Archive for the ‘Ivo Van Hove’ Category

Unter Warmduschern und Dandys – Christopher Marlowes Edward II. und Alexander Puschkins Eugen Onegin an der Berliner Schaubühne

Freitag, Dezember 30th, 2011

schaubuhne-kudamm.JPG Foto: St. B.
Lebendige Historie oder vergeudete Lebenszeit? An der Schaubühne kann man dem Verrinnen von Zeit nicht immer nur gelassen entgegensehen.

Das Beste zum Feste, denkt sich die Berliner Schaubühne in der Adventszeit am lichterumflorten Ku`damm und schickt Marlowes „Edward II.“ unter der Oberaufsicht von Regisseur Ivo Van Hove in einen videoüberwachten Bühnenhöllen-Knast. Dort wartet man aber nicht auf die Ankunft des Heilands, sondern spinnt eifrig Intrigen gegen den unstandesgemäßen Günstling des Königs Edward. Dieser Gaveston, dargestellt von Christoph Gawenda, Neuankömmling in der weggesperrten Hofgesellschaft, die sich in sechs gleichgroßen Gefängniszellen um ihren König schart und ständig Prestigeverlust wittert, ist ein vollmundiger Schönling, der schnell den Unmut der Lords erregt. Man murrt, lässt die Muskeln spielen und begehrt schließlich auf.

(mehr …)

Ivo Van Hove versucht sich an der Berliner Schaubühne an Molières Menschenfeind und Lars Eidinger bekommt dabei ein mittelschweres Müllproblem

Montag, September 20th, 2010

Mit schöner Regelmäßigkeit wenn den Theatern nichts mehr zur Lage der Nation einfällt, taucht „Der Menschenfeind“ auf den Spielplänen auf. Das Stück zur Wertedebatte. Heuchelei gegen den Drang im Menschen doch besser die Wahrheit zu verkünden, oder ist nicht doch eher der ein Heuchler, der dies ständig nur vorgibt? Alceste der Misanthrop schlechthin verkörpert diese Lebensart bis zur letzten Konsequenz, die Koketterie der anderen Heuchler ist ihm in dieser Inszenierung sogar sprichwörtlich Wurscht und geht ihm nur um Haaresbreite am Allerwertesten vorbei. Wenn ihm dabei nicht immer der eigene Schwanz im Wege wäre. Die Liebe zur flatterhaften Célimène lässt ihn an seinen Idealen scheitern. Er und seine hehren Absichten stehen sich selbst im Weg.
Nachdem Andreas Kriegenburg in der letzen Spielzeit am DT eher konventionell versuchte die Seelen der Protagonisten auf Großbildleinwand aufs feinste zu sezieren, setzt Ivo Van Hove, Chef der Amsterdamer Toneelgroep in seiner ersten Arbeit für die Schaubühne auf totale Konfrontation und will den Wandel in der Gesellschaft direkt auf die Bühne bringen, alte Werte gegen die Auflösung traditioneller Lebensweisen. Die Figuren sprechen Molières Verse würden aber lieber an das ewig klingelnde Handy gehen. Das Neue an dieser Inszenierung ist nicht nur die kleinere Videowand sondern auch das neben der Benutzung einiger technischen Hilfsmitteln der Mediengesellschaft noch ein eher dürftiges Festgelage der haltlosen Schickeria mit Erdnusschips, Bockwurst und langem Baguette durch Alceste zerlegt wird und man sich dabei lieber zu alten Werten wie „Spiel nicht mit dem Essen anderer Leute“ wünscht. Nach einem weiteren vergeblichen Versuch Müll auf offener Bühne zu trennen und einige Telefonate und E-Letters später geht Alceste mit Célimène dann lieber doch nicht in die Wüste und alle verhinderten Müllmänner und -frauen stellen sich zu einem Tableau der Ratlosigkeit an der Bühnerampe auf.
Den smarten Menschenfeind gibt übrigens Lars Eidinger, der spätestens jetzt zu den letzten echten Wilden auf Berlins Theaterbühnen zählen dürfte. Man wird auch diesmal nicht enttäuscht und braucht erwartungsgemäß nicht lange darauf zu warten, das er irgendwann die Hose fallen lässt und sich auf den Präsentierteller der ausgelassenen Tafelrunde legt, seinem Ekel über diese malade Welt freien Lauf lassend.
Regisseur Ivo Van Hove kann leider diesem Drama über die Unfähigkeit der Menschen, eigenen Anspruch und herrschende Wirklichkeit in Einklang zu bringen, nichts weiter hinzufügen. Er rutscht beim Ausfegen alter Werte auf dieser all zu glatten und zugemüllten Bühne einfach nur aus. Den Sinn kann sich wer will in den Resten dieser Inszenierung selber zusammen suchen.

Nachtrag:

Die Inszenierung des Menschenfeinds findet heute in den Feuilletons ihre Fortsetzung. Es wird rumgeeiert vom Feinsten. Wie sage ich meinem Kind, das es nicht mit Müll spielen soll, ohne mich als Spießer zu outen? Da wird von den schönen blauen Augen der Judith Rosmair geschwärmt und die Schauspielkunst der alten Schaubühne in der Verkörperung von Corinna Kirchhoff hoch gelobt. Das ist mit Sicherheit auch so. Im Grunde finden aber alle die Inszenierung so lala oder aseptisch, machen kleine Witzchen oder haben gar keine konkrete Meinung. Keiner traut sich aber Quark zu sagen, außer vielleicht noch PH Göpfert, der das rumlavieren eh nicht mehr nötig hat. Es wird auch gar nicht erst nach einem Sinn gesucht, weil er nicht zu sehen ist. Wenn das tatsächlich so wäre, das Ivo Van Hove uns nur vorführen wollte, warum kippt dann Lars Eidinger den Müll nicht gleich ins Publikum, und sagt: Wenn ihr meinen Hintern sehen wollt, hier ist er. Angst vor den Konsequenzen, da würde ja das Regiekonzept auf die Macher selbst zurückschlagen.
Dass man all zu aufgesetzte Melancholie oder auch Tragik in satirischem Boulevard auflösen kann hat ja Frank Castorf an der Volksbühne gerade bewiesen. Aber hier läuft sich alles nach einer Stunde tot. Lauter glatte Benutzeroberflächen an denen der Misanthrop Alceste mit seinen Ausbrüchen abrutscht. Vor allem sind sie völlig unbegründet, er ist weder aus der Gesellschaft ausgeschlossen, noch flieht er sie wegen ihrer Oberflächlichkeit. Nein er besitzt alle ihre Attribute und sucht geradezu ihre Nähe, um sich produzieren zu können.
Einzig interessant wäre tatsächlich noch die Frage nach den Hintergründen dieses Stückes in Molièrs Zeiten, von Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung vorsichtig angefragt. Van Hove hebt die Hofschranzen mit ihrer Arschkriecherei in die Höhe eines modernen Menschen, ja wohin kriechen die denn aber heute eigentlich? Karrieristentum, Mobbing etc. kommt bei ihm gar nicht vor. Den Prozess im Hintergrund hätte er komplett streichen können, was hat denn heutzutage einer noch zu erwarten bei einem Rufmordprozess z.B. Vielleicht noch gesellschaftliche Ächtung und Jobverlust. Beispiele dafür gäbe es, sogar ziemlich aktuelle. Da das Alceste in diesem Falle aber Bockwurst sein dürfte, bleibt alles vage, ob er lieber weiter rebelliert, sein Pseudospießertum aufgibt und die Liebe siegt oder doch alles so bleibt wie es ist. Diese Inszenierung führt sich letztendlich selbst ad absurdum und im Publikum können sich alle wieder beruhigt zurücklehnen, wir sind ja Gott sei dank nicht gemeint.
Da es nun draußen wieder kälter wird, hier vielleicht zum 150. Todestags des Obermisanthropen und Stachelschweinliebhabers Arthur Schopenhauer noch ein kleines Zitat von ihm: „So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.“ Und die, denkt sich Ivo Van Hove, schaffe ich jetzt eben gleich mal mit ab. Gegen fehlende innere Wärme kann man nun ja auch in der Schaubühne wieder zusammenrücken, die restlichen Stacheln des Menschenfeinds hat Ivo Van Hove alle schön platt gebügelt.

21.09.10