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Ulysses – Ein medienübergreifendes Projekt nach James Joyce von Marat Burnashev & Swantje Basedow im Ballhaus Ost und im Internet.

Dienstag, Mai 13th, 2014

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James Joyce im Sommer 1904 - Foto: Constantine P. Curran (Wikipedia.de)

James Joyce im Sommer 1904 – Foto: Constantine P. Curran (Wikipedia.de)

Ulysses, den bekanntesten Roman des großen irischen Schriftstellers James Joyce, der eigentlich über keine wirklich gesicherte deutsche Übersetzung verfügt, auf die Bühne zu bringen, ist vermutlich schon vorab zum Scheitern verurteilt. Joyce hatte in seiner erstmals 1922 erschienen Schilderung eines kompletten Tagesablaufs die verschiedensten Sprach- und Schreibstile miteinander zu einem großen, schwer verständlichen Bewusstseinsstrom verknüpft. In 18 lose an die Odyssee des Homer angelehnten Episoden irrt der Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom am 16. Juni 1904 durch Dublin. Der sogenannte Bloomsday, der von Anhängern des Romans jedes Jahr weltweit begangen wird, beschreibt einerseits sehr detailliert die irische Hauptstadt und lässt andererseits Gedanken, Reflexionen und Assoziationen der Protagonisten größtenteils ungeordnet auf den Leser einströmen.

Marat Burnashev und Swantje Basedow haben nun eine multimediale Fassung erarbeitet, die sich in zwei Teilen das Werk von James Joyce als Vorlage nimmt, um Alltäglichkeit und große Fragen der Menschheit, die der Roman auch behandelt, ins Hier und Jetzt zu transportieren. Bereits seit Februar ist man langsam an das Projekt herangeführt worden. Wöchentlich gab es einen kurzen Videofilm im Internet zur Vorbereitung auf das Zusammentreffen der beiden Hauptpersonen des Romans Leopold Bloom und Stephen Dedalus, das drei Monate später auf der Bühne im Ballhaus Ost tatsächlich stattfinden sollte. Es sind 14 Episoden, analog der einzelnen Kapitel des Romans, in denen Menschen über die Lust und Last der täglichen Verrichtungen und die Schwierigkeiten und Schönheit des Lebens gleichermaßen berichten.

Ulysses am Ballhaus Ost (c) Marat Burnashev

Ulysses im Ballhaus Ost
(c) Marat Burnashev

Und jedes der einzelnen Videos ist dabei ein kleines Kunstwerk für sich. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen (siehe unter http://ulyssesprojekt.de ). Marat Burnashevs Dublin ist das heutige Hamburg. Wir sehen einen Medizinstudenten, der seinen abwesenden Mitbewohner Stephen beschreibt, Schüler schwärmen liebevoll von ihrem leicht verhuschten Geschichtslehrer, und ein Blinder erzählt von seinen Wahrnehmungen und seiner ganz speziellen Beziehung zu seinem Blindenhund. In weiteren Episoden sehen wir Menschen bei ihrer Arbeit. Ein Metzger, eine Drogistin und ein Friedhofsverwalter berichten von ihrem Alltag mit seinen schönen wie schweren Momenten. Ein Onlineredakteur referiert über die Zukunft der Printmedien und die wachsende Bedeutung des Internets für den Beruf des Journalisten.

Liebeserklärungen an die Kunst, die Liebe auf den ersten Blick und das Leben überhaupt liefern ein Impresario, eine alleinstehende Italienerin auf der Suche und eine Hebamme, die gern dabei ist, wenn das Leben beginnt. Nachdenkliches über Glück und Geld liefern ein Spieler und ein ehemaliger Millionär, der sein Geld bewusst verzockt hat und nun die Vorzüge der öffentlichen Suppenküche preist. In einer Bibliothek unterhalten sich zwei Literaturwissenschaftler anhand der Werke von Shakespeare über die Vergeblichkeit der Literatur, Alltagsmanagement und die großen philosophischen Fragen der Welt. Hier werden nicht einfach nur die bekannten Stationen des Romans abgehakt, sondern die zeitlose Allgemeingültigkeit der auch von James Joyce symbolisch angerissenen Themen wie Geburt, Tod, Literatur, Musik und wissenschaftlicher Fortschritt angedeutet. Die Geschichte als ständiger Albtraum, aus dem man erwachen möchte.

Der dies bemerkt, ist der junge Geschichtslehrer und Nachwuchspoet Stephen Dedalus. Im Ballhaus Ost steht er auf einer Palette vor drei großen in U-Form angeordneten Videoleinwänden und schaut wie ins Nichts seiner Gedanken. Hinter ihm flimmert noch einmal als loser Gedankenstrom ein Querschnitt der einzelnen Kurzepisoden aus dem Internet, durchsetzt mit einzelnen Zitaten aus dem Roman. Nicht einfach nur Zugabe, sondern wieder ganz eigenständige Kunstform ist das Zusammentreffen von Leopold Bloom und Stephen Dedalus, die sich bereits mehrmals zuvor unbewusst in den Episoden des Romans über den Weg gelaufen sind oder für kurze Zeit gleichzeitig an einem Ort weilten. Der zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich betrunkene Stephen Dedalus trifft nun wie rein zufällig auf den ihn suchenden Leopold Bloom. Die Projektmacher haben zum großen Glück für die Produktion die beiden großartigen Schauspieler vom Thalia Theater Hamburg Bruno Cathomas als Bloom und Mirco Kreibich als dessen jugendlichen Schützling Dedalus gewinnen können.

Bruno Cathomas und Mirco Kreibich im Ballhaus Ost Foto: St. B.

Bruno Cathomas und Mirco Kreibich im Ballhaus Ost
Foto: St. B.

Die theatrale Umsetzung ihres weiteren gemeinsamen Wegs durch die Nacht Dublins gestaltet sich dann durchaus recht witzig. Der etwas spröde junge Mann, der nach dem ausschweifenden Besuch in Bella Cohens Bordell gerade den Fängen eines Soldaten entkommen ist, wird von Bloom aufgelesen und nach alter Samariterweise wieder aufgerichtet. Bloom betreibt etwas Konversation über den Vater von Dedalus und überredet den sichtlich Derangierten mit ihm essen zu gehen. So philosophiert das ungleiche Paar, der ältere bedächtige Bloom und der impulsive vom Leben aber schon recht enttäuschte junge Literat, über Gott und die Welt, die Frauen, die Seele und das Leben vor dem Tod. Was sich in den Videos bereits andeutete, erfährt hier auf der Bühne seine Fortsetzung mit Bruchstücken aus Joyces Monsterwerk. Nebst Video und Smartphone kommen auch ein paar aktuelle Gedankenspielereien zur Urknalltheorie und dem Teilchenbeschleuniger von Cern hinzu.

Während eine Videowand nach der anderen wie die schwindende Selbstgewissheit fällt, sehen wir eine Wahrsagerin aus einem Astrokanal, die Bloom die Karten legt, und seine untreue Frau Molly (im Video die Thalia-Schauspielerin Patrycia Zielkowska) aus einer Vorstellung von Dostojewskis Brüder Karamasow in die Garderobe eilen und sich abschminken. Bloom betrachtet sie sehnsüchtig beim sinnlichen Nachziehen ihrer Lippen. Im vorletzten Kapitel wird von Cathomas und Kreibich wie bei Joyce im Frage-Antwort-Spiel detailgetreu der Einstieg Blooms in sein Haus, die Küche und das Bereiten von Teewasser beschrieben. Bevor die letzte Wand gefallen ist, kommt der locker fließende Bewusstseinsstrom mit dem Joyce’schen Wortspiel von Sindbad dem Seefahrer (Tindbad dem Teefahrer usw.) so langsam zum Erliegen. Wie die vergebliche Lektüre des ausufernden Romans lässt einen der ironisch angehauchte Bühnenauftritt der beiden freundschaftlich verbunden umherirrlichternden Sinnsucher etwas unbefriedigt zurück. Aber so sind sie halt, das Theater wie das Leben selbst. Wer einfache Antworten sucht, muss in die Kirche gehen.

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Ulysses
nach James Joyce / Marat Burnashev
Regie MARAT BURNASHEV
Buch SWANTJE BASEDOW
Bühne, Lichtdesign THOMAS GIGER
Kostüme SIBYLLE WALLUM
Musik MARCUS THOMAS
Dramaturgie CHRISTINA BELLINGEN
mit BRUNO CATHOMAS, MIRCO KREIBICH
im Video PATRYCIA ZIOLKOWSKA, ELIA HARZER, PRASHANTI, EISENHANS

EINE KOPRODUKTION VON MARAT BURNASHEV UND SWANTJE BASEDOW MIT DEM BALLHAUS OST UND DER GARAGE X WIEN

PREMIERE im Ballhaus Ost war am 09. MAI 2014

WEITERE VORSTELLUNGEN: 13. / 14. / 16. JUNI 2014

Infos: http://ballhausost.de/spip.php?article619

Zuerst erschienen am 12.05.2014 auf Kultura-Extra.

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