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Friederike Mayröckers REQUIEM FÜR ERNST JANDL vom Burgtheater Wien als Gastspiel zum 90. Geburtstag der Schriftstellerin am Berliner Ensemble.

Dienstag, Januar 13th, 2015

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Paraphrase auf 1 Gedicht
von Ernst Jandl

(„in der küche ist es kalt
ist jetzt strenger winter halt
mütterchen steht nicht am herd
und mich fröstelt wie ein Pferd“ EJ)

in der Küche stehn wir beide
rühren in dem leeren Topf
schauen aus dem Fenster beide
haben 1 Gedicht im Kopf

6.6.2000, Friederike Mayröcker

 

Friederike Mayröcker, eine der wohl bekanntesten österreichischen Schriftstellerinnen und Lyrikerinnen, ist Ende letzten Jahres 90 Jahre alt geworden. Am 20. Dezember hat ihr zur Ehren das Wiener Burgtheater ihr 2001 entstandenes Requiem für Ernst Jandl bei einer Feierstunde im Akademietheater aufgeführt. Mit dem Dichter Ernst Jandl verband die Mayröcker eine über 50jährige sehr innige Lebens- und Arbeitspartnerschaft. Zwar die meiste Zeit örtlich getrennt (beide lebten in eigenen Wohnungen, um sich besser auf ihre Arbeit konzentrieren zu können), bestand trotzdem ein reger, inspirierender Meinungsaustausch, der die beiden in ihrer dichterischen Arbeit beflügelte.

Burgtheater Wien - Foto: St. B.

Burgtheater WienFoto: St. B.

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Bereits 2010 zum 10. Todestag Ernst Jandls hat der ORF das Hörspiel Will nicht mehr weiden. Requiem für Ernst Jandl mit Jutta Lampe als Sprecherin und einer eher klassisch strengen Musik des Komponisten und Organisten Martin Haselböck aufgenommen. Hier ist auch klanglich der Requiem-Charakter stark betont. Mit Chris Pichler und Martin Schwab wurde das Werk dann auch auf CD eingespielt. Man kann diese zum Vergleich heranziehen, muss man aber nicht. Am Burgtheater ist nun ein ganz anderes Werk mit einer von Lesch Schmidt (dem Komponisten und Bruder der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz) ebenfalls originär für diesen Text geschaffenen Musik entstanden, die nicht nur versucht die Rhythmik des poetischen, sehr bildstarken („das HUSCHEN der Stille“) Prosatextes der Mayröcker neu zu interpretieren, sondern sich auch am Lebenspuls des Dichters Ernst Jandl mit seiner experimentellen Lyrik orientiert, die ebenfalls einem ganz eigenen Sprachrhythmus folgt.

Ernst Jandl hat, wie Friederike Mayröcker, neben seinem dichterischen Werk auch als Hörspielautor gearbeitet. Aufnahmen seiner unnachahmlichen Lesungen, die zu einem wichtigen Bestandteil seines Wirkens als Sprach- und Klangkünstlers gehörten, sind mittlerweile legendär und auf etliche Tonträger gebannt. Mit der LP him hanflang war das wort oder dem BBC-Hörstück 13 Radiophone Texte & das röcheln der mona lisa ist Ernst Jandl zu einem regelrechten Klassiker der Sound-Poetry geworden. Was wiederum vor allem Jazz-Musiker zu Wort- und Klang-Experimenten mit Jandls Gedichten inspirierte. Jandl ist immer ein großer Fan des Jazz und Bebob gewesen. Mit seinen Dialektgedichten, den „stanzen“, wandte er sich sogar der österreichischen Volksmusik zu. Auch Rap und Poetry-Slam waren ihm nicht fremd. Ja, Jandl ist mittlerweile Pop. In Österreich ist er Schulstoff, jeder kennt mindestens ein Gedicht von ihm, und wenn es nur ottos mops ist.

Requiem für Ernst Jandl - Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

Requiem für Ernst JandlFoto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

Diesem Sprechgedicht mit dem Jandl eigenen Humor widmete Friederike Mayröcker 1976 einen kleinen Prosatext. Er ist im Suhrkamp-Bändchen Requiem für Ernst Jandl enthalten. Sie würdigt darin „die sprachliche Auseinandersetzung des Autors mit einem Vokal“. Das „hohe Lied vom O, vom O-Tier, vom O-Gott“ usw., als geglückte Verwandlung „von der Liebe zum Vokal zur Wirklichkeit des Bilds; vom Glauben an das O zur Offenbarung Poesie“. Daraus spricht nicht nur die Liebe zum Autor als Wort-Schöpfer und Poet, sondern auch als Herzensmensch, ihrem „HAND- und HERZGEFÄHRTEN“, wie sie Jandl im Requiem auch nennt.

Für die szenische Einrichtung des Requiems durch den Dramaturgen des Berliner Ensembles Hermann Beil, die am Sonntag auch im BE gastierte, hat Friederike Mayröcker den Text selbst eingesprochen. Ihre brüchige Stimme mit dem noch immer markant rollenden R kommt vom Band. Der Text, der kurz nach dem Tod Ernst Jandls entstand, ist ihr wie „schwarze Tränen“ aus der Feder geronnen. Sie spricht im Klageton: „jammervoll, erbärmlich ist der Tod“, hält Zwiesprache mit Dichterfreunden wie Adolf Muschg oder Elke Erb und beschreibt immer wieder eindrücklich zärtlich den auf dem Totenbett liegenden Jandl, will sich gar in seine Nachtwäsche verweinen. In Erinnerung an gemeinsame Reisen nach Meran kommen der Mayröcker Naturbilder („Wann werden wir ein Loch in den Himmel machen?“) und vergangene Düfte in den Sinn. Trost ist ihr die Vorstellung mit ihrem „HERZ- und LIEBESGEFÄHRTEN“ weiter Gespräche führen zu können und vermutlich sogar Antworten erwarten zu dürfen.

Requiem für Ernst Jandl_Dagmar Manzel  Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

Requiem für Ernst Jandl mit Dagmar Manzel
Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

Diesen Text in ein passendes Klanggewand zu kleiden, der seine Pathetik auffängt und entsprechend transportiert, ist Aufgabe der Musik, die Lesch Schmidt als einen eher locker swingenden Jazz anlegt, der die Schwere der Sätze etwas konterkariert und eine Hommage an den Musikgeschmack Jandls sein soll. Der Komponist sitzt selbst am Klavier, begleitet von Violine (Nikolai Tunkowitsch), Saxophon (Dirko Juchem), Tuba (Alexander Rindberger) und gedämpftem Schlagzeug (Manni von Bohr). Dazu steuert die Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel ein paar Vokalimprovisationen bei. Immer dann, wenn Alexander Rindberger zum Bass wechselt, kommt auch etwas mehr Druck in den Sound. Dagmar Manzel kann weitere stimmliche Akzente beim Singen von ein paar zusätzlich ausgewählten Gedichten (Knöpferauschen, und Attersee, oder Vermont, an Ernst Jandl und dieser graue grimme grimmige ich meine Wolf…) Friederike Mayröckers setzen. Das soll improvisiert wirken, was mal mehr und mal weniger gut aufgeht.

Die Manzel swingt und singt souverän mit. Lässig lässt sie die Sätze und Textblätter vom Notenständer fallen. Auch sonst hebt hier nichts wirklich ab. Eine ganz bodenständig ordentliche Leistung des Ensembles um Lesch Schmidt. Das wirkt zunächst recht erhaben durch den ruhigen, akademischen Duktus des Mayröcker-Vortrags, aber auch auf Dauer ein wenig einschläfernd. Per Video werden im Hintergrund Fotos von Mayröcker und Jandl aus verschiedenen Lebensphasen des Dichterpaars eingeblendet, mal auf sie, mal auf ihn fokussiert. Sie wirken da so selbstverständlich untrennbar verbunden wie die siamesischen Zwillinge der österreichischen Literatur. So plätschert es dann gut eine Stunde dahin. Dabei kann man sich wunderbar in den Worten und intimen Gedanken („Eigentlich habe ich nur eine Innensprache.“) der Mayröcker verlieren oder die eigenen schweifen lassen. Die Musik stört nicht. Mit dem schrägen Wortwitz und sperrigen Sprachklang eines Ernst Jandl hat diese Performance mit ihrem zuweilen einlullenden Kaffeehaus-Jazz allerdings eher wenig zu tun.

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Requiem für Ernst Jandl
Text von Friederike Mayröcker
Musik von Lesch Schmidt
Einrichtung: Hermann Beil
Mit: Dagmar Manzel
Musiker: Dirko Juchem, Alexander Rindberger, Lesch Schmidt, Nikolai Tunkowitsch und Manni von Bohr
Uraufführung am 20. Dezember 2014 im Akademietheater
Gastspiel am Berliner Ensemble: 11.01.2015
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Infos: http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=963618926

www.burgtheater.at

Literaturhinweis:

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Friederike Mayröcker
Requiem für Ernst Jandl
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783518412169
Kartoniert, 48 Seiten

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Zuerst erschienen am 13.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Zeus, Oh Donnerer, werfe deine Blitze auf uns nieder. Oimoi, Oimoi, Peter Stein hat Ödipus auf Kolonos inszeniert.

Donnerstag, August 26th, 2010

Bei den Salzburger Festspielen ist dieses Jahr die Antike in. Sophokles` Ödipus hat es den heutigen Dramatikern und Regisseuren angetan. Jon Fosse bringt die ganze Trilogie in eigener Textfassung und Peter Stein übersetzt den Ödipus auf Kolonos neu. Angela Richter scheitert mit ihrer Regie von Fosses neuem Text wie man hört und auch noch in Berlin sehen wird und Peter Stein bringt seine eigene textgetreue Version des alten Sophokles selbst auf die Bühne. Das Ergebnis ist nun am Berliner Ensemble zu sehen.
Theaterdonner wurde angesagt. Darauf muss man aber lange warten, erst mal beginnt alles recht betulich. Die Grillen zirpen, die Vögel zwitschern, der Hain der Erinnyen als griechisches Idyll. Wenn Klaus Maria Brandauer als alter blinder Ödipus endlich seinen Stuhl gefunden hat, spult er seine ganze Bandbreite an Jammer und Fluch ab. Er greint und überschlägt die Stimme, fährt hoch und brüllt all seinen Hass auf das böse Schicksal und jene die ihm nicht zur Seite standen heraus, das einem Angst und Bange wird. Der Chor der alten Männer, genauso jammervolle Typen, stimmt mit ein und es entsteht ein wundersamer Wettstreit, wer wohl am besten klagen kann. Oimoi, Oimoi, der Sieger ist zwangsläufig Brandauer, er sitzt die Sache und das ganze Stück gekonnt aus. Dagegen ist schlecht anzukommen, alle anderen Mitstreiter sind nicht weiter erwähnenswert, Staffage und Kostümständer mit beschränktem Wirkungsradius, obwohl sie zumindest bis auf Jürgen Holtz als alter Kreon im Rollstuhl, des Laufens noch mächtig sind.
Peter Stein schwärmt im durchaus lesenswertem Programmbuch von seiner Sicht der Tragödie des Ödipus, die eigentlich keine mehr ist, da der tragische Held sich durch sein Ausharren im Unglück seine Läuterung erstritten hat und nun von den Göttern zur wohlverdienten Erhörung entrückt wird. Das nennt Stein dann das „pathei mathein“, das Leiden und Lernen. Man kennt den Spruch der aristotelischen Katharsis „Tun, leiden, lernen“ und das ein Leben lang. Bertolt Brecht sind hier wahrscheinlich endgültig die Augen aufgegangen, lieber Hermann Beil, richtig erkannt.
Als Ödipus erfährt, das er als Glücksbringer demjenigen der ihn aufnimmt dienen wird, ist er sofort wieder oben auf. Das Jammern wird zum Fluch, der alte Tyrann erwacht zu neuem Leben, auch wenn er es bald im heiligen Hain aushauchen wird. Das einzige was Stein noch an Sophokles` Ödipus interessiert, ist den Text so genau wie möglich wieder zu geben. Das wirkt abgestanden und statisch, ohne Leben, eine tote Sprache halt. Peter Stein schafft einen nutzlosen Solitär nach dem anderen und stellt sie sich ins Regal, das mit Spinnweben schon überwuchert ist, gleich einem Sammler altertümlicher Schätze zum Anschauen gemacht, berühren verboten. Wer da noch mitfühlen will, ist im BE bestens aufgehoben, im einzigen noch produzierenden Theatermuseum der Republik.
Schließlich nach über zwei Stunden deuten Blitz und Donner das nahe Ende an, es dauert dann aber noch eine weitere halbe Stunde gefüllt mit Jammer, bis Martin Seifert als Bote die ersten wahrhaftigen Verse dieses Abends spricht. Da ist aber Ödipus längst ins Reich der Toten entschwunden und Klaus Maria Brandauer tritt aus dem Ölhain wieder hervor, um sich seinen wohlverdienten Applaus abzuholen.
Letztendlich bleibt von diesem Abend, zwei große Egos in einer Figur vereint, Brandauer spielt das Alter-Ego von Peter Stein, der alles verfluchende Genius verklärt sich selbst zum Heros. Es blitzt und donnert, aber es schlägt nichts ein. Diese „originalgetreue“ Version des Peter Stein wird sicher bald im Orcus des Vergessens entschwinden wie alle anderen Regieuntaten im „Unterhemd“ vor ihm.

Großer Name! – Millionen Herzen
Lockt ins Elend der Sirenenton,
Tausend Schwächen wimmern, tausend Schmerzen
Um der Ehrsucht eitlen Flitterthron.

Friedrich Hölderlin, aus Die Ehrsucht, 1784

 

Hier geht es zur Diskussion auf Nachtkritik .

 Auszüge:

7. Steins Ödipus in Berlin: Blitz ohne Einschlag
Letztendlich bleibt von diesem Abend, zwei große Egos in einer Figur vereint, Brandauer spielt das Alter-Ego von Peter Stein, das alles verfluchende Genie verklärt sich selbst zum Heros. Es blitzt und donnert, aber es schlägt nichts ein.
Stefan   –   25. August 2010

8. Steins Ödipus in Berlin: Vermutung
Ich vermute, STEFAN hat die Aufführung nicht gesehen und erliegt einem Gerücht, denn wenn er nicht blind wie Ödipus wäre, müßte er mehr gesehen haben.
Hermann Beil   –    26. August 2010

11. Ödipus auf Kolonos: Herrmann Beil an Stefan
Sehr gehrter Herr STEFAN, für Ihre so ausführlichen Anmerkungen danke ich Ihnen!Ihre Klassifizierung des BE als einziges Theatermuseum der Republik amüsiert mich. Und da sage einer, in ein solches Museum ginge keiner. Spontan fiel mir beim Studieren Ihrer Meinung ein Satz von Arthur Schnitzler ein: „Des Kritikers erste Frage müßte sein: Was hast du mir zu sagen, Werk – ? Aber seine erste Regung ist vielmehr: Nun, Werk, gib acht, was ich dir zu sagen habe!“ Gruß, H.B.   –    28. August 2010

Sehr geehrter Hermann Beil,
vielen Dank für Ihre Zeilen, aber anstatt Schnitzler zu zitieren, sollten Sie ihn lieber zusammen mit Claus Peymann inszenieren, er ist nämlich durchaus nicht museal. Ich denke da zum Beispiel an die Liebelei-Inszenierung von Michael Thalheimer. Aber das ist ja für Sie wahrscheinlich böses Regie-Theater. Mein Vergleich mit einem Museum zielt ja dahin, dass das Theater im BE statisch geworden ist und nichts mehr hinterfragt. Es ist nicht greifbar, wir sollen vor diesem Regiestil der alten Männer vor Erfurcht erstarren. Das ist schon ein Stück weit Ideologie und erinnert mich verdammt an ganz andere Zeiten. Was soll mir denn das Werk von Sophokles noch erzählen, was nicht schon in allen Schulbüchern steht? Wo ist der Bezug zur Gegenwart, was soll diese alte Katharsis und Mimese, wovon erzählt Peter Stein, außer von sich selbst?
In dieser Spielzeit setzt Claus Peymann ja wieder auf Gegenwartsdramatik, noch einen Goldoni hätte ihm auch keiner mehr abgenommen. Schön das Sie auch Bernhard mal wieder aufführen wollen und Katharina Thalbach Brecht inszeniert Aber wie schon von anderen hier angemerkt, wo ist der Nachwuchs im BE? Sie lassen den Nachwuchs ja gar nicht zu. Einmal im Jahr darf bei Ihnen eine ausgewählte junge Regie-Frau mal einen Klassiker auf die Bühne stemmen. Ich hoffe das es Mona Kraushaar mit Shakespeare besser ergeht als Simone Blattner mit Kleist.
Übrigens gehe auch ich gerne ins Museum, ins richtige Theatermuseum nämlich. In München habe ich eine sehr bemerkenswerte Ausstellung über Regie-Frauen gesehen. Angefangen von Ruth Drexel, Ruth Berghaus über Andrea Breth, Katharina Thalbach, oder Karin Baier, Barbara Frey bis zu Friederike Heller, Jette Steckel u.v.a. werden vier Generationen dargestellt, mit ihren verschiedenen Sichtweisen und Erfahrungen nicht nur zur Emanzipation sondern auch zu den unterschiedlichen Stilen. Und ich möchte zum Schluss keinen alten Klassiker zitieren, sondern eine der jungen Regie-Frauen. Jette Steckel erzählt am Ende der Ausstellung vom Theater, als Raum „… in dem man Fragen stellen darf, auf die es keine Antworten gibt.“ Aber man kann dort auch experimentieren und „Utopien zum Leben entwerfen“. Und da sind wir auch wieder bei Brecht und dem BE. Noch Fragen offen, Herr Beil? In diesem Sinne, Ihr Stefan.    –    29. August 2010