Archive for the ‘Jette Steckel’ Category

Verunglückte Ethikrecherche und starres Authentizitätsdogma – Das Deutschen Theater Berlin versucht sich an den Zehn Geboten und einem Fest

Sonntag, Januar 29th, 2017

___

10 Gebote – Der verunglückte Versuch einer zeitgenössischen Ethik-Recherche in der Regie von Jette Steckel am Deutschen Theater Berlin

DT-Schaukasten – Foto: St. B.

Waren die Zehn Gebote einmal von Gott auf zehn Steintafeln an den Propheten Moses übergegebene Verhaltensregeln zum Ausdruck des Bundes seines Volkes mit ihm, so sind diese Gebote heute meist nur noch lästige Benimmregeln, an denen nicht erst der moderne Mensch tagtäglich scheitert. So jedenfalls kann man es am kleinen Sünder wie auch im großen Weltgeschehen beobachten. Ob die Zehn Gebote als Grundlage theologischer wie weltlicher Ethik heute überhaupt noch Bestand haben oder komplett neu gedeutet werden müssen, das will nun die Regisseurin Jette Steckel in ihrer groß angelegten, zeitgenössischen Theaterrecherche 10 Gebote am Deutschen Theater Berlin untersuchen.

Sie hat dazu 15 AutorInnen, FilmerInnen und MusikerInnen gebeten kurze Beiträge zum Thema zu liefern. Entstanden ist ein Konglomerat aus insgesamt 12 Werken, bestehend aus kurzen Monologen, kabarettistischen Einlagen, zwei Kurzfilmen und auch drei Minidramen, die sich alle lose um die zehn Gebote drehen, aber v.a. eine selbstbefragende Sicht auf das freigeben sollen, was uns heute diese Ge- oder Verbote im Rahmen unseres abendländisch-christlich-jüdischen Wertekanons noch zu sagen haben. Sich selber in Frage stellen, ist das weit gesteckte Ziel des Abends.

Zu Beginn herrscht allerdings erst einmal ein großes Stimmengewirr. Auf die schwarzen Wände eines raumgreifenden Drehbühnenturms zu Babel werden mit Kreide die Gebotstexte geschrieben. Dann macht sich das Ensemble locker zum Song „Immer muss ich alles sollen“ von Gisbert zu Knyphausen. Allzu hochtrabend und düster, scheint es, soll es dann doch nicht werden. Aber Clemens Meyer legt mit einem für ihn typisch kraft-Meyernden Text die Selbstbefragungslatte zunächst mal gar nicht allzu niedrig. Benjamin Lillie schafft sich zu Gebot 1: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ als junger Glaubenssucher („Ich bin ein Binnenmeer“) im Schlafstrampler an den auf ihn einstürzenden Erkenntnissen über den großen „Wolkenmäcki“ („Es kann nur einen geben.“), die Welt und manch andere Ideologie. Credo: „Wie man sich betet, so lügt man.“

Dagegen ist das kleine Dialogdrama von Sherko Fatah zum Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.“ ein eher zähes Fabulieren über die traditionelle Rolle der Frau in der Familie und einen begangenen Ehrenmord zwischen dem jungen Delinquenten (Natali Seelig) und seiner Verhörerin (Lorna Ishema). Felicia Zeller liefert zum Gebot: „Du sollst nicht lügen.“ den satirischen, hier chorisch gesprochenen Monolog eines von seiner eigenen Wahrheit Besessenen, der in Cafés Zeitungsartikel korrigiert, wobei das Ensemble im Takt auf Steintafeln herumhämmert.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Als die coolen Zyniker des Unterfangens fungieren der Journalist, Autor und Migrationsforscher Mark Terkessidis und der Rap-Musiker Maxim Drüner (K.I.Z.) gemeinsam mit dem Dramatiker Juri Sternburg. Ersterer hat einen gesellschaftskritischen Popdiskurs (Text im Programmheft) über die allgemeine Neiddebatte („Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“), die Luxus-Probleme der Mittelschicht und deren Vorurteile über das Prekariat geschrieben, den Jette Steckel als völlig überdrehtes Gespräch zweier Partygäste (Wiebke Mollenhauer und Ole Lagerpusch) inszeniert. Drüner und Sternburg gefallen sich als schwarzhumorige Kapitalphilosophen (Lagerpusch und Lillie), die sich wie Zwillings-Antipoden über das Prinzip Stehlen als gesellschaftliche Alternative austauschen. Was auch mal in dem nicht gerade p.c.-tauglichem Statement: „Du sollst keinen Laster stehlen und in einen Weihnachtsmarkt fahren.“ mündet. Hier schifft man zwar unterhaltsam zwischen Gorki-Sound, Pollesch-Diskurs und Pop-Literatur, allerdings ohne besonderen politischen Tiefgang. Wie alles andere bleibt auch das auffallend an der gerade noch mainstreamtauglichen Oberfläche.

Sich gekonnt lustig machen ist ja nicht grundsätzlich falsch, wenn man Religion kritisch hinterfragen will. Nur scheint das gar nicht das Hauptthema des Abends zu sein. Aber außer dem erklärten Willen zur Befragung wird hier nicht wirklich klar, was Jette Steckel sonst noch so umtreibt? Nichts hält diesen schier berstenden Abend irgendwie zusammen. Ein recyceltes Libretto von Dea Loher zur 2015 in Hamburg in der Regie von Jette Steckel uraufgeführten Oper Weine nicht, singe schleppt sich in einem fürchterlich pathetischem Sing-Sang schier unendlich bis zur Pause. Eine Art Endzeitstory über Grenzkriege, Flucht und schicksalhafte Verstrickungen im Gewand einer antiken Tragödie.

Was eigentlich zum Gebot „Du sollst nicht töten.“ passen würde, läuft hier unter dem Sammelgebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.“ Lediglich schräg wirkt da, das Thema Töten mit der Obsession von Männern, die geschlachtet und verspeist werden wollen, zu verbinden. Filmemacher Jan Soldat hat einen seiner ungewöhnlichen Interviewfilme über seltsame menschliche Fetische beigesteuert. „Die Idee ist Ewigkeit.“ heißt es da. Was an anderer Stelle sicher interessant wäre, geht hier kopfschüttelnd unter wie ein kleiner, sicher metaphorisch gemeinter Monolog des bekanntlich zu großen transzendenten Gedanken durchaus fähigen Schriftstellers Navid Kermani über einen Vater (Andreas Pietschmann), der seinen Sohn töten will, um ihm die Enttäuschungen des Erwachsenseins zu ersparen. Lediglich Dramatik von der Stange ist ein Kurzdrama der Schriftstellerin Nino Haratischwili zum Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen.“, was von der Regisseurin in bunten Cocktails und Discokugellicht ertränkt wird.

Wir sehen also vier Stunden fröhliche Blasphemie mit einigen versuchten Einschüben pathetisch-heiligen Ernstes, die so deplatziert wirken, wie ein echtes Schaf auf einer Theaterbühne, das Ole Lagerpusch im weißen Zottelfell als bedauernder „Créateur“ (sprich Lebensdesigner) Gott zum Ende dann noch am Strick vorführt. Rocko Schamoni hat sich die Option auf ein 11. Gebot gesichert. Enttäuscht bezeichnet Gott in seinem Monolog die Menschheit als „maximale Sackgasse“ und bittet zu den Klängen eines bekannten französischen Chansons um Pardon. Darin steckt nicht nur Ironie, sondern auch ein wenig die Sehnsucht nach dem Göttlichen zumindest in der Kunst. Lieber Bühnen-Gott, verlass mich nicht. Die Unternehmung ist da aber längst von allen guten Geistern verlassen.

***

10 Gebote (UA am 21.01.2017 am Deutschen Theater)
Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_Innen, 9 Schauspieler_Innen und 1 Schaf
Mit Texten und Videos von Maxim Drüner (K.I.Z)/Juri Sternburg, Sherko Fatah, Nino Haratischwili, Navid Kermani, Bernadette Knoller/Anja Läufer/Claudia Trost, Dea Loher, Clemens Meyer, Rocko Schamoni, Jochen Schmidt, Jan Soldat, Mark Terkessidis, Felicia Zeller
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Mark Badur
Licht: Matthias Vogel
Ton: Marcel Braun, Matthias Lunow
Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Markus Graf, Judith Hofmann, Lorna Ishema, Ole Lagerpusch, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Helmut Mooshammer, Andreas Pietschmann, Natali Seelig
Dauer: ca. 4 Stunden, eine Pause
Termine: 12.02., 26.02.2017

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 23.01.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Starres Authentizitätsdogma – Anna Lenk inszeniert auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele eine intime Version des Dogma-Films Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov

DT-Schaukasten – Foto: St. B.

Auch in der zweiten Inszenierung des vergangenen Premierenwochenendes am Deutschen Theater Berlin spielt zumindest eines der zehn Gebote eine gewisse Rolle. „Das vierte Gebot lautet: Du sollst Vater und Mutter ehren“, sagt am Ende die Großmutter (Katharina Matz) der Klingenfeld-Hansenschen Familie trotzig, nachdem die Feier zum 60. Geburtstag ihres Sohnes Helge, der gemäß der Altmänner-Tischrede seines senilen Vaters (Jürgen Huth) eigentlich schon eine Geschichte von den sieben Meeren vertragen kann, etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Mit dem Gebot meint die starrköpfige Großmutter allerdings nicht etwa ihren des Kindesmissbrauchs überführten Sohn, sondern dessen Kinder, die in dem berühmten Dogma-Film Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov erst für die Offenlegung dieses unangenehmen Familiengeheimnisses kämpfen müssen.

Tischgesellschaften zu runden Geburtstagen eignen sich immer vorzüglich, um in alten Erinnerungen zu schwelgen. So ließ auch Jette Steckel in ihrer Inszenierung der 10 Gebote das Ensemble eine große Tafelrunde mit Geschichten von Vater und Mutter garnieren. Anne Lenk lässt in ihrer Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest die Tische weg, gruppiert aber das Publikum dennoch recht eng und intim um eine kleine Spielfläche auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele. Die Großeltern und der mit Altherrenwitzen glänzende Onkel Leif (Michael Gerber) sitzen mit unter uns. Wir nehmen also direkt teil am Geschehen, bekommen vom Toastmaster des Abends (Bernd Moss) Sekt und Wasser gereicht und sollen auch noch ein Ständchen für den Jubilar einüben.

Wer solche Art von Peinlichkeiten weder im eigenen, größeren Familienkreis noch im Theater mag, sollte lieber daheim bleiben, allerdings ist diese unangenehm vertrauliche Atmosphäre von Anfang an Teil des Regie-Konzepts und muss vom Publikum als solches auch bis zum Ende mit durchlitten werden. Es geht nicht nur um ein jahrelang unter den Familienteppich gekehrtes Geheimnis, sondern auch um die verschiedenen Arten und Wahrnehmungen von Scham und Schuld, deren Auswirkungen auf das Familiengefüge, sowie um Macht und Schuldkomplexe der Ohnmächtigen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Und das soll uns nun hier auf engstem Raume möglichst hautnah und authentisch vorgefügt werden. Es beginnt mit der Ankunft der wichtigsten Gäste, die sich plötzlich aus dem Publikum schälen oder wie zufällig hereinschneien. Ungelenke Begrüßungsszenen, möglichst improvisierter Smalltalk, man hat sich lange nicht gesehen und doch nicht allzu viel zu sagen. Es herrscht bei aller bemühten Vertrautheit eine peinliche Distanz und über allem schwebt da immer auch etwas Unausgesprochenes.

Man läuft sich warm mit Sprüchen und Kinderspielen. Beim Einmarsch von Helge (Jörg Pose) und seiner Frau Else (Barbara Schnitzler) erhebt sich alles zum Kanon mit Knicklichtern, und es gibt eine Diashow mit alten Fotos der Familie. Das ist nun für diejenigen, die Film und Geschichte kennen, insgesamt doch etwas langatmig. Bei aller gespielten Improvisation bleiben Text und Handlung immer recht nah am Original. Für die nötige Fallhöhe muss natürlich als Helges Gegenspieler, sein Sohn Christian, sorgen, den Alexander Khuon als sichtlich grübelnden Zauderer anlegt, der dann irgendwann auch zu seiner „Wahrheitsrede“ über den reinlichen Vater, der mit den Zwillingen Christian und Linda immer ins Bad wollte, ansetzt. Was folgt, sind Momente lähmenden Schweigens.

Helge sitzt die erste Attacke locker aus. Selbst Christians jüngere Geschwister, die überdrehte Helene (Lisa Hrdina) und der laute, gern übergriffig pöbelnde Bruder Michael (Camill Jammal), der mit Frau (Anita Vulesica) und eigenen Kindern angereist ist, stellen sich zunächst noch vor den Vater. Die Mechanismen der Verdrängung und des Familienzusammenhalts funktionieren hier noch recht gut. Christian steht da außen vor, während sich Michael mit peinlichen Geburtstagsständchen am Klavier sogar die Liebe und Aufmerksamkeit des Vaters erspielen will. Es gilt ein trotziges Weiter-So.

Doch das Fest verläuft unerfreulich, wie Onkel Leif sichtlich angeödet bemerkt. Die gute Stimmung lässt sich auch mit Singen und Tanzen nicht wirklich auf Dauer aufrecht halten. Geradezu perfide wirken die Versuche der Eltern, ihrerseits Christian zu diskreditieren. Aber Christian bleibt hartnäckig zusammen mit seiner Jugendfreundin Pia (Franziska Machens), die als gutes Gewissen ansonsten hier relativ blass bleibt. Man kann hier sehr schön die üblichen Abwehrmechanismen und Machtspiele der getroffenen Eltern beobachten, die Schuldzuweisungen und Schamgefühle für sich nutzen, bis das Lügengebäude durch den wiedergefundenen Abschiedsbrief Lindas zum Einsturz gebracht wird.

Allerdings krankt das Ganze auch an seiner unmittelbaren Deutlichkeit. Wilde Handgemenge, Gebrüll und viele Tränen am Ende samt Demütigung des nun überführten Vaters. Nichts wird ausgelassen. Weder die peinlichen Ausländerwitze Michaels über den arabischen Freund (Thorsten Hierse) seiner Schwester, noch die ständigen Wortmeldungen der Alten, die weiter in ihren alten Vorstellungen von Heim und Familie verharren. Nach zum THEATERTREFFEN eingeladenen Inszenierungen von Michael Thalheimer (2001) und Christopher Rüping (2015) hat Anne Lenk nach 20 Jahren Dogma dem Thema nichts Neues hinzugefügt. Das Theater unterwirft sich ohne Not einem starren Authentizitätsdogma.

***

Das Fest (DT-Kammerspiele, 27.01.2017)
von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
Regie: Anne Lenk
Bühne: Halina Kratochwil
Kostüme: Sibylle Wallum
Musikalische Leitung: Leo Schmidthals
Dramaturgie: David Heiligers
Mit: Michael Gerber, Thorsten Hierse, Lisa Hrdina, Jürgen Huth, Camill Jammal, Alexander Khuon, Franziska Machens, Katharina Matz, Bernd Moss, Jörg Pose, Barbara Schnitzler und Anita Vulesica
Die Premiere war am 20.01.2017 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin
Weitere Vorstellungen am 12., 15., und 25.02.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 28.01.2017 auf Kultura-Extra.

__________

„Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen“ am Thalia-Theater Hamburg und „Nora“ am Deutschen Theater Berlin – Zwei ganz unterschiedliche Inszenierungen um Liebe und Ökonomie

Montag, Dezember 14th, 2015

___

Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen – Jette Steckel verbindet am Thalia-Theater Hamburg zwei Stücke von Ödön von Horváth

„Und die Liebe höret nimmer auf.“ heißt es ziemlich ironisch in Ödön von Horváths Oktoberfest-Schauspiel Kasimir und Karoline, in dem der „abgebaute“ Chauffeur Kasimir nach der Anstellung auch noch seine Braut Karoline verliert. Die spielt mit dem Gedanken nach Höherem, muss aber am Ende erkennen, dass sie für ihren rosigen Blick in die Zukunft zu tief unter sich hinunter müsst, um höher hinauf zu können. Auch die Elisabeth aus Glaube Liebe Hoffnung, die am Anfang noch ganz hoffnungsvoll in ihre Zukunft als Vertreterin für Miederwaren blickt, erfährt am eigenen Leib in Horváths kleinem Totentanz mit unvermeidlichem Trend nach unten den ökonomischen Zusammenhang von Gefühl und Karriere. Karoline und Elisabeth sind zwei der typischen Horváth’schen Engel „mit gebrochenen Flügeln“. In beiden Stücken (1932 geschrieben) sind die Menschen mehr oder weniger dazu gezwungen „egoistischer zu sein, als sie es eigentlich wären, da sie doch schließlich vegetieren müssen“ (Zuschneider Eugen Schürzinger in Kasimir und Karoline) oder wie es Elisabeth sagt: „Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind.“ Folgerichtig hat nun die Regisseurin Jette Steckel am Thalia Theater Hamburg beide Dramen zu einem gemeinsamen Reigen und Requiem um Liebe und Ökonomie zusammengefügt.

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Ob es nun heute ein bisschen gerechter zugeht, liegt ganz im Auge der BetrachterInnen, für die der Bühnenbildner Florian Lösche den Bühnenhimmel voll riesiger luftgefüllter Glücksbälle gehängt hat, die zuerst noch wie überdimensionale Weihnachtsbaumkugeln über den Protagonisten schweben und später dann, auf die Bühne heruntergefallen, wie ein undurchdringliches Labyrinth wirken. Wie Atlas trägt Kasimir (Mirco Kreibich) die Last des vermeintlichen Wiesn-Glücks, das für ihn zunehmend zur psychischen Belastung wird. Seine Karoline (Maja Schöne) bandelt nach einem Streit mit dem Zuschneider Eugen (Sebastian Rudolph) an, während sich Kasimir seiner Melancholie und dem Suff ergibt. Immer wieder schaltet Jette Steckel hier Szenen aus Glaube Liebe Hoffnung dazwischen, in denen Birte Schnöink als Elisabeth parallel ihren Weg vom Anatomischen Institut, in dem sie ihren Körper für die fehlenden 150 Mark für den Wandergewerbeschein verkaufen will, über die Beziehung zum Präparator und dem Schupo Alfons (Sebastian Zimmler) bis in den wässrigen Tod geht. Eine Frau will für die erhoffte Selbständigkeit nicht nur ihren zukünftigen Leichnam verkaufen, sie begibt sich auch schon zu Lebzeiten in eine männlich dominierte finanzielle und körperliche Abhängigkeit.

Der Präparator, der Elisabeth nicht ganz uneigennützig die 150 Mark vorstreckt, ist hier identisch mit dem Zuschneider Eugen. Er bringt erst Elisabeth wegen Betrugs ins Gefängnis und reicht alsbald seine Wiesenbekanntschaft Karoline an seinen Chef, den Oberpräparator/Kommerzienrat Rauch (Matthias Leja) für einen Karrieresprung weiter. So verschneidet Jette Steckel geschickt Stücke, Personen und Schicksale ganz wirkungsvoll miteinander, dass daraus tatsächlich ein unmittelbar zusammenhängender Reigen aus ökonomisch bestimmten Paarbeziehungen entsteht. Etwas zu sehr als Typen an den Rand gedrängt wird dabei das andere Paar Erna und der Merkl-Franz (Karin Neuhäuser und André Szymanski), das dafür aber mit ein paar schräg-komischen Slapstick-Einlagen glänzen darf. Ebenfalls etwas zu plakativ geraten die Figuren der Hermine Prantl-Speer (Patrycia Ziolkowska), Chefin von Elisabeth, und ihrem Mann, einem Amtsgerichtsrat (Oliver Mallison), der auch noch als volltrunkener Landgerichtsdirektor Speer durch die Oktoberfest-Szenen geistert.

 

Kasimir und Karoline - Glauben Lieben Hoffen am Thalia Theater Hamburg - Foto (c) Krafft Angerer

Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen am Thalia Theater Hamburg – Foto (c) Krafft Angerer

 

Wie schon in ihrer kürzlich mit dem FAUST ausgezeichneten Inszenierung von Shakespeares Romeo und Julia hat Jette Steckel die Band 1000 Robota von Anton Spielmann mit der Live-Musik betraut. Die spielt vor allem schrägen Free-Jazz, aber auch ein paar deftige, elektronisch verstärkte Volkslied-Parodien. Es geht, wie bei einem Stationen-Drama üblich, recht flott von Szene zu Szene. Ein Tempo, das sich bis zur Pause hält, danach aber immer mehr in einen chaotischen Drehbühnen-Run mündet. Die Inszenierung beginnt sich immer schneller im Kreis zu drehen, es wird getanzt, gesungen, und bei der immer lauter werdenden Musik müssen schließlich die Texte per Übertitel eingeblendet werden. Kasimir steppt sich minutenlang seinen Frust vom Leib und spült erschöpft mit reichlich Bier nach. Die Luft scheint nicht nur aus den Bällen raus, auch die Handlung zerfasert dabei fast komplett.

Dass die Idee der Verquickung beider Stücke dennoch aufgeht, verdankt sie den Schwestern im Geiste Karoline und Elisabeth sowie ihren eindrucksvollen Darstellerinnen Maja Schöne und Birte Schnöink, die mit ihrem Spiel den getriebenen Frauenfiguren viel Glaubwürdigkeit und trotz aller Demütigungen auch Würde verleihen können. Die am Ende von Elisabeth verzweifelt ans Publikum gerichtete Frage, wer denn zuständig sei, kann man dann getrost als Aufforderung mit nach Hause nehmen.

***

KASIMIR UND KAROLINE – GLAUBEN LIEBEN HOFFEN (04.12.2015)
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Anton Spielmann (1000 Robota)
Dramaturgie: Julia Lochte
Mit: Mirco Kreibich (Kasimir), Matthias Leja (Oberpräparator Konrad Rauch), Oliver Mallison (Amtsgerichtsrat Werner Speer), Karin Neuhäuser (Erna Reitmeier), Sebastian Rudolph (Präparator Eugen), Birte Schnöink (Elisabeth), Maja Schöne (Karoline), André Szymanski (Franz Merkl), Sebastian Zimmler (Schupo Alfons Klostermeyer) und Patrycia Ziolkowska (Hermine Prantl-Speer, Sanitäterin) sowie den Musikern Gabriel Coburger (Basklarinette, Flöte, Tenorsaxophon), Olvier Gutzeit (Altsaxophon), Stephan Krause (Percussion) und Christophe Schweizer (Posaune, Tuba, Alphorn, Trompete)
Premiere im Thalia Theater Hamburg war am 26. November 2015
Weitere Termine: 11., 12. 12. 2015 / 2., 3., 5., 11., 13., 14. 1. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am erschienen am 08.12.2015 auf Kultura-Extra.

*

*

Echt krass – Stefan Pucher inszeniert NORA nach Henrik Ibsen in einer modernen Textüberschreibung von Armin Petras fürs Deutsche Theater Berlin.

Foto DT-Schaukasten

Foto DT-Schaukasten

Zur Uraufführung 1879 verursachte der Norweger Henrik Ibsen mit seinem Emanzipationsdrama Nora noch einen veritablen Skandal. Ibsen musste den Schluss, bei dem Nora ihren Mann Torvald und die gemeinsamen Kinder verlässt, sogar umschreiben. Mittlerweile scheint das Stück allerdings schon so blaustrumpfig, dass man es wieder umschreiben, sprich für die heutige Zeit aufpeppen muss. So geschehen jetzt am Deutschen Theater Berlin. Es ist nicht das erste Lifting für Ibsens Nora und wird wohl auch nicht das letzte sein. Immer noch legendär ist die Inszenierung von Thomas Ostermeier mit Goldfischaquarium im Berlin-Mitte-Schick an der Schaubühne, an deren Ende Nora ihren Mann spektakulär über den Haufen schoss. Am Maxim Gorki Theater hetzte ein paar Jahre später Scheidungskind Jorinde Dröse das Ehepaar Helmer in einen regelrechten Rosenkrieg, und Herbert Fritsch trieb in Oberhausen mit Ibsens Figuren sein knallbunt-böses Spiel unterm Weihnachtsbaum.

Für das DT wurde der Stuttgarter Intendant, Regisseur und Dramatiker Armin Petras mit einer Modernisierung des Textes beauftragt. Er hat ihn mit einer merkwürdigen Kunstsprache unter der Verwendung jeder Menge Anglizismen und Jugendslang-Wörtern überschrieben, die die Figuren wie in einem Hipster-Comic in kurz angebundenem Neosprech reden lässt. Alles ist hier echt krass, geil, irre, fancy oder trendy. Man kennt das Verfahren bereits vom Wiener John Gabriel Borkman, bei dem der australische Regisseur Simon Stone Ibsens Bankerstück in die Sprach-Welt von Internet und Social Media verlegte. Das entbehrt, wie nun auch in Berlin, nicht einer gewissen Komik, nivelliert das eigentliche Drama und die Fallhöhe der Charaktere aber auf ein küchenpsychologisches Niveau, was sich auf der DT-Drehbühne in einem entsprechend stylischen Wohnküchenambiente niederschlägt.

Für die Psychologie und inneren Gefühlswelten der Ibsen-Figuren scheinen sich aber weder der Autor Armin Petras noch der Regisseur Stefan Pucher wirklich interessiert zu haben. Man schrammt im Schick der 1970er Jahre an der Oberfläche des Plots entlang und gibt sich dabei ganz popkulturell beflissen immer wieder dem Singen von Songs über Money, Romance oder Blame hin. Ein wenig glamourös, ein bisschen schräg, mal nerdig, mal oldschool, wozu vermutlich auch gehört, dass die DarstellerInnen in den schwarz-weiß gehaltenen Hintergrundvideos den Ibsen-Text in einer klassischen Übersetzung und den dazu passenden Kostümen aufsagen. Lauter ästhetische Oberflächen, wie sie Stefan Pucher mit Vorliebe zu schaffen weiß (s. seine Hedda Gabler oder Elektra).

 

Nora am Deutschen Theater Berlin - Foto(C) Arno Declair

Nora am Deutschen Theater Berlin – Foto(C) Arno Declair

 

Im Kern will die Inszenierung aber ein ästhetisch stark überhöhtes Bild von vollkommen durchökonomisierten, heutigen Beziehungen geben. Jeder ist hier Teil des Marktes und sucht die Nähe zum anderen nur des eigenen Vorteils wegen. Natürlich lässt sich das so auch aus Ibsens Drama destillieren. Auf Nora (Katrin Wichmann) übt der berufliche Aufstieg ihres Mannes Torvald (Bernd Moss) einen erotischen Reiz aus, sie liebt es nach der vergangenen Durststrecke mehr Geld zu haben. Torvald wiederum schmückt sich mit seiner Frau, um vor der Gesellschaft eine gute Figur zu machen. Die Liebe passt sich dabei den Marktgesetzen an. Dasselbe lässt sich auch für den kleinen Bankangestellten Krogstad (Moritz Grove) und Christine Linde (Tabea Bettin) sagen, die beide ihre alten Beziehungen und geheimes Wissen nutzen, um über Nora am Aufstieg Torvalds teilzuhaben oder dem drohenden Abstieg entgegenzuwirken.

Eher außen vor ist da der Hausfreund Doktor Rank (Daniel Hoevels), der zwar Geld besitzt, aber todkrank schnell aus dem Rennen um Liebe und Ökonomie ausscheidet. Rank hat hier als einziger eine etwas romantische Ader, gilt damit aber sofort als oldschool. Nora bedauert ihn nur, als Liebhaber kommt er für sie nicht in Frage. Da die verschiedenen Liebeleien und Karriereambitionen der ProtagonistInnen nicht allzu viel Dramatisches hergeben, wird hauptsächlich doch nur die leidige Geschichte mit Noras Schuldschein abgehandelt. Sie hatte die Unterschrift ihres bereits gestorbenen Vaters für einen Kreditantrag gefälscht, um mit dem Geld ihren kranken Mann zu retten. Was Krogstad nun ausnutzt, um seine Kündigung zu verhindern, von Bankdirektor Helmer aber via Tablet schließlich doch gefeuert wird. Die Quittung kommt zum Schluss dann wieder als echter Brief.

Es wird viel über Basics, Profile und einen medialen Großangriff gesprochen. Die eigentlichen Themen wie Moral, Lüge und Schuld versinken dabei allenfalls in neoliberalen Klischees und hölzernen Phrasen. Wie sich das früher mal bei Ibsen angehört hat und was Nora wirklich bewegt, flimmert parallel zur Anschauung über die Leinwand. „Du verstehst die Gesellschaft nicht.“ sagt Torvald beschwichtigend, nachdem er seine Nora zuvor für ihre Verfehlungen auf das Übelste beschimpft hat, und man versteht wirklich nicht, wie diese schrecklich banale Gesellschaft einen ganzen Theaterabend bestimmen kann. Da bleibt eigentlich nur noch, selbst zum finalen Befreiungsschlag auszuholen, und wie Nora das „Projekt“ einfach abzubrechen und zu gehen.

***

Nora (DT, 07.12.2015)
von Henrik Ibsen
Für die Bühne neu eingerichtet von Armin Petras
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Meika Dresenkamp, Licht: Matthias Vogel, Ton: Martin Person, Matthias Lunow, Dramaturgie: Juliane Koepp
Mit: Tabea Bettin, Moritz Grove, Daniel Hoevels, Bernd Moss und Katrin Wichmann
Premiere war am 04.12.2015 im Deutschen Theater Berlin
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Termine: 12., 14. und 31.12.2015, 10. und 16.01.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 09.12.2015 auf Kultura-Extra.

__________

Requiem aus Staub – Jette Steckel hält am Wiener Burgtheater mit der Antigone des Sophokles eine archaische Totenmesse für die Lebenden ab.

Mittwoch, Juni 10th, 2015

Zur Rezeption der Antigone des Sophokles gehört neben den vielschichtigen Ansätzen der Interpretation auch immer die gewählte Übersetzung als Grundlage zum Verständnis der antiken Tragödie über die Ödipus-Tochter, die entgegen dem Verbot König Kreons ihren toten Bruder Polyneikes beerdigt und dafür in den Tod geht. Trotz ihrer Fehler hat sich die Übertragung Friedrich Hölderlins mittlerweile durchgesetzt. Sie hat nicht nur Bertolt Brecht zu seinem Antigonemodell inspiriert, sondern gilt als die gängige Textbasis für fast alle Inszenierungen im deutschsprachigen Raum. Für das Regiedebüt Jette Steckels am Burgtheater Wien hat ihr Vater, der bekannte Theater-Regisseur Frank-Patrick Steckel, eine neue Übertragung erarbeitet, die aber ebenfalls auf der Übersetzung Hölderlins fußt.

Aenne Schwarz (Antigone), Joachim Meyerhoff (Kreon) in der Antigone am Burgtheater Wien  Foto (C) Georg Soulek

Aenne Schwarz (Antigone) und Joachim Meyerhoff (Kreon) am Burgtheater Wien
Foto (C) Georg Soulek

Textfassung und Regie versuchen die Antigone wieder mehr in die Nähe des antiken Stoffes zu rücken. Frank-Patrick Steckel bezieht sich dabei laut Programmheft auf einen Vortrag des Religionswissenschaftlers Klaus Heinrich (Der Staub und das Denken), in dem er den Staub, aus dem wir sind und zu dem wir wieder werden, als das Zentrale in Sophokles‘ Tragödie der Antigone begreift. Dieser Staub ist durch seine Unerklärbarkeit das eigentlich „Heilige“. Er trägt das Wohl der Menschheit und den Schrecken der Zerstörung gleichermaßen in sich. Und das wiederum weicht die bisherige Position der Erklärung von Gut und Böse für die Unterscheidung von Recht und Unrecht auf. Antigone unterscheidet nicht zwischen gutem und schlechtem Toten, Freund und Feind, wie es Kreon tut, für sie sind beide Brüder gleich, und damit ist ihr die Pflicht der Bestattung heilig. Sie tut das, was sie tut, aus vollster Überzeugung und nimmt dafür die Bestrafung auf sich.

*

Den Staub mitzudenken, also das Wissen um den Widerspruch, nicht die Kanonisierung einer Meinung, wäre demnach das Heutige in der Antigone-Rezeption. Und so ziehen sich denn Staub und Denken gleichermaßen durch Text und Inszenierung. Das zeigt schon das Bühnenbild von Florian Lösche, das eine mit rötlichem Staub bedeckte Leere darstellt, mit einem Rampensteg ins Publikum. Und nachdem Martin Schwab als blinder Seher Teiresias den Leonard Cohen Song „The Futur (baby: it is murder“) zum Besten gegeben hat, fährt eine riesige Lichtwand auf, die das Publikum noch mehrmals an diesem Abend blenden wird. Im Gegenlicht trägt Aenne Schwarz als Antigone den nackten Körper des Polyneikes auf die Bühne und beginnt im Trockeneisnebel mächtig Staub aufzuwirbeln. Im Disput mit ihrer herbeigeeilten Schwester Ismene (Marvi Hörbiger) bekräftig sie ihr Vorhaben ob Staatsfeind oder Bruder, ihr Blut zu achten. Hier prallen die moralische Rebellion der Antigone und die Ohnmacht Ismenes gegenüber der Herrschgewalt der Männer aufeinander.

Im Kampf um die Krone Thebens hatte sich der Ödipus-Sohn Polyneikes gegen den Zwillingsbruder Eteokles gestellt und die Stadt angegriffen. Der sich nach dem Sieg der Verteidiger selbst zum Herrscher ausrufende Kreon (Joachim Meyerhoff) mit Krone und schwarzer Stola schwört, nachdem er seine Lanze zerbrochen hat, das Volk Thebens an der Rampe auf die neue Ordnung ein. Kreon erklärt Eteokles zum Freund der Stadt und Polyneikes zu deren Feind, der nicht bestattet werden dürfe. Bei Zuwiderhandlung gegen dieses Gesetzes droht der Tod durch Steinigung, ein unerlässliches Gebot, für den Erhalt der Gemeinschaft. Das ist der Konsens der Polis, den der Chor mit Chorführer Oliver Masucci im Zuschauerraum stehend gern bekräftigt.

Antigone am Burgtheater Wien - Foto (C) Georg Soulek

Antigone am Burgtheater Wien – Foto (C) Georg Soulek

Dazu singt immer wieder zwischen den Szenen ein echter Chor aus den Logen und Rängen des Burgtheaters wunderbare Choräle zu den Standliedern aus der Tragödie. Die Musik stammt von Anja Plaschg (Soap&Skin) und Anton Spielmann (1000 Robota), die schon am Thalia Theater Hamburg mit Jette Steckel zusammengearbeitet haben. Aus Hamburg hat sie auch den Schauspieler Mirco Kreibich mitgebracht, der hier, gleich seiner Braut Antigone, einen ebenfalls recht widerständigen Haimon gibt. Doch bevor sich Sohn und Vater Kreon in die Haare bekommen, bringt noch der Bote (Phillipp Hauß), selbst ganz mit Staub bedeckt, als linkischer Running Gag die Botschaft von der Gebotsübertretung und schleppt wenig später auch die Frevlerin herbei.

Antigone wie Kreon berufen sich als Grundlage für ihr Handeln auf Gesetze. Während Kreon dabei das Wohl seiner Stadt im Auge hat und sich immer mehr in Rage redet, hält ihm Antigone die Übertretung des Gebots des Hades vor, das gleiche Rechte für die Toten fordert. Sie klammert sich dabei zunächst noch ängstlich an ihren Onkel und rückt dann immer mehr von ihm ab, bis sie selbst ganz Starrsinn vor Kreon ausspuckt. Die Konfrontation der Argumente lässt Jette Steckel auch im Disput des Vaters mit seinem Sohn Haimon eskalieren, der Kreon falsches Denken vorwirft und seine Alleinherrschaft anzweifelt („Das ist kein Staat, dem wenige befehlen“). Während Antigone, immer mehr in die Enge getrieben, schließlich ganz weggesperrt hinter der großen Lichtwand verschwindet, die hier das Göttliche und Unerklärbare wie das restriktiv Scheidende symbolisiert, mutiert Meyerhoffs Kreon immer mehr zum Staatsmann und Politiker im Anzug.

Trotz der Widersprüche, in die sich Kreon angesichts des kommentierenden Chores und des Fluchs des Tereisisas immer wieder verwickelt, beugt sich der König schließlich nur dem Zwang der Prophezeiung des blinden Sehers, der ihm ob seines anmaßenden Götterfrevels eine Tüte blutiger Innereien hinwirft. Allerdings scheint Jette Steckel dem diskursiven Denkansatz und den Worten des Textes doch etwas zu misstrauen und lässt zum Schluss noch mal ganz gewaltig die archaische Bühnenüberwältigungsmaschinerie anwerfen. Das Scheitern des Denkens, das hier unweigerlich in die Katastrophe führt, bebildert die Regisseurin wieder mit ordentlich Gegenlicht, Bombast-Sound und einer am Seil vom Bühnenhimmel hängenden Antigone, die auf den Schultern Haimons schwankt, bis dieser selbst zusammenbricht und sich in den Armen des Vaters tötet. Das lässt einen im Lichtschein zuckenden Kreon zurück, der sich aber nach seiner Klage schließlich den Schlips umbindet und vermutlich zur alternativlosen Tagesordnung übergeht. Da lugt schon ein moderater Tyrann um die Ecke. Die letzten Worte: „Kein Mensch soll mich begraben“, sind da sicher auch metaphorisch gemeint.

***

Antigone
von Sophokles
Fassung des Burgtheaters nach einer Übertragung von Frank-Patrick Steckel
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Anja Plaschg, (Soap&Skin), Anton Spielmann, (1000 Robota)
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Florian Hirsch, Carl Hegemann
Chorleitung: Hannes Marek
Besetzung:
Antigone: Aenne Schwarz
Ismene: Mavie Hörbiger
Kreon: Joachim Meyerhoff
Haimon: Mirco Kreibich
Teiresias: Martin Schwab
Bote: Philipp Hauß
Chorführer: Oliver Masucci
Chor: Sophie-Christine Behnke, Bernd Birkhahn, Aaron Friesz, Hans Dieter Knebel, Maria Magdalena Mund, Robert Reinagl, Rebekka Reinholz, Marie-Luise Stockinger
Chorsänger: Stefan Adamski, Anna Anderluh, Karin Bachner-Ravelhofer, Boglárka Bábiczki, Cho Da-young, Kiril Chobanov, Stefan Drnek, Maria Ecker, Michael Feigl, Hans-Jörg Gaugelhofer, Claudia Haber, Helmut Höllriegl, Christian Klmykiw, Arthur Koncar, Andreja Krt, Patrick Kühn, Nicole Lubinger, Peter Lukan, Marie-Christiane Nishimwe, Andreas Salzbrunn, Elisabeth Sturm, Gerhard Sulz, Joachim Unger, Thekla Wagner, Michael Weiland, Andreas Werner
Junge: Tobias Wimmer/Arthur Klestil/Jacob Ogonowski

Dauer: ca. 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause

Premiere am Burgtheater Wien war am 31.05.2015

Weitere Termine: 21.06., 23.06.und 27.06.2015

Infos: http://www.burgtheater.at

Zuerst erschienen am 02.06.2015 auf Kultura-Extra.

__________

„Das weite Land“ der Seele auf dem Sofa suchend – Jette Steckel legt die Tragikomödie von Arthur Schnitzler auf die emotionale Psychocouch.

Mittwoch, Dezember 17th, 2014

___

Der österreichische Dramatiker und Schriftsteller Arthur Schnitzler (1862-1931) gilt als großer Kenner der feinen Wiener Gesellschaft um die Jahrhundertwende. Schnitzler war bekannt mit Größen wie dem Maler Gustav Klimt, der Wiener Femme fatale Alma Mahler Werfel oder dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud. Besonders eng verbunden war er aber einem Kreis um das Ehepaar Louis Friedmann und Rose von Rosthorn-Friedmann (beide hervorragende Alpinisten), dem Arzt Georg Geyer und Jugendfreund Richard (Kuwazel) Tausenau. Ihre gemeinsamen Erlebnisse flossen in einige seiner Werke ein. Die Friedmanns aus Baden bei Wien dienten Schnitzler z.B. als Vorbild für das Ehepaar Hofreiter in seinem Theaterstück Das weite Land (UA: 1911 am Wiener Burgtheater), eine Tragikomödie um eheliche Untreue, Lügen und gesellschaftliche Konventionen einer untergehenden Epoche vor dem Ersten Weltkrieg, die Schnitzler genauestens protokollierte.

Das weite Land: Nur eine Art von Höhenrausch. Bergfreunde Arthur Schnitzler, Richard Tausenau und Louis Friedmann um 1885. Foto: Wikipedia

Das weite Land: Nur eine Art von Höhenrausch. Bergfreunde Arthur Schnitzler, Richard Tausenau und Louis Friedmann um 1885.
Foto: Wikipedia

Selbst kein Kind von Traurigkeit besinnt sich Schnitzler in seinen autobiografischen Erinnerungen Jugend in Wien an einen Operettenrefrain, den eine seiner jungen Liebeleien immer vor sich hin summte: „Die Lieb‘ erfordert Studium, und wer nur einmal liebt, bleibt dumm, dumm, dumm.“ Wirklich schlau scheint da zumindest Friedrich Hofreiter, die Hauptfigur in Schnitzlers Tragikomödie, aus seinen zahllosen Affären nicht geworden zu sein. Der Autor lässt ihn nämlich zu seiner gerade abgelegten Liebschaft Adele Natter folgendes sagen: „Mir ist eigentlich doch, als wäre alles Bisherige nur Vorstudium gewesen. Und das Leben und die Liebe fing‘ erst jetzt an.“ Dabei trauert der 40jährige Hofreiter in zynischer Weise zwischen zwei Amouren nur seiner bereits vergehenden Jugend nach.

Rose von Rosthorn-Friedmann_Gustav Klimt 1901

Rose von Rosthorn-Friedmann – Gemälde von Gustav Klimt (1901)

Diese Jugend wird ihm dann am Ende des Stücks Aug in Aug gegenüberstehen. Der notorische Fremdgänger Hofreiter erschießt den jungen KuK Marinefähnrich Otto von Aigner bei einem Duell, da er ihn einer Affäre mit seiner Frau Genia überführt hat. So etwas war im ehemals kaiserlichen Österreich-Ungarn durchaus Usus. Schnitzler beschreibt das schon in seinem frühen Schauspiel Liebelei. Genia Hofreiter hat dagegen kaum eine Chance zur wahren Selbstbehauptung. Hofreiter nimmt ihr einerseits übel, dass sich der junge Pianist Korsakow aus unerwiderter Liebe zu ihr erschossen hat. Die Treue seiner Frau ist ihm dabei geradezu unheimlich. Anderseits fühlt er sich seiner eigenen Untreue rehabilitiert, als die verzweifelt Frau nun doch eine Liebschaft mit Otto eingeht. Dass er ihn dennoch tötet ist reine beleidigte Eitelkeit. „Man will ja nicht der Hopf sein.“

*

Nun hat die Regisseurin Jette Steckel Schnitzlers Zeitstück Das Weite Land am Deutschen Theater Berlin neu inszeniert in der Annahme, es ließe sich problemlos auf heutige Berliner Verhältnisse übertragen. Schnitzler selbst wird hier ins Feld geführt, der optimistisch äußerte: „ – dieses Stück wird nicht nur bleiben – man könnte fast sagen: es wird erst kommen.“ Mit diesem Erbe plagen sich nun seit Jahrzehnten österreichische, deutsche und selbst internationale Regisseure ab. So wurde der Lette Alvis Hermanis zum 100jährigen Jubiläum an der Wiener Burg für seine düstere Film-Noir-Version ausgebuht und der Kärtner Martin Kusej langweilte wenig später das Münchner Publikum des Residenztheaters mit Rumsteh- und Kletteraktionen an steiler Felswand. Durchaus zentraler Punkt des Stücks ist nämlich der sogenannte Aignerturm in den Dolomiten. Ausdruck des menschlichen Höhenrauschs und Bild für die titelgebende weite Seelenlandschaft.

Jette Steckel lässt sich dafür von Florian Lösche ein spätkubistisches Raumgebilde (an die Betonbalkenkirche des Wiener Bildhauers Fritz Wotruba erinnernd) aus lauter aufeinandergestapelten Ledersofas auf die Bühne stellen. Ein Couch-Berg aus über 100 Jahren Psychoanalyse, errichtet mit dem Lieblings-Accessoire der stylish deutsch-gemütlichen Mittelschicht. Und so benehmen sich die Schauspieler hier zu meist auch. Gelümmelt wird viel, aber mehr noch dient der Mont Klamott aus bequemen Sitzmöbeln auf der Drehbühne auch dem Umrunden, Hürdenlaufen und später auch paarweise Beklettern. Aus dem Wiener Schnitzler-Personal von eleganten Spielern und Lügnern werden lauter Gefühlsgestresste, „Das weite Land“ der Seele auf dem Sofa suchend.

Wotrubakirche in Wien - Foto von ninanuri für Wikipedia

Wotrubakirche in Wien – Foto von ninanuri (Wikipedia)

Und wie schon in Wien und München stehen auch am Berliner DT wieder jede Menge Theaterstars auf der Bühne. Maren Eggert als Genia gibt souverän die leicht frustrierte Ehefrau, warum sie an Hofreiter festhält wird zu keiner Zeit wirklich klar. Hier hinkt der modernisierte Plot am deutlichsten. Da lassen sich solche Details wie eine Schiffspassage nach New York im Zeitalter der Billigflieger, der fehlende Wiener Duktus, Bierkasten und ein in die Ohren gestöpselter IPod der gelangweilten Hausfrau noch verschmerzen. Auch andere Stücke von Ibsen oder Strindberg atmen viel historisches Flair, aber man hat sich an einen Tesman in Jogginghosen bereits gewöhnt. Jedoch ein übergriffiger Womanizer-Hofreiter in der Art des Felix Goeser geht irgendwie gar nicht. Dass es Männer dieser Bauart gibt, keine Frage, aber so eindimensional als Arschloch zeigt ihn Schnitzler bei weitem nicht. Die Zweifel und Angst vor dem Altern nimmt man Goeser nicht wirklich ab.

Problematisch auch die Rolle des verständigen Freundes und Arztes Mauer, den Ulrich Matthes wie einen feinsinnig jovialen Moralapostel spielt. Der ehrliche Kumpel von Format ohne Glück bei den Frauen redet von Gefühlsschlampereien und lügt sich dabei vermutlich selbst in die Tasche. Das macht er allerdings gut, der Theaterarzt vom Dienst am DT. Und man fragt sich vielleicht nicht ganz zur Unrecht, ob hier nicht der Falsche in die Nebenrolle gedrängt wird. Stark auch der Gefühlsauftritt und -ausbruch von Almut Zilcher als geschiedene Schauspielerin Anna Meinhold-Aigner und Mutter des jungen Liebhabers Otto, den Ole Lagerpusch als lässigen Existentialisten in Schwarz hintänzelt.

Das weite Land - Foto DT-Schaukasten

Foto DT-Schaukasten

Und Musik dazu gibt es viel und satt. Schon zu Beginn starrt das Ensemble zur Ouvertüre von Wagners Tristan und Isolde auf den Sofa-Kollos als wäre es die lichtdurchflutete Minnegrotte, der Sehnsuchtsort erfüllter, leidenschaftlicher Liebe. Ein anderes Mal singt Nick Cave „There is no need to forgive“ (We No Who U R) oder Rufus Wainwright bedeutungsschwanger vom Agnus Dei (Lamm Gottes). Jette Steckel macht da das, was sie immer macht: Große Gefühle mit Sound untermalen und dazu jede Menge Körperaktion. In Unterwäsche bekraxeln Hofreiter und seine neue Flamme Erna (auch neu am DT Anna Drexler), die er in den Dolomiten seinem Freund Mauer ausgespannt hat, die Sofaseelenlandschaft. Dabei blöken sie im Bergrausch auch mal wie auf der Alm. Denn da gibt’s ja bekanntlich keine Sünd‘. Auf der Couch nebenan turteln Otto und Genia wie einst Romeo und Julia auf dem Balkon (den es bei Jette Steckels großartiger Hamburger Shakespeare-Inszenierung nicht gab), und Hofreiter schaut kurz auf eine Fensterpromenade vorbei. Das passt zu Schnitzlers feinem Konversationsstück, das Jette Steckel textlich stark entschlackt hat, wie der Windbeutel oder Liebesknochen zur Sachertorte, und sieht dann hier auch eher aus wie Sofaseelengymnastik.

Schließlich deklamiert Bernd Stempel als belehrender Dr. von Aigner im Kurzauftritt die große Erkenntnis vom Natürlichen als das Chaos gegenüber dem verdutzten Hofreiter fast im Tonfall preußischer Ordnung. Und dabei darf man als Piefke ruhig auch mal an das zu weite Feld des alten Briest bei Fontane denken. Hier stehen sich zwei Dinosaurier der Männlichkeit gegenüber, daraus macht Jette Steckel keinen Hehl. Und so lässt sie am Ende nach dem Duell (Es muss trotz allem sein, s.o.) auch den unverbesserlichen Schwerenöter Hofreiter in Selbstmittleid jammernd unter der Couch verschwinden. Ihre moderne Schnitzler Fassung ist da aller Ehren wert. Wenn auch den plötzlichen Wandel zu begreifen etwas schwer fällt, genau wie die entscheidende Frage, warum es unbedingt der Wiener Schnitzler sein musste, wo Jette Steckel doch mit Stücken von Gorki, Sartre oder Camus schon wesentlich dringlichere Inszenierungen geglückt sind.

***

Das weite LandDas weite Land
von Arthur Schnitzler
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Mark Badur, Licht: Matthias Vogel, Ton: Matthias Lunow, Martin Person, Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Felix Goeser, Maren Eggert, Ulrich Matthes, Almut Zilcher, Ole Lagerpusch, Bernd Stempel, Simone von Zglinicki, Anna Drexler, Helmut Mooshammer, Katrin Klein (in der Premiere sprang Natali Seelig für die verletzte Katrin Klein ein)
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

Termine: 25. und 28.12.2014, 05., 15., 17.01.2015

Infos: www.deutschestheater.de

__________

Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

___

Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

*

Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

*

Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

*

Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

***

Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

__________

Verspielt – Jette Steckel inszeniert am Deutschen Theater Berlin DAS SPIEL IST AUS von Jean Paul-Sartre

Dienstag, April 1st, 2014

___

Da stehen sie nun beide nackt, Hand in Hand im Zuschauerraum des Deutschen Theaters. Pierre (Ole Lagerpusch) trägt die Geschichte der Revolutionen, Georg Büchners Zeilen über einen zernichtenden, grässlichen Fatalismus auf den Bauch geschrieben, doch im Mund führt er Rudi Dutschkes Worte über das Selbstverständnis der Studentenbewegung. „Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen.“ Eve (Judith Hofmann) hat von all dem noch nie etwas gehört, will leben und lieben. In Erkenntnis dessen schrecken sie voreinander zurück und sind doch füreinander bestimmt. Ein Irrtum vom Amt hat sie nur im Leben noch nicht zusammengeführt. Aussteigen aus der Verantwortung oder die Welt gestalten, das ist hier die Frage. Determinismus oder Existentialismus ist die Frage Jean Paul Sartres nicht. Der Mensch ist zur Freiheit verdammt und hat, ohne Gott ins Leben geworfen, seine Handlungen allein zu bestimmen und zu verantworten. Der Tod ist absurd.

Jean-Paul Sartre (um 1950) - Foto: Wikipedia

Jean-Paul Sartre
Foto: Wikipedia

Soweit zur Philosophie Sartres, dem es aber auch gefiel, ein Spiel zu entwerfen, in dem er seine Theorien auf ihren Gehalt hin zu prüfen gedachte. Das Spiel geht schlecht aus für die Protagonisten. Der Tod ist gesetzt. Er enthüllt nur das absurde Warten auf ihn. Das noch während des Zweiten Weltkriegs geschriebene Drehbuch für den 1947 entstandenen Film Das Spiel ist aus siedelte Sartre – ähnlich wie in Die Fliegen – in einem fiktiven faschistischen Staat an. Der Widerstandskämpfer Pierre Dumaine ist am Vortag eines Aufstands gegen das Regime des Regenten von einem Verräter erschossen worden. Eve Charliere, die Dame aus feinem Hause, wurde von ihrem Mann André, Polizeichef des Regenten, vergiftet. Nun treffen sie im Totenreich aufeinander, verlieben sich und bekommen tatsächlich die Chance noch einmal unter die Lebenden zurückzukehren. Bedingung ist, dass sie sich binnen 24 Stunden vorbehaltlos ihrer Liebe ergeben und vertrauen werden.

Französische Existentialisten sind auf deutschen Bühnen wieder schwer im Kommen. Regisseurin Jette Steckel kann man da fast schon als Expertin bezeichnen, hat sie doch bereits einiges von Albert Camus und Jean Paul Sartre inszeniert. Für die Versuchsanordnung Sartres setzt Steckel das Publikum mal nicht in den Saal, sondern auf die Drehbühne. Das Spiel entspinnt sich drum herum, im Zuschauerraum und auf den Rängen. Hier ist das Totenreich Sartres mit Fantasie-Gestalten und all den Toten der Jahrhunderte. Von einem gehängten französischen Ex-Revolutionär (natürlich ein Justizirrtum) mit Maschinengewehr (Elias Arens) werden die Neuankömmlinge in ihre Reihen eingeführt. Wir auf der Bühne sind die Lebenden und sehen nichts, wie er verkündet. Weit gefehlt, wie sich herausstellen wird.

Die Vorgeschichte bis zum Tod des Paares in aller Ausführlichkeit erspart uns Jette Steckel und lässt sie als kurzen Schwarz-Weiß-Kunstfilm über die Videoleinwand flimmern. Man sieht in Zeitlupe Wartende auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz, Bomben bastelnde Revolutionäre. Ein Streit, ein Schuss, ein fallendes Wasserglas, dann beginnt sich die Bühne samt Publikum zu drehen und es schneit Cellophanschnipsel vom Schnürboden. Man wird mit Bombastsound der Indirockband The Notwist beschallt und bekommt auch noch ordentlich was aufs Auge. Einen nebeligen Zeittunnel zum Beispiel, der einen wohl in die Vergangenheit ziehen soll oder in die vernebelte Zukunft führt.

So sinnenvernebelt lauscht man dann dem Regenten (Natali Seelig) bei einer typischen Politikerrede. Er will wiedergewählt werden und schwört auf die Verfassung. Ein toter Soldat im Tarnanzug verflucht es, für in gestorben zu sein. Sein zynischer Polizeichef Charlier (Alexander Khuon) faselt nebenbei Diabolisches von der conditio humana und verwehrt dem Volk insgeheim das Recht zum Denken und Sprechen. Jette Steckel vertraut dem Text nicht allein, entsorgt den halben Sartre, dessen Drehbuch mit Sicherheit auch ein paar Längen aufweist, und reichert ihn mit Zitaten quer durch die Revolutions- und Philosophiegeschichte an. Will Eve ihre Seele geben, um einmal noch mit Pierre tanzen zu können, entspinnt sich ein Dialog über die Unsterblichkeit der individuellen Seele. Trifft Eve ihren desillusionierten Vater (Alexander Khuon) im Totenreich, darf der zu seinem Defätismus auch noch Milan Kundera über die Skizzenhaftigkeit des menschlichen Lebens zitieren. Es wird im Gegenlicht getanzt und filmreif geschmachtet.

Deutsches Theater Berlin - Foto: St. B.

Deutsches Theater BerlinFoto: St. B.

Bei all diesem Überwältigungsfuror ist es nur noch eine Petitesse, dass Eve bemerkt, dass dies alles nur Theater sei. Ihre Feststellung verhallt in Reihe 15. Umso hölzerner dann der Wiedereintritt ins reale Leben. Vor weißem Bühnenhorizont mit nackter Glühbirne müssen die um ihre Liebe Ringenden plötzlich feststellen, dass Vertrauen gar nicht so einfach ist. Schnell verfallen beide wieder in die Rollen vor ihrem Tod. Pierre will die alten Freunde der Liga vor dem Hinterhalt des Regimes warnen und Eve mit vorgehaltener Pistole ihre naive Schwester Lucette (Barbara Heynen) vor dem intriganten André retten. Trotz aller Liebesbeteuerungen verspielen sie ihre zweite Chance auf ein gemeinsames Leben. Sie landen wieder im Parkett, blau angemalt. Was hier von ihrer Geschichte bleibt, ist nicht mehr als die fragmentarische Spur eines Yves-Klein-Bodypaintings am Rundhorizont.

Was man trotz allem für sich mitnehmen kann, ist die Frage, ob sie wirklich gescheitert sind oder vielleicht doch alles einen Sinn ergibt. Ob es wert ist für die Liebe einzustehen, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Sartre setzte bei aller Verwirrung durchaus auch auf Hoffnung. Jette Steckel setzt ihrer Inszenierung ein schönes Zitat des Existentialphilosophen voran: „Das Leben ist wie eine Panik im Theater, das brennt. Jeder sucht den Ausgang, keiner findet ihn…“ Hier leuchten die Exit-Zeichen an den Wänden etwas zu deutlich auf, als dass man sie ignorieren könnte, um sich in diesem überkonstruierten Bühnenspiel existentiell zu verlieren. Im doppelten Sinne verspielt. Eigentlich schade.

***

DAS SPIEL IST AUS von Jean Paul Sartre
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: The Notwist
Musikalische Betreuung: Mark Badur, Volker Wendisch
Video: Alexander Bunge
Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Judith Hofmann, Ole Lagerpusch, Alexander Khuon, Barbara Heynen, Natali Seelig, Elias Arens, Anne Wels, Till-Jan Meinen, Margitta Azadian, Mohammed Azadian, Martin Heise, Felix Hübner, Till-Jan Meinen, Karolina Nägele, Valentin Olbrich, Nina Philipp, Ray Reimann, Dieter Zühlke und Ilka Zühlke
Premiere war am 28. März 2014
Weitere Termine: 6., 8., 12. + 16. 4. 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 30.03.2014 auf Kultura-Extra.

__________

Zweimal Gerhart Hauptmann einmal anders. „Die Ratten“ in der Regie von Jette Steckel am Thalia Theater Hamburg und „Roter Hahn im Biberpelz“ zum 60. Geburtstag von Katharina Thalbach in der Komödie am Kurfürstendamm.

Mittwoch, Januar 22nd, 2014

___

Jette Steckel verbindet am Thalia Theater in Hamburg Gerhart Hauptmanns Drama Die Ratten mit Szenen von Maxim Gorki und Einar Schleef

Vor den Türen des Thalia Theaters steht wie sooft ein Obdachloser und verkauft das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt. Einige Besucher geben ihm etwas Geld, andere strömen hastig vorbei, ohne den Mann nur eines Blickes zu würdigen. Sehr viel näher kommt der deutsche Bildungsbürger dem Elend dann auch meistens nicht. Aber immer wieder wird es auf den Theaterbühnen des Landes verhandelt. „Kann man einen richtigen Penner mit einem richtigen Schauspieler verwechseln?“ fragte Einar Schleef 1986 in seinem Theaterstück Die Schauspieler, das den Besuch des Uraufführungsensembles von Maxim Gorkis Nachtasyl unter der Leitung von Regisseur Konstantin Stanislawski auf dem Moskauer Chitrow-Markt reflektiert. Gemeinsamer Ausflug zum Pennerstudium sozusagen. Das ging arg schief, Gorkis Stück wurde dennoch eine Sensation und steht bis heute fast ununterbrochen auf den deutschen Spielplänen sowie immer wieder unter dem Generalverdacht des Sozialkitsches.

*

Nun geht es bei Jette Steckels neuer Inszenierung eigentlich nicht um Gorkis Nachtasyl, sondern um Gerhart Hauptmanns Drama Die Ratten, aber gerade Hauptmann hatte den Realismus und Naturalismus auf der Bühne zum Hauptstilmittel erklärt. Seine Stücke Die Weber und Die Ratten sind bestes Beispiel dafür und auch heute immer noch Herausforderung für Regisseure zur Darstellbarkeit von menschlichem Elend auf der Bühne. Und so beginnt es auch im Thalia mit einem Monolog von Catrin Striebeck als Frau Sidonie Knobbe – eine abgehalfterte Schauspielerin, die auch schon bessere Tage gesehen hat und von ihren einstmals bis zu 14 Vorhängen berichten kann. Sie wird schließlich vom Abenddienst unter großem Protest hinausgetragen. Man will sich ja nicht gleich am Anfang die gute Laune verderben lassen. So viel zu realem Schauspielerelend, das es, nebenbei bemerkt, ja auch tatsächlich gibt und nicht nur in Gorkis Nachtasyl.

Die Ratten im Thalia Theater in Hamburg

Die Ratten im Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

Das eigentliche Stück beginnt auf dem Dachboden des ehemaligen Theaterdirektors Hassenreuther, einem Vertreter des guten alten Repräsentations- und Deklamationstheaters, für den vermutlich mit Shakespeares Hamlet die Theatergeschichte für abgeschlossen gilt. Mit viel Humor gibt Karin Neuhäuser den alten Patriarchen mal zynisch von oben herab als großen Theatertheoretiker – dazu hat ihr die Maske das Aussehen von Thalia-Intendant Joachim Lux verpasst, der als ehemaliger Dramaturg auch gerne große Reden über die Geschichte und Bedeutung von Theater hält. In leicht depressiven Phasen sinniert sie allerdings auch mal wie ein ehemaliger Kollege vom Hamburger Schauspielhaus. Hassenreuthers Geliebte, die Schauspielerin Alice Rütterbusch (Franziska Hartmann), spreizt sich im weiten Revuefächer und singt „Im Theater ist nichts los“ von Georg Kreisler. Da staubt es mächtig, natürlich nur aus dem Fächer. Neue Darstellungsweisen am Theater will der ehemalige Theologiestudent Erich Spitta (Mirco Kreibich) ausprobieren und hat sich dazu mit Hassenreuthers Tochter Walburga (ebenfalls Franziska Hartmann) auf dem Dachboden verabredet. Da wird auch mal kurz mit Handpuppen Heiner Müllers Herzstück gespielt.

Der Disput ums Theater zwischen ihm und Hassenreuther wird zum Mittelpunkt dieser fast zweieinhalbstündigen Inszenierung. Es geht um die Dreifaltigkeit des Theaters nach Hassenreuther: Vorstellung, Verstellung, Darstellung. Und Spitta und das Publikum bekommen ihre Lektion. Das ist gespickt mit Zitaten und jeder Menge Wortwitz. So tun als ob, ist Spitta natürlich nicht genug. Er will das Elend durchleben und fühlbar machen. Es geht ihm um Freiheit und Gerechtigkeit und eine realistische Darstellungsweise der Welt da draußen. Heute würde man von Authentizität und Relevanz sprechen. Für Hassenreuther geht es dagegen einzig und allein um die Kunst. Das alte Dilemma des Künstlers. Und da besteht die Eigenart des Theaters ja meistens darin, dass es mit der Fliegenpatsche nach Sachen schlägt, die in der Realität eigentlich mindestens eines Bulldozers bedürften.

Jette Steckels Bulldozer heißt hier nun Einar Schleef, den sie just am siebzigsten Geburtstag des 2001 zu früh verstorbenen Schriftstellers, Theaterautors und -regisseurs auffahren lässt. Schleef bemängelte immer wieder die fehlende „Ausdrucksnot“ der Schauspieler, die einfach immer wieder nach einem Mantel verlangten, um sich auszudrücken. Um diese Art Bemäntelung geht es wohl auch in Jette Steckels Inszenierung. Genauso einen hängt sich dann nämlich Franziska Hartmann als Schauspielerin Alice Rütterbusch aka Pilger Luka aus Gorkis Nachtasyl um, und springt als Anspielpartnerin dem bereits in einer zu großen Jacke befindlichen und verzweifelt mit seiner Darstellung des Penners Kleschtsch ringenden Mirco Kreibich als Spitta bei.

Die Ratten_Thalia Theater_17.1.14_Jette Sreckel

Jette Steckel während des Ratten-Schlussbeifalls im Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

Der Gang der drei zum Penner-Markt, um dem gepeinigten Elendsdarsteller Spitta das Studium am lebenden Exemplar zu ermöglichen, wird für sie zum Purgatorium mit brennendem Einkaufswagen, grölenden Pennern, kleinen Seitenhieben auf Hamburger Gefahrenzonen und endet in einer Vergewaltigungsdarstellung der verdutzten Schauspielerin Rütterbusch. „Du hast doch keine Ahnung von uns, du bist doch ein Spieler“, schlägt es dem konsternierten Spitta entgegen. „Alles nur Lüge.“ „Lügen, das wollten wir doch nicht mehr“, konstatiert da nur noch resigniert der Möchtegernschauspieler Spitta aka Kleschtsch aka Kreibich. Das Ganze löst sich aber schließlich in einem schönen Ringelrein mit Walzermusik auf. Und so unterstreicht auch die Musikauswahl der beiden Livegitarristen Dieter Fischer und Markus Graf immer wieder den Scheincharakter der Bühnenrealität. Mit The Notwist „Good Lies“ wird die Realität imitiert, aus Mangel einer besseren.

Das Theater reflektiert hier auf komödiantische Art zur schönsten Abendunterhaltung des Publikums sein Unvermögen nicht etwa in darstellerischer Hinsicht. Ihr Spiel ist nichts anderes als exzellent. Die Schauspieler zeigen hier den alten Kampf von Sein und Schein und führen sich und ihre Theatermittel genüsslich vor. Das alles ist ehrenwert, hat aber nur einen Haken, nämlich dass uns genau das bereits im letzten Jahr in Karin Henkels zum Theatertreffen eingeladener Kölner Inszenierung der Ratten deutlich vor Augen geführt wurde und mit Lina Beckmann eine bemerkenswerte Darstellerin der Frau John hatte. Am Thalia Theater spielt man natürlich nebenbei auch noch den gesamten Plot von Hauptmanns Ratten. Nur gerät das Stück dabei etwas zu sehr unter das theatertheoretische Räderwerk der Inszenierung.

Lisa Hagmeister als Frau Jette John und ihr Paul, dargestellt von Jörg Pohl, berlinern sich herzzerreißend durch den Plot, in dem die kinderlose Maurerpoliersgattin der Polin Pauline Piperkarcka (Maja Schöne) erst ihr auf dem Dachboden geborenes Kind abschwatzt und es dann als ihr eigenes ausgibt. Vor weißer Einbauküchenlandschaft entspinnt sich das Drama um Kind, Kindsmutter, -vertauschung und Tod, bis sich das kleine Glück der Frau John in Luft auflöst und ihr schräger Bruder Bruno (Thomas Niehaus in Bomberjacke) mit blutverschmierten Händen die schöne Mittelstandseinrichtung zerlegt. Der Rest ist wie bei Hamlet fast Schweigen. Vater John begreift die Welt nicht mehr und rennt vor die vorgetäuschte Bühnenrückwand. Den Kladderadatsch vorn auf der Bühne muss die Putzfrau wegfegen, und konstatiert wie Frau John am Anfang: „Eene jans scheene Süzifuzarbeit.“ Es ist aber auch manchmal ein Elend mit dem Theater.

DIE RATTEN

Thalia Theater Hamburg
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Mark Badur
Dramaturgie: Carl Hegemann
Besetzung:
Markus Graf (Quaquaro/Schierke/Luka)
Lisa Hagmeister (Frau John)
Franziska Hartmann (Walburga / Alice Rütterbusch)
Mirco Kreibich (Erich Spitta)
Karin Neuhäuser (Harro Hassenreuther)
Thomas Niehaus (Bruno Mechelke / Frau Kielbacke)
Jörg Pohl (Herr John / Kleschtsch)
Maja Schöne (Pauline Piperkarcka / Selma)
Catrin Striebeck (Frau Sidonie Knobbe)
Musiker: Dieter Fischer und Markus Graf
Premiere war am 17. Januar 2014
Dauer: 2 Stunden und 20 Min., keine Pause
Weitere Termine: 23. 1. / 11., 17., 24. 2. / 12. 3. / 1., 2., 19., 30. 4. / 20. 6. 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 18.01.2014 auf Kultura-Extra.

***

 

Roter Hahn im Biberpelz nach Gerhart Hauptmann, mit Katharina Thalbach in der Hauptrolle. Eine Inszenierung von Philippe Besson in der Komödie am Kurfürstendamm.

Katharina Thalbach, 19.01.2014 - Foto: St. B.

Katharina Thalbach, 19.01.2014
Foto: St. B.

Die Schauspielerin und Theaterregisseurin Katharina Thalbach wurde 1954 als Tochter der Theaterschauspielerin Sabine Thalbach und des Theaterregisseurs Benno Besson in Ost-Berlin geboren. Der Drang zum Theater ist vorprogrammiert und das junge Talent wird früh entdeckt. Nach dem Tod der Mutter wächst sie bei Pflegeeltern auf und wird von Brechtgattin Helene Weigel weiter gefördert. Erste Theatererfolge feiert die Thalbach dann auch Ende 60er Jahre am Berliner Ensemble und ab Anfang der 70er auch an der Berliner Volksbühne und in zahlreichen DEFA-Filmen. Sie ist die Hure Betty in Brechts Dreigroschenoper, die schöne Helena von Peter Hacks und Lotte in der Werther-Verfilmung von Egon Günther. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Dichter und Filmregisseur Thomas Brasch, siedelt sie infolge der Biermann-Affäre 1976 nach West-Berlin über. Hier gehört sie als Schauspielerin und zunehmend auch als Regisseurin zum Ensemble des Schillertheaters.

In den Filmen Engel aus Eisen und Domino von Thomas Brasch spielt Katharina Thalbach die Hauptrollen. Brasch verewigt sie liebevoll auch in seinen Gedichten und spricht von einem Künstler-Dreigestirn „Heine und Tahlbach und ich“, eine Art Dreifaltigkeit aus Kopf, Bauch und Sohn. Einem breiteren Publikum bekannt wird die Thalbach dann mit der Rolle der Maria Matzerath in Schlöndorffs Blechtrommel-Verfilmung. Eine mögliche Hollywoodkarriere schlägt sie aber realistisch nüchtern denkend aus und konzentriert sich weiter auf das Theater, seit den 90er Jahren vermehrt auch auf die Arbeit als Opernregisseurin. Leander Haußmann holt Katharina Thalbach dann wieder für seine Komödien Sonnenallee und NVA vor die Kamera. Und am BE des Claus Peymann isnzeniert sie Brecht und Shakespeare.

*

Die Thalbach fühlt sich neben der ernsthaften Opernkunst seit jeher vor allem in der Komödie zu Hause. Und da ist es folgerichtig, dass sie ihren 60. Geburtstag auch in ihrem zweiten Wohnzimmer feiert, der Komödie am Kurfürstendamm. Hier hat die Thalbach bereits so legendäre Komödien wie Shakespeares Wie es euch gefällt, mit einem reinen Damenensemble und den Raub der Sabinerinnen, die Theater-Klamotte schlechthin, auf die Bretter geknallt. Am besten feiern lässt es sich meist im Kreise der Familie, und wenn diese dann noch eine reine Theaterfamilie ist, natürlich auch auf der Bühne. Die 1,54m-Übermutter, eine Art Alphatier der Schauspielerinnenfamilie Thalbach, muss hier mal nicht den Ton angegeben. Für die Regie sorgt diesmal Halbbruder Philippe Besson. Die Thalbach spielt dabei neben Tochter Anna – aus der Beziehung zum Weigel-Großneffen Vladimir (ebenfalls Schauspieler), Enkelin Nelli und dem zweiten Besson-Sohn Pierre aber nicht nur als Geburtstagskind die Hauptrolle.

Es steht Gerhart Hauptmann auf dem Spielplan. Und, wie bereits in den 50ern von Bertolt Brecht bearbeitet, Der Biberpelz und Der Rote Hahn im Doppelback. Die Fassung von Jan Liedtke und Philippe Besson trägt den Titel Roter Hahn im Biberpelz. Und das Alphatier in Hauptmans Biberpelz heißt Mutter Wolffen. Vater Wolff (Pierre Besson) ist tumb und versoffen, zieht nur den Gürtel aus der Hose und ansonsten eher den Kürzeren. Die Thalbach/Wolffen schickt ihn zum Brennholzklauen, schiebt ihn auf die Rolle, oder in die Kneipe ab. Die Töchter Leontine und Adelheid (Anna und Nelli Thalbach) werden früh ans Leben heran- und als Hausmädchen in die feine Gesellschaft eingeführt. Dabei ist auch etwas Bildung wichtig, und die wird mit Goethes Zauberlehrling und Erlkönig vermittelt. Daheim heißt es zusehen wo man bleibt. Mutter Wolffen legt ihre Fangschnüre überall aus, da landen nicht nur „verendete“ Rehböcke drin. Und „Ob wir’s nu fressen, oder de Raben, jefressen wird’s doch, Amen.“

Diese Inszenierung ist eine echte Familienangelegenheit. Vorne: Katharina Thalbach, Mitte v. l.: Tochter Anna und Enkelin Nellie, hinten v. l.: Halbbruder Philippe Besson führt Regie, Halbbruder Pierre steht ebenfalls auf der Bühne - Foto (C) Michael Petersohn (www.polarized.de)

Diese Inszenierung ist eine echte Familienangelegenheit. Vorne: Katharina Thalbach, Mitte v. l.: Tochter Anna und Enkelin Nellie, hinten v. l.: Halbbruder Philippe Besson führt Regie, Halbbruder Pierre steht ebenfalls auf der Bühne – Foto (C) Michael Petersohn (www.polarized.de)

Das Derbe liebt die Thalbach sehr. Ihre Mutter Wolffen knarzt, balzt und berlinert sich bauernschlau durch den Abend und lässt dabei die Mannsbilder noch älter aussehen, als sie sowieso schon sind. Pierre Besson gibt den preußisch korrekten Amtsvorsteher Wehrhahn streng nach dem Motte: „Erst mustern, dann säubern!“ Und dabei wischt er sich dann erst einmal die Hundekacke vom Schuh. Anna Thalbach katzbuckelt mit angeklebtem Bärtchen als Schreiber Glasenapp eine Etage tiefer auf der Karrieretreppe (Bühne: Momme Röhrbein). Der Rest der Männerwelt besteht aus lispelnden Knallchargen, Duckmäusern, Denunzianten und Wimmerbeuteln. Der besagte, abhandengekommene Biberpelz bleibt ein Phantom, das man zwar irgendwo gesehen haben will. Aber keiner wird Mutter Wolffen damit direkt in Verbindung bringen können. Der erste Teil geht dann auch folgerichtig mit viel Palaver aus wie das Hornberger Schießen.

Das ist zunächst beste Volkstheater-Klamotte, aber auch ein wenig platthumorig. Da fehlt es, außer natürlich der Thalbach, am nötigen Biss. Gern denkt man dabei auch an den wahnwitzig überdrehten, knallbunten Biberpelz in der Regie von Herbert Fritsch zurück. Aber Hauptsache der Berliner Schenkelklopfer im Publikum kommt zu seinem „Amüsemong“, und das möglichst reichlich. Erwähnenswert sind noch die in Sepia gehalten Videos, die in den Umbaupausen etwas Alt-Berliner Zeitkolorit versprühen. In den Wunsch- und Albträumen von Tochter Leontine sieht man zunächst verschneite Winterlandschaften, später dann das boomende Berlin zur Jahrhundertwende. Und immer wieder die zähnebleckende Mutter Wolffen mittenmang.

12 Jahre später setzt Hauptmann dann seinen Roten Hahn an, und nach der Pause auch die Inszenierung wieder ein. Alle sind etwas älter geworden, Mutter Wolffen heißt jetzt Fielitz und geht am Stock. Ihr geliebter Vater Wolffen liegt unter der Erde, aber der Nachfolger Schumacher Fielitz (Jörg Seyer) gibt beileibe keine bessere Gestalt ab. Auch er bringt nichts zustande und brüllt sich seinen Frust aus dem Leib. Die Schulden drücken weiter. Aus einer Spielidee der Fielitz mit Kistchen, Holzspänen und Stearinlichtern wird schnell ernst und der „Rote Hahn“ steht bei Abwesenheit plötzlich auf dem Dach. Mit der Versicherungssumme baut Schwiegersohn und Möchtegern-Baulöwe Schmarowski (schmierig Julian Mehne) ein Mietshaus, was den Fielitzens den Alterssitz sicher soll. Ein Schuldiger für den Brand ist im geistig behinderten Alfred (großartig Nelli Thalbach) schnell ausgemacht und ruft Amtsvorsteher Wehrhahn samt Büttel Schulze (finster Ronny Miersch) wieder auf den Plan.

Der Rote Hahn ist bei Hauptmann eigentlich als Tragikomödie gedacht. Da braucht es schon ein paar Anstrengungen, um daraus noch eine echte Klamotte zu machen. Das wirkt dann mitunter auch recht angestrengt und nicht mehr so flüssig wie vor der Pause. Die Fielitz hat nun auch einen echten Widerpart, den alten Rauchhaupt (Roland Kuchenbuch), der seinen Sohn Alfred wieder aus dem Heim holen will und dafür hartnäckige nach den wahren Schuldigen sucht. „Ma möcht schon irgendwie ma raus, aus dem Matsch.“ ist da die letzte Rechtfertigung der bereits totkranken Intrigenschmiedin Fielitz. Die Regie streut hie und da noch ein paar aktuelle Seitenhiebe auf Finanzwelt und Moral ein. Pierre Besson gibt weiter den strammen Preußen und Nelli Thalbach hat noch einen schönen Auftritt als mondäne Berliner Schönheit an der Seite ihres Baulöwengatten Schmarowski.

Nelli, Anna und Katharina Thalbach sowie Pierre Besson nach der Premiere von Roter Hahn im Biberpelz in der Komödie am Kurfürstendamm - Foto: St. B.

Nelli, Anna und Katharina Thalbach sowie Pierre Besson nach der Premiere von Roter Hahn im Biberpelz in der Komödie am Kurfürstendamm – Foto: St. B.

Frau Fielitz stirbt schließlich im Lehnstuhl mit den schönen Worten: „Ma langt … ma langt nach was…“ wobei die Thalbach sehnsüchtig und pathetisch nach oben greift. Zum Schluss gibt es noch eine kleine Reminiszenz an Theater-Urvater Brecht mit seiner Kinderhymne Anmut sparet nicht noch Mühe. Die leise Systemkritik verpufft aber bereits mit dem Schussapplaus, den die wieder auferstandene Jubilarin strahlend entgegennimmt. Trotzdem großer Jubel, Trouble, Heiterkeit. Es gab später noch passend zur Aufführung Bier, Blasmusik und Stullen sowie ein Feuerwerk auf dem Kudamm. Herzlichen Glückwunsch, Katharina Thalbach. Die Inszenierung läuft nun bis zum 23. Februar durchweg, außer Montags, an der Komödie am Kurfürstendamm.

Roter Hahn im Biberpelz

nach Gerhart Hauptmanns Der Biberpelz und Der rote Hahn
Bearbeitet von Jan Liedtke und Philippe Besson
Regie: Philippe Besson, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüm: Gabriella Ausonio, Musik: Emanuel
Hauptmann, Video: Maximilian Reich.
Mit: Katharina Thalbach, Pierre Besson, Anna Thalbach, Nellie Thalbach, Julian Mehne, Roland
Kuchenbuch, Jörg Seyer, Ronny Miersch.
Premiere war am 19.01.14 in der Komödie am Kurfürstendamm
Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
Weitere Termine täglich bis zum 23.02.2014 außer Montags.

Weitere Infos: http://www.komoedie-berlin.de/archiv/roter+hahn+im+biberpelz.htm#.Ut1WWKEweos

Zuerst erschienen am 20.01.2014 auf Kultura-Extra.

__________

Jette Steckel lässt mit „Dantons Tod“ am Thalia Theater in Hamburg Claus Peymanns „Danton“ am BE ziemlich blass aussehen.

Donnerstag, April 26th, 2012

„In der Sprache des 18. Jahrhunderts heißen [die Prinzipien des revolutionären Geistes] öffentliche Freiheit, öffentliches Glück, öffentlicher Geist.“ Hannah Arendt aus „Über die Revolution“

Claus Peymanns Inszenierung am BE be_febr-2012-5.JPG

Immer wenn sich Volkes Stimme mal wieder auf der Straße vernehmen lässt, oder entsprechende Gedenktage es gebieten, kramen die Theater Georg Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod“ wieder aus. Die Suche nach dem „Geist der Revolution“ auf der Bühne wird dann meist mit einem wissenschaftlichen Überbau in Form eines entsprechend theorielastigen Programmheftes flankiert. Nach Marx bestimmt die Basis der ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse den politischen und ideologischen Überbau. Die Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Elementen der jeweiligen Gesellschaftsordnung nennt man bekanntlich Dialektik. Bei der Zuspitzung der Widersprüche innerhalb der Basis kommt es früher oder später zur Umwälzung des gesellschaftlichen Überbaus. Das wiederum nennt man dann Revolution. Das Entstehen revolutionärer Situationen in der Menschheitsgeschichte ist vielfach untersucht worden, eine der bekanntesten Analysen ist Hannah Arendts Werk „Über die Revolution“, das in den Programmheften der Theatermacher immer wieder einen besonderen Raum einnimmt. Dabei bewegte H. Arendt vor allem die Frage, wie das Poltische gegenüber dem Ökonomischen wieder an Bedeutung gewinnen und die öffentliche Freiheit die ökonomische Notwendigkeit ablösen kann. Dem Befreiungsakt also die eigentliche Freiheit in Form einer direkten Demokratie folgen lässt. Neben der Amerikanischen Revolution (1773–1776) diente ihr auch die Französische Revolution (1789-1799) als Grundlage ihrer Analyse.

Georg Büchner verarbeitete sein Scheitern, im Deutschland der 1830er Jahre eine revolutionäre Situation zu schaffen, in seinem Drama „Dantons Tod“, das das Scheitern der Französischen Revolution am Beispiel des gemäßigten Revolutionärs George Danton behandelt. Büchner packte in die Figur des Dantons seinen eigenen Geschichtsfatalismus und die Enttäuschung über die blutigen Auswüchse der Schreckensherrschaft der Jakobiner unter Maximilien de Robespierre und Antoine de Saint-Just. Heute, nach dem Scheitern des sozialistischen Experiments, geht es immer wieder vor allem um die Darstellung der Schrecken von Revolutionen und deren zwangsläufiges Münden in diktatorische Gesellschaftsformen. Die Absage an jegliche Utopie aus Angst vor der Gewalt beherrscht dabei die bürgerliche Gesellschaft, die sich mit Reformen des kapitalistischen Systems begnügt. Die Theater haben es sich nun zur Aufgabe gemacht, das Dilemma der Linken zwischen der vermeintlichen Notwendigkeit zur gesellschaftlichen Veränderung und dem Wie zu untersuchen. Der allgemeine Utopieverlust und die angestaubte Revolutionsrhetorik sind dabei meist die Aufhänger für heutige Umsetzungen von Büchners Drama auf die Bühne. So führte Thomas Ostermeier „Dantons Tod“ 2001 an der Schaubühne als verstaubtes Kasperletheater und frivole Revolutionstravestie ohne jeglichen Gegenwartsbezug auf. Sebastian Baumgarten ironisierte 2010 am Maxim Gorki Theater die sprachlichen Unzulänglichkeiten der Revolutionäre durch alle Epochen der Geschichte. Ideologisch geprägte Begrifflichkeiten sowie die mediale Aufbereitung und Verklärung zum Event führen bei ihm zur großen Sprachverwirrung und münden letztlich in allgemeine Sprachlosigkeit.

„Jede große Idee, sobald sie in Erscheinung tritt, wirkt tyrannisch; daher die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzubald in Nachteile verwandeln.“ Johann Wolfgang von Goethe, aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre II, Betrachtungen im Sinne der Wanderer“

Fotos: St. B. be_febr-2012-3.JPG

Claus Peymann hat in seiner Inszenierung vom Anfang diesen Jahres am Berliner Ensemble wieder die Rokoko-Ästhetik Ostermeiers, die künstliche Überzeichnung der Figuren als untote Tote angenommen. Weiß gekalkt sind die Gesichter der Schauspieler. Die Männer um Danton (Ulrich Brandhoff) in luftigem weiß, der Gegenspieler Robespierre (Veit Schubert) ganz in strenges schwarz gehüllt. Ulrich Brandhoff, der Neuzugang aus Wien, als Danton ist anfänglich ganz Sympathiefigur, ganz frisch und forsch gibt er sich, bis er sich mehr und mehr der Peymann´schen Theaterdiktion unterwerfen muss. Auch die Kameraden bleiben blass, Camille (Felix Tittel) schwach und zaudernd, Legandre (Roman Kanonik) erst maulheldig, dann kleinlaut und Lacroix (Veit Stöß) Weinpullen schwingend und immer einen sarkastischen Satz auf den Lippen. Der St. Just des Georgios Tsavanoglou spinnt Intrigen und ist ganz Realpolitiker. Allein Veit Schubert als Robespierre sind ein paar Fazetten vergönnt, eine durchaus ansprechende Schauspielleistung, der Ulrich Brandhoff nicht viel entgegenzusetzen hat. Sein Danton bleibt nicht nur im Stück auf der Strecke. Im Programmheft werden Aufständische aus Benghazi (Libyen) mit ganz ähnlichen Worten wie sie Lacroix spricht zitiert: „Die Revolution muß aufhören und die Republik muss anfangen.“ Mehr Gegenwartsbezug ist nicht.

Das Volk lärmt tumb über die Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann und henkt gerne zum Zeitvertrieb an Laternen auf. Die Grisetten sind alte keifende Fetteln und Angela Winkler hat einen Kurzauftritt als Marion, die mit Danton kokettiert und ihr Geschichte von Keuschheit und gefallener Tugend erzählt. Ein gealtertes Kind, eine Metapher für Verfall und Tod. Über Regietheater oder Dekonstruktion muss man sich hier keine Gedanken machen, das Ganze ist mehr eine olle Klamotte aus der Theatermottenkiste BE und kommt nach der Pause auch nicht mehr richtig in Schwung. Dantons Albtraum verweht bei geöffnetem Fenster, dazu schmachtet Julie (Katharina Susewind). Ansonsten lange Reden vor dem Konvent und schließlich der Gang zum Schafott, einer nach dem anderen mit letzten Worten. Peymann lässt wie immer mächtig Personal auffahren und die Marseilles schmettern, dazu fällt die Trikolore in den Dreck. Ein enttäuschter Abgesang des einst so politisch agierenden und sich immer noch gerierenden Theaterregisseurs. Revolution als blasser Mummenschanz. Man möchte Lucile (Antonia Bill) am Ende am liebsten zustimmen. Es lebe der König! Und der heißt hier nicht Claus Peymann.

***

„Viel ist schon gewonnen, wenn nur einer aufsteht und Nein sagt.” Bertolt Brecht

Einen ganz anderen, frischen Zugang zum Stoff eröffnet nun Jette Steckel in ihrer Inszenierung am Thalia Theater Hamburg, die am 21.04. Premiere hatte. Mit Schillers „Don Carlos“ in Hamburg sowie Gorkis „Kleinbürgern“ und Sartres „Schmutzigen Händen“ am Deutschen Theater Berlin hat sie schon ein sicheres Händchen für den Umgang mit politischen Stoffen bewiesen. Steckel nimmt Büchners Revolutionsdrama ohne falsche Scheu und klopft es gehörig auf Gehalt und Widersprüche ab. Auf der sonst kahlen Bühne steht mittig eine runde Bühneninstallation von Florian Lösche, die eine offene Weltkugel darstellt, zusammengesetzt aus zwei sich kreuzenden senkrechten und einer waagerechten Scheibe. Auf und unter ihnen wird sich das Drama später abspielen. Zu Beginn glimmt nur ein kleines Flämmchen auf der Bühne, das aufgegriffen sich zu einem wahren Weltenbrand entwickelt. Alle Darsteller hasten nun um diese Kugel, die sich gegenläufig dreht und die Protagonisten mitreißt oder abstößt. Eine Metapher für den unabdingbaren Lauf der Welt und die Menschen, die diesen Lauf bestimmen oder von ihm überrollt werden. Krieg, Aufruhr und Revolten der Menschheitsgeschichte im Schnelldurchlauf, bis man bei Büchners Danton und der Französischen Revolution angekommen ist.

thalia-theater-hamburg_dantons-tod.jpg Jette Steckels Danton am Thalia Theater Hamburg

Flankiert von zwei Live-Musikern (Matthias Grübel und Jonas Landerschier), die die Inszenierung mit einem satten Beat aus Gitarreriffs und Keyboardsounds unterlegen, treten nun Danton (Jörg Pohl) und seine Mitstreiter auf. Sie sind in farbige Hosen und Jacken gekleidet als Individualisten erkennbar, während ihre Gegenspieler Robespierre (Daniel Lommatzsch) und St. Just (Karin Neuhäuser) Einheitsschwarz tragen. Es beginnt ein Sprachkampf zweier Selbstdarsteller und rhetorisch versierter Berufsrevoluzzer, der in einem großen Schlagzeugduell mündet, bei dem jeder den anderen durch seine Schlagkraft übertönen will. Wobei die Rhetorik nahezu gleich ist und Argumente nicht mehr wichtig erscheinen. Dantons Gefährten Lacroix (André Szymanski) und Legendre (Thomas Niehaus) können da nicht mehr mithalten. Ihr anfänglicher Elan erlahmt schnell, sie bleiben schließlich still auf der rotierenden Bühnenscheibe stehen. Mirco Kreibich als Camille hält dessen Rede vom tauben Volk, den Theatern und krachenden fünffüßigen Jamben vor einem Rednerpult an das Publikum. Er verbindet dies mit der nichtgehaltenen Rede von Jean Ziegler zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, der ausgeladen wurde, da er die Verbindung von Wirtschaft, Banken und Politik mit dem Hunger in Afrika anprangern wollte. Er konstatierte, dass „…die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase ihrer Entwicklung problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte.“ Aber trotzdem „…alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. (…) Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Hier stockt Kreibich, wird aber von Lisa Hagmeister (Lucile) zum Weiterreden aufgefordert und als dies nicht mehr kann, als Theaterfigur entlarvt.

Jette Steckel dreht immer wieder die eigentliche Konstellation Mann-Frau des Stückes um. Lucile hängt nicht wie bei Büchner an Camilles Lippen ohne etwas zu verstehen. Camille aber versagt, er ist nicht der große Revolutionär, den sie in ihm sieht. Vor dem Kerker sieht Lucille bei Büchner ihren Camille nur durch ein vergittertes Fenster. Hier spricht sie wie zu einer Traumfigur mit übergroßem Kopf, während zu ihren Füßen der verzweifelte Camille liegt. Julie (Maja Schöne) will ihrem Geliebten Danton die Schädeldecke aufbrechen und die Gedanken aus den Hirnfasern zerren, nicht umgekehrt. Die Frauen fordern ihre Annteilnahme ein. In der Szene, in der eigentlich bei Büchner Marion zu Füßen Dantons liegt und ihm ihre Geschichte erzählt, dreht Jette Steckel die Situation ebenfalls um. Danton machte es sich in den Fleischbergen der Marion (Karin Neuhäuser in einem riesigen Ganzkörper-Fettsuite) bequem, kann bei ihr seine Sorgen vergessen. Das Bild wird grotesk verfremdet. Marion als die Urmutter und heilige Hure, als Wunschtraum und Männer-Projektion, auf ihren Leib reduziert. Und dazu der kleine Danton der sich zu ihr flüchtet, ganz er selbst ist, ohne den großen Mann spielen zu müssen. Das Bild ist faszinierend und abstoßend zugleich. Eine frühzeitig gealterte Kindfrau, eine Metapher für Liebe, Lust, Geborgenheit und gleichsam für Verfall und Tod.

Im sehr interessanten Programmheft kommt der Poprevolutionär Slavoj Žižek zu Wort und zwar mit einer ganz bemerkenswerten Rede vor Occupy-Aktivisten, in der er den Ideologien, mit denen er sonst immer so kokettiert, eine klare Absage erteilt. Da kommen übrigens die USA genauso wie China nicht gut weg. Seine These vom Sozialismus für Reiche ist angesichts der Bankenrettungsschirme auch gar nicht so abwegig. Uns geht es ja eigentlich ziemlich gut, im Gegensatz zu denen, für die Ziegler Partei ergreift. Der Clownsauftritt des Volkes mit Kettensäge sich Brot um die Ohren hauend, zielt doch geradewegs aufs Publikum. Da sägt einer dem anderen aus Gier die Hand ab. Etwas drastisch, aber anders geht es wohl nicht mehr. Was also tun? Wir wissen, was wir nicht mehr wollen, aber nicht was wir wollen. Das wirft man laut Žižek der Occupybewegung vor, diese Verweigerung des „Clinchens“, also sich in Nahkampfscharmützeln und Diskussionen aufzureiben. Lauter überlaute Schlagzeugduelle sozusagen. „Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse: die erbärmliche Wirklichkeit!“ ist der entscheidende Satz Camilles. Vor den Toren des Thalia Theaters befindet sich derzeit ein Occupylager auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz.

hamburg_occupy.jpg  Das Occupy-Lager am Gerhard-Hauptmann-Platz neben dem Thalia in Hamburg – Fotos: St. B. hamburg_occupy2.jpg

Für ihre Inszenierung findet Jette Steckel immer wieder starke Bilder, z.B. auch als Danton in seinem Albtraum angeseilt von oben nach unten über die Scheibenkante der Weltkugel balanciert, zu deren Fuße Julie auf ihn wartet. Während Danton sich letztlich aus seinen Selbstzweifeln reißt und aus lauter Determinismus mit seinen Freunden in den aussichtslosen Kampf zieht, anstatt sich konsequent zu verweigern, zerbrechen die Frauen darüber an ihrer Einsamkeit und stillen Trauer. Büchner hatte nach dem Scheitern seiner eigenen revolutionären Aktivitäten bitterböse geklagt: „Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu den Laternen.“ (Georg Büchner Brief an seinen Freund August Stöber; 9. Dezember 1833) Nun hängen die Protagonisten gleich müden Helden selber dran. Statt des vorgegebenen Gangs unter die Guillotine, lässt Jette Steckel die vier Dantonisten an Ketten hochziehen, abgerockt und ausgetrommelt. „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen.“ (Danton). Die Inszenierung geht Büchners Zweifeln an der Revolution genauestens nach. Und trotz all den scheinbar ungelösten politischen Widersprüchen kommt hier nebenbei auch noch 2 ½ Stunden große, belebende Kunst heraus. Ein starkes Theaterfeuer, das Jette Steckel da entfacht hat.

„Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muß nur versuchen, es noch einmal zu denken.“ Johann Wolfgang von Goethe, aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre II, Betrachtungen im Sinne der Wanderer“

„Dantons Tod“ am Thalia Theater in Hamburg:

  • 01.05.2012, 20:00 – 22:15 Uhr
  • 16.05.2012, 20:00 – 22:15 Uhr
  • 17.05.2012, 19:00 – 21:15 Uhr
  • 26.05.2012, 14:00 – 16:15 Uhr
  • 28.05.2012, 19:00 – 21:15 Uhr
  • 01.06.2012, 20:00 – 22:15 Uhr

„Danton‘s Tod“ am Berliner Ensemble:

  • 06.05.2012 um 18:00 Uhr
  • 17.05.2012 um 19:00 Uhr
  • 25.05.2012 um 19:00 Uhr

Dauer: 2 h 45 Minuten (mit Pause)

***

Ausstellungstipp:

Passend zum Thema Revolution und der Utopie des Neuen Menschen, hat die Hamburger Kunsthalle Bilder von drei Ausnahmekünstlern ihrer jeweiligen Zeit in einer bemerkenswerten Vergleichsschau zusammengeführt. „Müde Helden“ nennt sich die Ausstellung die noch bis zum 13.05.12 in der Galerie der Gegenwart in zwei Geschossen zu sehen ist. Die Schau zieht Parallelen vom Schweizer Symbolisten Ferdinand Hodler (1853 – 1918), der sich um die Jahrhundertwende in seinen Gemälden dem Aufbruch der Reformbewegung verbunden fühlte, über den Russen Alexander Deineka (1899 – 1969), der nach der Oktoberrevolution am Bild des sozialistischen Menschen arbeitete, bis hin zum Leipziger Neo Rauch (geb. 1960), der in der heutigen postkommunistischen Welt in ebenfalls stark symbolisierenden Bildern jeglicher Ideologie- und Fortschrittsgläubigkeit kritisch gegenübertritt. In allen ausgestellten Werken der drei Maler ist die einstige Aufbruchsstimmung, Stagnation und schließlich Ernüchterung und Utopie-Verlust nachvollziehbar. In einem Filmportrait des Malers Neo Rauch, erteilt dieser dem Neuen Menschen eine klare Absage. Er könne ihm gestohlen bleiben, sagt Rauch, da er sich noch genug an dem alten abzuarbeiten habe. Die alten Helden sind müde, und der Mensch verzettelt sich auf der Suche nach den neuen Helden im medialen Überangebot. Es irrt der Mensch so lang er strebt. Theaterstück und Ausstellung seien daher wärmstens empfohlen.

mude-helden_titel.png hamburg_kunsthalle_mude-helden.jpg

Wem das, trotz einer Vielzahl starker Frauenbildnisse, zu eindeutig männlich besetzt ist, kann auch nebenan ins Hubertus-Wald-Forum gehen und sich noch bis zum 17.06.12 die kleine aber feine Schau „Passage dangereux“ mit Grafiken, Objekten und Installationen der 2010 verstorbenen französischen Künstlerin Louise Bourgeois ansehen.

foto0221.jpg  Auch eine Mutterfigur. Louise Bourgeois (1911-2010), Maman, 1999 – Foto: St. B.

_________

Parteidisziplin und Lebenslügen – Das Deutsche Theater Berlin zeigt Jean-Paul Sartres „“Die schmutzigen Hände““ und Thomas Vinterbergs „“Die Kommune“

Donnerstag, Januar 26th, 2012

Gerade noch haben an der Volksbühne René Pollesch und Fabian Hinrichs mit viel Spaß und artistischem Spieltrieb das verstörte Individuum im Kapitalismus untersucht und die Unmöglichkeit ein Netzwerk zu lieben ironisch verdeutlicht, wobei sie ganz nebenbei noch Brechts Egoisten und Anarchisten Fatzer einflochten, da zieht schon das Deutsche Theater nach und verabschiedet in zwei Inszenierungen ein paar liebgewonnene bzw. verhasste Ismen und entsorgt gescheiterte Utopien. Und das kommt teilweise so locker und leicht daher, dass man sich die Augen reiben muss und kneifen möchte, ob man denn wirklich im Tempel des bildungsbürgerlichen Theaters an der Schumannstraße sitzt. Die beiden noch an Jahren jungen Regietalente Jette Steckel und Rafael Sanchez beschäftigen sich hier mit Themen, die schon auf dem Müllplatz der Geschichte zu liegen schienen, aber in letzter Zeit wieder sehr aktuell sind. Ob sie auch den Kern der Sache getroffen haben, bleibt aber bei beiden Inszenierungen relativ offen, und damit bestätigt sich eigentlich nur wieder die Feststellung, dass ein stark aufspielendes Ensemble noch jedem Stück etwas Relevanz entlocken kann.

dt.jpg Foto: St. B.
Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin

Spieltrieb, Idealismus oder todernste Realpolitik – Jette Steckel klopft Sartres großes Spiel über Methoden zur politischen Machterlangung auf Lüge und Wahrheit ab.

Spiel, Spaß und gute Laune scheinen dem alten Stück irgendwie eingeschrieben zu sein. Leider hat das wohl in den Zeiten des Eisernen Vorhangs, ha ha, keiner so richtig mitgekriegt. Oder liegt es daran, dass es ständig falsch verstanden wurde und immer wieder nur für Stalinismuserklärungen herhalten musste. Zwei unvergessene Inszenierungen der Nachwendezeit haben Sartres Stück über einen ideologisierten jungen Intellektuellen, der einen politischen Mord begehen soll und an der Aufgabe menschlich scheitert, von diesem Rezeptionsstaub befreit. Über Frank Castorfs herrliche Jugoslawienkriegsfarce von 1998 an der Volksbühne, mit dem ungeschlagenen Dreigestirn Henry Hübchen als dichtendem Hoederer-Karadzic, Matthias Matschke als verhuschten, grimassierenden Tollpatsch Hugo („Kann ich auch! Kann ich auch!“) und Kathrin Angerer als nölendes Girlie Jessica, braucht man nicht mehr zu reden. Mit frechen Balkanbrassklängen bliesen sie dem ollen Sartre ordentlich den Marsch.

(mehr …)

Kunst und Politik. Das Deutsche Theater Berlin zwischen gesellschaftlichem Anspruch und guter Unterhaltung – Rückschau und Ausblick in die neue Spielzeit

Dienstag, August 30th, 2011

Das Deutsche Theater in Berlin hat die letzte nicht gerade berauschende Spielzeit zeitig beendet, nach den Autorentheatertagen, die sich mit dem Thema Komödie beschäftigten, war Mitte Juni Schluss. Da das DT selbst nichts adäquates beisteuern konnte, setzte man die neue Produktion „Tape“ von Stephen Belber in einer Inszenierung von Stefan Pucher als Knaller ans Ende. Man ist beim diesjährigen Theatertreffen übergangen worden, das schmerzt sicherlich, aber nur ein oder zwei Inszenierungen verdienten überhaupt den Titel „bemerkenswert“. Man denkt da in erster Linie an den starken Beginn im September 2010 mit dem Hacks-Abend „Die Sorgen und die Macht“ in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner oder vielleicht noch an den von den Kritikern vielgelobten Schauspielerabend „Kinder der Sonne“, ein Stück von Maxim Gorki, das Stephan Kimmig auch schon im Oktober 2010 inszeniert hatte.
Man kann sich am DT auf ein starkes Ensemble stützen, das sich seit dem Antritt von Ulrich Khuon vor 2 Jahren auch aus einigen sehr guten Schauspielern des Thalia Theaters in Hamburg speist. Verstärkt wird dieses große Aufgebot immer wieder mit Darstellern, die sich vor allem auch in Film und Fernsehen einen Namen über die Grenzen des Theaters hinaus gemacht haben. Es sind dies vor allem Ulrich Matthes, Katharina Schüttler, Sophie von Kessel und natürlich immer wieder Nina Hoss, wie gerade eben auch in „Tape“. Dagegen setzte schon Anfang Mai diesen Jahres Jette Steckel mit ihrer Inszenierung „Kleinbürger“ von Maxim Gorki rein auf das hervorragende Ensemble des Deutschen Theaters.

(mehr …)