegen Jack (sonst unter dem Tisch liegend: Hartmut Neuber), der Sekretärin Maureen (Runa Pernoda Schaefer, auch mal auf dem Tisch), mit der Frank ein kurzes Verhältnis hat, und bei Abenden mit dem befreundeten Nachbarspaar Milly (Anne Cathrin Buhtz) und Shep Campbell (Wenzel Banneyer). Sie hat sich mit vier Kindern schon mehr oder weniger ihrem Vorstadtschicksal ergeben; er ist ein Meister im Verdrängen seiner Gedanken. Ansonsten hält man Smalltalk. Worüber Yates als guter Beobachter nüchtern und genauestens berichtet, lässt Lübbe nebenbei aufsagen.

Einer eher intuitiv zusammengeschusterten Werbebroschüre hat es Frank dann doch zu verdanken, dass sein Chef (Matthias Hummitzsch) auf ihn aufmerksam wird, und ihm eine Aufstiegsmöglichkeit im nun in rechnergestützte Datenverarbeitung investierenden Unternehmen anbietet. Ein drittes Kind räumt Frank die Möglichkeit ein, die Pläne mit Paris nochmal zu überdenken. Ein Streit über eine von April geplante illegale Abtreibung lässt ihn sogar kurzzeitig als Sieger zurück. Frank trägt aber nicht allein nur die gemeinsamen Träume zu Grabe, er schaufelt auch ungewollt am Familiengrab. April wird bei dem Versuch, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen, verbluten.

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
Foto (C) Rolf Arnold

Höhepunkt der Vorlage wie der Inszenierung sind die Auftritte des als geisteskrank geltenden ehemaligen Hochschullehrers John Givings (Michael Pempelforth). Seine Mutter, die Immobilienmaklerin Mrs Givings (Jutta Richter-Haaser), hat ein Händchen für Häuser und die Angewohnheit viel nichts zusagen. Wo sie ihren Klappstuhl aufstellt, steht ihre Klappe nicht mehr still. Mr. Givings (Andreas Herrmann) zieht es vor, das Hörgerät auszuschalten. John Givings verfügt über die Gabe eines sicheren Seismographen für Lebenslügen, die er vor allem Frank ungefragt um die Ohren haut. Er wirkt wie ein Katalysator für das Einstürzen des Weehler’schen Lügengebäudes. Das über der Bühne hängende Werbeschild fällt daraufhin aus seinen Angeln, und die Schauspieler stellen in einem surrealen Traum mit riesigen Pappköpfen Szenen aus Aprils Kindheit dar. Auch ein Verweis auf die Vorwürfe Franks, sie sei emotional gestört.

Wer die Verfilmung von Sam Mendes aus dem Jahre 2008 mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio kennt, wird hier so einiges wiederentdecken. Nur dass der Film wesentlich interessanter gebaut ist. Felix Axel Preißler verliert sich zunehmend im Nachahmen des berühmten Kinohelden, und Anja Schneider (mit Armin Petras vom Maxim Gorki Theater letztes Jahr nach Stuttgart gegangen) hat man noch nie so alleingelassen auf der Bühne gesehen. Das ist traurig und nicht nur allein dem Plot geschuldet. Hier opfert eine Frau ihr Leben für einen Mann, der das offensichtlich nicht verdient. Es stellt sich heraus, dass man sich nie wirklich gekannt hat. Sein Wunsch nach Normalität mündet im sicheren Vorstadtalltag. Ihre Illusionen enden tödlich. Enrico Lübbe übersetzt das in gediegene Betriebsroutine. So eignet sich die Inszenierung weder für eine feministische Aussage noch für eine tiefgreifende heutige Gesellschaftskritik.

Man ahnt zumindest, dass Enrico Lübbe mit seiner historisierenden Inszenierung auch in diese Richtung denkt. Eine erste Übersetzung des Romans ins Deutsche erschien in den 1970er Jahren unter dem Titel Das Jahr der leeren Träume in der DDR. Eine Zeit, die in der Bundesrepublik durch das Ende der Träume der 68-Revolte geprägt war. Man zog sich ins Private zurück. Zurzeit erlebt die Gesellschaft einen vergleichbaren konservativen Rollback. Die traditionelle Rollenverteilung ist wieder im Kommen. Für diese revolutionäre Erkenntnis muss man aber nicht erst ins Theater gehen.

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ZEITEN DES AUFRUHRS (UA)
Basierend auf dem Roman „Revolutionary Road“ von Richard Yates
Fassung des Schauspiel Leipzig unter Verwendung der deutschen Übersetzung von Hans Wolf
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Bianca Deigner
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Torsten Buß, Alexander Elsner
Licht: Carsten Rüger
Mit: Wenzel Banneyer, Anne Cathrin Buhtz, Andreas Herrmann, Matthias Hummitzsch, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Jutta Richter-Haaser, Runa Pernoda Schaefer und Anja Schneider

Spieldauer ca. 3:40, eine Pause

Uraufführung am Schauspiel Leipzig war am 6. Dezember 2014

Weitere Termine: 10. + 27. 12. 2014 / 18. 1., 13. + 20. 2., 14. 3., 5. 4., 20. 6. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 08.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Witzige Geschichtsaufarbeitung mit Heiner Müller am Schauspiel Leipzig – Phillip Preuss inszeniert auf der Hinterbühne Wolokolamsker Chaussee I-V

Unter das Motto Zeiten des Aufruhrs hat das Schauspiel Leipzig auch seine zweite Spielzeit unter Enrico Lübbe gestellt, in der sich sowohl der Fall der Berliner Mauer im November 1989 als auch die im Oktober vorangegangenen friedlichen Protestdemonstrationen in der Stadt Leipzig zum 25. Mal jähren. Just in diese Zeit fiel auch eine Inszenierung von Heiner Müllers in fünf Lehrstücken angelegtes Drama Wolokolamsker Chaussee I-V. Daran versucht nun eine Neuinszenierung von Philipp Preuss auf der Hinterbühne des Schauspiels zu erinnern. Müller schrieb die Texte 1985-87 in Reaktion auf die durch Michail Gorbatschow eingeleitet Zeit von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion. Einer der Ausgangspunkte für die Ereignisse im Herbst ’89 in der ehemaligen DDR. Auch Heiner Müller sah die Situation reif für Veränderungen, allerdings nicht ohne aus der deutschen Vergangenheit zu lernen. „Das ist der Moment, wo wieder gelernt werden kann, gelernt werden muss.“

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto © Rolf Arnold

In den fünf Teilen greift Müller literarische Stoffe von Alexander Bek (dessen Roman Wolokolamsker Chaussee), Anna Seghers (Das Duell), Franz Kafka (Kentauren – ein Greulmärchen aus dem Sächsischen von Gregor Samsa) und Heinrich von Kleist (Der Findling) auf. Wie ein roter Faden zieht sich dabei von 1941 vor Moskau über 1953 in Ost-Berlin und 1968 in Prag bis in die 1980er Jahre der DDR das Motiv des Panzers, „der seine Kettenspur durch meinen Traum zieht“, wie es der junge Kommandeur einer sowjetischen Division im Kampf gegen die Deutschen vor Moskau auf der titelgebenden Wolokolamsker Chaussee – „zweitausend Kilometer weit Berlin, einhundertzwanzig Kilometer Moskau“ – berichtet. Phillip Preuss lässt sie gleich zu Beginn als Videoprojektion alter Filmdokumente über die Rückwand der Bühne fahren.

Das Hervortreten und wieder Verschmelzen des Einzelnen im Kollektiv ist neben Macht und Verrat ein weiteres Thema in Müllers Fünfteiler. Regisseur Preuss lässt seine sechs Protagonisten (Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow) in Camouflage-Anzügen vor gleichgemusterter Tapete und Fußboden auftreten (Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht). Es ist die sog. Russische Eröffnung nach Beks‘ Roman, in der besagter Kommandeur aus verängstigten Individuen, die lieber in die russischen Wälder flüchten würden, ein Gemeinschaft formen muss. „Ich war ihr Kommandeur und meine Angst war / Die Angst vor ihrer Angst Und näher kam / Die Front und von der Front die Deserteure“. Er statuiert schließlich ein Exempel und lässt einen Deserteur erschießen. Die Angst wird ihn weiter in seinen Träumen verfolgen.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto © Rolf Arnold

Preuss lässt das chorisch oder mit wechselnden Stimmen vortragen. Die Darsteller stehen dabei mit dem Rücken zur Wand, mit der sie nun tatsächlich förmlich verschmelzen, oder sprechen direkt vor den Sitzreihen der Hinterbühne ins Publikum. Sie formen ein MG aus ihren Leibern und marschieren zum Rolling-Stones-Song „Sympathie for the Devil“. Als Schuss knallt ein Sektkorken. Der Zweifel über die Entscheidung klingt im fragenden Ton der Sprecher. Zwischen den einzelnen Teilen spielt Preuss per Video Interviewpassagen aus dem Making Of des Films Der Untergang als eine andere Art der kollektiven Geschichtsbildung ein. Die Darsteller performen das mit großen Mon-Chichhi-Köpfen.

Preuss verlässt nun immer wieder die ernsthafte Bedeutungsebene von Müllers Texten zugunsten des Slapsticks. Zwischen Wolokolamsker Chaussee I und II schiebt er das Gesprächsduell eines Betriebsdirektors mit seinem Stellvertreter ein. Hier reflektiert Müller die Ereignisse um den 17. Juni 1953. Während der jünger Stellvertreter als Delegierter eines Streikkomitees vor dem älteren Direktor sitzt, hofft dieser, einst Nazi-Verfolgter, auf die sowjetischen Panzer als letztes Argument und Wiedergeburtshelfer der jungen Republik. Dabei sitzen sich Daniela Keckeis und Lisa Mies mit angeklebten Bärten gegenüber. Ihren Text sprechen die anderen aus dem Hintergrund und machen mit Mikros Geräusche. „Soll das ein Witz sein Willst du meinen Stuhl“, heißt es da. Ein grotesker Machtkampf, der laut furzend in die Hose geht.

Danach geht es nochmal in die russischen Wälder zu choreografierten und von oben gefilmten Synchronschwimmeinlagen auf dem Camouflageboden. Die Darsteller bilden dabei mit Armen und Beinen lebende Blütengeflechte und auch mal den Sowjetstern, oder sie heben wechselseitig die Faust bzw. den ausgestreckten Arm. Die verlorengegangene Sowjetordnung und das Machtgefüge von Befehl und Gehorsam werden mit dem Degradieren eines pflichtvergessenen Sanitätsoffiziers wieder hergestellt. Für die hungernden Soldaten gibt es Blutsuppe aus Eimern, für die Toten ein Kyrie Eleison aus Mozarts Requiem. Den Ziehvater-Findling-Konflikt zwischen einem alten Kommunisten und Parteifunktionär und seinem abtrünnigen Sohn, der sich rund um den nächsten Panzereinsatz 1968 in Prag dreht, gibt es wieder als Wechsel aus Einzel- und Gruppenaufstellungen.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig Foto: St. B.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto: St. B.

Bevor dann aber tatsächlich noch ein aufblasbarer Gummi-Panzer auf der Bühne erscheint, setzen sich die Spieler rauchend und Whiskey trinkend zusammen und lauschen der Einspielung einer Lesung, bei der Heiner Müller seinen Kentauren zum hörbaren Vergnügen seiner selbst und der dort Anwesenden humorvoll zum Besten gibt. Da wiehert fröhlich der Amtsschimmel – „Gefallen auf der Straße der Dialektik“. Die Farce um einen mit seinem Schreibtisch verwachsenen DDR-Ordnungshüters wird so ironisch noch auf die Spitze getrieben. Das toppt nur noch die abschließende Mon-Chichhi-Parade (Musik: Tocotronic), bei der schenkelklopfend DDR-Witze erzählt sowie leere Verpackungen von Konsumgütern (Marke West) ans Publikum verteilt und anschließend wieder eingesammelt werden. Die Fortsetzung der Müller’schen Geschichtsaufarbeitung als täglicher Krieg der uniformierten Warenwelt. Dabei geht dem Panzer als dialektischem Symbol der kapitalistischen Ökonomie so ziemlich die Luft aus. Wir lesen als Ausblick in die (nahe?) Zukunft an der Videowand: „Es war nicht alles schlecht im Kapitalismus.“

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Wolokolamsker Chaussee I-V
Von Heiner Müller
Regie & Video: Philipp Preuss
Bühne & Kostüme: Ramallah Aubrecht
Dramaturgie: Alexander Elsner, Christin Ihle
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow
Premiere: 10. Oktober 2014
Gesehen auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig am 07.12.2014

Spieldauer ca. 1:45, keine Pause

Premiere auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig war am 10.10.2014

Termine: 29.12.2014, 24.01, 08.02. und 15.03.2014

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/hinterbuehne/inszenierungen/wolokolamsker-chaussee-i-v/

Zuerst erschienen am 10.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Mann, Vogel, Frau, die Blutpumpe des täglichen Mords – Sebastian Hartmann inszeniert am Deutschen Theater Georg Büchners Woyzeck als wär’s ein „Spielmodell“ nach Heiner Müller

Montag, Oktober 20th, 2014

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„Das kann jeder machen.“ Da war sich der Dramatiker Heiner Müller ziemlich sicher. 1984 legte er mit der Bildbeschreibung ein dramatisches „Spielmodell“ vor, eine Versuchsanordnung mit wechselnden Optiken, „ein Stück, das man mit sich selbst aufführt“. Und das sich v.a. mit jeder neuen Überschreibung erneut in Frage stellt.

Woyzeck - Foto DT-Schaukasten St. B.

Foto DT-Schaukasten / St. B.

„Bin das ich, … ICH?“ Da ist sich am Ende der Aufführung der Schauspieler Benjamin Lillie (in der Rolle des Beschreibenden) schon nicht mehr so sicher über das Bild, an dem er den ganzen Abend zusammen mit seiner Mitstreiterin Katrin Wichmann gearbeitet hat. In diesem Stil, mit der Zweierkonstellation Mann-Frau, Woyzeck-Marie, überschreibt der Regisseur Sebastian Hartmann in seiner neuen Inszenierung am Deutschen Theater den Woyzeck mit Texten von Heiner Müller und Georg Büchner, dem Autor des Stück-Fragments selbst. „Ein Zugriff, der zur Folge hat“, wie es im Programmheft steht, „dass jede Vorstellung anders sein wird.“

„ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT“ – und trotzdem scheint es heute, als wäre der 1995 verstorbene Dichter Heiner Müller präsenter denn je. Erst im März dieses Jahres hatte Sebastian Baumgarten den Kentauren-Text aus Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee I-IV ans Ende seiner Dresdener Antigone-Inszenierung gesetzt. Was Frank Castorf seit Jahren zelebriert, seine Adepten tun es ihm nun gleich, als wäre der Heilige Geist des 2013 verstorbenen Dimiter Gotscheff in sie gefahren.

Wirkte die Müller’sche „Amtsschimmel“-Parabel des buchstäblich mit seinem Schreibtisch verwachsenen Stasi-Beamten als Vergleich zum diktatorischen Regierungsstil des Kreon noch angepappt wie ein alberner Fremdkörper, nichts zeigend, was Baumgarten in seiner mit plakativer Symbolik aufgeladenen Inszenierung nicht schon lang und breit angedeutet hätte, so hat es Hartmanns Variante der textlichen Verschränkung und Übermalung durchaus in sich.

Der Leipziger Ex-Intendant ist bekannt für sein psychodelisches Bildertheater. So hat er schon Thomas Manns Zauberberg, Michael Frayns Nackten Wahnsinn, Hans Falladas Trinker oder Leo Tolstois Krieg und Frieden mit assoziativen Klang- und Bildräuschen beballert. Aus Goethes großem, egomanischen Weltsinnsucher wurde gar Mein Faust. Am Deutschen Theater stellt Hartmann nun den Füsilier Franz Woyzeck und seine Marie in einen schwarz geteerten rechteckigen Trichter, wie ein überdimensioniertes Lautsprechergehäuse, das den E-Geigen-Sound des Livemusikers Ch. Mäcki Hamann transportiert und dessen Wände sich hervorragend für die schwarz-weißen Licht- und Schattenspiele des Videokünstlers Voxi Bärenklau eignen. Auch eine Art Gegenschräge aus dem Reich der Toten, die hier ihre Hände ins Licht recken.

Woyzeck - Foto DT-Schaukasten St. B

Foto DT-Schaukasten / St. B.

„Weißt du auch, wie lang es jetzt is, Marie?… Und wie lang es noch sein wird?“ Woyzecks und Maries Liebe ist von Anbeginn ein nicht enden wollender Mord aus einer Art gymnastischen Übung heraus. Die Körper schnellen hoch, werfen sich ineinander, reiben sich, klammern und rollen – „…der Mord ist ein Geschlechtertausch, fremd im eigenen Körper“ schreibt Müller. Und so wechseln die beiden nicht nur die Rollen des Mörders und Mordopfers, sondern auch Text und Geschlecht, sind mal Manns- mal Weibsbild, Hauptmann, Arzt und Tambourmajor. In den Armen liegend erzählen sie sich ihre Geschichte „aus den Eingeweiden der Welt“, als Selbstvergewisserung vor der Sinnestäuschung.

„Wie viel Blut hat ein Mensch?“ Hier eine ganze Tube voll. Küsse, Bisse – ein Übereinanderfallen von Körpern und Worten. Wo die Lücke im Ablauf des fragmentarischen Textes klafft, schiebt Hartmann nach. Ein athletisches Textmikado aus Heiner Müllers Hydra, Büchners ebenso hirnwütigen Dichter Lenz, dem Hessischen Landboten und Briefen. Vom Kampf gegen das eigene Ich über die Knechtschaft des Volkes bis zum alles zernichtenden Geschichtsfatalismus in Büchners Briefen. Das Paar spielt das hier beispielhaft immer wieder durch. Improvisationen über Liebe, Geschlechterkrieg und Tod. Mal emotional aufwühlend, dann wieder kommt ein „Ruhig Woyzeck, langsam!“

Was Woyzeck körperlich nicht mehr vermag, holt sich Marie beim Tambourmajor. Benjamin Lillie steht nackt und angespornt von Katrin Wichmann im Trichter, schwingt sein schlaffes Gemächt, aber selbst das Pippi will nicht mehr kommen. Ist vom Volk als Herde, schwitzend, stöhnend und der Ordnung des Staates die Rede, macht Lillie den nachäffenden Primaten. Hartmann scheut keine Peinlichkeiten, lässt seine Akteure schreien, greinen und blödeln bis die Bühne sich aufschiebt und das Mordsfeld freigibt.

„Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau“ versinkt im Nebel der Explosion einer Erinnerung, eine maschinell befeuerte Assoziation. Lillie berichtet von der Natur als Versuchsanordnung wie ein Betonklotz in der Landschaft mit Mann, Vogel, Frau. Eine Bildbeschreibung im Rückblick auf Gewesenes. Der Mensch, ein Stottern im Text, allein in einer abgestorbenen dramatischen Struktur, wie es Heiner Müller sah. Nicht das Messer, der Mensch WOYZECK ist noch immer die offene Wunde. Und das hat Sebastian Hartmann zumindest ganz gut erkannt. Nach dem kraftvollen Woyzeck von Leander Haußmann im BE und dem eher esoterischen Totenkult Woyzeck III von Mirko Borscht im Maxim Gorki Theater mal eine ganz andere Lesart.

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WOYZECK
von Georg Büchner
Mit weiteren Texten von Georg Büchner und Heiner Müller
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: Ch. ‚Mäcki‘ Hamann
Video: Voxi Bärenklau
Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Katrin Wichmann und Benjamin Lillie.

Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Termine: 22. Oktober sowie 3., 12. und 17. November

Infos: www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 18.10.2014 auf Kultura-Extra.

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Ein Reigen Deutscher Geschichte von Heiner Müller bis Ton Steine Scherben – Manuel Soubeyrand eröffnet seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit einem Jahr100Spektakel.

Donnerstag, Oktober 2nd, 2014

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Angeblich soll man ihn für verrückt erklärt haben, als in Theaterkreisen bekannt wurde, dass Manuel Soubeyrand, aus Esslingen kommend, seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit Heiner Müller eröffnen wolle. Und dann auch noch mit GERMANIA 3 – Gespenster am toten Mann, Müllers 1996 von Leander Haußmann in Bochum uraufgeführter Abgesang nicht nur auf den deutschen Sozialismus, begraben in einem Mausoleum aus Stacheldraht. Es ist vor allem auch ein Text-Monument, das aus Fragmenten gesamtdeutscher Geschichte besteht. Soubeyrand stellt es in eigener Regie einem ganzen Jahr100Spektakel voran, bestehend aus fünf Stücken und einer abschließenden Live-Radio-Show. Eine Tradition, die der neue Intendant vom alten übernommen hat. Sewan Latchinian (der vor einer Woche an neuer Wirkungsstätte in Rostock seinen 1. Stapellauf mit immerhin drei Premieren hatte) lässt nach zehn Jahren das Feld gut bestellt zurück. Den Senftenbergern ist ihr Theater lieb geworden. Da müsste Soubeyrand schon einiges in den Lausitzer Sand setzen, um sich hier dauerhaft die Ernte zu vermiesen.

Neue Bühne Senftenberg - Foto: St. B.

Neue Bühne Senftenberg – Foto: St. B.

Heiner Müller ist entgegen Erwin Strittmatter, dem das benachbarte Staatstheater Cottbus vor kurzem noch zum Hundertsten gratulierte, beileibe nicht nur ein regionaler Ost-Dramatiker, wie Soubeyrand zur Einführung bemerkte. Der Regisseur vergleicht ihn sogar mit Friedrich Schiller, dem deutschen Nationaldichter und Verfechter einer „Universalgeschichte“, mit dem Müller nicht nur die letzten vier Buchstaben gemein habe. Strittmatter und Müller stehen aber beide auch in der Tradition von Bertolt Brecht. Von dem einem konnte man aus seinen Tagebüchern gerade neueste Anekdoten über den proletarischen Dichter lesen. Der andere verkündete „Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat“. Und auch das ist Thema dieses Mammut-Abends, an dem Brecht und Müller nicht nur einmal um die Ecke winken werden. Das klingt nach schwerer Kost. Aber an ein wenig Überforderung mit deutscher Geschichte ist noch keiner gestorben, eher am Totschweigen selbiger.

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Manuel Soubeyrand Foto: St. B.

Manuel Soubeyrand
Foto: St. B.

Zunächst lässt sich feststellen, dass das Team um Intendant und Regisseur Manuel Soubeyrand nicht in Schieflage von der Müller’schen Gegenschräge, auf der bekanntlich die Toten warten, gerutscht ist. Man hält sich bodenständig aufrecht, zunächst noch ganz in Schwarz im Zuschauerraum vor der Rampe. Das Ensemble berichtet hier chorisch vom babylonischen Turmbau. Der Text ist nicht von Heiner Müller, sondern aus der Erzählung Das Stadtwappen von Franz Kafka. Es ist einer der typischen Kafka-Texte, in denen man viel will, aber nichts wirklich gelingt. In diesem Fall wird sogar das Chaos von Generation zu Generation größer, lediglich durch Kriege unterbrochen, an deren Ende die Nachfolgenden auf den Ruinen der Alten viel schöner und moderner aufbauen wollen. Als Wappen wählen sich die Bürger der Stadt eine Faust, die Faust der Zerstörung. Soubeyrand benutzt Kafkas Parabel des Scheiterns als Gleichnis für den Verlauf der Geschichte im Allgemeinen.

Die Menschheit hat nichts aus der Geschichte gelernt. Und damit ist man dann schon mitten drin, in Heiner Müllers Historiendrama GERMANIA 3. Er gräbt die Schlächter und ihre bekannten und namenlosen Toten wieder aus. Ein Streifzug durch deutsche Geschichte von Preußen über Weimar nach Stalingrad und wieder zurück. Ein Exerzitium der Gespenster am toten Mann. Da stehen Teddy Thälmann und Walter Ulbricht an der Berliner Mauer auf Wacht, Stalin als wahnsinniger Macbeth sieht überall die Leichen seiner getöteten Gegner, und Hitler bläst im Führerbunker zur letzten Reise nach Walhall. Dazu erklingt Wagners Walkürenritt. Soubeyrand packt Müllers Texte in möglichst expressive Bilder, in denen die blutigen Führer des Volkes zwar erkennbar bleiben, aber wie überzeichnete Faschingsfiguren in Kostüm und Lametta chargieren.

Rosa Luxemburg hinkt vor ihren Mördern zum Klang von „Es blies eine Jäger wohl in sein Horn“ über die Bühne, deutsche Soldaten nagen geräuschvoll an den Knochen ihrer toten Kameraden, und russische Soldaten lesen Hölderlin aus dem Buch eines toten Deutschen, der ein Foto gehängter Partisanen bei sich trägt. Drei deutsche Offizierswitwen lassen sich von einem kroatischen SS-Mann mit der Axt umbringen, und russische Soldaten vergewaltigen die Frau eines KZ-Häftlings auf dem Tisch. Für die Rache des Heimkehrers gibt es Sibirien. „Willkommen in der Heimat Bolschewik“. Soubeyrand erspart dem Zuschauer nichts, wenn er Müllers in den Zeiten springendes Stück leicht gekürzt als Reigen makabrer ineinander übergehender Szenenfolgen inszeniert. Auf der Rückwand flimmern immer wieder Aufnahmen historischer Ereignisse, vom Band kommen bekannten Stimmen aus der Vergangenheit.

Das Jahr100Spektakel - GERMANIA 3 - Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – GERMANIA 3 Foto (C) Steffen Rasche

Die Reise geht weiter von den Nibelungen über die DDR bis zum Mauerfall im Bühnenbild einer abgeranzt grün gekachelten Küche, in der Rächerin Kriemhild und Mörder Hagen, im Kettenhemd auf sein Schwert gestützt, stehen, die DDR-Nomenklatura Karneval feiert, und ein abtrünniger Sohn wird von seinem Funktionärsvater verraten. Soubeyrand bedient sich hier bei Müllers Wolokolamsker Chaussee. Er streicht dafür die drei Brechtwitwen und mit dem Rosa Riesen einen bekannten Nachwendemörder. Die Westerben übernehmen schließlich wieder den alten Besitz, ein Spukschloss mit dunkler Vergangenheit. „Dunkel Genossen ist der Weltraum sehr dunkel“ – mit dem Gagarin-Zitat schließt dann auch das Stück recht pessimistisch. Als Hoffnungsschimmer schiebt Soubeyrand das wieder chorisch an der Rampe vorgetragene Brechtgedicht An die Nachgeborenen hinterher. Die anwesende Brecht/Schall-Familie und Ziehvater Wolf Biermann wirds gefreut haben.

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Während Manuel Soubeyrand bei Müller das Theaterblut noch weitestgehend in der Tube lässt, kommt es im zweiten Teil des Abends umso häufiger zum Einsatz. „Ich rieche Menschenfleisch“, ein Märchenzitat aus Müllers GERMANIA 3 könnte gut auch aus WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger von Werner Buhss stammen. Die einzige Uraufführung des Abends stand neben dem Fritz-Kater-Stück Vineta, Jan Neumanns Fundament und dem wortlosen Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz nach der ersten Pause zur Wahl. Neben Blut aus der Tube steht in WolfsWelt aber vor allem Menschenfleisch auf dem Speiseplan, gern auch mal roh durch den Wolf gedreht.

Autor und Übersetzer Werner Buhss, 1949 in Magdeburg geboren, veröffentlicht seit den 1980er Jahren regelmäßig Theaterstücke mit Bezug zur deutschen Geschichte der Vor- und Nachwendezeit. Als nach der Wende Heiner Müllers Wortquell weitestgehend versiegte, war Buhss einer seiner Nachfolger in Sachen Geschichtsaufarbeitung. Für Bevor wir Greise wurden, ein Volksstück nach Barlachscher Manier (1995 in Magdeburg uraufgeführt) erhielt er den Mühlheimer Dramatikerpreis. Auch da wabert Stalin (1953 gestorben) als untoter Geist durch die Fünfziger der jungen DDR. WolfsWelt ist dagegen ein Stück aus der Gegenwart, in die der Geist der Vergangenheit aber deutlich seine Spuren hineindrückt.

Das Jahr100Spektakel - WolsWelt - Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – WolfsWeltFoto (C) Steffen Rasche

Ort der Handlung ist eine Art versteinerter Wald, fast wie in einer Endzeitstimmung, die aber geistig an Tendenzen der Gewalt, des Fremdenhasses und humanistischen Werteverfalls unserer Zeit erinnern soll. Buhss packt das in die Form eines zynischen Märchens angelehnt an das Rotkäppchen der Gebrüdern Grimm. Der böse Wolf ist hier ein Vater, der seine beiden Söhne im Geiste des Paukbodens erzieht. Zucht durch Körperertüchtigung, Denksport und sonntägliches Spielen als Strategieübung. Ist der Alte bei Buhss noch klar als Burschenschaftler zu erkennen, lässt die junge Regisseurin Samia Chancrin die Schauspieler gleich als menschliches Wolfsrudel auftreten, denen Kostümbildnerin Jenny Schall Fellfetzen an die Anzüge geklebt hat. Reviermarkierung und -reinigung als Verteidigung der abendländischen Kultur mit Zähnen und Klauen. Für alle reicht es nicht.

Das moderne „Rotkäppchen mit den abgebissenen Fingernägeln“ heißt Hilde im roten Samtumhang. Ihre Geschichte der Befreiung aus dem Wolfsbauch wird zur chorisch durchchoreografierten Meisterleistung. Mit Hilde bricht der Trieb und die Eifersucht als neue Komponente in das Rudels ein, und somit die klare Hierarchie auf. Die Liebe überkommt erst den jungen Zweifler Götz, dann den älteren Bruder Hasso. „Die Liebe ist ein Verzehr des anderen.“ Die Saat des Zorns trägt bald ihre Früchte. Bevor die Brüder das Rotkäppchen zum Mord am verhassten Rudelführer bringen können, kommt der Brudermord. Als Anschauungsunterricht in kulinarischem Sexismus gibt es noch eine eingespielte TV-Kochshow.

WolfsWelt ist ein Stück wie aus Zitaten, Sprichwörtern und sozialdarwinistischem Vokabular zusammengeklebt. Nietzsche, Jünger, Hindenburg usw., Stahlgewitter, Verdun als Badekur – „Was mich nicht umbringt, macht uns stärker!“ Dazu müllert es an allen Ecken und Enden. „Der Boden muss mit Blut gedünkt werden.“ (siehe Stalin in GERMANIA 3) Man müsste das Stück aus dem strengen Korsett seiner abgegrenzten Spielszenen und pseudophilosophisch eingeschobenen Lyrik befreien, was Regisseurin Chancrin auch stellenweise gelingt. Sie findet immer wieder passende Bilder für den beschriebenen Gewaltkreislauf, in dem sich das Rudel schließlich in den eigenen Schwanz beißt. Ihn zu brechen, bedarf es sicherlich mehr als einer vegetarischen Diät. Mahlzeit. Buletten und Würstchen gabs in der Pause vom Barrikadengrill im Hof der Neuen Bühne.

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Brecht und Müller ziehen sich also wie ein roter Faden durch den Abend. Und auch im letzten Teil, der Live-Radio-Show zum Thema Politik, Widerstand und Hoffnung, wandelt Müllers Glückloser Engel mit weiten Schwingen über die Bühne und singt man Bertolt Brechts Legende vom toten Soldaten. In Form von Kalenderblättern erinnert das Ensemble an bedeutende Personen und Ereignisse sowie die beiden Weltkriege und Konflikte der letzten hundert Jahre wie in Irland, Vietnam oder Chile. Man gedenkt den Leitfiguren des Widerstands und der Hoffnung wie Georg Elser, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela, Salvador Allende und Víctor Jara. Dazu werden Songs über Revolte und Revolution von den Neville Brothers, The Cranberries, Tracy Chapman oder Ton Steine Scherben gesungen, aber auch das Lied der Moorsoldaten. Wie schon in GERMANIA 3 eine überzeugende Ensembleleistung.

Das Jahr100Spektakel - Keine Macht für Niemand Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – Keine Macht für Niemand
Foto (C) Steffen Rasche

Die Eckleuchten, oder besser Grubenlampen an der Neuen Bühne Senftenberg, die sich einst noch Theater der Bergarbeiter nannte, sind somit gesetzt. Mögen sie ein Licht aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft hinübersenden. Dafür steht mit „Der Traum ist aus“ auch ein weiterer Ton-Steine-Scherben-Song in der Radio-Show. Der lange Weg der Hoffnung führt hier am Ende Schritt für Schritt ins Paradies. Allerdings dachten Sänger Rio Reiser und Band wohl eher nicht an jenes, aus dem der Sturm des Fortschritts Walter Benjamins Engel der Geschichte unaufhaltsam in die Zukunft treibt, die aufgeschichteten Trümmer unserer Katastrophen hinter sich im Blick.

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Heiner Müller
Germania 3. Gespenster am toten Mann
Regie – Manuel Soubeyrand
Bühne – Gundula Martin
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit: Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Marianne Helene Jordan, Simon Elias, Jan Schönberg, Heinz Klevenow, Wolfgang Tegel, Robert Eder, Johannes May, Eva Kammigan, Eva Geiler, Sybille Böversen, Catharina Struwe

Werner Buhss
WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger (UA)
Regie – Samia Chancrin
Bühne – Saskia Wunsch
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit:
Götz – Tom Bartels
Hasso – Friedrich Rößiger
Hilde, Wolfgang, Hausfrau – Marlene Hoffmann
Vater, Koch – Franz Sodann
Kind – Dae Enn Rößiger
Kinderstimme – Emilia Heimburger
Kinderstimme – Jessie Thieme
Kinderstimme – Lenie Thieme

Heiner Kondschak
Keine Macht für Niemand
Lieder über Politik, Widerstand und Hoffnung
Musikalische Leitung/Regie – Alexander Suckel
Bühne – Gundula Martin
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit: Tom Bartels, Alrun Herbing, Marlene Hoffmann, Marianne Helene Jordan, Roland Kurzweg, Hanka Mark, Friedrich Rößiger, Catharina Struwe, Wolfgang Tegel

Weitere Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/das-jahr100spektakel.html

Zuerst erschienen am 01.10.2014 auf Kultura-Extra.

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Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

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Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

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Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

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Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

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Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

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Mit Zement von Heiner Müller in einer Inszenierung von Dimiter Gotscheff ist am Freitag das 51. Theatertreffen eröffnet worden.

Sonntag, Mai 4th, 2014

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Die Berliner Festspiele richten dem im letzten Jahr verstorbenen Regisseur während ihrer Leistungsschau der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen des deutschsprachigen Theaters einen Fokus aus.

Ein Fokus auf Dimiter Gotscheff Foto: St. B.

Ein Fokus auf
Dimiter Gotscheff
Foto: St. B.

Am Freitagabend hat sich wiedermal im Haus der Berliner Festspiele der Vorhang für die 10 bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Theaterraum gehoben. Und das Theatertreffen wird nicht wie im vergangenen Jubiläumsjahr selber feiern, sondern noch einmal einem bemerkenswerten, vielgeliebten und verehrten Theatermenschen huldigen, der sich Ende Oktober letzten Jahres für immer von der Bühne verabschiedet hat. Dimiter Gotscheff verstarb unerwartet und mit 70 Jahren, ähnlich wie sein großes Vorbild Heiner Müller, viel zu früh. Die Berliner Festspiele richten noch einmal den Fokus auf dem großen Theatergrübler Gotscheff. Der Regisseur ist fünfmal mit seinen Inszenierungen zum Theaterreffen eingeladen worden. Bunt ist die Palette der Autoren. Darunter Strindberg am Schauspiel Köln, Koltès und Tschechow an der Berliner Volksbühne, und Molière am Thalia Theater Hamburg. Zumeist standen dabei die Schauspieler der mit ihm kreativ verbandelten, sogenannten Gotscheff-Familie auf der Bühne.

Und sie waren allesamt gekommen, um ihr Oberhaupt noch einmal hochleben zu lassen. Den „Nagel“ des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, den er als TT-Trophäe gestiftet hatte (ein in Bronze gegossener Armierungsstahl aus den eingestürzten Gebäuden des großen Erdebebens in der Provinz Sichuan), bekam dann auch nicht der Intendant des Residenztheaters Martin Kušej, sondern Gotscheffs Witwe Almut Zilcher. Sie gab den sofort liebevoll „Totschläger“ genannten Preis als Wanderpokal ans Ensemble weiter, das den Wurm ja dann auch durchaus weiter zersägen könne.

Alexander Kluge - Foto: St. B.

Alexander KlugeFoto: St. B.

Vor der Aufführung der Eröffnungsinzenierung von Heiner Müllers Stück Zement ergriff der Autor und Filmemacher Alexander Kluge das Wort. Müllers Texte bezeichnet der langjährige Chronist seiner mit dem Berliner Dramtiker geführten Gespräche als den Einbruch der Wirklichkeit in das Theater, als Ort für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Müller und sein Regisseur Gotscheff lassen die Toten der Geschichte darin sprechen. Und daher fehlen sie auch dem Theater heute, das der Indendant der Berliner Festpiele Thomas Oberender zuvor noch als ein Medium der Morgenröte bezeichnet hatte. Die beiden schmerzlichst Vermissten müssten weiter neue Stücke schreiben und inszenieren. Ein fast schon verzweifelter Anruf der Toten.

Mit dem von ihm verehrten und meistinszenierten Autor Heiner Müller ist Dimiter Gotscheff bisher noch nie zum Theatertreffen eingeladen worden. Der Zufall will es nun, dass seine allerletzte Arbeit ausgerechnet auch seine jüngste Auseinandersetzung mit seinem Leib- und Magenautor war. Für das Residenztheaters München inszenierte Gotscheff im Mai 2013 Heiner Müllers nachrevolutionäres, russisches Revolutionsdrama Zement. Zur entfernten Verwandtschaft in München zählen nicht erst seit gestern auch Valery Tscheplanowa, Bibiana Beglau und Sebastian Blomberg. Sie bilden hier die Gotscheff-Kernfamilie, die in diesem Fall auch die in Heiner Müllers Bühnenadaption des 1925 erschienenen Romans von Fjodor Gladkow aus der Zeit der jungen Sowjetmacht ist.

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Der heimgekehrte rote Bürgerkriegsheld und Schlosser Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg) hat schwer an seiner Vergangenheit und an neuen Steinen, die ihm verschiedentlich durch die Vertreter der alten und neuen Macht in den Weg gelegt werden, zu tragen. Er soll die kaputte Zementfabrik wieder einer fruchtbaren Produktion zuführen. Über die hat sich der Rost der unproduktiven Jahre gelegt, und die Hallen sind von den Bauern für ihre Ziegen und Schafe geleert worden. Es regiert der Bauch. Seine einst liebende Frau Dascha (Bibiana Beglau) hat sich in einen Eisblock verwandelt. Das Kind ist im Heim, das Haus kalt und leer. Brotrationen gibt es nur für Registrierte. Daschas neues Zuhause ist das Exekutivkomitee und die Organisation der Frauen im Dorf. Sie lebt nur noch für die Idee, die auch körperlich ganz in sie gedrungen ist. Auf Glebs staubigem Soldatenmantel werden hart die neuen Regeln des Zusammenlebens verhandelt. Wer fragt das Pferd, wann es geritten werden will? tönt der Mann. Wenn du frierst heiz dich mit Arbeit, erwidert die Wissende. Die Privilegien, Krieger sind abgeschafft. Der Tod ist für alle. Gleb wird Daschas bitteres Geheimnis noch erfahren.

ZEMENT/Residenztheater München Foto © Armin Smailovic

ZEMENT/Residenztheater München
Foto © Armin Smailovic

Die Bühne ist ein schräges, graues Quadrat, das sich in die Senkrechte heben lässt. Die Toten war­ten auf der Gegenschräge / Manchmal hal­ten sie eine Hand ins Licht / Als leb­ten sie. Bis sie sich ganz zurück­zie­hen / In ihr gewohn­tes Dunkel das uns blen­det. Diese Zeilen von Heiner Müller, werden hier ganz Bild. Wie Schatten aus vergangenen Tagen zeichnen sich die Reste eines antiken Mosaiks auf dem Bühnenboden ab, die auch die Schatten von Fundamenthülsen für einen Neuaufbau sein könnten. Ein mythologisches Fundament auf den Knochen der Toten. Man muss die Toten ausgraben wieder und wieder. Zu Beginn klingt die Stimme Dimiter Gotscheff mit Worten aus Heiner Müllers Langgedicht Mommsens Block vom Band aus dem Off.

Die weiß gekalkten Müller’schen Toten werden hier von zwölf Studierenden der Otto-Falckenberg-Schule und der Theaterakademie August Everding in aschgrauen Kleidern und Masken dargestellt. Sie umringen lauernd die Bühnenschräge, turnen darüber oder stampfen darauf im Takt der Kommandos von Gleb Tschumalow beim Bau des Zementwerks. Kalk und Asche erzählen von Unterdrückung und Revolution, Sieg, Niederlage und Tod. Njurka, das später im Heim verhungerte Kind der Tschumalows dient Gotscheff als Vermittler zwischen den Lebenden und Toten. Er stellt die Figur, die bei Müller nur in den Dialogen der Eltern vorkommt, ins Zentrum seiner Inszenierung. Valery Tscheplanowa spricht die mythologischen Kommentartexte von Herakles, der Hydra und der Befreiung des Prometheus. Sie bricht Müllers pathetische Sprache aber auch immer wieder mit russischen Liedern auf. Was für den sonst ziemlich werktreu arbeitenden Regisseur Gotscheff sicher einen Bruch mit Müllers Anweisung, die Kommentare nicht von den handelnden Personen zu trennen, bedeuten musste, ist aber letztendlich ein Glück für seine Inszenierung.

Überhaupt ist dies eine großartige Ensembleleistung geworden. Als hätten sich alle noch einmal für ihren Regisseur in Zeug geworfen. Sei es Aurel Manthei als aasiger Vorsitzender Badjin, Glebs Gegenspieler, oder Paul Wolff-Plottegg als Ingenieur Kleist, der ihn einst verriet und dessen Kopf er nun für den Wiederaufbau braucht. Bedrückend die Szene in der Simon Werdelis als junger Makar einverstanden mit seiner Erschießung in den Tod geht und dabei noch einmal das frisch gelernte Alphabet aufsagt. Um dann wenig später wieder als wahnwitziger weißer Offizier Dimitri Iwagin über die Bühne zu irrlichtern. Nicht zu vergessen natürlich Genija Rykova als Polja Mechowa und Lukas Turtur als Sergej Iwagin, das zweite idealistische Revolutionspärchen, für das es nach den großen Parteisäuberungen nicht gut aussieht. „Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen. Der Aufstand der Toten wird der Krieg der Landschaften sein.“ Gotscheff bringt hier zum Schluss noch einmal Müllers Text aus dem Auftrag ins Spiel. Ein nun doppeltes Vermächtnis.

ZEMENT/Residenztheater München Foto © Armin Smailovic

ZEMENT/Residenztheater München
Foto © Armin Smailovic

Sei es nun Zufall oder nicht, das Residenztheater ist gleich mit noch einer Inszenierung, die neben dem Romanautor Louis-Ferdinand Célineauch wieder ausführlich Heiner Müllers Auftrag zitiert, beim Theatertreffen vertreten. Volksbühnenchef Frank Castorf auf Abwegen in München hat mit Reise ans Ende der Nacht nun ein Heimspiel in Berlin. In seinem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wird es auch am 5. Mai ein Wiedersehen mit Dimiter Gotscheffs Tschechow-Inszenierung Iwanow geben. Das Deutsche Theater, leider wiedermal ohne Einladung zum TT, ist seit Jahren Gotscheffs künstlerische Heimat. Am 4. Mai ist hier seine schelmische Heiner-Müller-Verdichtung Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten / Mommsens Block zu sehen und am 9. Mai dann den damals von der Theatertreffen-Jury verschmähten, mittlerweile legendären Run von Samuel Finzi und Wolfram Koch um eine Wand in Aischylos‘ Persern. Komplettiert wird der Fokus zu Ehren Dimiter Gotscheffs am 4. Mai mit dem Filmportrait Homo ludens im Deutschen Theater, einer Ausstellung im oberen Foyer des Berliner Festspielhauses und einer Party mit Mitkos Liedern im Anschluss an die Zementvorstellung am 3. Mai.

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Zement
von Heiner Müller
Regie: Dimiter Gotscheff
Bühne und Kostüme: Ezio Toffolutti
Musik: Sandy Lopićić
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Andrea Koschwitz

Mit:
Valery Tscheplanowa… Njurka
Sebastian Blomberg… Gleb Tschumalow
Bibiana Beglau… Dascha Tschumalowa
Aurel Manthei… Badjin
Lukas Turtur… Sergej Iwagin
Genija Rykova… Polja Mechowa
Paul Wolff-Plottegg… Kleist
Götz Argus… Tschibis
Simon Werdelis… Makar, Dimitri Iwagin

Chor:
Lena Eikenbusch
Konstanze Fischer
Daniel Gawlowski
Jonas Grundner-Culemann
Thomas Hauser
Simon Heinle
Ines Hollinger
Lukas Hupfeld
Johanna Küsters
Judith Neumann
Klara Pfeiffer
Philipp Reinhardt
Anna Sophie Schindler

Premiere am Residenztheater war am 05. Mai 2013
Vorstellungsdauer: ca. 3 Stunden 15 min., eine Pause

Termine beim Theatertreffen:
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
FR 02.05.2014, 19:30 & SA 03.05.2014, 18:00

weitere Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/zement

Das TT-Logo der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Das TT-Logo der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

Die weiteren eingeladenen Inszenierungen:

Amphitryon und sein Doppelgänger
Schauspielhaus Zürich
Deutsches Theater Berlin
SA 03. & SO 04.05.2014, 19:30

Onkel Wanja
Schauspiel Stuttgart
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
MO 05. & DI 06.05.2014, 19:30

Fegefeuer in Ingolstadt
Münchner Kammerspiele
Hebbel am Ufer / HAU1
MI 07.05.2014, 20:00 & DO 08.05.2014, 16:30 & 20:00

Reise ans Ende der Nacht
Residenztheater, München
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
DO 08.05.2014, 19:00 & FR 09.05.2014, 18:00

tauberbach
Münchner Kammerspiele / les ballets C de la B, Gent / NT Gent
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
SA 10.05.2014, 19:30 & SO 11.05.2014, 18:00

Die letzten Zeugen
Burgtheater, Wien
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
DI 13.05.2014, 19:00 / MI 14. & DO 15.05.2014, 19:30

Ohne Titel Nr. 1 // Eine Oper von Herb…
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
MI 14. & DO 15.05.2014, 19:30

Die Geschichte von Kaspar Hauser
Schauspielhaus Zürich
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
SA 17. & SO 18.05.2014, 19:30

Situation Rooms
Rimini Apparat / Ruhrtriennale
Kann aus terminlichen Gründen nicht gezeigt werden
Am Berliner HAU wieder im Dezember 2014

Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/theatertreffen/ueber_festival_tt/aktuell_tt/start.php

Zuerst erschienen am 30.04. 2014 auf Kultura-Extra.

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„Auf hoher See“ von Sławomir Mrożek und „Philoktet“ von Heiner Müller in einer weiteren Doppelpremiere am bat-Studiotheater der HfS „Ernst Busch“

Montag, Februar 24th, 2014

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Delikater Zickenkrieg auf hoher See.

Sławomir Mrożek, 2006 – Foto: Mariusz Kubik (Wikimedia Commons)

Sławomir Mrożek, 2006
Foto: Mariusz Kubik (Wikimedia Commons)

Dem im letzten Jahr 83jährig verstorbenen polnischen Schriftsteller und Dramatiker Sławomir Mrożek wurde in zahlreichen Nachrufen immer wieder bescheinigt, ein glänzender satirischer Erzähler zu sein, der mit viel Witz und geschliffenen Formulierungen den Absurditäten unserer Wirklichkeit zu Leibe rückte. Mit seinen gesellschaftssatirischen Theaterstücken Die Polizei, Tango, Striptease oder Die Emigranten feierte er in den 1960er und 70er Jahren auch in Deutschland große Erfolge. Sein etwas in Vergessenheit geratener Einakter Auf hoher See taucht auch heute immer mal wieder auf den Spielplänen kleiner deutschsprachiger Studiobühnen auf. Gute Voraussetzungen also für eine Neuinszenierung am bat-Studiotheater der HfS „Ernst Busch“.

In der Regie von Rebecca Charlotte Bussfeld sind (wie bei Mrożek) nicht etwa drei Männer in den Hauptrollen zu sehen. Der dicke, der mittlere und der schmächtige Schiffbrüchige werden hier von den Schauspielschülerinnen Carolin Hartmann, Deleila Piasko und Mariananda Shemp gespielt. Und wie zur Bestätigung dessen läuft zum Einlass die Dance-Hymne „We Are Girls“ des schwedischen Pop-Duos Rebecca & Fiona. Auf einem schräg abgesägten Containerdach mit halb erkennbarem Markenaufdruck eines führenden Lebensmittelherstellers bewegen sich die drei wie zur Disco Kostümierten auf Balance-gefährdenden High Heels zu den Rhythmen des Songs auf schiefen Ebenen. Verteilt über das Dach liegen Reste der konsum- und unterhaltungsorientierten Wegwerfgesellschaft wie Popcornkartons und Schokoriegel.

Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 2Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 3Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 1Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 4

Auf hoher See. Fotos (c) Magdalena Bichler

Die letzten Büchsen mit Kalbsfleisch und Erbsen sind zur Neige gegangen. Den aus nicht näher erläuterten Gründen auf diesem Floß gefangenen Damen verlangt es nach Essen. Verblüffende Erkenntnis: „Wir müssen nicht etwas, sondern jemanden essen.“ Nach fehlgeschlagenem diktatorischem Gehabe der größten Dame, Appellen an die Gerechtigkeit und den Kameradschaftsgeist einigt man sich schließlich auf eine demokratische Abstimmung mit obligatorischen Wahlkampfreden. Aber auch der abstruse Versuch eines als überlebt erachteten Parlamentarismus bringt nicht die erwünschte Entscheidung. Schönrednerische Posen wechseln mit Sticheleien und kleineren Boxkämpfen. Für zusätzliche Verwirrung der Protagonisten und weiteren Spaß sorgen Kurzauftritte von Nele Sommer als unverhoffte Telegrammzustellerin und Nanny.

Einen Hauch zivilisatorischen Grundgebarens hat frau sich also in dieser aberwitzigen Situation noch bewahrt und versucht diesen schönen Schein auch bis zum bitteren Ende konsequent aufrechtzuerhalten. Wer hier nun die Stärkere, die Mitläuferin oder das vermeintliche Opferlamm ist, bleibt dabei noch weitestgehend offen. Bevor man dann über das auserkorene Opfer herfällt, muss es sich erst selbst dazu erklären. Die freiwillige Einsicht in die Notwendigkeit und eine höhere (wenn auch eingeredete) Wahrheit bringt schließlich die Entscheidung. „Ich bringe es noch zu etwas“, zumindest im Opfertod. Den drei Darstellerinnen gelingen hier einige bizarre Einblicke in menschliche Charaktereigenschaften. Allerdings wird die politische Dimension von Mrożeks Satire dabei nicht wirklich erreicht und auch das Besondere an diesem Zickenkrieg muss uns die Regie schuldig bleiben.

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Lüge oder absolute Wahrheit? In Troja ist dein Tisch gedeckt.

Heiner Müller - Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-047 - Link, Hubert - CC-BY-SA (Wikimedia)

Heiner Müller
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-047 – Link, Hubert – CC-BY-SA (Wikimedia Commons)

Nach den Damen und einer kurzen Pause sind die Herren der Schöpfung an der Reihe. Sławomir Mrożeks Satire Auf hoher See mit Heiner Müllers düsterer Tragödie Philoktet zu kombinieren, scheint nur auf den ersten Blick etwas abwegig. Heißt es doch da im Prolog: „Sie sind gewarnt. Sie haben nichts zu lachen. / Bei dem, was wir jetzt miteinander machen.“ Müllers Stück über Lüge, Demagogie und Manipulation steht aber in seiner Aktualität Mrożeks zeitlos gültiger Parabel auf menschliches Verhalten in nichts nach. Auch hier geht es letztendlich um die Einsicht zu einer Grundsatz-Frage.

In Müllers Übertragung der Tragödie des Sophokles versucht der schlaue Ideologe Odysseus mit Hilfe des Neoptolemos, Sohn des Achills, den einst von ihm verwundet auf der Insel Lemnos ausgesetzten Philoktet wieder auf Linie zu bringen. Der Bogenschütze mit seinen Pfeilen des Herakles wird im Endkampf um Troja gebraucht. Also muss der nun die Griechen Hassende mit List vom großen, gemeinsamen Ziel überzeugt werden. Bei einem kleinen Vorspiel wird dem wartenden Publikum erstmal mittels eines coolen Take-Five-Jams nach Dave Brubeck, bei dem die fünf Schauspieler in den Zuschauerreihen sitzen, Müllers kurzer Prolog dargebracht. Eine böse Clowneske aus der Vergangenheit, ohne Lehre und Moral, als der Mensch dem Menschen noch ein Todfeind war. Dass Müller dabei wie immer auf eine vermeintlich fatale, geschichtliche Allgemeingültigkeit zielte, steht außer Frage.

Die ersten Sätze werden dann chorisch aus dem Dunkel gesprochen, nur ein Scheinwerfer blendet das Publikum. Die strenge Dreierkonstellation des Stücks löst Regisseur Marcel Kohler zu Gunsten von fünf in den Rollen wechselnden Darstellern (Philipp Kronenberg, Nils Rovira-Munoz, Lukas Schrenk, Sebastian Schneider und Nils Strunk) auf. So, relativ frei von fester Personenzuschreibung agierend, ergeben sich für die Protagonisten immer wieder neue spannungsgeladene Konstellationen. Die Rolle des Demagogen, des Verführten („… ein Helfer, der lügt“) und des Abtrünnigen wechseln beständig und lassen dadurch keine klare Identifikation zu. Jeder ist verwickelt in das Spiel um Lüge und absolute Wahrheit.

 

Philoktet. Grafik (c) Philipp Kronenberg

Philoktet. Grafik (c) Philipp Kronenberg

Bei einer trunkenen Verbrüderungsszene tanzen alle Kämpfer ausgelassen zu griechischer Musik. Neoptolemos steht dann zunächst noch allein gegen eine ganze Philoktet-Gruppe. Nachdem er den begehrten Bogen errungen hat, kehrt sich diese Konstellation plötzlich um. Nun steht Philoktet allein, in einer Art schiefem Metallquader gefangen. Der jeweilige Odysseus bleibt bei all dem meist auffällig im Hintergrund. Im Disput mit Philoktet und Odysseus wechselt der schwache Neoptolemos mehrfach die Seiten. In einem starken Solo zu Rockmusik bewegt sich der Betrogene Philoktet voll Rachedurst, alle Möglichkeiten innerlich abwägend, wie rasend im Geviert. Der Rest der Gruppe wartet dabei still auf das Ende dieser Raserei. Doch Zeit ist Mörderin und der Gruppendruck wächst. Ein athletischer Stangenkampf ist die Folge.

Seinen Wankelmut endgültig korrigierend, tötet Neoptolemos schließlich Philoktet hinterrücks auf dessen Höhepunkt, der Demütigung des Odysseus. Der kann ihn daraufhin wieder für sich instrumentalisieren, und sei es als Schutzschild oder toten Märtyrer. Ein Regen aus scheppernden Blechmasken und bekannten Parolen unserer Zeit (Yes, We Can!) weisen den Weg von Troja bis zum Hindukusch. Ein jederzeit spannungsgeladenes Spiel, das es nicht ganz ohne Witz versteht, uns den schwierigen Dramatiker Heiner Müller mal wieder etwas näher zu bringen.

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bat-Studiotheater - HfS Ernst Busch

bat-Studiotheater – (c) HfS Ernst Busch

Auf hoher See
Regie: Rebecca Charlotte Bussfeld
Bühne und Kostüm: Elisabeth Wendt
Dramaturgie: Tina Ebert
Musik: Tom Virkus
Es spielen: Carolin Hartmann, Deleila Piasko, Mariananda Shemp und Nele Sommer

Philoktet
Regie und Bühne: Marcel Kohler
Musik: Alex Semrow
Dramaturgie: Josephine Tietze
Es spielen: Philipp Kronenberg, Nils Rovira-Munoz, Lukas Schrenk, Sebastian Schneider und Nils Strunk

Die Doppelpremiere war am 21. Februar 2014.

letzte Doppelpremiere vom  31. Januar 2014

Weitere Infos: http://www.bat-berlin.de/spielplan-archiv/

Zuerst erschienen am 23.02.2014 auf Kultura-Extra.

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