Archive for the ‘Heiner Müller’ Category

„DER SPUK IST NICHT VORBEI“ – Ein Fest für Heiner Müller am Berliner Ensemble

Sonntag, Januar 12th, 2014

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Heiner Müller ( ) - Foto: St. B.

Heiner Müller (9.1.1929 – 30.12.1995) – Foto: St. B.

Nach dem Tod Heiner Müllers wurden am Berliner Ensemble tagelang fast ununterbrochen die Texte des verstummten Dichters, Dramatikers und Regisseurs gelesen. Am Hause Brechts, das Müller nach der Wende einige Jahre mit leiten durfte und an dem seit fast 15 Jahren Claus Peymann residiert, findet man sich nun im gerade begonnen neuen Jahr zu einer kurzen Wiederbelebung auf Zeit ein. „Der Spuk ist nicht vorbei“ – Ein Fest für Heiner heißt der Abend, zu dem Brigitte Maria Mayer, Fotografin und letzte Ehefrau Müllers, anlässlich seines 85. Geburtstags geladen hat. Auf dem Programm stehen Lesungen, Filme und Gespräche, quer verteilt über das Gelände der letzten Wirkungsstätte Heiner Müllers.

Und während auf der großen Bühne des BE Martin Wuttke noch den aufhaltsamen Aufstieg eines von Brecht karikierten „Gröfaz“ gibt – seine Stimme schrillt aus dem Lautsprecher vor dem Kassenfoyer – , füllt sich langsam der zur Heiner-Müller-Bar umfunktionierte Pavillon im Hof. Interessiertes Volk trifft auf geballte Heiner-Müller-Kompetenz. Die Menge wartet auf Ansagen und hält sich mit Getränken bei Laune. Es wird viel getrunken und zu viel geraucht. „Im ächten Manne / ist ein Kind versteckt / das will sterben.“ Aber wie der Dichter auch schrieb: „der tod ist das einfache sterben kann ein idiot“. Derweil beginnt fast unbemerkt der erste Teil des Abends, und endlich strömt dann doch noch alles die Treppe zur Probebühne hinauf.

Programm

(C) http://www.berliner-ensemble.de

Oben sitzt man dicht gedrängt und sieht den Meister auf der Leinwand, Whiskey trinkend, Zigarre rauchend. Ein Anblick für sich, wie Genießer Müller das „Lebenswasser“ im Mund abschmeckt und weiße Wölkchen ausbläst. Und natürlich spricht. Wir sehen und hören Heiner Müllers Gespräche mit Filmemacher und Produzent Alexander Kluge. Sorgfältig dokumentiert und aufgearbeitet liegen sie in filmischer und schriftlicher Form vor (http://muller-kluge.library.cornell.edu/de/videos.php). Als des Dramatikers Schreibquell versiegte, begann jener der mündlichen Überlieferung zu sprudeln. Es geht um Politik, das Theater, Macht, Mythen, Wahnsinn und den Tod. Müller spricht davon, dass das Theater die Toten begraben muss. „Unheil muß auf dem Theater solange wiederholt werden, bis dieses Unheil müde wird.“

Die Filme tragen Titel wie Theater der Finsternisse oder Der Tod des Seneca, dem Müller ein langes Prosagedicht widmete und an ihm die vergeblichen Bemühungen der Intelligenz an der Erziehung der Machthaber beschrieb. Er referiert über Mitleid, Genuss, Sucht und den Unterschied zwischen Appetit und Fressgier in der Kunst. Ein anderer heißt Die Welt ist nicht schlecht, sondern voll. Von der These des antiken Griechenlands, dass es nicht mehr Plätze für Lebende geben kann, als es Tote gibt, schließt Müller darauf, dass es auf jeden Platz in dieser Welt drei bis zwölf Anwärter gibt. Das bedingt wiederum „ein bestimmtes Quantum von Gewalt einzuhalten, damit der Betrieb funktioniert.“ Die realen Auswirkungen sind bekannt.

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„Die Toten warten auf der Gegenschräge
Manchmal halten sie eine Hand ins Licht
Als lebten sie. Bis sie sich ganz zurückziehn
In ihr gewohntes Dunkel das uns blendet.“

So heißt es in DRAMA, einem der vielen Gedichte Heiner Müllers aus dem Jahr seines Todes. Gelesen werden sie von Schauspielern, Kulturschaffenden und einigen Prominenten der Berliner Kunstszene wie Dagmar Manzel, Jenny Erpenbeck, Hermann Beil oder Jürgen Flimm. Leider fast parallel zu den im Rang-Foyer des Haupthauses stattfindenden kleinen szenischen Aufführungen von Fragmenten einiger seiner bekanntesten Stücke, so dass man sich wohl oder übel für eines von beiden entscheiden muss.

Gregor Gysi gibt die Einführung im BE-Foyer. Der gekürte Redner des Jahres liest einen unveröffentlichten Müller-Text, den dieser ihm einst im Wartezimmer seiner Kanzlei geschrieben hatte. Herausgekommen ist bei dieser kleinen Fingerübung aber nicht etwa nur bloße Vorzimmerrhetorik. Besuch bei einem älteren Staatsmann ist ein Text, der es in sich hat und mit der Erkenntnis schließt: „Als Hitler vor Stalingrad der Treibstoff ausging, begann der Golfkrieg.“

Corinna Harfouch und Sambrin Tambrea in Quartett von Heiner Müller - Foto: St. B.

Corinna Harfouch und Sabin Tambrea in Quartett von Heiner Müller – Foto: St. B.

Müllers Stücke werden öfter im Ausland gespielt als in Deutschland. Das beweisen bevorstehende Premieren in den USA, Brasilien, den Niederlanden und Italien. Die letzte Müller-Premiere in Deutschland besorgte der kürzlich verstorbene Dimiter Gotscheff mit Zement am Residenztheater München. Im BE-Foyer geben Felix Tittel den Tschumalow und Larissa Fuchs die Polja. Sie will sich nicht abhalten lassen von ihrer revolutionären Pflicht. „Im Fett ersticken wird die Revolution.“ Leidenschaft gegen das Gebot einer Atempause. Keine Pause gönnen sich Corinna Harfouch mit Sonnenbrille im Rollstuhl und Sabin Tambrea, ein gegelter Beau im Anzug, als Merteuil und Valmont in Müllers Geschlechterdrama Quartett. „Jedes Wort reißt eine Wunde. Jedes Lächeln entblößt einen Fangzahn … Die Schauspielkunst der Bestien.“ Gedoppelt, Rücken an Rücken, im großen Spiegel des Saales.

Eher stoisch und pragmatisch tragen die Herren Hermann Beyer, Robert Gallinowski und Thomas Quasthoff als Debuission, Galloudec und Sasportas sitzend ihren Auftrag vor. „Unser Platz ist der Käfig, wenn unsere Masken reißen vor der Zeit.“ Als stolzes Dreigestirn der Weiblichkeit treten danach Andrea Hanna Hünniger, Else Buschheuer und Olga Grjasnowa in der Hamletmaschine auf. „Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr … Nieder mit dem Glück der Unterwerfung.“ Und der junge Christian Sengewald ist last but not least ein einsamer Argonaut in den Weiten der leeren Klappstuhllandschaft des Berliner Ensembles. „JEDES STUHLBEIN LEBT EIN HUND … DO YOU REMEMBER DO YOU NO I DONT“

Wem das alles zu hochtrabend oder pathetisch ist, lässt sich in der Müller-Bar im Pavillon des BE einfach von Anekdoten und Schnurren seiner Mitstreiter und Wegbegleiter unterhalten. Unter ihnen Frank Hörnigk, der Herausgeber der Heiner-Müller-Werkreihe, der Dokumentarfilmer Thomas Heise und der Berliner Dramatiker Lothar Trolle. Draußen im Hof schrecken nach 23 Uhr noch einmal kurz Polizeisirenen das versammelte Müller-Volk aus der nostalgischen Schwärmerei. Ein armer Geiger will einem berühmten Konzertpianisten sein Herz zu Füßen legen. Nur dass er es sich allein nicht aus der Brust zu reißen vermag. Herzstück ist das Satyrspiel des Heiner-Müller-Marathons. BE-Oldie Roman Kaminski und Jungstar Sabin Tambrea spielen es. Bei der nun folgenden Notoperation am offenen Herzen kommt schließlich ein Ziegelstein zum Vorschein. „Aber es schlägt nur für Sie.“ ist der Ausruf des unbeirrten Bewunderers.

Sabin Tambrea und Roman Kaminski in Herzstück  - Foto: St. B.

Sabin Tambrea und Roman Kaminski in Herzstück
Foto: St. B.

Müllers Herzkranzgefäss hat dem Sturm der Jahre zu trotzen gewusst. „Gewitter im Gehirn Blei in den Adern / Was du nicht wissen wolltest ZEIT IST FRIST.“ Diese Frist war am 30. Dezember 1995 endgültig abgelaufen. Die Nacht im Hof des BE ist mild, nur hier und da ein paar verirrte Regentropfen. „TRÄNEN SIND UNPHILOSOPHISCH / DAS VERHÄNGTE MUSS ANGENOMMEN WERDEN – Und der aufkommende Wind weht es weiter.

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DER SPUK IST NICHT VORBEI
Ein Fest für Heiner
Zum 85. Geburtstag von Heiner Müller
Berliner Ensemble (9. Januar 2014)
Szenische Lesungen, Film & Poesie, Bar & Anekdoten
mit Texten von Heiner Müller
Künstlerische Leitung: Brigitte Maria Mayer
Mit Schauspielern, Schriftstellern, Politikern, Kollegen und Weggefährten

weitere Fotos auf facebook

zuerst am 11.01.14 auf Kultura-Extra erschienen

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Die Theaterkapelle im Friedrichshain schließt nach sieben Jahren zum 01.01.2014. Das bittere Ende eines weiteren Kapitels engagierten und freier Theaterarbeit in Berlin.

Samstag, Dezember 28th, 2013

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Die Theaterkapelle in Berlin-Friedrichshain. - Foto: St. B.

Die Theaterkapelle in Berlin-Friedrichshain. – Foto: St. B.

Just zu Weihnachten erreichte uns via Facebook die letzte traurige Nachricht des Jahres. Die Theaterkapelle in Berlin-Friedrichshain muss aufgeben. Nach sieben Jahren unermüdlicher kreativer, künstlerischer und politischer Arbeit wird wieder ein freies, engagiertes und unabhängiges Theaterprojekt in Berlin beerdigt. Erst im letzten Jahr war es das Theater im Schokohof (TISCH) in der Ackerstraße, das den Betrieb mangels Räumlichkeiten einstellen musste. Auch die Theaterkapelle hatte bereits seit geraumer Zeit finanzielle Probleme. Bereits seit Jahren fehlte für die notwendige Sanierung der Spielstätte am Eingang des Georgen-Parochial-Friedhofs in der Boxhagener Straße das Geld und ein großer Teil der 25.000 € Spielstättenförderung des Senats mussten für die Instandhaltung des aus dem Jahr 1876 stammenden Gebäudes aufgewendet werden.

Der Grund für den nun plötzlichen Tod ist, dass sich die Bedingungen für die Spielstättenförderung 2014 vom Senat geändert haben, wie es in der Presseerklärung der Leitung der Theaterkapelle heißt. Christina Emig-Könning, Regisseurin und künstlerische Leiterin der Theaterkapelle, erläutert darin das Problem so: „Die Spielstättenförderung des Senats für das nächste Jahr war an die Forderung geknüpft, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zusätzlich 10.000 € bereitstellt. Der Bezirk war davon aber völlig überrascht und konnte trotz vieler Bemühungen kein Geld auftreiben.“ Das entstandene Defizit ließ sich auch nicht mehr mit Spenden und der Suche nach Sponsoren auszugleichen.

„Der Mund entsteht mit dem Schrei.“

Heiner Müller (09.01.1929 – 30.12.1995)
NACHTSTÜCK, aus: Germania Tod in Berlin

heiner-muller_stadtbibliothek-chemnitz_sw.jpgSo wird die kleine, freie Theaterszene Berlins wieder um ein Stück ärmer. Ein weiterer Beweis dafür, wie der Senat mit seinen viel gerühmten Künstlern tatsächlich umgeht. Aber wie sagte schon Heiner Müller „Der Tod ist ein Irrtum.“ und „alle geglückten Beerdigungen müssen mißlingen“. Der Geist des Hausheiligen der Theaterkapelle spukte hier neben anderen bekannten Autoren wie Georg Büchner, Franz Kafka, Werner Schwab oder auch vielen jungen Nachwuchstalenten durchaus öfter durch Kapelle und Gewölbekeller. Denn, um den Song von Bob Dylan aus Leander Haußmanns Hamlet-Inszenierung im BE aufzunehmen, „Death Is Not The End“.

In diesem Sinne bitten die Macher nun zu einem letzten Tango in Berlin. Am 30.12.13 findet in den Räumen der Theaterkapelle ein Heiner Müller Nacht statt. zum 18. Todestag des Dichters und Dramatikers werden sein Stück „Quartett“ in der Inszenierung von Christina Emig-Könning, der Monolog „Der Mann im Fahrstuhl“ aus dem Stück „Der Auftrag“ aufgeführt und unter dem bitteren Motto WennIchSchonSterbenMuss Texte von Inge Müller gelesen. Es ist allen Machern und Mitstreitern des Projekts „Theaterkapelle 10245“ zu wünschen, dass sie ihre ambitionierte Arbeit unter anderen, günstigeren Bedingungen bald wieder aufnehmen können.

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Programm unter: http://www.theaterkapelle.de/heiner-mueller-nacht.html

Theaterkapelle auf facebook: https://www.facebook.com/events/1424245731142732/

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Tragödie als Spektakel – Elektra und Hamlet, zwei Getriebene einer heiligen, selbstauferlegten Pflicht (be)geistern auf Berliner Bühnen.

Montag, Dezember 9th, 2013

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„In meinem Kopf der Krieg hört nicht mehr auf.“ Heiner Müller, aus: Wolokolamsker Chaussee

Flüche, göttliche Eingebungen und Erscheinungen der anderen Art treiben Elektra, Tochter aus dem antiken Herrschergeschlecht der Atriden und Hamlet, Prinz von Dänemark an und um. Zwei Sprosse von höchstem Geblüt sind im heiligen Auftrag unterwegs. Angetreten mit ganz ähnlichen Motiven der Rache sind sie berufen und verdammt zugleich. Sind Kinder der immer gleichen Tragödie aus schicksalhafter Verstrickung, hehrem Pflichtgefühl und großen Selbstzweifeln. Ob sie es nun vermögen ihren Auftrag auszuführen, oder nicht,  sie werden dabei doch auch mitschuldig am Kreislauf der Gewalt und scheitern schließlich am eigenen hohen Anspruch. Eine entschlossene Rachefurie aus einem verfluchten Königsgeschlecht und ein schwermütiger, zaudernder Renaissanceprinz, am Deutschen Theater und Berliner Ensemble stehen sie nun beide in ganz unterschiedlichen Inszenierungen auf der Bühne. Gemeinsam ist ihnen dabei nur der Hang zu Glamour, Trash und dem ganz hohen Ton.

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Hamlet, oder Rache ist Blutwurst – Leander Haußmann dreht am Berliner Ensemble Shakespeare durch den Theaterwolf.

„Es gab vorher immer dieses Hin und Her um die Rache oder nicht Rache. Und das erste Mal, wo er etwas tut, ist es eigentlich was Blindes und was Unkalkuliertes. Es ist kein Plan mehr, es ist nur noch blinde Praxis.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge über seine Hamlet-Inszenierung 1990 am DT (Garather Gespräch)

HAMLET am Berliner Ensemble - Foto: St. B.

HAMLET am Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Paralyse, Parabellum, Panoptikum. So sind sie, die Theatermörderkinder. Erst abwartend und dann umso entschlossener in der Tat. Und ist keine Schusswaffe zur Hand machen es auch Beil, Messer oder Schwert. Bereite dich für den Krieg, denn bereit sein ist alles. Das macht das Morden im Gedanken. Da spuken sie herum, die Theatergeister der Vergangenheit und wollen wieder gegenwärtig werden. Doch zuvor muss man ihnen erst noch gehörig den Gar ausmachen. Das muss alles irgendwann mal raus aus dem Hirn. Da sind die Bühnengeschöpfe wie ihre meist schon verstorbenen Autoren oder die heutzutage an deren Stelle getretenen Regisseure. Was denen durch die Rübe rauscht, wie es ein bekannter Großkritiker verächtlich beschreibt, wird grausame Gestalt annehmen.

Und während Elektra am DT im Nadelstreifen noch wartet, auf einen der die Drecksarbeit macht, wühlt sich Prinz Hamlet am BE höchst selbst durchs blutige Gedärm. Alles muss raus! Raus, raus, raus aus dem verfaulenden Inneren dieser aus den Fugen geraten Welt. Dass er auf diese kam, um sie wieder einzurenken, will dem melancholischen Intellektuellen zunächst nicht recht schmecken. So haben wir es jedenfalls über die Jahrhunderte deutscher Aufführungspraxis gelernt. Ihm fehlt’s an Galle. Doch nun am BE in der Neuinszenierung von Leander Haußmann wühlt sich sein Hamlet tief in die Innereien dieser Welt hinein, vor der ihm eigentlich doch ekelt, um nachzuschauen, was ihm da so stinkt, und mistet bzw. weidet dann den Saustall nach Herzenslust aus. Stellvertretend dafür nimmt er hier die Innereien des frisch geschlachteten, beim Guck und Horch überraschten Polonius. Denn so was kommt von so was. Und renken nach Ränken. Rache ist Blutwurst und nur dem Wurst, der seinen Machiavelli nicht richtig gelesen hat. Vom richtigen Gebrauch der Grausamkeiten ist dem jungen Helden aber weder an der Wiege gesungen noch an der Uni im deutschen Wittenberg gelesen worden.

Doch er lernt schnell. Sein oder nicht sein. Obs edler im Gemüt, Geblüt, oder mehr Inhalt mit weniger Kunstblut zu machen wäre, ist hier die Frage nicht. Und auch des Gedankens Blässe kränkelt Hamlet nicht mehr an. Hirn gibt’s am Stück. Es setzt es Nadelstiche satt. Erst Polonius, dann ein Zuschauer und sogar Hamlets Mutter bekommt ein paar Schläge ab. Später dann noch die verhinderten Flötenspieler Rosenkranz und Güldenstern und so weiter und so fort. Hamlet versucht die Geister in seinem Kopf zu töten. Komödie oder Tragödie wie heißt dies Genre? Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode? Einen Theatertot muss man immer sterben. Und Leander Haußmann stirbt sie alle zugleich. Er tanzt vergnügt auf den Ruinen und Gräbern der Altvordern. Ganz verleugnen kann er sie nicht. „Kommunismus ist die Zeit, wo Shakespeare verstanden wird.“ prophezeite Peter Hacks. Da sei Stalin vor und Heiner Müller. Dem Intellektuellen ekelt vor der Welt, und dieser Ekel „ist ein Privileg / Beschirmt mit Mauer / Stacheldraht Gefängnis“, sagt Müllers Hamlet. Hamlet ist nur ein feister Spießbürger auf Urlaub, ruft da Brecht von der anderen Seite der Schulter. Ein Rückfall in die Barbarei. Kein Humanismus nirgends.

HAMLET am BE - Christopher Nell, Peter Luppa - Foto: Lucie Jansch

HAMLET am BE – Christopher Nell, Peter Luppa
Foto: Lucie Jansch

Doch Haußmann versucht erst gar nicht Shakespeare zu verstehen. Sein Hamlet bleibt Geheimnis, ist Theater satt. Der will nur spielen und lässt dabei die alten Geister aus dem Sack. Sie feiern hier fröhliche Urständ. Man muss ihnen mit der Schaufel an die Kinnbacken schlagen. Von Privilegien sprechen da nur die Totengräber. Und mit ideologischen Totengräbern ist seit jeher schlecht philosophieren. Ihr erdiger Überbau hält bis zum jüngsten Tag. Haußmanns Dänemark ist ein dunkler Knast mit hohen Wänden. Ein sich beständig drehendes Labyrinth, in dem man sich auf dem Weg ins Rampenlicht schon mal verrennen kann. Hamlet tut dies zunächst mit eingezogenem Kopf und hängenden Schultern gegen die Wand. Der kleine Christopher Nell ist dieser Hamlet. Alles überragt ihn um mindestens einen Kopf, falls dieser zu Beginn nicht schon gerollt ist. Ein Leichtgewicht zunächst, läuft er doch mit der Zeit zu wahnhaft großer Form auf. Angestachelt durch einen nackten, bärtigen Vater-Geist (Joachim Nimtz), der ihm das Gebot der Rache anträgt, entledigt er sich schließlich selbst der schwarzen Kluft und läuft im weißen Büßerhemd Amok.

Der Rest des faulen Staates rekrutiert sich aus einem Panoptikum der Theaterchargen. Eine Komparserie der Macht, die Hamlet vereinnahmen will und ihm, als das nicht gelingt, nach dem Leben trachtet. Roman Kaminski und Traute Hoess als Claudius und Gertrude erledigen hier mit viel Verve ihrer Rollen als zweckgebundenes Duo in Royale. Während Traute Hoess das besorgte Muttertier gibt, entwickelt Roman Kaminski regelrecht diabolische Kräfte. Ein Spiel der Muskeln und Masken. Mausefallen überall. Norbert Stöß ist Oberkämmerer Polonius und speichelleckender Buchhalter der Mächtigen. Der reüssiert als talentarmer Kleindarsteller und Schwadroneur moralisierender Benimmfloskeln. Seine Tochter Ophelia erlaubt sich in seiner Anwesenheit schon mal ein Nickerchen. Ganz hinweg zu schnarchen vermag sie das ihr zugedachte Schicksal allerdings nicht. Anna Graenzer gelingt eine berückende Ophelia. In unbeschwerter jugendlicher Schwärmerei, wie in großer Verzweiflung und selbst noch im blumenbekränztem Wahn verleiht sie ihr Würde und fehlende Autonomie.

BE_Leander Haußmann

Leander Hausmann auf der öffentlichen Probe am BE.
Foto: St. B.

Und überhaupt hat man das BE-Ensemble selten so voller Spielfreude erlebt. Wo andere Regisseure die bleierne Schwere der Handlung betonen, kitzelt Leander Haußmann selbst noch in der Tragik die komischen Momente heraus. Sein Hamlet ist ein romantischer Moralist, dem der Sinn für das Gute und Schöne abhandengekommen ist. „So long, my Love, my Killer“ singt das Duo Apples in Space (Julie Mehlum und Haußmannsohn Philipp) in Ophelias Song. Zwischen „The Carneval is over” und „The Death is not the End” begleiten die beiden in engelsgleicher Kostümierung Haußmanns lustvolles Totentänzchen mit viel düsterer Rockmusik von Nick Cave bis Bob Dylan. Und während Hamlet noch seiner persönlichen Rache frönt, ist Fortinbras schon auf dem Weg zur großen Koalition. Nur im Vorübergehen zu besetzen ein Fleckchen Land, „nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagnen nur zu verbergen.“ Die tanzen weiter, im Rücken die Ruinen von Europa. Im Haus von Übervater Brecht fokussiert Haußmann den Hamlet durch das Brennglas der Müllerbrille, bis das intellektuelle Bollwerk einen Sprung bekommt. Was von Heiner Müller einst als Riss zwischen zwei Epochen postuliert wurde, geht heute mitten durch die Gesellschaft. Der Rest ist wie immer Schweigen.

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Elektra, oder Rache als Event – Stefan Pucher lässt am Deutschen Theater die Tragödie des Sophokles singen.

Der Engel der Verzweiflung

Ich bin der Engel der Verzweiflung
Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus,
die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber.
Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei.
Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken.
Meine Hoffnung ist der letzte Atem.
Meine Hoffnung ist die erste Schlacht.
Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt.
Ich bin der sein wird.
Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.

(Heiner Müller, aus: Der Auftrag)

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So ein Engel der Verzweiflung könnte die Elektra der Katharina Marie Schubert am DT sein. Ganz in schwarz und mit fettem Kajal um die Augenhöhlen beklagt sie die Toten und klagt die Lebenden dafür an. Ein schwarzer Racheengel, Erinnye von Apolls Gnaden. Denn ihr Auftrag heißt nun mal einzig Rache zu nehmen. Für den Mord am aus Troja zurückgekehrten Vater Agamemnon soll die mit dem Mörder Aigisthos in Blutschande lebende Mutter Klytaimnestra ebenfalls mit dem Leben büßen. Was Sophokles einst als antikes Drama über Schicksal, Schuld und der Unmöglichkeit, sich anders entscheiden zu können schrieb, reduziert Regisseur Stefan Pucher auf einen reinen Krimiplot mit passenden Videotrailern und Soundtrack. Schuldfrage XY ungeklärt.

Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT_Promobild filmstarts.de

Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT.
Promobild filmstarts.de

Aber Elektra wirkt hier im schwarzen Nadelstreifenanzug als Mann verkleidet, wie eine verhinderte Comic-Heldin. Anstatt selbst wie Black Mamba aus Tarantinos Kill Bill zur Tat zu schreiten, ist sie auf die Rückkehr des Vollstreckers angewiesen. Aus ihr kann keine emanzipierte Emma Peel mehr werden. Für Heiner Müller liegt die Tragik der Elektra dann auch im Warten müssen auf den Bruder, als Werkzeug der Rache. Müller deutet die Elektra als Sinnbild weiblicher Rebellion, als „Metapher für Verweigerung, für Verweigerung von Anpassung“. Darin sind sich die Figuren Hamlet und Elektra ähnlich. Aber während Hamlets anfängliches Zögern vor dem väterlichen Mordauftrag noch intellektueller Natur ist, stützt sich Elektras unbedingter Wille zur Rache auf ein göttliches Gebot, das keinen Aufschub duldet.

Pucher bringt Sophokles Plot komplett, hier in neuer Übersetzung von Peter Krumme. Er interessiert den Regisseur aber einzig als Aufhänger für eine Rock’n’Pop-Show auf großer Revuebühne. Und da scheinbar schon alles über Elektra gesagt ist, lässt Pucher nun singen. Das Drama findet nicht mehr statt, wie Müller sagen würde. Auf den Brettern die die Welt bedeuten reproduziert es sich nun als Allerweltsgeschichte aus dem TV-Vorabendprogramm. Untermalt mit eingängigen Rock- und Popballaden von den Musikern Michael Mühlhaus und Masha Qrella. Elektra schiebt den Blues, und der Chor swingt dazu mit den Hüften. Sie greint und wartet auf den Mann mit der Axt. Susanne Wolff als Mutter Klytaimnestra dominiert im kurzen, schrillen Soloaufritt. Schwester Chrysothemis (Tabea Bettin) fürchtet um ihre soziale Stellung und möchte sich lieber nicht zu Elektra ins Abseits stellen. Während Bruder Orest wie ein abgehalfterter Grungerocker völlig paralysiert vom Rachegebot über die Bühne schlurft. Er und sein Begleiter sind fette, schlaffe, langhaarige Männer im Rock.

Pucher will den ollen schwarz-weißen Kintopp-Streifen des Sophokles rocken und poppt ihn zusätzlich mit bunten Video-Bildern von Chris Kondek in Breitwandästhetik auf. Der von Michael Schweighöfer reißerisch vorgetragene Bericht des alten Dieners über den angeblichen Wagenrennen-Unfall des Orest wird mit Videos von ebenso gefakten Stock-Car-Rennen untermalt. Im Stile eines Bondgirls schwebt eine dunkle weibliche Gestalt auf einer Axt durchs Bild. Nur ist Orest kein James Bond und Aigisthos kein wirklicher Dr. No. Andreas Döhler spielt ihn als gelangweilten Anzugträger, der, sich seiner Macht ganz sicher, eher erstaunt dem jungen Orest zur Abschlachtung ins Haus folgt. Helter Scalter! Aber auch die Nacht der langen Messer bleibt Behauptung. Felix Goesers Orest schlägt im Video mit der Axt auf Pappmacheköpfe ein. Alles nur Show. And The Show Must Go On will uns Stefan Pucher sagen.

Deutsches Theater Berlin - Foto: St. B.

Deutsches Theater Berlin – Foto: St. B.

Drei Akkorde Aschenputtel, zwei Takte Rockpalast, ein Schuss Denver Clan und fertig ist Puchers neuer Atriden-Cocktail namens Elektravue. Eine aufgeblasene Soap Opera zerplatzt auf Sitcom-Niveau. Elektra erscheint dann nach getaner Arbeit ebenfalls im Showkostüm und reiht sich in den Chor der Angepassten ein. Mit dem Massenmörder Charles Manon singt man nun gemeinsam „Your home is where you’re happy / It’s not where you’re not free”. Was wie ein ironischer Abgesang auf die einstige Rebellion und ein selbstbestimmtes Leben klingen soll, ist hier nichts weiter als Just Another Popsong. Wenn man ein Stück als altbacken und überkommen erkannt hat, dann hilft ihm das einfache Überstülpen neuer ironischer Kleider auch nicht weiter. Stefan Pucher entsorgt die wahre Tragödie der Elektra in der Altkleidersammlung und befördert sie damit von der Theater-Wunderkammer direkt ins Kuriositätenkabinett der Regieeinfälle, einem Panoptikum der blutleeren Theatertoten.


Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer. Ich stoße allen Samen aus, den ich empfangen habe. Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift. Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe. Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln. Ich begrabe sie in meiner Scham. Nieder mit dem Glück der Unterwerfung. Es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand der Tod. Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“ Heiner Müller, aus: Hamletmaschine

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HAMLET
PRINZ VON DÄNEMARK
von William Shakespeare, übersetzt von August Wilhelm Schlegel

Mit: Roman Kaminski, Traute Hoess, Christopher Nell, Norbert Stöß, Anna Graenzer, Felix Tittel, Luca Schaub, Peter Miklusz, Georgios Tsivanoglou, Boris Jacoby, Joachim Nimtz, Peter Luppa, Martin Seifert, Marcus Hahn, Rayk Hampel, René Haßfurther, Franz Jarkowski, Ulrike Just, Carsten Kaltner, Marc Lippert, Haiko Neumann, Apples in Space (Philipp Haußmann, Julie Mehlum).

Hamlet_BE-ÖP 20.11.13 (4)Regie: Leander Haußmann
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Komposition: Apples In Space
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Kämpfe: Rainer Werner

Dauer: 3h 30 Min (eine Pause)

Weitere Informationen: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/95

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ELEKTRA
von Sophokles, Deutsch von Peter Krumme

Mit: Katharina Marie Schubert, Susanne Wolff, Anita Vulesica, Tabea Bettin, Felix Goeser, Michael Schweighöfer, Andreas Döhler; Musiker: Masha Qrella, Michael Mühlhaus; im Video: Damian Fink, Karolin Wiegers.
Regie: Stefan Pucher

Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Chris Kondek
Licht: Matthias Vogel
Ton: Matthias Lunow
Dramaturgie: Claus Caesar

Dauer: 1 h 30 Min (keine Pause)

Weitere Informationen: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/elektra/

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DIMITER GOTSCHEFF (26.04.1943 – 20.10.2013) – Ein Nachruf auf einen einzigartigen Theaterregisseur

Dienstag, Oktober 22nd, 2013

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„Wen reißt ein gelungener Endreim vom Barhocker / Das letzte Abenteuer ist der Tod / Ich werde wiederkommen außer mir / ein Tag im Oktober im Regensturz“
Heiner Müller, aus: Notiz 409 (Okt. 1995)

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Cover des im Juni 2013 erschienenen „Arbeitsbuch 22" von Theater der Zeit über Dimiter Gotscheff - (C) TdZ

Cover des im Juni 2013 erschienenen „Arbeitsbuch 22″ von Theater der Zeit über Dimiter Gotscheff – (C) TdZ

Manchmal sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht. „Was für ein Wald, Du Idiot? Wald ist im Kopf.“ soll der Theaterregisseur Dimiter Gotscheff einem Schauspieler in der Probe zu Tschechows Iwanow an der Berliner Volksbühne zugerufen haben.So ähnlich musste es dem damals jungen Studenten der Veterinärmedizin wohl selbst gegangen sein, als er 1964 bei der Lektüre von Heiner Müllers Philoktet auf der Schönhauser Allee gegen einen Baum rannte. Eine Initialzündung. Der deutsche Dramatiker Müller ging dem Bulgaren Gotscheff seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Er wechselte ins Theaterfach („Immerhin ist der Mensch das Tier, das am besten schauspielern kann“) und wurde Regisseur.

Aber noch ein anderer Körperteil spielt in der Regiearbeit von Gotscheff eine große Rolle. Er nannte sich selbst einen Bauchmenschen. Es war wohl ein untrügliches Bauchgefühl, was ihn zuerst an einen Text glauben ließ. Auch Heiner Müller sprach beim Verstehen von Theatertexten nicht in Versen, sondern von Fersen. Da reagieren die Gedärme eher als das Hirn.

Dimiter Gotscheff wurde 1943 als Sohn eines Tierarztes im südbulgarischen Parwomaj geboren. Dort holte man das Wasser noch täglich aus dem Fluss Marica (griech. Evros, lat. Hebros), in dem der singende Kopf des von den dionysischen Mänaden zerrissen griechischen Dichters Orpheus samt Lyra ins Ägäische Meer geschwommen sein soll. Noch unbewusst saugte er das Theater sozusagen als Kind mit dem Bade ein.

Mit seinem Vater siedelte Gotscheff 1962 in die DDR über. Er verließ sie 1979 wieder, um die Worte Müllers, Büchners und Hölderlins nach Bulgarien zu tragen. Bekannt wurde er schließlich 1983 mit einer Inszenierung von Heiner Müllers Philoktet in Sofia. Über die Umwege Köln, Düsseldorf, Hannover und Bochum kam Gotscheff schließlich 2000 wieder zurück nach Berlin. Hier begann er am Deutschen Theater und an der Volksbühne seine Karriere als Nachlassverwalter der Texte Heiner Müllers. Was ihn auch ans Thalia Theater Hamburg und Residenztheater München führte.

Wie ein Dauerarbeiter im Müllersteinbruch stand der Regisseur selbst als Hamlet in einer Inszenierung der Hamletmaschine auf der Bühne des DT und quälte sich an der Volksbühne gemeinsam mit Samuel Finzi und Sepp Bierbichler saufend und fluchend wiedermal durch den Philoktet. In Kritikerkreisen trug Gotscheff das schnell den Titel der einzigen rechtmäßigen Witwe des Schriftstellers Heiner Müller ein. Was ihm mit seiner großen Fähigkeit zur Selbstironie eher Antrieb als Last war. Müllers Texte besaßen für Gotscheff immer noch Gültigkeit. „Eine Sprache, die man einatmet und die einem in den Poren kleben bleibt.“ Seine grandiosen Schauspieler füllten damit immer wieder den leeren Theaterraum. Der Mund wird zum Fleisch, das reden will – sagte Gotscheff in Abwandlung von Müller.

Aber nicht nur Heiner Müller beschäftigte Dimiter Gotscheff. Auch mit Stücken von Shakespeare, Molière, Tschechow, Handke oder Horvath feierte er Erfolge. Wie gerne hätte man letztens Samuel Finzi als Don Juan kommt aus dem Krieg in einer Regie von Dimiter Gotscheff gesehen. Und mit den Werken von Sophokles und Aischylos, natürlich in Übersetzungen von Bertolt Brecht und Heiner Müller, war er wieder bei den Anfängen des Theaters angekommen. 2006 erhielt Gotscheff für den Iwanow den 3sat-Preis des Theatertreffens und wurde 2007 er für seine legendären Perser am Deutschen Theater Berlin zum Regisseur des Jahres gewählt. Gerne hätte er auch noch Dantons Tod von Georg Büchner inszeniert. Was bleibt, ist seine Inszenierung von Müllers gewaltigem Revolutionsdrama Zement am Münchner Residenztheater.

Ein Baum spielt auch in Samuel Becketts Warten auf Godot eine wichtige Rolle. Kaum ein Bühnenbild ohne ihn. So ist es verfügt. Unter ihm versammeln sich seither all die Wartenden. Dimiter Gotscheff wollte das Stück im Mai 2014 am Deutschen Theater Berlin inszenieren. Wir hatten uns schon auf Samuel Finzi und Wolfram Koch als Wladimir und Estragon gefreut. Und allen Erben zum Trotz vielleicht auf Almut Zilcher und Margit Bendokat in zwei grandiosen Hosenrollen als Lucky und Pozzo. Alles vergebens?

Er könne sich nur noch einen Strick nehmen, ohne das Gefühl für die Utopie – hatte Dimiter Gotscheff in einem Interview zu seinem 70sten Geburtstag im TdZ-Sonderheft Dimiter Gotscheff. Dunkel das uns blendet gesagt. „Ohne Utopie kann ich diesen Schauspielern gar nicht begegnen.“ Hier glaubte einer noch an die Müllerworte vom wieder gehörten Schweigen des Theaters, das der Grund seiner Sprache ist. Was wird nun aus der grandiosen Gotscheff-Familie ohne ihren Erzeuger?

In der Nacht zum Sonntag ist der Theaterregisseur Dimiter Gotscheff nach kurzer Krankheit in Berlin gestorben. Wir gehen nicht von der Stelle und werden weiter warten.

Dimiter Gotscheff. Dunkel das uns blendet
Theater der Zeit, Arbeitsbuch 22
Broschur mit 180 Seiten, Format: 215 x 285 mm, Preis EUR 18,00
mit zahlreichen Abbildungen
inklusive Film-DVD Homo ludens – Das Gotscheff-Porträt von Ivan Panteleev
herausgegeben von Dorte Lena Eilers, Klaus Caesar und Harald Müller
Erschienen im Juli 2013

Der Text ist am 20.10.13 zuerst auf Kultura-Extra erschienen.

siehe auch: http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/dimiter-gotscheff-26-04-1943-20-10-2013

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Ironische Maskenspiele zwischen Liebe, Verrat und Imagination. Oder was kann und wozu studiert man Universalgeschichte? – Zwei Intertextuelle Versuche mit Heiner Müller und Friedrich Schiller über den Aufstand auf Berliner Bühnen.

Dienstag, März 19th, 2013

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„Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

Foto: St. B. bat-studiotheater_der-auftrag_febr-2013.jpg
Ohne Auftrag auf dem Teppich der Weltgeschichte.
Blick in die leere Szene am bat-Studiotheater.

„Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater und „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co im HAU 1

Wie es der Zufall manchmal so will, gab es in den vergangenen Wochen gleich zwei Inszenierungen an Berliner Theatern, die sich vordergründig mit dem Thema des Aufstands und seiner Rezeption in der Geschichte beschäftigen und gleichzeitig damit in Bezug zur gesellschaftspolitischen Wahrnehmung und dem revolutionären Potential in unseren Tagen treten wollen. Gerade eben erst ist der Autor der viel beachteten Streitschrift „Empört Euch!“ Stéphane Hessel gestorben. Sein Aufruf zum Engagement war vor allem an die Jugend gerichtet und hallte auch auf vielen deutschsprachigen Bühnen landauf und landab wider. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich der künstlerische Nachwuchs gerade am bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch mit einem der zeitgeschichtlichen Stücke Heiner Müllers auseinander setzte, das den „Auftrag“ zum Aufstand sozusagen schon im Titel trägt. Im HAU 1 dagegen beleuchtete das bekannte Künstlerkollektiv andcompany & Co. den Aufstand aus Sicht der „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“ von Friedrich Schiller und verschränkte es dabei mit weiteren Texten zum Thema, u.a. dem neuerdings ebenso oft auf deutschen Bühnen (von Berliner Schaubühne bis Maxim Gorki Theater) zitierten revolutionären Aufruf zum Widerstand „Der kommenden Aufstand“ des „Unsichtbaren Komitees“. Einem politischen Text, der bereits seit 2007 in Frankreich und seit 2010 auch in deutscher Übersetzung kursiert. Dass diese zeitgeschichtlichen Exkurse in HAU und bat noch dazu stark intertextuellen Charakter aufweisen, ist eine weitere interessante Gemeinsamkeit beider Inszenierungen. Sie beziehen sich dabei vor allem auf spezielle Ereignisse der Zeitgeschichte oder deren Abbildung in Werken anderer Künstler.

Motiv bei A.S.

Debuisson auf Jamaika
Zwischen schwarzen Brüsten
In Paris Robespierre
Mit zerbrochenem Kinn.
Oder Jeanne D’Arc als der Engel ausblieb
Immer bleiben die Engel aus am Ende
FLEISCHBERG DANTON KANN DER STRASSE KEIN
FLEISCH GEBEN
SEHT SEHT DOCH DAS FLEISCH AUF DER STRASSE
JAGD AUF DAS ROTWILD IN DEN GELBEN SCHUHN.
Christus. Der Teufel zeigt ihm die Reiche der Welt
WIRF DAS KREUZ AB UND ALLES IST DEIN.
In der Zeit des Verrats Sind die Landschaften schön.

Heiner Müller (1958)

Tragödie oder Farce? – „Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater

Der zeitgeschichtliche Bezug bei Heiner Müller und die Intertextualität des Stücks „Der Auftrag“ bestehen nicht allein nur darin, dass sich Müller auf Motive der Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ von Anna Seghers stützt, welche die französische Revolution und ihr Wirken auf historisch verbürgte Vorgänge jener Zeit auf den europäischen Kolonien der Antillen beschreibt. Er spielt im „Auftrag“ auch vielfach auf biblische Motive an und stellt klare Bezüge zu Georg Büchners Revolutionsstück „Dantons Tod“ sowie den geschichtstheoretischen Ausführungen von Karl Marx (Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte) und Walter Benjamin (Über den Begriff der Geschichte) her. Der Untertitel des Stücks „Erinnerungen an eine Revolution“ verweist dabei deutlich auf die wohl wichtigste Intension in Müllers Werk, nämlich die, gegen das allgemeine Geschichtsvergessen anzuschreiben. Dazu kommt wie so oft bei Müller der Verrat in all seinen Formen und Spielarten. Hier im Speziellen eben auch der Verrat an der Geschichte, der Zusammenhang von Liebe, Genuss und Verrat sowie historischem Auftrag und opportunistischer Staatsraison.

Die Republikaner Debuisson, Sohn von französischen Plantagenbesitzern auf Jamaika, Galloudec, ein französischer Bauer, und Sasportas, ein ehemaliger Sklave, werden vom französischen Konvent 1797/98 ausgesandt, um auf Jamaika einen Aufstand unter den Plantagensklaven zu organisieren. Als sie dort ankommen sind, hat aber bereits Napoleon am 18. Brumaire VIII des Republikanischen Kalenders (09.11.1799) die Herrschaft in Frankreich an sich gerissen und die Freiheit trägt wieder Uniform. Der Auftrag ist somit obsolet. Das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht. Während Debuisson in die alten Verhaltensmuster der herrschenden Klasse zurückfällt, sterben die anderen beiden bei dem Versuch ihren Auftrag dennoch auszuführen. Sasportas wird gehängt und Galloudec verreckt in Gefangenschaft an den Folgen seiner Verwundung. Die Revolution auf Jamaika ist gescheitert. Der Auftraggeber Antoine in Frankreich erhält den letzen Brief des sterbenden Galloudec, der den Auftrag wieder zurückgegeben will. Bürger Antoine, nunmehr der Bankrotteur einer Firma, die nicht mehr im Handelsregister steht, verleugnet den Auftrag und flieht sich in die Arme seiner Frau. Hier setzt nun der Bezug zur Gegenwart ein. Wie bankrott sind heute Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bzw. worin könnte noch so etwas wie ein Auftrag bestehen? Und was hindert uns daran ihn anzunehmen. Eine junge Frau reflektiert zu Beginn der Inszenierung am bat aus dem Off über ihr Schauspielstudium. Sie beschreibt ihre Vorstellungen von künstleris   cher Entfaltung auf der Probebühne, die Angst vor dem Scheitern sowie die finanzielle Sicherheit, die ihr das Geld des Vaters beim sich Ausprobieren bietet. Auf der einen Seite steht die unsichere Möglichkeit mit Kunst etwas zu verändern, auf der anderen Seite die, sich nach einem Scheitern wieder bequem in die Abhängigkeit zum Geld des Vaters zurückfallen zu lassen.

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Der Auftrag v.l. Weil, Brüggemann, Breustedt, Richter, Vetter. Foto: Ch. Burchard

Vor diesem Hintergrund entwickeln die sechs Schauspielstudenten im 3. Studienjahr ihre Version von Heiner Müllers „Auftrag“ als Versuch und Diskurs über das Scheitern, den Verrat an sich selbst, seinen Gefühlen und Ideen. Dabei entwickeln sie in einer spielerisch sehr anregenden Form Müllers Requiem auf verlorene Revolutionen, das immerhin schon fas 25 Jahre auf dem Buckel hat, konsequent weiter. Von traditionell chorischen Passagen zu Beginn über die zynischen Dialoge der drei Emissäre bis zu den von Müller eingefügten mystischen Traumsequenzen und parabelartigen Monologen, wie der „Ersten Liebe“ oder dem „Mann im Fahrstuhl“, wechseln die Darsteller gekonnt hin und her. Dabei werden die strengen Müller`schen Texte und Szenenfolgen immer wieder durch Slapsticknummern durchbrochen, verlieren dadurch aber nicht an Kraft und Intensität. Es geht nicht allein um ironische Brechung, sondern um eine konkret spielerische Aneignung des Stoffs. Nicht bloße Reproduktion, sondern die Durchdringung von Müllers Texten ist die Folge. Und das unterscheidet Magali Tosatos Inszenierung von der üblichen Müller-verehrenden Rezeption seines Werks, wie z.B. in der letzten großen, bekannten Inszenierung des „Auftrags“ zu des Dichters 75. Geburtstag. Der Müller-Schauspieler und einstige Hamletdarsteller Ulrich Mühe hatte 2004 das Drama in Starbesetzung (Florian Lukas, Christiane Paul, Ekkehard Schall, Herbert Knaup, Udo Samel, Inge Keller, Heike Kroemer) auf die große Bühne im Haus der Berliner Festspiele gebracht. Das war gut gemeinte Heiner-Müller-Ikonografie in rostigem Bühnenbild. Ein wenig 11.September hier, ein wenig ökologische Dystopie da, und ein andächtiges Erstarren vor des Meisters Text. Eine hehre Leichenfledderei im besten Sinne nach 10 Jahren des kollektiven Vergessens jeglicher Aufträge.

Im bat findet das Spiel auf zwei sich voneinander abhebenden Ebenen (Bühne: Franziska Keune) statt. Am Boden liegen Regale die durch Antoine (Anton Weil) zu Beginn wie Ikea-Möbel verschraubt werden. Er wirkt dabei wie ein heutiger gestresster Alltagsbürger, der sich bei seiner Arbeit gleich von einer ganzen Gruppe von Briefüberbringern genötigt sieht. Wie in einem bösen Traum schießen die Hände mit dem Schreiben Galloudecs immer wieder geisterhaft aus den liegenden Regalsärgen zu ihm empor. Und immer wieder klingt dazu auch wie zum Hohn ein alter Schlager über Ananasfarmen auf Jamaika. Während unten die drei grundverschiedenen Revolutionäre ihre Ansichten vom Kampf zunächst noch sehr euphorisch darlegen, dräut oben der „Engel der Verzweifelung“ aus der Luke und zieht die „Erste Liebe“ (ganz in weiß Kara Schröder) den Plantagenbesitzersohn Debuisson (mit herrschaftlichem Tropenhelm Felix Maria Richter) mit ihren süßen Reden von Verrat und Genuss wieder in ihren Bann. Er hat hier auf Jamaika seine Maske nicht mehr nötig. Schnell legt er sie wie seine Überzeugungen ab, während die anderen beiden diese Möglichkeit nicht haben. „Dein Fell bleibt schwarz, Sasportas. Du, Galloudec, bleibst Bauer. (…) Ich will mein Stück vom Kuchen.“ Die Hackordnung wird wieder hergestellt. Demütig müssen Galloudec (Jan Gerrit Brüggemann in gescheckten Unterhosen) und Sasportas (nur in Shorts Christophe Vetter) ihre angestammten Masken aufbehalten. Ihnen bleibt nur das Schauspiel von der Französischen Revolution als Farce zu wiederholen. Und sie schlagen sich dabei im „Theater der weißen Revolution“ ihre närrischen Rasta-Perücken vom Kopf. „Ein bisschen Spaß muss sein“ singt die Gruppe dazu und führt ein koloniales Bananentänzchen inklusive brauner Brüste auf. Die Freiheit ist wieder, wie schon Dantons Gefährte Lacroix in Büchners Drama kurz vor dem Schafott erwähnt, zur Hure gemacht. „Die Freiheit und die Hure sind die kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren.“ (Danton in: „Dantons Tod“, 5.Szene)

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Szene aus „Der Auftrag“ im bat-Studiotheater. (v.l. Vetter, Breustedt, Brüggemann, Richter) – Foto: Ch. Burchard

„Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution.“ Die Geschichte schreitet voran, der Mensch dreht sich in ihr beständig im Kreis. Eine fatale, fatalistische Mischung aus Benjamins verzweifeltem „Engel der Geschichte“, Marx‘ Rückkehr der Geschichte als Farce sowie „Dantons Tod“ von Georg Bücher als Revolutionstheater der fleischgewordenen Masken. Und immer noch scheitert der Mensch an der Last der Entscheidung zwischen Vernunft und Eros, Auftrag und Genuss oder auch dem Zwiespalt gesellschaftlicher Verpflichtung und persönlichem Glück. Er wird „zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte“, wie es Georg Büchner beim Rückblick auf die Französische Revolution desillusioniert bezeichnete, die gleichwohl eine unvollendete bleibt. (Siehe hierzu auch Jette Steckels Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ am Hamburger Thalia Theater.) Dagegen setzt Heiner Müller sein Theater des „konstruktiven Defaitismus“, des ironischen Zweifels an der reinen Ideologie. Das im Angesicht des Scheiterns aller Utopien trotz allem noch Raum für einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine scheinbar unerreichbar gewordene Utopie lässt. Hierzu wird der Monolog „Der Mann im Fahrstuhl“ im bat zum besonderen Ereignis. In ruhigem, deklamierenden Ton – Die Zeit ist aus den Fugen – besteigt Anton Weil Sprosse um Sprosse der Leiter nach oben. Zunächst noch eingeschnürt in Schlips und Zwang seinen Auftrag nicht zu verfehlen, kommt ihm nach und nach die Gewissheit seines Scheiterns, und wird der Verlust seines imaginären Auftrags zur inneren Befreiung. Die Angst weicht dem Vergessen und öffnet somit durchaus die Möglichkeit einer anderen, neuen gedanklichen Ebene. Auch auf einem grasüberwachsenen Bahndamm bleibt jede Arbeit auch immer Hoffnung.

Und so wie Müller seine Protagonisten in ihrer ganzen Zerrissenheit zwischen einer Sehnsucht nach Glück und Hoffnung, Geschichtsvergessenheit und Verrat zeigt, so sind die Macher des Abends im bat auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Auftrag in einer Welt, wie sie sich den drei Revolutionären in einer kleinen Videoeinspielung mitten im Prenzlauer Berg zwischen religiösen Wahnvorstellungen und Verheißungen, Drang zu sklavischer Liebe und Unterordnung sowie jeder Menge anderer Schicksale und Ungerechtigkeiten aller Art eröffnet. Der scheinbar ohne konkreten Auftrag aus der Enge des Fahrstuhls tretende Mensch, befreit von den Zwängen einer vorbestimmten Ideologie, wird seinen ganz persönlichen Auftrag auch in diesem offensichtlichen Wirrwahr nicht verfehlen können. Vorausgesetzt man empfindet die Ungerechtigkeit der Welt nicht als gottgegeben und begnügt sich damit, durch sein Handeln kein weiteres Unrecht zu begehen und niemandem zu schaden. Wie es der Vater unserer Schauspielstudentin, offensichtlich selbst in leitender Position, im abschließenden Video seiner Tochter als seine Werte vorleben und mitgeben will.
Das bat-Studiotheater wird sich im April im Rahmen eines regelrechten Festivals mit Studenteninszenierungen, übrigens neben Bertolt Brechts Frühwerk „Trommeln in der Nacht“, auch wieder mit Heiner Müller befassen. Dann stehen mit „Zement“ und „Verkommenes Ufer. Medeamaterial. Landschaft mit Argonauten“ weitere Texte zwischen Revolution, Utopieverlust und Mythen der Geschichte auf dem Programm. „DO YOU REMEMBER DO YOU NO I DONT”

Termine unter: www.bat-berlin.de

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Imaginäre Bühnenbesetzung am HAU 1 – andcompany&Co. proben den (kommenden) Aufstand nach Schiller.

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Schillersche Trutzburg der Kunst. Das HAU 1 in der Stresemannstraße Berlin-Kreuzberg – Foto: St. B

Um das Herstellen eines bestimmten Kontextes zur Geschichte geht es auch in „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co. Vor dem Hintergrund von Schillers Text über die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“ versuchen die Performer um Alexander Karschnia sich über die politischen und ökonomischen Grundlagen für einen Aufstand klar zu werden. Also was sind die Grundlagen für eine revolutionäre Situation und wie kommt sie in Gang. Dazu besetzen die Performer die Bühne und machen uns zu ihren Komplizen im Zuschauerraum. Künstlerische Unterstützung hat das Kernteam der andcompany diesmal vom flämischen Theatermacher Joachim Robbrecht, mit dem sie schon für die Lecture-Performance „BLACK BISMARCK previsited“ zusammengearbeitet haben und von Kollegen aus den Niederlanden bekommen. „How do you squat an imaginary space within an imaginary context?“ ist die Frage die es zu klären gilt. Die Darsteller nennen das, was sie auf der Bühne des HAU 1 zusammengeführt hat, dann zunächst auch eine Besetzungsprobe. Der imaginäre Raum des Theaters lässt sich für das Vorhaben, über die politischen Anliegen der Kunst zu verhandeln und dem freier Bürger dazu eine Bühne zu bieten, bekannter Maßen auch am besten nutzen. Schon Friedrich Schiller selbst hatte in seiner Vorlesung „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ das Theater als eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärung bezeichnet.

Ausgehend von den historischen Kämpfen der vereinigten Niederlande im 80jährigen Krieg von 1568 bis 1648 gegen die Europäische Zentralmacht Spanien (Spanische Krone), in Deutschland eher bekannt als der 30jährige Religionskrieg in Mitteleuropa, werden auf der Bühne nach Parallelen zur heutigen globalen Finanzkrise einerseits und zur Krise der Kunst in den heutigen Niederlanden andererseits gesucht. Die weltweiten Occupy-Bewegungen werden dabei mit dem Aufstand der „Geusen“ 1564 verglichen. Die Bühnenbesetzer im HAU 1 treten dann auch im Gewand der niederländischen Aufständischen wie Bettler in Säcke gekleidet auf. Sie üben zunächst das Vokabular der heutigen globalisierungskritischen Widerstandsbewegung, das sich in den zahlreichen Occupy-Camps entwickelt hat, ein. Man sitzt dazu mit dem Rücken zum Publikum und wiederholt dabei stoisch immer wieder alles Gesagte. In Hinblick auf eine globalisierte Geschichte des Widerstands ist es erst einmal notwendig zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Ein imaginären Kontext entsteht aber erst in der Verbindung einiger skizzenhaften Spielszenen von den Werken wie Goethes „Egmont“ oder Schillers „Don Carlos“ mit der universalen Geschichte Europas von den Zeiten der Entdeckung Amerikas durch die Spanier über deren Aufstieg zur Weltmacht bis hin zur Entstehung des freien Warenaustauschs in den Niederlanden. Auf der Bühne, wo sich für Schiller Vergnügen und Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wird spielerisch die Reise von den Silberminen des Potosi über den finanziellen Zusammenbruch Spaniens, das sein Gold nicht mehr los wurde, bis zum ersten Weltmarkt mit den Finanzplätzen Antwerpen und Amsterdam vollzogen.

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Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller – Szenenfoto von Hans Jörg Michel

Der Lack ist ab, die einst glänzende Fassade wird in der kleinen Guckkastenbühne mit der Tapete abgerissen. Der Aufstand der niederländischen Bürger gegen die spanische Krone als Reaktion auf die Behinderung des freien Handels. Die Niederlande entwickelten sich zu einem Zentrum von florierender Wirtschaft, Wissenschaft und Fortschritt ohne die Repressionen der spanischen Inquisition, die hier noch einmal in rotem Kutten- und Mützenmummenschanz den Aufständischen die Instrumente zeigen darf, deren Ton arg verstimmt klingt. Mit historischen Kostümen geht man über zu Schillers „Don Carlos“. Doch wo bleibt bei all der lustigen Fiktion und Historienbebilderung der Bezug zu heutigen Aufständen. „Wo bleibt der Aufstand?“, wird dann auch aufgeregt von einem Beteiligten gefragt. Der (kommende) Aufstand manifestiert sich hier auch erst einmal nur durch die eingestreuten Wuttexte der Performer inklusive Auszügen aus dem Pamphlet des Unsichtbaren Komitees. Auf der Bühne entsteht so zunächst auf ironische Weise eine imaginäre Ästhetik des Widerstands mit Anleihen bei Schiller, Peter Weiss und Heiner Müllers konstruktivem Defaitismus. Und so kommt dann schließlich auch noch der Umschluss zur prekären Situation der Künstler in den heutigen Niederlanden. Die Künstler stehen dort bereits mit dem Rücken zur Wand und hier auf der Bühne plötzlich ohne Hosen da. Kein Geld zu besitzen macht sie daheim zu Bittstellern mit geöffneten Geldbeutel und Verbrechern im Sinne der Gesellschaft, deren größte Missetat es ist, wie in Brechts „Mahagonny“ kein Geld zu besitzen.

Den „Kommenden Aufstand“ zitieren und singen die Holländer und Flamen gemeinsam mit den deutschen Performern der Truppe zumindest kollektiv auf der Bühne herbei, und versuchen ihn auch in die Reihen des Publikums zu tragen. Mit runtergelassener Hose, nostalgischen Protest-Hits wie „Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, solln aufstehn“, entsprechenden Protestschildern und unkoordiniertem Gewusel auf der Bühne hat das natürlich schon etwas fröhlich unbefangen Chaotisches. Aber zu Schillers Forderung nach Gedankenfreiheit gesellen sich so neben Rede-, Versammlungs- auch die Assoziationsfreiheit der Kunst. Ganz frei nach Heiner Müllers Feststellung: „Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist die Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“ Und dabei produziert vor allem auch die Angst Kreativität. Sie ist konstruktiv und zwingt uns zu Lösungen (HM aus: „Gesammelte Irrtümer“). Selbst auf die Gefahr hin, dass, wenn man an mehreren Zitat-Baustellen gleichzeitig bastelt oder auf der Bühne an zu vielen Lichtschaltern spielt, man ganz plötzlich auch im Dunklen stehen kann. Es geht hier natürlich nicht nur um die reine Lust am Zitieren. Es soll in beiden Stücken vordergründig unsere heutige Stellung zu einer universellen Menschheitsgeschichte aus bestimmten Machtverhältnissen, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und den daraus resultierenden Aufständen herausgearbeitet werden. Von den erfolgreichen Aufständen bei Friedrich Schiller über die gescheiterten bei Heiner Müller versuchen die bat-Inszenierung „Der Auftrag“ und die Performance „Der (kommende) Aufstand“, vor allem mittels spielerischer Untersuchung der historischen Mythen, in alten Geschichtsräumen neue Türen aufzustoßen. Beiden Inszenierungen ist das dann auch mit ihren aktuellen Bezügen mehr oder weniger glücklich gelungen.

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Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller von andcompany&Co – (c) Jan Brokof

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

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Literatur:

  • Heiner Müller: „Der Auftrag und andere Revolutionsstücke“, Herausgegeben von Uwe Wittstock, Reclam, Stuttgart 2005 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8470)
  • Heiner Müller, Werke 1: „Die Gedichte“, Herausgegeben von Frank Hörnigk, Suhrkamp 1998
  • Georg Büchner: „Dantons Tod“, Reclam Taschenbuch
  • Karl Marx: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Suhrkamp Taschenbuch oder auf zeno.org
  • Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: „Don Carlos“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Reclam Taschenbuch und
  • Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Inselverlag Leipzig, 1979 (nur gebraucht) oder beides auf Projekt Gutenberg-DE
  • Das Unsichtbare Komitee: „Der Kommende Aufstand“, Edition Nautilus, Hamburg 2010, oder auf pdfcast.org

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VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger (Teil 3 und Schluss) – Ein Shakespeare-Wochenende in Berlin mit Heiner Müller, Thomas Brasch und viel Musik sowie einem holografischen Nachspiel

Sonntag, Dezember 9th, 2012

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Dimiter Gotscheff beleuchtet in „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige“ groteske Mords-Clowns auf der Bühne des DT und Katharina Thalbach bietet dem BE-Publikum mit „Was ihr wollt“ doch nur was es will

„SCHLAGT EUCH NICHT DEN SCHÄDEL EIN, ZERBRECHT EUCH LIEBER DEN KOPF“ Heiner Müller aus „Der Lohndrücker“ (1956/57)

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Heiner Müller (09.01.1929 – 30.12.1995)
© Stadtbibliothek Chemnitz 2012

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Der Regisseur Dimiter Gotscheff hält seit Jahren mehr oder minder erfolgreich das Andenken des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller hoch. Er wechselt dabei beständig zwischen der Berliner Volksbühne und dem Deutschen Theater, die damit beide wohl die höchste noch in Deutschland erreichbare Heiner-Müller-Dichte vorweisen dürften. In Abstreifung seiner Ehrfurcht vor dem Übervater Bertolt Brecht versuchte Müller sich mehrfach an der kritischen Hinterfragung der Lehrstückmethode Brechts wie z.B. in „Philoktet“ (1965), „Der Horatier“ (1969) und „Mauser“ (1970) oder auch im Fatzer-Fragment (1978). In „Die Schlacht“ greift Müller Brechts „Furcht und Elend des III. Reiches“ auf. Infolge der Stagnation des Sozialismus in der DDR geriet Müller in eine innere Krise und wand sich von Brecht ab und verrätselten, düsteren Zukunftsvisionen zu. Es entstehen die Stücke „Quartett“ (1981) und „Verkommenes Ufer – Medea Material – Landschaft mit Argonauten“ (1982). Aber auch schon in seiner Shakespeare-Bearbeitung „Hamletmaschine“ von 1977 kommt Müllers zunehmender Pessimismus zum Ausdruck. Das brachte ihm eine große Anhängerschar unter den jungen systemkritischen Literaten in der DDR der 80er Jahre ein, die Müller selbst aber eher als luftwurzelnde Scheinexistenzen mit fremdbestimmten Texten wie „dünnes Gebäck“ und „verspätete Kopie von Moden“ bezeichnete. Heute ist es um den einstigen Kultautor und gnadenlosen Sezierer des Ostens, der nach der Wende merkwürdig verstummte und so seinem Vorbild Bertolt Brecht nicht nur als BE-Intendant immer ähnlicher wurde, ziemlich ruhig geworden. Worauf nicht nur von Regisseuren wie Frank Castorf oder Dimiter Gotscheff immer noch gern zurückgegriffen wird, sind aber neben Zitaten aus seinen zukunftspessimistischen und revolutionskritischen Werken vor allem seine Shakespeare-Übertragungen und -Adaptionen.

Foto: St. B. dt_shakespeare_nov-2012.JPG

Nun hat sich Dimiter Gotscheff im Zuge des Spielzeitmottos des Deutschen Theaters „Macht, Gewalt, Demokratie“ vorwiegend Texte aus den Königsdramen William Shakespears herausgesucht. Er benutzt in seinem blutrünstigen Potpourri allerdings überwiegend moderne Übersetzungen von Frank Günther (Übersetzung des Gesamtwerks von Shakespeares seit den 1970er Jahren), Manfred Wekwerth (Leben und Tod König Richard des Ditten, 1970 und Troilus und Cressida, 1985), Thomas Brasch (u.a. Macbeth, Richard II. und III.), neben Brecht der andere Hausheilige des Berliner Ensembles, und natürlich Heiner Müller, der mit seinen Werken „Hamletmaschine“, „Macbeth“ und „Anatomie Titus Fall of Rome“ die wohl deutlichsten Shakespearekommentare zum Thema Macht, Gewalt und politischer Mord abgegeben hat. Eine genaue Zuordnung der Textzitate, die Gotscheff für seine Shakespeare-Collage „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige“ verwendet, ist allerdings nicht möglich, da die Quellen im Programmheft nicht angeben sind. Was umso bedauernswerter ist, da es Gotscheff in seiner Auftragsarbeit vermutlich nicht so sehr um Shakespeare selbst, sondern um heutige Reflektionen seiner Texte in Bezug zum Spielzeitmotto geht. Was aber geradezu auf der Hand zu liegen scheint, ist die Tatsache, dass Gotscheff Shakespeare gerade auch dazu nutzt, um wieder einmal Heiner Müller durch die Hintertür hereinzuwinken.

„Aber im Duell tauschen die dann natürlich ihre Schwerter oder Degen, so daß sie beide sterben, also Laertes und Hamlet. Und Hamlet dann im letzten Moment kann noch rund um sich töten, was er haßt. Wir haben das natürlich so gemacht, daß er fast alle auf der Bühne umbringt in einem blinden Massaker. Aber es ist kein Kalkül. Es gab vorher immer dieses Hin und Her um die Rache oder nicht Rache. Und das erste Mal, wo er etwas tut, ist es eigentlich was Blindes und was Unkalkuliertes. Es ist kein Plan mehr, es ist nur noch blinde Praxis.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge. Das Garather Gespräch in „Heiner Müller, Werke 11, Gespräche 2 (1987-1991), Suhrkamp Verlag 2008

Diese von Heiner Müller beschriebene Szene aus seiner Inszenierung der „Hamletmaschine“ scheint Dimiter Gotscheff im Kopf gehabt zu haben, als kurz vor der Pause alle beteiligten Darsteller der Reihe nach in einer wilden, unkontrollierten Duellnachstellung umfallen. Der Shakespearebearbeiter Müller dient Gotscheff als Masterfolie für die Umsetzung seines Shakespearereigens, der sich um all die grotesken Mörderclowns, Machtbesessenen, ihre zahlreichen Opfer und Sonstige am blutigen Spiel Beteiligten dreht. Wobei Sonstige auch auf das Theaterpublikum gemünzt ist, das die theatrale Darstellung dieser Monstrositäten braucht, um sich in Faszination und Schauer von ihnen gleichsam gefangen nehmen und distanzieren zu können. Die Figuren der Shakespeare´schen Königsdramen stellvertretend als Projektion der eigenen Dämonen und Monster. Margit Bendokat bringt es gleich zu Anfang auf den Punkt. Die Weltgeschichte ist ein Sprechen über Gräber, Würmer und Grabinschriften. Ein tägliches Morden und Sterben im Gerangel um die Macht. „Nichts als der Tod ist unser Eigenes.“ Der König ist tot, er ist gemordet. Es lebe der König! Wer ist der König? Der König ist der König. Und schon recken sich alle nach der von Bendokat auf einem kleinen Podest abgelegten Pappkrone. Auf sonst leerer Bühne die einzigen Requisiten. Die Krone ist schnell zerrissen, das Podest im Auf und Ab, den jeweilig Aufgestiegenen im grellen Spotlight, der von Katrin Brack wieder dicht gehängten Scheinwerfer, präsentierend. Das Spiel um die Macht, ein ewiges Bäumchen wechsle Dich. Die Darsteller wechseln hier sinnbildlich immer wieder ihre Sitze vorn im Parkett.

Von dort gibt es dann auch zumeist die bei Gotscheff typischen Auf- und Abtritte zu den Solos der einzelnen Schauspieler. Samuel Finzi als erst zögerlich, ängstlicher Julius Cesar, der dann in Zeitlupe gemordet wird und slapstickartig blutende Wunden andeutet und dann als Samurai-Macbeth im Schottenrock. Wolfram Koch als Othello und Jago in einer Person. Peter Jordan ist ein verkrüppelter, verschlagener Mörder Richard III und Ole Lagerpusch ein rockender Hamlet + Maschine. Finzi und Koch geben dann ein gedungenes Mörderclownsduo, das kalauernd seinem Job nachgeht. Leichen werden schon mal in einer Klappe im Bühnenboden versenkt, aus der die Untoten natürlich irgendwann wieder auftauchen. Die Damen müssen sich dabei mit den Königinnen und Königsmüttern begnügen, wie Almut Zilcher als verfluchende Margarete. Anita Vulesica darf dann auch noch mal das finster Fiese aus Richard III. herauskitzeln, bis dann schließlich Meike Droste als geschändete Lavinia aus Heiner Müllers „Titus-Andronicus“-Version den Opfern eine Stimme gibt. Untermalt wird das ironisierende, mörderische Treiben durch eine Jazzband um den finnischen Musiker Kalle Kalima, der auch schon in David Martons Monteverdiprojekt an der Schaubühne zu sehen war. Mit der Sopranistin Ruth Rosenfeld, ebenfalls aus Inszenierungen an der Volksbühne und dem Ballhaus Ost bekannt, bekommt das mit gut drei Stunden überbordende Nummernprogramm einige virtuose Breaks. Sie singt Klassisches aus Renaissance und Barock darunter den Traditionell „Billy Bones“, Bachs „Komm süßer Tod“ und italienische Opernarien.

Den Schluss gibt wieder Margit Bendokat mit Heiner Müller. Aus dessen „Anatomie Titus Fall of Rome” trägt sie die Zeilen „AUS WALD DEN ES MIT BLUT SPRENGT / STÜRZT DAS REH” vor. Das Opfer, kommentiert von seinen Jägern. Müller schreibt das in römischen Majuskeln und fügt hinzu: „Die Künstler nach getaner Arbeit gehn / Mit Hoffnung, daß der Ruhm sie nicht erreicht / Das Kunstwerk ausgestellt rennt hin und her / Auf dem Theater Laufsteg zwischen Mensch / Und Mensch im Ozean der Angst die Angst / Des Publikums kein Mensch ist auf der Bühne.“ Die Bühne leer und die Welt voll von diesen Mörderfratzen und Clowns der Menschheitsgeschichte, die als Wiedergänger sich nun diese Bühne zurückerobern. Brecht hatte einst im Angesicht der Großstadt festgestellt: „Nicht schlecht ist die Welt, sondern voll.” Heiner Müller spinnt das weiter und macht im Gespräch mit Alexander Kluge „Die Welt ist nicht schlecht, sondern voll“ eine Rechnung auf. Alle Plätze in der Welt sind besetzt. Das antike Gleichgewicht der Toten und Lebenden ist gestört. Nur bei gleichbleibendem Gewaltpotential ist es haltbar. Diese These mündet bei Müller in dem Satz: „Ich schulde der Welt einen Toten„. Nachzulesen ist das alles in den drei umfangreichen Gesprächsbänden, die nun zum Ende der großen zwölfbändigen Werkausgabe unter Frank Hörnigk im Suhrkampverlag herausgekommen sind. Ein Gedankenkompendium u.a. auch dessen, was Heiner Müller von Shakespeare und aus der griechischen Tragödie hergeleitet und in seinen Stücken künstlerisch verarbeitet hat. Und gerade zum Thema Diktatur oder Demokratie hatte Müller einiges zu sagen, dem Gotscheff mit seinem Shakespeareverschnitt aber wohlweislich aus dem Weg geht. Zu schwer, zu sperrig fürs bürgerliche Publikum, dass sich lieber an der Virtuosität der Darsteller ergötzen möchte.

Die Toten, Mörder wie Opfer, lässt Dimiter Gotscheff lang und breit an uns vorüber defilieren. Erkenntnis oder Lehre gleich Null. Nur die Pappkrone liegt wieder da, wo sie am Anfang schon abgelegt wurde. Sinnbild eines Spiels, das immer weiter gespielt wird. In seiner Inszenierung von „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“, die Gotscheff noch um das Langgedicht „Mommsens Block“ erweiterte, konnten die dystopischen Müllertexte kurzzeitig noch einmal mit einigem Witz wiederbelebt werden. Vor einem Jahr grinsten uns da schon einmal die gleichen Clownsfiguren an. Die Gotscheff-Kernfamilie mit Bendokat, Zilcher und Koch spielte da in teils solistischen Egotrips eine gewagte Balance zwischen großem Müller-Pathos und schlauer Gotscheff-Ironie. Eingerahmt durch eine Art stumm müllernden Conférencier (Margit Bendokat), der erst am Ende auch eine Stimme findet, die dem Dichter Müller bereits lange als verloren galt. Jetzt um das große DT-Ensemble erweitert, verliert sich dieser Witz allerdings ins Beliebige. Nur der Affe, den Wolfram Koch damals noch nackt, nur mit Schlipsen und Stange die evolutionären Sprünge zum Werkzeug und Waffe bedienenden Macho-Mann vorturnte, ist, diesmal im keuschen Fellkostüm in der gelenkigen Verkörperung durch die Tänzerin Bettina Tornau, wieder anwesend. Ob als Symbol der Unschuld oder reiner Anachronismus bleibt das Rätsel der Inszenierung.

„Ich hab‘ ein paar Shakespeare-Sachen übersetzt und bearbeitet, und das ist natürlich immer wieder ein Material und Thema gewesen. Gerade in Zeiten von nachlassender Inspiration ist es eine Bluttransfusion, mit Shakespeare sich zu beschäftigen.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge. Das Garather Gespräch in „Heiner Müller, Werke 11, Gespräche 2 (1987-1991), Suhrkamp Verlag 2008

Ein ähnliches Schicksal wie Heiner Müller ereilte nach der Wende auch Thomas Brasch, der, von einer Schreibblockade und Daseinskrise gebeutelt, seine in den 1980er Jahren begonnen Shakespeare- und Tschechow-Übersetzungen fortzuführen begann. Ähnlich wie Müller sah auch Brasch darin eine Inspiration, Shakespeares poetische und gleichzeitig deftige Sprache für die heutige Zeit verständlicher zu machen. Hermann Beil beschrieb Braschs Intension in einem Gespräch mit Martina Hanf für das „Arbeitsbuch Thomas Brasch“ (Theater der Zeit 2004) dann auch so: „Die Balance zwischen poetischer Form und Direktheit, die in Shakespeares Zeit ihre Wirkung gehabt haben muss, das war sein Ziel.“ Über dieses Ziel dürfte Katharina Thalbach mit ihrer Inszenierung der Brasch-Übersetzung von Shakespeares „Was ihr wollt“, die einen Tag nach Gottscheffs „Shakespeare“ am DT über die Bühne des Berliner Ensembles tobte, weit hinausgeschossen sein. Von Balance war da nicht sehr viel zu spüren. Aber neben einem Wahnsinns-Klamauk gibt es auch einen Wahn der Sinne im Stück. Dabei versteht man unter Sinnlichkeit, eine tiefere Ebene zumindest noch durchschimmern zu lassen. So dass dem Publikum zumindest am Rande noch auffällt, dass es nicht nur um das reine Vergnügen geht. Sonst ist es eben auch zu schnell abgesättigt. Aber Katharina Thalbach inszenierte „Was ihr wollt“, wie es dem Publikum am besten gefällt, nämlich heftig, deftig und natürlich immer hart an der Gürtellinie entlang.

was-ihr-wollt_be_nov-2012.jpg Foto: St. B.

„Und ich glaube, das Theater hat einen ungeheuren Verlust erlitten in dem Moment, wo geschlechtsspezifisch besetzt wurde.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge zum Thema „Anti-Oper“ und japanischem Kabuki-Theater

Man kennt ja den Hang der Thalbach, den Schalksnarren raus zu lassen und dem Komödienaffen Zucker zu geben. Sie beruft sich hier im Programmheft auf ein Interview mit ihrem 2001 verstorbenen Gatten Thomas Brasch zu seiner Übersetzung der Komödie „Was ihr wollt“ für eine Inszenierung im Schillertheater 1984, in dem dieser über Anspielungen, Tabuverletzungen, die Komik Shakespeares und die Bedürfnisse des elisabethanischen Publikums referiert. Und so gibt es dann nicht nur ein zünftiges Happy End, Katharina Thalbach gibt dem BE-Publikum auch sonst was es will. Das Schauspiel wird zur knallbunten Revue. Jeder kann, wenn er oder sie denn können, auch mal einen knalligen Popsong zum Besten geben. Schwule Hymnen, Schmachtfetzen und das Beste der 70er und 80er erklingen. Natürlich „I will survive“ oder auch mal „Nothing compares to you“ und der biedere Haushofmeister Malvolio (Norbert Stöß) schmettert in obligatorisch gelben, kreuzweis geschnürten Strümpfen „Fever“, bevor er von seinen naturgemäß versoffenen Gegenspielern Sir Toby Rülps (Veit Schubert) und Sir Andrew Leichenwang (Martin Seifert) eingesargt wird. Die Doppelrolle der Zwillinge Viola/Cesario, die sonst eher von einer Schauspielerin bekleidet wird, übernimmt hier der männliche Star des Hauses Sabin Tambrea. Dafür wird ganz Gender Crossing nun der Herzog Orsino von Antonia Bill gespielt. Sie trägt Schnurrbart, greift sich in den Schritt und versucht sich in einer rauchigen Tonlage. Antonio, der Retter und heimliche Verehrer Sebastians, darf hier ganz offen schwul sein und hängt verzweifelt an der Reeling, da er auch bei Katharina Thalbach nicht bekommt was er eigentlich will. Das tut dem quietschvergnüglichen Abend aber weiterhin keinen Abbruch.

Trotzdem gibt sich die Kritik fast ausnahmslos wieder mal not amused. Und es scheint beinahe so, als handele es sich dabei um die Rache der Puritaner, die das BE lieber heute als morgen geschlossen sehen würden? Malvolio, die alte Spaßbremse, hatte es ja lauthals prophezeit. Katharina Thalbach versucht so den Rezensenten den Wind aus den Segeln zu nehmen, und steuert ihren Komödienkahn zielsicher ans seichte Gestade, sprich ins Stadl. Rotnasiger oder besser rotznasiger Kinderkram, von den Wannseefestspielen direkt ans BE geschwappt. Man sehnt sich förmlich in die „Wie es euch gefällt“-Inszenierung der Thalbach zurück. Der Boulevard, den sie mit ihrem großartigen Darstellerinnen-Ensemble dort vor zwei Jahren am Kudamm veranstaltet hatte, war jedenfalls wesentlich intelligenter. Sie kann es also durchaus besser. Und das „Was ihr wollt“ auch gute Klamotte sein kann, hat Jan Bosse bereits 2010 am Thalia Theater in Hamburg bewiesen. Mit Abstrichen vielleicht auch noch Matthias Hartmann 2011 an der Wiener Burg. Das Genderthema auf die Spitze getrieben hatte 2008 Michael Thalheimer mit seiner ganz Shakespearegetreu ausschließlich männlichen Besetzung im Zelt am Deutschen Theater, bei der der Witz leider etwas im Schlamm stecken blieb. Am BE versenkt die Thalbach aber noch das letzte Bisschen hintergründigen Shakespeare´schen Wortwitz im gnadenlos überbordenden Klamauk.

Krachledernes Schenkelklopf- und Wegschmeißtheater. Ein bayerischer Trampel (Traute Hoess als Zofe Mary), zwei Grenzdebile und lauter Schauspieler die sich wie pubertierende Teenager aufführen. Thomas Quasthoff muss man hier ausdrücklich ausnehmen. Er überzeugt mit sicherer Stimmlage beim barocken Gesang, genauso wie im derben Kanon „Halt´s Maul, du dumme Sau“. Ein weiser Narr auf einem Ship of Fools (Bühne: Momme Röhrbein), schafft ihn weg. Dass Shakespeare das Stück auch als melancholischen Abgesang auf sein Theater inszeniert hat, das ihm die Puritaner wenig später auch tatsächlich geschlossen haben, kommt nur in einer Fußnote vor. Das Geschlecht ist hier ein derber Unterleibswitz, Geschlechterverwirrung ein bloßer Irrtum. Lauter Klemmschwestern und Möchtegernmachos, denen es nicht nur in der Hose fehlt. Einen Spagat muss man da nicht mehr machen. Es zwickt auch so genug im Schritt. Dass bei Shakespeare eigentlich nicht jeder bekommt was er will, dem BE-Publikum dürfte das ziemlich egal sein, Hauptsache es fetzt. Die Puritaner sind auf Landgang und da will man sich halt amüsieren. Dass es das DT nicht viel besser kann, außer einer zitatenreichen Kunstpose, ist traurige Bilanz eines verkorksten Shakespeare-Wochenendes.

„Wenn die Musik die Nahrung für die Liebe ist, füttert mich weiter, daß ich mich ganz überfreß und mir der Appetit vergeht daran. (…) So voller Wahnsinn ist die Raserei, die Liebe heißt – daß die am Ende auch sich selber in den Wahn der Sinne reißt.“  William Shakespeare, Orsino aus „Was ihr wollt“, neu übersetzt von Thomas Brasch

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M, A reflection – Kris Verdonck spielt mit holografischen Videoprojektionen und Texten von Heiner Müller am HAU 2

Einen künstlerisch ganz anderen Weg des Umgangs mit Texten von Heiner Müller begeht der belgische Videoperformancekünstler Kris Verdonck. Mit Hilfe ausgefeilter Videotechnik verdoppelt er in seinem Gastspiel am Berliner HAU 2 den Schauspieler Johan Leysen und lässt ihn gegen ein künstliches Selbst als Gegner wie auch als Verbündeten antreten. Dieser scheint ihm, obwohl immer wieder wie ein Geist aus der Vergangenheit auftauchend, immer einen Schritt voraus, widersetzt sich, hakt nach oder ergänzt das Original. Der Gegenüber erzwingt so wie in einem Gespräch die sofortige Reflektion des Gesagten. Eine Eigenschaft die Müllers Texten von jeher immer auch inne wohnt. Ein großer Inspirationsquell dafür dürften in jedem Fall die zahlreichen Gespräche Heiner Müllers mit dem Filmemacher und Fernsehproduzenten Alexander Kluge für dessen Fernsehformat dctp gewesen sein. Dass diese für die Erarbeitung eines solchen Theaterprojekts wie geschaffen zu sein scheinen, liegt an ihrem Wesen, die Gedanken frei um eine bestimmtes Thema kreisen zu lassen, um sich dabei immer wieder gegenseitig zu befruchten. Durch die Veröffentlichung der Gespräche in Buchform und die Archivierung der Fernsehaufnahmen im Internet ist diese Arbeitsweise gut nachvollziehbar.

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Schere, Stein, Papier. Johan Leysen im Kampf mit seinem fiktiven Gegner. Foto: A Two Dogs Company

Leysen beginnt allein an einem Tisch, legt alte Platten auf, wie um einer längst vergangenen Zeit nostalgisch zu gedenken. Wie in Müllers Texten taucht dann aber schnell das verdrängte Gewissen oder auch Menetekel der Vergangenheit auf und beginnt einen Dialog über Krieg, Tod und individuelle Schicksale in politischen Verstrickungen. Zwei Beckettfiguren sprechen Müllertexte. Es geht um die Weite Russlands mit ihrer asiatischen Zeitreserve, wie es Müller gegenüber Kluge bezeichnet, und den Platz, den jedes Individuums in der Welt inne hat. „Ich schulde der Welt einen Toten“ (siehe oben). Oder Leysen spricht Passagen aus dem „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, dem Bericht eines Sowjetischen Offiziers im 2. Weltkrieg aus der „Wolokolamsker Chaussee“ und dem traumatischen, autobiografischen Text „Todesanzeige“, in dem es um den Selbstmord von Müllers erster Frau geht. Die zwei scheinbar gespiegelten Individuen hängen hier in einem künstlich geschaffenen, zeitlosen Raum zwischen Nichtmehr und Nochnicht, treten auf, gehen ab und umkreisen sich ohne einander wirklich nahe zu kommen. Ein Versuch einer künstlerischen Annäherung in Bild und Ton, ohne dem Anderen vollkommen absorbieren oder auslöschen zu können.

Irgendwann ist im beständigen Halbdunkel der Bühne nicht mehr klar erkennbar, wer Original und wer Hologramm ist. Das Ganze gipfelt in dem Text „Nachtstück“ aus „Germania Tod in Berlin“, in dem „ein Mensch der vielleicht eine Puppe ist“, eine absurde mundlose Beckettfigur, sich bei der vergeblichen Anstrengung ein freilaufendes Fahrrad zu erreichen, erst die Beine und die Arme ausreißt, und dem dann auch noch die Augen ausgestochen werden, bis ihm nun völlig bewegungsunfähig erst ein Mund entsteht, der sich zum stummen Schrei öffnet. „Der Mund entsteht mit dem Schrei.“ Leysen wird dabei als überlebensgroßer Torso auf eine Gazewand projiziert. Kris Verdoncks Performance, in ihrer perfekten technischen Umsetzung zwischen Videobild und realem Schauspiel, lässt die altbekannten Müllertexte durchaus in einem neuen Kontext erscheinen und bewegt sich geschickt, durch Johan Leysens großartige Verkörperung, zwischen unaufgeregtem Ernst und leiser Ironie. Nach einem etwas zu euphorischen Neubeginn am Hebbeltheater mit großen Gaststars und niederländischen Wunderbäumen, die künstlerisch nicht gerade in den Himmel wuchsen, der erste Abend, der wirklich sehenswert war.

Literatur:

  • Heiner Müller, Werkausgabe: Die Gespräche 1965-1995
    Herausgegeben von Frank Hörnigk unter Mitarbeit von Kristin Schulz, Ludwig Haugk, Christian Hippe und Ingo Way, Werke Band 11-13, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 2008
  • MÜLLER MP3. Heiner Müller, Tondokumente 1972–1995
    Herausgegeben von Kristin Schulz
    4 mp3-CDs und ein Begleitbuch (192 Seiten, zahlr. Abb.) im Schuber
    Alexander Verlag 2011

Teil 1: Thomas Brasch

Teil 2: Einar Schleef

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WIENER FESTWOCHEN 2012 (Teil 1)

Samstag, Juni 9th, 2012

„Quartett nach Heiner Müller – Eine Oper von Luca Francesconi in der  Regie von Àlex Ollé (La Fura dels Baus)

mq-kunsthalle-1.jpg Foto: St. B.
Die Wiener Festwochen im Museumsquartier

Neben Teilen aus der „Wolokolamsker Chaussee I-V“, „Germania 1-3“, der „Hamletmaschine“ oder dem „Der Auftrag“ ist sicher „Quartett“ immer noch das meistgespielte Stück von Heiner Müller auf den Schauspielbühnen Deutschlands und Europas. Heiner Müllers düstere Endzeitdramen inspirierten aber nicht nur Schauspielregisseure immer wieder zu neuen Interpretationen, auch Komponisten haben Vertonungen u.a. von der „Hamletmaschine“ (Wolfgang Rihm, Robert Wilson) verfasst. Oder eben der Beziehungsthriller „Quartett“ nach dem Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ des Franzosen Choderlos de Laclos, (1741-1803) zu dem der Mailänder Luca Francesconi eine Opernfassung komponierte und auch das englischsprachige Libretto verfasste. Bei den Wiener Festwochen 2012 gastierte nun dieses multimediale Spektakel aus zeitgenössischer klassischer Musik, Bühnenarchitektur (Alfons Flores) und Videokunst (Franc Aleu) in der Halle E des MuseumsQuartiers. Die Inszenierung hatte bereits im April 2011 im Teatro alla Scala in Mailand Premiere. Die Musikalische Leitung in Wien übernahm Peter Rundel, der das „Ensemble da camera dell’Accademia Teatro alla Scala“ dirigierte. Die Regie führte Àlex Ollé, bekannt als Mitglied der ebenfalls mutimedial agierenden spanischen Theatertruppe „La Fura dels Baus“.

Francesconis Musik, die ebenso wie bei Rihm an Stockhausen orientiert ist, klingt modern, immer wieder mit elektronischen Sequenzen durchmischt, und wohltemperiert zugleich. Knisternde Störgeräusche sorgen im dramatischen Ablauf der Handlung geschickt für die nötige atmosphärische Spannung. Beeindruckend ist aber vor allem das Bühnenbild von Alfons Flores. Ein schwebender rechteckiger Raum, halb Salon mit Tisch und zwei Stühlen, halb Bunker mit verkleideten Wänden, ganz wie in Müllers Regieanweisung. Dieser Raum ist aber auch klaustrophobes Gefängnis und zwischen feinen Seilen aufgespanntes Herz eines Spinnennetzes, in dem sich die beiden Protagonisten mal als Opfer mal als verschlingende Intrigenspinne gegenüberstehen. Ein Entrinnen gibt es nicht, das Paar ist dazu verdammt, das letzte seiner Art zu sein und schließlich sich selbst, sowie auch den Raum mit ihrem perfiden Spiel zu zerstören. Von dem auf der Website der La Fura dels Baus angekündigten schwarzen Humor ist allerdings nicht allzu viel zu spüren. Àlex Ollé hat die böse Ironie und den sperrig hintersinnigen Wortwitz Müllers ziemlich glatt hinausinszeniert. Mit eindeutiger Übersetzung und klarer Gestik zielt er vorrangig auf den knalligen Effekt, was von den Protagonisten auch bestens umgesetzt wird. Nahezu perfekt einstudiert wirkt der Sanges-Fight der beiden Kontrahenten Merteuil (Allison Cook) und Valmont (Robin Adams), die so alle Stationen und Rollenwechsel gemäß Müllers Spielanweisung durchlaufen.

quartett-im-mq.jpg Foto: St. B.
Das Ensemble von „Quartett“ beim Schlussapplaus in der Halle E des Museumsquartiers.

Die Videotechnik tut ihr Übriges und ergänzt kongenial das Konzept der Inszenierung. Die große Welt spiegelt sich im kleinen Modell und aus dem universalen Blick von oben zoomt sich ein Ausschnitt dieser Welt zu uns heran. Wie wir von unten, schaut das Paar von der Leinwand auf sich selbst, die Perspektiven verschieben sich aber immer wieder. Grenzenlose Weiten mit Wolken und Sternen, die den Raum förmlich fliegen lassen, wechseln mit überdimensionalen Mauern, die sich immer aufs Neue errichten, um dann wieder in sich zusammen zu fallen. Der kleine spezielle Drang zur persönlichen Rache wird zum großen Krieg der Geschlechter, zwei in gegenseitiger Abhängigkeit gefangene Machtbesessene potenzieren sich selbst bis zur gegenseitigen Auslöschung. Nachdem Valmont in der Rolle von Merteuil vergiftet ist, bleibt Merteuil nur noch der Wahnsinn als letzter Ausweg, die Zerstörung des Raums und mit ihm der ganzen Zivilisation. Allison Cook reißt die schwarze Verblendung von den Wänden des Kastens und kippt die dahinter befindlichen Bücherregale aus. Heiner Müllers pessimistische Parabel auf das Ende der Vernunft als minimalistische Kammeroper in ästhetisch durchchoreografierten Bildern ist ein klanglicher und optischer Genuss nicht nur für Kenner der zeitgenössischen Musik, sondern durchaus auch für Fans des deutschen Ausnahmedramatikers.

„The Master and Margarita“ nach dem Roman von Michail Bulgakow mit der Theaterkompanie „Complicite“ in der Regie von Simon McBurney

Ebenfalls mit einer perfekten Bühnenshow wartet die Produktion „The Master and Margarita“ von der Theaterkompanie „Complicite“ unter der Leitung des britischen Schauspielers und Regisseurs Simon McBurney auf. Die leere Bühne wird zuerst nur von den Schauspielern und einigen Stühlen bevölkert, bis die Theatermaschine auf vollen Touren läuft und sich Wände wie von Zauberhand verschieben, ein Glaskasten mal Kiosk und dann wieder Straßenbahn wird und der abgetrennt Kopf von Berlioz, dem Vorsitzenden der Literaturvereinigung, als Melone von Hand zu Hand rollt. Man ist dem Wahnsinn nahe, denn Maître Voland, der leibhaftige Satan, treibt mit seinen Komplizen als fremder Magier sein makabres Spiel in Moskau. Der phantastisch überbordende, satirische Roman von Michail Bulgakow über Stalins Sowjetunion dient hier dem britischen Ensemble als willkommener Anlass, die Multimediamaschine anzuwerfen und dem sozialistischen Realismus, dem Bulgakow mit viel subtiler Absurdität zu Leibe rücken wollte, mit umso mehr technischem Brimborium den Gar endgültig aus zu machen. Allerdings verliert der Gedankenzauber von Bulgakows Roman damit vollends den Kopf.

Foto: St. B. master-and-margarita-burgtheater.jpg
The Master und Margarita als Gastspiel am Burgtheater Wien

Wie schon in „Quartett“ nehmen auch in McBurneys Inszenierung die Videoprojektionen (Finn Ross) am Bühnenhintergrund eine zentrale Rolle ein. Man zoomt sich so ins Moskau der 30er Jahre direkt ins Haus Sadowaja 302b, Wohnung 50. Eine ausgefeilte Lichttechnik und der passende Sound (Paul Anderson und Gareth Fry) vervollständigen diese perfekt durchkomponierte Multimediashow. Der erste Teil der Aufführung wirkt wie ein ununterbrochener Monty-Python-Sketch. Very British, trotz des deutschen Akzents, wie Volant und seine Gehilfen, samt Puppenkater Behemoth mit glühenden Augen, hier mit der Moskauer Nomenklatur umgehen. Zaubershow und Videofeuerwerk ersetzen die eigene Imagination. Der Meister, der einen Roman über einen nachdenklichen Richter Pontius Pilatus, der mit der Unumgänglichkeit Jeschua han-Nasri zu kreuzigen hadert, schreiben wollte und damit an der offiziellen Kritikerkaste scheitert, ist hier von Anfang bis Ende ein Gefangener der Irrenanstalt, aus der ihn auch seine Geliebte Margarita (Sinéad Matthews) trotz Flugsalbe nicht befreien kann. Das Faust-Motiv wird hier umgedreht, da der Meister nicht mit Margarita die Anstalt verlassen will. Einen ganz zentrale Rolle nimmt die Pilatusgeschichte in der Inszenierung ein, die durch die gleichen Darsteller (Paul Rhys als Meister, Volant und Jeschua) verkörpert wird, was die Parallelität der biblischen Geschichte zur Moskauer Realität noch verdeutlichen soll. Margarita durchbricht schließlich den Kreislauf des Leids, indem sie die Frau mit dem Taschentuch davon befreit, ihr Kind immer wieder zu ersticken. Die Videomauern brechen und das Mitleid siegt. Das Alles kommt aber nicht über die Dimension der Klappse hinaus, was die meisten aber nicht daran hindern wird, dieses Ereignis ausgiebig zu feiern.

Árpad Schilling zeigt „A papnö – Die Priesterin aus seiner Trilogie „Krízis“

Gegen solch übermächtiges Bühnenaufgebot nimmt sich die kleine freie Produktion „A papnö – Die Priesterin” des Ungarn Árpad Schilling natürlich recht bescheiden aus. Aber auch hier steht neben dem Schauspiel das Video als gleichberechtigtes Theatermittel, zwar nicht so sehr als künstlerischer Bestandteil, sondern mehr um den Inhalt des Stückes unterstützend zu transportieren. Es ist eine Mischung aus Fiktion und semidokumentarischen Elementen, die Schilling zu einem denkwürdigen Theaterexperiment zusammengefügt hat. Der Begründer des Ensemble Krétakör (Hamlet, Die Möwe) hat sich für seine Trilogie mit dem Titel „Krízis ins ländliche Ungarn begeben und in einer Art Community-Projekt mit den Menschen vor Ort gearbeitet. „A papnö“ ist der Abschluss dieses auf drei Teile angelegten „Kreativen Gemeinschaftsspiels“ über die Probleme einer Familie von Mutter, Vater und Sohn auf dem Land. Teil I ist der experimentelle Film „jp.co.de“ über den Sohn, der sein Dorf verlässt und in einer Stadt einen neue Community sucht. Teil II die Kammeroper „HÁLÁTLAN Dogok – Undankbare Biester“ (Bayrische Staatsoper München) handelt von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch, die der Vater als Kinderpsychologe auf dem Land erlebt. Im dritten Teil geht es nun um die Mutter, die den Kindern im Dorf pädagogischen Schauspielunterricht erteilen will. Neben drei professionellen Darstellern wirken diesmal noch fünfzehn Schüler aus einer ungarischen Dorfschule mit.

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Eingang zur Kunsthalle im Museumsquartier. Veranstaltungsungsort  für die Gastspiele der Wiener Festwochen

Die Lehrerin gerät in festgefahrene Strukturen, die sie erst mit viel Mühe aufbrechen muss und dennoch am Ende daran und auch an sich selbst scheitern wird. Ein Sportlehrer, der die Kinder zur Disziplin drillt, mittels ständigem Laufen im Kreis, Liegestützen und Entengang sowie der Religionslehrer, der sich jedem Neuen versperrt und die Kinder eher zum Beichten als zu echtem Nachdenken über sich selbst anleitet, stehen mit ihren rigiden Methoden gegen die unkonventionelle Art, mit der die Theaterpädagogin die Kinder zu freiem Denken ermutigen will. Es gibt immer wieder Breaks im Spiel in denen die Schüler aus der Geschichte aussteigen und sich mit Fragen ans Publikum wenden. So wird z.B. direkt hinterfragt, worum es wohl im Stück ginge, oder es werden Videos eingespielt, in denen die Schüler die Zeit mit der Lehrerin reflektieren. Ein weiterer Videofilm zeigt Interviews, in denen Meinungen von jungen Dorfbewohnern gegen die der alten mit den üblichen Vorurteilen gegen Fortschritt und Ressentiments gegen die Minderheit der ländlichen Roma gegengeschnitten werden. Letztendlich verliert die Lehrerin den Kampf um die Schüler auch weil sie mit ihren persönlichen Problemen nicht klar kommt und ihr die Geduld und die guten Argumente ausgehen. Man kann hier durchaus auch Parallelen zum Stück „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg an der Berliner Schaubühne ziehen. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklung in Ungarn ist „A papnö – Die Priesterin” auf jeden Fall ein mutiges Projekt, das zu Recht eine Unterstützung durch die Wiener Festwochen erfahren hat.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die perfekt durchinszenierten Bühnenshows von „Quartett und „The Master und Margarita sich zwar publikumswirksam recht gut verkaufen lassen, die Ensembles müssen ja damit auch noch durch halb Europa touren und die immensen Produktionskosten wieder einspielen, die Anliegen der Autoren sich dabei aber als relativ störend erweisen. Es ist natürlich nicht so, dass das Gezeigte kein gutes Theater wäre, auch die Schauspieler sind großartig, aber es regt dabei auch nichts mehr zum Nachdenken über das Gesehene an. Ein schöner Theaterabend, der bald wieder vergessen ist. Die Video-Performer überdecken so überdimensional das Darstellerische, dass man sich fast erschlagen fühlt und sich nach einfachem Handwerk sehnt. Die großen Multimedia-Events machen natürlich auch die Festwochen aus, aber so eine experimentelle und uneigennützige Herangehensweise wie bei Árpad Schillings „Priesterin“ tut da trotz aller Unfertigkeit, oder auch gerade deswegen, einfach mal gut. Aber vielleicht blüht uns ja ganz im Sinne der Kulturinfarkt-Autoren bald überall der große Theaterevent.

Fortsetzung folgt

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Hüben wie drüben – Kunst im Schatten der Mauer, ein paar liebgewonnene Tote und jede Menge Jahrestage

Samstag, August 13th, 2011

berliner_mauer_gedenkmarkierung_doris-antony-put-it-under-the-gfdl-and-cc-by-sa-30.jpg Mauer-Gedenkmarkierung – Foto: Doris Antony (wikimedia commons)

Eine Frage der Perspektive. Die Mauer aus anderer Sicht.

„Ist es bei euch auch so kalt wie bei uns?“ Mit Sicherheit eine rethorische Frage, eine Antwort wird der Westberliner Zollbeamte an der Berliner Mauer von seinem Gegenüber auf der Ostberliner Seite nicht bekommen haben. Dass diese Sprüche dennoch überliefert worden sind, ist der Akribie der Grenztruppen der DDR bei ihrem Dienst an der Berliner Mauer geschuldet, die alles genauestens dokumentierten, was in ihren Abschnitten so Tag für Tag vorgefallen war. Bei Recherchen im Militärarchiv Potsdam sind die Autorin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer auf rund 1.500 Fotonegative von der Berliner Mauer gestoßen, die im Jahre 1965 von Grenzsoldaten der DDR entlang des gesamten Verlaufes der Mauer zwischen Ost- und Westberlin aufgenommen worden sind. Messmer hat diese Aufnahmen digitalisiert und zu eindrucksvollen Panoramen zusammengefügt.

Bisher kannte man die Mauer auf der Westseite von diversen Fotografien sehr genau. Fotos der Grenzanlagen von Osten aus waren eher selten, da strengsten verboten. Im Haus der ehemaligen Italienischen Botschaft im 2.Stock Unter den Linden 40 sind diese Fotografien nun zu sehen. Annett Gröschner, die bereits einige Bücher mit Geschichten über Berlin (Mitte, Prenzlauer Berg, Gleimstraße etc.) veröffentlichte, hat sie mit den oben bereits erwähnten Texten aus den Berichten der Grenzer versehen. So entstanden beklemmende Bilder einer fast surrealen Welt, mit menschenleeren Plätzen, Straßenläufen und Friedhöfen, entlang der durch Stacheldrahtverhaue, alte Friedhofsmauern und erste befestigte Grenzanlagen gesicherten Grenze. Das dieses Provisorium immer weiter ausgebaut wurde und schließlich 28 Jahre Bestand haben sollte, hat man damals vermutlich im Westteil der Stadt nicht für möglich gehalten. Der Kontrast der Bilder zu den Texten ermöglicht tatsächlich einen neuen, anderen Blick auf die damals noch trügerisch durchlässig wirkende Mauer.

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