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Storms „Schimmelreiter“ und Schillers „Räuber“ – Zwei bemerkenswerte Inszenierungen der 54. Theatertreffenauswahl, die leider nicht in Berlin zu sehen sind

Sonntag, Mai 14th, 2017

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Und ewig heult der Wind – Johan Simons inszeniert die Bühnenadaption von Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter wie ein magisches Requiem ohne Musik

Jens Harzer als Der Schimmelreiter am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

Zwei Literaturadaptionen großer norddeutscher Erzähler hat das Thalia Theater Hamburg in dieser Spielzeit auf dem Programm. Die Novelle Der Schimmelreiter des aus Husum in Nordfriesland stammenden Schriftstellers Theodor Storm und den Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frisst des gebürtigen Greifswalders Hans Fallada, den es außer nach Berlin und Leipzig für eine gewisse Zeit auch mal nach Hamburg zog. Regie führen mit dem Niederländer Johan Simons und dem flämischen Belgier Luk Perceval zwei ebenso bekannte wie erfolgreiche Theatermänner.

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Den Anfang machte im November letzten Jahres der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele und scheidende Leiter der Ruhrtriennale [Johan Simons], der, bevor er seine neue Intendanz in Bochum antritt, zum wiederholten Male am Hamburger Thalia Theater inszeniert. Für seine Bühnenadaption der Storm’schen Schimmelreiter-Novelle hat er sich von Bettina Pommer einen steilen Deich mit zwei Treppen links und rechts bauen lassen. Über der Krone hängt eine gusseisernen Kirchglocke, deren Klang man allerdings erst kurz vor der Pause des knapp dreistündigen Abends zum ersten Mal vernehmen kann. Daneben liegt die ganze Zeit über die Nachbildung eines weißen Pferdekadavers als Pferdeskelett von der Hallig Jeverssand.

Der Schimmelreiter, ein Meisterwerk des magischen Realismus, ist beliebter Schulstoff. Das Buch dürfte fast jeder irgendwann einmal in der Hand gehalten haben. Die Novelle spielt in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Nordfriesland. Die Hauptfigur Hauke Haien arbeitet sich vom wissbegierigen Jungen über eine Anstellung als Knecht beim alten Deichgrafen Volkerts bis zu dessen Nachfolger hoch. Um die Voraussetzungen für die Übernahme des Amtes zu schaffen, gibt Volkerts Tochter Elke ihre Verlobung mit Hauke bekannt. Dieser gewinnt mit einer neuen Deichanlage Land, vernachlässigt allerdings darüber wider besseren Wissens die Reparatur des alten Deichs, der in einer großen Springflutnacht bricht. Dabei sterben Haukes Frau Elke und sein behindertes Kind. Daraufhin stürzt sich der Deichgraf mit seinem Schimmel vom Deich in die Fluten und wird zum Mythos.

 

Der Schimmelreiter am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

 

Der Clou von Simons Inszenierung ist, die einleitende Erzählung als Rahmen für die eigentliche Handlung sieben Mal von Neuem beginnen zu lassen. Und so steht das sechsköpfige Ensemble immer wieder auf der Deichkrone und lässt die Geschichte vom Schimmelreiter – dem großen Unglück, das die sterbende Trien Jans, deren Hund Hauke einst als wütender Junge erwürgte, prophezeit, bis zu jener Nacht in der der Deich bricht – lediglich ergänzt durch weitere Szenen aus der Novelle jedes mal neu erstehen. Die Handlung springt dabei in der Zeit vor und wieder zurück. Doch das Unvermeidliche bricht sich schließlich Bahn. „Was man getan hat, wird man wieder tun. Es gibt nichts Neues unter dieser Sonne.“ sind die fast resignierenden Worte Elkes zu ihrem Mann.

Johan Simons baut seine Inszenierung um die Schuld, die Hauke Haien nach der Meinung der abergläubischen Dorfbewohner auf sich geladen hat, wie ein archaisches Requiem für die Toten auf. Es wird dabei eher wenig gespielt. Die DarstellerInnen stehen mit Blick ins Publikum am Damm und rutschen hin und wieder recht pathetisch, viel Text bewältigend, die glatte Fläche hinunter. Ewig rauscht der Wind, tickt eine Uhr, oder es schlägt die Glocke. Das zieht sich zuweilen auch etwas hin. Den Kampf Haukes mit sich sich selbst und seinen Zweifeln kann Thalia-Ausnahmeschauspieler Jens Harzer sehr gut mit zitternd-fiebriger Stimme wiedergeben. Der Kampf mit seinem neidischen Gegenspielers Ole Peters (Sebastian Rudolph) erschöpft sich in einigen wenigen Wortgefechten.

Mehr Raum nimmt dafür die Familiengeschichte ein. Birte Schnöigk ist eine trotzig-aufrechte Elke. Immer wieder unterstützt sie ihren Hauke gegen die Dörfler, die hier nur von Sebastian Rudolph als Ole und Rafael Stachowiak als Carsten dargestellt werden. Die vorherrschende Kleiderfarbe ist pietistisches Schwarz. Schön schaurig auch Barbara Nüsse als Trin Jans, ebenfalls skurril die Idee, Tochter Wienke traumtänzerische vom belgsichen Schauspieler Kristof Van Boven spielen zu lassen. Johan Simons hat als Kind in Holland selbst eine große Sturmflut erlebt. Diese Erfahrung zieht sich durch mehrere seiner Inszenierungen. Der Mensch, verloren zwischen Gottglauben, zerstörerischer Naturgewalt und aufgeklärerischer Vernunft. Für Simons ist es dabei so, wie Hauke Haien es zu den Wassern sagt: „Ihr könnt nichts Rechtes, so wie die Menschen auch nichts können!” Der Mensch Hauke Haien ist zum Schluss nackt, wie Gott ihn schuf, ein zur Legende gewordenes Voodoo Child.

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Das ist durchaus magisch und in Teilen auch ansehenswert. Was die THEATERTREFFEN-Jury an dieser spröden, etwas zu sehr ins düster Spirituelle abdriftenden Inszenierung fasziniert hat, wird allerdings (wie so oft) ihr Geheimnis bleiben. Die Kritiker waren zur Premiere nicht nur begeistert. Dass nach der Absage des Münchner Residenztheaters wegen der Unaufführbarkeit ihrer technisch für Berlin zu kompliziert ausgestatteten Räuber u.a. Stimmen für eine Nachnominierung der Romanadaption Unterwerfung vom benachbarten Deutschen Schauspielhaus laut wurden, lässt noch mal darüber nachdenken, ob der Schimmelreiter tatsächlich die bemerkenswertere Hamburger Inszenierung des letzten Jahres war. Ein schöner Kontrast zur eher zeitgemäß poppigen und performancelastigen Auswahl ist sie allemal. Für Diskussionsstoff im Berliner Mai ist somit in jedem Fall gesorgt. (Wurde leider abgesagt wegen der Erkrankung des Hauptdarstellers Jens Harzer. Ersatzweise fand eine szenische Lesung des Stücks statt.)

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Der Schimmelreiter (Thalia Theater Hamburg, 23.03.2017)
von Theodor Storm
Bühnenfassung Susanne Meister
Regie: Johan Simons
Musik: Warre Simons
Bühne: Bettina Pommer
Kostüme: Teresa Vergho
Dramaturgie: Susanne Meister
Darsteller:
Kristof Van Boven (Kind)
Jens Harzer (Hauke Haien)
Barbara Nüsse (Trin Jans)
Sebastian Rudolph (Ole Peters)
Birte Schnöink (Elke)
Rafael Stachowiak (Carsten)
Premiere war am 25.11.2016 im Thalia Theater
Termine: 25.05. / 19.06. / 11.07.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 24.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Masse, Mensch, Maschine – Ulrich Rasche schickt am Residenztheater München Schillers Räuber übers Laufband

Das 54. Theatertreffen wirft seine Schatten voraus. Am Wochenende begann der Vorverkauf, und einige der 10 bemerkenswerten Inszenierungen, die nach Berlin eingeladen wurden, sind bereits restlos ausverkauft. Und dabei kann eine der wohl interessantesten Produktionen nicht mal gezeigt werden. Die Räuber, inszeniert von Ulrich Rasche am Residenztheater München, ist technisch so aufwendig, dass sich keine Bühne in Berlin finden ließ, auf der man die beiden großen Laufbänder, auf denen sich Friedrich Schillers Sturm-und-Drang-Klassiker abspielt, ohne Probleme aufbauen ließe. Was fehlt, ist eine sogenannte Zylinderdrehbühne mit Versenkeinrichtungen, die vergleichbar nur die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz besitzt. Aber auch dort gab aus technischen und dispositorischen Gründen keine Möglichkeit, die Inszenierung für zwei Vorstellungen zu realisieren.

 

Die Räuber am Residenztheater – Foto © Andreas Pohlmann

 

Eine 3sat-Aufzeichung für das Haus der Berliner Festspiele soll nun ersatzweise einen Eindruck von der Münchner Inszenierung vermitteln. Aber es dürfte schwer fallen, das unmittelbare Live-Erlebnis in einer vagen Kinoatmosphäre zu vermitteln. Selbst in München ist die Vorstellung nur an zwei Tagen im Monat zu sehen. Die Karten sind entsprechend begehrt. Am letzten Wochenende war es wieder soweit, und das Haus am Münchner Max-Joseph-Platz restlos ausverkauft. Wir waren live vor Ort.

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Über Schillers 1782 in Mannheim uraufgeführte Drama Die Räuber muss man nicht mehr viel sagen. Neben der Befreiung von der tyrannischen Elterngeneration und den gesellschaftlichen Schranken des „Kastratenzeitalters“ ging es dem jungen Autor auch um eine Revolutionierung der Regeln für die dramatische Kunst. Inhaltlich wird das als Kampf zweier ungleicher Brüder abgehandelt. Karl, der ältere, fällt durch die Intrigen von Franz, dem jüngeren, beim Vater in Ungnade und gründet eine Räuberbande in den böhmischen Wäldern. Derweil reißt Franz daheim die Macht an sich, sperrt den siechen Vater in eine Gruft und versucht Amalia, die Geliebte des Bruders, für sich zu gewinnen.

Der Kampf zweier sich selbst ermächtigender Geistes- und Tatmenschen um die wirksameren Mittel, die alte Ordnung zu beseitigen. Letztendlich auch ein endloser Kreislauf der Gewalt in einer unaufhörlich fortschreitenden Gesellschaft. Und diese ständige Vorwärtsbewegung stellt Rasche durch zwei dreh- bzw. auf- und absenkbare Laufbänder dar. Der Regisseur hat damit seine Methode perfektioniert, Text zusammen mit Musik in mechanische Bewegung zu übersetzen, was in Berlin bereits 2014 an den Sophiensaelen bei einer Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns Stück Die kosmische Oktave in klein zu sehen war.

 

Die Räuber am Residenztheater – Foto © Andreas Pohlmann

 

Geradezu kongenial wirkt die Übertragung der mechanischen Wirkungsweise der Laufbänder als Metapher für den unaufhaltsamen Verlauf der Geschichte und die Vergeblichkeit sich dieser zu entziehen. Die Räuber skandieren „Freiheit oder Tod.“ und sind doch Sklaven ihres Handelns. Wie Ilja Repins Wolgatreidler sind die Darsteller auf den mal gerade, mal schief gestellten Laufflächen mit Haltegurten angeseilt. Ein Stürzen und Herunterfallen ist nicht möglich. Der Marsch der Räuber geht unwillkürlich voran, ihrem Hauptman Karl folgend. Rau und monoton deklamiert Franz Pätzold seinen Text, in den die Bande immer wieder chorisch einfällt. Musikalisch begleitet werden sie dabei von vier Live-Musikern und drei Sängern, die den treibenden Takt und Rhythmus mit dumpfen Paukenschlägen, Basslinien Violin-Klängen und Lautgesängen vorgeben.

Wucht und Pathos gepaart mit der archaischen Kraft des Chors. Aber selbst in den ruhigeren Mono- und Dialogszenen stehen die Laufbänder nicht still. Gegenspieler Franz wird (nach der Erkrankung von Valery Tscheplanowa) nun von Katja Bürkle von den benachbarten Kammerspielen verkörpert. Ihr Spiel ist, wie das von Karl, getrieben von den ehrgeizigen Plänen. Die Besetzung der Rolle mit einer Schauspielerin lädt die Bedeutung des sich zu Unrecht missachtet Fühlenden zusätzlich auf. Die Szenen mit der ihn verachtenden Amalia von Nora Buzalka sind intensiv und kalt zugleich.

Dagegen setzt Rasche die Gewalt der auf den Bändern im Takt der Musik und des Gesangs marschierenden Masse der Räuber. Der Regisseur versetzt Schillers Text zusätzlich mit Auszügen aus Der kommende Aufstand, einem vielzitierten linkspolitischen Essay, der erstmals 2007 in Frankreich erschien und ab 2010 in überarbeiteter Fassung im Internat verbreitet wurde. Als Verfasser gilt ein sogenanntes Unsichtbares Komitee. Die Räuber skandieren: „Es geht nicht mehr darum zu warten – auf einen Lichtblick, die Revolution, die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht, was kommt, sondern das, was da ist. Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation. Dort ist der Punkt, an dem man Partei ergreifen muss.“ Die Ambivalenz eines starken Wir-Gefühls.

Wie sich das in der Geschichte der politischen Massenbewegungen manifestierte, davon geben die Laufbandszenen mit der detaillierten Schilderung von Raub, Mord und Brandschatzungen Auskunft. Der Freiheitsbegriff scheint damit heute mehr denn je korrumpiert, oder wird wie eh und je von starken Einzelindividuen wie Franz Moor für sich umdefiniert. In den Zeiten unkritischen Fortschrittsglaubens und der endlosen Selbstoptimierung spannt sich die Menschheit selbst ins Joch. Die chorisch beschworene Apokalypse scheint unaufhaltsam. Schillers Skepsis verbindet sich mit der zerstörerischen Kraft der Maschine Mensch. Eine nach wie vor explosive Mischung.

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Die Räuber
von Friedrich Schiller
Regie + Bühne: Ulrich Rasche
Komposition: Ari Benjamin Meyers
Kostüme: Heidi Hackl
Chorleitung: Alexander Weise
Choreinstudierung: Toni Jessen
Mitarbeit Bühne: Sabine Mäder
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Sebastian Huber
Besetzung:
Götz Schulte: Maximilian, Graf von Moor
Katja Bürkle: Franz Moor
Franz Pätzold: Karl Moor
Nora Buzalka: Amalia von Edelreich
Thomas Lettow: Spiegelberg
Max Koch: Schweizer
Leonard Hohm: Razmann
Marcel Heuperman/Alexander Weise: Schufterle
László Branko Breiding: Roller
René Dumont: Daniel
Räuberbande: Moritz Borrmann, Yasin Boynuince, Kjell Brutscheidt, William Cooper, Emery Escher,
Toni Jessen, Max Krause, Bekim Latifi, Cyril Manusch
Sandro Schmalzl: Tenor
Martin Burgmair: Bassbariton
Gustavo Castillo: Bassbariton
Mariana Beleaeva: Violine
Jenny Scherling: Viola
Heiko Jung: E-Bass
Fabian Löbhard: Percussion
Premiere war 23. Sep. 2016 im Residenztheater München
Vorstellungsdauer ca. 3 Std. 30, eine Pause
Termine: 10. und 11.06.2017

Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/die-raeuber

Zuerst erschienen am 25.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Reinweiß und unschuldig oder die (Ohn-)Macht der Rede – Ivan Panteleev inszeniert Goethes Klassiker „Iphigenie auf Tauris“ am Deutschen Theater Berlin

Mittwoch, Oktober 26th, 2016

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Iphigenie auf Tauris am Deutschen Theater Berlin - Foto (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

Eine „reine Seele“ im Dienste des Humanismus – das ist das Bild der Iphigenie auf Tauris, dem Drama der Weimarer Klassik schlechthin. Von Johann Wolfgang von Goethe 1779 in Prosa verfasst und 1786 in fünffüßigen Jamben in den Stand eines ewigen Bildungsbürger-Klassikers gehoben, der bis heute fester Bestandteil des Kanons der deutschen Antikenrezeption ist. Das übermächtige Pathos zu brechen, will man nicht im hohen Ton der Vorlage erstarren, daran brechen sich Theatermacher landauf, landab regelmäßig die Zähne aus. Ivan Panteleev bricht seine Iphigenie jetzt am Deutschen Theater in gut zwei langen Stunden auf das Format einer handwerklichen Kunstanstrengung herunter.

„Das Land der Griechen mit der Seele suchen“ war einmal, heute wird der Klassiker einfach mal kurz renoviert. Doch anstatt Goethes Drama vom übermächtigen Pathos zu befreien, lässt der Regisseur erstmal den schwarzen Bühnenkasten von Johannes Schütz (einst kongenialer Ausstattungspartner von Jürgen Gosch) mit weißer Kalkfarbe übertünchen. Das Ensemble steigt dazu in schwarzen Handwerkeroveralls aus der ersten Reihe auf die Bühne und rollert die Wände mehr schlecht als recht körperhoch aus. Selbst eigene Kleidung, Stühle und ein überdimensionierten Tapeziertisch, auf den man über eine Klappleiter steigen muss, werden dabei nicht ausgelassen. Dort oben noch im Halbdunkel deklamiert Kathleen Morgeneyer (als einzige im unschuldig weißen Hemdchen) den Eingangsmonolog der sich in die Heimat nach Griechenland zurücksehnenden Titelheldin.

Die Agamemnontochter, vom Vater als Opfer für guten Wind gen Troja vorgesehen, wurde von der Göttin Diana in einer Wolke ins Land der Taurer entrückt, wo sie nun den Dienst einer Diana-Priesterin ausübt und sich den andauernden Avancen des Taurenkönigs Thoas erwehren muss. Durch ihr freundliches Wesen und grundehrliches Auftreten hat Iphigenie den König bereits zur Aufgabe des barbarischen Menschenopferkults der Taurer bewegt und ist auch nicht gewillt von der Wahrheit abzulassen, als ihr Bruder Orest mit seinem Gefährten Pylades auftaucht und sie sowie das Bildnis der Diana, das die beiden auf Geheiß des Apollon rauben sollen, nach Griechenland zurück zu führen.

Das wird bei Goethe in mehreren Gesprächen und monologischen Gewissensbefragungen abgehandelt. Man kann dies natürlich auch als einen moralischen Diskurs deuten. Die klassische Überzeugungskraft durch kluge Rede, die natürlich immer auch ein Abwegen von Für und Wider ist, eine der Grundlagen demokratischer Willensbildung sozusagen. Aber all das interessiert die Handwerkergilde auf der Bühne des Deutschen Theaters wenig. Panteleev lässt sie ihren Text relativ emotionslos an der Rampe runterrattern, unterbrochen nur durch einige wütende Ausbrüche, die Moritz Grove als wahnhafter, wegen des Mordes an der Mutter Klytaimnestra (bekannt aus der Orestie des Aischylos) von den Rachegöttinnen verfolgter Orest ins Publikum brüllt.

 

Iphigenie auf Tauris am Deutschen Theater Berlin - Foto (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Camill Jammal in der Rolles des Pylades – sonst im Drama der vernunftgeleitete Stratege – kommt hier eher als realpolitischer Ränkeschmied und religiöser Eiferer daher, während Oliver Stokowski als König Thoas sich unsicher an seiner Malerrolle festhaltend mal wirbt, mal poltert und mit der Wiedereinführung des blutigen Opferkultes droht. Als dunkle Eminenz gibt Barbara Schnitzler den Arkas, Vertrauter des Königs und kühler Vermittler zwischen ihm und der angebeteten Iphigenie. Panteleev versammelt hier die ganze Bandbreite politischen Handels um den großen Tisch, auf den am Ende Thoas die Stühle wie zur Demonstration von Recht und Ordnung stellt.

Letztendlich wird der Plan der beiden griechischen Wanderarbeiter durch die reinweiße Lichtgestalt Iphigenie entdeckt. Mit weiß übermaltem Gesicht wirkt sie dabei wie eine Göttin in Marmor, während Thoas – nun oben auf dem Tisch – aussieht wie ein weiß getünchter Narr, dessen Einlenken von der an der Rampe sitzenden Tantalidenbrut, die ihre fluchbeladene Geschichte von Mord und Krieg mal eben zu ihren Gunsten umdeutet, grinsend zur Kenntnis genommen wird. Der „edle Wilde“ Thoas scheint dann auch nicht wirklich überzeugt zu sein. Sein Mund formt sich nur zögernd zum Lebewohl.

Die Macht und Ohnmacht der Sprache will uns Ivan Panteleev hier vor Augen führen. Den Fluch der wandelbaren Grammatik. So wird im Programmheft auch der Heiner-Müller-Kalauer zu Iphigenies Parzenlied bemüht: „Es fürchte(n) die Götter das Menschengeschlecht.“ Vor diesem Druckfehler, scheint es, zittert sich für Panteleev der Text noch heute ins Ziel. Der gottesfürchtige und selbstlos handelnde Mensch ist mehr denn je ein Mythos. Goethes Klassiker ist in Zeiten von Pegida und Co. kaum noch einen Topf Farbe wert. Für diesen einzigen, recht dürftigen Knalleffekt am Ende muss das Publikum allerdings lange auszuharren. Panteleevs Anstreicherschmiere wirkt über weite Strecken ziemlich bemüht. Humanismus ist halt selbst auf dem Theater zuweilen ein harter, dreckiger Job.

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IPHIGENIE AUF TAURIS (Deutsches Theater Berlin, 14.10.2016)
Von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Ivan Panteleev
Bühne / Kostüme: Johannes Schütz
Sound-Design: Martin Person
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Moritz Grove, Camill Jammal, Kathleen Morgeneyer, Barbara Schnitzler und Oliver Stokowski
Premiere war am 14.10.2016
Weitere Termine: 28. 10. / 08., 17., 21., 24. 11. / 01., 26. 12. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 17.10. 2016 auf Kultura-Extra.

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Kopfkino oder Labyrinth – Ibsen zweimal ungewöhnlich in Berlin

Montag, Oktober 19th, 2015

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Ibsens Peer Gynt inszeniert als existenzialistisches Kopfkino von Ivan Panteleev im Deutschen Theater Berlin.

„Mach einen Umweg, Peer. Geh außenrum.“ Mit diesem Satz des Krummen beginnt die Peer Gynt-Inszenierung von Ivan Panteleev. Dieser Satz ist so symptomatisch für Ibsens Titelhelden wie auch für diese recht verkopfte Veranstaltung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters selbst. Peer Gynt versucht sein ganzes Leben geradeaus zu gehen, um bei sich anzukommen und bewegt sich doch fast ausschließlich im Kreis. Er läuft vor dem davon, was er ist, und gibt vor etwas anderes zu sein. Er baut sich dazu ein Haus aus papierenen Lügen. So sieht es zumindest der Regisseur und Gotscheff-Vertraute Panteleev. Für diese Idee hat ihm der ehemalige Gosch-Bühnenbildner Johannes Schütz eine nette, kleine Hütte mit pergamentenem Überzug auf die Bühne gestellt, an deren rohen Holzstreben am Ende nur noch Fetzen hängen werden. Das andere haben sich die beiden Protagonisten des Abends, Margit Bendokat und Samuel Finzi, nach und nach herausgerissen. Übrig bleibt nur die innere Leere. Es ist wie beim Häuten der Zwiebel, in der Peer Gynt keinen Kern findet. Es ist dies auch das Gefühl der eigenen Leere, das ihn am Ende seiner großen Lebensreise erfasst. Eine sprichwörtliche Leere, die einen durchaus auch des Öfteren an diesem Abend umfängt.

 

Peer Gynt am DT Berlin - (C) Arno Declair

Peer Gynt am DT Berlin – Foto (c) Arno Declair

 

Aus Ibsen „Faust des Nordens“ konstruiert Panteleev also ein psychologisierendes Drama des Existenzialismus. Was er in seine durchaus gelungene Warten auf Godot-Inszenierung nicht hineinpacken konnte bzw. durfte (Beckett-Erben haben das nicht so gern) – hier passt es nun. Ein bisschen Beckett-Feeling, natürlich Heiner Müller und Sätze von Jean-Luc Godard. Der eigentliche Ibsen-Text ist aus der Schaubühnenfassung von Peter Stein und Botho Strauß aus dem Jahr 1971. Panteleev hat ihn stark gekürzt und (wie schon erwähnt) mit etwas Fremdtext unterfüttert. Das fällt jedoch zumeist nicht sonderlich ins Gewicht, ist doch Ibsens Text so schon absurd genug. Von den 8 Stein-Peers ist hier nur einer übrig geblieben, und den spielt DT-Star Samuel Finzi. Bei allen anderen Rollen, vor allem den weiblichen, assistiert ihm bereitwillig Margot Bendokat. Die blafft als Mutter Aase den alten Lügen-Peer in bewährter Manier zwar hin und wieder etwas an, kann aber auch ganz lammfromm wie die treue Solvejg sein oder so verführerisch tun wie die Trollprinzessin oder die Wüstenschönheit Anitra.

Eine Mann-Frau-Zweierkonstellation, das hatten wir auch schon in der letzten Spielzeit am DT mit Sebastian Hartmanns Woyzeck in einer Bildbe- und -überschreibung mit Texten von Heiner Müller. Ein sehr körperlicher Theaterabend als Assoziations- und Improvisationsexperiment. Bei Panteleev steckt alles schon fertig im Kopf. Nur dort imaginiert sich Peer Gynt seine Reise über die Berge ans Meer und in die Wüste. Ist Trollkönig, Sklavenhändler, Missionar und gockelnder Liebhaber im Geiste. Kaiser Peer mit seinen Heerscharen, ein schöner Taschenspielertrick eines Traumtänzers und Wolkenbildermalers, nur dass ihm hier die Farben ausgegangen sind. Das Programmheft legt die Fährte in Richtung des kleinbürgerlichen Verrats an allem was ihm lieb ist, seinen Idealen und selbst der eigenen Identität. Diese Spur verliert sich allerdings schnell im feinen, weißen Granulat der Bühne, das unter den Schritten knirscht wie frisch gefallener Pulverschnee.

Die Inszenierung schlägt sich selbst mit Ibsen. „Heraus! Die neue Zeit ist angebrochen. Die Vernunft ist tot! Es lebe Peer Gynt!“ heißt es im Tollhaus, und Finzi dreht das Jackett zur Zwangsjacke um, in der der Abend bald selbst stecken bleibt. Gefangen ist der Kaiser der Selbstsucht. „Ich bin was ihr wollt.“ Der Knopfgießer will ihn als nichts Halbes und Ganzes zum Mittelmaß umgießen. Noch kann ihm Peer entwischen. Es halten ihn auch nicht Solvejgs Glaube, Hoffnung und Liebe. Am Ende geht er ab zum nächsten Kreuzweg ins Dunkle. Ein Mensch auf der Sinnsuche? Wer‘s glaubt, wird selig.

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Peer Gynt
von Henrik Ibsen, Deutsche Fassung von Peter Stein und Botho Strauß unter Verwendung der Übersetzungen von Christian Morgenstern und Georg Schulte-Frohlinde, Bearbeitung von Ivan Panteleev
Regie: Ivan Panteleev
Aussstattung: Johannes Schütz
Sounddesign: Martin Person
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Margit Bendokat und Samuel Finzi
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Termine: 05., 18. und 25.11.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 08.10.2015 auf Kultura-Extra.

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IPSAGON – Das transdisziplinäre Theaterlabyrinth von NO FOURTH WALL mit Texten aus Henrik Ibsens dramatischem Werk im Berliner Ballhaus Ost

Ipsagon_Ballhaus Ost

(c) nofourthwall

Für die einen der letzte Schrei, für die anderen bereits wieder kalten Kaffee – zumindest besteht zurzeit kein Mangel an Angeboten für interaktives Theater in Berlin. Bei Performance Gruppen wie Signa (Club Inferno), machina eX (Toxik), Prinzip Gonzo (die am gleichen Tag im Ballhaus Ost eine Einführung in ihr neues Mitmach-Spiel Monypolo gaben) oder auch bei Rimini Protokoll (Situation Rooms) wird die sogenannte Vierte Wand immer wieder durchbrochen. Das internationale Berliner Performance-Kollektiv NO FOURTH WALL hat sich dann auch gleich selbst so benannt. Ihr neues Theaterprojekt IPSAGON im Saal des Ballhaus Ost ist eine interdisziplinäre Rauminstallation, die Architektur, bildende und darstellende Künste sowie wissenschaftliche und philosophische Thesen miteinander verknüpft. Der Besucher durchläuft ein Labyrinth von acht hexagonal angelegten Zellen. Dabei gibt es die Möglichkeit mit den Performern vor Ort aktiv zu kollaborieren. Man kann aber auch wahlweise den ca. einstündigen Durchlauf weitestgehend passiv gestalten, oder sogar das Geschehen ganz von außen beobachten. Ziel ist es, die Kollaborationsfähigkeit des einzelnen Besuchers zu testen.

Also eine Art Versuchsanordnung, die sich über optische, akustische und sogar geschmackliche Reize wie Video, Musik, Schauspiel, Tanz und Performance sowie Genuss und philosophische Gespräche vermittelt. Das architektonische Konzept der Rauminstallation beruht auf dem Hexagon, einer sechseckigen, geometrischen Figur, die seit jeher eine bedeutende Rolle in der Natur, Kunst und Architektur spielt, und der auch eine gewisse magische Symbolik anhaftet. Die MacherInnen von IPSAGON kombinieren den räumlichen Aufbau recht lose mit einem theatralen Bezug zum norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen, was dem Projekt letztlich auch den Namen gibt. Man trifft auf seinem Weg durch das Labyrinth immer wieder auf Figuren aus Ibsens Werk, mal sehr konkret mal eher im übertragenen Sinne. Der Konzeptentwicklerin Adela Bravo Sauras geht es hier vor allem um die Frauen in Ibsens Dramen wie Nora oder Hedda Gabler, aber auch um die männlichen Heldenfiguren Peer Gynt oder Baumeister Solness. Der Einzelne auf seinem Weg zu einem sozialen Ganzen, könnte man es grob überschreiben. Was natürlich ein Scheitern nicht ausschließt.

 

IPSAGON im Ballhaus Ost - Foto (c) nofourthwall

IPSAGON im Ballhaus Ost – Foto (c) nofourthwall

 

Eine weitere Säule des zellenartigen Raumgeflechts ist die wissenschaftliche These des Neurobiologen und Psychotherapeuten Joachim Bauer, der Mensch sei aus Gründen sozialer Anerkennung, immer bestrebt zu kooperieren. Da ist sicher etwas Wahres dran, die Auffassungen Bauers sind aber auch nicht unumstritten. Dem gegenüber steht das Ellenbogenprinzip des Kapitalismus. Seine Konfliktfähigkeit kann man gleich zu Beginn testen, wenn man von einer Performerin im Trollkostüm auf einer Wippe je nach deren Stand beschimpft oder gelobt wird. Am Ende des Parcours steht dann der Abschied Noras aus ihrem Ehekäfig. Eine Performance, die einen wieder ins reale Leben katapultiert, nur das sie erschöpft zurückbleibt. Dann doch lieber Kollaboration zum Lustgewinn. Dafür bietet ein Abendessen Gelegenheit, bei dem man mit einer netten Performerin im veganen Nudelteigkostüm Smalltalk betreiben und Geschmacksrichtungen ausprobieren kann. Die wahlweise von ihrem und dem eigenen Körper dargebotenen Leckereien lassen einen fast vergessen, dass man auch hier einem traditionellen Rollenbild gegenübersteht.

Natürlich gibt es in diesem Labyrinth noch weitere Fallen. So sieht man sich zwei ineinander verknoteten Performer ausgesetzt, die einen in ihr merkwürdiges Zwiegespräch über Wahrnehmungen und Erinnerungen hineinziehen wollen. Der Performer im philosophischen Kabinett, wenn man so will, verwickelt einen dann in einen diskursiven Konflikt zwischen Darwins Evolutionslehre und der Theorie von Joachim Bauer. Ein Individuum, wenn man denn überhaupt eines ist, besteht aus einer Vielzahl von miteinander kooperierenden Zellen. Gene können sich nach Bauer auf Dauer durch bestimmte Lebenssituationen verändern. Sind also Bausteine kollektiver Anpassung, was selbstverständlich nicht immer nur Vorteile mit sich bringen muss. Kollaborieren Individuen nur zum eigenen oder dem Vorteil der Gemeinschaft? Das stumme, willkürlich scheinende Klötzchengeschiebe im Nebenraum bekommt da gleich etwas geheimnisvoll Bedrohliches.

Spielerisch gesehen, ist das Ganze allerdings nicht immer nur eine künstlerische Offenbarung. Ohne das Wissen über den theoretischen Überbau der Veranstaltung, kann man auch locker weit unter der recht hoch gehängten Metaebene durchspazieren. Es fehlt vielleicht an so etwas wie einer vagen Spielanleitung, einer Idee, wie sich das Einzelne schließlich zu einem Ganzen fügt. Die Anreize in den einzelnen Räumen scheinen doch recht willkürlich gestreut, was sicher auch der Wirkungsweise eines Labyrinths geschuldet ist. Der ungeübte Durchbrecher der vierten Wand wird sich hier aber nicht in jedem Fall immer mitgenommen fühlen. Es liegt tatsächlich an einem selbst, wie weit man bereit ist, sich den Reizen zu öffnen, um letztendlich Aufnahme in diesen Gemeinschaftskörper zu finden, der einen allerdings am Ende auch als unverdaulich wieder ausspucken kann. Vielleicht entwickelt sich mit der Dauer ja noch eine gewisse Eigendynamik. Die konzeptionelle Idee des IPSAGONs ist es zumindest wert, weiterentwickelt zu werden.

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IPSAGON
Premiere war am 15.10.2015 im Ballhaus Ost
Texte (englisch, deutsch): Adela Bravo Sauras, Henrike Kohpeiß
Dramaturgie: Henrike Kohpeiß, Julia Novacek, Thomas Zimmermann
Konzept und Strategie: Adela Bravo Sauras
Video: Julia Novacek
Grafik: Hirn Faust Auge
Kostüme: Frank Salewski, Alisa M. Hecke
Licht: Anja Stachelscheid, Adela Bravo Sauras
Installation: Adela Bravo Sauras (Idee & Konstruktions-Design), Thomas Zimmermann (Idee & Konstruktions-Design), Juan Alfonso Ruano Canales (Idee)
Konstruktion: Adela Bravo Sauras, Julia Novacek, Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH
Innendesign: John Facenfield, Alisa M. Hecke
Sound: Thorolf Thuestad, Antonia Alessia, Virginia Beeskow
PerformerInnen: Susana Sarhan AbdulMajid, Antonia Alessia, Virginia Beeskow, Adela Bravo Sauras, Glenn Crossley, Jiwoon Ha, Dorothee Krüger, Julia Novacek, Christian Wagner
Philosophie: Katharina Czuckowitz, Cristian Dragnea, Slaven Waelti

Termine: 16., 17., und 18.10.2015

Infos: http://www.ballhausost.de/

http://nofourthwall.com/index.php?/ongoing/ipsagon/

Zuerst erschienen am 17.10.2015 auf Kultura-Extra.

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Warten auf Godot – Im Deutschen Theater zelebrieren Samuel Finzi und Wolfram Koch Samuel Becketts absurdes Lebensdrama um ein großes alles verschluckendes Zeitloch.

Mittwoch, Oktober 1st, 2014

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„Nichts zu machen.“ Der Sinn will sich partout nicht erschließen. Seit über sechzig Jahren warten sie nun schon. Wladimir und Estragon, zwei abgerissene Clochards, des Lebens überdrüssig, mit nichts als einem kahlen Baum, an den sich zu hängen, die eine Option wäre, und die andere eine zwanghafte Hoffnung, dass da doch noch was käme, was sie Godot nennen und eine Erlösung aus dieser Situation verspräche, sie aber auch in höchste Angst versetzt. Der irische Dramatiker Samuel Beckett hat diese beiden Clowns zumindest mit etwas Wortwitz ausgestattet, auf dass sie sich beim Warten nicht allzu sehr langweilen. Die Zeit, die auch immer das in Anspruch nähme, zu vertreiben, ist nun die Aufgabe eines jeden Regisseurs, will er sich nicht in philosophischen Untiefen verlieren und das Publikum damit einschläfern. Klamauk ist da zumeist die Rettung. Humor ist wenn man trotzdem lacht, auch wenn das Dasein einem mitunter sinnlos erscheint.

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Das Deutsche Theater Berlin - Foto: St. Bock

Das Deutsche Theater Berlin – Foto: St. Bock

Langes Warten steigert bekanntlich das Verlangen. Und so ist es natürlich auch am Deutschen Theater, das uns lange auf die Folter gespannt hat. Die lange angekündigte Berlin-Premiere der Inszenierung von Warten auf Godot, bereits im Januar bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen herausgekommen, musste wegen einer Verletzung von Wolfram Koch beim Surfen im Urlaub ganze vier Wochen verschoben werden. Nun steht er doch am Sonntagabend als Estragon auf der Bühne des DT und zelebriert gemeinsam mit Schauspielpartner Samuel Finzi (Wladimir) in Andenken an Dimiter Gotscheff, der die Idee zu dieser Inszenierung nicht mehr selber umsetzen konnte, das Warten vor allem am Theater auch eine Kunst sein kann. Um die Vergänglichkeit von Zeit zu demonstrieren und ihr ein deutliches Bild zu geben, hat Bühnenbildner Mark Lammert die Bühnenschräge mit einem trichterförmigen Loch ausgestattet, das dem zeitlich wie örtlich unzureichend definierten Geschehen einen Raum gibt.

Es ist nach der nicht anwesenden Person des Godot, die zweite, nun sichtbare Unwägbarkeit, in die sich trefflich hineininterpretieren lässt. Ein Untiefe mit einem Sog, mindestens so groß, wie die Frage nach dem Wer oder Was, Warum oder Wohin und vor allem Wann. Ein großes Nichts, dass die Figuren ausspuckt und in das sie irgendwann wieder verschwinden werden. Das unendliche Universum, Gebärmutter und Grab, ein schwarzes Loch, das alle Zeit und Materie verschluckt. Zunächst zeigt uns Regisseur Ivan Panteleev anschaulich das Vergehen von Zeit, indem das Tuch, mit dem die Bühne bedeckt ist, langsam in dem Schlund des Trichters verschwindet. Ein Zeitstrudel, die Öffnung eines Stundenglases, durch das der Sand des Lebens rinnt. Ein besseres Vanitas-Symbol könnte es auf einer Bühne nicht geben.

Wolfram Koch, Christian Grashof, Andreas Döhler und Samuel Finzi in Warten auf Godot bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen - Foto (C) Arno Declair | Bildquelle: ruhrfestspiele.de

Wolfram Koch, Christian Grashof, Andreas Döhler und Samuel Finzi in Warten auf Godot bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen –
Foto (C) Arno Declair | Bildquelle: ruhrfestspiele.de

Keine Landstraße, kein Baum, keine ablenkenden Requisiten. Panteleev verzichtet auf alles, was Beckett noch heilig war. Nur ein Scheinwerfer an einem Mast, der die Bühne fahl ausleuchtet, wie eine Laterne, Baumersatz und Mond, in dessen Licht die beiden schicksalhaft verbundenen Tramps sehnsüchtigen schauen können. Alles andere ist ihnen genommen, die Rüben, wie die zu engen Schuhe Estragons und der Gürtel, der zum Aufhängen nicht taugt. Die Hoffnung bleibt und das Geschick der beiden Schauspieler, diesen ganz auf sich geworfenen Figuren Leben einzuhauchen. Und diese Chance ergreifen Koch und Finzi ein ums andere Mal.

Der Eiserne Vorhang klingelt und fährt geräuschvoll zu Beginn und Ende jedes der beiden Akte rauf und runter. Dazwischen heißt es spielen um die nackte Existenz. Im ersten Akt wird noch der Anschein gewahrt, es lohne sich das Warten, indem man mit etwas Philosophie die Zeit totschlägt und ein paar religiöse Themen abhandelt, wie etwa die Frage, warum nur einer der beiden Schächer erlöst wurde und nur einer der vier Evangelisten überhaupt davon berichtet. Die Sehnsucht Wladimirs nach der eigenen Erlösung wird durch das Desinteresse Estragons, den seine Schuhe mehr plagen als die Frage nach Gott und lieber nach gelben Rüben sucht, irgendwann ad absurdum geführt. Die beiden streiten wie ein altes Ehepaar, in dem Finzi den Part des Mitteilungsbedürftigen gibt und Koch nicht zuhören will und damit nur die Angst der eigenen Person überspielt.

Zu ihnen stoßen dann erwartungsgemäß als große Ablenkung vom eigenen Schicksal Pozzo und Lucky, gespielt von DT-Altstar Christian Grashof und Andreas Döhler, der als Lucky mal keine Koffer schleppen muss, sondern sich mit einem riesigen orangenen Tuch beschäftigt, das er immer wieder zusammenrafft, geduldig faltet, dabei hinstürzt und wieder von vorn beginnt. Grashof ist der vornehme Herr in Vollendung. Das Schurigeln der armen Kreatur Lucky ist ihm sichtliches Bedürfnis wie auch Last gleichermaßen. Ein ebenso schicksalhaft aneinander gekettetes Paar, auch ohne Strick. Ihnen fehlen gleichfalls sämtliche Requisiten wie Peitsche, Stuhl oder Hut. Lucky macht auf Befehl Yogaübungen und denkt laut. Seinen abstrusen Man-weiß-nicht-warum-Monolog blafft Döhler von der Rampe direkt ins Publikum. Er muss auch noch wortkarg den Jungen geben, der nach jedem Akt die Nachricht vom Nichtkommen Godots bringt, auf Fragen von einem Mann mit weißen Bart berichtet und dann auf den nächsten Tag vertröstet.

Warten auf Godot. Premierenbeifall für Wolfram Koch und Samuel Finzi am DT - Foto: St. B.

Warten auf Godot. Premierenbeifall für Wolfram Koch und Samuel Finzi am DT – Foto: St. B.

Als er weg ist, geht die Warteschleife von vorne los. Während Wladimir im zweiten Akt langsam verzweifelnd den Kanon vom Hund, der in Küche kam krächzt, um gegen die Einsamkeit anzusingen, nagt Estragon an seinem Knochen, den es nicht gibt, geht, schläft und vergisst Zeit, Tag und Grund ihres Tuns. Es ist eine Art Endlos-Pantomime, ein Pingpong der Worte und imaginären Gegenstände, wie der nichtvorhandene Hut Luckys, den sich die Finzi und Koch als Zeitvertreib immer wieder zuwerfen, mal wie Tennisspieler schlagen und dazu mit den Fingern schnippen. So imitieren sie auch ein Schachspiel ohne Brett und Figuren. Ein Slapstick jagt den nächsten, ein Kalauer den anderen. Dem Loch werden Didi und Gogo dennoch nicht entkommen, auch wenn sie sich gegenseitig umarmen, festhalten und mit den Jacken zusammenknöpfen. Immer mehr ähneln sie dem sich quälenden anderen Paar, das sie bereits imitieren. Der Abgrund ist nahe, aber sie haben zumindest sich und eine vage Ahnung von etwas anderem, was da noch sein könnte. Und auch das ist Theater. „Also? Wir gehen?“ / „Gehen wir!“ – usw., usf. … Großer Beifall und Bravorufe für die Akteure des kunstvollen Nichts.

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Warten auf Godot
von Samuel Beckett
Deutsch von Elmar Tophoven
Eine Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Deutschen Theater Berlin
(Premiere vom 28. September 2014)
Regie: Ivan Panteleev, Bühne und Kostüme: Mark Lammert, Mitarbeit Bühne: Ulrich Belaschk, Mitarbeit Kostüme: Karin Rosemann, Licht: Robert Grauel, Sound-Design: Martin Person, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Andreas Döhler, Samuel Finzi, Christian Grashof, Wolfram Koch.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Infos:
www.ruhrfestspiele.de
www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 30.09.2014 auf Kultura-Extra.

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