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Es singt die Plattitüde, es swingt die Ironie – Berliner Schaubühne und Maxim Gorki Theater versuchen Ibsens „“Volksfeind““ zu radikalisieren und Kuttner/Kühnel verschlagern die „“Demokratie““ von Michael Frayn am DT.

Freitag, Oktober 5th, 2012

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„“Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpaßt; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt.“ Henry David Thoreau in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, deutsch von Walter E. Richartz, Zürich 2004

Es ist nun bereits fünf Jahre her, dass 2007 das politische Essay „Der kommende Aufstand“ der Autorengruppe „Das unsichtbare Komitee“ in Frankreich erschien. Seit 2010 ist es in deutscher Übersetzung erhältlich und im Internet verfügbar. Zur gleichen Zeit trat auch der ehemalige deutsch-französische Résistance-Kämpfer und Buchenwald-Überlebende Stéphane Hessel (geb. 1917 in Berlin) mit seinem vierzehnseitigen Widerstandsaufruf: „Empört Euch!“ an die Öffentlichkeit. Beide Pamphlete sind seither vielzitierte Werke der europäischen Protest-Kultur gegen Globalisierung, Finanzkapitalismus und Demokratiemüdigkeit. Ist Hessels Schrift dabei vorwiegend ein Aufruf für die Einmischung der breiten Masse in das politische Geschehen, ausgehend von den Erfahrungen des Kampfes gegen den Faschismus, werden im „Kommenden Aufstand“ zwar einerseits noch die starren, bestehenden Verhältnisse kritisiert aber andererseits auch eine klare Abgrenzung zu den herrschenden Machtverhältnissen propagiert. Das geht bis zur Beschreibung einer Art Guerilla-Kampfes aus dem Verborgenen heraus zur Unterhöhlung des bestehenden Systems. Nun greifen die Schaubühne und das Maxim Gorki Theater Berlin in ihren Inszenierungen von Ibsens „Ein Volksfeind“ teilweise auf die Empörungs-Rhetorik nach französischem Vorbild zurück. Und insbesondere die Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Schaubühne befasst sich nun konkret mit dem Essay „Der kommende Aufstand“.

„“Die Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite. Nie, sag‘ ich! Das ist auch so eine von den gesellschaftlichen Lügen, gegen die ein freier, denkender Mann sich empören muß.“ Dr. Stockmann in Henrik Ibsens „Ein Volksfeind

schaubuhne-sept-2012.jpg Foto: St. B.

Thomas Ostermeier probt an der Schaubühne mit Ibsens „Volksfeind den Kommenden Aufstand.

Ausgehend von der Sichtweise, dass es sich die bestehende bürgerliche Bildungs- und Künstlerelite in ihren Verhältnissen bequem eingerichtet hat und auch einen entsprechenden Lebensstil pflegt, siedelt Ostermeier Ibsens Story um den Badearzt Stockmann im hippen Berlin-Mitte-Milieu an. Man wohnt gemeinsam in einer Art lockeren Künstler-WG. Einerseits wird die Unangepasstheit einer probenden Popband am Küchentisch zelebriert, andererseits strebt man bereits nach ersten Besitzständen, die noch als Projekte an den Bühnenwänden (Jan Pappelbaum/Katharina Ziemke) aufgemalt sind, oder hat eben wie Stockmann (Stefan Stern) ein angehendes Familienprojekt mit Frau (Eva Meckbach), Kind und angeschlossenem festen Job in der Badeverwaltung der Stadt am laufen. Dort entdeckt nun der engagierte Badearzt, dass der neue Reichtum der Gemeinde auf einer Lüge beruht und das Wasser des neuen Bäderbetriebs von den ortsansässigen Handwerksbetrieben verseucht wird. Verbündete für die Aufdeckung der Missstände findet Stockmann kurzeitig im Redakteur des Volksboten Hovstadt (Christoph Gawenda) und seinem jungen Angestellten Billing (Moritz Gottwald), sowie dem Verleger und Vorsitzenden der kleinen Hausbesitzer Aslaksen (David Ruland). Diese kippen aber der Reihe nach um, als ihnen der Stadtvogt und Bruder von Stockmann (Ingo Hülsmann) eröffnet, dass die Stadt nicht genug Geld für die Sanierung hat und daher die Steuern erhöhen muss.

Was nun folgt, ist eine Spaltung in die Mehrheiten heischende Realpolitik und eine auf einsamem Posten stehende Radikalopposition. Soweit lässt sich das Stück Ibsens natürlich auch auf heutige Verhältnisse anwenden. Das Problem dabei ist aber, die in der schnell einberufenen Bürgerversammlung folgenden Verbalausbrüche Stockmanns nicht nur gegen „die grenzenlose Dummheit der Behörden“, sondern auch gegen „die verfluchte, kompakte, liberale Majorität“, die er als „die gefährlichsten Feinde der Wahrheit und der Freiheit“ ausgemacht hat, aktuellpolitisch zu untermauern. Und hier mischt nun Ostermeier in die Rede des wütenden Badarztes Satzfetzen aus dem „Kommenden Aufstand“, die sich mit genau dieser Problematik einer „Zivilisation in klinisch totem Zustand“ auseinandersetzt, die „an massenhaft lebenserhaltende Apparate angeschlossen (…) einen charakteristischen Gestank verbreitet.“ Der gleiche vergifteten Sumpf also, den Stockmann auch gerne trockenlegen würde, mit all seinen Lügen und moralischem Skorbut. Stefan Stern geht hier dann auch entsprechend vehement zu Werke und wird dafür von seinen Gegnern, die sich alle im Zuschauerraum positioniert haben, als Antidemokrat und Faschist denunziert, inklusive der Erklärung zum „Volksfeind“. Die Schauspieler versuchen dabei im Publikum noch so etwas wie eine Diskussion anzufachen, sorgen aber mit ihrer platten Rhetorik eher für das Gegenteil. Bis auf die Bildung eines runden Tisches fällt da auch niemandem etwas Passendes ein.

Schließlich fliegen Farbbeutel auf die Bühne, anstatt der Steine, die bei Ibsen das Haus Stockmanns verwüsten. Der Held liegt schließlich eingesaut in der Pampe. Das Gleiche könnte man nun sozusagen auch von Ostermeiers Inszenierung behaupten. Das Ensemble kann eigentlich sogar noch froh sein, dass sich aus dem Publikum kaum jemand ernsthaft zu Wort gemeldet hat, so unvorbereitet wie es sich da zeigte. Mit auswendig gelernten Floskeln kommt heute auch kein Politiker mehr ernsthaft durch den Wahlkampf. Da provozieren sich die Parteien, und man glaubt sich tatsächlich im Bundestag, wo es ja auch meist eher wie in einem Provinzparlament zugeht. Während die große Politik in den Hinterzimmern gemacht wird, schlagen sich vorn die Hinterbänkler. Dem eben noch so fluffigen Hipster Stern hängt dabei der intellektuelle Badearzt Stockmann dermaßen hinderlich am Bein, dass man ihm weder einen ernsthaften Wissenschaftler und schon gar nicht den wütenden Anarcho abnimmt. Es ist aber eben auch zu schön, sich immer wieder aus dem Textberg des „Unsichtbaren Komitees“ die passenden Brocken hauen zu können. Jedoch eine ernsthafte Auseinandersetzung damit findet hier nicht statt. Das will Ostermeier wohl auch gar nicht und begnügt sich mit der reinen Provokation.

So macht die Inszenierung mit ein paar globalen Schlagworten ordentlich provinziellen Wind, und derjenige, der eigentlich die Fäden zieht, ist ein alter Grantler (Thomas Bading als Morten Kiil) mit Hund, der wie der lästige Nachbar auf Gassi immer ganz ungelegen vorbeikommt, und dabei ganz unscheinbar am Ende ein paar Aktien fallen lässt. Kiil, der eigentliche Wasserverschmutzer und Schwiegervater von Stockmann, erpresst das Paar zum Schluss mit einem Aktienpaket des Bades, dass er angesichts des Imageschadens mit dem Erbe seiner Tochter billig aufgekauft hat. Die beiden sitzen nun in den Trümmern ihrer Existenz vor dieser großen Versuchung, mit einer Dementierung alles wieder einzurenken und sogar noch finanziell daran zu profitieren. Hier blendet Ostermeier dann kurzerhand ab. Das ist natürlich noch einmal eine scharfe Wendung und noch besser als das Riesen-Gummibärchen von Lukas Langhoffs Spaßinszenierung aus Bonn, die uns bereits beim Theatertreffen belustigte. Das Ganze wirkt aber letztendlich doch etwas billig und wohlfeil. Man weiß, dass es Ostermeier nicht ernst ist mit dem Aufstand. Und eine wirkliche Ambivalenz verströmt hier leider auch keiner, alles nur platte Chargen. Ein finsterer Provinzfürst, ein wachsweicher Mittelständler und ein paar lauwarme Möchtegern-Aufklärer als embedded Journalists. Lauter Politclowns, und einer aus der Hipster-Generation probt den individuellen Aufstand gegen das Etablissement, ein Widerspruch in sich. Man könnte sich totlachen, wenn es nicht so ernst wäre.

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„“Und ich sehe nicht ein, warum man das, was man Jahrhunderte lang getan hat und als falsch erkannt hat, weiter tun sollte, nämlich so tun, als ob man nichts tun könnte, und ich werde mich niemals damit abfinden, dass man nichts tut. (Ich hab den Richtern gesagt,) ‚ich weiß, warum sie sagen, man kann nichts tun, weil sie nichts tun können wollen, aber ich will etwas getan haben dagegen‘. (…) Wir haben gelernt, dass Reden ohne Handeln Unrecht ist.“ Gudrun Ensslin am 14. Oktober 1968 beim Kaufhaus-Prozess in Frankfurt/M.

maxim-gorki-theater_oktober-2012.jpg Foto: St. B.

Jorind Dröse ironisiert Ibsens „Volksfeind am Maxim Gorki Theater.

Lustig geht es auch im Maxim Gorki Theater zu. Jorinde Dröse hat ein großes Sofa auf die Bühne stellen lassen, auf dem sich hier die Familien-WG austoben darf. Das ist eine nicht ganz unironische Reminiszens auf Ostermeiers Schaubühne, nur dass hier eben nicht einfach nur ein Designermöbel steht, sondern eine große Spielwiese, die auch mal kippen oder beklettert werden kann. Der Clou am Gorki ist aber nicht das Sofa, sondern die Besetzung der Hauptrolle. Hier tritt jetzt nämlich Frau Stockmann als Badeärztin gegen den Sumpf aus männlich dominierter Politik und selbstgerechtem Opportunismus an. Als wenn Ibsen sie nur zufällig unter seinen großen Frauenfiguren vergessen hätte, stellt Jorinde Dröse diese Katharina Stockmann, bei Ibsen noch eher blasse häusliche Stütze ihres hehre Ideen wälzenden Mannes, ganz selbstverständlich in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung. Sabine Waibel dominiert dann auch die kleine häusliche Welt der Stockmanns, die noch im Aufbau begriffen ist und wo man immer mal wieder über den Teppich stolpert, den Hausmann Thomas (Cornelius Schwalm) noch nicht verlegt hat, da er lieber für die Familie asiatisch kocht, Kinder antiautoritär erzieht oder für seine Frau nach der sehnsüchtig erwarteten Post forschen muss. Jorinde Dröse entwirft hier durchaus auch mit einem ironischen Seitenblick auf ihre „Nora“ aus dem letzten Jahr und die bestehenden Geschlechterverhältnisse, ein ganz modernes Frauenbild. Übrigens auch eine Domäne von Ostermeiers Schaubühne. Man denke an seine Nora und Hedda Gabler. Wo Eva Meckbach als Katharina Stockmann bei Thomas Ostermeier aber noch an ihrer Selbstverwirklichung zwischen Familie und Job als Lehrerin arbeiten muss, verkörpert Sabine Waibel bereits das angestrebte Ideal der Frau in Führungsposition mit allen Vor- und Nachteilen. Mann möge seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Was nun aber folgt ist das übliche Frauen-Gezicke gegen das Gehabe und Gebalze der Frauenhelden und politischen Möchtegernplatzhirsche, die bei Jorinde Dröse noch weiter als schon bei Ostermeier ins Klischee und nicht nur vom Sofa abrutschen. Die lässigen Redakteure Hovstad (Albrecht Abraham Schuch) und Billing (Matti Krause mit Bart und pfiffigem Hütchen) dürfen hier richtig aufdrehen und die Möbel umstellen, was ihnen dann auch gleich als bloße Pose vom um stetige Mäßigung bemühten Buchdrucker Aslaksen (ganz trocken Gunnar Teuber) vorgehalten wird. Es wird auf dem Sofa gelümmelt, gealbert und den Schlipsträgern Aslaksen und Stadtvogt Peter Stockmann (Ronald Kukulies) übel mitgespielt. Letzterer fühlt sich da sichtlich deplaziert und kämpft vergeblich um seinen Platz unter den Hippstern. Kukulies revanchiert sich dafür dann mit einer abgeschmackten 0815-Politikerhymne auf den kleinen Wohlstand. Auch die Stockmanntochter Petra (Julischka Eichel) bekommt hier wieder eine Rolle und ist ganz wie schon bei Lukas Langhoff die junge idealistische Studentin, die eine neue Schule gründen will, dabei aber auf den Falschen setzt und den schmierigen Avancen des Redakteurs Hovstad erliegt. Wenn er nicht gerade von der Bühne gescheucht wird, untermalt dazu meist auf Kommando Philipp Haagen als Kapitän Horster, hier ein leicht verhuschter Rastafari, das Geschehen mit den passenden Popmelodien. Die Renaissance der Barock-Oper auf dem Theater greift dabei weiter um sich, wenn sich der windige Redakteur Hovstad zu den Klängen der Frostszene aus „King Arthur“ den verschwitzten Pullover vom Leib zittert. Vor Kurzem hatte erst René Pollesch Purcells Stotterarie in seinem „Don Juan“ an der Volksbühne zu neuen Ehren verholfen.

Das Gorki-Ensemble gibt mal wieder dem Komödiantenaffen Zucker. Etwas was man bei Jorinde Dröse bisher nur am Rande in kleinen Ausbrüchen kannte, wie zum Beispiel der von Peter Kurth als Thorvald Helmer in „Nora“, durchzieht hier die gesamte Inszenierung. Daraus ergeben sich immer wieder schöne Einzel-Skizzes, aber kaum ein abendfüllendes Politdrama. Was bei Thomas Ostermeier zu plakativ und zeigefingrig daherkommt, erledigt Jorinde Dröse mit schenkelklopfender Ironie. Ein Morten Kiil, Andreas Leupold nicht minder schlurchig im Parker, spielt hier schon kaum noch eine Rolle. Und wenn sich dann irgendwann durch den erst wonnig blauen Himmelhintergrund eine überdimensionale Kloakeröhre schiebt, sind wir auch schon fast am Höhepunkt des Abends. Bevor auch mal die schönste Ironie ein Ende hat, wird schnell noch Frau Dr. Stockmanns Wutschrift im zweckentfremdeten Kühlschrank versenkt, und mit ihm auch der „Kommende Aufstand“, den Tochter Petra eigentlich für Hovstad übersetzen sollte, vorerst auf Eis gelegt. Vorerst wohlgemerkt, denn noch während sich das vergnügte Pausenpublikum bei Bier und Wein verlustiert, wird es schon zum mehr oder minder freiwilligen Bestandteil einer kommenden Bürgerversammlung.

„“Wir können die Herrschenden und ihre Handlanger nicht dazu zwingen, die Wahrheit zu akzeptieren; aber wir können sie dazu zwingen, immer unverschämter zu lügen.“ Gudrun Ensslin, Zitat entnommen aus Gerd Koenen: „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2003

Ab jetzt tobt das Ensemble durch das Foyer und steigt zum Vortrag auf den Tresen. Eine Idee, die Jan Bosse auch schon für seinen Kleist-Schwank vom „Zerbrochenen Krug“ verwendet hat. Statt Dichters Wort gibt es jetzt aber ähnlich dem Schaubühnenabend Fremdtext satt. Frau Dr. Stockmanns Empörungsansprache gegen die Dummheit der Masse und Lügen der männlich dominierten Politik speist sich aus Briefen der Pastorentochter und RAF-Terroristen Gudrun EnsslinZieht den Trennungsstrich, jede Minute, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2005). Sie prangert hier vor allem die Denkfaulheit und Verdummung des Volkes an und plädiert für ein kritisches Nachdenken. Und damit ist sie nicht allzu weit weg von den Thesen Stéphane Hessels. Wohin das führen kann und wie weit sich die RAF sich mit ihren Zielen tatsächlich vom Volk entfernte, ist allerdings auch bekannt. Hier wird nun die Inszenierung ambivalent. Wieder auf der Bühne angelang, ist Katharina Stockmann dann auch verstummt. Während sich alle anderen durch den vernebelten Raum laut einredend um sie drehen, setzt Sabine Waibel schließlich zum endgültigen Countdown an. Jorinde Dröse bleibt damit einer Revolte gegenüber eher unentschieden. Wo Hessel eigentlich von einem neuen dialektischen Denken spricht, sind beide Berliner Inszenierungen doch eher weiter im kleinbürgerlichen Denken verhaftet, und berichten somit nicht ganz unbewusst auch vom Zustand der intellektuellen Mittelschicht in Deutschland. Es sind eben immer noch die einfachen Wahrheiten, die einzuleuchten scheinen und so unserem denkfaulen Wesen entgegenkommen. Wenigstens das kann man aus Jorinde Dröses Inszenierung ohne Weiteres bedenkenlos mit nach Hause nehmen.

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„“Dass die Regierung das Volk vertrete, ist eine Fiktion, eine Lüge.“ Leo Tolstoi, Tagebücher, 1898

dt_sept-2012_macht-gewalt-demokratie.jpg Foto: St. B.

Eine Frage der Macht? Michael Frayns Stück „Demokratie“ in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner.

Nicht mehr denken muss man beim neusten Streich des Regieduos Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, das die beiden Extremdialektiker der Ironie diesmal auf die große Bühne des Deutschen Theaters gehievt haben. Sie haben nach der Untersuchung von linken und rechten Ideologien mit Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ und „Capitalista, Baby!“ nach Ayn Rands „Fountain Head“ nun den Angriff auf die Demokratie schlechthin gewagt. Es ist eigentlich folgerichtig, dass sie nun mit Michael Frayns Stück „Demokratie“ über den ersten Sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt und den Kanzleramtsspion Günter Guillaume die beiden gegensätzlichen Systeme Sozialismus und Kapitalismus zusammen führen. Der Kanzler der Herzen, der in den 70er Jahren der BRD mehr Demokratie wagen will, stürzt ausgerechnet über einen Spion, den die Stasi auf ihn angesetzt hat, um das Zustandekommen der Ostannährung zu überwachen. Ein durchaus tragischer Stoff, der natürlich nicht ganz der Ironie des Schicksals entbehrt. Der zunächst systemtreue Stasioffizier Guillaume erliegt mehr und mehr dem Charisma der Brandt’schen Aura und steht plötzlich zwischen Parteiauftrag und persönlichem Empfinden. Nebenbei gibt das Stück einen guten Einblick in die zwiespältige Beschaffenheit des politischen Systems der parlamentarischen Demokratie samt Intrigen und Mehrheitsbeschaffungsschacherei.

Eigentlich ein klarer Fall für die Ambivalenzexperten Kuttner/Kühnel und eine Chance zur Bestandsaufnahme der bestehenden politischen Verhältnisse. Was sie letztendlich daraus machen, ist aber eine netter, ungefährlicher Revueabend, eine Maxiplaybackshow der großen Gesten und Eitelkeiten. Man muss darauf nicht näher eingehen, wer will kann sich das Politkabarett über den ersten Medienkanzler und Kuttners Überlegungen zum Verlust der Leidenschaft in der Politik, die er mit ironischen Seitenhieben von Sebastian Haffner über die blutleeren Politbürokraten der Endsechziger in Bonn untermauert, selbst ansehen. Es leben Churchill, Bismarck und Adenauer! Geht es tatsächlich noch preußisch bürokratischer?  Brandt dagegen besaß das Potenzial zu echtem Kult und hatte es geschafft einer Epoche des gesellschaftlichen Umbruchs der gesamtdeutschen und europäischen Politik seinen Stempel aufzudrücken. Ein Mann zwischen Idealen und menschlichen Schwächen. Das war es nicht zu Letzt, was den Politbürokraten in Ost und West den Schweiß auf die Stirn und den Schaum vor den Mund trieb. Kuttner und Kühnel versuchen diese Stimmung allerdings einzig und allein mit Pop und Schlager von Hildegard Kneef über Udo Jürgens bis zu „The lion sleeps tonight“ von The Tokens einzufangen. Und das bestens aufgelegte DT-Ensemble tanzt dazu den Limbo. Natürlich kommen auch der Osten mit Liedern des Oktoberclubs und Popklassikern der 80er Jahre nicht zu kurz.

Es fehlt eigentlich nur noch: „“Du hast die Haare schön“ und eine Begründung, warum Kuttner ein derartiges TamTam veranstaltet, zu einer Story, die heute nicht einmal mehr für eine Guido-Knopp-Doku reichen würde. Kommen nächstes Jahr dann die Westerwelle und das Merkel dran, oder gibt es nicht noch irgendwo ungespielte Stücke über Kohl und Schröder? Dass Demokratie auch Showgeschäft bedeutet, und Merkel sich lieber öfter in Bayreuth zeigen würde, als im Bundestag zu reden, ist eh klar. Das, was Frayns Stück eigentlich ausmacht, dass Demokratie eben auch Drecksarbeit ist, bei der in Hinterzimmern gekungelt wird, was das Zeug hält, geht hier in Sing-Sang-Seliger Ironie unter. Lauter lächerliche Typen und natürlich die bräsige Stasi immer mittenmang. Hauptsache das Toupet sitzt. Kuttner und Kühnel finden zu jeder Episode den passenden Song. „Ich beobachte dich.“ Das hätte sich Tino Eisbrenner (Jessica) sicher nicht träumen lassen, dass er noch mal zu solchen Ehren kommen würde. Die Tragik der Geschichte sehen Kuttner und Kühnel nicht, wollen sie gar nicht sehen. Den Sündenfall der Politik. Einer mit Visionen steigt auf und holt die Massen endlich da ab, wo sie Dank Bild und Burda schon immer standen. Dass dieser Mann seine Fallhöhe zu schnell erreicht, liegt nicht an einem Vatermord – Guillaume bleibt immer auch ein Kind der DDR – sondern daran, dass Brandt, im Grunde genommen immer außen vor, nicht im Stande ist, die nötigen Seilschaften zu knüpfen und über seine Neider, Opportunisten und nicht zuletzt auch die eigene Eitelkeit stolpert. Mit dieser folgenlosen Revue scheinen Kuttner und Kühnel leider endgültig als Verwalter der guten Stadttheatergemütlichkeit im allgemeinen Mainstream angekommen zu sein. Da sehe ich mir dann doch lieber Herrn Wichmann in der dritten Reihe an. Nee, Kuttner, det war nüscht!

„“Wenn einmal der Untertan den Gehorsam verweigert und der Beamte sein Amt niedergelegt hat, dann hat die Revolution ihr Ziel erreicht.“ Henry David Thoreau in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“

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Termine:

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Postdramatik, schräges Regietheater und ausufernde Performance, das Theater wird Event. Die Longplayer FAUST I+II und JOHN GABRIEL BORKMANN beim Theatertreffen 2012 (Teil 3)

Freitag, Mai 18th, 2012

Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,
Besonders weil sie lebt und leben läßt.
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und möchten gern erstaunen.
Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt;
Doch so verlegen bin ich nie gewesen:
Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,
Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Wie machen wir’s, daß alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefällig sei?
Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
Und mit gewaltig wiederholten Wehen
Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,
Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.
J. W. Goethe: Direktor, Faust I, Vorspiel auf dem Theater

Begann der Faustmarathon, den Nicolas Stemann am Thalia Theater Hamburg in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen erarbeitet hatte, dort noch um 17:00 Uhr und dauerte bis gegen viertel nach 1:00 Uhr morgens, halten sich die Berliner Festspiele beim Theatertreffen 2012 textgetreu an „schon vor vieren“. Also ging „bei hellem Tage“ am letzten Wochenende in der „Bude“ an der Schaperstraße der Lappen hoch zu Stemanns großer An- und Zueignungsshow.  „Was ich besitze, seh ich wie im Weiten, Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.“ Von einer Zueignung im Wortsinne die Herrschaft über eine Sache zu ergreifen, sich Goethes Text also anzueignen, kann hier dann auch kaum die Rede sein. Gelesen hat den ersten Teil fast jeder, den zweiten kennt man zumindest leidlich gut oder hat ihn schon das eine oder andere mal im Theater gesehen. Gänzlich erfassen oder verinnerlichen wird man ihn wohl dennoch nie. Sich dem riesigen Textgebirge Goethes vielleicht auf Sichtweite anzunähern, dem Ergebnis dieses langwierigen Versuchs von Nicolas Stemann und seinem Team, dürfen wir nun beiwohnen. Und so muss man das Ganze dann auch als einen Versuch der Zueignung als Widmung an das Publikum verstehen, auch wenn man dafür erst einmal nur einen mehr oder weniger bequemen Theaterstuhl sein Eigen nennen kann. Was sich aber dann im Laufe des über achtstündigen Abends entwickelt, ist weit mehr als übliches Bildungsprogramm oder postdramtischer Zerstörungs- und Aktualisierungswahn. Sicher ist da von allem etwas dabei, Stemann umschifft aber mit viel Ironie die Klippen des theoretischen Interpretationsgehabes und schafft so, wenn auch nur für Augenblicke und vorrangig im „Faust I“ eine ganz eigene Faszination von modernem Theater.

hamburger-thalia_faust-1.JPG Foto: St. B.
Faust I + II am Thalia Theater in Hamburg (Oktober 2011)

Den Anfang mit der Annährung an den Faust-Berg macht zunächst Sebastian Rudolph ganz allein, mit dem Reclamheftchen in der Hand. Eine Methode die von Stemann schon des Öfteren angewendet wurde. Hier nicht allein um des einfachen Gags willen, oder Textreue behauptend, um sie im nächsten Moment fallen zu lassen, sondern hier soll im wahrsten Sinne des Wortes das Buch zum Sprechen gebracht werden. Dazu will die buchstäbliche Angst vor der Übermacht des Textes erst einmal gebrochen sein, ohne ihn dann an den platten Theatereffekt zu verraten. Und das zelebriert hier Sebastian Rudolph bis ins Detail. Auf leerer Bühne nähert er sich diesem Text in Buchdeckeln an und schlüpft förmlich in ihn hinein, ist Theaterdirektor, Dichter, Gott, Mephisto und Faust in einem. Das zu verdeutlichen, genügen Stemann nur wenige Requisiten. Es geht um das Texthören, um die Erschaffung seines Geistes aus einer einzigen Person. Und Rudolph wägt die Worte ab, überlegt, zweifelt und prüft sie auf ihren Gehalt. Hier scheint tatsächlich einer zu stehen, der erkennen will, „was die Welt im Inneren zusammenhält“. Trotz Tisch und Stuhl ist das weitaus mehr als nur eine szenische Lesung und wirkt eher wie eine szenische Erarbeitung des Fauststoffs. Rudolph wird vom passiven Rezitator schließlich zum Gestalter, zum Künstler, der das Wort in die Tat umsetzen will und den Text samt Buch an eine Leinwand matscht. Die Geister erscheinen dort als eine Projektion seines Unterbewusstseins. Die Macht der Gedanken als Zündfunke für den gestaltenden Geist. Die explosive Kraft, die davon ausgehen kann, symbolisiert Stemann durch den von Rudolph aus einem Benzinkanister gegossenen Bannkreis.

hamburg-okt-2011-11.JPG Foto: St. B.

Weh! weh!
Du hast sie zerstört
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
J. W. Goethe: Geisterchor, Faust I, Studierstube

Später gesellt sich dann Philipp Hochmair zu ihm, ein Kampf um den Text entspinnt sich, der nach und nach die Rollenverteilung in Faust und Mephisto bestimmt. Das Ringen Fausts mit seinen inneren Geistern erfährt hier seinen Fortsetzung. Als dritte Person kommt Patrycia Ziolkowska in der Hexenküchenszene zunächst als Videobild ins Spiel. Auch sie übernimmt mehrere Rollen, ist Faust und Gretchen in einer Person, die männliche und weibliche Seite der Hauptfigur. Ziolkowskas Gretchen ist stolz und sinnlich. Sie verkörpert es ganz und gar, dieses ewig lockende Weibliche, zu dem es Faust hinzieht. Die aus einer Figur gespaltenen Teile zieht es nun wie die Kugelmenschen aus Platons „Symposion“, das jeweils Fehlende im anderen suchend, unweigerlich wieder an. Dass das schließlich schief geht, resultiert allerdings nicht nur aus gottgewollter Geschlechterspaltung. Faust allein ist hier nicht der treibende Keil, er hat dafür seinen Mephisto, der ihm sogar die Antworten zur Gretchenfrage soufflieren muss. Stemann arbeitet weiter mit fliesenden Rollenwechseln, setzt Video, Tanz und Gesang ein. Auerbachs Keller ist eine Discohölle in der Stemann selbst den Conférencier gibt. Zur Walpurgisnacht entschweben Faust und Mephisto als Videoprojektion. Nach einer sehr ergreifenden Kerkerszene, in der Faust und Gretchen noch einmal förmlich zusammenprallen, spricht sich Gretchen schließlich selbst frei, ist erlöst und auch der Zuschauer kann nach fast 3 Stunden intensivstem Theatererlebnis die erste Pause genießen.

Zur Einführung des zweiten Teils gibt Nicolas Stemann eine erklärende Einführung. Als wenn er sich und seinen Mitteln misstrauen würde, erfährt der Zuschauer, was ihn nun bis zur nächsten Pause erwarten wird. Neben dem angebotenen Faust-Menü ein durchaus verzichtbarer Service, der Stemann aber als interaktive Kommunikation mit dem Publikum oder einfach nur als notwendiges Bildungsupdate wichtig erscheint. Fausts Reset auf Null findet dann auch nur in der Erklärung Stemanns statt. Aus der „Anmutigen Gegend“ geht es sofort in die „Kaiserpfalz“. Stemann fährt jetzt sofort volles Programm auf. Die Rezeptionsgeschichte des Faust inszeniert er gleich mit. An einer Expertentafel sitzen u.a. Eckermann und Gustav Gründgens als Puppen von der aus dem Ballhaus Ost bekannten Truppe „Das Helmi“, die Stemann für seinen Marathon engagiert hat. Barbara Nüsse ist sogar Goethe selbst und gibt, wie in Stemanns Jelinek-Inszenierungen, dem Autor selbst eine Stimme. Indem Stemann den alten Geheimrat immer wieder höchst persönlich zu seinem Werk plaudern lässt, hält er ihn sich sonst ganz geschickt vom Leibe. Josef Ostendorf als Mephisto eröffnet nun den „Mummenschanz“ einer Welt, die sich dem schönen Versprechen der Gelderschaffung aus dem Nichts ergeben hat. Die Scheine fliegen durch die Luft und über die Videoleinwand flimmern die altbekannten Bilder von Börsencrash und Protestbewegung. Stemann bietet gewohnte Kost mit viel Video, Puppen und Musik. Birte Schnöink gibt den Homuculus im großen Glasbehälter, der seine Menschwerdung mit den griechischen Philosophen diskutiert, dazu liefert Stemann einen Disput zweier Wissenschaftler per Videoeinspielung.

Stemann übersetzt Goethes ausufernde Antikenbeschreibungen in recht konventionelle Regietheaterbilder. Mit viel Selbstironie lässt er Philipp Hochmair den postdramatischen Geheimrat mimen, der in breitem Wienerisch parliert, bis er zum Einlauf abgeholt wird. Hier wird die zu erwartende Kritik an der Inszenierung gleich mitgeliefert, und den Mäklern von vornherein der Wind aus den Segeln genommen. Für Faust geht es nun um Helena und nach einem Candle Light Dinner folgt der normale Familienalltag mit Kinderwagen, Sandkasten und Joggern wie auf dem Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauerberg. Nach dem Begräbnis von Sohn Euphorion im obligaten Regen geht es zur letzten Etappe in Fausts Odyssee durch die Zeitalter mit Krieg und folgendem Landgewinn. Hier nimmt die Inszenierung wieder etwas Fahrt auf und Faust wird zum schaffenden Menschen. „Herrschaft gewinn‘ ich, Eigentum! Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.“ Arbeiter streichen den Bühnehorizont weiß und lassen schwarze Wolkenkratzer darauf entstehen. Die Papphütte von Philemon und Baucis brennt und der alte Goethe im Hintergrund rekapituliert noch einmal wie alles begann, während Faust im Fordergrund nur die Sorge (Birte Schnöink) umtreibt, sein Werk nie vollenden zu können, was ihn schließlich erblinden lässt. Die Lemuren scharren geschäftig und schaufeln Faustens Grab, dem er Dank wunderbarem „Chorus Mysticus“ und buntem Engelspuppeneinsatz entfliehen kann. Das Grande Finale kitscht schon gewaltig. Stemann und die Seinen jauchzen nach über acht Stunden zufrieden auf. Es scheint gelungen, wenn da nicht das ungute Gefühl wäre, vier Stunden lang nur braver Faustbebilderung beigewohnt zu haben. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Text, wie noch im ersten Teil, hat im Faust II nicht stattgefunden. Des Denkens Faden scheint zerrissen, das Abstreichen von Textzeilen, hier wird`s Event. Zu einer wirklich gewagten Neuinterpretation war das Ganze wohl selbst Multitalent Stemann zu komplex. Mit dieser fast schon Faust`schen Unzufriedenheit entlässt er uns, die wir doch trotz allem froh sind, dabeigewesen zu sein, wieder in die Nacht.

Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen,
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.
J. W. Goethe, seelige Knaben und Engel, Faust II, Bergschluchten

hamburg-okt-2011-15.JPG Foto: St. B.

Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis;
das Unzulängliche,
hier wird’s Ereignis;
das Unbeschreibliche,
hier ist es getan;
das Ewigweibliche
zieht uns hinan.
J. W. Goethe, „Chorus Mysticus“, Faust II

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Ein ähnliches Gefühl dürfte einem wohl auch nach dem Besuch der zwölf Stunden dauernden Ibsen-Performance „John Gabriel Borkman“ von Vegard Vinge und Ida Müller im Prater der Berliner Volksbühne beschleichen. Dabei gewesen zu sein und doch nicht alles gesehen zu haben. Nur dass das hier eben zum Konzept gehört, da jeder Abend von vornherein verspricht anders zu sein. Und so kann man auch getrost auf eine detaillierte Beschreibung des Geschehens verzichten, gibt es doch schon Erlebnisberichte und Erklärungsversuche in ausreichendem Maße. Die Faszination die einem beim Besuch dieses Gesamtkunstwerks aus Bühnenbild, Maske und Performance erfasst, inklusive der teilweise sehr expliziten Aktionen von Vegard Vinge, erklärt sich hier eben nicht nur über die zum Teil befremdlichen Bilder, die sich einem erst nach und nach erschließen oder auch komplett abstoßen, einen dabei aber nie völlig kalt lassen werden. Es ist vor allem die radikale Herangehensweise Vinges und Müllers an den klassischen Stoff, die den norwegischen Volksautor Ibsen, im Stellenwert einem Goethe durchaus gleichzustellen, vom Sockel holen und dabei arg zusetzen, aber nie mit der Absicht ihn zu völlig zu zerstören. Aus den Bruchstücken, die die Performer mit Gewalt jeden Abend aufs Neue aus Ibsen Drama schlagen, setzen sie immer wieder akribisch Stück für Stück ein komplett eigenständiges Kunstwerk zusammen.

Dabei ist es fast vollkommen egal, an welcher Stelle der Performance man ein- oder wieder aussteigt, man wird den roten Faden immer wieder aufgreifen können, auch wenn einem das Stück im Detail nicht vollends bekannt ist. Es geht ja auch im Großen und Ganzen um die altbekannten Grundthemen der Menschheit, wie Liebe, Macht, Sexualität, Gewalt und Tod. Und dafür finden Vegard/Vinge immer wieder die passenden Bilder, die sich an die losen Eckpunkte von Ibsen Drama andocken, zügellos verselbstständigen und auf wundersamste Weise weiterentwickeln. Zentrale Figuren sind dabei der Hausherr Borkman, dargestellt von Vegard Vinge und sein Sohn Erhart, unter dessen Maske sich Ida Müller verbirgt. Der Banker Borkman hat Geld veruntreut und ist dafür verurteilt worden. Wie bei Ibsen sitzt dieser Borkman nun im oberen Geschoss seines Hauses, das hier die gesamte Bühne einnimmt, und sinnt über seine Rückkehr zur verlorenen Macht nach, während sich im Erdgeschoss der Hoffnungsträger der Familie, Mutter und Tante erwähren muss und um seine Emanzipation von Schicksal und Schande ringt. Er ist ein pubertierenden Teenager, der in seiner eigenen Bilderwelt lebt. Das kurios Comikartige der Figuren wird noch durch die grotesk rhythmisierten Bewegungen verstärkt. Die Kernsätze des Dramas, die verzerrt von Band eingespielt werden, schweben in ihrer permanenten Wiederholung wie große Sprechblasen über der Szenerie. Ibsens Stück ist in den Sätzen klar erkennbar. Wie Untote, die nicht mehr aus ihrer Geschichte auszubrechen vermögen, zum ewigen Leben verdammt, bewegen sich alle in den immer gleichen Mustern. Ob Splatter, Körpersäfte und -ausscheidungen aller Art oder permanente Folter mit Wagnermusik, der Zuschauer begibt sich mit Vegard Vinge in menschliche Abgründe entlang der ewigen Phantasien um Macht, Schuld und Sühne.

borkman2.jpg Foto. St. B.
Vegard Vinge dirigiert Borkmans Todesoratorium

Die Macher gehen dabei oft bis weit über Grenzen des im herkömmlichen Theater Darstellbaren. Ob sich Vinge das Gesetz rektal einführen lässt, Krieg, Terror und Vergewaltigung die Bühne verheeren oder das Theaterblut in Strömen fliest, so geht es doch bei all dieser Überspitzung immer um das Zwanghafte im Handeln von Ibsen Figuren, die sich permanent von Schuld selbst freisprechen oder die übergroße Schande zu tilgen versuchen. Durch das Auftreten der Figur des Advokaten Hinkel, der mit einer Teufelsmaske versehen „Das Recht kennt keine Ausnahme“ schnarrt, wird es Borkman nun unmöglich gemacht, sich von seiner Schuld zu befreien. Bei Ibsen von Borkman als Urheber seines Elends nur am Rande erwähnt, wird er hier zum personifizierten schlechten Gewissen, das den gescheiterten Banker unentwegt verfolgt. In einer weiteren eindrücklichen Szene übergibt Ella, Borkmans frühere Geliebte, ihm ihr herausgeschnittenes Herz. Schließlich wird noch Hand an das bunte Papphaus gelegt. Es wird zersägt und Stück für Stück abgetragen. Die Bühne öffnet sich nach hinten und gibt einen großen Berg aus Pappmaché frei, Borkmans Traum vom Erz symbolisierend. Während eine große Grube in Bühnenmitte ausgehoben wird, kriecht Vinge, große Klumpen vor sich herschiebend, durch die engen Gänge unter der Bühne. Der Kampf der beiden Schwestern Ella und Gunhild endet schließlich für beide tödlich und Erhart bedeckt sie mit der ausgehobenen Erde. Nach all diesen ausgiebigen Exorzismen kehrt die Inszenierung aber immer wieder zu ruhigen Bildern zurück. Vinge dirigiert sich ein eigenes Oratorium mit einem Orchester aus lauter Skeletten und wenn bereits der eine oder andere sanft entschlafen scheint, wird unter den Klängen von Wagners „Fliegendem Holländer“ wieder reichlich frische Luft in den Zuschauerraum gewedelt. Vinge steht als Steuermann auf der Brücke und das verbliebene Publikum ist wieder hell wach. Nachdem Erhart mit Fanny Wilton und Frida sich bereits ins „Café Schwarzsauer“ um die Ecke abgesetzt haben, klingt der Abend so gegen 4:00 Uhr morgens langsam aus, aber nur um sich nach einer kurzen Pause unentwegt fortzusetzen.

„to be continued…“

Foto: St. B. borkman.jpg

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Theatertreffen 2012 (2) – Macbeth oder im Kopf von Katja Bürkle. Was ist besser, drei Münchnerinnen in Berlin oder drei Berliner in München? Einige Inszenierungen der Münchner Kammerspiele im Vergleich.

Sonntag, Mai 13th, 2012

Wenn man als Berliner nach München fährt, um die dortige Theaterszene zu begutachten, kann es einem passieren, dass man auf Schritt und Tritt über alte Bekannte stolpert. So geschehen Ende April. Das überlange Wochenende vor dem 1. Mai nutzend, hatte ich Karten für „Kasimir und Karoline“ in der Inszenierung von Frank Castorf am Residenztheater, dass frisch mit Martin Kušej in eine neue Intendanz gestartet war. Leider zu früh gefreut, Meister Castorf gibt ja an der Berliner Volksbühne zur Zeit auch wenig Anlass dafür, die Wiesnparty nach Ödon von Horvath fiel wegen Unpässlichkeit des Gespanns Minichmayr-Ofczarek aus Wien ins Wasser. Der Ersatz war eine „Erpressung“, auf die ich mich nicht einlassen wollte und so gab es zwei Möglichkeiten, entweder selbst eine Ausweichwiesn suchen, was in München nicht schwer fällt, und sich dem Suff ergeben oder auf die andere Seite der Maximilianstraße wechseln, um bei den Kammerspielen vorbeizuschauen. Und was musste ich dort angekommen sehen, das Eingangsportal war gepflastert mit Theaterplakaten von Inszenierungen in Berlin bestens bekannter Regisseure. Für diesen Abend war Stephan Kimmig mit der Bearbeitung der Trojasaga von Tom Lanoye „Atropa. Die Rache des Friedens. Der Fall Trojas“ angesagt. Es gab noch genügend Karten, eigentlich eher kein sehr gutes Zeichen. Ich schob es aber auf das schöne Biergartenwetter und kaufte zuversichtlich eine Karte. Am Deutschen Theater Berlin hatte Kimmig mit „Trauer muss Elektra tragen“ und erst letztens mit dem „Kirschgarten“ zwar etwas geschwächelt, aber Tom Lanoyes „Mamma Medea“ und erst recht „Schlachten!“ nach Shakespeare hatte ich noch gut in Erinnerung. Außerdem war die Dauer auf nur 1:50 h angesetzt, kein schlechter Tausch gegen immerhin 4:15 h Castorf am Resi.

Die Münchner Kammerspiele in der Maximilianstraße
Foto: St. B. munchner-kammerspiele.jpg

Was dann geboten wurde, ist aber auch nicht einmal die Hälfte wert. So plump überrumpelt worden, ist man noch selten. Es beginnt zunächst sehr verheißungsvoll, eine junge Dame schickt sich an, vermutlich für die Teilnahme an den olympischen Spielen, zu trainieren und schwingt siegesgewiss kleine Fanfähnchen. Es handelt sich um die nichtsahnende Iphigenie (Katja Bürkle), die von einer auf dem Kopf stehenden und dabei ihren „Hammer“-Körper entblößenden Helena (Anna Maria Sturm) aufgeklärt wird, wie Scheiße das Leben als Frau auf der falschen Seite sein kann. Es entspinnt sich nun die bekannte Story der Opferung der Iphigenie, Tochter des griechischen Feldherrn Agamemnon, um die Götter für guten Wind und die Fahrt nach Troja günstig zu stimmen. Das alles wird in den Worten Lanoyes in der Übersetzung von Rainer Kersten gegeben, die die Kriegsrhetorik von damals mit der heutigen gleich schalten soll. Die Sprache klingt hier einerseits sehr vertraut, hat doch Lanoye auch Originalzitate bekannter heutiger Kriegs- und Friedensstifter von George W. Busch und Donald Rumsfeld benutzt und anderseits sehr hochtrabend und pathetisch, da der Text in Alexandrinern geschrieben ist. Dagegen kämpft die Regie Kimmigs verzweifelt an und lässt Steven Scharf als Eroberer Agamemnon erst im weißen Hemd Kaffee und Kuchen austeilen und dann in blutrot Flüche und andere Erniedrigungen über die Frauen Trojas ausschütten. Die pathetischen Sätze Lanoyes werden von Kimmig mit Gossenjargon unterstrichen und blutroten Bildern auf weißem Untergrund dick ausgepinselt.

Gegen die allzu bekannten Argumente von der Verteidigung der Freiheit, vorzugsweise auf fremden Boden, treten die Witwen und Klageweiber der „befreiten“ Trojaner allen voran Gundi Ellert als Hekabe und Katharina Hackhausen als Andromache auf und lassen den Polit-Macho Agamemnon mit seinem Demokratiegefasel ziemlich alleine dastehen. Der revangiert sich mit der Ermordung des letzten männlichen Nachkommen aus dem Geschlecht der Troer, da es sonst keinen Frieden geben könne. Leider ist das alles sehr voraussehbar und wohlfeil, das man sich jederzeit sicher auf der richtigen Seite wähnen kann. Der Clou des Stückes ist schließlich, dass Agamemnon als Kriegsbeute eine Kassandra mitbringt, die seiner Tochter aufs Haar gleicht (wieder Katja Bürkle) und erst von ihm vergewaltigt, dann von seiner Frau Klytämnestra (Wiebke Puls) mit samt den anderen Frauen auf deren Bitten umgebracht wird. Dazu steigt man immer wieder eine tiefe Rampe nach hinter hinunter und kommt blutüberströmt wieder nach oben. Der große Feldherr hat so seine Tochter zweimal der Logik des Krieges geopfert. Große Tragödie trifft auf kleine Dramatik, das langweilt auf Dauer. Liebe Autoren, möchte man da fast ausrufen, lasst doch die Finger von den alten Griechen, besser als der Aischylos oder Sophokles KRIEGT ihr das eh nicht hin. Was den Abend erträglich macht, ist das starke Spiel der Frauen, insbesondere das von der immer großartigen Wiebke Puls und Katja Bürkle.

Und so konnte man sich auch gleich auf den nächsten Abend in den Kammerspielen freuen, denn da stand sie, Katja Bürkle, gleich wieder im Mittelpunkt des Geschehens. Außerdem noch ein riesiger Sperrholzschädel von Bert Neumann, dem großen Bühnenbildner der Berliner Volksbühne, den René Pollesch für seinen jüngsten Streich mit nach München genommen hatte. Pollesch verkündete jüngst  in einem Interview mit dem SZ-Magazin: „Ich glaube, dass die Liebe uns eher trennt. Sie hat keinen Gebrauchswert. Wir schaffen es nicht, durch die Liebe zu einer Gemeinschaft zu kommen, die mehr ist als bloße Geselligkeit.“ Für die Menschen sind also Liebe und die ganz großen Gefühle verloren gegangen. Diese Erkenntnis münzt Pollesch nun zum großen Thema des Abends um, der da heißt: „Eure ganz großen Themen sind weg!“. Diese Theorie wird dann auch gleich zu Beginn von den Schauspielern Katja Bürkle, Franz Beil und Benny Claessens heiß diskutiert und in Dauerschleife per Videoeinspielung auf den Bühnenvorhang projiziert. „Ich denke die Welt teilt sich in zwei Lager, die, die sich nehmen, was sie wollen, und die, die es nicht tun.“ Leider sind letztere die großen Langweiler und eben nicht immer attraktiv. Man will ja meist das, was man nicht kriegen kann oder auch einfach mal ein anderer sein.

mk_pollesch3.jpg Foto: St. B.
Das Pollesch-Team beim Applaus vor dem Kopf von Katja Bürkle. Bühnenbild: Bert Neumann, Kostüme: Tabea Braun

Den Film dazu drehte 1999 der US-amerikanische Regisseur Spike Jonze mit seinem Drehbuchautor Charlie Kaufmann. In „Being John Malkovich” findet der erfolglose Puppenspieler Craig in einem surrealen Bürozwischengeschoss durch Zufall eine Pforte zum Kopf des Schauspielers John Malkovich und beginnt mit seiner Kollegin Lotti diese Entdeckung finanziell auszuschlachten. Polleschs Stück nimmt sich diesen Filmplot als Rahmenhandlung und verhandelt daran entlang munter die ganz großen Themen des Lebens, von denen die Menschheit angeblich nichts mehr wissen will. Nachdem der Vorhang endlich hochgegangen ist, steht da besagter Schädel, auf dem nun das Gesicht von Katja Bürkle projiziert wird und alle sind natürlich ganz scharf darauf in den Kopf von Katja Bürkle zu gelangen. Dies geschieht durch eine seitlich angebrachte Tür, für 200 Mäuse versteht sich, und alle entern auf der Suche nach dem ganz großen Kick immer wieder den Kopf. Nach ein paar Minuten wird man wie im Film wieder hinauskatapultiert und landet auf einer Schnellstraße nach Feldkirchen. Auf der Rückseite der Bühne ist dabei eine öde Industrielandschaft zu sehen. Die Darsteller, nun noch unterstützt von der Schauspielerein Çigdem Teke, einem Kameramann und einem obligatorisch mitrennenden Souffleur (Joachim Wörnsdorf), wechseln die Identitäten und Kostüme im Minutentakt. Benny Claessens ist der Joker aus „Batman“, Franz Beil Charly Chaplin, Katja Bürkle Audrey Hepburn aus „Frühstück bei Tiffany“ und Çigdem Teke Judy Garland aus dem „Wizard of Oz“, alles große Performer der Wandelbarkeit, Identifikationsfiguren und Repräsentanten der Traumfabrik Hollywood.

Das Team befindet sich nun an einem Filmset und Katja Bürkle zückt als Uma Thurman aus „Kill Bill“ sogleich das Samuraischwert. Gesteuert durch Franz Beil in ihrem Kopf hat sie im Publikum den vermeintlichen MC Donald-Chef Deutschland ausgemacht. Auf Videobildern sieht der Zuschauer dabei aus den Augen von Katja Bürkle auf sich selbst. Wie schon in „Kill Your Darlings“ geht es um Mehrwert, soziale Netzwerke im Internet und den Wunsch einerseits ein langes Leben ohne Risiko zu führen, andereseits gibt es aber auch weiterhin die große Sehnsucht geliebt zu werden. Früher hat man sich für die Liebe mal umgebracht, heute sucht man eben Freunde auf Facebook. Der Kopf auf der Bühne ist natürlich auch ein großes Bild für eine riesige Theorieaneignungsmaschine. Die verlockende Möglichkeit in den Kopf des Anderen zu schlüpfen, um daraus einen Mehrwert für sich selbst ziehen zu können. Das Ganze wird wie immer mit jeder Menge Popmusik garniert und zum Schluss gibt es sogar eine Showeinlage mit dem Puhdys-Song „Wenn Ein Mensch Lebt“ aus dem DEFA-Klassiker „Die Legende von Paul und Paula“: „Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt, sagt die Welt, das er zu früh geht. / Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt, es ist Zeit, das er geht.“ Es steckt darin der große Widerspruch zwischen Traum und Wirklichkeit und das alte Spiel vom Werden und Vergehen. Dazu wird die lange purpurrote Zunge des Kopfes immer wieder herausgeleiert, ein herrlich ironisches Vanitasbild, und die Darsteller verschwinden mit viel Trockeneisrauch darunter. Ein durchaus witziger Abend, den man leider nicht all zu Ernst nehmen kann, auch wenn er es vielleicht gerne wäre. In seinen altbekannten Satzschleifen wiederholt sich Pollesch diesmal doch etwas zu oft. Trotzdem sind die Darsteller, allen voran Katja Bürkle, bestens aufgelegt und haben sichtlich Spaß an der Sache.

Ja was soll man sagen? Der nächste Tag und fast die gleiche Konstellation. Nun ist Wiebke Puls dran. Unterstützt wird sie von Cristin König, einer Schauspielerin vom Maxim Gorki Theater Berlin und der Regisseur ist dann auch der Intendant persönlich. Armin Petras hat sich nach Kleists „Herrmansschlacht“ und dem Kleist-Goldoni-Doppel „Der Krieg“ dem norwegischen Gesellschaftspsychologen Henrik Ibsen zugewandt. Für seine Inszenierung von „John Gabriel Borkman“ hat ihm der Bühnenbildner Olaf Altmann ein ganz ähnliches Bühnenbild wie zu Michael Thalheimers „Die Macht der Finsternis“ von Lew Tolstoi an der Berliner Schaubühne gebaut. Ein schmaler, niedriger Gang führt aus einem Zimmer mit Sessel von unten her in ein kleines Zimmer, in dem der Ex-Banker Borkmann (André Jung) seit seiner Haftentlassung 8 Jahre an seinem Schreibtisch dahindämmert und über seine Rehabilitierung nachsinnt. Von dort geht ein weiterer Gang bis zum Sturz des Bühneportals. In den stollenartigen Gängen können sich die Schauspieler wie in Berlin nur kriechend fortbewegen. Das macht durchaus Sinn, ist Borkman doch der Sohn eines Bergmanns und geradezu besessen vom roten Erz, das in den Bergen schlummert. Um es heben zu können, hat sich Borkman aus eigener Kraft skrupellos hochgearbeitet und dabei einige Kleinanleger um ihr Erspartes gebracht.

Foto: St. B. mk_borkmann.jpg

Unten im Erdgeschosskabuff streiten sich die beiden Schwestern Ella und Gunhild, Borkmans Frau, (Wiebke Puls und Cristin König) ganz in Strick und Häkel um den Sohn Erhart (Lasse Myhr), der eigentlich lieber Party machen würde und in der Kluft einer Studentenverbindung steckt. Ständig schleppt er eine Pulle Champagner mit sich herum. Schampus statt Campus! Ein Interesse an der Wiederherstellung der Familienehre hat dieser Erhart mit Sicherheit nicht. Er will nicht arbeiten, sondern einfach nur leben. Lasse Myhr reißt sich zum Beweis erst einmal die Klamotten vom Leib, schüttelt sich geradezu frei und streift ein Supermannkostüm über. Fanny Wilton, die Dame seines Herzens, die ihm seine Emanzipation von der Schande der Alten ermöglicht, wird hier von der Grande Dame der Münchner Kammerspiele Hildegard Schmahl gespielt. Sie rutscht, gehalten von ihrem jugendlichen Verehrer, die niedrigen Gänge hinunter und schwärmt vom späten Glück. Da hat selbst eine in Schale geworfene Gunhild keine Chance mehr, ihren Sohn zurückzugewinnen. Auf ihrer Fahrt in den Süden werden Fanny und Erhart von Frida (Hanna Plaß) begeleitet, der Tochter des alten Kontorschreibers Wilhelm Foldal, Borkmans einzigem noch verbliebenem Freund. Michael Tregor gibt ihn als liebenswerten Trottel, dem trotz Grubenlampe der rechte Durchblick fehlt. Seine Tochter Frida ist bei Schauspielstudentin Hanna Plaß ein Langstrumpf-Girlie, das passend zum Stück neben ihrer Rolle noch einige Tonkunststücke am Klavier zum Besten gibt und Rio-Reiser-Songs von der Liebe singt.

Armin Petras, der in Berlin das Dramatisieren von ernsten Romanen vorzieht, lebt hier wie schon in Goldonis „Krieg“ seinen Hang zur gnadenlosen Klamotte voll aus. Während gerade beim Theatertreffen im Prater der Berliner Volksbühne Vegard Vinges durch und durch narzisstischer von Größenwahn besessener Borkman sich und andere leiden lässt, entschuldet sich André Jungs Borkman ganz nonchalant und schwadroniert nur von neuer Größe. Die Windmaschine bläst seine faulen Papiere durch die Gegend und Familie Borkman klebt ihn damit zu. Das enge Bühnebild fährt irgendwann nach hinten weg, der Slapstick dominiert aber weiter die Rampe. Michael Tregor stakst mit bandagierten Beinen über die Bühne und André Jung lässt sich in einer Art Grubenhunt herumschieben. Borkman wird hier nicht von der Hand aus Erz erfasst, sondern verabschiedet sich einfach kurzzeitig aus dem Stück, holt sich einen Mantel aus der Garderobe und treibt Scherze mit dem Publikum. So richtig sterben will er dann auch nicht. Beim eigentlich sehr pathetischen Ende müssen die rabenartigen Schwestern schon an Seilen über Borkman schweben, um ihre Schatten auf ihn werfen zu können. Es wäre erfreulich, wenn Noch-Gorki-Intendant Petras in seiner letzten Berliner Spielzeit auch mal so im eigenen Haus auftrumpfen könnte.

Und nun wollte es die Theatertreffen-Jury, dass gleich zwei Stücke aus München dieses Jahr nach Berlin fahren dürfen. Die Berliner Jungs aus München haben es nicht geschafft, aber die Münchner Mädels sind dafür reichlich in Berlin vertreten. Über die Eröffnung mit Intendant Johan Simons und Sarah Kane wurde hier schon berichtet, die zweite Inszenierung ist nun von der einzigen Regisseurin, die auf der Liste der Jury gelandet ist. Karin Henkel fuhr nach Berlin und nahm Jana Schulz und Katja Bürkle als Macbeth und dessen Lady mit. Die Inszenierung hatte einige schlechte Kritiken als Ballast im Gepäck, und man war gespannt, ob das Team ungeachtet dessen frei aufspielen würde. Nach einem uninspiriert clowneskem „Kirschgarten“ aus Köln im Vorjahr, konnte Karin Henkel mit ihrem „Macbeth“ aus München aber leider wieder nicht überzeugen. Diesmal ist sie eher überinspiriert an die Sache herangegangen. Der Stoff wurde mit reichlich Theorie aufgeladen. Macbeth ist hier traumatisierter Kriegsheimkehrer (wie schon in Luk Percevals „Macbeth“ am Thalia Theater in Hamburg), ein von Traumwesen des Unterbewussten mit undefinierbarem Geschlecht Verführter und auch selbst ein ambivalentes Wesen zwischen männlich kodierter Stärke und vermeintlich weiblicher Verzagtheit. Diese Ambivalenzen, die schon in Shakespeares Text zu finden sind, haben Karin Henkel dazu veranlasst, die Hauptrolle mit der androgyn wirkenden Jana Schulz zu besetzten und die Vielzahl der verschiedenen Rollen im Stück, ohne Ansehen des Geschlechts, auf das übrige vierköpfige Schauspielensemble zu verteilen.

theatertreffem-2012_macbeth1.jpg Foto: St. B.
Das Schauspielensemble von Macbeth (Regie: Karin Henkel, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Tina Kloempken) beim Schlussaplaus, einige Buhs waren unüberhörbar.

Dem unermüdlich die Rollen tauschendem Ensembles steht ein müder verzweifelnder Held gegenüber, der von seiner Frau, der Lady Macbeth, ständig zum Mannsein aufgefordert wird. Sie selbst verbietet sich das weibliche Geschlecht, um sich hart zu machen für die mörderische Tat am schwachen König Duncan, der in Pumps auftritt. Stefan Merki muss auch noch den Macduff, dessen Frau, einen Mörder, Baquos Sohn Fleance und eine der Hexen spielen und ist damit der meistbeschäftigtste Darsteller an diesem Abend. Den Hexen (Katja Bürkle, Kate Strong und Stefan Merki) kommt hier überhaupt ein besonderer Part zu. Sie posieren schon zu Beginn in Showtanzkostümen an der Rampe und sind so kaum Gestalten nicht von dieser Welt. Sie verwirren die beiden Kriegsgezeichneten Macbeth und Banquo (Benny Claessens) als eher nicht ganz eindeutige Wunschfantasien und setzen so die unterbewussten Machtgedanken bei Macbeth erst in Gang. Soweit ist Karin Henkels Idee durchaus noch nachvollziehbar, allein was folgt ist eine Aneinanderreihung von Nummern, Gags und Regieeinfällen, die sich fast sämtlich nur um das Geschlechterspiel und die ständigen Rollenwechsel drehen. Nur ist das hier eben nicht Shakespeares „Was ihr wollt“, in dem sich die Verwechslungsklamotte immer gut macht. „Schön ist bös und bös ist schön“ heißt es in Thomas Braschs Übersetzung, die wiedereinmal nur rudimentär die Richtung vorgibt, ansonsten verwirrt Karin Henkel auf allen Ebenen. Da gibt es vor allem ein vielfaches Sprachgewirr von Englisch, Flämisch und Schwiizerdütsch, mit dem auch die Rollenwechsel der Mörder zu den Mordopfern markiert werden sollen. Kate Strongs ständige englische Textkommentierung nervt aber eher auf Dauer, als das sie als künstlerischer Beitrag durchgehen würde.

Am sinnfälligsten ist noch das Bühnenbild von Muriel Gerstner mit ihrem „schlafenden Raum“, einem zuerst geschlossenem Haus, das sich später öffnet und Macbeth` Rückzugsraum darstellt, in dem er aber mit seinen Zweifeln im Kopf nicht mehr zur Ruhe kommen wird. Banquos Geist verfolgt Macbeth dahin bis in sein Bett. Er wird ihn nicht mehr los und so übernimmt dieser schließlich sogar das Kommando über den bei Karin Henkel schwächelnden Tyrannen, der um seine Mordtat zu vertuschen erst Mörder dingt und schließlich aus lauter Verzweifelung selbst immer weiter mordet. Macduffs Familie wird hier von Macbeth höchstpersönlich ausgelöscht. Wie der Gedanke zur Macht wirklich geboren wird, erfährt man bei Karin Henkel kaum. Einmal erweckt, ist eine Rückkehr zum Urzustand nicht mehr möglich. Macbeth und die Lady kommen nicht mehr in den Schlaf der Unschuld. Sie müssen beenden, was sie begonnen haben, das ist ihr blutiges Schicksal. Den Wahnsinn der Lady stellt Katja Bürkle in einem zwanghaft wiederholtem Satz-Stakato dar. Macbeth wird hier gleich doppelt Opfer gemacht. Er ist zum einen ein Kriegsgeschädigter und zum anderen ein verführter Kindskopf, der das Spiel um die Macht versehentlich zu weit getrieben hat, und alles am liebsten rückgängig machen würde. Ein kleiner Hamlet, der sich von einem Geist verfolgt, in sein Haus verkriecht. Anstatt sein Schicksal herausfordernd die Macht bis zum Tod zu verteidigen, lässt sich der Macbeth von Jana Schulz fatalistisch unter dem von hinten hineingeworfenen Wald von Birnam begraben. Was an dieser  Inszenierung bemerkenswert sein soll, weiß allein die Jury des Theatertreffens. Das Genderthema kann es jedenfalls nicht gewesen sein.

Foto: St. B. macbeth_diskussion.jpg Das Macbeth-Team beim anschließenden Publikumsgespräch im Haus der Berliner Festspiele. Schlüssiger wurde die Inszenierung auch hier nicht.

wird fortgesetzt

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Am Rosa-Luxemburg-Platz schmilzt still ein Eisberg. Ibsen ±0 – Von zweierlei Theaterschlaf

Dienstag, September 20th, 2011

Im Pavillon neben der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht ein Eisklumpen aus Grönland. Und während er dort so vor sich hin schmilzt, macht derweil Christoph Marthaler in der Volksbühne das Vergehen von Zeit erlebbar. „±0 Ein subpolares Basislager“ heißt seine neue Produktion, die bereits in Grönland selbst und bei den Wiener Festwochen zu sehen war. Der Mensch scheint gefangen in dieser Basis, der Basis seiner Gedanken und Empfindungen. Und so sind auch wir ganz allgemein gefangen oder befangen in unserer Erwartung dieses Abends. Denken ist immer wie ein „Déja-vu“. Als ein „dilettantisches Unterfangen“ beschreibt es der Literaturwissenschaftler Georg Steiner in seinem Essay „Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe“, einer Beschreibung des menschlichen Scheiterns. Marthaler zitiert daraus und es schwebt wie ein pessimistisches Fatum über dieser Inszenierung. Die Menschheit als Tausendfüssler, der vorwärts strebt ohne an den nächsten Schritt zu denken, um nicht in einer selbstzerstörerischen Blockade ins Stolpern zu geraten. „Ein Gedanke, der einen frösteln lässt.“ wie es Steiner formuliert.
Diese Blockade führt uns Marthaler nun mit diesem Abend über Grönland, schmelzende Gletscher und die Zerstörung der Natur vor. Die Hybris des zivilisierten Menschen, Fortschrittsglauben gegen Tradition, Ignoranz der westlichen Kultur gegenüber den Naturvölkern usw. Es ist auch ein Abend über Vergeblichkeit, die Erkenntnis nichts ausrichten zu können. Man ist in der eigenen antrainierten Gedankenwelt gefangen. Anna Viebrocks Bühnenbild ist so ein Gedankengefängnis, ausgekleidet mit Matratzen, so dass man sich beim vergeblichen Ausbruchsversuch nicht weh tun kann. Und dennoch versucht man es immer wieder, muss es versuchen. Ein Anheben der Stimmen, ein Innehalten, ein Verstummen und wieder Ansetzen zu einem neuen Choral. Es erklingen Beethoven, Mozart, eine Arie aus Puccinis „Madam Butterfly“ im Hundekäfig, Brahms „Deutsches Requiem“ mit „Denn wir haben hie keine bleibende Statt“, Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ und schließlich Procol Harums Song „A wither Shade of Pail“, welcher sich einer eindeutigen Interpretation genauso entzieht wie das Geschehen auf der Bühne.
Eine bisweilen traurig melancholische Langsamkeit, ganz in bewährter Marthaler-Art, nur dass der Meister der theatralen Entschleunigung diesmal noch einen Gang weiter runter geschalten hat. Und trotz all dem fällt dieser Abend nicht in eine totale Froststarre, sondern hebt sich immer wieder aus der Enge des Raums und erwärmt sich an den großartigen Darstellern, die alles mit einer gewissen Leichtigkeit versehen, die über die volle Distanz der gut zwei Stunden trägt. Man singt, tanzt und spielt Eisstockschießen mit Handys. Es werden Sagen über stürzende Schweizer Gletscher und Texte aus Jorge Luis Borges´ „Sandbuch“ vorgetragen, man lauscht dabei einer knarzenden Stimme aus einem Lautsprecher: „Aber, aber … Es muss doch weiter gehen.“ Oft Stillstand und Wiederholung, aber nie sinnloser Leerlauf auf der Bühne. Ein sanftes Hinüberdämmern in die Marthaler´sche Traumwelt breitet sich im Publikum aus, wobei die einen in den Schlaf der gerechten Ignoranz verfallen, während die anderen hineingesogen werden in den Strudel der eigenen Gedanken und Assoziationen. Der Gletscher tropft hörbar und draußen rollt der Donner eines vorbeiziehenden Gewitters. Oder ist es doch nur der starke Beifall der Erwachten?

0.JPG Schmelzendes Eis, Herkunft: Grönland. Pavillon der Volksbühne am Rosa-Luxenburg-Platz – Foto: St.B.

Weitere Vorstellungen vom 14. bis 17. Dezember 2011 sowie vom 28. Februar bis 2. März 2012.

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Ruhig und bedenkenlos weiterschlafen kann man bei Leander Haußmanns „Suspense“-Veruch über Henrik Ibsen mit dessen psychologisierendem Schuld-und-Sühne-Drama „Rosmersholm“. Ibsens 1887 geschriebenes Drama über den ehemaligen Pfarrer Rosmer und seine verhinderte Liebe zur fortschrittlichen aber geheimnisvollen Rebekka West, leitete sein düster symbolbeladenes Spätwerk ein. Rosmer schwankt zwischen Tradition und modernem Gedankengut. Die Gespräche mit Rebekka geben ihm die Gewissheit mit seinem bisherigen Leben zu brechen. Aber durch Intrigen der verfeindeten Gegenspieler im Ort, Enthüllungen um Rebekkas Vergangenheit und die Tatsache, dass Rosmers verstorbene Frau Beate sich nicht in vermuteter geistiger Umnachtung in den Mühlbach gestürzt hat, sondern durch Rebekka bewußt dazu gedrängt wurde, wird die Beziehung wieder zerstört. Rosmer gibt sich schließlich selbst die Schuld dafür und geht mit Rebekka gemeinsam in den Tod. Diese teilweise recht verquaste Story spannend wie einen Krimi zu erzählen, hatte sich Leander Haußmann für seine Rückkehr an die Theaterbühne vorgenommen.
Nachdem Haußmann Anfang der 90er Jahre nicht an der Volksbühnen-Wiedererweckung mit seinem alten Kumpel Frank Castorf teilnehmen durfte, tingelte er durch die Theaterprovinz und ging 1995 für fünf Jahre als Intendant ans Schauspielhaus Bochum. Nebenbei drehte er auch einige Kinofilme, wie den mittlerweile zum Kult gewordenen Ostalgiestreifen „Sonnenallee“ und der Westvariante „Herr Lehmann“ nach dem erfolgreichem Roman von Sven Regener. 2000 kam Haußmann schließlich doch noch an die Berliner Volksbühne und inszenierte dort den DDR-Filmklassiker „Paul und Paula“. Mit dem damals debütierenden Fabian Hinrichs in der Hauptrolle, verbreitete er eine fröhliche Lagerfeuerstimmung inklusive Gitarre und jeder Menge Hippieflair. Hinrichs hat sich seither glücklicherweise zu einem gefragten Bühnen- und Filmschauspieler entwickelt. Haußmann zog weiter ans Berliner Ensemble und wuchtete dort zweimal optisch gewaltig Shakespeare auf die Bühne. Im „Sommernachtstraum“ jagte er die verirrten Athener Pärchen durch einen riesigen Märchenwald und im „Sturm“, mit seinem Vater Edzard Haußmann als Prospero, strandete ein riesiger Schiffsbug auf der Bühne. Große Ausstattungen und popige Bühnenshows waren von jeher Haußmanns Markenzeichen.
Davon ist nun an der Volksbühne nur noch die Ausstattung übrig geblieben. Ein historisierendes Gründerzeitambiente mit Sesseln, Couch und Schrank hat ihm der Filmbühnenbildner Uli Hanisch gebaut. Der Vorhang gibt später den Blick auf eine gewaltige, drehbare Treppenanlage frei. Davor spielt sich das Drama dann auch über drei lange Stunden ab. Der Filmschauspieler Peter Lohmeier, als vom Kinderglauben abgefallener Pfarrer Rosmer, bewegt sich darin als hätte er einen Stock verschluckt. Annika Mauers freidenkende Rebekka West mit Kurzfrisur wurde von Schwiegermutter Doris Haußmann erst in eine rotseidene Robe und später etwas unvorteilhafter in Reformklamotten eingekleidet. So sitzt sie nun die meiste Zeit mit den anderen Beteiligten, wie dem von Ralf Dittrich verkörperten konservativen Eiferer Rektor Kroll, auf der Couch und gibt erst die mitfühlende Naive, bis dann endlich, zäh entrungen, die ganze schlimme Wahrheit über ihre Vergangenheit, Motivation und Triebe ans Tageslicht gezerrt werden.
Die erste Konversationsrunde zu Beginn hätte durchaus auch im für gediegene Langeweile eigentlich zuständigen Berliner Ensemble stattfinden können, bis dann irgendwann Uwe Dag Berlin als philosophierender Pinkelpenner auftaucht und sich seiner Klamotten entledigt. Ist Rosmers alter Hauslehrer Ulrik Brendel bei Ibsen noch eine tragisch gescheiterte Randfigur, ähnlich einem Dr. Rank in „Nora“, wird er hier zum Running Gag, indem er zum Schluss, nun sichtlich derangiert, noch mal auftaucht, um seinen Trolligen Hampel-Sketch zuende zu spielen. Komplettiert wird der Schrundkrimi noch vom Volksbühnenmimen Axel Wandke, als schmierigem Zeitungsverleger Mortensgárd, der einen Kurzauftritt mit Keksen und Piepsstimme hat und Margit Carstensen als Haushälterin Helseth, die wie ein Gespenst durch die Kulissen geistert und dadurch wenigstens etwas für geheimnisumwitterte Spannung sorgt. Eine große Überraschung ist die Auflösung der Story dann aber zum Schluss nicht mehr. Wie ein Vogel auf dünnen Draht, wie ein Betrunkener in mitternächtlichem Chor stürzt Haußmanns müde Dramaturgie langsam ab. Leonard Cohen säuselt aus den Lautsprechern und Dr. Kroll greift zum Akkordeon und singt Tom Waits. Das unheilvolle Paar steigt schließlich zum Schluss die Stufen zum Steg über den Mühlbach hinauf, dann sind wir endlich frei.
Leander Haußmann hat die gesamte bürgerliche Ibsenrezeption von Strindberg, Hofmannsthal, über die Psychoanalyse der Rebekka von Freud, bis zum schimpfenden Nietzsche aufgesogen und das Ganze, mit einigen Anleihen beim Krimi, vermischt als lahme Satire, angereichert mit etwas Trash, auf die Bühne gespuckt. Ein Hitchkok oder Chandler wird es trotzdem nicht, fesselnder Suspense sieht anders aus. Hier gerät es zu einer nicht enden wollende Folter. Die stocksteife Teeparty wird zum spannungslosen Ibsen-Exorzismus und Annika Mauer windet sich dazu filmreif auf der Couch. Auf die Couch möchte man nun ebenfalls sinken, hat aber über die gesamten drei Stunden nur den, trotz neuem Bezug, noch immer sehr unbequemen Volksbühnentheatersessel. Es staubt zusehends bei all der Lümmelei und Dümmelei auf der Bühne. Nur Kekse und Tee? Nee!
Familienprojekte an der Volksbühne stehen, nach dem ebenfalls missglückten Versuch von Clemens Schönborn Dumas „Kameliendame“ mit Verdis Oper „La Traviata“ zu vermischen, unter einem schlechten Stern. Selbst Sophie Rois und Zazie de Paris konnten die lahme Produktion um Suppenwürfel und Brie nicht retten. Die Frage ist, was Frank Castorf mit dieser aus der Not geborenen Idee von vor einem Jahr erreichen wollte. Leander Haußmann hat sich damit sicher keinen großen Gefallen getan und sollte zukünftig besser beim Kino bleiben. Sein nächster Film „Hotel Lux“ wurde übrigens auch schon als sehr verstörendes Tanztheater von Johann Kresnik an der Volksbühne aufgeführt. Bleibt zu konstatieren, dass es schon wesentlich bedeutendere Ibsen-Interpretationen an diesem Hause gab. Von Castorf selbst und von einem ehemaligen Apologeten des großen Meisters. Dieser hat gerade in Leipzig die Flinte ins Korn geworfen und dürfte nun sicher bald in Berlin aufschlagen, um am Portal und dem Theaterschlaf der Volksbühne zu rütteln. Unvergessen zumindest ist Sophie Rois als Helene Alving mit Turmfrisur in Sebastian Hartmanns Gespenster-Inszenierung. Dagegen war Leander Haußmanns Veralberungsversuch von Ibsens „Rosmersholm“ ein Nullsummenspiel. Der Eisberg im Pavillon ist abgeschmolzen, nichts ist davon übrig geblieben und ±0 geht dann auch die erste Runde in der neuen Volksbühnenspielzeit aus.

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Frech wie Oscar, Herbert Fritsch tanzt Polonaise. Noch mal Schlingensief und ein kleines Fazit zum Abschluss des Theatertreffen 2011

Donnerstag, Mai 26th, 2011

Foto: herbert_fritsch.JPG
Oberhausener Kurzfilmtage 2009 – © Herbert Fritsch / Sabrina Zwach 

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Verfickte Scheiße, Mutter Wolffen, der Weihnachtsbaum brennt

Der heimliche, unheimliche Star des Theatertreffens war mit Sicherheit der 60jährige „Jungregisseur“ und ehemalige Volksbühnenstar Herbert Fritsch (u.a. Elementarteilchen, Meine Schneekönigin, Das große Fressen und Im Dickicht der Städte), der mit seinen beiden frischen und frechen Inszenierungen die verschnarchte Berliner Theaterszene aufgemischt hat. Er ist aber nicht auf einmal darauf verfallen als Theaterregisseur zu arbeiten, sondern hat bereits seit längerem als medialer Künstler gearbeitet. Mehrere Videoinstallationen, Kunstfilme und schließlich das Projekt hamlet_X beweisen sein universelles Talent.
Fritschs Äußerung zu seiner zum tt11 eingeladenen Schweriner „Biberpelz“-Inszenierung: „Hauptmann? ich kenne den Mann nicht.“ dürfte das Zeug haben, zur geflügelten Redewendung zu werden. Das ist natürlich Koketterie, er reagiert damit entsprechend auf das plötzliche mediale Interesse an seiner Person, ein Schauspieler durch und durch. In seiner Version des Biberpelz tritt eine krass geschminkte Meute von Kleinbürgern auf und brüllt im Chor die naturalistischen Szenenbeschreibungen von Gerhard Hauptmanns Stück um den besagten von Mutter Wolffen gestohlenen Biberpelz. Mehr Naturalismus kommt nicht vor, Fritsch überzeichnet die Figuren gnadenlos bis zum Slapstick. Alles tanzt um eine bewegliche Wand, verbiegt sich, stürzt am laufenden Band, grinst oder zieht andere saure Grimassen. Das groteske Mienenspiel und der enorme Körpereinsatz sind hier Ausdruck für die Gier, Verschlagenheit, Scheinheiligkeit oder Tumbheit der Charaktere. Die Sprache bei Hauptmann noch Berliner Dialekt ist bei Fritschs Darstellern ebenso deformiert wie schon ihre Figuren selbst.
So wird das Spiel zu einer Art pantomimischer Clownerie, begleitet von Shantys und dem bisweilen schwer verständlichen Gebrabbel der Protagonisten. Es stehen Plattdeutsch neben Randberliner Dorfdialekt, Mutter Wollfen mit etwas schlesischem Einschlag, etwas Süddeutsches ist auch herauszuhören und einzig der Amtsvorsteher Wehrhahn (Jakob Kraze) spricht ein halbwegs verständliches Berlinerisch. Seine Borniertheit und die opportunistische Haltung seiner Untergebenen werden in herrlichen Fall-Choreografien verdeutlicht. Mutter Wolffen (Brigitte Peters) hat Herz und Schnauze auf dem rechten Fleck und kann sich immer wieder gegen die anderen Chargen behaupten. Dr. Fleischer (Marcel Rodriguez) ist hier ein armes verschrecktes Würstchen, das man den Staatsfeind wohl schwerlich anhängen kann. Egal, Wehrhan hat alle in der Schlinge, glaubt er zumindest, bis der Strick, der um alle gewickelt ist, einfach fällt. Das Ganze läuft ja schon bei Hauptmann ins Leere und so bricht auch Fritsch einfach ab und die Truppe ergeht sich in einer Endlospolonaise des puren Wahnsinns. Herrlich! Einem hat diese „dilettantische Albernheit“ allerdings nicht gefallen und so kam es, dass BE-Chef Claus Peymannn nicht mehr an sich halten konnte und Fritsch beim Premieren-Applaus, der auch mit einigen Buhs durchsetzt war, lauthals empfahl, besser Schauspieler zu bleiben, denn Regie könne er nicht.
Derart geadelt, war dann die zweite Arbeit von Fritsch, eine „Nora“ aus Oberhausen, schon deutlich in der Gunst des Theatertreffenpublikums gestiegen. Die Bühne zeigt nur einen großen Papp-Weihnachtsbaum, imaginäre Geschenkkartons werden pantomimisch vorgeführt. Das hübscheste Geschenk für Göttergatte Helmer ist Nora natürlich selbst. Manja Kuhl ist hier tatsächlich eine Puppe im entsprechenden Dolls Dress mit rotem Wuschelhaar. Eine lasterhafte, konsumsüchtige Projektion von Männerphantasien. Sie könnte auch gut und gerne Wedekinds Lulu sein. Die Emanzipation wird durch Fritschs wiederum grelle Figurenzeichnung und Kostümierung ad absurdum geführt. Nora benimmt sich zwar aufsässig und weiß die Männer um den Finger zu wickeln, aber zum Schluss geht sie nicht einfach, sondern hebt wie die Goldmarie ihr Kleidchen und wird von goldenem Flitter beregnet. Helmer ist bei Torsten Bauer ein steifer, unsensibler Machtmensch, Krogstad (Jürgen Sarkiss) ein geiferndes, grabschendes Schattenwesen, Frau Linde (Nora Buzalkas) eine schwarz gewandete, karrieregeile Gouvernante und den Dr. Rank, hier gleich als Dr. Krank bezeichnet, gibt Henry Meier als sabbernden Lustgreis, der sich am liebsten zwischen Noras Beine legt und unter ihr Kleid schaut. Alle sind sie gleich Vampiren gezeichnet, bleiche, knochige Gestalten, die ihren Vorteil, wie lebensnotwendiges Blut aus Nora saugen wollen, geldgeil und besitzergreifend.
Helmer ist der Dresseur seines Geschöpfes Nora, er züchtigt sie auch mal mit Klapsen auf das Hinterteil. Seine Kosenamen für sie, wie „mein Eichhörnchen“, klingen zynisch und lächerlich zu gleich. Das ist Fritschs Verdienst, dass Ibsens Text hier bildlich und im Spiel der Figuren direkt erfahrbar wird. Ein Entrinnen aus dem Goldenen Käfig gibt es für Nora nicht. Am Ende zerschneidet die Psycho-Filmusik die psychologischen Erwartungen an das Stück und fängt der Kunst-Weihnachtsbaum auf der Bühne Feuer. Der schöne Schein der bürgerlich familiären Idylle löst sich in Rauch auf. Keine psychologische Studie über das Bürgertum, sondern bitterböse Entlarvung ihrer Verkommenheit. Wie dunkele Raben schweben sie am Bühnenhimmel und rufen der sich aus ihrem Korsett befreien Wollenden, nur eine kopfschüttelndes „Nora, Nora, Nora“ zu. Fritsch unterläuft mit seinen Inszenierungen die gängigen Erwartungen des Theaterpublikums und verblüfft durch seinen Spielwitz. Das ist keine bloße Provokation, sondern durchaus eine gekonnte Art den alten Theaterbegriff neu zu interpretieren. Es bleibt zu hoffen, dass er sich seine Spielfreude und Frische noch lange bewahren kann, wenn die großen Häuser nun rufen werden. Im Juni inszeniert Fritsch an der Berliner Volksbühne den Schwank „Die spanische Fliege“.

Fototrailer Der Biberpelz vom Theater Schwerin

NDR-Portrait über Herbert Fritsch am Theater Schwerin

Trailer Nora oder Ein Puppenhaus vom Theater Oberhausen

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Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“ zum Abschluss des Theatertreffens 2011, Preise und ein Fazit

schlingensief.jpg Schlingenblog, Persönliches Blog von Christoph Schlingensief

Ziemlich genau vor einem Jahr hatte Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“ in Brüssel Premiere. Seit dem ist das Stück durch halb Europa getingelt über Wien, Hamburg, München nun zum Theatertreffen 2011 nach Berlin, wo schon 2009 Schlingensiefs Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ gezeigt wurde. Seine letzte Produktion nimmt sich nun frei nach Luigi Nonos Oper „Intolleranza 1960“ die Intoleranz des Europäers gegenüber der 3. Welt vor. Es beginnt mit Brigitte Cuvelier, die eher ironisch über die Schwierigkeiten bei der Produktion spricht, als Vortragende an einem Rednerpult. Der isländische Vulkan, Geldschwierigkeiten, frierende Afrikaner und natürlich der völlig erschöpfte Schlingensief selbst waren die großen Hindernisse, die es zu überwinden gab. Deshalb muss nun der Schauspieler Stefan Kolosko übernehmen und durch die Show führen, was dieser begleitet von Arno Waschk und seiner Band auch prompt tut. Allerdings ist das der Anfang von einem fröhlich dilettierenden, kaum zu ergründenden Bühnenchaos ganz im  Schlingensiefschen Sinne.
Eine Brechtgardine wird auf- und zugezogen, andere Zitate an Nono und seine Musik sind nur noch über Handy zu hören. Es laufen Videos von Schlingensiefs Afrikareisen auf der Suche nach einem Standort für sein Operndorfprojekt Remdoogo und einer italienischen Stummfilmfassung von Dantes Inferno (1911). Das 6-köfige Team aus Burkina Faso stellt sich vor und gibt sich erst mal alle erdenklich Mühe uns in Tanz und Gesang unser Afrikaklischee vorzuspielen, übernimmt aber immer mehr die Herrschaft auf der Bühne. Sie halten Nonos Oper ebenso für ein Klischee und haben kurzerhand ihren eigenen Text geschrieben. Es wird gerappt, Kungfu gefightet und der als Hauptdarsteller vorgesehene 13jährige Junge Komi ist in Wirklichkeit ein Kleinwüchsiger der nach einer Frau für sich sucht. Der europäische Kultur-Kodex wird verulkt, Koloske lässt den weißen Besserwisser raushängen und zerpflückt eine kleine Hütte, die von den Afrikaner zusammengebaut wurde. Der weiße Jean Chaize und der Afrikaner Wilfried Zoungrana tanzen Armut und Hunger. Bei Hunger zieht der Schwarze den Bauch ein und drückt die Rippen raus. Klar im Vorteil, er ist ja auch erst 27, da kann das jeder, sagt Chaize. Es werden die Toten der Völkerschauen in Hagenbecks Tierpark in Hamburg aufgezählt und schließlich feiern alle einen großen Dankgottesdienst mit Gospelchor und jeder Menge „Halleluja“.
Das Flüchtlingsproblem und der Freiheitsgedanke Nonos werden bei Schlingensief letztendlich zur Freiheit und Selbstbestimmung der Afrikaner in ihrer eigenen Welt umgemünzt. Schlingensief, der ja nun nicht mehr unter uns weilen kann, tritt noch einmal als Videoprojektion vor den Vorhang und lässt kräftig Dampf ab. Es gipfelt in der Selbsterkenntnis, vor Ort nichts ausrichten zu können und den Afrikanern doch lieber das Geld zu überweisen und sich ansonsten rauszuhalten. 95 Prozent aller Bilder von Afrika sind eh nur von Weißen gemacht. Ab ins Taxi und weg hier, ist die letzte Botschaft. Kerstin Graßmann, langjähriges Ensemblemitglied bei Schlingensief, ruft noch mal zu Spenden für das Operndorf in Burkina Faso auf, die sie ja eigentlich als Behinderte ebenso nötig hätte, aber die in Afrika eben auch. Großer Beifall für ein spielfreudiges Chaosteam und den 3sat-Fernsehpreis für Schlingensiefs Projekt, ein posthumer Dank für den unermüdlichen, unvergessenen Performer.

www.schlingensief.com

dsc03797.JPG Foto: St.Bock
Ist das Theatertreffen noch zu retten?
Es ist 2012 auf jeden Fall mit neuem Team wieder am Start.

Ein nüchternes Fazit für den 2011-Theatertreffenjahrgang zu fällen, ist diesmal so einfach nicht. Man hat wie immer Bemerkenswertes, Leuchtendes neben Unscheinbarem und Belanglosem gesehen, Licht und Schatten dicht beieinander, aber Langweiliges nur in ganz seltenen Fällen. Es wäre doch auch eintönig, wenn man alles hätte abnicken können, was da geboten wurde. Die großen Namen die vielleicht einigen gefehlt haben, wurden eigentlich kaum wirklich vermisst. Es standen Performance gleichberechtigt neben echtem Schauspiel, beides hat seine Berechtigung, wenn mit vollem Einsatz und Wagnis versucht. Große Sieger sind auf jeden Fall die wiedererwachte Spielfreude und natürlich die hervorragenden Ensembleleistungen. Etwas daraus herauszuheben fällt schwer, nur so viel, der Alfred-Kerr-Darstellerpreis für die herausragende Leistung eines/r NachwuchsschaupielerIn geht verdienter Maßen an die Kölnerin Lina Beckmann für ihre Rollen in „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ und „Der Kirschgarten“ (hier die Laudatio der Jurorin Eva Mattes). Das die beiden großen Häuser Wien und Zürich trotz Bombast eher mit schmaler Kost aufwarteten, hat der Jury letztendlich recht gegeben, den Blick auf die vermeintlich kleineren frei zu machen. Ein Schuss vor den Bug der großen Stadttheater? Wenn, dann ein heilsamer womöglich, man wird es sehen im nächsten Jahr mit neuem Leitungsteam beim Theatertreffen 2012.

Nora im Wolkenkuckucksheim – Henrik Ibsen am Maxim Gorki Theater Berlin

Donnerstag, Januar 20th, 2011

Jorinde Dröse rechnet mit der Elterngeneration in der Bundesrepublik der 70er Jahre ab, vergisst aber das gesellschaftliche Umfeld dieser Zeit zu beleuchten

„Nora oder ein Puppenheim“ heißt Ibsens Stück über den Ausbruch einer Frau und Mutter aus ihrer Ehe am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Puppenhaus steht dabei für die Eingeschlossenheit in die herrschenden Konventionen der Gesellschaft und die Fremdbestimmung durch ihren konservativen Mann, der sich die Protagonistin zum Schluss entzieht. „Ich muss herauskriegen, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich.“ Jorinde Dröse verlegt das Stück in die Zeit ihrer Eltern, in die Bundesrepublik der 70er Jahre. Auch dort herrschten trotz der sexuellen Befreiung der 68er noch strenge einengende Rollenfestschreibungen in den Beziehungen zwischen Mann und Frau.
Vielleicht hätte man für diese Perspektive im Rang sitzen müssen, was ich auch diesmal getan habe, ganz zufällig eigentlich. Hier wird diese Puppenstube noch viel deutlicher. Dieser Blickwinkel fehlte den meisten Kritikern wahrscheinlich. Allerdings werden die Figuren schon ganz bewusst gelenkt und diese unsichtbare Hand trägt deutlich die Handschrift der Regisseurin. Es ist ihre ganz persönliche Sicht aus eigener Erfahrung heraus. Einen großen Experimentierkasten hat Jorinde Dröse hier aufgebaut, in dem sie die Figuren hin- und herschiebt, ordentlich durchdreht und dann ungebremst aufeinanderprallen lässt. Das wirkt spaßig und bisweilen unfertig wie noch auf der Probe. Es gibt keine vorhersehbare Dramaturgie, es ist alles sehr erfrischend und manchmal auch etwas chaotisch wie auf einem Kindergeburtstag. Aber das ist das Konzept, die genüssliche Sicht des ehemaligen Kindes auf die Fehler der Eltern, aber nicht nur mit einem Gefühl der Überlegenheit, sondern durchaus auch mit dem nötigen Ernst für die Situation.
Eine ungewöhnlich aufgekratzte Nora ist hier Hilke Altefrohne, eine die sehr wohl ihren Platz im Leben neben ihrem geliebten Torvald beansprucht, aber ansonsten eigentlich akribisch an der gutbürgerlichen Fassade und Einrichtung ihres kleinen Wolkenkuckucksheim-Glücks bastelt. Dass das dann an der Wahrheitspedanterie und den Konventionen ihres Mannes scheitern muss, wird ihr erst zu spät klar. Sie ist das große Kind, für das sie auch von Helmer gehalten wird, Peter Kurth spielt ihn locker, generös und ist dabei selbst noch ein großer Junge. Er bevormundet Nora und nimmt sie nicht ernst, siehe Running Gag mit der Süßigkeitentüte. Nora, die Konsumverrückte, die sich selbst noch für ihren Göttergatten als Geschenk verpackt. Ihre einzige wirkliche Kommunikationsanlaufstelle ist eigentlich Doktor Rank, Andreas Leupold darf hier auch sehr lustig sein, endet aber wie immer als tragische Randfigur mit Heulkrampf.
Dennoch ist diese allen psychologischen und hoch philosophischen Kram über Bord werfende Inszenierung sehr sympathisch. Man muss sich erst mal in diese überraschend unkonventionelle Herangehensweise einsehen. Jorinde Dröses führt uns nicht nur in eine andere Zeit, es ist für viele eine ganz andere Welt, die dort gezeigt wird. Aber in eine neue Perspektive kann man sich ja einsehen, auch wenn diese einigen etwas zu schräg geraten scheint. Es ist die Welt der Kinder, die da verständnislos neben dem Chaos der Eltern stehen und dabei emotional überfordert sind. Das Nachspielen der üblichen Phrasen zum Schluss macht das deutlich. Ein Schluss der es in sich hat. Nach der Entdeckung der Urkundenfälschung, die Nora für Torvald begangen hatte, um einen Kredit zu erhalten, der ihm schließlich das Leben rettete, läuft Peter Kurth rot an dreht sich wie ein Brummkreisel und zieht pfeifend imaginäre Trennlinien durch das Puppenhaus. Die Lebenslüge bricht zusammen und beide brechen aus der Enge des Raumes durch die Drehtür in einen Schneesturm hinaus, sich wüst beschimpfend. Die Kinder sitzend kichernd auf der leeren Bühne und äffen die Eltern nach.
Was danach passieren wird, ist also ein Rosenkrieg, der ja in Ibsens Nora so noch nicht angelegt war. Man kennt vielleicht aus einigen epischen bzw. dramatischen Werken die Versuche, zu beschrieben, wie denn der Werdegang der Nora nach dem Verlassen ihrer Familie aussehen könnte, wie zum Beispiel in Peter Handkes „Die linkshändige Frau“ oder eben im Klassiker „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften“ von Elfriede Jelinek. All das interessiert Jorinde Dröse nicht. Und das ist für mich das eigentliche Problem der Inszenierung. Wer, und wenn auch nur aus der Erinnerung heraus, ein Stück in eine andere Zeit verlegt, sollte zumindest den Kontext zu dieser Zeit nicht vollends ausblenden. Gesellschaftliche Probleme und soziale Verwerfungen in Folge der Wirtschaftskrise dieser Jahre, werden nur in den Randfiguren, Kristine und Krogstad angeschnitten. Ihr Kampf, um alles in der Welt ein Stück vom Glück zu erhaschen, ist symptomatisch für diese Zeit.
Die Zeit der 70er Jahre in der Bundesrepublik war aber noch durch andere Kämpfe gekennzeichnet, deutscher Herbst, die Notstandsgesetze und nicht zuletzt die aufkommende Frauenbewegung mit ihrer Galionsfigur Alice Schwarzer, zum Beispiel mit „Frauen gegen den § 218“, „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ etc. Nach der Radikalisierung der 68er befand sich die Gesellschaft aber bereits wieder auf dem Rückzug ins Private und das ist die eigentliche Parallele zu unserer Zeit, dieses wohl sozialdemokratische Element des Hineinrückens in die Mitte. Man muss das in Nora nicht unbedingt thematisieren, aber als Bezug zu den 70ern sollte es nicht ganz außer Acht gelassen werden. So ist Jorinde Döse zwar eine leichte und spielerisch überzeugende neue Sicht auf die Figuren in Ibsens Nora gelungen, aber letztendlich bleibt diese Inszenierung eben auch nur ein entpolitisiertes Stück normale Bürgerlichkeit.