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Saisonabschluss an der Berliner Volksbühne mit René Pollesch und Herbert Fritsch

Dienstag, Juli 12th, 2011

Mitten hinein in den ausgelassenen Saisonabschluss, zu dem sich gut gelaunte Besucher am Freitag in der Volksbühne zu Herbert Fritschs Inszenierung „Die (s)panische Fliege“ eingefunden hatten, kam dann am Abend die furchtbare Nachricht, dass bereits am 4. Juli die erst 26 Jahre junge Volksbühnenschauspielerin Maria Kwiatkowsky unerwartet an einem Herzstillstand in ihrer Berliner Wohnung gestorben war. Freud und Leid liegen oft dicht beieinander, besonders in der Theaterbranche, das wirklich Tragische an dieser traurigen Nachricht ist, dass das auch gerade auf das kurze Leben dieser jungen Schauspielerin zutraf. Es stimmt einen schon nachdenklich, wenn so ein junges Leben dann fast unbemerkt verlischt.
Ihre große Lust am Schauspiel hatte sie bereits als Mitglied des P14-Jugendclubs an der Volksbühne gezeigt und als Filmschauspielerin Preise für ihre Rollen in „Engarde“ (2004) und „Liebe Amelie“ (2005) erhalten. Seit 2009 spielte Maria Kwiatkowsky als festen Ensemblemitglied wieder an der Volksbühne und hatte u.a. Rollen in den Castorf-Inszenierungen „Ozean“, „Nach Moskau! Nach Moskau!“, „Lehrstück“ und „Der Kaufmann von Berlin“ sowie in „Quai West“ unter der Regie von Werner Schroeter. Wer sie in diesen Produktionen gesehen hat, konnte eine wache, körperlich zwar fragile aber dennoch starke Person bewundern. Das ist sie im wahren Leben anscheinend nicht gewesen, warum lässt sich als Außenstehender nur vermuten. Welch großes Talent ist hier wohl an sich und auch inneren Zweifeln verglüht. Nicht nur ihre eindrückliche Stimme wird in Erinnerung bleiben.

Es fällt schwer sich nun sofort wieder den fröhlichen Seiten des Theaters zu widmen und so passt es ganz gut, dass am Donnerstag auch zum letzten mal in dieser Saison René Polleschs neues Stück „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“ an der Volksbühne lief. Denn genau hier hat sich Pollesch wieder mal dem Thema des Künstlers im Widerspruch zwischen Rolle und Wirklichkeit gewidmet.

Foto: St. B. dsc03275.JPG

Das macht er nun mit schöner Regelmäßigkeit seit einigen Jahren. Angefangen bei den Identifikationsproblemen des Individuums bei der sich Sophie Rois einem ganzen Chor gegenübersah (Ein Chor irrt sich gewaltig) und schließlich gegen den Zwang zur ständigen Selbstverwirklichung in einer entpolitisierten Welt ankämpfen musste (Mädchen in Uniform), über die Problematik der Interpassivität im Theater, die den Zuschauer von allem befreit, sogar von dem was er liebt, (Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!), bis hin zur Lüge und Illusion, dem Versprechen des perfekten Tags. Im gleichnamigen Stück „Der perfekte Tag“ zählte der grandiose Fabian Hinrichs die 100 wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte in aller Ausführlichkeit auf und entlarvte anschließend alles als bloße Täuschung. Wir verlassen uns auf die reinen Begrifflichkeiten wie auf das Rad. In „Schmeiß dein Ego weg!“ wird letztendlich sogar die Beziehung Körper und Seele in Frage gestellt. Wir ordnen einer Oberfläche einen inneren Wert zu. Zitat Pollesch: „Die Seele ist eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst.“ (oder anderes Bsp. Geldschein und tatsächlicher Wert) In einem Raum zwischen Hinterbühne und Zuschauersaal ist der Schauspieler gefangen, bis die „vierte Wand“ fällt. Wir sehen etwas, was wir für unser Leben halten, was es natürlich nicht ist, weil es nur eine Projektion davon darstellt. Das Stellvertreterproblem des alten Repräsentationstheaters ist es, das Pollesch mit seinen Theorieuntersuchungen umgehen will.
In seinem neuen Stück fasst nun René Pollesch das alles noch mal zusammen, erweitert um den Seinskonflikt und das ist wirklich neu. Womit sich ganze Künstlergenerationen abgekämpft haben, wird hier fast nebenbei verhandelt. Und doch scheint es Pollesch damit tatsächlich ernst zu sein. Zu Beginn singt Silvia Rieger als Operndiva, vor der Nachbildung einer naturalistischen Bühnenkulisse aus dem Theatermuseum Meiningen (Das Bühnenbild einer Hamletinszenierung aus dem Jahre 1866), eine Callasarie vom Band, Prospekte werden hoch und runtergefahren, auf denen wahlweise noch ein Kino oder einfach nur „Don`t look back“ geschrieben steht. Was früher war zählt heute nicht mehr. Eine Gruppe Operndiven in langen Kleidern (Marlen Dieckhoff, Christine Groß und Catrin Striebeck) müssen sich gegen einen Regisseur (Marc Hosemann) behaupten, der selbst auch noch Opernsänger ist, da er die Rolle des erkrankten Volker Spengler mit bekleiden muss. Es ist nichts so wie es scheint, erfährt man, wo draußen Bowlingaufsteller gesucht werden, erwartet man drinnen einen Opernsänger. Der Mensch muss sich ständig neu erfinden, nur die Kreativität zählt.
Es wird der Zwang zur ständigen Attraktivität beklagt und das man auch zu Hause performen muss. Wir können nicht mehr „…zwischen Rolle und dem wahren Selbst“ unterscheiden. Diese Theorie stammt aus einem Aufsatz von Diedrich Diedrichsen aus dem Buch „Prater Saga“ zum Theater René Polleschs. Dem Menschen in der durchkapitalisierten Welt heutzutage fehlt das Rückzugsgebiet, die Hinterbühne des privaten Heims ist mit zum Hauptschauplatz geworden. Die Rolle weicht dem Zwang zur ewigen Authentizität. Ein Fluch dem die Theater heute regelrecht hinterherhecheln. Daraus ergeben sich für Pollesch neue Widersprüche. Zum Beispiel zwischen Körper und Sprache. Wo bildet sich die Sprache? Wo sitzt das Selbst? Dieses Innen- Außenproblem performen nun die Schauspieler sehr anschaulich und hetzen dabei über die Bühne, allen voran Marc Hosemann, der auch noch über den Schmerz referiert und „…dass der Schmerz der nicht chloroformiert werden kann, immer da ist, immer in den Körpern ist,…“ auch wenn sie tot sind und man ihnen die Organe entnimmt. Dabei kullern dann alle übereinander. Hosemann jagt die Striebeck durch den leeren Orchestergraben und würgt sie vermutlich zum Zeichen seiner Körperlichkeit und Unfähigkeit sich anders auszudrücken.
Silvia Rieger bekommt dann noch ein unerwartetes Solo, indem sie, anhand eines Berichts einer Tochter vom Sterben der Mutter, den Tod als völlig undramatisch und eher langweiliges Ereignis beschreibt. Das Sterben dauert ewig und die Existenz ist unwiderruflich, „….einmal geboren, hört das nie auf“. Das erscheint alles sehr persönlich und es klingt zum ersten mal eine Art von Resignation mit, so etwas von Gescheitert sein. Da glaubt man nun auch bei Pollesch etwas Heiddeger im Hintergrund zu hören, eine tiefe innere Melancholie und Seinskrise etwa? Aber das ist schnell vorbei und in einer wirren Gesten-Pantomime von Marc Hosemann werden dann zum Schluss von Catrin Striebeck noch mal Begriffe geraten.
Dieser Polleschabend wirkt nicht zum ersten mal wie eine unfertige Kopie des Originals, die Diskursschleifen haben sich mittlerweile in der schönen Illusion der Bühnenbilder und der Repräsentation, die sie eigentlich zerstören wollten, selbst verfangen. Pollesch ist an einem Punkt angekommen, wo es so nicht mehr weiter geht. Die Vorzüge der großen Bühne haben sich in ihr Gegenteil verkehrt und man sehnt sich an die alten Zeiten am Prater zurück, als der Künstler noch nicht um sich selbst, sondern die Zuschauer auf Drehstühlen inmitten des Geschehens um die eigenen Achse gekreiselt sind. Doch „Don`t look back!“ Oder sollte es nicht eher heißen: „Schmeiß deine Kreativität weg!“ ? Davon kann nun wieder bei Herbert Fritsch und seiner ersten Volksbühneninszenierung überhaupt nicht die Rede sein.

Es springt, es (Sch)wankt, und legt sich lang, das grandiose Volksbühnenensemble in Herbert Fritschs Inszenierung „Die (s)panische Fliege“ von Franz Arnold und Ernst Bach

Foto: St. B. dsc04389.JPG

Und langgelegt wird sich viel in dieser Aufführung, im wahrsten Sinne des Wortes. Wolfram Koch kostet den Lieblingsausspruch „Ich leg` mich lang!“ des Senffabrikanten Ludwig Klinke geradezu als Running Gag aus. Es gibt lange Auftritte und Abgänge, die mit viel Szenenapplaus bedacht werden. Wann gab es das schon mal an der Volksbühne? Auch die anderen Darsteller allen voran Sophie Rois als sittenstrenge Gattin Emma Klinke im goldgelben Gouvernantenlook, oder Christoph Letkowski als schmieriger Rechtsanwalt Gerlach mit Frack und Zylinder stehen Koch im Grimassieren und Chargieren in nichts nach. Es ist zum Niederknien, was Hans Schenker auch sofort macht, als dauermeckernder Reichstagsabgeordneter Eduard Burwig wirft er sich gleich einem Muezzin auf den Teppich und stößt sein Moralgebet in den Bühnenhimmel, ansonsten stolziert er wie ein Hahn über den Teppich. Dieser Teppich, der den Bühnenboden ausfüllt und im hinteren Teil große Faltenberge wirft, ist das Gelände auf dem sich die durchweg grandiosen Schauspieler tummeln und Schwung und Sprungkraft aus einem versteckten Trampolin für ihre nie enden wollenden Kapriolen ziehen.
Hier springen die Väter der Klamotte aus der Trickkiste und in ungeahnte Höhen des Slapsticks, die man an der Volksbühne nicht mehr für möglich gehalten hatte. Nun hat Frank Castorf es ja auch schon mal in den 90ern mit einem Schwank an der Volksbühne versucht. In seiner Version der „Pension Schöller“ von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs suchte er den ewigen deutschen Kleinbürger in seinen tiefen Abgründen und bemühte dazu noch Heiner Müllers „Schlacht“, während Herbert Fritsch sich mit großer Sinnsuche nicht abgeben mag, den moralisierenden Spießbürger einfach als gegeben nimmt und daraus mit bübischer Lust urkomische Figuren entwickelt. Das befreiende Lachen ist ihm Subversion genug. Eine kleine Hommage auf die Castorf-Inszenierung kann sich der damals noch mit auf der Bühne gestandene Fritsch aber nicht verkneifen, anstatt eines mächtigen Rohrs schleppt Wolfram Koch ein langes Holzbrett mit sich rum und konstatiert dann ganz nebenbei: „Jetzt habe ich die ganze Zeit mit einer riesen Latte gespielt.“ Das ist beileibe nicht der einzigste Kalauer, auch Sophie Rois verheddert sich zu Beginn in einem wunderschönen freudschen Versprecher, beim dem aus dem Knüpfen einer Herrenbekanntschaft, das Beglücken einer ganze Herrrenmannschaft wird. Die personifizierte spießbürgerliche Scheinmoral hinter frisch gestärktem Faltenwurf.
Kartoffelsalat fliegt nicht an diesem Abend, es zieht sich auch keiner zu nackten Schlangentänzen aus, aber Verrenkungen und Verknäuelungen gibt es jede Menge und natürlich auch das, was dem Stück den Titel gibt, ein feuriges spanisches Tänzchen. Denn was die Komik dieses Verwirrspiels ausmacht, ist die Tatsache, dass sich die honorigen Herren der Familie Klinke in ihrer Jugend zu einer Varietetänzerin mit dem Künstlernamen „Die spanische Fliege“ hingezogen fühlten und nun die Konsequenzen fürchten, denn aus ihrer kurzen Liaison ist ein Bub hervorgegangen, der sich nun in ihr bürgerliches Leben drängt in Form eines Fotos und Akten, die Klinke nicht schnell genug loswerden kann und die dabei dennoch in die falschen Hände geraten. Eine der besten Slapsticknummern des Abends entspinnt sich dabei zwischen Wolfram Koch und Harald Warmbrunn, der den biederen und herrlich begriffsstutzigen Onkel Anton gibt. Schuld an der Misere ist also nur Röschen Zippel aus Bautzen und die Herrenriege komplettiert durch den Vorsitzenden des Sittlichkeitsvereins der Stadt und Schwager Alois Wimmer (Werner Eng) läuft zu Höchstform auf, um den ganzen Schlamassel unter den besagten Teppich zu kehren. Ihr schlechtes Gewissen ist ihnen förmlich ins Gesicht geschminkt und sie verwickeln sich durch ihre wirren Ausreden in immer absurdere Widersprüche, ständig im Gegenüber einen heimlichen Mitwisser vermutend.
Der zweite Strang der unglaublichen Story betrifft die nächste Generation, die das Prinzip von Scheinmoral und Lügen der Alten schon bestens verinnerlicht hat. Nach außen ganz tugendhaft, will man sich eigentlich lieber hemmungslos der Liebe hingeben. Klinke-Tochter Paula (Mandy Rudski) ist dem Frauenschwarm Dr. Gerlach verfallen, natürlich erregt das den mütterlichen Unmut und ein sittlich akzeptabler Bräutigam ist auch schon in dem jungen und in Liebesdingen unerfahrenen Heinrich Meisel (Bastian Reiber) aus gut bürgerlichem Hause gefunden. Der verliebt sich aber leider fälschlicher Weise in die Cousine Wally (Inka Löwendorf) und tritt nun, von Klinke für den unerwünschten Spross seiner Jugendsünde gehalten, zum Vergnügen des Publikums von einem Fettnapf in den nächsten. So nimmt das Verwechslungsspiel seinen Lauf, bis die vermeintliche Spanische Fliege in der Person Heinrichs Mutter und Frau des Chemnitzer Stadtrates Meisel (Stefan Staudinger) auftaucht. Hier ist Fritsch mit der als Alberich aus dem Münsteraner Tatort bekannten Christine Urspruch ein regelrechter Besetzungcoup gelungen. Mit turmhoher Perücke und langem schwarzen Flamencokleid reizt sie die Männer dazu, ihre angeblich guten Manieren endgültig abzulegen. Nur dass sich die von ihnen frech Diskreditierte schließlich doch nur als biedere Dame ganz ohne exotische Vergangenheit entpuppt. Fritsch lässt alle in einer herrlichen Schlusschoreografie noch einmal übereinander stolpern.

Mit dieser knallbunten Klamotte hat Herbert Fritsch sein Theater der gnadenlosen Übertreibung und expressiven Spielwut gegenüber den beim Berliner Theatertreffen gezeigten Inszenierungen aus Schwerin und Oberhausen nochmals getoppt. Ein versöhnlicher Abschluss einer an Höhepunkten armen Spielzeit an der Volksbühne, die nur mit Castorfs Tschechowinszenierung „Nach Moskau! Nach Moskau!“, oder einiger kleiner Produktionen aus dem 3. Stock, wie der herrlichen Komödie „1-2-3 Berlin“ in der Regie des Polen Wojtek Klemm, mit der auf der großen Bühne des Hauses leider nur selten zu sehenden Anne Ratte-Polle, glänzen konnte. Was die neue Spielzeit bringen wird, ist noch nicht bekannt. Für September stehen nur Castorfs Inszenierung von Dostojewskis „Der Spieler“, die bereits bei den Wiener Festwochen Premiere hatte und ein Gastspiel der ebenfalss in Wien gelaufenen Marthaler-Produktion „±0 – Ein subpolares Basislager“ fest. Eine Überraschung hat Frank Castorf dann doch noch parat, wie bereits in einem Tagesspiegel-Interview aus dem letzen Jahr angedeutet, kehrt Regisseur Leander Haussmann mit Ibsens „Rosmersholm“ an die Volksbühne zurück.

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Frech wie Oscar, Herbert Fritsch tanzt Polonaise. Noch mal Schlingensief und ein kleines Fazit zum Abschluss des Theatertreffen 2011

Donnerstag, Mai 26th, 2011

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Oberhausener Kurzfilmtage 2009 – © Herbert Fritsch / Sabrina Zwach 

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Verfickte Scheiße, Mutter Wolffen, der Weihnachtsbaum brennt

Der heimliche, unheimliche Star des Theatertreffens war mit Sicherheit der 60jährige „Jungregisseur“ und ehemalige Volksbühnenstar Herbert Fritsch (u.a. Elementarteilchen, Meine Schneekönigin, Das große Fressen und Im Dickicht der Städte), der mit seinen beiden frischen und frechen Inszenierungen die verschnarchte Berliner Theaterszene aufgemischt hat. Er ist aber nicht auf einmal darauf verfallen als Theaterregisseur zu arbeiten, sondern hat bereits seit längerem als medialer Künstler gearbeitet. Mehrere Videoinstallationen, Kunstfilme und schließlich das Projekt hamlet_X beweisen sein universelles Talent.
Fritschs Äußerung zu seiner zum tt11 eingeladenen Schweriner „Biberpelz“-Inszenierung: „Hauptmann? ich kenne den Mann nicht.“ dürfte das Zeug haben, zur geflügelten Redewendung zu werden. Das ist natürlich Koketterie, er reagiert damit entsprechend auf das plötzliche mediale Interesse an seiner Person, ein Schauspieler durch und durch. In seiner Version des Biberpelz tritt eine krass geschminkte Meute von Kleinbürgern auf und brüllt im Chor die naturalistischen Szenenbeschreibungen von Gerhard Hauptmanns Stück um den besagten von Mutter Wolffen gestohlenen Biberpelz. Mehr Naturalismus kommt nicht vor, Fritsch überzeichnet die Figuren gnadenlos bis zum Slapstick. Alles tanzt um eine bewegliche Wand, verbiegt sich, stürzt am laufenden Band, grinst oder zieht andere saure Grimassen. Das groteske Mienenspiel und der enorme Körpereinsatz sind hier Ausdruck für die Gier, Verschlagenheit, Scheinheiligkeit oder Tumbheit der Charaktere. Die Sprache bei Hauptmann noch Berliner Dialekt ist bei Fritschs Darstellern ebenso deformiert wie schon ihre Figuren selbst.
So wird das Spiel zu einer Art pantomimischer Clownerie, begleitet von Shantys und dem bisweilen schwer verständlichen Gebrabbel der Protagonisten. Es stehen Plattdeutsch neben Randberliner Dorfdialekt, Mutter Wollfen mit etwas schlesischem Einschlag, etwas Süddeutsches ist auch herauszuhören und einzig der Amtsvorsteher Wehrhahn (Jakob Kraze) spricht ein halbwegs verständliches Berlinerisch. Seine Borniertheit und die opportunistische Haltung seiner Untergebenen werden in herrlichen Fall-Choreografien verdeutlicht. Mutter Wolffen (Brigitte Peters) hat Herz und Schnauze auf dem rechten Fleck und kann sich immer wieder gegen die anderen Chargen behaupten. Dr. Fleischer (Marcel Rodriguez) ist hier ein armes verschrecktes Würstchen, das man den Staatsfeind wohl schwerlich anhängen kann. Egal, Wehrhan hat alle in der Schlinge, glaubt er zumindest, bis der Strick, der um alle gewickelt ist, einfach fällt. Das Ganze läuft ja schon bei Hauptmann ins Leere und so bricht auch Fritsch einfach ab und die Truppe ergeht sich in einer Endlospolonaise des puren Wahnsinns. Herrlich! Einem hat diese „dilettantische Albernheit“ allerdings nicht gefallen und so kam es, dass BE-Chef Claus Peymannn nicht mehr an sich halten konnte und Fritsch beim Premieren-Applaus, der auch mit einigen Buhs durchsetzt war, lauthals empfahl, besser Schauspieler zu bleiben, denn Regie könne er nicht.
Derart geadelt, war dann die zweite Arbeit von Fritsch, eine „Nora“ aus Oberhausen, schon deutlich in der Gunst des Theatertreffenpublikums gestiegen. Die Bühne zeigt nur einen großen Papp-Weihnachtsbaum, imaginäre Geschenkkartons werden pantomimisch vorgeführt. Das hübscheste Geschenk für Göttergatte Helmer ist Nora natürlich selbst. Manja Kuhl ist hier tatsächlich eine Puppe im entsprechenden Dolls Dress mit rotem Wuschelhaar. Eine lasterhafte, konsumsüchtige Projektion von Männerphantasien. Sie könnte auch gut und gerne Wedekinds Lulu sein. Die Emanzipation wird durch Fritschs wiederum grelle Figurenzeichnung und Kostümierung ad absurdum geführt. Nora benimmt sich zwar aufsässig und weiß die Männer um den Finger zu wickeln, aber zum Schluss geht sie nicht einfach, sondern hebt wie die Goldmarie ihr Kleidchen und wird von goldenem Flitter beregnet. Helmer ist bei Torsten Bauer ein steifer, unsensibler Machtmensch, Krogstad (Jürgen Sarkiss) ein geiferndes, grabschendes Schattenwesen, Frau Linde (Nora Buzalkas) eine schwarz gewandete, karrieregeile Gouvernante und den Dr. Rank, hier gleich als Dr. Krank bezeichnet, gibt Henry Meier als sabbernden Lustgreis, der sich am liebsten zwischen Noras Beine legt und unter ihr Kleid schaut. Alle sind sie gleich Vampiren gezeichnet, bleiche, knochige Gestalten, die ihren Vorteil, wie lebensnotwendiges Blut aus Nora saugen wollen, geldgeil und besitzergreifend.
Helmer ist der Dresseur seines Geschöpfes Nora, er züchtigt sie auch mal mit Klapsen auf das Hinterteil. Seine Kosenamen für sie, wie „mein Eichhörnchen“, klingen zynisch und lächerlich zu gleich. Das ist Fritschs Verdienst, dass Ibsens Text hier bildlich und im Spiel der Figuren direkt erfahrbar wird. Ein Entrinnen aus dem Goldenen Käfig gibt es für Nora nicht. Am Ende zerschneidet die Psycho-Filmusik die psychologischen Erwartungen an das Stück und fängt der Kunst-Weihnachtsbaum auf der Bühne Feuer. Der schöne Schein der bürgerlich familiären Idylle löst sich in Rauch auf. Keine psychologische Studie über das Bürgertum, sondern bitterböse Entlarvung ihrer Verkommenheit. Wie dunkele Raben schweben sie am Bühnenhimmel und rufen der sich aus ihrem Korsett befreien Wollenden, nur eine kopfschüttelndes „Nora, Nora, Nora“ zu. Fritsch unterläuft mit seinen Inszenierungen die gängigen Erwartungen des Theaterpublikums und verblüfft durch seinen Spielwitz. Das ist keine bloße Provokation, sondern durchaus eine gekonnte Art den alten Theaterbegriff neu zu interpretieren. Es bleibt zu hoffen, dass er sich seine Spielfreude und Frische noch lange bewahren kann, wenn die großen Häuser nun rufen werden. Im Juni inszeniert Fritsch an der Berliner Volksbühne den Schwank „Die spanische Fliege“.

Fototrailer Der Biberpelz vom Theater Schwerin

NDR-Portrait über Herbert Fritsch am Theater Schwerin

Trailer Nora oder Ein Puppenhaus vom Theater Oberhausen

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Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“ zum Abschluss des Theatertreffens 2011, Preise und ein Fazit

schlingensief.jpg Schlingenblog, Persönliches Blog von Christoph Schlingensief

Ziemlich genau vor einem Jahr hatte Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“ in Brüssel Premiere. Seit dem ist das Stück durch halb Europa getingelt über Wien, Hamburg, München nun zum Theatertreffen 2011 nach Berlin, wo schon 2009 Schlingensiefs Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ gezeigt wurde. Seine letzte Produktion nimmt sich nun frei nach Luigi Nonos Oper „Intolleranza 1960“ die Intoleranz des Europäers gegenüber der 3. Welt vor. Es beginnt mit Brigitte Cuvelier, die eher ironisch über die Schwierigkeiten bei der Produktion spricht, als Vortragende an einem Rednerpult. Der isländische Vulkan, Geldschwierigkeiten, frierende Afrikaner und natürlich der völlig erschöpfte Schlingensief selbst waren die großen Hindernisse, die es zu überwinden gab. Deshalb muss nun der Schauspieler Stefan Kolosko übernehmen und durch die Show führen, was dieser begleitet von Arno Waschk und seiner Band auch prompt tut. Allerdings ist das der Anfang von einem fröhlich dilettierenden, kaum zu ergründenden Bühnenchaos ganz im  Schlingensiefschen Sinne.
Eine Brechtgardine wird auf- und zugezogen, andere Zitate an Nono und seine Musik sind nur noch über Handy zu hören. Es laufen Videos von Schlingensiefs Afrikareisen auf der Suche nach einem Standort für sein Operndorfprojekt Remdoogo und einer italienischen Stummfilmfassung von Dantes Inferno (1911). Das 6-köfige Team aus Burkina Faso stellt sich vor und gibt sich erst mal alle erdenklich Mühe uns in Tanz und Gesang unser Afrikaklischee vorzuspielen, übernimmt aber immer mehr die Herrschaft auf der Bühne. Sie halten Nonos Oper ebenso für ein Klischee und haben kurzerhand ihren eigenen Text geschrieben. Es wird gerappt, Kungfu gefightet und der als Hauptdarsteller vorgesehene 13jährige Junge Komi ist in Wirklichkeit ein Kleinwüchsiger der nach einer Frau für sich sucht. Der europäische Kultur-Kodex wird verulkt, Koloske lässt den weißen Besserwisser raushängen und zerpflückt eine kleine Hütte, die von den Afrikaner zusammengebaut wurde. Der weiße Jean Chaize und der Afrikaner Wilfried Zoungrana tanzen Armut und Hunger. Bei Hunger zieht der Schwarze den Bauch ein und drückt die Rippen raus. Klar im Vorteil, er ist ja auch erst 27, da kann das jeder, sagt Chaize. Es werden die Toten der Völkerschauen in Hagenbecks Tierpark in Hamburg aufgezählt und schließlich feiern alle einen großen Dankgottesdienst mit Gospelchor und jeder Menge „Halleluja“.
Das Flüchtlingsproblem und der Freiheitsgedanke Nonos werden bei Schlingensief letztendlich zur Freiheit und Selbstbestimmung der Afrikaner in ihrer eigenen Welt umgemünzt. Schlingensief, der ja nun nicht mehr unter uns weilen kann, tritt noch einmal als Videoprojektion vor den Vorhang und lässt kräftig Dampf ab. Es gipfelt in der Selbsterkenntnis, vor Ort nichts ausrichten zu können und den Afrikanern doch lieber das Geld zu überweisen und sich ansonsten rauszuhalten. 95 Prozent aller Bilder von Afrika sind eh nur von Weißen gemacht. Ab ins Taxi und weg hier, ist die letzte Botschaft. Kerstin Graßmann, langjähriges Ensemblemitglied bei Schlingensief, ruft noch mal zu Spenden für das Operndorf in Burkina Faso auf, die sie ja eigentlich als Behinderte ebenso nötig hätte, aber die in Afrika eben auch. Großer Beifall für ein spielfreudiges Chaosteam und den 3sat-Fernsehpreis für Schlingensiefs Projekt, ein posthumer Dank für den unermüdlichen, unvergessenen Performer.

www.schlingensief.com

dsc03797.JPG Foto: St.Bock
Ist das Theatertreffen noch zu retten?
Es ist 2012 auf jeden Fall mit neuem Team wieder am Start.

Ein nüchternes Fazit für den 2011-Theatertreffenjahrgang zu fällen, ist diesmal so einfach nicht. Man hat wie immer Bemerkenswertes, Leuchtendes neben Unscheinbarem und Belanglosem gesehen, Licht und Schatten dicht beieinander, aber Langweiliges nur in ganz seltenen Fällen. Es wäre doch auch eintönig, wenn man alles hätte abnicken können, was da geboten wurde. Die großen Namen die vielleicht einigen gefehlt haben, wurden eigentlich kaum wirklich vermisst. Es standen Performance gleichberechtigt neben echtem Schauspiel, beides hat seine Berechtigung, wenn mit vollem Einsatz und Wagnis versucht. Große Sieger sind auf jeden Fall die wiedererwachte Spielfreude und natürlich die hervorragenden Ensembleleistungen. Etwas daraus herauszuheben fällt schwer, nur so viel, der Alfred-Kerr-Darstellerpreis für die herausragende Leistung eines/r NachwuchsschaupielerIn geht verdienter Maßen an die Kölnerin Lina Beckmann für ihre Rollen in „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ und „Der Kirschgarten“ (hier die Laudatio der Jurorin Eva Mattes). Das die beiden großen Häuser Wien und Zürich trotz Bombast eher mit schmaler Kost aufwarteten, hat der Jury letztendlich recht gegeben, den Blick auf die vermeintlich kleineren frei zu machen. Ein Schuss vor den Bug der großen Stadttheater? Wenn, dann ein heilsamer womöglich, man wird es sehen im nächsten Jahr mit neuem Leitungsteam beim Theatertreffen 2012.