Archive for the ‘Jan Bosse’ Category

Wortgewaltig – Antú Romero Nunes inszeniert „Die Familie Schroffenstein“ als sprachliches Missverständnis beim Kleistfestival am Maxim Gorki Theater Berlin – Teil 2

Montag, November 21st, 2011

Es gab viel zu sehen in den gut zwei Wochen des Kleistfestivals im Maxim Gorki Theater. Im Zentrum standen sicher die Inszenierungen von Hausherr und Initiator Armin Petras, der sich mit dem Kriegerischen und dem Preußentum in Kleists Werken auseinander setzte und Jan Bosse, der die Lustspiele „Der zerbrochene Krug“ und „Amphitryon“ zum Besten geben durfte und auch noch Kleists Ritterspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ zur Komödie machte. Das scheint Bosse zu liegen (dazu später mehr) und ist sicher auch der dankbarere Kleistpart. Nachdem Felicitas Brucker bereits im letzten Jahr die „Penthesilea“ als schmerzhaftes Emanzipationsdrama mit mehr oder minder Erfolg aufgeführt hatte, blieb noch Kleists Erstling „Die Familie Schroffenstein“ übrig. Dieser an „Romeo und Julia“ erinnernden „Scharteke“ – Kleist bezeichnete das Stück selber so – hat sich nun der Jungstar des Regieteams am Gorki, Antú Romero Nunes, angenommen.

kleistfestival-gorki-2011-3.JPG Foto: St. B.

,,Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.“ Ursula, eine Totengräberwitwe, in „Die Familie Schroffenstein“

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Das Thalia Theater verhandelt die Frage von Realität und schönem Schein in gleich zwei Inszenierungen – Ein vergnügliches Wochenende im kalten Hamburg inklusive Weihnachtsmarkt

Donnerstag, Dezember 2nd, 2010

Was ihr wollt als melancholisches Karnevalsvergnügen am Thalia Theater  in einer Inszenierung von Jan Bosse

Es ist schon witzig wie dieser Abend im Spiegel der Kritik polarisiert, obwohl er doch in erster Linie nur unterhalten will und das tut er dann auch auf relativ hohem Niveau, von Fernseh-Comedy keine Spur. Rudolf Mast auf Nachtkritik scheint dann auch eher von der Sorte Kritiker ohne Humor zu sein, der zum Lachen in den Keller geht. Vielleicht war ihm aber einfach nicht nach Schunkeln, oder er hat sich geärgert, das er auf dem übervollen Weihnachtsmarkt am Rathaus nicht an den Gosch-Stand gekommen ist. Zu viel Volksnähe, ein bisschen Lockerheit und Freude an Rollenspiel und Irritation, sind dann dem bildungsbürgerlichen Hanseaten wahrscheinlich auch suspekt. Ich dagegen ging schon etwas weinselig ins Thalia und hatte durchaus meinen Spaß.
Aber auch andere Kritiker fühlten sich nicht wohl und Till Briegleb, letzte Woche noch an einem Tisch im Schauspielhaus vereint mit Dirk Pilz, hat nun eine völlig andere Wahrnehmung und sieht nur einen großen Schmarrn, in dem jeder mal die Rampensau durchs Dorf treiben darf. Wohingegen Dirk Pilz, sonst eher ein präziser und realistischer Beobachter, von himmelhochjauchzender Melodramatik spricht. Ob diese unterschiedlichen Meinungen sich in Wahrheit in der Mitte treffen, wäre ebenso ein Kalauer wie der von Pils und Pilz, Stößchen. Selbst Die Welt stimmt diesmal in einen Ausruf der Verzückung ein. Regie ist plötzlich Trumpf und das liegt wohl daran, das diesmal kein türkischer Literat neu übersetzt hat, Illyrien nicht von dänischen Karikaturisten bevölkert wird und uns Jan Bosse auch keine eigene neue Weltsicht verkaufen möchte, sondern einfach nur den puren Spaß am Theater.
Er mixt gekonnt altbekannte Philosophien und einige Klischees über die Geschlechter bunt durcheinander, bis keiner mehr wirklich weiß, ob er Männchen oder Weibchen ist und wundersame lang verdrängte Vorlieben an sich entdeckt, wie z.B. eine nun fast kindlich ausgelebte Analfixierung. Im Grunde aber bleibt die Inszenierung doch sehr nah an Shakespeare trotz der von Gabriella Bußacker und Jan Bosse radikal modernisierten Sprache. Die zwölfte Nacht, wie das Stück auch heißt, als Beginn des Karnevals zu Shakespeares Zeiten ist geprägt von Masken und Rollenspielen, außerdem bezieht dieses Stück auch seinen Reiz daraus, das zu den Rollenwechseln im Stück damals alle Darsteller Männern waren. Das greift Bosse in seiner Inszenierung konsequent auf mit vielen Wortspielen und Doppeldeutigkeiten, die ja auch in Shakespeares Text enthalten sind. Die Bühne ist ein Zauberwald mit Fabelwesen, eine Art Diorama, wie im Museum, nur das es dieses Museum nur hier in Illyrien geben kann, eine komplette Illusion und Scheinwelt an dessen Rand die Protagonisten lungern und auf ihren Einsatz warten.
Der Narr von Karin Neuhäuser scheint hier als einziger den Überblick zu behalten und treibt einerseits mit Lust an Spiel und Bosheit die Verwirrung voran oder bremst schon mal den Übermut von Bruno „Rülp“ Cathomas, wischt die Bühne wieder frei und verspottet den tumben Bleichenwang des Jörg Pohl. „Komm Junge, enttäusch mich nicht“ sagt sie und legt ihm demonstrativ die Bananenschale hin. Bruno Cathomas und Jörg Pohl sind hier Rampensäue im besten Sinne, ein Duo Infernale, das keinen Slapstick oder Kalauer auslässt und schließlich als strauchgewordenes Paar seinen Höhepunkt findet. Die Ernüchterung der beiden notorisch Erfolglosen kommt um so drastischer, zusammengeprügelt von Viola/Sebastian, man weiß es nicht genau, denn dieses Doppel wird nie ganz aufgelöst. Zu Beginn steht Mirco Krebich im blauen Kleid da und wird dann vom Narren erst zum Manne umgezogen. Erst switcht Krebich noch unsicher und dann immer gekonnter in den Rollen hin und her. Und so sehen die  beiden Melancholiker Orsino und Olivia auch in ihm was sie wollen, ganz besoffen von ihrer eigenen Selbstverliebtheit. Alexander Simon drückt dem Sebastian schon mal einen Kuss auf den Mund und Bibiana Beglau steht plötzlich die Lüsternheit im Gesicht geschrieben. Um so größer auch hier die Ernüchterung, als sich das Objekt der Begierde als indifferentes Zwitterwesen herausstellt. Als wenn ihnen ein Puck den Zauber von den Augen genommen hätte, schrecken sie zurück. Eine Doppelhochzeit findet nicht statt, das schmalzige Happy End fällt aus, melancholisch singt man das Lied vom Ende dieser Welt. Aber in seligen Popkitsch rutscht die Inszenierung nie ab. Das ist auch ein Verdienst des Musik-Teams Landerschier, Dabeler und Schamoni. Ihr Sound ist ganz Lo-Fi, nicht aufdringlich und peppt das Ganze nicht noch zusätzlich unnütz auf.
Wäre da nur noch vom tragischen Helden Malvolio zu berichten. Jens Harzer gibt ihn als besserwisserischen, hochnäsigen Snob, um so grandioser ist seine Narrheit in gelben Strümpfen und bis an die Lenden gewickelten Strumpfbändern, die im wohl das Blut in Kopf und Genital geschnürt haben. Als Bunny Häschen wirft er sich seiner angebetenen und völlig verdatterten Olivia auf den Schoss. Aber als wenn es Jan Bosse nicht schon geahnt hätte, das man ihm seinen Spaß übel nehmen könnte, lässt er Malvolio als den großen Spielverderber selbst das Urteil der Kritik vorwegnehmen und die Drohung nach Rache zum Schluss aussprechen. Wer sich davon einschüchtern lässt, sollte fernbleiben, allen anderen sei die Inszenierung in dieser eisigen Zeit warm ans Herz gelegt, ganz wie ihr wollt.

Axolotl Roadkill – Bastian Kraft bringt Helene Hegemanns Roman als bunten Popreigen auf die Bühne des Thalias in der Gaußstraße

Fast schon in den Himmel gelobt wurde dafür aber die erste ernst zu nehmende Dramatisierung von Helene Hegemanns Debut-Roman „Axolotl Roadkill“, die am 21.11.10 Premiere im Thalia in der Gaußstraße hatte, nach dem eher satirischen Versuch „Axel hol den Rotkohl“ von Das Helmi im Ballhaus Ost Berlin, als einer trotzigen Erwiderung auf die Schreiberlinge des erbosten Feuilletons.
Nachdem auf Nachtkritik heiß diskutiert wurde, ob und wie man das Buch auf die Bühne bringen sollte, hat Bastian Kraft nun alle Kritiker regelrecht verblüfft. Keine um möglichst große Authentizität bemühte Episierung findet statt, nein, in immer wieder neuen Tableaus bewegen sich alle Darsteller in wechselnden Rollen wie am laufenden Band durch die Geschichte von Mifti. In popigen Phantasiekostümen von Dagmar Bald wirken die Schauspieler Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Cathérine Seifert, Victoria Trauttmansdorff und Sebastian Zimmler auf einer Guckkastenbühne mit vorgelagertem Podest, das sich wie ein Panoptikum mit Utensilelen aus Kinderzimmern bestückt an einer Kamera vorbeidreht. Die Bilder sind am Bühnenhintergrund zu sehen (Bühne und Video: Peter Baur). Da rauscht nun wundersam das Leben der 16-jährigen Schulverweigerin Mifti an uns vorbei und immer wieder wird auch von den Darstellern darauf hingewiesen: „Das ist mein Leben!“ Eine schöne Fiktion eine Mädchentraum, nichts weiter?
Es kommt alles vor in dieser Inszenierung was den Roman von Helene Hegemann ausmacht, Clubnächte im Berghain, intellektuelle Gespräche über Sex, Kotzen, gelangweilte Szenen mit den luxusverwahrlosten Geschwistern, die ältere Freundin Ophelia und immer wieder die Mutter selbst, die traumatischen Erinnerungen an die Kindheit. Kraft vermeidet aber konsequent epische Reflexionen zwischen den Dialogen, die endlos auf dem Band aneinander gereiht werden. Immer mal wieder wird das Band angehalten, zurück gefahren und die Szene wiederholt. Alles ist überdimensional bebildert, ein Leben, das sich mit plakativen Zeichen aus der Realität flüchtet. Zum Schluss bricht dann auch dieser schöne Schein zusammen und die Hinterbühne zeigt offen die Requisite und die Bühnenarbeiter, die alle Utensilien unaufhörlich wieder aufs Band stellen.
Die Frage, nach der Authentizität, dem Selbst-erlebt-haben kommt so gar nicht erst auf, es ist von Anfang an nichts real, außer der Phantasie, aus der das alles erschaffen wird. Bastian Kraft spielt gekonnt am Rande des Kitsch, entschärft die pseudophilosophischen Attitüden, nimmt aber mit seiner bunten Bilderrevue auch Wucht und Dreckigkeit aus dem Text Helene Hegemanns. Das Schauspielensemble ist durchweg gut drauf und jederzeit Herr des Geschehens, besonders herauszuheben sind die souverän spielende Victoria Trauttmansdorff und die junge bezaubernde Birte Schnöink als Mifti.

Fast noch interessanter als die Aufführung am 28.11.10 war die im Anschluss geführte Diskussionsrunde „Kunst aus dem Kämmerchen: Über Lebensleid, Copy & Paste“ mit dem Regisseur Bastian Kraft, Max Dax ehemaliger Chefredakteur des Spex und Florian Waldvogel dem Direktor des Hamburger Kunstvereins. Es wurde die Frage verhandelt, ob es notwendig ist, als Schriftsteller alles wirklich erlebt haben zu müssen, um im Schweiße seines Angesichts das Erlebte nieder schreiben zu können. Erwartungsgemäß wurde das natürlich von allen verneint.
Max Dax berichtete angetan von der jungen Helene Hegemann aus seinen Gesprächen mit ihr zum Spex-Interview über die Entstehung von Theatertexten. Man sehe ihr das Denken beim Sprechen förmlich an. Er begrüßte die Ironisierung des Klischees, sich alles aus den Rippen zu Schwitzens, durch Helene Hegemanns Buch, die reine Behauptung der Authentizität als neue Kunstform. Es wurden von ihm einige Beispiele für Autoren des frühen Copy & Past in der Literatur und des fiktiven Journalismus (die erfundenen Interviews von Tom Kummer) gebracht und als vielleicht größten Täuscher der eigenen Biografie Bob Dylan mit seinen Chronicles.
Auf die Frage von Gesprächsführer Tarun Kade (Dramaturg der Inszenierung) nach Copyright in der bildenden Kunst an Florian Waldvogel, sagte dieser, das es kein Original ohne Kopie gäbe und setzte mit der Forderung nach der Abschaffung des Copyrights sogar noch einen drauf. Da mittlerweile ja sogar der große Fälscher Kujau kopiert wird, eine schon etwas provokante These und es dürfte sicher merkwürdig aussehen, wenn irgendwann im Kunstverein mehrere Varianten ein und des selben Bildes nebeneinander hängen würden.
Bastian Kraft erzählte wie er zum Theater gekommen ist, indem er immer schon von diesem schönen Schein fasziniert war und er das mit dieser Inszenierung des Romans auch zeigen wollte. Alle waren sich einig, das mit dem Verwenden von fremden Texten, dem Herausnehmen und wo anders hin tragen ja etwas Neues geschaffen würde. Tarun Kade blieb da nur noch ironisch die totale Einigkeit dieser Runde zu konstatieren, vielleicht fehlten ihm aber auch einfach die richtigen Fragen, um die nötige Spannung zu erzeugen. Etwas Kontroverse hätte der Diskussion dann auch sicher besser getan.

Sieben erzählen einen Oskar auf der Suche nach ihrer Blechtrommel

Montag, September 27th, 2010

Jan Bosse bebildert eine Adaption von Armin Petras nach dem Roman von Günter Grass am Maxim Gorki Theater

„Was auf dieser Welt, welcher Roman hätte die epische Breite eines Fotoalbums?“ Oskars Schatz ist ständig präsent in dieser Bühneadaption des 1959 von Günter Grass geschriebenen Romans „Die Blechtrommel“ die in einer Koproduktion mit der Ruhrtriennale nach der Premiere in der Bochumer Jahrhunderthalle nun im Maxim Gorki Theater in Berlin angekommen ist. Das Familienalbum Oskar Matzeraths ist in einer Videoprojektion an der Bühnenrückwand zu sehen. Die Hauptfigur in Günter Grass` „weltbildendem Roman“, so einst Hans Magnus Enzensberger über „Die Blechtrommel“, wollte uns doch allzu gerne die Originale zu den Fotos nachliefern. Und so beginnt er weit vor sich selbst; „… denn niemand sollte sein Leben beschreiben, der nicht die Geduld aufbringt, vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens der Hälfte seiner Großeltern zu gedenken.“ Armin Petras und Jan Bosse nehmen das wörtlich.
„Meine Großmutter Anna Bronski saß an einem späten Oktobernachmittag in ihren Röcken am Rande eines Kartoffelackers…“. Sieben Schauspieler treten auf die abschüssige Bühne zwischen kargen Betonwänden und Kartoffeln fallen aus dem Schnürboden. Wir erfahren alles von den vier Röcken der kaschubischen Großmutter, Ruth Reinecke trägt sie auch, über der Flucht des Großvaters Koljaiczek zwischen den Telegrafenstangen unter die Röcke, von der heimlichen Liebe der Mutter zum Cousin Jan Bronski, der Heirat mit dem Reichsdeutschen Alfred Matzerath, bis endlich Oskars Leben unter den Glühbirnen anfängt; und nur die in Aussicht gestellte Blechtrommel ihn daran hindert, dem Wunsch nach Rückkehr in seine embryonale Kopflage stärkeren Ausdruck zu geben. Die Schauspieler erzählen uns, sich in der Rolle des Oskars abwechselnd, die Geschichte in allen Einzelheiten. Der Beginn der Aufführung zieht sich dadurch merklich episch in die Länge. Richtige Dialoge sind schmal gesät. Petras beruft sich auf den großen Geschichtenerzähler Günter Grass: „Lasst den Faden nicht abreißen, Kinder! Denn solange wir noch Geschichten erzählen, leben wir.“ So wird nun der Reihe nach das Leben des eigensinnigen Kinds Oskar Matzerath erzählt, der aus Protest über die Welt mit dem Wachsen aufhört und Jan Bosse liefert mit seinem Ensemble die Bilder dazu. Und diese Bebilderung ist zum Teil durchaus von einem großartigen Witz, wenn z.B. Ronald Kukulies bei der Nazikundgebung mit drei weiteren der Schauspieler in eine als Zwangsjacke getragene Uniform schlüpft und alle wild gestikulierend Hitlergrüße andeuten, Christin König ein überdimensionales Kreuz auf die Bühne schleppt und daran gebunden wird, zur Jesusszene mit Oskar in der Kirche oder Britta Hammelstein als Maria an der Rückwand der Bühne steht und die Episode mit Oskar im Schwimmbad auf eine Folie gezeichnet mit der Videokamera gefilmt und daneben geworfen wird. Robert Kuchenbuch wirft sich Puder über die Glatze wenn er den Bebra spielt, Hans Löw als Jan Bronski und Ronald Kukulies als Kobyella spielen die Verteidigung der polnischen Post in Danzig nach und Anne Müller im Tutu wird als tote Roswitha im Bühnenboden entsorgt, um sofort als Oskar wieder aufzuerstehen. Es wird auch jede Menge getrommelt und öfter mal wie Oskar geschrien, Ruth Reinecke als Lehrerin fällt dabei die Brille vom Kopf.
Das schönste Bild ist aber mit Sicherheit, wenn alle am Bühnenrand sitzend, lange Fruchtgummischlangen kauen und die Geschichte vom Pferdekopf mit den grünen Aalen erzählen. Allein was nützen die schönsten Bilder, wenn dadurch nur illustriert wird, was man eh schon in Grass` Roman lesen kann. Zum Schluss gibt es noch einen kurzen Ausflug in die Nachkriegszeit, die Schauspieler ziehen dazu 50er Jahre Kleidung an und erzählen das Oskar ein Engagement als Trommler annimmt. Der Rest ist wie im Film von Volker Schlöndorff auch gestrichen, wechselnd tragen alle noch die Zeilen aus dem Buch vom 30sten Geburtstag vor: „Unter der Glühbirne geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, …“ usw.
Eine Aneinanderreihung der Highlights aus der Blechtrommel, der nacherzählte Roman in lustigen Bildern. Sieben Schauspieler suchen mit viel Spielfreude aber auch verzweifelt nach dem eigenen Oskar in sich. Man kann sich nur nicht von der überpräsenten Vorlage befreien, das wirklich „Weltbildende“ des Romans finden sie leider nicht. Jan Bosse und Armin Petras haben ein weiteres Stück deutsche Geschichte auf die Bühne des Maxim Gorki Theater gehievt, nicht mehr aber auch sicher nicht weniger.

Der Zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist

Sonntag, März 28th, 2010

Eine Inszenierung von Jan Bosse am Maxim Gorki Theater Berlin

Neue Moden am Gorki, denkt man sich, als die Eintrittskarte schon beim Betreten des Foyers verlangt wird. Erst nach einiger angestrengter Wartezeit auf den Einlass, löst sich das Rätsel. Ronald Kukulies als Schreiber Licht drängt sich plötzlich durch die Wartenden und ruft immer wieder energisch nach dem Dorfrichter Adam. Adam zeigt sich auch endlich wie Gott ihn schuf auf dem Tresen der Garderobe, sein Gemächt notdürftig mit den Händen bedeckend. Aber auch das werden wir bald zu Gesicht bekommen, vom sich die letzten Haare raufenden Edgar Selge als jammervollen Dorfrichter, der wie bei Kleist beschrieben, deutlich gezeichnet an Kopf und Körper nun vor uns steht. Und so entspinnt sich denn vor dem wartenden Publikum im Foyer des Maxim Gorki Theaters der erste Auftritt des Lustspiels der Zerbrochene Krug. Was Adam das Gesicht so verrenkt hat, wir wissen es alle und nehmen den Bericht amüsiert auf. Zum Straucheln braucht`s doch nichts als Füße, ja, ja.

Dem so arg derangierten Dorfrichter Adam wird nun durch Licht die Ankunft des wenig willkommenen Gerichtsrats Walter aus Utrecht angekündigt, der über Holla nach Huisum auf dem Wege ist und schon einen Dorfrichter auf dem Gewissen hat, nach dem Prüfen der Kassen. Man versichert sich gegenseitig, das ja hier alles in bester Ordnung sei und nach einigen Flüchen und nachdem sich Selge unter großen Gejohle des Publikums noch einen Mantel aus der Garderobe geschnappt hat, stürmt er die Treppe zum Saal hoch. Endlich Einlass, das „Unheil“ kann seinen Lauf nehmen.

Während man sich in aller Ruhe seinen Platz sucht, wird auf der Bühne noch fleißig gewerkelt. Ein mit Girlanden und Luftballons geschmückter Kultursaal, wie es sie auf Dörfern so gibt, wird für den Gerichtstag von den Bühnenarbeitern wieder hergestellt, mit wappenbestickten Fahnen und einem riesigen Spiegel ausstaffiert. Eine Leinwand gibt es auch, wofür wird man noch sehen.

Nachdem Gerichtsrat Walter, von Jean-Pierre Cornu gespielt, begrüßt ist und sich alle niedergelassen haben, wird endlich der Fall der Frau Marthe aufgerufen, wie von Kleist eigentlich auch vorgesehen. Sie tritt auf, gefolgt von Eve und Ruprecht, alle in modernen heutigen Sachen. Franziska Walser als Frau Marthe trägt einen Jeansoverall, das Korpus Delikti hat sie in ihrer Handtasche. Der Krug in lauter Einzelteilen befindet sich in einer Plastiktüte, die sie aus der Tasche zutage fördert und was nun geschieht, kann man schlecht beschreiben, man muss es einfach gesehen haben.

Nachdem die Leinwand heruntergelassen ist, folgt ein Vortrag mit Hilfe der auf Folien gezeichneten Motive des Kruges, mittels Overheadprojektor an die Leinwand geworfen. Was Frau Marthe den Krug so einzigartig macht, wir bekommen es genauestens mit jeder Scherbe erklärt.
Ich könnte weiter so fortfahren den Abend in allen Einzelheiten auszumalen, allein es würde den Rahmen hier sprengen und nicht im geringsten den Witz dieser Inszenierung vermitteln.

Die Figuren sind so herrlich überzeichnet, Matti Krause als eifersüchtiger Ruprecht, der schon mal seine Aussage fast dahin rappt oder die herrlich trotzige Britta Hammelstein als Eve, ein junger Teenager, der genau weiß, was er will und nur der dumme Klotz von Ruprecht kann es nicht verstehen.

Ronald Kukulies setzt das fort, was er als Tom Wingfield in der Glasmenagerie begonnen hat, er lässt kein „Fett“näpfchen aus und rutscht auf der auf die Bühne gekleisterten Hühnerkacke aus oder verheddert sich im Wust des Papiers worauf er eigentlich den Fall beschreiben soll. Wolfgang Hosfeld ist ein gutmütiger brummeliger Handwerker als Veit Tümpel der auch immer wieder gerne selbst Hand anlegt.

Das ganze ist eine herrliche Farce, Selge macht es sichtlich Vergnügen den Louis de Funès zu geben, er windet sich, rennt auf und ab, bringt Walter schier zum Verzweifeln. Ah, Oh, Nein, wir kennen das und lachen uns schlapp.

Nachdem alles wie bei Kleist so richtig schön festgefahren ist und nur noch die Aussage der Frau Brigitte Licht ins Dunkel bringen kann, soll auf einmal Pause sein. Aber nicht mal das klappt, keiner will gehen, da man sich wie schon zuvor doch nicht veräppeln lassen will. Und so geht es dann auch nach ein paar Häppchen aus der Butterlindnertüte und Sekt für den Gerichtsrat Walter mit dem Auftritt von Cristin König als Frau Brigitte weiter. Sie kann nun die ersehnte Auflösung um Perücke und klumpfüßigen Teufel darbringen und Eve endlich Adam als den Täter entlarven. Wir bekommen nun noch einen flüchtenden Adam und das Zerlegen des so mühselig hergerichteten Gerichtsaals durch Ruprecht geboten, bevor sich alle verbeugen und man nach langem Beifall endlich gehen könnte. Aber weit gefehlt, für Frau Marthe Rull ist die Sache nicht erledigt, sie will wieder zurück an den Polylux und über den Krug lamentieren. Erst als der Eiserne Vorhang unten ist, sind wir erlöst.

Man könnte die Sache auch als Väter der Klamotte abtun. Darf man das nach der Diskussion über Frau Blattners Käthchen am BE? Wird hier nicht wieder Kleist mit seinem Text nicht ernst genommen. Jan Bosse hat sich mit dem zerbrochenen Krug auch eine dankbarere Aufgabe rausgesucht, aber er hält die Komik mit seiner auf Trash gebürsteten Inszenierung auch konsequent von Anfang bis Ende durch. Und somit ist ihm, bei diesen vielen Theaterereignissen des Wochenendes von Nachtkritik ganz unbemerkt, ein nicht geahnter Höhepunkt gelungen.