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Verspielt – Jette Steckel inszeniert am Deutschen Theater Berlin DAS SPIEL IST AUS von Jean Paul-Sartre

Dienstag, April 1st, 2014

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Da stehen sie nun beide nackt, Hand in Hand im Zuschauerraum des Deutschen Theaters. Pierre (Ole Lagerpusch) trägt die Geschichte der Revolutionen, Georg Büchners Zeilen über einen zernichtenden, grässlichen Fatalismus auf den Bauch geschrieben, doch im Mund führt er Rudi Dutschkes Worte über das Selbstverständnis der Studentenbewegung. „Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen.“ Eve (Judith Hofmann) hat von all dem noch nie etwas gehört, will leben und lieben. In Erkenntnis dessen schrecken sie voreinander zurück und sind doch füreinander bestimmt. Ein Irrtum vom Amt hat sie nur im Leben noch nicht zusammengeführt. Aussteigen aus der Verantwortung oder die Welt gestalten, das ist hier die Frage. Determinismus oder Existentialismus ist die Frage Jean Paul Sartres nicht. Der Mensch ist zur Freiheit verdammt und hat, ohne Gott ins Leben geworfen, seine Handlungen allein zu bestimmen und zu verantworten. Der Tod ist absurd.

Jean-Paul Sartre (um 1950) - Foto: Wikipedia

Jean-Paul Sartre
Foto: Wikipedia

Soweit zur Philosophie Sartres, dem es aber auch gefiel, ein Spiel zu entwerfen, in dem er seine Theorien auf ihren Gehalt hin zu prüfen gedachte. Das Spiel geht schlecht aus für die Protagonisten. Der Tod ist gesetzt. Er enthüllt nur das absurde Warten auf ihn. Das noch während des Zweiten Weltkriegs geschriebene Drehbuch für den 1947 entstandenen Film Das Spiel ist aus siedelte Sartre – ähnlich wie in Die Fliegen – in einem fiktiven faschistischen Staat an. Der Widerstandskämpfer Pierre Dumaine ist am Vortag eines Aufstands gegen das Regime des Regenten von einem Verräter erschossen worden. Eve Charliere, die Dame aus feinem Hause, wurde von ihrem Mann André, Polizeichef des Regenten, vergiftet. Nun treffen sie im Totenreich aufeinander, verlieben sich und bekommen tatsächlich die Chance noch einmal unter die Lebenden zurückzukehren. Bedingung ist, dass sie sich binnen 24 Stunden vorbehaltlos ihrer Liebe ergeben und vertrauen werden.

Französische Existentialisten sind auf deutschen Bühnen wieder schwer im Kommen. Regisseurin Jette Steckel kann man da fast schon als Expertin bezeichnen, hat sie doch bereits einiges von Albert Camus und Jean Paul Sartre inszeniert. Für die Versuchsanordnung Sartres setzt Steckel das Publikum mal nicht in den Saal, sondern auf die Drehbühne. Das Spiel entspinnt sich drum herum, im Zuschauerraum und auf den Rängen. Hier ist das Totenreich Sartres mit Fantasie-Gestalten und all den Toten der Jahrhunderte. Von einem gehängten französischen Ex-Revolutionär (natürlich ein Justizirrtum) mit Maschinengewehr (Elias Arens) werden die Neuankömmlinge in ihre Reihen eingeführt. Wir auf der Bühne sind die Lebenden und sehen nichts, wie er verkündet. Weit gefehlt, wie sich herausstellen wird.

Die Vorgeschichte bis zum Tod des Paares in aller Ausführlichkeit erspart uns Jette Steckel und lässt sie als kurzen Schwarz-Weiß-Kunstfilm über die Videoleinwand flimmern. Man sieht in Zeitlupe Wartende auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz, Bomben bastelnde Revolutionäre. Ein Streit, ein Schuss, ein fallendes Wasserglas, dann beginnt sich die Bühne samt Publikum zu drehen und es schneit Cellophanschnipsel vom Schnürboden. Man wird mit Bombastsound der Indirockband The Notwist beschallt und bekommt auch noch ordentlich was aufs Auge. Einen nebeligen Zeittunnel zum Beispiel, der einen wohl in die Vergangenheit ziehen soll oder in die vernebelte Zukunft führt.

So sinnenvernebelt lauscht man dann dem Regenten (Natali Seelig) bei einer typischen Politikerrede. Er will wiedergewählt werden und schwört auf die Verfassung. Ein toter Soldat im Tarnanzug verflucht es, für in gestorben zu sein. Sein zynischer Polizeichef Charlier (Alexander Khuon) faselt nebenbei Diabolisches von der conditio humana und verwehrt dem Volk insgeheim das Recht zum Denken und Sprechen. Jette Steckel vertraut dem Text nicht allein, entsorgt den halben Sartre, dessen Drehbuch mit Sicherheit auch ein paar Längen aufweist, und reichert ihn mit Zitaten quer durch die Revolutions- und Philosophiegeschichte an. Will Eve ihre Seele geben, um einmal noch mit Pierre tanzen zu können, entspinnt sich ein Dialog über die Unsterblichkeit der individuellen Seele. Trifft Eve ihren desillusionierten Vater (Alexander Khuon) im Totenreich, darf der zu seinem Defätismus auch noch Milan Kundera über die Skizzenhaftigkeit des menschlichen Lebens zitieren. Es wird im Gegenlicht getanzt und filmreif geschmachtet.

Deutsches Theater Berlin - Foto: St. B.

Deutsches Theater BerlinFoto: St. B.

Bei all diesem Überwältigungsfuror ist es nur noch eine Petitesse, dass Eve bemerkt, dass dies alles nur Theater sei. Ihre Feststellung verhallt in Reihe 15. Umso hölzerner dann der Wiedereintritt ins reale Leben. Vor weißem Bühnenhorizont mit nackter Glühbirne müssen die um ihre Liebe Ringenden plötzlich feststellen, dass Vertrauen gar nicht so einfach ist. Schnell verfallen beide wieder in die Rollen vor ihrem Tod. Pierre will die alten Freunde der Liga vor dem Hinterhalt des Regimes warnen und Eve mit vorgehaltener Pistole ihre naive Schwester Lucette (Barbara Heynen) vor dem intriganten André retten. Trotz aller Liebesbeteuerungen verspielen sie ihre zweite Chance auf ein gemeinsames Leben. Sie landen wieder im Parkett, blau angemalt. Was hier von ihrer Geschichte bleibt, ist nicht mehr als die fragmentarische Spur eines Yves-Klein-Bodypaintings am Rundhorizont.

Was man trotz allem für sich mitnehmen kann, ist die Frage, ob sie wirklich gescheitert sind oder vielleicht doch alles einen Sinn ergibt. Ob es wert ist für die Liebe einzustehen, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Sartre setzte bei aller Verwirrung durchaus auch auf Hoffnung. Jette Steckel setzt ihrer Inszenierung ein schönes Zitat des Existentialphilosophen voran: „Das Leben ist wie eine Panik im Theater, das brennt. Jeder sucht den Ausgang, keiner findet ihn…“ Hier leuchten die Exit-Zeichen an den Wänden etwas zu deutlich auf, als dass man sie ignorieren könnte, um sich in diesem überkonstruierten Bühnenspiel existentiell zu verlieren. Im doppelten Sinne verspielt. Eigentlich schade.

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DAS SPIEL IST AUS von Jean Paul Sartre
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: The Notwist
Musikalische Betreuung: Mark Badur, Volker Wendisch
Video: Alexander Bunge
Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Judith Hofmann, Ole Lagerpusch, Alexander Khuon, Barbara Heynen, Natali Seelig, Elias Arens, Anne Wels, Till-Jan Meinen, Margitta Azadian, Mohammed Azadian, Martin Heise, Felix Hübner, Till-Jan Meinen, Karolina Nägele, Valentin Olbrich, Nina Philipp, Ray Reimann, Dieter Zühlke und Ilka Zühlke
Premiere war am 28. März 2014
Weitere Termine: 6., 8., 12. + 16. 4. 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 30.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Parteidisziplin und Lebenslügen – Das Deutsche Theater Berlin zeigt Jean-Paul Sartres „“Die schmutzigen Hände““ und Thomas Vinterbergs „“Die Kommune“

Donnerstag, Januar 26th, 2012

Gerade noch haben an der Volksbühne René Pollesch und Fabian Hinrichs mit viel Spaß und artistischem Spieltrieb das verstörte Individuum im Kapitalismus untersucht und die Unmöglichkeit ein Netzwerk zu lieben ironisch verdeutlicht, wobei sie ganz nebenbei noch Brechts Egoisten und Anarchisten Fatzer einflochten, da zieht schon das Deutsche Theater nach und verabschiedet in zwei Inszenierungen ein paar liebgewonnene bzw. verhasste Ismen und entsorgt gescheiterte Utopien. Und das kommt teilweise so locker und leicht daher, dass man sich die Augen reiben muss und kneifen möchte, ob man denn wirklich im Tempel des bildungsbürgerlichen Theaters an der Schumannstraße sitzt. Die beiden noch an Jahren jungen Regietalente Jette Steckel und Rafael Sanchez beschäftigen sich hier mit Themen, die schon auf dem Müllplatz der Geschichte zu liegen schienen, aber in letzter Zeit wieder sehr aktuell sind. Ob sie auch den Kern der Sache getroffen haben, bleibt aber bei beiden Inszenierungen relativ offen, und damit bestätigt sich eigentlich nur wieder die Feststellung, dass ein stark aufspielendes Ensemble noch jedem Stück etwas Relevanz entlocken kann.

dt.jpg Foto: St. B.
Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin

Spieltrieb, Idealismus oder todernste Realpolitik – Jette Steckel klopft Sartres großes Spiel über Methoden zur politischen Machterlangung auf Lüge und Wahrheit ab.

Spiel, Spaß und gute Laune scheinen dem alten Stück irgendwie eingeschrieben zu sein. Leider hat das wohl in den Zeiten des Eisernen Vorhangs, ha ha, keiner so richtig mitgekriegt. Oder liegt es daran, dass es ständig falsch verstanden wurde und immer wieder nur für Stalinismuserklärungen herhalten musste. Zwei unvergessene Inszenierungen der Nachwendezeit haben Sartres Stück über einen ideologisierten jungen Intellektuellen, der einen politischen Mord begehen soll und an der Aufgabe menschlich scheitert, von diesem Rezeptionsstaub befreit. Über Frank Castorfs herrliche Jugoslawienkriegsfarce von 1998 an der Volksbühne, mit dem ungeschlagenen Dreigestirn Henry Hübchen als dichtendem Hoederer-Karadzic, Matthias Matschke als verhuschten, grimassierenden Tollpatsch Hugo („Kann ich auch! Kann ich auch!“) und Kathrin Angerer als nölendes Girlie Jessica, braucht man nicht mehr zu reden. Mit frechen Balkanbrassklängen bliesen sie dem ollen Sartre ordentlich den Marsch.

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