Archive for the ‘Ivo Van Hove’ Category

Zwischen engagierter Polititperformance, müdem Starevent und schrägem Musiktheater – Die Wiener Festwochen 2017

Dienstag, Juni 13th, 2017

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Agora – Ein politisches Mitmach-Projekt zum Thema Demokratie von Robert Misik bei den Wiener Festwochen

Eine Alternative zur Staatsform der Demokratie ist kaum denkbar, trotzdem wird nichts so sehr totgeredet sowie die politischen Aktionäre der etablierten Parteien als elitär und weltfremd verschrien. Der österreichische Journalist und Publizist Robert Misik hat deshalb im Rahmen der Wiener Festwochen 2017 ein Diskurs-Format mit dem Titel Agora ins Leben gerufen und liegt damit genau im Trend der Zeit und auch der neuerdings vorwiegend performativen Ausrichtung der Festwochen unter der Leitung des neuen Intendanten Tomas Zierhofer-Kin.

Misik ist kein Unbekannter im politischen Diskurs. Er ist seit den 1980er Jahren für die verschiedensten Printmedien und in Talkrunden politisch und kritisch in Deutschland und Österreich aktiv. Als großes Thema hat sich Misik die Frage „In was für einer Welt wollen wir leben?“ auf die Agenda seiner Agora geschrieben. Beratend zur Seite stand ihm dabei der Schweizer Recherche-Theatermacher Milo Rau, den er bei dessen 2013 durchgeführten Zürcher Prozessen gegen die rechtsnationale „Weltwoche“ kennengelernt hatte. Fake-News und falsche Statistiken zur Ausländerkriminalität sind noch immer ein Problem, mit dem die etablierte Politik zu kämpfen hat.

Robert Misik in Agora bei den Wiener Festwochen 2017
Foto (c) Luca Fuchs

In einem kabarettistischen Prolog werfen Simon Bauer, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff vom Ensemble des Wiener Schauspielhauses einige Schlagworte und bekannte Ressentiments in die Runde. Ein kleiner Wutbürgerchor, der sich über Lügenpresse, Nazivorwürfe und die sogenannte Demokratie der oberen Eliten echauffiert. Das politische Establishment steht in der Kritik und hat mit Trump und Le Pen gefährliche Gegner bekommen, die mit ihren populistischen Ansagen dem Volk eine starke Haltung suggerieren. Allgemeiner Tenor: Das Volk wird nicht gehört. Aber wer ist überhaupt das Volk, und ist es nicht eher eine inhomogene Bevölkerung, von der wir hier sprechen?

Dazu hat Misik die Schauspieler mit Kamera und Mikro auch noch durch die Wiener Einkaufszentren geschickt. Von den Bezirken Favoriten, mit hohem Ausländeranteil, bis Neubau, wo die intellektuellen „Gutmenschen“ sich angeblich das Land schön reden, hat man dem sogenannten Volk aufs Maul geschaut. „In welchem Zustand befindet sich unser Land?“ lässt Misik dann auch fragen. Zum Thema Demokratie gehen da, wie zu erwarten, die Meinungen von „super“ bis „wenig vorhanden“ weit auseinander. Dem in der Agora anwesenden Publikum, das hier nicht nur konsumieren sondern mitgestalten soll, will Misik also einen Diskursraum bieten, den er wie ein Parlament gestaltet. Auf einem Podium sitzen einige geladene Experten, mit dem Psychoanalytiker August Ruhs gibt es einen seriös-gesetzten Präsidenten, und Stefan Petzner, der Ex-BZÖ-Politiker, Ex-PR-Berater und ehemalige „Lebensmensch“ von Jörg Haider darf den smarten Spin-Doctor spielen.

Wer nun aus dem Publikum heraus etwas sagen will, muss zu einer Markierung am Boden gehen und bekommt dann drei Minuten Redezeit an einem Pult in der Mitte des Präsidiums. Geübter Frontalunterricht in Sachen Demokratie also. Dass sich ein solcher Abend nicht im Beliebigen verfängt, braucht es natürlich einen entsprechenden Trigger. Einerseits gibt Misik eine Art Beipackzettel mit Fragen im Programmheft vor, anderseits bringt er in diesem Fall mit dem österreichischen Gewerkschafter Willi Memyi einen Mann vom Fach, der über die Schwierigkeiten einen Betriebsrat zu gründen und die kreative Bauernschläue von Waldviertlern gegen ein geplantes Nazikonzert berichtet. Für den Gewerkschaftsmann besteht gelebte Demokratie vor allem Engagement und Kreativität. Zudem beklagt er die fehlende öffentliche Empörung bei Arbeitgeberwillkür.

 

Agora bei den Wiener Festwochen 2017 – Foto (c) Luca Fuchs

 

Durchaus provokant wirken auch die Einwürfe der geladenen Journalistin und Politaktivistin Livia Klingl. Allerdings hilft das am Anfang nicht viel. Wie fast immer will niemand der Erste sein. Erst nachdem diese Schwelle durchbrochen ist, indem eine Österreicherin die allgemeine Machtlosigkeit moniert und eine deutsche Lehrerin von der Mitbestimmung im Kleinen eines Klassenrats spricht und die Rücknahme politischer Entscheidungen nach Wahlen beklagt, ist unter dem Publikum kaum noch ein Halten. Das führt dann irgendwann sogar dazu, dass Misik sein strenges Redregime etwas aufweicht und sich damit für einige jugendliche Diskursler sogar der Frage stellt, ob nicht schon diese hierarchische Sitzordnung das Problem darstellt, worauf sich das Präsidium ins Parlament auflöst.

Auffallend häufig wird am Abend über Bildung und Bildungssysteme gesprochen, von Wien über Baden-Württemberg bis nach Südtirol. Auch einige Schweizer sind anwesend. Deutschsprachig gesehen ähneln sich die angesprochenen Probleme durchaus, auch wenn am Beispiel selbstherrlicher Landeshauptmänner immer auch etwas österreichlastig bleibt. Allerdings wird die Diskussionsrunde auch nie wirkliche konkret. Die Frage nach der Chancengleichheit und der Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen direkter Demokratie oder außerparlamentarischer Aktionen beherrschen die Redebeiträge aus dem Publikum. Der gleichberechtigte Diskurs auf Augenhöhe scheint da fast wichtiger als die eigentlichen Themen, von denen sich manche sogar überfordert fühlen.

Im Grunde liegt genau in der Verselbständigung des Abends der Reiz wie auch der Fluch der Sache. „Demokratie ist verletzlich“, schreibt Misik auf einen der Zettel, die er fast als einzige Kommentare seinerseits immer wieder in die Kamera vor seinem Platz hält. Das sagt letztendlich mehr als jeder Versuch, das vage Staatsmodel Demokratie schlüssig erklären zu wollen. In einem Prolog der Schauspielabteilung des Wiener Schauspielhauses wird das dann allerdings noch einmal versucht. Aber kann man Demokratie erlernen? Eine Frage, die obsoleter kaum sein kann. Nicht dass es solche Diskussionsrunden am Theater nicht schon gäbe, man denke nur an die Reihen „Streitraum“ oder „Streit ums Politische“ an der Berliner Schaubühne. Allerdings hat dabei kaum jemand versucht, den Ball so direkt ins Publikum zu spielen. Dumm ist das nicht. Misik hat es im Schauspielhaus vorgemacht. Andere Theater werden mit Sicherheit folgen.

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Agora, UA (Schauspielhaus Wien, 31.05.2017)
ein Projekt von Robert Misik
Realisation: Robert Misik
Konzeptionelle Mitarbeit: Milo Rau
Bühne: Michael Zerz
Kostüme: Mirjam Ruschka
Dramaturgie: Tobias Schuster
Regieassistenz: Gabriel Zschache
Coach: August Ruhs, Psychiater und Psychoanalytiker
Spin-Doctor: Stefan Petzner, PR-Berater, ehemals Politiker
Mit: Simon Bauer, Steffen Link, Robert Misik, Vassilissa Reznikoff & Gästen aus Publizistik, Politik und Gesellschaft
Gäste am 31.05.2017:
Input: Willi Mernyi, Bundesgeschäftsführer der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter*innen
Bernhard Damisch, Jugendarbeiter
Can Gülcü, Kulturschaffender und Aktivist
Livia Klingl, Journalistin und Autorin
Eine Produktion des Schauspielhauses Wien in Kooperation mit den Wiener Festwochen
Die Premiere war am 29.05.2017 im Schauspielhaus Wien
Weitere Termine bei den Festwochen noch bis 14.06.2017

Weitere Infos unter: http://www.schauspielhaus.at/

Zuerst erschienen am 02.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Obsession – Ivo van Hoves Visconti-Adaption mit dem britischen Hollywoodstar Jude Law kann auf den Wiener Festwochen künstlerisch wenig überzeugen

Viel namenlose Performance gegen einen Film- und Bühnenstar in einer der wenigen konventionellen Sprechtheaterinszenierungen bei den Wiener Festwochen. Da enttäuscht es doch etwas, wenn gerade die mit dem britischen Schauspieler Jude Law auftrumpfende und der Toneelgroep Amsterdam sowie dem Londoner Barbican Theatre koproduzierte Inszenierung Obsession in der Regie des auch in Deutschland nicht ganz unbekannten Holländers Ivo van Hove die künstlerischen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Das lag sicher nicht am durchaus bühnenerprobten Hollywoodstar, zeigt aber, dass der Einsatz von Publikumsmagneten noch kein Garant für gutes Theater ist, auch wenn es die Zuschauer zuhauf in die Aufführungen im Wiener Museumsquartier zog.

 

Obsession bei den Wiener Festwochen 2017
Foto (c) Jan Versweyveld

 

Der Roman The Postman Always Rings Twice (Wenn der Postmann zweimal klingelt), 1934 vom US-amerikanischen Krimiautor James M. Cain geschrieben, ist mehrfach für das Kino adaptiert worden. Ivo van Hove hat sich für seine Bühnenfassung das Regiedebüt des italienischen Regisseurs Luchino Visconti ausgesucht. Ossessione (Besessenheit) weicht am weitesten vom Krimiplot Cains ab und verlegt die Handlung ins faschistische Italien des Jahres 1942. Der Film wird daher auch als die Geburtsstunde des italienischen Neorealismus bezeichnet. Diesen Realismus gibt Ivo van Hove zu Gunsten eines unbestimmten, sterilen Bühnensettings auf. Nicht die zeitliche oder gesellschaftliche Verortung ist für den Regisseur interessant, sondern die rein zwischenmenschlichen Gefühle, die er für falsch und kalt hält, wie die leere, mit grauen Wänden umrahmte Bühne von Jan Versweyveld.

Zu Beginn steht Gijs Scholten van Aschat als älterer Werkstattbesitzer Joseph an einem vom Schnürboden hängenden Motor und bastelt daran herum, während Halina Reijn als seine junge Frau Hanna von einem Tresen aus zusieht. Jud Law als Landstreicher Gino spielt im Hintergrund Mundharmonika und später im Unterhemd mit seinen Muskeln, wenn er den Motor und die Wasserpumpe des kurz abwesenden Hausherrn repariert. Ein Blick zu Hanna reicht, und es knistert hörbar. Die Leidenschaft scheint sofort entfacht. Der Sex wirkt etwas ungelenk wie das prompte Versprechen der Liebe, das Gino Hanna gibt. Viele der Szenen erscheinen, kaum richtig ausagiert, wie Stückwerk.

 

Obsession bei den Wiener Festwochen 2017
Foto (c) Jan Versweyveld

 

Aus den 140 Minuten Viscontis destilliert van Hove straffe 100 Minuten, die zwar alle Szenen von Ossessione streifen, aber die italienische Hitze der Leidenschaften außen vor lassen. Einzig die Arie „Di Provenza il mare, il suol“ des Germont aus der Verdi-Oper La traviata, die der betrogene Ehemann Joseph singt, bevor der übergriffige Macho von den beiden Liebenden ermordet wird, steht noch dafür. „Dio m’esaudì!“ singt der Sterbende unter dem Gebrüll des großen Motors, der wie ein Deus ex Machina vom Bühnenhimmel schwebt und sein Öl über die Leiber der miteinander Ringenden versprüht. Ein Konglomerat aus verschiedensten Leidenschaften. Die Maschinerie läuft aber nicht nur gut geölt. Motor wie Handlung stocken nun ein ums andere mal. Zweifel nagen an den sich nach Leidenschaft Verzehrenden. Sie finden kaum noch die richtigen Worte und fliehen einander.

Dazu stellt sich Gino immer wieder auf ein Stück Laufband und rennt auf der Stelle. Ein Entrinnen scheint unmöglich, ebenso wie die Erfüllung des Versprechens nach Liebe und Freiheit. Van Hoves Inszenierung wird nun immer operettenhafter. Nun darf auch Halina Reijn singen und dabei etwas unvermittelt Müll über die Bühne verteilen. Sie lieben und sie schlagen sich. Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Dazu kommt der Einsatz von Nebendarstellern, die wie zufällige Sidekicks am Bühnenrand sitzen oder plötzlich von der Seite her in die Szene schlendern. Zum Beispiel wirkt Chukwudi Iwuji, der neben dem Priester auch noch den Inspektor gibt, der dem Paar auf der Spur ist, wie Columbo, der in seinen Filmen auch immer wieder unversehens im Trenchcoat auftauchte. Zum Schluss wird es dann sogar noch ziemlich kitschig, wenn Ginos Sehnsuchtsort Meer auf einer hochgeklappten Videoleinwand flimmert und die Wellen dazu rauschen. Na ja.

 

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Obsession (03.06.2017, Halle E im MuseumsQuartier)
nach dem Film Ossessione von Luchino Visconti
Regie: Ivo van Hove
Text, Dramaturgie: Jan Peter Gerrits
Bühne und Lichtdesign: Jan Versweyveld
Video: Tal Yarden
Kompositionen: Eric Sleichim
Sound Design: Tom Gibbons
Kostüme: An d‘Huys
Mit: Jude Law, Robert de Hoog, Halina Reijn, Gijs Scholten van Aschat, Chukwudi Iwuji, Aysha Kala
Produktion: Toneelgroep Amsterdam, Barbican Theatre Productions Limited
Eine Auftragsarbeit von Barbican Theatre Productions Limited
gemeinsam mit Wiener Festwochen und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg
Koproduktion: Holland Festival und David Binder Productions
Private Producers: Harry und Marijke van den Bergh, Joachim Fleury, Joost und Marcelle Kuiper
Supported by the Embassy of the Kingdom of the Netherlands

Zuerst erschienen am 06.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Mondbasis an Alpha: Der will doch nur spielen – Jonathan Meese inszeniert bei den Wiener Festwochen seinen MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ) im Theater an der Wien

Ein weiteres Großevent bei den diesjährigen Wiener Festwochen war mit Sicherheit der nachgeholte Parsifal-Streich des in Bayreuth als Regisseur des Wagner’schen Bühneweihfestspiels geschassten Jonathan Meese. Das aus der bildenden Kunst kommende Hamburger Entfant terrible hat seine vom Bayreuther Wagnerclan aus finanziellen Gründen verhinderten Pläne nun in einer Koproduktion der Wiener Festwochen mit den Berliner Festspielen verwirklicht. Dafür hat der Komponist Bernhard Lang Wagners Libretto überschrieben und eine an Richard Wagner, der Zwöfltonmusik Arnold Schönbergs und modernem Jazz orientierte Vertonung der von Meese jetzt MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ) genannten Oper geschrieben, die nun im Theater an der Wien Premiere feierte.

 

MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
Foto (c) Jan Bauer, Courtesy by Jonathan Meese

 

Wagners Parsifal haben Meese und Lang als Space Opera in eine unbestimmte Zukunft gebeamt und ein Vexierspiel der musikalischen, kunsttheoretischen und popkulturellen Verweise kreiert. Da steckt neben einer unglaublichen Fülle von Zitaten aus Kunst und Kino doch noch erstaunlich viel Wagner drin. Im 1. Aufzug zeigt Meeses Bühne eine Art Gletscher, auf dem zunächst eine Wagnerfigur mit dem Rücken zum Publikum steht und anmutet wie Caspar David Friedrich’s Wanderer über dem Nebelmeer. Es ließe sich hier aber genauso gut an Nietzsche denken. Letztendlich ist es Magdalena Anna Hofmann, die Darstellerin der Kundry (bei Lang: Cundry), der Meese wie Wagner den Part der ambivalenten Symbolfigur überträgt. Anklägerin der mitleidlosen Gralsgemeinschaft im 1. Aufzug, als Barbarella die Versucherin des reinen Toren Parsifal im 2. Aufzug, und schließlich mutiert sie im 3. Aufzug als geharnischte Herzeleide mit Pfeil und Bogen zu Meeses ERZMUTTER DER K.U.N.S.T.

Parsifal (Parzefool) landet in der Eiswüste der Gralsritter mit einem Raumschiff und pflanzt das Banner der Diktatur der Kunst in den Gletscher. Der Countertenor Daniel Gloger ist der reinkarnierte Sean Connery, der als Zed aus John Boormans 1970er-Jahre-Science-Fiction Zardoz in kurzen roten Lederhosen über die Bühne stiefelt. Tómas Tómassons Amfortas (Amphortas) ist Captain Kirk mit einer rotierenden Spiral-Scheibe als Wunde vor der Brust, und der Gurnemanz (Gurnemantz) von Wolfgang Bankl steigt wie der Yeti aus dem Eisschrank und trägt wie Meese Trainingsanzug. Die Armee der Gralsritter trägt das Eiserne Kreuz. DEMUT steht auf einer Säule, doch hier ist nur Meeses Demut vor dem Meister gemeint. „RICHARD WAGNERZ IST TOTALSTCHEF“ und Meese sein „Schütze Arsch“. Mehr Hintergründe liefert das von Jonathan Meese ausgestaltete Programmheft.

 

MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
Foto (c) Jan Bauer, Courtesy by Jonathan Meese

 

Zum eingeblendeten Libretto von Bernhard Lang liefert Meese in leuchtend roten Versalien seine Kunst-Kommentare im gewohnten Telegrammstil mit dickem Ausrufezeichen: REALSTKUNST IST DER NOTSCHREI ZUKUNFT! – ENTMACHTET ALLE IDEOLOGIEN! – KUNST IST DER RELIGIONSLOSESTE RAUM! – KUNST IST FEIHEIT! usw. Komponist Lang variiert bestimmte Themen aus Wagners Musik mit elektronischen Klängen, Loops und Saxophoneinlagen, was sicher nicht nur für geübte Wagnerianer gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Ebenso dreist wie witzig ist es, zu „Leb wohl du lieber Schwan“ das Lohengrin-Thema anzuspielen. Grandios in Form ist das Klangforum Wien unter der Leitung von Simone Young, und auch die Sangespartien sind durchaus Wagner-würdig. Fans zeitgenössischer Musik werden jedenfalls sicher auf ihre Kosten kommen.

Im 2. Aufzug nach der ersten Pause landet Parsifals Mondfahrt im Reich Klingsors, das mit einem marschierenden Chor flotter Manga-Mädchen und einem Perversling als Klingsor (Clingsore) in einer Mondlandekapsel aufwartet. Martin Winkler ist der 007-Bösewicht Dr. No, der mit Sense im Totenschiff unterwegs ist, sich mit einem Teddybären vergnügt und Kundry zur Verführung Parsifals zwingt. Auch hier dominieren wieder Meeses Zeichen- und Zitateninventar und Slogans wie: UNGOTT GRÜSST DIE K.U.N.S.T.! Es kommt zum High Noon um den Wunderspeer zwischen Parsifal und Klingsor/Kundry. Doch: DIE KUNST ÜBERLEBT ALLE(S)! Der Sieg gehört dem intuitiven Spielkind Parsifal, dem letzten der Mohikaner.

Der 3. Aufzug spielt fast komplett vor einer bühnenbreiten Projektion des Stummfilmklassikers Die Nibelungen von Fritz Lang aus dem Jahr 1924. Das scheint von allen Einfällen Meeses noch der schlüssigste zu sein. Nah an Wagner ist es sowieso. Der Mörder Siegfrieds, Hagen von Tronje, spielt hier in Gestalt von Gurnemanz noch eine Rolle. Dem heiligen Ernst und Pathos um Ehre und Treue der Nibelungen setzen Jonathan Meese und Bernhard Lang (H)ERZBLUT, RADIKALSTLIEBE und den SEHNSUCHTSSTAAT KUNST entgegen. Ein Parsifal in goldener Rüstung steht zu Amfortas‘ „Last Tango“ auf der Bühne. Es folgt das Grande Finale mit einem Gralsritter/Manga-Chor und einem schuhplattlerndem Klingsor in Lederhose. Meese textet final: K.U.N.S.T. RUF MICH AN!!!! Diese Inszenierung hätte in Bayreuth sicher einigen Unmut erzeugt, käme aber an Christoph Schlingensiefs Parsifal nicht heran. Sie ist als Kunstevent auch besser bei den Wiener Festwochen aufgehoben. Die BETA-Version des ganzen Spaßes ist dann im Oktober im Haus der Berliner Festspiele zu sehen.

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MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
(Uraufführung im Theater an der Wien, 04.06.2017)
Oper von Bernhard Lang nach Richard Wagners „Parsifal“
Musikalische Leitung: Simone Young
Regie, Bühne und Kostüme: Jonathan Meese
Mitarbeit Bühne: Jörg Kiefel
Mitarbeit Kostüme: Jorge Jara
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Henning Nass
Choreografie: Rosita Steinhauser
Klangregie, Sound Design: Peter Böhm, Florian Bogner
Besetzung:
Amphortas / Amfortas: Tómas Tómasson
Gurnemantz / Gurnemanz: Wolfgang Bankl
Parzefool / Parsifal: Daniel Gloger
Clingsore / Klingsor: Martin Winkler
Cundry / Kundry: Magdalena Anna Hofmann
Erster Gralsritter: Alexander Kaimbacher
Zweiter Gralsritter: Andreas Jankowitsch
Erster Knappe: Johanna von der Deken
Zweiter Knappe: Sven Hjörleifsson
4 Blumenmädchen: Manuela Leonhartsberger, Xiaoyi Xu, Melody Wilson, Marie-Pierre Roy
Klangforum Wien
Arnold Schoenberg Chor
Auftragswerk und Produktion der Wiener Festwochen in Koproduktion mit den Berliner Festspielen/Immersion

Weitere Termine (in Berlin): 15., 16., 18.10.2017

Zuerst erschienen am 09.06.2017 auf Kultura-Extra.

Weitere Infos: http://www.festwochen.at/
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Unter Warmduschern und Dandys – Christopher Marlowes Edward II. und Alexander Puschkins Eugen Onegin an der Berliner Schaubühne

Freitag, Dezember 30th, 2011

schaubuhne-kudamm.JPG Foto: St. B.
Lebendige Historie oder vergeudete Lebenszeit? An der Schaubühne kann man dem Verrinnen von Zeit nicht immer nur gelassen entgegensehen.

Das Beste zum Feste, denkt sich die Berliner Schaubühne in der Adventszeit am lichterumflorten Ku`damm und schickt Marlowes „Edward II.“ unter der Oberaufsicht von Regisseur Ivo Van Hove in einen videoüberwachten Bühnenhöllen-Knast. Dort wartet man aber nicht auf die Ankunft des Heilands, sondern spinnt eifrig Intrigen gegen den unstandesgemäßen Günstling des Königs Edward. Dieser Gaveston, dargestellt von Christoph Gawenda, Neuankömmling in der weggesperrten Hofgesellschaft, die sich in sechs gleichgroßen Gefängniszellen um ihren König schart und ständig Prestigeverlust wittert, ist ein vollmundiger Schönling, der schnell den Unmut der Lords erregt. Man murrt, lässt die Muskeln spielen und begehrt schließlich auf.

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Ivo Van Hove versucht sich an der Berliner Schaubühne an Molières Menschenfeind und Lars Eidinger bekommt dabei ein mittelschweres Müllproblem

Montag, September 20th, 2010

Mit schöner Regelmäßigkeit wenn den Theatern nichts mehr zur Lage der Nation einfällt, taucht „Der Menschenfeind“ auf den Spielplänen auf. Das Stück zur Wertedebatte. Heuchelei gegen den Drang im Menschen doch besser die Wahrheit zu verkünden, oder ist nicht doch eher der ein Heuchler, der dies ständig nur vorgibt? Alceste der Misanthrop schlechthin verkörpert diese Lebensart bis zur letzten Konsequenz, die Koketterie der anderen Heuchler ist ihm in dieser Inszenierung sogar sprichwörtlich Wurscht und geht ihm nur um Haaresbreite am Allerwertesten vorbei. Wenn ihm dabei nicht immer der eigene Schwanz im Wege wäre. Die Liebe zur flatterhaften Célimène lässt ihn an seinen Idealen scheitern. Er und seine hehren Absichten stehen sich selbst im Weg.
Nachdem Andreas Kriegenburg in der letzen Spielzeit am DT eher konventionell versuchte die Seelen der Protagonisten auf Großbildleinwand aufs feinste zu sezieren, setzt Ivo Van Hove, Chef der Amsterdamer Toneelgroep in seiner ersten Arbeit für die Schaubühne auf totale Konfrontation und will den Wandel in der Gesellschaft direkt auf die Bühne bringen, alte Werte gegen die Auflösung traditioneller Lebensweisen. Die Figuren sprechen Molières Verse würden aber lieber an das ewig klingelnde Handy gehen. Das Neue an dieser Inszenierung ist nicht nur die kleinere Videowand sondern auch das neben der Benutzung einiger technischen Hilfsmitteln der Mediengesellschaft noch ein eher dürftiges Festgelage der haltlosen Schickeria mit Erdnusschips, Bockwurst und langem Baguette durch Alceste zerlegt wird und man sich dabei lieber zu alten Werten wie „Spiel nicht mit dem Essen anderer Leute“ wünscht. Nach einem weiteren vergeblichen Versuch Müll auf offener Bühne zu trennen und einige Telefonate und E-Letters später geht Alceste mit Célimène dann lieber doch nicht in die Wüste und alle verhinderten Müllmänner und -frauen stellen sich zu einem Tableau der Ratlosigkeit an der Bühnerampe auf.
Den smarten Menschenfeind gibt übrigens Lars Eidinger, der spätestens jetzt zu den letzten echten Wilden auf Berlins Theaterbühnen zählen dürfte. Man wird auch diesmal nicht enttäuscht und braucht erwartungsgemäß nicht lange darauf zu warten, das er irgendwann die Hose fallen lässt und sich auf den Präsentierteller der ausgelassenen Tafelrunde legt, seinem Ekel über diese malade Welt freien Lauf lassend.
Regisseur Ivo Van Hove kann leider diesem Drama über die Unfähigkeit der Menschen, eigenen Anspruch und herrschende Wirklichkeit in Einklang zu bringen, nichts weiter hinzufügen. Er rutscht beim Ausfegen alter Werte auf dieser all zu glatten und zugemüllten Bühne einfach nur aus. Den Sinn kann sich wer will in den Resten dieser Inszenierung selber zusammen suchen.

Nachtrag:

Die Inszenierung des Menschenfeinds findet heute in den Feuilletons ihre Fortsetzung. Es wird rumgeeiert vom Feinsten. Wie sage ich meinem Kind, das es nicht mit Müll spielen soll, ohne mich als Spießer zu outen? Da wird von den schönen blauen Augen der Judith Rosmair geschwärmt und die Schauspielkunst der alten Schaubühne in der Verkörperung von Corinna Kirchhoff hoch gelobt. Das ist mit Sicherheit auch so. Im Grunde finden aber alle die Inszenierung so lala oder aseptisch, machen kleine Witzchen oder haben gar keine konkrete Meinung. Keiner traut sich aber Quark zu sagen, außer vielleicht noch PH Göpfert, der das rumlavieren eh nicht mehr nötig hat. Es wird auch gar nicht erst nach einem Sinn gesucht, weil er nicht zu sehen ist. Wenn das tatsächlich so wäre, das Ivo Van Hove uns nur vorführen wollte, warum kippt dann Lars Eidinger den Müll nicht gleich ins Publikum, und sagt: Wenn ihr meinen Hintern sehen wollt, hier ist er. Angst vor den Konsequenzen, da würde ja das Regiekonzept auf die Macher selbst zurückschlagen.
Dass man all zu aufgesetzte Melancholie oder auch Tragik in satirischem Boulevard auflösen kann hat ja Frank Castorf an der Volksbühne gerade bewiesen. Aber hier läuft sich alles nach einer Stunde tot. Lauter glatte Benutzeroberflächen an denen der Misanthrop Alceste mit seinen Ausbrüchen abrutscht. Vor allem sind sie völlig unbegründet, er ist weder aus der Gesellschaft ausgeschlossen, noch flieht er sie wegen ihrer Oberflächlichkeit. Nein er besitzt alle ihre Attribute und sucht geradezu ihre Nähe, um sich produzieren zu können.
Einzig interessant wäre tatsächlich noch die Frage nach den Hintergründen dieses Stückes in Molièrs Zeiten, von Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung vorsichtig angefragt. Van Hove hebt die Hofschranzen mit ihrer Arschkriecherei in die Höhe eines modernen Menschen, ja wohin kriechen die denn aber heute eigentlich? Karrieristentum, Mobbing etc. kommt bei ihm gar nicht vor. Den Prozess im Hintergrund hätte er komplett streichen können, was hat denn heutzutage einer noch zu erwarten bei einem Rufmordprozess z.B. Vielleicht noch gesellschaftliche Ächtung und Jobverlust. Beispiele dafür gäbe es, sogar ziemlich aktuelle. Da das Alceste in diesem Falle aber Bockwurst sein dürfte, bleibt alles vage, ob er lieber weiter rebelliert, sein Pseudospießertum aufgibt und die Liebe siegt oder doch alles so bleibt wie es ist. Diese Inszenierung führt sich letztendlich selbst ad absurdum und im Publikum können sich alle wieder beruhigt zurücklehnen, wir sind ja Gott sei dank nicht gemeint.
Da es nun draußen wieder kälter wird, hier vielleicht zum 150. Todestags des Obermisanthropen und Stachelschweinliebhabers Arthur Schopenhauer noch ein kleines Zitat von ihm: „So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.“ Und die, denkt sich Ivo Van Hove, schaffe ich jetzt eben gleich mal mit ab. Gegen fehlende innere Wärme kann man nun ja auch in der Schaubühne wieder zusammenrücken, die restlichen Stacheln des Menschenfeinds hat Ivo Van Hove alle schön platt gebügelt.

21.09.10