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Die Mitschuldigen – Das Lustspiel des jungen Goethe im Monbijou-Theater Berlin-Mitte

Donnerstag, August 4th, 2016

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Die Mitschuldigen_Monbijou Theater_Plakat

Aufführungsplakat – Foto: St. B.

Auch Johann Wolfgang von Goethe hatte eine wilde Frühphase. Noch bevor er in Weimar zum Stürmer und Dränger und schließlich zum deutschen Klassiker wurde, schrieb er 20jährig zwischen 1768 und 1769 das derbe Lustspiel Die Mitschuldigen und spielte in der Uraufführung 1777 selbst eine der Hauptrollen. Es gibt zwei Fassungen, wobei man sich im Monbijou-Theater, das sonst eher auf knallige Shakespeare-Adaptionen und Molière-Komödien spezialisiert ist, auf die den ursprünglichen Einakter in drei Aufzüge aufweitende zweite entschieden hat.

Das gibt dem Schauspieler Daniel Sellier Gelegenheit, sich in einer ausführlichen Exposition mit ein paar Bierchen warm zu trinken, über deutsche Mitschuld, die AfD und den VW-Abgasskandal zu spotten sowie in groben Unterleibswitzchen die Charaktere des Stücks vorzustellen. Grell geschminkt und gelb wie ein Kanarienvogel kostümiert spielt er den Trinker Söller, der sich bei einem Wirt (Matthias Horn) und dessen Tochter ins gemachte Nest gesetzt hat. „Ein Vieh“ von einem Manne, wie die junge Sophie (Senita Huskic) erklärt, die sich mit ihm trösten musste, nachdem sich ihr früherer Geliebter, der adelige Alcest (Florian Kleine), in den Krieg auf und davon gemacht hat.

Doch nun ist der Angebetete zurückgekehrt, hat sich im Wirtshaus einquartiert und versucht sofort ein nächtliches Tete-à-Tete mit Sophie zu arrangieren. Neben den amourösen Verwicklungen spielen noch eine Schatulle mit Geld, aus der sich der mit Spielschulden beladene Söller bedienen will, und ein geheimnisvoller Brief an Alcest, an dem auch der Wirt großes Interesse zeigt, eine nicht unerhebliche Rolle. Goethe zielt hier nicht nur auf moralische Verfehlungen wie Geldgier, Diebstahl und Ehebruch ab, sondern spielt auch auf die juristische Ungleichheit von Adligen und den niederen Stand sowie den russisch-türkischen Krieg an. Letzteres sorgt für ein paar schöne aktuell-politische Analogien.

 

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Die Mitschuldigen im Berliner Monbijou-Theater
Foto (c) Bernd Schönberger

 

Also wie immer bestes Unterhaltungstheater unter freiem Himmel, wo Regisseur Maurice Farré mit Hilfe von tollen Darstellern, ein paar Stühlen und der Holzkulisse des Amphitheaters eine doch ganz brauchbare Komödie zusammengebracht hat. Heiß gesteht man sich ewige Liebe, derb wird gelogen, gestritten und intrigiert. Der schmierige Söller wie auch der dickbäuchige Wirt versuchen jeder für sich ihren Vorteil aus dem adligen Gast Alcest zu schlagen. Mittel zum Zweck ist auch die arme Sophie, die vom Vater fast schon zum Ehebruch getrieben wird. Niemand bleibt hier unschuldig.

Höhepunkt ist sicher das Zusammentreffen aller in der stockdunklen Kammer, hier für alle sichtbar auf einem Holzpodest mit gemalter Rückwand, in der der heimliche Dieb Söller in seinem kreisch-gelben Harlekinskostüm mit dem gleichfarbigen Kachelofen verschmilzt. Alle nacheinander eindringenden heimlichen Verschwörer belauschend, wähnt er sich mal als Gehörnter, mal gerät er selbst in einer hochkomische Verrenkungschoreografie zwischen die sich zierende Sophie und den drängenden Alcest. Mit Goethe im Darkroom – ein großer Spaß mit jeder Menge Slapstickeinlagen.

Der junge angehende Dichter hatte sich hier Einiges bei den französischen und italienischen Komödienvorbildern Molière und Goldoni abgeschaut, aber auch Lessings bürgerliches Aufklärungstheater stand Pate. Das Ganze ist eine schräge Mischung aus Comedie Francais, Commedia dell‘arte und deutschem Lustspiel mit klassischen Alexandriner-Versmaß. Mit viel Lust am Spiel und einigen satirischen Seitenhieben, in die sogar noch der Friseur von Donald Trump passt, wird das Komödiantische konsequent in die Farce getrieben. Da Goethes Stück etwas zu sehr ins banale Happy End abdriftet, sprech-singen die Schauspieler den Schluss in einem schrägen Rap, dem noch ein anarchischer Appell ans amüsierte Publikum das Berliner Stadtschloss betreffend vorangeht.

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Die Mitschuldigen (Monbijou Theater, 29.09.2016)
Von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Maurice Farré
Bühne: David Regehr
Kostüme: Isa Mehnert
Musik: Die Theaterkapelle des Monbijou Theaters
Choreografische Beratung: Lionel Ménard, Wolfram von Boedecker
Maske: Nina Dell
Es spielen (im Wechsel mit anderen): Matthias Horn, Senita Huskic, Florian Kleine, Daniel Sellier
Premiere war am 22. Juni 2016
Termine: bis 02.09.2016

Infos: http://monbijou-theater.de

Zuerst erschienen am 01.08.2016 auf Kultura-Extra.

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HAMLET von William Shakespeare zweimal als Sommertheater in der Klosterruine am Alex und im Monbijou-Theater.

Mittwoch, August 5th, 2015

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Das Neue Globe Theater führt in der Klosterruine am Alex William Shakespeares Tragödie vom zaudernden Dänenprinzen als lockeres Sommertheater zwischen Pathos und Ironie auf.

Foto © Neues Globe Theater

Foto © Neues Globe Theater

„Man soll die Schauspieler gut behandeln“, heißt es in der aktuellen Shakespeare-Inszenierung des Neuen Globe Theater (formerly known as SHAKESPEARE und PARTNER), mit dem am Donnerstagabend die Potsdamer Truppe den diesjährigen Theatersommer in der Klosterruine am Alex eröffnete. Das ist ein wahres Wort und nicht ganz uneigennützig gesprochen. Denn darstellende Künstler sind nicht nur „der Spiegel und Ausdruck unserer Zeit“, sondern zumeist auch knapp bei Kasse. Nichtsdestotrotz bekommt gleich zu Beginn das Publikum der Berliner Hamlet-Premiere eine Vorstellung von dem, was der elisabethanische Dichter Shakespeare unter „den Spiegel vor die Natur halten“ verstand. Eine Lehrstunde in der Wirkung guter Schauspielkunst. Wenn es auch an Sologarderoben mangelt, Spreizen, Blöken, plattes Lachen gilt es zu vermeiden. Man hat ja schließlich eine staatliche Ausbildung. Außerdem haben ein plötzlicher Wechsel der Gesichtsfarbe oder die Träne im Auge schon so manchen Schuldbeladenen seine Missetaten eingestehen lassen. „Das Schauspiel sei der Akt, der mir den König am Gewissen packt“, wird Hauptfigur Hamlet später sagen.

Dem stets grübelnden Prinzen von Dänemark aus Shakespeares Tragödie dient das Stück im Stück als „Mausefalle“ für den Königs- und Vatermörder Claudius, der zu Hamlets Unmut nicht nur den Thron, sondern auch noch seine Mutter und des alten Königs Ehefrau geerbt hat. Die Welt gerät dem größten Zauderer der Theatergeschichte aber nicht nur aus den Fugen, weil ihn der Geist des ermordeten Vaters zu Rache gemahnt. Prinz Hamlet hat hier neben der ewigen Frage um das „Sein oder Nichtsein“ auch einige andere Dinge zu klären. Auch wenn der großartige Saro Emirze den bekannten Monolog des Dänenprinzen recht eindrucksvoll und glaubhaft über die Rampe bringt, von des Gedankens Blässe angekränkelt wirkt der sonst forsch mit dem Schwert hantierende Mitdreißiger noch aus einem weiteren Grund. Er kann sich ganz offensichtlich in Gefühlsdingen nicht zwischen der „Nymphe“ Ophelia (Thomas Keller) und Horatio (Till Artur Priebe) entscheiden und rekelt sich mit dem Freund aus Kindertagen nach dem nächtlichen Bade auch gern mal auf weißem Flokati-Podest.

Hamlet in der Klosterruine am Alex - Foto © Neues Globe Theater

Hamlet in der Klosterruine am Alex – Foto © Neues Globe Theater

Es gibt also doch mehr Dinge und Ärger zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Eine tragische Sommerliebelei á la Romeo und Julia in queer lässt sich daraus allerdings nicht so ohne weiteres machen, selbst wenn die auf Helsingør angekommene Schauspieltruppe etwas aus dem anderen berühmten Shakespeareklassiker zum Besten gibt. Dazu hat man sich für eine klassisch elisabethanische All-Male-Besetzung entschieden. Doch steigt auch so manches Männerbein in Kleid und Seidenstrümpfe, ist Regisseur und Ensemblemitglied Kai Frederic Schrickel weit davon entfernt, einen schenkelklopfenden Hamlet in Drag zu inszenieren. Trotzdem sehenswert sind vor allem das bärtige Königspaar Gertrud (Andreas Erfurth) und Claudius (Urs Stämpfli). Ein, wenn auch sicher nicht beabsichtigter, Kommentar zum Mitgliederentscheid der Berliner CDU zur Homo-Ehe? Dafür darf im Programmheft wild über Shakespeares sexuelle Ausrichtung spekuliert werden.

Trotz manchem Griff zum Säbel ficht das unseren Hamlet weiter nicht an. Er schickt seine gerade noch angebetete Ophelia zu den Nonnen und gibt sich dem methodischen Wahnsinn hin. Als verschmähte Ophelia wirft sich Thomas Keller mit sehr viel Verve in Pose. Ihm steht selbst der nun ihrerseits ausufernde Wahnsinn gut. Unter anderem singt er „La Vie en Rose“ von Edith Piaf und wagt ein Tänzchen mit dem Bruder und weißen Ritter Laertes (Dierk Prawdzik), der für seine Reise nach Paris noch ein paar vom Blatt abgelesene Kalendersprüche von seinem Vater Polonius (Sebastian Bischoff) mitbekommt. Trotz Gehhilfe ist der alte Oberkämmerer und Schwätzer noch immer gut im Intrigenspinnen, muss dafür aber bekanntlich sein Leben hinterm Vorhang aushauchen, wozu er hier vom mit einer Pistole vor seiner Mutter herumfuchtelnden Hamlet unterm Flokati erschlagen und in eine Kiste entsorgt wird. Auch den Hofschranzen Rosencrantz (Thomas Keller) und Guildenstern (Till Artur Priebe) ergeht es nicht viel besser. Sie beherrschen weder die subtile Psyche noch das richtige Spielen auf dem Instrument des Prinzen. Trotz einiger protziger Schwanzvergleiche gilt da wohl immer noch die von der Schauspieltruppe vorgetragene Otto-Parodie Dänen lügen nicht.

Hamlet in der Klosterruine am Alex - Foto © Neues Globe Theater

Hamlet in der Klosterruine am Alex – Foto © Neues Globe Theater

Leider gehen der über drei Stunden dauernden, zwischen gespieltem Pathos und etlichen ironischen Einlagen chargierenden Inszenierung nach der Pause etwas die Luft und der Witz aus. Man rettet sich nun ins philosophisch Kalauernde des Dialogs zwischen Hamlet und dem mit einem grinsenden Joker-Gesicht auftretenden Totengräber (Sebastian Bischoff) sowie schön einstudierten Kampchoreografien zwischen Hamlet und dem als schwarzem Rächer heimgekehrten Laertes, bis alles röchelnd auf dem Flokati liegt und Horatio sein „Gute Nacht, mein süßer Prinz“ haucht. Ist auch der Rest bekanntlich Schweigen, gibt es noch einen schönen Abgesang von Thomas Keller mit einem Text aus Shakespeares doppeldeutigen Sonetten. Wohl auch ein leiser Wink dahin, dass das letzte Wort über den geheimnisumwitternden Dichter und seinen Hamlet noch nicht gesprochen ist.

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HAMLET
von William Shakespeare
SOMMERTHEATER AM ALEX
Premiere am 23. Juli 2015 in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche
Klosterstraße 73 a, 10179 Berlin-Mitte.
Anfahrt: U2 Klosterstraße oder S- und U-Bhf. Alexanderplatz
Übersetzung von Maik Hamburger und Adolf Dresen
Regie und Raum: Kai Frederic Schrickel
Kostüme: Hannah Hamburger
Kampfchoreographie: Kai Fung Rieck
Mit: Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Andreas Erfurth, Thomas Kellner, Dierk Prawdzik, Till Artur
Priebe, Urs Stämpfli
Premiere: 26.06.2015 im Bürgerhaus Pullach
Aufführungsdauer: 2 Std 45 Min zuzüglich 1 Pause
Eine Produktion von shakespeare und partner/ Neues Globe Theater
Kartenreservierung und Tickets
Email: tickets@NeuesGlobeTheater.de
Kartentelefon: 01575 – 420 87 61
Onlinekauf: www.reservix.de
Weitere Termine, Beginn immer 20:00 Uhr:
Mi., 5.8., Do. 6.8., Fr. 7.8. und Sa. 8.8.2015

anschließend:

WIE ES EUCH GEFÄLLT
(Siehe Rezension aus dem letzten Jahr)
von William Shakespeare
Termine: 12.08.-16.08.2015

Infos: http://www.neuesglobetheater.de/

Zuerst erschienen am 25. Juli 2015 auf Kultura-Extra.

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Shakespeares HAMLET als flotte Ménage-à-trois im Monbijou-Theater

Hamlet_Monbijou Theater

im Monbijou-Theater – Foto: St. B.

Das Berliner Monbijou-Theater spielt just in diesem Jahr genau wie das Neue Globe auch Shakespeares Hamlet und macht zusammen mit Molières Tartüff den im Sommerurlaub weilenden Tempeln der Hochkultur Konkurrenz. Und da insbesondere der Schaubühne am Lehniner Platz, die beide Klassiker mit Haus-Star Lars Eidinger in der Titelrolle im Programm hat. Mit den Komödien von Molière konnte man im hölzernen Amphitheater im Monbijoupark bereits große Publikumserfolge feiern. Zu nennen wären da vor allem Der eingebildete Kranke oder auch die Verwechslungskomödie Amphitryon. William Shakespeare ist das andere Standbein der Truppe, die einst aus dem legendären Hexenkessel-Hoftheater hervorging. Auch mit den Stücken des englischen Dichters verbindet das Monbijou-Theater eine lange Aufführungstradition.

Beliebt sind da natürlich in erster Linie Open-Air-taugliche Komödien wie Ein Sommernachtstraum oder Wie es euch gefällt, die beide hier im letzten Jahr zu sehen waren. Nun also wagt sich das Monbijou-Theater ebenfalls an die wohl bekannteste Tragödie Shakespeares. In der gut gekürzten Berliner Fassung von Peter Kaempfe zeigt man einen auf „90 Minuten Zentralplot“ eingedampften Hamlet. Der grüblerische Dänenprinz aus dem „Reich der Zweifel“ als „schillernde“ Sommerkomödienfigur? Das ist zunächst nur recht schwer vorstellbar. Das Monbijou-Theater setzt da noch einen drauf und schnurrt das Ganze mit nur drei Schauspielern ab, die sich die Stichworte beim schnellen Rollenwechsel fast wie im Traume zuwerfen. Immerhin gilt es dabei 12 Figuren zu bedienen. Um da bei einem Ausfall nicht auf dem Trockenen zu sitzen, spielen zwei Gruppen die sich abwechselnd aus Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Matthias Horn, Michael ­Schwager, Lina Wendel und Carsta Zimmermann zusammensetzen. Den Part des zweifelnden Dänenprinzen übernehmen dabei entweder Benjamin Bieber oder der Monbijou-Publikumsliebling Vlad Chiriac.

Berlin, Monbijou Theater 2015   HAMLET nach William Shakespeare BERLINER FASSUNG von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe         Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann          Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann    Pressekontakt : lone.bech@hej-pr.com   Fotograf: Bernd Schönberger

HAMLET nach William Shakespeare vom Monbijou Theater Berlin
Foto (c) Bernd Schönberger

Hier hat es also jeder mal mit jedem und muss es auch, da sonst die ganze Chose kaum ins Laufen käme. Und ja, es funktioniert soweit ganz gut. Die Akteure geben sich jedenfalls alle erdenkliche Mühe, das Komödiantische aus der Tragödie zu kratzen. Dazu gibt Shakespeare selbst ja auch etliche Vorlagen. Wir sehen also eine flotte Ménage-à-trois am Hof von Helsingør, der hier aus ein paar spitz ins Halbrund zulaufenden Brettern besteht, die zunächst für die bevorstehende Hochzeit von Gertrud und Claudius noch ordentlich vom blau bekittelten Haus(hof?)meister Olsen gefegt werden müssen. In Gestalt von Matthias Horn gibt der gleich noch die ganze Vorgeschichte im breitesten anhaltinischen Dialekt zum Besten. Schnell in Gewand und Perücke ist er schon wieder ein galanter Chevalier, der das Publikum zum Winken mit den ausgeteilten Fähnchen des Staates Dänemark animiert. Und da ist bekanntlich etwas faul, was Prinz Hamlet (Vlad Chiriac) im blauen Waffenrock wie Preußens Homburg zusammen mit seinem Waffenkumpan Horatio (Matthias Horn) wieder richten soll. So suggeriert es ihnen zumindest die Stimme des Hamlet-Vater-Geistes aus dem Off.

Berlin, Monbijou Theater 2015   HAMLET nach William Shakespeare BERLINER FASSUNG von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe         Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann          Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann    Pressekontakt : lone.bech@hej-pr.com   Fotograf: Bernd Schönberger

HAMLET vom Monbijou Theater Berlin
Foto (c) Bernd Schönberger

Gegenüber dem fast dreistündigen Hamlet in der Klosterruine am Alex geht man hier schon etwas effizienter zu Werk. Bereit sein ist alles. Was sich infolge der dreigestirnigen Darstellerkonstellation nicht zeigen lässt, wird einfach erzählt. Und da erweisen sich vor allem die Höflinge Rosenkrantz (Lina Wendel) und Güldenstern (Vlad Chiriac) als gute Beobachter und willfährige Berichterstatter der Treffen zwischen dem liebestollen Hamlet und der schönen Ophelia, die dieser Spielweise dann allerdings komplett zum Opfer fällt. Der Komik und dem Slapstick dieser Szenen tut das keinen Abbruch. Am nächsten ist man dem klassischen Hamlet noch in den übriggebliebenen Monologen und wenigen Dialogszenen. Selbst das von Hamlet inszenierte Schauspiel die Mausefalle findet nur hinter einem roten Dänen-Vorhang statt, zeigt aber dennoch seine Wirkung beim getroffen davoneilenden Claudius (Matthias Horn).

Hinterm Vorhang fällt auch Lauscher Polonius (Lina Wendel), während Hamlet seiner Mutter Gertrud (ebenfalls Lina Wendel) davor ins Gewissen redet. Aber der Plot wird rasch weiter vorangetrieben. Gerade erst nach England entsandt, ist Prinz Hamlet auch schon wieder zurück und müsste sich nun quasi selbst zum Duell herausfordern, da Vlad Chiriac auch noch den Laertes geben muss. Die Inszenierung sieht hier wieder den braven Olsen vor, der fröhlich palavernd den bereits geschehenen Schlamassel einfach wegfeudelt. Es bleibt ein schweigend grinsender Fortinbras (Vlad Chiriac) als Banker mit Aktenkoffer. So billig kauft er sich ein ganzes Land. Den Rest darf man sich denken.

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Hamlet (12.07.2015)
nach William Shakespeare
Berliner Fassung von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe
Bühnenbild: David Regehr
Kostüm- und Maskenbild: Isa Mehnert
Requisite: Mona Glass
Tongestaltung: Torsten Podraza
Licht: Henning Streck
Maske: Nina Dell und Nora Kraetzer
Besetzung:
Chevalier: Michael Schwager oder Matthias Horn · Olsen: Michael Schwager oder Matthias Horn · Hamlet: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Gertrud: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Claudius: Michael Schwager oder Matthias Horn · Horatio: Michael Schwager oder Matthias Horn · Polonius: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Laertes: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Rosenkrantz: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Güldenstern: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Fortinbras: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber

Premiere im Monbijou-Theater war am 18. Juni 2015

Termine: 18. Juni – 6. September 2015

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater/hamlet.html

Hamlet im Monbijou Theater mit Vlad Chiriac, Lina Wendel und Matthias Horn - Foto: St. B.

Hamlet im Monbijou Theater mit Vlad Chiriac, Lina Wendel und Matthias Horn – Foto: St. B.

Tartüff vom 10.6. (Premiere) bis 6.9.2015 ­

Regie: Darijan Mihajlović; mit Stephan Baumecker, Matthias Horn, Aleksandar Tesla, Franziska Hayner, Roman Kanonik.

Infos: http://www.monbijou-theater.de/

Zuerst erschienen am 04.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 5): WIE ES EUCH GEFÄLLT beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex und im Amphitheater am Monbijoupark.

Samstag, August 16th, 2014

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SHAKESPEARE und PARTNER spielen in der Klosterruine am Alex  Wie es euch gefällt als verdrehte Genderverwirrung

Nachdem SHAKESPEARE und PARTNER Ende Juli das Sommertheater am Alex mit der Komödie der Irrungen eröffneten, hatte nunmehr Wie es euch gefällt in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche Premiere. Shakespeares Komödie aus dem Jahre 1600 liegt der kurz zuvor erschienene Roman Rosalinde von Thomas Lodge zugrunde. Aus diesen und noch anderen ungeklärten urheberechtlichen Problemen fand das Stück erst 1623 Einzug in den Kanon der Werke Shakespeares. Was dem Erfolg dieser Liebeskomödie über die Jahrhunderte keinen Abbruch tat. Ähnlich wie in der ein Jahr später entstandenen Komödie Was ihr wollt spielt Shakespeare hier lustvoll mit den Gefühlen und Geschlechter-Identitäten seiner Protagonisten.

Shakespeare und Partner-Sommertheater am Alex

(c) SHAKESPEARE und PARTNER

Bei der Geschlechter-Verkehrung in der gewohnten Rollenausrichtung haben SHAKESPEARE und PARTNER natürlich auch so ihre Erfahrungen. Den großen Spaß an den Liebesverwirrungen versucht man hier noch dadurch zu steigern, dass die Frauenrollen von den Männern und die männlichen Parts von den Frauen des Ensembles gespielt werden. Dass das von besonderem Witz sein kann, hat vor ein paar Jahren bereits Katharina Thalbach bewiesen, als sie alle Rollen im Stück mit Schauspielerinnen besetzte und damit die Tradition der Darstellung in England zu Zeiten Shakespeares einfach umdrehte.

Die Geschichte um zwei verfeindeter Herzöge, in der Liebe und Hass, Zuneigung und Verrat dicht beieinander liegen, soll in der Inszenierung von Andreas Erfurth nun also zu einem ganz speziellen Bühnenvergnügen werden. Die Mauern der alten Klosterruine bieten dafür die beste Kulisse. Dabei wird auf einem kleinen Podest wie schon bei den Irrungen ohne aufwendiges Bühnenbild gespielt. Den Ort gibt Shakespeare auch nicht näher an. Wir befinden uns zunächst am Hofe des Herzogs Frederick, einem finsteren Usurpators, der seinen Bruder Herzog Ferdinand in den Ardenner Wald verbannt hat. Der Witz dabei ist, dass Regine Gisbertz (neu im Ensemble) beide Parts übernommen hat und dies mit ausgesprochen großem Talent zur schnellen Wandlung meistert.

Wir begegnen aber noch einem anderen sich feindlich gesinntem Bruderpaar. Der älteste Sohn des verstorbenen Sir Rowland de Boys, Oliver (ein weiteres Mal die vielbeschäftigte Regine Gisbertz) hat den jüngsten Sohn Orlando (Jillian Anthony) ebenfalls um das Erbe des Vaters gebracht. Der mittlere Sohn Jakob ist aus Gründen der Übersichtlichkeit gestrichen. Oliver sinnt seinem recht ungestümen jüngeren Bruder nach dem Leben und hetzt ihn in einen Kampf mit dem hünenhaften Ringer Charles (Rike Joinig als finsterer Huckepack-Wrestler im Kapuzenmantel), den Orlando aber wider Erwarten aus den Stiefeln haut. Das imponiert den beiden höfischen Grazien und Cousinen Rosalind und Celia dermaßen, dass sich Rosalind, Tochter des verbannten Herzogs Ferdinand, Hals über Kopf in den jungen Recken verliebt. Nachdem Herzog Frederick, Vater der Celia, Orlando und die Tochter des alten Widersachers jeweils nacheinander ebenfalls in den finsteren Wald verbannt, beginnt das lustige Bäumchen-wechsle-dich-Spiel mit den verliebten Paaren und Geschlechtern zauberhafte Blüten zu schlagen.

Die Klosterrruine am Alex Foto: St. B.

Die Klosterrruine am Alex
Foto: St. B.

Die Cousinen folgen nämlich Orlando, ohne zunächst von ihm zu wissen, in den Ardenner Wald. In der Rolle der Rosalind erleben wir den Schauspieler Saro Emrize, der nun aus seiner Frauenrolle in die Rolle einer Frau, die einen Mann spielen muss, switcht und sich kurzer Hand MC Ganymed nennt. Alles klar? Kai Frederic Schrickel als Celia darf sein Bühnengeschlecht und Röckchen behalten und bekommt als AlienA nur eine lustige Sonnenbrille und einen Rollkoffer als Touri-Verkleidung. Girls Just Want to Have Fun nach Cindy Lauper, und so begegnen die beiden getürmten großstädtischen Girlies im Ardenner Wald, der, mangels echter Bäume, mit ein paar Luftballons gekennzeichnet ist, noch weiteren schrägen Gestalten. Eine davon haben sie höchstselbst mitgebracht, den Hofnarren Grapschtein (auch Touchstone oder schlicht zu deutsch: „Probierstein“). Rike Joinig gibt den Witzkerl gerufenen Spaßvogel, der nicht auf den Mund gefallen ist, ganz szenemäßig mit bunter Punkfrisur.

Musik spielt neben Liebeslust und -frust in Shakespeares Komödie ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Vor allem die bereits im Walde befindlichen Protagonisten, die es sich hier fern der Zivilisation in ihrer kleinen, netten Weltflucht bequem gemacht haben, geben einiges zum Besten. So der gute Herzog Ferdinand als John-Lennon-Verschnitt zur Gitarre. Seine Gefühlswallungen muss er sich in einem Zuber mit Eiswürfeln wieder runterkühlen. Der melancholische Edelmann Jaques (Dierk Prawdzik hier als Zwitterwesen Jacky) singt „In einem Kühlen Grunde“ oder gibt auch mal Elvis the Pelvis. Er streut immer wieder Tiefsinniges z.B. zu den 7 Mannesaltern ein und philosophiert übers Reifen und Rotten mit einer Biogurke in der Hand. Von Jacky kommt auch das Motto des Abend: „Alle Welt ist nichts als Bühne.“ Männer und Frauen sind für ihn bloße Spieler mit mehr als einer Rolle. Was hier auch trefflich vorgeführt wird.

Schon Shakespeare machte sich mit seinem Stück über die vorherrschende Verklärung der Natur als Schäferidyll weidlich lustig. Und auch in der Klosterruine ist der Ardenner Wald voller wunderlicher Randexistenzen und verliebter Trottel wie Schäfer Silvius (Rike Joinig als depperter Müllsammler) und Bauerntölpel Wilhelm (Jillian Anthony) sowie liebreizender Waldfeen, die da Phoebe und Traute heißen (beide Sebastian Bischoff). Und nun wird heftig über Kreuz begehrt, dass es selbst den Narren graust. Das eigentlich füreinander bestimmte Traumpaar Rosalind und Orlando macht sich dabei zusätzlich noch mit einem Spiel das Leben schwer. Zur Klärung der Frage: „Ist Liebe heilbar?“ muss der verhinderte Graffiti-Künstler (I spray for you) und „Blankversmetzger“ Orlando wiederholt bei Ganymed um die Liebe seiner Angebeteten werben. Was letztlich beide in einige Gefühlsverwirrungen stürzt. Liebe säuseln die Blätter oder Listen to Shakespeare.

Wie es euch gefällt von Shakespeare und Partner Foto: St. B.

Wie es euch gefällt von Shakespeare und Partner – Foto: St. B.

Dass bei diesem wirren Gewusel doch noch jeder Topf seinen Deckel bekommt, grenzt an ein Wunder, sogar der böse Bruder Oliver entdeckt schließlich sein Herz für Cilia, was einer wundersamen Wendung der Geschichte mit einem Löwen und einer Schlange zu danken ist. Das Ganze führt in eins der typisch ausufernden Shakespeare-Happy-Ends mit Vierfach-Hochzeit. An diesem Abend wird natürlich auch ungeniert die Lizenz zum Blödeln ausgeben. Und dafür ist bekanntlich kein Kalauer zu flach. Aus Orlando wird schon mal Zalando, und der obligatorische Griff in den Schritt darf auch nicht fehlen. So schließt das Stück dann ganz passend mit dem weisen, für Männer wie Frauen gleichlautenden Ratschlag des Epilogs: Wie es euch gefällt.

Zu bemerken wäre noch, dass Musikerin Bettina Koch selbstgehäkelte Conchita-Wurst-Bärte zum Verkauf anbot, die, merkwürdiger Weise, leider nur beim weiblichen Publikum reißenden Absatz fanden. Da muss man wohl noch einiges an Überzeugungsarbeit bei der holden Männlichkeit leisten.

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Das Hexenkessel Hoftheater spielt Shakespeares Wie es euch gefällt als lustige Aussteigerkomödie im Leiterwald des Amphitheaters am Monbijoupark.

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(c) www.monbijou-theater.de

Bereits am 6. Juni feierte Wie es euch gefällt seine Premiere auch im Amphitheater am Monbijoupark. Das Hexenkessel-Hoftheater beschenkte sich und das wie in jedem Jahr lange Schlangen bildende Berliner Publikum zum 20jährigen Bestehen mit Shakespeares Liebeskomödie. Und auch diesmal drehen die Darsteller in gewohnter Manier auf und auch streckenweise mal durch. Man kann sich hier nie ganz sicher sein. Der Überraschungsfaktor ist etwas, was im Hexenkessel immer wieder eine große Rolle spielt. Ein Funke der zündet, auch wenn des Narren Lehrbuch mal nicht wie geplant Feuer und Flamme schlägt.

Beginnt es im Amphitheater am Monbijoupark zunächst noch ganz ähnlich wie in der Klosterruine am Alex, bekommt die Story um die liebesirren Paare im Ardenner Wald bald eine ganz andere Wendung. Nachdem Orlando (Michael Schwager) den eher schmächtigen im auswattierten Muskelsuite angetretenen Ringer Charles (Ina Gercke) auf die Bretter geschickt hat, verschwindet er gefolgt von den Cousinen Rosalind (Rebekka Köbernick) und Celia (Roger Jahnke betörend im Fummel) im Ardenner Wald, der hier aus einem Gewirr aus langen und kürzeren Stehleitern besteht, auf denen es sich wunderbar herumklettern und wohl gereimte Liebeslyrik annageln lässt.

Wie es euch gefällt. Verloren im Leiterwald des Amphitheater - Foto: St. B.

Wie es euch gefällt. Verloren im Leiterwald des Hexenkessel-Amphitheaters – Foto: St. B.

Auf dem Holzweg befindet sich die Gruppe der Verbannten aber dennoch nicht, obwohl ihnen nun auf Schritt und Tritt merkwürdige Waldbewohner begegnen, wobei wieder der schnelle Rollen- und Kostümwechsel gefragt ist. Das Personal ist hier leicht verändert, und dem verbannten Herzog im ba-rockigem Jägeroutfit (Matthias Horn, auch als Herzog Frederick und wollbärtiger Schäfer Corinn in Aktion) sind ein paar Bedienstete gegönnt worden. Amiens (Tobias Schulze,auch alsOliver und trottelig verliebter Schäfer Silvius) schwebt wie ein verspätetes Blumenkind von Leitersprosse zu Leitersprosse und sammelt mit Freuden die Früchte des Waldes wie Beeren und Pilze, von den eifrig genascht wird. Der arme Forster (Regine Zimmermann,auch alsSchäferin Phöbe) trägt den gesamten Hofstaat in Form von Tischtuch und Tafelzeug immer wieder auf und ab.

Das lustige Jäger- und Sammlerleben der drei mehr oder minder freiwilligen Aussteiger wird auch hier vom Melancholiker Jaques komplettiert, dem der vom BE zur Truppe gestoßene Roman Kanonik massiges Aussehen und Wucht verleiht. Ganz in Schwarz wirkt er eher wie ein existentialistischer Künstlerverschnitt. Das Philosophieren über die Rollenspiele des Lebens und die Existenz des Hungerkünstlers wird dann auch eher zum groß angelegten Wut-Monolog als feinsinnig ironischem Geplauder. Die Sinnlosigkeit seines Daseins einsehend, begibt sich Jaques bereitwillig beim Narren Prüfstein in die Lehre, was den guten Wortwitz und so manchen Kalauer befördert. Wieder eine Paraderolle für Publikumsliebling Vlad Chiriac, der mit seinem Schüler Kanonik aber starke Konkurrenz bekommen hat. Ein Duo Infernale als große komödiantische Bereicherung des Hexenkesselhoftheaters.

Wie es euch gefällt im Monbijoutheater Foto: St. B.

Wie es euch gefällt im Monbijoutheater – Foto: St. B.

Hauptpersonen der Komödie sind aber immer noch das Dreigestirn Rosalind, Orlando und Celia, die sich hier in ihr Spiel um Liebesfragen verstricken, necken und irgendwann nicht mehr ein- und aus wissen. Die Frage nach der Liebe auf den ersten Blick wird dabei ganz offensichtlich mit einem feinen Klingeln und glänzend großen Augen der Protagonisten beantwortet. Das dies nun zum Vergnügen des Publikums mehrmals am Abend geschieht, erhöht natürlich nur die Verwirrung und Pein der liebestollen Waldbewohner. Aber die Erlösung ist nah, und auch im Hexenkessel des Amphitheaters bekommt am Ende jeder was er will und wie es ihm gefällt.

Die Komödienmaschine des Hexenkessels läuft mittlerweile gut geschmiert, die Pointen und Zoten sitzen treffsicher, was aber dem Spiel der Truppe im Laufe der Zeit kaum etwas von seiner Originalität und Ursprünglichkeit genommen hat. Die Truppe hat zum Jubiläum noch eine Neuaufnahme des Shakespeare-Klassikers Ein Sommernachtstraum und mit La Mandragola eine Komödie des florentinischen Staatsphilosophen und Dichters Niccolò Machiavelli im Programm.

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WIE ES EUCH GEFÄLLT
von William Shakespeare
in der Klosterruine am Alex
Übersetzung: Frank-Patrick Steckel
Regie: Andreas Erfurth
Ausstattung: Ulrike Eisenreich
Piano: Bettina Koch

Mit: Jillian Anthony, Regina Gisbertz, Rike Joeinig, Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel.

Dauer: ca. 140 Min. (inkl. 1 Pause)
Premiere war am 6. August 2014
in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche
Klosterstraße 73 a, 10179 Berlin-Mitte.
U-Bhf. Klosterstraße oder S-Bhf. Alexanderplatz

Weitere Termine:
noch mal am 16. und 17.08. in der Klosterruine am Alex
13.08. bei den Burgfestspielen Dreieichenhain in Dreieich/Hessen
26.-29.08. im Schirrhof Potsdam

Infos: http://www.shakespeareundpartner.de/stuecke/wie-es-euch-gefaellt/

Zuerst erschienen am 08.08.14 auf Kultur-Extra.


WIE ES EUCH GEFÄLLT
nach William Shakespeare
im Amphitheater am Monbijoupark
Textfassung: Carsten Golbeck
Regie: Sarah Kohrs
Text: Carsten Golbeck
Bühne: David Regehr, Halina Kratochwil
Kostüme: Halina Kratochwil
Musik: Jaques Moore
Maske: Nora Krätzer, Nina Dell
Licht: Henning Streck

Mit: Rebekka Köbernick, Michael Schwager, Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Roman Kanonik, Matthias Horn, Carsta Zimmermann, Tobias Schulze u. Ina Gercke

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater.html

Termine: noch bis 6. Septmber, Di – Sa 19.30 Uhr

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Festivalsommer 2013 (4) – Shakespeare, Brecht, Molières und Co. in den Open-Air-Theatern in und um Berlin. (Teil 2)

Sonntag, August 11th, 2013

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Das Hexenkessel Hoftheater in Berlin-Mitte und die Woesner Brothers auf dem Pfefferberg versuchen sich mehr oder minder erfolgreich am „Amphitryon“ von und nach Molière

„Man kann ein anständiger Mensch sein und doch schlechte Verse machen.“ Jean-Baptiste Molière (1622-1673)

Das Amphitheater des Hexenkessels im schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum - Foto: St. B.

Das Amphitheater des Hexenkessels in schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum. Foto: St. B.

Glänzte das Hexenkessel Hoftheater bisher ebenfalls meist mit Shakespeare-Werken, hat man sich in den letzten Jahren immer mehr der Commedia dell’arte von Carlo Goldoni oder dem französischen Komödiendichter Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, zugewandt. Besonders mit Stücken Molières wie „Der Geizige“, „Don Juan“ und „Der eingebildete Kranke“ konnte die Truppe unter ihrem Leiter Christian Schulz immer wieder ihr Publikum begeisterten. In diesem Jahr will es der Zufall, dass es zu einer wunderbaren Doppelung kommt, und sich der Hexenkessel im Amphitheater am Monbijoupark mit den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg messen muss. Eine wundersame gottgewollte Verdoppelung der Protagonisten ist dann auch das Thema der Molièreschen Bearbeitung der antiken Sage des „Amphitryon“. Der Feldherr Thebens wurde während seiner Abwesenheit durch den Göttervater Zeus in Gestalt des Aphitryon gehörnt. Seine Frau Alkmene gebar daraufhin den antiken Helden und Halbgott Herakles. Es sind fragmentarische Stückfassungen des griechischen Tragödiendichters Sophokles und des römischen Komödienschreibers Plautus überliefert.

Grundlage für Molières Verwechslungskomödie „Amphitryon“ dürfte die Tragikomödie des Plautus gewesen sein. Davon zeugen die römischen Bezeichnungen des Gottes Jupiter und seines Begleiters und Sohnes Merkur. Beide versetzen sich zum Spaß in die Gestalten des Feldherrn Amphitryon und dessen Dieners Sosias und nähern sich während deren kriegsbedingten Abwesenheit der ahnungslosen Alkmene. Was in Folge zu einiger Verwirrung führt, als erst Sosias mit der frohen Kunde des Sieges und später der gehörnte Ehemann Amphitryon selbst unverhofft in Theben auftauchen. Das Stück wurde bisher von einigen Dichtern wie dem Deutschen Peter Hacks oder den Franzosen Jean Rotrou (Les Deux Sosies) und Jean Hyppolyte Giraudoux adaptiert. Es ist in mehrfacher Bearbeitung immer wieder Stoff für großen Jux und Tollerei gewesen und inspirierte sogar den deutschen Dichter Heinrich von Kleist zu philosophischen Betrachtungen über das Ich. Mit dem Sturz der Protagonisten in die Identitätskrise gab Kleist der Komödie des Molière das tragische Moment zurück.

Theater Hexenkessel - Amphitryon Theater Hexenkessel - Amphitryon

„Amphitryon“ vom Hexenkessel Hoftheater
Fotos: Bernd Schönberger

Amphitryon_Hexenkessel_Sosias

Vlad Chiriac als Sosias. Foto: St. B.

Im Hexenkessel muss der Zuschauer aber nicht befürchten mit trockener Philosophie gequält zu werden. Das ist die Sache der komödienerprobten Darsteller nicht. Die moderne Fassung von Carsten Golbeck (Text) und Sarah Kohrs (Regie) gibt klar dem Spaß an der Unterhaltung den Vorrang. Und so haben dann auch die beiden Götter Jupiter (Milton Welsh) und Merkur (Roger Jahnke) zunächst ganz menschliche Wünsche und Schwächen. Der Verführer im fliederfarbenen Wams brüstet und sonnt sich in seiner Manneskraft und schiebt den zu kurz gekommenen Sohn Merkur zur Wache ab. Dieser mit einem leichten Vaterkomplex Ausgestattete lässt seinerseits den Frust am heimgekehrten Diener Sosias aus, dem er in seiner Gestalt nicht nur den Verstand, sondern gleich auch noch die Identität raubt. Vlad Chiriac ist der geborene Komödiant und spielt seinen Sosias als bauernschlauen Schwejk, der sich zwar oft um Hals und Kragen redet, aber mit viel Witz auch immer wieder aus misslicher Lage befreien kann. Dafür erntet er sehr viel Sympathie und Szenenapplaus und avanciert zu Recht in der Gunst der Zuschauer zum heimlichen Publikumsliebling.

Matthias Horn als Amphitryon gibt mit stoischer Vehemenz den rumpelnden Feldherrn gleichermaßen wie den sich missverstanden fühlenden, aufbrausenden Ehegatten. Nach der Enthüllung des Jupiters ist er es auch, der sich als erster wieder fängt und einen zählbaren Vorteil aus dem Götterfehltritt zu schlagen weiß. Alkmene (Claudia Graue) und Clea (Carsta Zimmermann) sind nicht nur schmückendes, weibliches Beiwerk, sondern dürfen so manches Wortgefecht mit den sich windenden oder prahlenden Mannsbildern austragen. Clea versucht sogar als eine Art orakelnde Schamanin, die schlechten Vibes mit probaten Zaubermittelchen zu vertreiben. Aus der Identitätsverwirrung und dem leidigen Geschlechterkampf weiß das spielfreudige Ensemble jedenfalls so manchen Funken zu schlagen. Man kann hier zumindest erahnen, was Kleist einst an Molières Komödie so interessiert hat. „Ich war noch nie icher“ ist dann auch der Spruch des Abends. Und die Hexenkesseltruppe war mit Sicherheit auch schon lange nicht mehr so sicher bei sich, als mit diesem „Amphitryon“. Ein großes Vergnügen, ihnen dabei zusehen zu dürfen.

Amphitryon_Hexenkessel_alle Beifall Foto: St. B.

Amphitryon im Amphitheater am Monbijoupark
bis 31. Aug., Di – Sa, 19.30 Uhr

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Etwas neben sich scheinen dagegen die Woesner Brothers beim Schreiben ihrer eigenen Fassung der Molièreschen Komödie gestanden zu haben. Mit „Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ schrammen die Meister des gerührten Schüttelreims hart an der Gürtellinie des guten Geschmacks vorbei. Hier erheben sich auch keine fünffüßigen Jamben mehr. Man (und vor allem Frau) kriecht bevorzugt auf allen Vieren, wackelt mit dem Hinterteil, kräht und meckert oder gibt sich Tiernamen. Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza), wie sich das gleichermaßen liebestolle wie betrogene Paar aus dem schönen Theben beim Kosenamen ruft, scheinen auch ähnlich wirkende Substanzen eingeworfen zu haben, und geben sich dementsprechend aufgeputscht albern, übergriffig oder leicht tapsig und bräsig. In Kostüm und Gestus scheint das Ganze einem Asterix-und-Obelix-Comic a la „Die sind verrückt, diese Römer“ entlehnt. Es herrscht der gepflegte Herrenwitz und Unterleibshumor, der bevorzugt mit der Gummikeule ausgeteilt wird. Das haut selbst einen strammen Jupiter (Gideon Rapp) mit angeklebtem Kaiser-Wilhelm-Bart aus den Sandalen.

Amphitryon_Woesner Brothers3

„Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ von den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg. Foto: St. B.

Etwas konsterniert flieht dann auch ein Teil, vor allem des weiblichen Publikums, den Abend in der überflüssigen Pause. Der Rest spricht im, trotz Edelrestaurantverdrängung, immer noch recht lauschigen kleinen Biergarten auf dem Pfefferberg alkoholhaltigen Flüssigkeiten zu und haut sich weiter tapfer auf die Schenkel. Jedoch auch nach der Pause will es nicht mehr sehr viel besser werden. Schlapp gemacht oder Schlappgelacht? „Wir sind die letzten Hänger der Legion“ ist der Hit des Abends. Leider ein Tiefpunkt der aktuellen Open-Air-Theatersaison. Da hilft auch keine Peitsche schwingende Lederdomina mehr. Einziger Lichtblick: Was der Sosias fürs Amphitheater ist der Merkur für die Woesner-Variante. Franz Lenski als kleiner fieser Intrigant hängt hier den Ossibeuteligen Dummbatzen Sosias (Peter Princz) mit großartig gespielter Leichtigkeit ab. Und sein Weib Cleantis, Sabine Weitzel im Putzkittel, darf derweil die Bretterbühne abfegen. Der Rest ist schnell erzählt. Zum Schluss bekommt auch jeder noch so täppsche Topf seinen passenden Deckel.

Der Pfefferberg am Senefelder Platz, Prenzlauer Berg. - Foto: St. B.

Der Pfefferberg am Senefelder Platz. Foto: St. B.

Das ist weder doppeldeutig noch irgendwie identitätsverwirrend, sondern nur noch nervtötend und geht auch als verunglückte Parodie auf triebgesteuerte Götter- und Menschenwesen nicht mehr wirklich durch. „Ach, hätten doch die Götter die Frauen nie erschaffen! Denn allzu oft macht sich der Mann um ihretwillen zum Affen.“ Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, außer: „Wer reimend eine Öse schweißt, verhakt sich im Gewoese meist.“ Auch einen Shakespeare haben die Woesners zu allem Überfluss noch im Angebot. Eine Romeo-und-Julia-Variante auf queer. „Chaos in Verona“ erzählt die angeblich wahre Geschichte von Romeo und Julius. Der Rezensent hat sich die Probe aufs Exempel vorsichtshalber erspart, weiß aber von einigen positiven Publikumsreaktionen. Das Ding scheint tatsächlich wesentlich besser zu laufen, als die albtraumartig erotisierten Götterstreiche. Am 20. September wird dann auch die fertiggestellte „Sch(w)ankhalle“ auf dem Pfefferberg mit einer Komödie der Woesner Brothers eingeweiht. „Zur Hölle mit Faust“. Wir können es kaum noch erwarten, den alten Goethe mal endlich richtig in Grund und Boden zu lachen. Ehrlich!

Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza) - Foto: St. B.

Juliane Gregori, Eddi Burza. Foto: St. B.

„Amphitryons Albtraum
oder Die tolldreisten Streiche
erotisierter Götter“
bis 13. Sept.
Di – Sa, 20:00 Uhr
auf dem Pfefferberg,
im Wechsel mit
„Chaos in Verona –
Die wahre Geschichte
von Romeo und Julia“
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Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
An Tier und Vögeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Johann Wolfgang Goethe, Faust I, Vorspiel auf dem Theater

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Der Text ist auch als livekritik.de erschienen.

zu Teil 1

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Festivalsommer 2012 (2): Freilufttheaterfanatiker kommen in Berlin bei Shakespeare im Görlitzer Park und dem Hexenkessel Hoftheater auf ihre Kosten.

Donnerstag, August 9th, 2012

HUMANISMUS UND AUFKLÄRUNG IM WETTSTREIT – „UTOPIA™ – WHERE ALL IS TRUE“ NACH THOMAS MORE UND SHAKESPEARE SCHLÄGT TROTZ REGENHANDICAP  „CANDIDE“ NACH VOLTAIRE

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Thomas‘ Gebet um Humor:

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.
Schenke mir Gesundheit des Leibes, mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten.
Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die im Auge behält, was gut ist und rein, damit sie im Anblick der Sünde nicht erschrecke, sondern das Mittel finde, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lass nicht zu, dass ich mir allzu viele Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich „Ich“ nennt.
Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.

Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon

 thomas-more-by-hans-holbein-the-younger.jpg   isola-di-utopia_titelholzschnitt-der-ausgabe-von-1516.jpg Fotos: Wikipedia
Thomas More (Hans Hohlbein der Jüngere) und seine Insel „Utopia“ (Titelholzschnitt der Ausgabe von 1516)

Thomas More (1478 – 1535) war ein Mann von Humor und unerschütterlichen Prinzipien zugleich. Ein gläubiger Katholik und Freund des Humanisten Erasmus von Rotterdam sowie Heiliger und Staatsmann in England unter Heinrich dem VIII. mit utopischen Gesellschaftsvorstellungen, dem, nachdem in Ungnade gefallen, selbst auf dem Richtblock die Scherze nicht ausgingen. Ob er nun ein politisches Genie war oder doch nur ein glückloser Tor, wird das neue Theaterstück „Utopia™ – Where all ist true“ der Berliner Kompanie „Shakespeare im Park“ nicht restlos klären können. Die Truppe reklamiert jedenfalls seine Utopie einer besseren Welt für sich und behauptet eine Trademark auf Mores Ideen zu besitzen. Dabei hatte es der Jurist und Lordkanzler von Heinrich VIII. mit seinem philosophischen Dialog über eine ideale Gesellschaft auf der fernen Insel Utopia nicht so ganz ernst gemeint. Thomas More brachte auf satirische Art auch seine Skepsis an der Verwirklichung eines „utopianischen Staatswesens“ in Europa zum Ausdruck. Was nun „den besten Staat“ nach Mores Prägung betrifft, so proben die Schauspieler auf ihrem Parcours durch den Görlitzer Park in Kreuzberg auch die reale Umsetzung von Mores Ideen im englischen Königreich zu Beginn des „Goldenen Zeitalters“ mit all ihren Vorzügen, Verheißungen und Widersprüchen.

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Der Londoner Mob probt den Aufstand gegen Ausbeutung und fremde Konkurrenz.

Dazu bedient sich die Truppe um Gründer Maxwell Flaum und Regisseurin Katrin Beushausen auch zweier weiterer Stücke. Das 1590 entstandene und mehreren Autoren, u.a. Shakespeare, zugeschriebene Drama „Aufstieg und Fall des Thomas More – The Book of Thomas More“ und Shakespeares Historiendrama „Heinrich VIII.“ von 1612/13, ursprünglich auch „All ist True“ genannt, werden mit Mores „Utopia“ verknüpft. Es beginnt auf der Wiese an der Lohmühlen- Ecke Jordanstraße mit einem Aufstand der Londoner Bürger gegen Willkür und Ausbeutung durch Heinrich VIII. und seinen Lordkanzler Kardinal Wolsey. Die Forderungen der Aufständischen sind allerdings noch sehr diffus, so mancher ist zögerlich und der Ruf gegen ausländische Konkurrenz „Compete today“ wird laut. Hier tritt nun Sir Thomas More als Undersheriff seiner Majestät in Aktion und sorgt nach der Niederschlagung des Aufruhrs für die Begnadigung der Wortführer. Dem König macht er seine Thesen für ein utopisches Experiment zur Verhinderung zukünftiger Revolten schmackhaft. Durch mehr Bildung, Abschaffung des Privateigentums sowie gemeinsames Leben und Arbeiten will er mit seinem Projekt „Utopia™“ für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Eine Unterstützerin hat er dabei in der Königin Katherine von Aragon gefunden.

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Glattes Politparkett. Kardinal Wolsey am Seil. Thomas More wird seine utopischen Thesen gleich vor Heinrich und Katharina ausrollen.

Rufe nach der Abschaffung von Geld und Privatbesitz finden auch im Publikum ungeteilten Beifall. Zwei Ritter als Shakespeare´sche Clowns kommentieren immer wieder mit viel Witz das Geschehen und leiten zu den nächsten Szenen über. Dabei wird im Wechsel Englisch und Deutsch gesprochen, was dem Ganzen auch einen gewissen authentischen Touch verleiht. Während sich Heinrich VIII. lieber um die Scheidung seiner Ehe und die Ablösung von der römisch katholischen Kirche kümmert und sich nebenbei nur noch Sorgen um die Staatsfinanzen macht, ist es Thomas More bitter ernst mit der Umsetzung seiner Ideen. Kardinal Wolsey verliert Amt und Kleider und auch die anderen Mitspieler wechseln die historischen Kostüme gegen leichte aus transparenter Folie, um die neu errungene Gleichheit zu demonstrieren. Aber erst wird noch einmal kräftig gefeiert am Hofe Heinrich VIII., und davon lassen sich die Spieler auch vom plötzlich aufkommenden Gewitterregen nicht abhalten. Während sich so mancher Zuschauer unter die Bäume flüchtet oder ganz das Weite sucht, tanzt das Ensemble ausgelassen im strömenden Regen. Dazu spielt die kanadische Band Trike flotten Synthypop zu eigenen Texten.

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Dancing in the Rain am Hofe Heinrich des VIII.

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Immer in Aktion. Peter Priegann (Mitte) als Sir Thomas More treibt unerbittlich die Truppe durch den Park.

Der Himmel hat aber schnell ein Einsehen und das Treiben im Görli kann schließlich fortgesetzt werden. Der Tross zieht weiter im Park, bevölkert Rutschen, Schaukeln, Buddelkästen und bringt das soziale Projekt „Utopia™“ so langsam in Gang. Thomas More hält seine Mitstreiter zum gemeinsamen Ackerbau an, versklavt Straftäter und bekehrt Abtrünnige. Auch die Problematik der Reformation in England wird hier nicht ausgespart. Obwohl der protestantische Widersacher Mores Thomas Cromwell, bekannt u.a. aus der Fernsehserie „The Tudors“, nicht auftritt, arbeitet sich der katholische Humanist an anderen Lutheranern ab und scheut auch nicht vor Folter und Hinrichtung im Namen des Kreuzes zurück. Schließlich wird More, der sich zum Tyrannen entwickelt hat, selbst fallen und seine Utopie im Zeichen des „Goldenen Zeitalters“ unter Heinrich VIII. vorerst wieder zu Grabe getragen. Trotz aller Enttäuschung um „Die beste aller Welten“ verweist Königin Katharina darauf: „eine Landkarte, auf der die Insel Utopia nicht eingezeichnet ist, bleibt wertlos.“ Shakespeare im Park verbinden mit ihrem Stück „Utopia™“ aufs Beste Historie und Fiktion und verweisen natürlich nicht ohne Spaß am Spielerischen auf gegenwärtige Träume von einer besseren Welt.

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Der Sturz des Thomas More. Das Ende der Insel Utopia?

„Utopia™ – Where all ist true“ weitere Termine: 10., 12., 16., 17., 18., 19. August 2012 – Eintritt frei (jeweils 19 Uhr, sonntags 16 Uhr); Treffpunkt: Görlitzer Park, Lohmühlen- Ecke Jordanstraße

Buch, Konzept u. Regie: SHAKESPEARE IM PARK BERLIN
Regieassistenz: Marianne Cebulla

Schauspieler:
Maxwell Flaum / Cordula Hanns / Dina-Maureen Hellwig / Paul Marino / Ana Mena / Maren Menzel / Peter Priegann / Sebastian Rein / Claudia Schwartz / Gianni von Weitershausen / Sebastian Witt / Brandon Woolf / Sarah Zastrau

Bühne: Alberto Di Gennaro
Kostüm: Arianne Vitale Cardoso
Assistenz Bühne & Kostüm: Tamar Ginati
Music: Stew aka DJ Aufenthaltsgenehmigung
Music & Live Musical Performance: Trike

Weitere Infos unter: www.shakespeareimparkberlin.org/

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„Alle Ereignisse in dieser besten aller möglichen Welten stehen in notwendiger Verkettung miteinander.“ Magister Pangloss aus „Candide oder Die beste aller Welten“, Kap. 30

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Das Hexenkessel Hoftheater im Amphitheater im Monbijoupark gegenüber dem Bodemuseum zeigt Voltaire, Shakespeare und Carlo Gozzi.

Die beste aller Welten nach Leibniz hatte sich auch Voltaire vorgenommen, um sie in einer wirklich bitterbösen Satire aufs Korn zu nehmen. In seinem 1759 anonym erschienenen Roman „Candide oder Der Optimismus“ auch „Candide oder Die beste aller Welten“ genannt, lässt er den Naivling Candide (Thorbjörn Björnsson), verbannt vom westfälischen Königshofe des Barons von Donnerstrunkshausen (Thorsten Junge) und dessen Tochter Kunigunde (bezaubernd Sara Löffler), die er liebt, durch die Welt ziehen und die Schlechtigkeit der Menschheit nur durch seinen grenzenlosen Optimismus ertragen. Zum 300. Geburtstag des großen Hobbyphilosophen Friedrich II. von Preußen und des nicht minder großen Aufklärers Rousseau nimmt sich das Hexenkessel Hoftheater in der Regie von Alberto Fortuzzi den anderen großen französischen Aufklärer Voltaire vor und macht aus dessen Satire „Candide“ eine spaßige Commedia dell’arte mit gehobenem Lachfaktor. Dazu gibt auch gleich der Autor selbst die Einführung, nicht ohne sich gebührend vor seinem Gönner Friedrich Richtung Publikum zu verbeugen.

 Auftritt Voltaire (Christian Schulz) im Hexenkessel candide_voltaire.jpg

Das Hexenkessel-Ensemble arbeitet sich brav an den Highlights des Romans ab. Candides alter Lehrer Magister Pangloß (Michael Schwager) lässt keine schlüpfrigen Bonmots aus, es wird philosophiert und geblödelt was das Zeug hält, zur Freude des zahlreich erschienen Publikums. Es treten furchterregende Bulgaren auf, man fällt unter die Seeräuber, Sturm und Schiffbruch werden bildgewaltig in Szene gesetzt und natürlich wackelt alles zum Lissaboner Erdbeben. Die Schauspieler geben sich in wechselnden Rollen redlich Mühe, aber ein gehaltvoller Spaß mit hintersinnigem Witz will das nicht werden. Nachdem Candide das El Dorado, den utopischen Ort Voltaires, wieder verlassen hat und bei der Begegnung mit dem wie eine Marionette an Strippen hängenden Pessimisten Martino (Christoph Bernhard) langsam alle Hoffnung fahren lässt, kommt es doch noch zum gediegenen Happy End, auch wenn Kunigunde etwas an ihrer Anmut gelitten hat. Es knüpft und fügt sich wie Pangloß es prophezeit hat. Oder fügt sich Candide nur in die Notwendigkeit? Na jedenfalls hat man das Thema Aufklärung auch mal im Hexenkessel beackert. Wie heißt es doch so schön zum Schluss bei Candide? „Allein wir müssen unsern Garten bestellen.“ Und das muss dann wohl auch jeder mit sich allein abmachen.

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Voltaires Candide als spaßige Comedia dell´arte.

Es sind leider keine weiteren Termine mehr für „Candide“ im Angebot. Dafür gibt es noch bis 1. September Carlo Gozzis absurdes Märchen „König Hirsch“  und Shakespeares Komödie „Was Ihr Wollt“ von Dienstag bis Samstag jeweils 19:30 Uhr bzw. 21:30 Uhr im Amphitheater zu sehen. Freunde des Schenkelklopfhumors werden auf ihre Kosten kommen. Weitere Infos unter: www.amphitheater-berlin.de/theater.html

Text und Fotos wenn nicht anders angegeben: St. B.

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Zum Weiterlesen:

  • Thomas Morus: Utopia, bei Projekt Gutenberg
  • Freiheit und Sklaverei. Die dystopische Utopia des Thomas Morus. hier online
  • Karl Kautsky: Thomas More und seine Utopie. (1888), hier in digitaler Form
  • Hilary Mantel: Wölfe. Die Geschichte von Thomas Cromwell. Roman. Aus dem Englischen von Christiane Trabant. Dumont 2010.

  • Voltaire: Candide oder Der Optimismus; Aus dem Deutschen übersetzt von Dr. Ralph und mit Anmerkungen versehen, die man in der Tasche des Doktors fand, als er im Jahre des Heils 1759zu Minden starb; Übersetzt von Wilhelm Christian Sigismund Mylius (1778), sprachlich erneuert und herausgegeben von Prof. Dr. Manfred Naumann, Rütten & Loening, Berlin 1964, mit Illustrationen von Werner Klemke
  • François Marie Arouet de Voltaire: Candide oder Die beste aller Welten bei Projekt Gutenberg

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Wenn´s vorne juckt und hinten beißt – Der eingebildete Kranke von Molière in einer Version des Hexenkessel Hoftheaters

Freitag, August 5th, 2011

  Foto: St. B. dsc04413.JPGDas Theatergelände auf dem Bunkerdach neben dem Amphitheater an der Monbijoustraße.

Seit vier Jahren steht es nun gegenüber dem Bodemuseum, das Amphitheater am Rande des Monbijouparks. Die Truppe des Hexenkessel Hoftheaters bespielt es von Juni an bis in den September mit mindestens drei Stücken pro Saison. Gegründet 1994 in einem Berliner Hinterhof, fühlt man sich dem fahrenden Theatervolk verwandt und der Comedia dell’arte und Shakespeare verpflichtet. Immer unter freien Himmel, bei Wind und Wetter gibt es von Dienstag bis Samstag täglich zwei Stücke hintereinander und am Sonntag noch das Improtheater mit Turbine William wie die Birne. Nur Montag ist spielfrei und man überlässt dem musizierenden Volk die Bühne. In den letzen Jahren gab es Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit zirzensischen Kunststücken, „Viel Lärm um Nichts“, eine sehr moderne Version von „Romeo und Julia“ oder den „Sturm“ im wahrsten Sinne des Wortes. Den gibt es freilich meist gratis inklusive Regen direkt vom freien Himmel dazu.

Nachdem es das Wetter ja bekanntermaßen mit den Open-Air-Verrückten in den letzten Tagen nicht so besonders gut meinte, scheint pünktlich seit Dienstag wieder die Sonne und die Gaukler bevölkern weiter unermüdlich die Bühne des Amphitheaters. Neben Shakespeares „Wintermärchen“, in einer zwischen Humor und Melancholie schwankenden Sparvariante für drei Schauspieler, einen Erzähler sowie hungrigen Tanzbären, sind noch Goldonis „Diener zweier Herren“ und seit Ende Juli auch „Der Eingebildete Kranke“ von Molière zu sehen. Dieses Stück des französischen Komödienautors entbehrt nicht einer gewissen Tragik, ist es doch das letzte Stück Molieres, der 1673, selbst in der Rolle des Argan, auf der Bühne einen krankheitsbedingten Anfall erlitt und daheim in den Armen zweier Nonnen verstarb.

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