Archive for the ‘James Joyce’ Category

Legendäre Romane und Filme auf Berliner Bühnen – „Ulysses“ am Deutschen Theater und „Kinder des Paradieses“ am Berliner Ensemble

Dienstag, Januar 23rd, 2018

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Ulysses – Sebastian Hartmann inszeniert am Deutschen Theater Berlin seine Adaption des berühmten Romans von James Joyce als textschweres Assoziationsgewitter

Foto (c) Arno Declair

Sebastian Hartmann hat ein Faible für schwerverdauliche Romanadaptionen. Schon zu Zeiten seiner Leipziger Intendanz hat er literarische Brocken wie Thomas Manns Zauberberg oder Lew Tolstois Krieg und Frieden recht erfolgreich auf die Bühne gehievt. Mit Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz ist ihm selbiges auch am Deutschen Theater Berlin geglückt. Nach Mann und Döblin – beide nachweislich Verehrer des irischen Schriftstellers James Joyce – lag es daher nahe, sich auch an dessen berühmten, 1922 erschienen und seitdem in der Literaturwissenschaft bis heute viel diskutierten Roman Ulysses zu wagen. Ein Unterfangen, an dem man eigentlich nur scheitern kann.

Joyce beschreibt in 18 in sehr unterschiedlichen Schreibstilen gehaltenen Episoden einen Tag in Dublin des Jahres 1904, den die Joyce-Fans jährlich am 16. Juni als sogenannten Bloomsday feiern. Der Autor hält sich im Aufbau an bestimmte Figuren und Episoden aus der Odyssee des Homer. Hauptfiguren des Romans sind der 38jährige Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom (Odysseus) sowie der etwas jüngere Lehrer Stephen Dedalus (Telemachos) – beide durchaus als Alter Egos des Autors zu verstehen – die sich auf ihrem Weg durch die Stadt Dublin immer wieder über den Weg laufen und sich so in gewisser Weise eine Vater-Sohn-Beziehung aufbaut. Die Besonderheit des Romans ist, dass die Episoden keine stringente Erzählung bilden, sondern der Leser (wie auch bei Döblin) meist nur den Gedanken der Figuren, ihrem sogenannten Bewusstseinsstrom, folgen kann, was wiederum Sebastian Hartmann bei seiner meist eher assoziativen Regiearbeit sehr entgegenkommen dürfte.

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Und Hartmann geht die theatrale Umsetzung dann auch ganz nach Joyce an. Nicht der Roman in Gänze kommt auf die Bühne, die im DT zu Beginn noch komplett leer ist und nur von einem aus roten Neonröhren geformten Portal gerahmt wird, sondern viele aneinandergereihte, szenisch aufbereitete Texthäppchen, die wiederum ein assoziativ zusammensetzbares Gedanken-Pandämonium bilden sollen. Dabei geht es Hartmann weniger um die Kenntlichmachung eines bestimmten Ortes, wie das Dublin Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern mehr um ein universelles Erkenntnismuster. Das Portal entpuppt sich so als Erden- und Höllenschlund menschlichen Denkens, eine wie bei Joyce schon angelegte Reflexion über Geburt, Leben und Tod, Politik, Philosophie, Religion und Wissenschaft.

 

Foto (c) Arno Declair

 

„Dublin brennt! Dublin steht in Flammen!“ heißt es in einem Eingangsmonolog, den Linda Pöppel allein an der Rampe spricht. Sie beschwört das Pandämonium eines fiktiven Kriegsbrandes. Der menschliche Abgrund in wenige Sätze gepackt. Ein Teil aus dem wohl eindrücklichsten Kapitel des Romans, der in den Erläuterungs-Kommentaren zum Roman mit dem Titel Circe (dem Namen der mythischen Zauberin aus der Odyssee) überschrieben ist und wie in einen Drama den Bordellgang der beiden Protagonisten beschreibt, bei dem sie wild halluzinierend ihren Verstorbenen begegnen, das Thema Vaterschaft und Schuldgefühle behandelt werden und das auch eine Art „tiefenpsychologische Walpurgisnacht“ genannt wird. Hartmann sprengt Teile davon immer wieder in die Inszenierung ein und geht auch sonst eher unchronologisch vor.

Bernd Moss spielt einen Magier mit Zylinder, der den Sound in der Hand fängt und eine imaginäre Taube aus dem Hut zaubert. Dabei steht das Ensemble ganz in Schwarz als gelenkte Sprechpuppen auf der Drehbühne. Feuerblitz und Donner, Meeresrauschen, ein assoziatives Spiel mit Gesten und Geräuschen. Auch die Musik folgt diesem Muster mal mit schweren Orgelklängen, barocken Melodien und dann wieder mit krachigem Punk und fetten Reggae-Beats. Wer sich nicht auskennt, wird vor der Pause sicher etwas hilflos dem Treiben auf der Bühne zusehen. Da folgen Szenen am Strand mit Benjamin Lillie, Birgit Unterweger und Cordelia Wege, die die Onanieszene aus dem Kapitel Nausikaa andeuten, Manuel Harder beschreibt das Braten der Frühstücksnieren, Evolution und Wiedergeburt sowie den morgendlichen Stuhlgang Blooms aus dem vierten Kapitel. Ulrich Matthes spricht sehr erhaben die Todesreflexionen Blooms aus dem Hades-Kapitel und auch eine Episode mit einem Totenritus aus der ursprünglichen Odyssee. Wieder Benjamin Lillie blödelt in Englisch oder führt als Hund einen Blinden (Edgar Eckert) über die Bühne.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Ein ironisches Nummernprogramm quer durch den Ulysses, dem es noch an der nötigen Stringenz und Bildgewalt fehlt. Die bringt Hartmann erstmals mit einer Körpermalaktion von Linda Pöppel, die sich nackt einen Eimer schwarzer Farbe über den Körper kippt, und auf einer Folie, die dann hochgezogen wird, ein großes Kruzifix schmiert. Dazu schweben immer wieder zwei riesige schwarze Discokugeln vom Schnürboden. Ein magisches Doppelgestirn, in dem man vielleicht die beiden Hauptfiguren erkennen mag, das allgegenwärtige Universum, überdimensionale Moleküle oder den Magnetismus, von dem im Roman gesprochen wird. All das ist szenisch angedeutet, näher erklärt wird es aber erst nach der Pause, wenn Bernd Moss aus der Rolle heraus- und ans Publikum herantretend über Quantenphysik, Unschärferelation und die ortsunabhängige Gleichzeitigkeit zweier Elektronen referiert. Ein augenzwinkerndes Plädoyer, trotz Nichtverstehens sich den Gesetzen des Universums vertrauensvoll und ohne Angst auszuliefern. Aber auch wissenschaftlich-philosophischer Diskurs, der vielleicht sogar Joyces Religionskritik andeuten soll. Eine ewige Kontroverse.

Im zweiten Teil nimmt die Inszenierung dann etwas an Fahrt auf. Hier überzeugen vor allem Judith Hofmann, die die Mutterliebe hochhält und gegen kleingeistige Männer ätzt, Manuel Harder im Nachthemd, der im Fruchtbarkeits-Kapitel Die Rinder des Sonnengotts gleichzeitig die Geburtswehen der Mina Purefroy und die in verschiedenen Sprachstilen gefassten Zoten der Medizinstudenten und das Wachsen des Ungeborenen im Mutterleib beschreibt, oder Cordelia Wege, die mit angeklebtem Bart den antisemitischen Bürger aus dem Kapitel Der Zyklop gibt. Und auch der Shakespeare-Disput in der Nationalbibliothek darf nicht fehlen. Judith Hofmann, Bernd Moss, Linda Pöppel, Birgit Unterweger und Cordelia Wege performen ihn als süffisant-ironisches Cocktailpartygewäsch. Dann choreografiert das großartige Ensemble unter der Anleitung von Edgar Eckert Orte und Sehenswürdigkeiten der Stadt Dublin. Daniel Hoevels als heimkehrender Bloom und Cordelia Wege als seine über Liebe, Gott, Erlösung und Reue sinnierende Frau Molly beschließen den immerhin vierstündigen Abend, an dem Sebastian Hartmann vieles, aber leider nicht alles gelingen will.

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Ulysses (DT, 19.01.2018)
nach James Joyce
Regie / Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Videoanimation: Tilo Baumgärtel
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Ulrich Matthes, Edgar Eckert, Manuel Harder, Daniel Hoevels, Judith Hofmann, Benjamin Lillie, Ulrich Matthes, Bernd Moss, Linda Pöppel, Birgit Unterweger, Cordelia Wege
Die Premiere war am 19. Januar 2018 im Deutschen Theater
Termin: 28.01. / 18., 25.02.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 20.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Kinder des Paradieses – Am Berliner Ensemble verbindet Ola Mafaalani bei ihrer Adaption des französischen Kinoklassikers von Jacques Prévert und Marcel Carné die Liebesgeschichte der Garance mit dem Leben der damaligen Hauptdarstellerin und der schwierigen Entstehungsgeschichte des Films

Kinder des Paradieses am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

„Entrez!, Entrez! hier ist die Wahrheit zu sehen“, ruft Schauspieler Sascha Nathan als Theaterdirektor zu Beginn der Bühnenadaption des französischen Filmklassikers Les Enfants du paradis (in der dt. Fassung Kinder des Olymps), die jetzt am Berliner Ensemble in einer Inszenierung der Regisseurin Ola Mafaalani – mit Anleihen an Jahrmarktszauber und Zirkusakrobatik – unter dem Titel Kinder des Paradieses Premiere feierte. Die Zirkuskunst erobert seit einiger Zeit nicht nur die Kleinkunstbühnen, sondern auch die großen Theaterhäuser. Die Berliner Festspiele haben es seit 2017 mit dem Format „Circus“ vorgemacht, nun bevölkern also auch am BE ArtistInnen Foyer und Bühne. Es sind Studierende der Schule für darstellende und bildende Kunst „Die Etage“, Abteilung Artistik/Akrobatik [alle Namen s.u.], die hier mit Bällen jonglieren, Rad schlagen und auf Stelzen laufen.

Ola Mafaalani ist in Syrien geboren, in Deutschland aufgewachsen und hat sich bereits als Leiterin der Theatercompagnie North Netherlands Toneel in Groningen einen Namen mit der Adaption von Filmen wie Himmel über Berlin von Wim Wenders, Reservoir Dogs von Quentin Tarantinos und der dänischen Serie Borgen gemacht. Der von 1943 bis 1945 unter der Regie von Marcel Carné nach einem Drehbuch von Jacques Prévert gedrehte Spielfilm Les Enfants du paradis spielt im Pariser Theatermilieu um 1835 und bedient somit eine ganz andere Kinoästhetik. Diesen vom poetischen Realismus der 1930 Jahre inspirierten Film wieder aufleben zu lassen und gleichzeitig die erschwerten Bedingungen seiner Entstehung im von den Nazis besetzten Frankreich zu reflektieren, hat sich die Regisseurin zur Aufgabe gemacht. Beides zusammen schafft die Inszenierung aber nur bedingt.

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Im Mittelpunkt von Film und Inszenierung steht die Varietee-Künstlerin Garance, die gleich von vier Männern begehrt wird. Nachdem sie sich vom zwielichtigen Autor und Gauner Pierre-François Lacenaire getrennt hat, verliebt sie sich in den Pantomimen Baptiste Deburau. Aber auch der angehende Schauspieler Frédérick Lemaître macht ihr Avancen. Nachdem Garance wegen einer Straftat von Lacenaire falsch beschuldigt wird, nimmt sie den Schutz des Grafen de Monteray an, heiratet ihn, und beide verlassen Paris. Als sie nach Jahren wiederkehren, beginnen die früheren Liebhaber wieder um sie zu buhlen. Es endet damit, dass Lacenaire den auf Lemaître und Deburau eifersüchtigen Grafen tötet. Baptist Deburau, der mittlerweile mit der Tochter des Theaterdirektors Nathalie verheiratet ist und einen Sohn mit ihr hat, verlässt für eine Nacht seine Frau, kann Garance aber nicht halten. Beide verlieren sich im Getümmel des Straßenkarnevals.

Das Geschehen spielt im Pariser Théâtre des Funambules und auf dem berüchtigten Boulevard du Temple, der wegen der vielen Boulevard-Theater, auf deren Bühnen allabendlich gemordet wurde, auch als Boulevard du Crime bekannt war. Die Kulissen dafür ließ Regisseur Carné sehr aufwendig am Drehort in Nizza aufbauen. Wer mehr über die Geschichte des mit 60 Mill. Franc teuersten Films Frankreichs erfahren möchte, lese den Artikel „Großes Theater!“ von Katja Iken auf Spiegel-Online.

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Bei Ola Mafaalani ist die Bühne (André Joosten) fast komplett leer. Die Kostüme von Johanna Trudzinski orientieren sich nicht am 19. Jahrhundert sondern eher an der Zeit der Entstehung des Films. Nur Peter Moltzen als Pantomime Baptiste trägt wie der Darsteller im Film ein weißes Pierrot-Kostüm und stellt auch die ihn einführende Pantomime fast exakt nach. Die ursprünglich für Garance vorgesehene Stephanie Eidt wird von Kathrin Wehlisch ersetzt. Ihre Rolle der Nathalie übernahm Antonia Bill, die neben Veit Schubert (als Anselme Deburau, Wirt und Kommissar) zum ehemaligen Peymann-Ensemble gehörte. Wehlisch spielt die Garance als selbstbewusste, lebensbejahende Frau, die sich alle Möglichkeiten offenhalten will, da sie an die wahre Liebe nicht glaubt. Damit steht sie diametral gegen die Auffassung Baptistes, der sie vergöttert. Sehr schön wird das in einer weiteren Pantomime gezeigt, die die Garance als Statue zeigt, die von Baptist umschwärmt wird. Die Nebenbuhler werden zynisch von Tilo Nest als Lacenaire und großspurig baggernd von Felix Rech als Schauspieler Frédérick gespielt. Letzterer sieht sich gern als großen Othello. Martin Rentzsch gibt den Grafen de Monteray erst gönnerhaft galant und nach der Pause als schlagenden Widerling.

 

Kinder des Paradieses am Berliner Ensemble 
Foto (c) Matthias Horn

 

Das Problem der Inszenierung ist, dass sie im ersten Teil zu sehr an der Vorlage klebt und im altbackenen Konversationstheaterstil fast wie eine Wiederbelebung der Peymann-Ära wirkt. Der Zauber der eingestreuten Pantomimen und Akrobatiknummern will da nicht recht zünden. Zusätzlich atmosphärische Aufladung erhält der Abend durch die fantastische Livemusik des Instrumentaltrios um Komponist Eef van Breen, der auch selbst einige Chansons singt. Leider lässt es die Regie nach der Pause ohne Unterlass aus dem Schnürboden schneien. Ein poetischer Overkill stellt sich ein.

Für die Reflexionen zum Making-of des Films sitzt zunächst recht still Ilse Ritter als gealterte Hauptdarstellerin Arletty am Bühnenrand. Zu wenig kann sie hier ins Geschehen eingreifen. Erst nach der Pause beginnt sich die Handlung um die Figur der Garance immer mehr mit der Geschichte der Schauspielerin und der Entstehung des Films zu vermischen. Arletty hatte zum Zeitpunkt des Drehs eine Affaire mit einem deutschen Offizier und wurde nach der Befreiung wegen des Vorwurfs der Kollaboration in einem Lager interniert. Ritter berichtet immer wieder aus dem Leben Arlettys und dass sie trotz allem nichts an ihrer Vergangenheit ändern würde. Daneben tritt auch Peter Moltzen aus seiner Rolle heraus und berichtet beim Abschminken davon, dass sich im Filmteam viele jüdische Künstler unter Pseudonym verstecken konnten, es aber auch eine ständige Gefahr durch die Bespitzelung der Gestapo gab. Obwohl Geldmangel und Hunger herrschte, zögerte der Regisseur die Fertigstellung bis zur Befreiung von Paris hinaus. Man wollte mit diesem Film der Hässlichkeit der Realität das Wunder der Liebe und die Schönheit der Kunst entgegensetzen.

Die Inszenierung, die viele sicher auch als hochpoetisch empfinden werden, erstickt hier aber leider auch zunehmend im Gefühlskitsch. Der Schnee färbt sich kurz rot, tiefe Melancholie macht sich auf der Bühne breit, und man fragt sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn die Verschneidung von Fiktion und Kunst mit dem wirklichen Leben nicht doch von Anfang an etwas offensiver und nicht so starr am Plot des Films hängend betrieben worden wäre. Die Story gäbe auch genug Stoff für eine interessante Dokutheaterproduktion. So bleibt man trotz der freundlichen Aufforderung vom Beginn bei diesem recht gefühlsbetonten dreistündigen Abend am Ende doch merkwürdig außen vor.

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Kinder des Paradieses (BE, 20.01.2018)
Nach dem Film von Jacques Prévert und Marcel Carné
Bühnenfassung von Ola Mafaalani und Alexandra Althoff, Deutsch von Manfred Schneider
Regie: Ola Mafaalani
Musik: Eef van Breen
Bühne: André Joosten
Kostüme: Johanna Trudzinski
Choreografie: Maria Marta Colusi
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie/Bearbeitung: Alexandra Althoff
Besetzung:
Kathrin Wehlisch als Garance
Peter Moltzen als Baptiste Deburau
Ilse Ritter als Arletty
Felix Rech als Frédérick Lemaître
Antonia Bill als Nathalie
Tilo Nest als Lacenaire
Sascha Nathan als Theaterdirektor
Martin Rentzsch als Jericho; Graf de Montray
Veit Schubert als Anselme Deburau; Wirt; Kommissar
Mitja Ley als Avril
Marc Unruh als Scarpia Barrigni
Sam Hinzmann / Liam Kinli als kleiner Baptist
Livemusik: Eef van Breen (Blechblasinstrumente, Gesang), Biliana Voutchkova (Violine), Antonis Anissegos (Tasteninstrumente)
Akrobatik: Marula Bröckerhoff, Kristina Francisco, Lukas Flint, Marvin Kuster, Mitja Ley, Karlo Janke, Marc Unruh
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
Die Premiere am Berliner Ensemble war am 20.01.2018
Termine: 24.01. / 07., 18., 25.02.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 22.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Ulysses – Ein medienübergreifendes Projekt nach James Joyce von Marat Burnashev & Swantje Basedow im Ballhaus Ost und im Internet.

Dienstag, Mai 13th, 2014

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James Joyce im Sommer 1904 - Foto: Constantine P. Curran (Wikipedia.de)

James Joyce im Sommer 1904 – Foto: Constantine P. Curran (Wikipedia.de)

Ulysses, den bekanntesten Roman des großen irischen Schriftstellers James Joyce, der eigentlich über keine wirklich gesicherte deutsche Übersetzung verfügt, auf die Bühne zu bringen, ist vermutlich schon vorab zum Scheitern verurteilt. Joyce hatte in seiner erstmals 1922 erschienen Schilderung eines kompletten Tagesablaufs die verschiedensten Sprach- und Schreibstile miteinander zu einem großen, schwer verständlichen Bewusstseinsstrom verknüpft. In 18 lose an die Odyssee des Homer angelehnten Episoden irrt der Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom am 16. Juni 1904 durch Dublin. Der sogenannte Bloomsday, der von Anhängern des Romans jedes Jahr weltweit begangen wird, beschreibt einerseits sehr detailliert die irische Hauptstadt und lässt andererseits Gedanken, Reflexionen und Assoziationen der Protagonisten größtenteils ungeordnet auf den Leser einströmen.

Marat Burnashev und Swantje Basedow haben nun eine multimediale Fassung erarbeitet, die sich in zwei Teilen das Werk von James Joyce als Vorlage nimmt, um Alltäglichkeit und große Fragen der Menschheit, die der Roman auch behandelt, ins Hier und Jetzt zu transportieren. Bereits seit Februar ist man langsam an das Projekt herangeführt worden. Wöchentlich gab es einen kurzen Videofilm im Internet zur Vorbereitung auf das Zusammentreffen der beiden Hauptpersonen des Romans Leopold Bloom und Stephen Dedalus, das drei Monate später auf der Bühne im Ballhaus Ost tatsächlich stattfinden sollte. Es sind 14 Episoden, analog der einzelnen Kapitel des Romans, in denen Menschen über die Lust und Last der täglichen Verrichtungen und die Schwierigkeiten und Schönheit des Lebens gleichermaßen berichten.

Ulysses am Ballhaus Ost (c) Marat Burnashev

Ulysses im Ballhaus Ost
(c) Marat Burnashev

Und jedes der einzelnen Videos ist dabei ein kleines Kunstwerk für sich. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen (siehe unter http://ulyssesprojekt.de ). Marat Burnashevs Dublin ist das heutige Hamburg. Wir sehen einen Medizinstudenten, der seinen abwesenden Mitbewohner Stephen beschreibt, Schüler schwärmen liebevoll von ihrem leicht verhuschten Geschichtslehrer, und ein Blinder erzählt von seinen Wahrnehmungen und seiner ganz speziellen Beziehung zu seinem Blindenhund. In weiteren Episoden sehen wir Menschen bei ihrer Arbeit. Ein Metzger, eine Drogistin und ein Friedhofsverwalter berichten von ihrem Alltag mit seinen schönen wie schweren Momenten. Ein Onlineredakteur referiert über die Zukunft der Printmedien und die wachsende Bedeutung des Internets für den Beruf des Journalisten.

Liebeserklärungen an die Kunst, die Liebe auf den ersten Blick und das Leben überhaupt liefern ein Impresario, eine alleinstehende Italienerin auf der Suche und eine Hebamme, die gern dabei ist, wenn das Leben beginnt. Nachdenkliches über Glück und Geld liefern ein Spieler und ein ehemaliger Millionär, der sein Geld bewusst verzockt hat und nun die Vorzüge der öffentlichen Suppenküche preist. In einer Bibliothek unterhalten sich zwei Literaturwissenschaftler anhand der Werke von Shakespeare über die Vergeblichkeit der Literatur, Alltagsmanagement und die großen philosophischen Fragen der Welt. Hier werden nicht einfach nur die bekannten Stationen des Romans abgehakt, sondern die zeitlose Allgemeingültigkeit der auch von James Joyce symbolisch angerissenen Themen wie Geburt, Tod, Literatur, Musik und wissenschaftlicher Fortschritt angedeutet. Die Geschichte als ständiger Albtraum, aus dem man erwachen möchte.

Der dies bemerkt, ist der junge Geschichtslehrer und Nachwuchspoet Stephen Dedalus. Im Ballhaus Ost steht er auf einer Palette vor drei großen in U-Form angeordneten Videoleinwänden und schaut wie ins Nichts seiner Gedanken. Hinter ihm flimmert noch einmal als loser Gedankenstrom ein Querschnitt der einzelnen Kurzepisoden aus dem Internet, durchsetzt mit einzelnen Zitaten aus dem Roman. Nicht einfach nur Zugabe, sondern wieder ganz eigenständige Kunstform ist das Zusammentreffen von Leopold Bloom und Stephen Dedalus, die sich bereits mehrmals zuvor unbewusst in den Episoden des Romans über den Weg gelaufen sind oder für kurze Zeit gleichzeitig an einem Ort weilten. Der zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich betrunkene Stephen Dedalus trifft nun wie rein zufällig auf den ihn suchenden Leopold Bloom. Die Projektmacher haben zum großen Glück für die Produktion die beiden großartigen Schauspieler vom Thalia Theater Hamburg Bruno Cathomas als Bloom und Mirco Kreibich als dessen jugendlichen Schützling Dedalus gewinnen können.

Bruno Cathomas und Mirco Kreibich im Ballhaus Ost Foto: St. B.

Bruno Cathomas und Mirco Kreibich im Ballhaus Ost
Foto: St. B.

Die theatrale Umsetzung ihres weiteren gemeinsamen Wegs durch die Nacht Dublins gestaltet sich dann durchaus recht witzig. Der etwas spröde junge Mann, der nach dem ausschweifenden Besuch in Bella Cohens Bordell gerade den Fängen eines Soldaten entkommen ist, wird von Bloom aufgelesen und nach alter Samariterweise wieder aufgerichtet. Bloom betreibt etwas Konversation über den Vater von Dedalus und überredet den sichtlich Derangierten mit ihm essen zu gehen. So philosophiert das ungleiche Paar, der ältere bedächtige Bloom und der impulsive vom Leben aber schon recht enttäuschte junge Literat, über Gott und die Welt, die Frauen, die Seele und das Leben vor dem Tod. Was sich in den Videos bereits andeutete, erfährt hier auf der Bühne seine Fortsetzung mit Bruchstücken aus Joyces Monsterwerk. Nebst Video und Smartphone kommen auch ein paar aktuelle Gedankenspielereien zur Urknalltheorie und dem Teilchenbeschleuniger von Cern hinzu.

Während eine Videowand nach der anderen wie die schwindende Selbstgewissheit fällt, sehen wir eine Wahrsagerin aus einem Astrokanal, die Bloom die Karten legt, und seine untreue Frau Molly (im Video die Thalia-Schauspielerin Patrycia Zielkowska) aus einer Vorstellung von Dostojewskis Brüder Karamasow in die Garderobe eilen und sich abschminken. Bloom betrachtet sie sehnsüchtig beim sinnlichen Nachziehen ihrer Lippen. Im vorletzten Kapitel wird von Cathomas und Kreibich wie bei Joyce im Frage-Antwort-Spiel detailgetreu der Einstieg Blooms in sein Haus, die Küche und das Bereiten von Teewasser beschrieben. Bevor die letzte Wand gefallen ist, kommt der locker fließende Bewusstseinsstrom mit dem Joyce’schen Wortspiel von Sindbad dem Seefahrer (Tindbad dem Teefahrer usw.) so langsam zum Erliegen. Wie die vergebliche Lektüre des ausufernden Romans lässt einen der ironisch angehauchte Bühnenauftritt der beiden freundschaftlich verbunden umherirrlichternden Sinnsucher etwas unbefriedigt zurück. Aber so sind sie halt, das Theater wie das Leben selbst. Wer einfache Antworten sucht, muss in die Kirche gehen.

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Ulysses
nach James Joyce / Marat Burnashev
Regie MARAT BURNASHEV
Buch SWANTJE BASEDOW
Bühne, Lichtdesign THOMAS GIGER
Kostüme SIBYLLE WALLUM
Musik MARCUS THOMAS
Dramaturgie CHRISTINA BELLINGEN
mit BRUNO CATHOMAS, MIRCO KREIBICH
im Video PATRYCIA ZIOLKOWSKA, ELIA HARZER, PRASHANTI, EISENHANS

EINE KOPRODUKTION VON MARAT BURNASHEV UND SWANTJE BASEDOW MIT DEM BALLHAUS OST UND DER GARAGE X WIEN

PREMIERE im Ballhaus Ost war am 09. MAI 2014

WEITERE VORSTELLUNGEN: 13. / 14. / 16. JUNI 2014

Infos: http://ballhausost.de/spip.php?article619

Zuerst erschienen am 12.05.2014 auf Kultura-Extra.

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