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Die Balzac-Trilogie der Berliner Volksbühne ist vollendet. Martin Wuttke führt „Trompe l’amour“ nach Honoré de Balzac auf.

Donnerstag, Mai 1st, 2014

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Nach dem Komödiendichter Molière in der letzten Spielzeit haben sich das Dreigestirn der Berliner Volksbühne Frank Castorf, René Pollesch und Martin Wuttke, nun dem französischen Romancier des 19. Jahrhunderts Honoré de Balzac zugewandt. Es ist wieder eine Trilogie geworden.

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Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Foto: St. B.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Foto: St. B.

Den Anfang machte diesmal im September René Pollesch mit Balzacs Glanz und Elend der Kurtisanen. Allerdings bediente sich der Diskurskünstler hier lediglich des Titels und einiger der Figuren aus dem großen Epos über die Verruchtheit der Pariser Gesellschaft. Bereits in seiner etwas untergegangenen, aber deswegen nicht uninteressanten Inszenierung Der General hatte Pollesch so etwas wie eine kritisch, ironische Betrachtung des Bühnenraums abgeliefert. Mit Glanz und Elend… schließt er da nun fast nahtlos an. Den leeren Raum mit Möglichkeiten füllen, das ist wohl eine der Grundideen von Theater. Ideen, die bei Pollesch immer auch gleich durch den Möglichkeitsdiskurswolf gedreht werden. Leben, Liebe, Tod – bei Balzac kommt notwendigerweise noch das Geld hinzu – wie geht das zusammen? Der Vergleich der realen Räume von Heterotopien als Kompensationsräume für die Illusion einer fast schon obsoleten Utopie. Der Theaterraum als Möglichkeit einer Illusion oder Utopie? Bei Pollesch alles eine Frage der Betrachtungsweise.

Mehr noch als bei Molières Don Juan (dem immer verfügbaren Lover) ist das Bordell als Heterotopie auch bei Balzacs Kurtisanen Zentrum der Illusion bürgerlichen Verlangens. Für Liebesdienste muss jedoch bezahlt werden. Die Sehnsucht nach dem großen Gefühl gestaffelt nach den Möglichkeiten des Geldbeutels. Bei Pollesch ist das Gefühl und hier im Speziellen die Schönheit der Geste aber eine Frage des Glaubens. Die Liebe ohne Glauben gibt es für ihn nicht. Sie ist die Eintrittskarte zu all dem wofür wir stehen. Die große Geste ist laut Pollesch heute weitestgehend aus dem öffentlichen Raum verbannt in die Oper, oder besser noch Soup-Opera. Er inszeniert das als große Revue mit seinen Glanzstars Martin Wuttke und Birgit Minichmayr aus Wien auf leerer Bühne vor Glitzervorhang von Bert Neumann. Körperliche und verbale Turnübungen zu Musik. Irgendwann hebt die Blasen und Kobolz schlagende Diskurswolke einfach mit einem Heißluftballon ab. BAL-ZAC steht darauf – ein Knüller. Der Möglichkeitsraum Theater entleert sich. Der öffentliche Raum bleibt demnach ebenso leer, wie die Menschen allein bleiben, auch wenn sie zusammen sind. Die Wahrheit ist nicht zu gebrauchen, nur die Lüge ist kontextfrei, wie es bei Pollesch heißt. Was einer kleinen Bankrotterklärung für das Theater gleich käme.

Volksbühne_Glanz und Elend der Kurtisanen Foto: St. B.

Glanz und Elend der Kurtisanen
nach Honoré de Balzac

Regie: René Pollesch
Bühne : Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Anna Heesen

Mit: Franz Beil, Christine Groß, Birgit Minichmayr, Trystan Pütter und Martin Wuttke

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Nächste Termine:
So 01.06.14

Weitere Informationen: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/glanz_und_elend_der_kurtisanen/

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Liebe und Ökonomie ist dann das große Thema in Frank Castorfs Inszenierung des Balzac-Romans La Cousine Bette (dt. Tante Lisbeth). Dem Chef der Volksbühne fiehl im Dezember 2013 wie schon bei Molières Der Geizige der monetäre Teil der Trilogie zu.

Honoré Balzac, Daguerreotypie von Louis-Auguste Bisson, 1842

Honoré Balzac, Daguerreotypie von Louis-Auguste Bisson, 1842

„Balzacs Romane spielen zum überwiegenden Teil in der Zeit zwischen den beiden Revolutionen von 1830 und 1848, in der Zeit der »bürgerlichen Monarchie« des Königs Louis Philippe. Das französische Großbürgertum ist bereits unumschränkter Beherrscher des Landes; das eigentliche Schicksal der Nation wird an den Pariser Banken entschieden. Bestechung, Spekulation und die moralische Entwürdigung des Menschen kennzeichnen das Leben in den herrschenden Schichten – so wie es fast an allen Hauptfiguren in »Tante Lisbeth« deutlich wird.“ Rolf Schneider im Vorwort zur Ausgabe des Aufbau Verlags 1956

Besagte Cousine Bette (Jeanne Balibar) ist eine verarmte, alleinstehende Dame mittleren Alters, die sich an der Familie ihrer Schwester Adeline Hulot (Kathrin Angerer) rächen will. Dafür benutzt sie die Kurtisane Valérie Marneffe (Claire Sermonne), der die Männer der Familie der Reihe nach erliegen und sich ruinieren. Zuerst der Lebemann Baron Hulot (Alexander Scheer) und später auch noch der von Bette auf dem Dachboden entdeckte, bisher erfolglose polnische Maler Wenceslas Steinbock (Maximilian Brauer), der aus Geldgier die Tochter der Hulots Hortense (Lilith Stangenberg) heiratet und nicht auf die Avancen Bettes eingeht.

Balzacs weit ausschweifendes Gesellschaftsportrait walzt Frank Castorf dann auch auf fast fünf Stunden lustvolles wie nervenaufreibendes Theater aus. Wie immer verfolgt er die Figuren mit der intimen Kamera bis in den hintersten Winkel, der von Bert Neumann sparsam gestalteten dunklen Drehbühne, stellt ihr Spiel auf der Videoleinwand aus und lässt sie schreiend und schwitzend über die Szenerie eines puffartigen Asia Imbiss irrlichtern. Schon zu Beginn strapaziert Castorf Nerven und Lachmuskeln des Publikums gleichermaßen mit einem minutenlangen Disput am Kaminfeuer zwischen dem Parfümfabrikanten Crevel (ein rheinisch parlierender Marc Hosmann mit umgeschnalltem Wohlstandsbauch) und der biederen Gattin Hulots über die Käuflichkeit von Glück und Gefühlen. Wir sehen weiterhin Alexander Scheer auf fröhlicher Bühnenkamikazetour, eine wunderbar nölige Lilith Stangenberg als Girlie Hortense und die großartige Jeanne Balibar sich in langsam drohendem Wahnsinn drehend, gefangen in ihrem eigenen Intrigengeflecht. Der rote Faden ist hier sehr locker gestrickt.

Die Handlung bleibt dabei in weiten Teilen nachvollziehbar, wird jedoch wie bei Castorf üblich auch immer wieder mit Fremdtexteinlagen vom „Dachboden der Weltliteratur“ angereichert. Dafür ist hier vor allem Volksbühnen-Tausendsassa Bernhard Schütz in den verschiedensten Rollen, auch mal geblackfaced oder mit den Blut-und-Rasse-Hasstriaden auf die Renegaten der Weltrevolution des französischen Literaten und neuer Castorf-Entdeckung Celine, zuständig. Ein fast schon forensischer Blick auf die Welt, womit die Inszenierung einer wirklichen Comédie Humaine wesentlich näher ist, als René Polleschs immer wiederkehrende Diskursschleifen. Zum Schluss will die sichtlich gealterte Balzac-Bagage einfach nicht mehr aufhören und bemüht singend das Illusionstierchen vom Dienst, Paulchen Panther, und witzelt wie die Muppetsgrantler Waldorf und Statler. Wer hat an der Uhr gedreht… in der Volksbühne ist es wieder mal spät geworden. Nur abtreten will hier keiner.

La Cousine Bette
nach Honoré de Balzac

Regie: Frank Castorf
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Lothar Baumgarte
Kamera: Andreas Deinert, Mathias Klütz, Adrien Lamande
Live-Schnitt: Jens Crull
Musikalische Konzeption: Wolfgang Urzendowsky
Dramaturgie: Sebastian Kaiser

Mit: Jeanne Balibar (Tante Lisbeth), Alexander Scheer (Baron Hector Hulot d’Ervy), Kathrin Angerer (Baronin Adeline Hulot d’Ervy), Marc Hosemann (Célestin Crevel), Claire Sermonne (Valérie Marneffe), Bernhard Schütz (Jean-Paul-Stanislas Marneffe, Baron H. Montès de Montéjanos & Mme. de Saint-Estève alias Nourrisson), Lilith Stangenberg (Hortense Hulot d’Ervy), Maximilian Brauer (Comte Wenceslas Steinbock) und Noa Niv (Josépha Mirah)

Dauer: ca. 5 Stunden, eine Pause

Nächste Termine:
Sa 03.05.14

Weitere Informationen: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/la_cousine_bette/

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Lange vor der Premiere schon konnte man darüber rätseln, was denn Schauspieler Martin Wuttke zur Balzac-Trilogie der Berliner Volksbühne beitragen würde. Es sollte wieder um Glanz und Elend der Kurtisanen gehen, den 1846 erschienenen 4teiligen Großroman des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac, an dem er rund 13 Jahre gearbeitet hatte. Als Teil seines Mammut-Projekts der Comédie Humaine schuf Balzac hier ein detailliertes Zeit- und Sittengemälde der Pariser Gesellschaft aller Schichten. Der Titel Trompe l’amour spielt einerseits thematisch auf die im Roman beschriebene trügerische Welt der Liebe an und andererseits auf eine der Hauptfiguren, die durch mehrere Romane der Comédie Humaine hindurch immer wieder unter anderen Namen und Pseudonymen auftritt. Der entlaufene Sträfling Vautrin alias Jacques Collin alias Abbé Carlos Herrera, auch Trompe-la-Mort genannt, zieht geschickt im Hintergrund die Fäden, um mittels von ihm protegierten jungen Männern Einfluss in den höheren Pariser Kreisen zu erlangen.

Martin Wuttke, 2011 © Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Martin Wuttke, 2011 © Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Diesen geschickten Täuscher und Wanderer zwischen den Identitäten also wollte Martin Wuttke nun spielen, wie er noch kurz vor der Premiere in einem Interview dem Berliner Stadtmagazin zitty mitteilte. Daraus ist leider nichts geworden. Wuttkes Name ist in der Aufzählung der Darsteller im Programmheft überklebt, bei der Regie soll ihm Hausherr Frank Castorf helfend unter die Arme gegriffen haben. Der Wanderer zwischen den Theaterwelten Wien und Berlin fühlte sich der Doppel- bzw. Dreifachbelastung von andauernden Reisen, Schauspiel und Regie nicht mehr gewachsen. Es hätte seine Rolle werden können.

So sehen wir nun in der Volksbühne Schauspielkollegen Jean Chaize in einer Sparvariante des Abbé Herrera, das Textbuch immer in Griffweite. Gespart hat man auch am Bühnenbild, wie schon bei der Molière-Trilogie ist die Grundidee eines übergreifenden Gestaltungsmerkmals beibehalten worden. War es da ein hausähnliches Lattengerüst mit Vanitas-Motiv, hängt Bert Neumann hier nun wie bereits in Glanz und Elend der Kurtisanen (Regie: René Pollesch) und La Cousine Bette (Regie Frank Castorf) einen glitzernden Lamettavorhang an die Bühnenwände.

Zu Beginn wird eine Kutsche auf die Bühne gezogen, und es spult sich zunächst minutenlang der Handel des Bankiers Baron von Nucingen (Hendrik Arnst) um die Kurtisane Esther (Britta Hammelstein, letztes Jahr noch am Maxim Gorki Theater, nun Leihgabe des Residenztheaters München) ab. Nucingen will Liebe, und wer lieben will, muss hier erst mal zahlen. Er will die Katze nicht im Sack, bekommt aber gegen Aufgeld auch noch die Kammerzofe Eugenie (Jasna Fritzi Bauer, ein Mitbringsel Wuttkes vom Wiener Burgtheater) und die Köchin Asien (Jeanne Balibar, bereits als grandiose Cousine Bette bei Frank Castorf zu sehen) im Doppelpack dazu.

Es ist etwas schwer zu folgen, da Rollenzuschreibungen und Kostüme ständig wechseln. Wer den Roman nicht kennt, könnte hier leicht Probleme bekommen. So verdoppelt sich der Liebhaber Esthers, der aufstrebende Schriftsteller Lucien von Rubempré (Maximilian Brauer), auch mal, und Esther (nun von Jasna Fritzi Bauer dargestellt) switcht zwischen Maximilian Brauer und Franz Beil hin und her. Wuttke lässt viel im Halbdunkel spielen, so wie sich die gesamte zwielichtige Story Balzacs ja auch oft in der Halbwelt des Betrügers Vautrin und seiner weiblichen Gehilfen bewegt. Dazu gibt es auf drei Videoleinwänden Einblicke vom Bühnengeschehen dahinter. Typische Volksbühnenästhetik in Bild, Sprache und Gestik. Die Handschrift Frank Castorfs ist überdeutlich.

Lucien braucht Geld, um in die vermögenden Kreise der Pariser Gesellschaft einheiraten zu können. Abbé Herrera überredet daher Esther, den Baron von Nucingen auszunehmen, was dem Bankier auf Dauer ziemlich schwer auf die Verdauung schlägt. Das Komplott geht nicht auf. Esther bringt sich mit Gift selber um, noch bevor sie von ihrer großen Erbschaft erfährt. Der Verdacht fällt auf Lucien, der schließlich Abbé Herrera ans Messer liefert. Die Geheimpolizei ist ihm nun auf den Fersen. Noch einmal eine Pat-und-Patachon-Rolle für das männliche Gespann Maximilian Brauer und Franz Beil. Ansonsten wird auch so viel gekaspert und gekalauert.

Der Selbstmord Esthers bildet den Höhepunkt dieser doch deutlich unter dem gewohnten Volksbühnen-Niveau rangierenden Inszenierung. Britta Hammelstein steigt auf eine flux hereingefahrene Attrappenbühne, die den großen Pariser Gaumont Palace darstellt, und setzt zum großen nicht enden wollenden Abschiedsmonolog an. Daraufhin sieht auch Maximilian Brauer als Lucien keinen Grund mehr weiterzuspielen und legt sich daneben. Als dann noch Hendrik Arnst („Mir ist auch nicht gut“) auf der Bühne umkippt, ist die Farce perfekt. Die Launen einer Frau wirken sich auf einen ganzen Staat aus, wie es bei Balzac heißt. Das Kartenhaus aus Erpressung und Korruption in Adel, Bürgertum und Polizei bricht zusammen, und der saubere Abbé mutiert nun geläutert selbst zum Freund und Helfer.

Glamour, Lüge, Krise mit Balzac an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Foto: St. B.

Glamour, Lüge und Krise mit Balzac an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Foto: St. B.

Martin Wuttke wollte etwas über die Ökonomie der Gefühle und Trugbilder der Liebe erzählen, ein paar reingefummelte Fremdtexte sollen das verdeutlichen, aber das hatten René Pollesch und Frank Castorf vor ihm bereits ausführlichst erledigt. Wuttke hat sich also etwas verkalkuliert, das Spiel mit den vielen Identitäten ist auf ihn selbst zurückgeschlagen. Und so ist seine Inszenierung nicht mehr als ein Trompe-l ‚œil, eine optische Täuschung, die Tiefe vorgibt und doch auch nur an der schönen, glitzernden Oberfläche kreist. Balzac vollendet, nur eben nicht gerade in Vollendung.

Trompe l’amour
nach Honoré de Balzac
Premiere vom 24.04.2014
an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Regie: Martin Wuttke
Bühne und Kostüme: Nina von Mechow
Grundraum: Bert Neumann
Licht: Lothar Baumgarte
Kamera: Andreas Deinert
Video: Jens Crull
Ton: Christopher von Nathusius
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Hendrik Arnst, Jeanne Balibar, Jasna Fritzi Bauer, Franz Beil, Maximilian Brauer, Jean Chaize,
Britta Hammelstein und Martin Wuttke

Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Nächste Termine:
Fr 02.05.14 und Mi 21.05.14

Weitere Informationen: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/trompe_lamour/?id_datum=7760

Der Trompe-l’amour-Teil ist zuerst erschienen am 27.04.2014 auf Kultura-Extra.

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