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Psychos im Geisterhaus – Ingmar Bergmans Kult-Film Herbstsonate in einer mystisch aufgeladenen Theaterfassung von Jan Bosse. Eine Koproduktion mit dem Staatsschauspiels Stuttgart am Deutschen Theater Berlin.

Montag, Januar 26th, 2015

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Ingmar Bergman beschreibt in seinem Kultfilm Herbstsonate aus dem Jahr 1978 (mit Ingrid Bergman und Liv Ullman in den Hauptrollen) eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung zwischen psychologischem Kammerspiel und klassischer Tragödie. In einer Koproduktion des Schauspiels Stuttgart mit dem Deutschen Theater Berlin macht Regisseur Jan Bosse mit den beiden Ausnahmeschauspielerinnen Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt daraus einen hochemotional geführten Kampf zweier Frauen, die die Geister der Vergangenheit beschwören, welche sie quälen und auf die sie dennoch nicht verzichten können. Verzweifelt versuchen sie eine Annäherung, doch zu tief gehen die Wunden. Eine Versöhnung zwischen beiden scheint nicht möglich, können doch weder Mutter noch Tochter aus ihrer Haut und den bereits in der Kindheit verfestigten Verhaltensmustern.

Herbstsonate am DT - Foto (C) Bettina Stöß

Herbstsonate am DT – Foto (C) Bettina Stöß

Die erfolgsverwöhnte Konzertpianistin Charlotte (Corinna Harfouch) hat ihre Tochter Eva (Fritzi Haberlandt) seit 7 Jahren nicht mehr gesehen. Auf deren Einladung fährt sie nach Norwegen. Eva lebt dort mit ihrem Mann Viktor (Andreas Leupold), einem Gemeindepfarrer, in einem großen Haus auf dem Land. Viktor ist ein einfacher, gutmütiger Mensch, der seine Frau abgöttisch liebt, eine Liebe, die Eva allerdings nicht erwidern kann. Was Eva ihrer Mutter verschwiegen hat: Seit geraumer Zeit pflegt sie bei sich die zweite, kranke Tochter Charlottes, Helena (Natalia Belitski in einer ausdrucksstark stummen Rolle). Auf diese Begegnung ist Charlotte noch weniger vorbereitet als auf die nun folgende Abrechnung der Tochter mit ihrer egomanischen Mutter, die, wenn sie mal da war, ihr Leben so nachhaltig negativ beeinflusst hat.

Regisseur Jan Bosse interpretiert diese nervenaufreibende, gegenseitige Aufrechnung der beiden Frauen als, wie er es selbst bezeichnet, „lebenslänglich tragikomisches Missverständnis“. Mutter und Tochter mäandern durch „ein labyrinthisches Geflecht zwischen Erinnerung, Sehnsucht und Wahn. Hass- und Wunschvorstellungen“. Und dabei werden auch fortgesetzt die Geister aus der Vergangenheit beschworen. Allerdings nimmt Bosse das in seinen Augen vielleicht schon etwas angestaubte Psychodrama auch nicht besonders ernst, was dem melodramatischen Treiben auf der Bühne mitunter etwas von einer slapstickartigen Situationskomik verleiht. Denn natürlich möchte Bosse auch unterhalten.

Für seinen tragikomischen Exorzismus hat ihm Moritz Müller einen zweistöckigen Bau mit mehreren kleinen, ineinander verschachtelten Zimmern, die durch Treppen mit einander verbunden sind, auf die Drehbühne gestellt. Ganz oben ragt eine Treppenkonstruktion wie ein Abwehrgeschütz ins Nichts des Bühnenhimmels. Dieses labyrinthische Gebilde ist ein wunderbarer Spielplatz für die Darsteller. Es spiegelt gleichermaßen Starre und Eingeschlossenheit, aber auch eine geheimnisvolle Eigendynamik, der sich die Figuren nicht entziehen können. Puppen- und Geisterhaus zugleich. Dazu wabert ein düsterer Soundteppich, der die innere Spannung der Figuren noch betont. Bosse lässt seine Eva zunächst in einem hochgeschlossenen schwarzen Kleid wie aus dem 1900 Jahrhundert auftreten. Die Assoziation zum norwegischen Dramatiker Ibsen ist hier sicher gewollt und auch nicht abwegig.

Eine latente Spannung überdeckt das Spiel der beiden Frauen. Die Erwartungen sind hoch gesteckt. Eine betont naive Herzlichkeit der Tochter bei der Begrüßung gegen die Steifheit und frostigen Floskeln der Mutter. Zunächst nur in kleinen Spitzen und Nebensätzen zeigen sich das Ego Charlottes und die lange aufgestauten Emotionen Evas. Jeder lebt hier irgendwie in seiner eigenen Welt, und oft erschrickt man sogar über das plötzliche Auftauchen einer anderen Person. Evas Mann Viktor scheint da auch immer irgendwie im Weg zu stehen. Schwester Helena geistert bedeutungsschwanger im barocken Puppenkostüm, wie das personifizierte schlechte Gewissen der Mutter durch das Bühnenbild. Starre Blicke, stumme Schreie und das Klammern an Charlotte, die sich der für sie peinlichen Situation sofort entzieht. Aber auch Eva hat ihren Geist. Ihr ertrunkener Sohn Erik, mit dem sie immer wieder liebevoll spricht.

Herbstsonate am DT - Foto (C) Bettina Stöß

Herbstsonate am DT
Foto (C) Bettina Stöß

Das Aufeinanderprallen dieser Welten zeigt sich erstmals nach einem bemühten Abendmahl mit Zitronenhuhn (dem Lieblingsessen Charlottes) bei Kerzenschein. Eva setzt sich beim Klavierspiel bewusst einer kritischen Beurteilung der großen Pianistin aus. Bosse lässt die Gesichter bei heruntergelassenem Gazevorhang auf Großleinwand übertragen. Eva bettelt hier förmlich mit Blicken um ein Lob der Mutter, immer schon mit der Angst deren hohen Ansprüchen nicht zu genügen. Die schulmeisterliche Einschätzung fällt dann auch dementsprechend aus und wirkt wie eine charakteristische Kurzbeschreibung des Verhältnisses beider aus Sicht Charlottes. Evas Spiel sei zu sentimental. Chopin müsse man beherrscht emotional spielen, kühl, den Schmerz unterdrückend.

Die offene emotionale Konfrontation folgt in der Nacht auf das Essen. Aus einer albtraumhaften Situation heraus fällt Eva über Charlotte her, und beide lassen die Masken fallen. Die unsichere Tochter, die stets im Schatten der Mutter stand, erhebt sich nun wie eine Furie mit erhobene Armen über die Mutter. Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt ziehen nun alle Register ihres Könnens. Bergmans Reise in die familiäre Vergangenheit der beiden Frauen ist gespickt mit gegenseitigen Bezichtigungen und Vorwürfen. Bosse lässt seine Protagonistinnen dabei auf einer in der Luft endenden Treppe springen, stürzen und hangeln. Vergangenheitsbewältigung als betont körperliches Abreagieren von seelischen Blockaden. Für Eva hat die Mutter ihr ihre Gefühlskälte und Unfähigkeit zur Liebe vererbt. Was Charlotte ebenfalls mit einer Geschichte aus ihrer Kindheit kontert. Auf weitere Selbsterleuchtung pfeifend, verlässt sie schließlich fluchtartig den Schauplatz.

Und trotz allem bleibt dies auch immer eine hochpsychologische Abwehrschlacht, die die beiden miteinander führen, und die keine Sieger kennt. Was folgt, ist nur eine kurze Erschöpfung. Der Kampf ist damit wohl nicht beendet. Anstatt einen Schlussstrich zu ziehen, beginnt Eva nach einer kurzen Phase der Ruhe erneut mit ihren Annäherungsversuchen an die Mutter in einem Brief, dessen Text hier Andreas Leupold in trockenen Worten rekapituliert. Nach dem ersten Eingeständnis des Selbstbetrugs folgt ein trotziges: „Ich gebe nicht auf.“ Die Never ending Story eines, wie Jan Bosse wohl ganz richtig bemerkt, großen Missverständnisses „im Namen der Liebe“, und, wie man auch meinen könnte, eines in den unterschiedlichsten Fassetten immer wiederkehrenden Mutter-Tochter-Mysteriums aus einem zu viel oder zu wenig an Liebe und Hass, Nähe und Distanz.

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Herbstsonate
nach dem Film von Ingmar Bergman
Regie: Jan Bosse
Bühne: Moritz Müller
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Video: Meika Dresenkamp
Licht: Kevin Sock
Dramaturgie: Gabriella Bußacker
Mit: Corinna Harfouch (Charlotte), Fritzi Haberlandt (Eva), Natalia Belitski (Helena), Andreas Leupold (Viktor) und Rasmus Armbruster / David Vetter (Erik)
Dauer: 1:50h, keine Pause
Premiere am Schauspielhaus Stuttgart: 20.12.2014,
Premiere am Deutschen Theater Berlin: 23.01.2015

Termine: 02. und 03.02.2015 im Deutschen Theater Berlin
28.02. , 01., 12., 13.03., 10. und 11.04.2015 im Schauspielhaus Stuttgart

Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/herbstsonate/ und http://www.schauspiel-stuttgart.de/

Zuerst erschienen am 25.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Was wird hier eigentlich gespielt? – „Nackter Wahnsinn / Was ihr wollt“ und „Fanny und Alexander“ in der Regie von Sebastian Hartmann am Leipziger Centraltheater

Montag, Dezember 19th, 2011

centraltheater-leipzig.JPG Foto: St. B.
Was ist Kunst? Ein diffuses Licht im sozialen Raum.

Diese Frage haben sich nicht erst in der letzten Zeit viele Leipziger Theatergänger gestellt und blieben daraufhin den Inszenierungen des Intendanten des Centraltheaters Leipzig Sebastian Hartmann lieber fern. Nun ist das auch eine zentrale Frage in Michael Frayns Komödie „Noises Off – Der nackte Wahnsinn“ in der eine komplett chaotische Provinz-Theatertruppe versucht eine Tür-auf-Tür-zu-Boulevardkomödie mit dem Titel „Nothing On – Nackte Tatsachen“ auf die Bühne zu bringen. Dieser Titel ist natürlich recht doppeldeutig und könnte neben dem wortwörtlichen Nichts-anhaben auch gerade eben gar Nichts bedeuten. Er wird hin und wieder auch mit „Spaß muss sein“ oder „Was wird hier gespielt?“ übersetzt. Nun ist Hartmann kein Provinztheatervorsteher und seine Schauspieltruppe eines der zur Zeit im wahrsten Sinne des Wortes engagiertesten Ensembles der deutschen Theaterlandschaft. Trotzdem sah er sich immer mehr in die Rolle eines Buhmann gepresst und verleiht ihr nun sozusagen in seiner neusten Inszenierung „Nackter Wahnsinn/Was ihr wollt“, frei nach Shakespeare und anderen, auch entsprechend Ausdruck.

Das geschieht natürlich immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn, das wusste schon der Autor Frayn, Theater ist auch immer ein Spiegel der „Zerbrechlichkeit des Lebens“. Freud und Leid liegen oft dicht beieinander und erzeugen so nicht nur schöne Oberfläche, sondern mitunter auch den schmerzhaften Schnitt ins Fleisch. Sebastian Hartmann hat hierfür sogar einen eigenen Theater-Stil geprägt, der sich, in Anlehnung an die bekannte Leipziger Szene der bildenden Künste, auch noch „Leipziger Handschrift“ nennt. In seiner Inszenierung des Ingmar-Bergmann-Klassikers „Fanny und Alexander“ führte er nun sogar diese „Leipziger Handschrift“ mit dem bedeutendsten Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ Neo Rauch zusammen. Hartmann lässt auch sonst „grundsätzlich“ nichts unversucht, dem Leipziger Centraltheater tatsächlich eine unverwechselbare Handschrift zu verleihen. Trotz großer Beachtung durch die Presse, die ihm auch überregional beigemessen wurde, und bekannter Gaststars von Film und Bühne ist es Hartmann aber über drei Spielzeiten nicht geglückt, das recht spröde aber immer streitlustige Leipziger Publikum gänzlich für sich zu gewinnen.

dsc05864.JPG Foto: St. B.
Der Nackte Wahnsinn?
– Japanische No-Masken im Leipziger Grassi-Museum für Angewandte Kunst

Nicht ganz überraschend kam dann auch zu Beginn der neuen Spielzeit seine Ankündigung, die Intendanz über das Jahr 2013 hin nicht mehr zu verlängern. Er verlässt vor allem wegen ständiger Unterfinanzierung des Hauses und wegen der fehlenden Rückendeckung der Leipziger Kulturpolitik die Stadt. Eine neue Wirkungsstätte hat er noch nicht angegeben. Sicher wird er an anderer Stelle seine Aktivitäten fortsetzen, ob nun in Berlin oder anderswo, einer wie Hartmann hat sich der Kunst mit Haut und Haar verschrieben. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er nun neben Bergmanns Künstlerfilm „Fanny und Alexander“ auch Shakespeares Verwechslungskomödie „Was ihr wollt“ ausgewählt hat, werden doch darin einerseits die Auswirkungen der Einschränkung der Kreativität eines fantasiebegabten Jungens beschrieben und anderseits auch die ungefesselte Spiellust, der ständige Rollenwechsel und schließlich die, wenn auch nur kurzzeitige, Befreiung von jeglicher Konvention gefeiert.

Diese entfesselte Spiellust darzustellen, ist was Sebastian Hartmann immer wieder in seinen Inszenierungen umtreibt. Und so heißt der Untertitel der neuen Inszenierung, die im November Premiere hatte, dann auch: „Ich will nicht dass mir jemand sagt welche Rolle ich zu spielen habe!“. Dazu gibt es in der Lose Blätter Sammlung No. 5 des Centraltheaters einen einführenden Text vom „Hausphilosophen“ Guillaume Paoli. Ein kleiner Exkurs in die philosophische Betrachtung des ICHs, der eigenen Identität nach dem Orange-Zwiebel-Prinzip. Persona, die antike Maske, stellt unsere äußere Schale dar, mit der wir uns an der Außenwelt reiben können. Sie ist immer mehr mit dem Individuum (dem Unteilbaren), das wir darstellen verschmolzen. Daher tritt nun die Frage in den Vordergrund, ob da noch jemand hinter der Maske bzw. Schale ist oder ob das ICH nur die Summe aus lauter Masken darstellt. Der Mensch lebt nun in der Vorstellung, als Zeichen der totalen Authentizität die Maske abzustreifen und sein wahres ICH zu zeigen, sieht aber hinter der Maske immer wieder nur enttäuscht eine weitere, oder nur mit einer Maske sind wir tatsächlich in der Lage unser Innerstes auszudrücken.

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Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt (Szene)
© David Baltzer/bildbuehne.de

Shakespeare hat mit „Was ihr wollt“ das Stück zu dieser schier unlösbaren Situation geschrieben. Er beschreibt mit dem Hintergrund der „Twelfth Night“, als Abschluss der zwölf Rauhnächte und Beginn der Karnevalszeit mit ihren Maskenspielen, die Verwirrung durch Identitäts- und Geschlechterwechsel. Dazu passend verknüpft Hartmann die Komödie Frayns als doppeldeutiges Spiel des Theaters auf dem Theater. Rollenzuschreibungen sind nicht mehr eindeutig, die Grenzen zum realen Leben verwischen und zeigen so am besten das tägliche Dilemma des Künstlers auf der Suche nach möglichst authentischer Darstellung oder karikiert zumindest diese Bemühungen. Auch Renè Pollesch sind mit „Schmeiß dein Ego weg!“ und  „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“ bereits einige Beiträge zu diesem Thema an der Berliner Volksbühne gelungen.

Sebastian Hartmann bleibt erstaunlich nah an Frayns Rahmenhandlung und beginnt mit einem laut bunten Finalauftritt der gesamten Truppe in grotesker Kostümierung, viel Konfetti und riesigen Luftballons. Manuel Harder als Regisseur sitzt an einem Pult im Zuschauerraum, neben ihm Thomas Lawinky in einem Gastauftritt als der Autor des Stücks. Nach der Unterbrechung der laufenden Generalprobe durch den Regisseur, der alle in rüdem Ton abkanzelt, wird eine Kritik- und Selbstkritikrunde mit allen Schauspielern einberufen. Der Autor bekommt noch einmal die Chance seine Intensionen zu erklären, was in einer Farce endet, bei der ihm erst einmal das Mikrofon geöffnet werden muss und dann alle nacheinander den Tisch verlassen. Lawinky referiert im unsicheren Vortragston über Sinn und Unsinn des Stücks, über Schuldramaturgie und den Unterschied von dramatischen zu epischen Texten etc., etc. Das Thema der Verwechslungskomödie wird noch mal mit den Gedanken Paolis kurzgeschlossen. Krönung ist eine Replik auf „Uli Khuon“ und seine Aussagen über das Stadttheater als sozialen Raum. Hier steht Hartmann im Zwiespalt zu seinem ästhetischen Anspruch. „Also wir machen Kunst / das steht fest…“ und „WENN DIE FRAGEN AUFHÖREN / FÄNGT DIE KUNST AN“. Das ist natürlich nur „grundsätzlich“ so zu sehen, wie die strickende Souffleuse Frau Ostruznjak (herrlicher Zungenbrecher) Lawinky verbessert, und gelingt eben nicht immer.

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Idealbild versus klassische, anatomisch korrekte Porportionen. „Die große Odaliske“ von Jean Auguste Dominique Ingres, ein ästhetischer Akt der künstlerischen Freiheit als nackter Hintergrund.

Und das kann man nun ca. 3 ½ Stunden lang auf der Bühne bewundern. Verständnislose Mimen, die an ihrer Rolle hängen sie aber gar nicht erst begreifen, gegen ein aufoktroyiertes System der Regie. Der soziale Riss verläuft nicht nur am Bühnenrand zum Publikum, sondern geht mitten durchs Ensemble. Da vermengen die Schauspieler Rolle und Persönliches, gehen auf den Egotrip oder sehen sich ohnmächtig den Vorstellungen des Regisseurs ausgeliefert. Ein verrückter Physiker als Experte (Artemis Chalkidou) begehrt auf und verwandelt sich schließlich in verschiedene Kunstfiguren der griechischen Antike. Die zu spät gekommene Schauspielerin Heike Stumpf (Birgit Unterweger) versucht auf Teufel komm raus ihr Vorsprechen durchzuziehen und wird darüber schließlich irre. Ein Narr tanzt aus der Reihe (Edgar Eckert), ein Inder (Hagen Oechel) macht einen Stuhlslapstick, eine Schauspielerin (Susanne Böwe) bringt per Telefon ihr Kind ins Bett und ein überforderter Inspizient (Mathias Hummitzsch) versucht alle irgendwie bei der Stange zu halten. Dazu gibt es das Übliche der Boulevardkomödie mit falschen Türen, Abgängen ins Nichts und einem Teller Sardinen als Hommage an Frayns „Nackten Wahnsinn“. Ein bisschen Shakespeare wird natürlich auch noch gespielt. In einer Probe des unbedingten Regiewillens sind Manolo Bertling und Sarah Franke in einem Meer aus Kleid verwoben und als Viola / Cesario / Malvolio / Olivia oder umgekehrt zu erleben, undurchsichtig dahinter gespiegelt durch den Narren.

Krönung ist natürlich die Szene in der Maximilian Brauer als Jesus mit dem Esel Manfred auf der Bühne erscheint, um den Regisseur, der nun Gott selbst ist, in Frage zu stellen. Er will den Vertrag aufkündigen, nicht mehr das Opferlamm Gottes sein. Dass ihm diese Befreiung aus seiner angestammten Rolle nicht gelingt, ist vorprogrammiert und wie an durchsichten Fäden gezogen bewegt er sich über die Bühne, wühlt im frischen Eselskot, reißt sich die Kleider vom Leib und zerrt an seinem Geschlecht. Teufel (Hagen Oechel) und Herrgott einigen sich darauf, dass einer ohne den anderen keine Daseinberechtigung hat. Nun stürzen noch die vom Wahn befallenen Heike Stumpf und Cordelia Wege als Entführungsopfer Natascha Kampusch auf die Bühne und werden vom Teufel mit Blut besudelt. Eine Orgie des entfesselten Wahnsinns entspinnt sich, musikalisch begleitet durch den schon im „Zauberberg“ aufspielenden Gitaristen Steve Binetti, ein Chor sorgt für klassische Untermalung. Das sich das Ganze zum Ende hin fast in ein demokratisches Happy End auflöst und Zuschauer und Schauspieler im Sit-in über das Stück entscheiden sollen, täuscht nicht über die Ironie Hartmanns hinweg, hier nicht allein nur sich auf die Schippe genommen zu haben, sondern die Leipziger Verhältnisse mitmeint, gegen die er letztendlich trotz seines aufopferungsvollen Ensembles nicht ankommen konnte. Hier ist ihm noch mal ein großes Aufbegehren dagegen gelungen.

dsc03874.JPG Foto: St. B.
Das Centraltheater Leipzig

Das gelingt Hartmann bei seiner Adaption von Ingmar Bergmanns Film-Klassikers „Fanny und Alexander“ nur bedingt. Schon im „Zauberberg“ hatte er Thomas Manns symbolbeladenen Roman nicht einfach nur bebildert, sondern ließ alles eher wie eine große Improvisation aussehen. Auch jetzt gibt er seinen Schauspielern viel Platz für Slapstick und aus der Rolle springen. Die Handlung zerfasert dabei immer wieder zwischen Weihnachtstafel, Lotterbett und kühler Strenge des Bischofshauses. Erzählerische Passagen von Linda Pöppel und Manolo Bertling, die auch erwachsene Pendants der Kinder Fanny und Alexander (Yusuf El Baz und Lydia Makrides) darstellen, unterbrechen dabei das Spiel und stellen am Anfang die Handlung nebst der im Theatersaal aufgereihten Personen vor. Es fällt schwer hier einige der Darsteller hervorzuheben, vielleicht Cordelia Wege als kühle Schönheit Emilie Ekdahl, Artemis Chalkidou in einer Doppelrolle als verwirrte Henrietta Vergerus und düstere Haushälterin Justina, oder Peter René Lüdicke als lebenslustiger Onkel Carl Gustav Ekdahl, der zwischen Slapstick, frivolen Witzen und Bettszenen hin- und herhüpft und sein Gegenpart der redegewandte aber eiskalte Bischof Edvard Vergerus, der von Ingolf Müller-Beck ebenso gespielt wird. Beide waren schon im „Zauberberg“ als Settembrini und Naphta in ein buchstäbliches Kochduell verwickelt.

Es entwickelt sich in Folge eine schier hemmungslose Performance über das Theater und Schauspielerdasein, für die Bergmanns Drehbuch nur den Hintergrund zu bilden scheint. Bei Hartmann geht es wie immer um mehr, um die Daseinberechtigung und Wahrnehmung der Kunst an sich, wie auch um die Existenz des Künstlers zwischen Traum- und ihn umgebender realer Welt. Die Geschichte des fantasiebegabten Jungen Alexander, ein künstlerisches Lebensfazit Bergmanns, zwischen der ihn behütenden Theaterfamilie und der prinzipienstrengen und alle Kreativität abtötenden Welt des Stiefvaters Bischof Vergerus, kann man bei Hartmann durchaus auch als ein Fazit seiner Leipziger Intendanz lesen. Hartmann stellt den Kontrast der freien Theaterfamilie zum engen Haus des Bischoffs in den Vordergrund. Alle weiteren Stationen des Films durchläuft Alexander nur peripher, der unkundige Zuschauer ist somit etwas ratlos dem Treiben auf der Bühne ausgesetzt. Das Bild „Die Lage von Neo Rauch, das dann in der zweiten Hälfte der Vorstellung am Bühnenhintergrund erscheint, verstärkt dieses etwas hilflose Gefühl der Verrätselung nur um so mehr. Wie die mystische Symbolik des Leipziger Malers, der sich Erklärungen zu seiner Kunst stets entzieht, lässt sich auch Hartmanns Inszenierungsstil auf nichts Genaues festlegen.

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Fanny und Alexander (Szene) © R.Arnold/Centraltheater

Der Kampf Alexanders und der Hass gegen den Bischoff kommen selten wirklich explizit zum Ausdruck. Lediglich die bedrohliche Ansprache von Vergerus an Alexander über Wahrheit und Lüge wird hier enervierend lang ausgewalzt. Das dadurch erschütterte Weltbild des Jungen und das gestörte Gleichgewicht der Wahrnehmung seiner Umwelt, – wobei sogar der Bühnenboden symbolisch zu wackeln beginnt – stellt sich für ihn nur durch Traumsequenzen wieder her, in die ihn Isak Jacobi (Wolfgang Mario Bauer) und Ismael (Linda Pöppel) immer wieder entführen. Diese Szenen verpuffen hier allerdings im Ungefähren. Zum Schluss sitzt die Familie wieder am großen Tisch und alles wirkt wie zu Beginn der Vorstellung glücklich vereint. Letztendlich ist das aber auch nur eine trügerische Vision, die durch Manola Bertlings vergeblichen Versuchen im Sensenmannkostüm ins Bild von Neo Rauch zu springen, symbolisiert wird. Vielleicht symbolisiert die Szene aber auch die abgegrenzte Welt der Kunst, in die nichts Fremdes, auch der Tod nicht, Eingang erhält.

Das Ganze ist wieder ein an Regieeinfällen reiches Theaterhappening, aber man bleibt alles in allem nach gut 2 ½ pausenlosen Stunden doch etwas unbefriedigt zurück. Der Funke der das Hartmannensemble durchzuckt, will nicht recht überspringen. Die Inszenierung hat etwas sentimental Sehnsuchtsvolles einerseits und etwas wild Ausuferndes anderseits. Hartmann zelebriert wieder den entfesselten unbedingten Kunstwillen, in der Hoffnung die kollektiven Räusche der Bühne auf das Publikum übertragen zu können. Etwas, was eben selten gelingen will, ihm aber einzig erstrebenswertes Ziel bleiben wird. Für Spekulationen um Hartmanns Zukunft scheint es momentan noch zu früh zu sein. Ob er tatsächlich 2013 nach Berlin wechseln wird, zwei Möglichkeiten gäbe es ja dann u.U., scheint momentan eher unrealistisch. Das dann freie Maxim Gorki Theater, dürfte zu klein für seine Ambitionen sein und bei der ähnlich dem Centralthetaer chronisch unterfinanzierten Bühne käme er nur vom Regen in die Traufe. Das Frank Castorf den Intendantenstuhl der Volksbühne freigibt und sich nach seinem krönenden Bayreuthgastspiel aus dem aufreibenden Repertoirgeschäft des Stadttheaters zurückzieht, kann sich in Berlin auch niemand wirklich vorstellen. Aber Hartmann braucht ein festes begeisterungsfähiges Ensemble, eine Theaterfamilie ähnlich der Ekdahls, um seine Visionen von Theater fortsetzen zu können. Im März 2012 wird Sebastian Hartmann erst einmal in Koproduktion mit Maxim Gorki Theater in Berlin Falladas „Trinker“ inszenieren, auch wieder eine exzessive Figur die aus den bürgerlichen Konventionen auszubrechen versucht.

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