Archive for the ‘Jette Steckel’ Category

Jette Steckel lässt mit “Dantons Tod” am Thalia Theater in Hamburg Claus Peymanns “Danton” am BE ziemlich blass aussehen.

Donnerstag, April 26th, 2012

„In der Sprache des 18. Jahrhunderts heißen [die Prinzipien des revolutionären Geistes] öffentliche Freiheit, öffentliches Glück, öffentlicher Geist.“ Hannah Arendt aus „Über die Revolution”

Claus Peymanns Inszenierung am BE be_febr-2012-5.JPG

Immer wenn sich Volkes Stimme mal wieder auf der Straße vernehmen lässt, oder entsprechende Gedenktage es gebieten, kramen die Theater Georg Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod“ wieder aus. Die Suche nach dem „Geist der Revolution“ auf der Bühne wird dann meist mit einem wissenschaftlichen Überbau in Form eines entsprechend theorielastigen Programmheftes flankiert. Nach Marx bestimmt die Basis der ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse den politischen und ideologischen Überbau. Die Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Elementen der jeweiligen Gesellschaftsordnung nennt man bekanntlich Dialektik. Bei der Zuspitzung der Widersprüche innerhalb der Basis kommt es früher oder später zur Umwälzung des gesellschaftlichen Überbaus. Das wiederum nennt man dann Revolution. Das Entstehen revolutionärer Situationen in der Menschheitsgeschichte ist vielfach untersucht worden, eine der bekanntesten Analysen ist Hannah Arendts Werk „Über die Revolution“, das in den Programmheften der Theatermacher immer wieder einen besonderen Raum einnimmt. Dabei bewegte H. Arendt vor allem die Frage, wie das Poltische gegenüber dem Ökonomischen wieder an Bedeutung gewinnen und die öffentliche Freiheit die ökonomische Notwendigkeit ablösen kann. Dem Befreiungsakt also die eigentliche Freiheit in Form einer direkten Demokratie folgen lässt. Neben der Amerikanischen Revolution (1773–1776) diente ihr auch die Französische Revolution (1789-1799) als Grundlage ihrer Analyse.

Georg Büchner verarbeitete sein Scheitern, im Deutschland der 1830er Jahre eine revolutionäre Situation zu schaffen, in seinem Drama „Dantons Tod“, das das Scheitern der Französischen Revolution am Beispiel des gemäßigten Revolutionärs George Danton behandelt. Büchner packte in die Figur des Dantons seinen eigenen Geschichtsfatalismus und die Enttäuschung über die blutigen Auswüchse der Schreckensherrschaft der Jakobiner unter Maximilien de Robespierre und Antoine de Saint-Just. Heute, nach dem Scheitern des sozialistischen Experiments, geht es immer wieder vor allem um die Darstellung der Schrecken von Revolutionen und deren zwangsläufiges Münden in diktatorische Gesellschaftsformen. Die Absage an jegliche Utopie aus Angst vor der Gewalt beherrscht dabei die bürgerliche Gesellschaft, die sich mit Reformen des kapitalistischen Systems begnügt. Die Theater haben es sich nun zur Aufgabe gemacht, das Dilemma der Linken zwischen der vermeintlichen Notwendigkeit zur gesellschaftlichen Veränderung und dem Wie zu untersuchen. Der allgemeine Utopieverlust und die angestaubte Revolutionsrhetorik sind dabei meist die Aufhänger für heutige Umsetzungen von Büchners Drama auf die Bühne. So führte Thomas Ostermeier „Dantons Tod“ 2001 an der Schaubühne als verstaubtes Kasperletheater und frivole Revolutionstravestie ohne jeglichen Gegenwartsbezug auf. Sebastian Baumgarten ironisierte 2010 am Maxim Gorki Theater die sprachlichen Unzulänglichkeiten der Revolutionäre durch alle Epochen der Geschichte. Ideologisch geprägte Begrifflichkeiten sowie die mediale Aufbereitung und Verklärung zum Event führen bei ihm zur großen Sprachverwirrung und münden letztlich in allgemeine Sprachlosigkeit.

„Jede große Idee, sobald sie in Erscheinung tritt, wirkt tyrannisch; daher die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzubald in Nachteile verwandeln.“ Johann Wolfgang von Goethe, aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre II, Betrachtungen im Sinne der Wanderer“

Fotos: St. B. be_febr-2012-3.JPG

Claus Peymann hat in seiner Inszenierung vom Anfang diesen Jahres am Berliner Ensemble wieder die Rokoko-Ästhetik Ostermeiers, die künstliche Überzeichnung der Figuren als untote Tote angenommen. Weiß gekalkt sind die Gesichter der Schauspieler. Die Männer um Danton (Ulrich Brandhoff) in luftigem weiß, der Gegenspieler Robespierre (Veit Schubert) ganz in strenges schwarz gehüllt. Ulrich Brandhoff, der Neuzugang aus Wien, als Danton ist anfänglich ganz Sympathiefigur, ganz frisch und forsch gibt er sich, bis er sich mehr und mehr der Peymann´schen Theaterdiktion unterwerfen muss. Auch die Kameraden bleiben blass, Camille (Felix Tittel) schwach und zaudernd, Legandre (Roman Kanonik) erst maulheldig, dann kleinlaut und Lacroix (Veit Stöß) Weinpullen schwingend und immer einen sarkastischen Satz auf den Lippen. Der St. Just des Georgios Tsavanoglou spinnt Intrigen und ist ganz Realpolitiker. Allein Veit Schubert als Robespierre sind ein paar Fazetten vergönnt, eine durchaus ansprechende Schauspielleistung, der Ulrich Brandhoff nicht viel entgegenzusetzen hat. Sein Danton bleibt nicht nur im Stück auf der Strecke. Im Programmheft werden Aufständische aus Benghazi (Libyen) mit ganz ähnlichen Worten wie sie Lacroix spricht zitiert: „Die Revolution muß aufhören und die Republik muss anfangen.“ Mehr Gegenwartsbezug ist nicht.

Das Volk lärmt tumb über die Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann und henkt gerne zum Zeitvertrieb an Laternen auf. Die Grisetten sind alte keifende Fetteln und Angela Winkler hat einen Kurzauftritt als Marion, die mit Danton kokettiert und ihr Geschichte von Keuschheit und gefallener Tugend erzählt. Ein gealtertes Kind, eine Metapher für Verfall und Tod. Über Regietheater oder Dekonstruktion muss man sich hier keine Gedanken machen, das Ganze ist mehr eine olle Klamotte aus der Theatermottenkiste BE und kommt nach der Pause auch nicht mehr richtig in Schwung. Dantons Albtraum verweht bei geöffnetem Fenster, dazu schmachtet Julie (Katharina Susewind). Ansonsten lange Reden vor dem Konvent und schließlich der Gang zum Schafott, einer nach dem anderen mit letzten Worten. Peymann lässt wie immer mächtig Personal auffahren und die Marseilles schmettern, dazu fällt die Trikolore in den Dreck. Ein enttäuschter Abgesang des einst so politisch agierenden und sich immer noch gerierenden Theaterregisseurs. Revolution als blasser Mummenschanz. Man möchte Lucile (Antonia Bill) am Ende am liebsten zustimmen. Es lebe der König! Und der heißt hier nicht Claus Peymann.

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„Viel ist schon gewonnen, wenn nur einer aufsteht und Nein sagt.” Bertolt Brecht

Einen ganz anderen, frischen Zugang zum Stoff eröffnet nun Jette Steckel in ihrer Inszenierung am Thalia Theater Hamburg, die am 21.04. Premiere hatte. Mit Schillers „Don Carlos“ in Hamburg sowie Gorkis „Kleinbürgern“ und Sartres „Schmutzigen Händen“ am Deutschen Theater Berlin hat sie schon ein sicheres Händchen für den Umgang mit politischen Stoffen bewiesen. Steckel nimmt Büchners Revolutionsdrama ohne falsche Scheu und klopft es gehörig auf Gehalt und Widersprüche ab. Auf der sonst kahlen Bühne steht mittig eine runde Bühneninstallation von Florian Lösche, die eine offene Weltkugel darstellt, zusammengesetzt aus zwei sich kreuzenden senkrechten und einer waagerechten Scheibe. Auf und unter ihnen wird sich das Drama später abspielen. Zu Beginn glimmt nur ein kleines Flämmchen auf der Bühne, das aufgegriffen sich zu einem wahren Weltenbrand entwickelt. Alle Darsteller hasten nun um diese Kugel, die sich gegenläufig dreht und die Protagonisten mitreißt oder abstößt. Eine Metapher für den unabdingbaren Lauf der Welt und die Menschen, die diesen Lauf bestimmen oder von ihm überrollt werden. Krieg, Aufruhr und Revolten der Menschheitsgeschichte im Schnelldurchlauf, bis man bei Büchners Danton und der Französischen Revolution angekommen ist.

thalia-theater-hamburg_dantons-tod.jpg Jette Steckels Danton am Thalia Theater Hamburg

Flankiert von zwei Live-Musikern (Matthias Grübel und Jonas Landerschier), die die Inszenierung mit einem satten Beat aus Gitarreriffs und Keyboardsounds unterlegen, treten nun Danton (Jörg Pohl) und seine Mitstreiter auf. Sie sind in farbige Hosen und Jacken gekleidet als Individualisten erkennbar, während ihre Gegenspieler Robespierre (Daniel Lommatzsch) und St. Just (Karin Neuhäuser) Einheitsschwarz tragen. Es beginnt ein Sprachkampf zweier Selbstdarsteller und rhetorisch versierter Berufsrevoluzzer, der in einem großen Schlagzeugduell mündet, bei dem jeder den anderen durch seine Schlagkraft übertönen will. Wobei die Rhetorik nahezu gleich ist und Argumente nicht mehr wichtig erscheinen. Dantons Gefährten Lacroix (André Szymanski) und Legendre (Thomas Niehaus) können da nicht mehr mithalten. Ihr anfänglicher Elan erlahmt schnell, sie bleiben schließlich still auf der rotierenden Bühnenscheibe stehen. Mirco Kreibich als Camille hält dessen Rede vom tauben Volk, den Theatern und krachenden fünffüßigen Jamben vor einem Rednerpult an das Publikum. Er verbindet dies mit der nichtgehaltenen Rede von Jean Ziegler zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, der ausgeladen wurde, da er die Verbindung von Wirtschaft, Banken und Politik mit dem Hunger in Afrika anprangern wollte. Er konstatierte, dass „…die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase ihrer Entwicklung problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte.“ Aber trotzdem „…alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. (…) Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Hier stockt Kreibich, wird aber von Lisa Hagmeister (Lucile) zum Weiterreden aufgefordert und als dies nicht mehr kann, als Theaterfigur entlarvt.

Jette Steckel dreht immer wieder die eigentliche Konstellation Mann-Frau des Stückes um. Lucile hängt nicht wie bei Büchner an Camilles Lippen ohne etwas zu verstehen. Camille aber versagt, er ist nicht der große Revolutionär, den sie in ihm sieht. Vor dem Kerker sieht Lucille bei Büchner ihren Camille nur durch ein vergittertes Fenster. Hier spricht sie wie zu einer Traumfigur mit übergroßem Kopf, während zu ihren Füßen der verzweifelte Camille liegt. Julie (Maja Schöne) will ihrem Geliebten Danton die Schädeldecke aufbrechen und die Gedanken aus den Hirnfasern zerren, nicht umgekehrt. Die Frauen fordern ihre Annteilnahme ein. In der Szene, in der eigentlich bei Büchner Marion zu Füßen Dantons liegt und ihm ihre Geschichte erzählt, dreht Jette Steckel die Situation ebenfalls um. Danton machte es sich in den Fleischbergen der Marion (Karin Neuhäuser in einem riesigen Ganzkörper-Fettsuite) bequem, kann bei ihr seine Sorgen vergessen. Das Bild wird grotesk verfremdet. Marion als die Urmutter und heilige Hure, als Wunschtraum und Männer-Projektion, auf ihren Leib reduziert. Und dazu der kleine Danton der sich zu ihr flüchtet, ganz er selbst ist, ohne den großen Mann spielen zu müssen. Das Bild ist faszinierend und abstoßend zugleich. Eine frühzeitig gealterte Kindfrau, eine Metapher für Liebe, Lust, Geborgenheit und gleichsam für Verfall und Tod.

Im sehr interessanten Programmheft kommt der Poprevolutionär Slavoj Žižek zu Wort und zwar mit einer ganz bemerkenswerten Rede vor Occupy-Aktivisten, in der er den Ideologien, mit denen er sonst immer so kokettiert, eine klare Absage erteilt. Da kommen übrigens die USA genauso wie China nicht gut weg. Seine These vom Sozialismus für Reiche ist angesichts der Bankenrettungsschirme auch gar nicht so abwegig. Uns geht es ja eigentlich ziemlich gut, im Gegensatz zu denen, für die Ziegler Partei ergreift. Der Clownsauftritt des Volkes mit Kettensäge sich Brot um die Ohren hauend, zielt doch geradewegs aufs Publikum. Da sägt einer dem anderen aus Gier die Hand ab. Etwas drastisch, aber anders geht es wohl nicht mehr. Was also tun? Wir wissen, was wir nicht mehr wollen, aber nicht was wir wollen. Das wirft man laut Žižek der Occupybewegung vor, diese Verweigerung des „Clinchens“, also sich in Nahkampfscharmützeln und Diskussionen aufzureiben. Lauter überlaute Schlagzeugduelle sozusagen. „Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse: die erbärmliche Wirklichkeit!” ist der entscheidende Satz Camilles. Vor den Toren des Thalia Theaters befindet sich derzeit ein Occupylager auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz.

hamburg_occupy.jpg  Das Occupy-Lager am Gerhard-Hauptmann-Platz neben dem Thalia in Hamburg – Fotos: St. B. hamburg_occupy2.jpg

Für ihre Inszenierung findet Jette Steckel immer wieder starke Bilder, z.B. auch als Danton in seinem Albtraum angeseilt von oben nach unten über die Scheibenkante der Weltkugel balanciert, zu deren Fuße Julie auf ihn wartet. Während Danton sich letztlich aus seinen Selbstzweifeln reißt und aus lauter Determinismus mit seinen Freunden in den aussichtslosen Kampf zieht, anstatt sich konsequent zu verweigern, zerbrechen die Frauen darüber an ihrer Einsamkeit und stillen Trauer. Büchner hatte nach dem Scheitern seiner eigenen revolutionären Aktivitäten bitterböse geklagt: „Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu den Laternen.“ (Georg Büchner Brief an seinen Freund August Stöber; 9. Dezember 1833) Nun hängen die Protagonisten gleich müden Helden selber dran. Statt des vorgegebenen Gangs unter die Guillotine, lässt Jette Steckel die vier Dantonisten an Ketten hochziehen, abgerockt und ausgetrommelt. „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen.“ (Danton). Die Inszenierung geht Büchners Zweifeln an der Revolution genauestens nach. Und trotz all den scheinbar ungelösten politischen Widersprüchen kommt hier nebenbei auch noch 2 ½ Stunden große, belebende Kunst heraus. Ein starkes Theaterfeuer, das Jette Steckel da entfacht hat.

„Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muß nur versuchen, es noch einmal zu denken.“ Johann Wolfgang von Goethe, aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre II, Betrachtungen im Sinne der Wanderer“

„Dantons Tod“ am Thalia Theater in Hamburg:

  • 01.05.2012, 20:00 – 22:15 Uhr
  • 16.05.2012, 20:00 – 22:15 Uhr
  • 17.05.2012, 19:00 – 21:15 Uhr
  • 26.05.2012, 14:00 – 16:15 Uhr
  • 28.05.2012, 19:00 – 21:15 Uhr
  • 01.06.2012, 20:00 – 22:15 Uhr

„Danton‘s Tod“ am Berliner Ensemble:

  • 06.05.2012 um 18:00 Uhr
  • 17.05.2012 um 19:00 Uhr
  • 25.05.2012 um 19:00 Uhr

Dauer: 2 h 45 Minuten (mit Pause)

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Ausstellungstipp:

Passend zum Thema Revolution und der Utopie des Neuen Menschen, hat die Hamburger Kunsthalle Bilder von drei Ausnahmekünstlern ihrer jeweiligen Zeit in einer bemerkenswerten Vergleichsschau zusammengeführt. „Müde Helden“ nennt sich die Ausstellung die noch bis zum 13.05.12 in der Galerie der Gegenwart in zwei Geschossen zu sehen ist. Die Schau zieht Parallelen vom Schweizer Symbolisten Ferdinand Hodler (1853 – 1918), der sich um die Jahrhundertwende in seinen Gemälden dem Aufbruch der Reformbewegung verbunden fühlte, über den Russen Alexander Deineka (1899 – 1969), der nach der Oktoberrevolution am Bild des sozialistischen Menschen arbeitete, bis hin zum Leipziger Neo Rauch (geb. 1960), der in der heutigen postkommunistischen Welt in ebenfalls stark symbolisierenden Bildern jeglicher Ideologie- und Fortschrittsgläubigkeit kritisch gegenübertritt. In allen ausgestellten Werken der drei Maler ist die einstige Aufbruchsstimmung, Stagnation und schließlich Ernüchterung und Utopie-Verlust nachvollziehbar. In einem Filmportrait des Malers Neo Rauch, erteilt dieser dem Neuen Menschen eine klare Absage. Er könne ihm gestohlen bleiben, sagt Rauch, da er sich noch genug an dem alten abzuarbeiten habe. Die alten Helden sind müde, und der Mensch verzettelt sich auf der Suche nach den neuen Helden im medialen Überangebot. Es irrt der Mensch so lang er strebt. Theaterstück und Ausstellung seien daher wärmstens empfohlen.

mude-helden_titel.png hamburg_kunsthalle_mude-helden.jpg

Wem das, trotz einer Vielzahl starker Frauenbildnisse, zu eindeutig männlich besetzt ist, kann auch nebenan ins Hubertus-Wald-Forum gehen und sich noch bis zum 17.06.12 die kleine aber feine Schau „Passage dangereux“ mit Grafiken, Objekten und Installationen der 2010 verstorbenen französischen Künstlerin Louise Bourgeois ansehen.

foto0221.jpg  Auch eine Mutterfigur. Louise Bourgeois (1911-2010), Maman, 1999 – Foto: St. B.

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Parteidisziplin und Lebenslügen – Das Deutsche Theater Berlin zeigt Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ und Thomas Vinterbergs „Die Kommune“

Donnerstag, Januar 26th, 2012

Gerade noch haben an der Volksbühne René Pollesch und Fabian Hinrichs mit viel Spaß und artistischem Spieltrieb das verstörte Individuum im Kapitalismus untersucht und die Unmöglichkeit ein Netzwerk zu lieben ironisch verdeutlicht, wobei sie ganz nebenbei noch Brechts Egoisten und Anarchisten Fatzer einflochten, da zieht schon das Deutsche Theater nach und verabschiedet in zwei Inszenierungen ein paar liebgewonnene bzw. verhasste Ismen und entsorgt gescheiterte Utopien. Und das kommt teilweise so locker und leicht daher, dass man sich die Augen reiben muss und kneifen möchte, ob man denn wirklich im Tempel des bildungsbürgerlichen Theaters an der Schumannstraße sitzt. Die beiden noch an Jahren jungen Regietalente Jette Steckel und Rafael Sanchez beschäftigen sich hier mit Themen, die schon auf dem Müllplatz der Geschichte zu liegen schienen, aber in letzter Zeit wieder sehr aktuell sind. Ob sie auch den Kern der Sache getroffen haben, bleibt aber bei beiden Inszenierungen relativ offen, und damit bestätigt sich eigentlich nur wieder die Feststellung, dass ein stark aufspielendes Ensemble noch jedem Stück etwas Relevanz entlocken kann.

dt.jpg Foto: St. B.
Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin

Spieltrieb, Idealismus oder todernste Realpolitik – Jette Steckel klopft Sartres großes Spiel über Methoden zur politischen Machterlangung auf Lüge und Wahrheit ab.

Spiel, Spaß und gute Laune scheinen dem alten Stück irgendwie eingeschrieben zu sein. Leider hat das wohl in den Zeiten des Eisernen Vorhangs, ha ha, keiner so richtig mitgekriegt. Oder liegt es daran, dass es ständig falsch verstanden wurde und immer wieder nur für Stalinismuserklärungen herhalten musste. Zwei unvergessene Inszenierungen der Nachwendezeit haben Sartres Stück über einen ideologisierten jungen Intellektuellen, der einen politischen Mord begehen soll und an der Aufgabe menschlich scheitert, von diesem Rezeptionsstaub befreit. Über Frank Castorfs herrliche Jugoslawienkriegsfarce von 1998 an der Volksbühne, mit dem ungeschlagenen Dreigestirn Henry Hübchen als dichtendem Hoederer-Karadzic, Matthias Matschke als verhuschten, grimassierenden Tollpatsch Hugo („Kann ich auch! Kann ich auch!“) und Kathrin Angerer als nölendes Girlie Jessica, braucht man nicht mehr zu reden. Mit frechen Balkanbrassklängen bliesen sie dem ollen Sartre ordentlich den Marsch.

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Kunst und Politik. Das Deutsche Theater Berlin zwischen gesellschaftlichem Anspruch und guter Unterhaltung – Rückschau und Ausblick in die neue Spielzeit

Dienstag, August 30th, 2011

Das Deutsche Theater in Berlin hat die letzte nicht gerade berauschende Spielzeit zeitig beendet, nach den Autorentheatertagen, die sich mit dem Thema Komödie beschäftigten, war Mitte Juni Schluss. Da das DT selbst nichts adäquates beisteuern konnte, setzte man die neue Produktion „Tape“ von Stephen Belber in einer Inszenierung von Stefan Pucher als Knaller ans Ende. Man ist beim diesjährigen Theatertreffen übergangen worden, das schmerzt sicherlich, aber nur ein oder zwei Inszenierungen verdienten überhaupt den Titel „bemerkenswert“. Man denkt da in erster Linie an den starken Beginn im September 2010 mit dem Hacks-Abend „Die Sorgen und die Macht“ in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner oder vielleicht noch an den von den Kritikern vielgelobten Schauspielerabend „Kinder der Sonne“, ein Stück von Maxim Gorki, das Stephan Kimmig auch schon im Oktober 2010 inszeniert hatte.
Man kann sich am DT auf ein starkes Ensemble stützen, das sich seit dem Antritt von Ulrich Khuon vor 2 Jahren auch aus einigen sehr guten Schauspielern des Thalia Theaters in Hamburg speist. Verstärkt wird dieses große Aufgebot immer wieder mit Darstellern, die sich vor allem auch in Film und Fernsehen einen Namen über die Grenzen des Theaters hinaus gemacht haben. Es sind dies vor allem Ulrich Matthes, Katharina Schüttler, Sophie von Kessel und natürlich immer wieder Nina Hoss, wie gerade eben auch in „Tape“. Dagegen setzte schon Anfang Mai diesen Jahres Jette Steckel mit ihrer Inszenierung „Kleinbürger” von Maxim Gorki rein auf das hervorragende Ensemble des Deutschen Theaters.

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Kann man heute noch Schillers „Don Carlos“ politisch inszenieren? Zwei Versuche in Hamburg und Dresden

Donnerstag, Mai 19th, 2011

dsc03070.JPG Friedrich Schiller (1759-1805)
Büste im Garten von Schillers Gartenhaus in Jena
(Foto: St.B.)

„Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist Sehnsucht  wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“

Dieser Ausspruch von Heiner Müller aus seinen Gesammelten Irrtümern ist Motto für Jette Steckels Inszenierung von Schillers „Don Carlos“ am Thalia Theater in Hamburg und steht damit zurecht im Programmheft, wie auch ein sehr interessanter Beitrag des Präsidenten der FU Berlin und Schiller-Experten Peter-Andrè Alt: „Ein Spiel von Macht und Freiheit“. Er verteidigt hier Schillers Ideale von der persönlicher Freiheit gegen die vorherrschende Meinung nur eine „moralische Wirkung“ erzielen zu wollen. Schiller spielte in seinen Dramen mit der Möglichkeit der Freiheit und zeigte aber auch deren Grenzen auf. Nur im Spiel, in der „ästhetischen Erfahrung“ kann der Mensch „im Raum der Phantasie“ ganz frei sein. Schiller versuchte, schreibt Alt, „den Zuschauer auf die Möglichkeit einer absoluten, von äußeren Verhältnissen unabhängigen Freiheit einzustimmen.“- „… den Leuten den Kopf wieder warm machen.“ (Schiller an Wollzogen zum Willhelm Tell) Schillers Dramen zeigen also „Varianten individuellen Handels in Grenz- und Extremsituationen, die durch die Spiele der Fiktion und die Illusionsinszenierungen des Theaters gespiegelt werden.“ Der „Don Carlos“ (1787/88) ist dafür ein charakteristisches Beispiel durch die Ambivalenz in seinen Figuren und ihrer politischen Ideale. Aufgeklärter Idealismus und Opportunismus stehen sich in einem absolutistischen Staat gegenüber und erzeugen so eine „theaterwirksame Fundamentalspannung“.
Eher spannungslos beginnt es am Thalia Theater, Mirco Kreibichs Don Carlos hockt an der Rampe vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang und hält ein Schild mit seinen bekannten Anfangsworten hoch: „Die “schönen” Tage in Aranjuez sind nun zu Ende !!!!!“ Der Prinz verweigert in sich versunken jede Rede, Pater Domingo in der Gestalt von Victoria Trauttmansdorff muss wohl oder übel seine Verse mit aufsagen. Erst das Auftauchen des alten Freundes Roderich (Jens Harzer als Marquis Posa) vermag ihn aus seiner Lethargie zu befreien. Schnell ist der Grund der düsteren Gedanken erklärt, Don Carlos liebt unglücklich die ihm einst versprochene Elisabeth von Valois, die nun die Frau seines Vaters und damit seine Stiefmutter geworden ist. Posa verspricht Abhilfe, wenn sich Carlos nun wieder alten Tugenden und der Befreiung Flanderns widmen will. Das Unheil nimmt seinen Lauf, die Spannung steigt. Nachdem der erwachte Tatendrang von Carlos seinen ersten Dämpfer bei König Philipp, Hans Kremer gibt ihn meist ruhig aber bestimmt, dann aber immer mehr an seinen Vertrauten Alba (Matthias Leja) und Domingo zweifelnd, kommt es zur Begegnung mit Posa und der König findet überraschend jemanden der ihm zuhört und sagt was er denkt. Harzer spielt einen Posa, der nicht wirklich will, was er da beginnt und so schlaksig und bedacht wie er mit seiner Einkaufstüte über die Bühne schlurft, ist er beileibe nicht der blühende Idealist wie er Schiller wohl vorschwebte. Posa ist hier nicht der von der Macht Verführte, sondern der klar denkende Idealist, der sich mit der Macht einlässt, um sie gezielt zu beeinflussen und zu kontrollieren. Das verweist in Richtung Wikileaks und Assange, soll aber auch zeigen, dass die Kontrolle der Mächtigen nur von unabhängigen, nicht unmittelbar in die Politik verwickelten Personen, auszuführen ist.
Jette Steckel geht nicht mit grellen Effekten beim Publikum hausieren, mal von einigen theatralen Mitteln der Bebilderung abgesehen und einigen Videoeinspielungen am Bühnenhintergrund. Sehr eindrucksvoll sind aber die Szenen wenn Elisabeth (Lisa Hagmeister) und Carlos feurig Flamenco tanzen oder Philipp und Alba ferngesteuerte Spielzeugpanzer bedienen und Alba es sich auf dem Sessel des Königs bequem macht, bis dieser ihn des Platzes verweist. Das Gespann Alba und Domingo ist hier äußerst berechnend intrigant und zu allem bereit, ihre schwindenden Einfluss wieder zu erlangen. Ihre Waffe ist die Prinzessin Eboli, die sich enttäuscht von Carlos abwendet und bereitwillig für die Intrige einspannen lässt. Sehr dünnhäutig und zickig spielt Alicia Aumüller diese Prinzessin auf der Erbse, in ihrem Schlafzimmer stehen übereinander gestapelte Matratzen. Carlos und Posa bewegen sich auf unsicherem Boden, eine sich ständig gegenläufig drehende Bühne mit den hohen dunklen Wänden zeigt das überdeutlich. Klaustrophobische Räume wechseln mit sich auflösenden Wänden, alles bleibt unbestimmt. Dazwischen ein verzweifelt vermittelnder Graf von Lerma (Christoph Bantzer), der aber allem machtlos zusehen muss. Letztendlich scheitern die Revoluzzer an einer Macht, die sie nicht durchdringen können, von der sie nicht einmal wissen. Nicht der König selbst macht sich die Finger schmutzig, sondern die geheime Instanz in Person des Inquisitors, Andrè Szymanski krempelt die Ärmel für einen Kurzauftritt hoch und schreitet zur Vollstreckung.

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Staatsschauspiel Dresden am Theaterplatz (Foto: St.B.)

Wie unterschiedlich man Schiller auslegen kann, zeigt Roger Vontobels „Don Carlos“-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden. Er wurde damit zum Theatertreffen 2011 nach Berlin eingeladen und ist am letzten Sonntag wieder nach Hause zurückgekehrt. Vontobel geht in seiner Version noch mehr von einem Überwachungsstaat aus, wie er eigentlich in Diktaturen vorherrscht. Die Dienerschaft steht im Hintergrund ist ständig präsent und holt den Block zum Mitschreiben raus. Ein Palast mit ebenfalls hohen undurchdringlichen Wänden fährt aus dem Bühnenboden, große Türen lassen Licht hinein oder verdunkeln den Räume. Der Bezug zur Gegenwart ist nicht ganz klar. Eine international agierende Konzernzentrale vielleicht oder was hat heute noch diese weltumspannende Macht? Das macht es irgendwie zu einer erschreckenden Zukunftsvision totalitären Herrschens. Das ist natürlich möglich, wenn man die politische Macht unkontrolliert delegiert. Dann entpolitisiert Vontobel aber das Geschehen und bricht es auf persönliche, familiäre Eifersüchteleien herunter. Die schönen Tage in Aranjuez sind hier dekadente Cocktailpartys, Christian Friedels Don Carlos mit Sonnenbrille, iPod und Cocktailglas spricht immer wieder mal larmoyant, mal aufbrausend mit sich selbst. Er ist emotional schwankend, die Ambivalenz wird hier ganz groß geschrieben. Burghart Klaußner als Philipp ist der Herrscher im grauen Anzug, anfangs noch der Herr im Haus, dann aber immer mehr in sich gekehrt und von Zweifeln zerfressen. Regelrecht verblüfft ist er von der Offenheit des Marquis Posa und dessen überzeugter Rede. Matthias Reichwald als Posa wirkt hier wie ein unbedarfter politischer Quereinsteiger, der nur die richtigen Mittel der Intrige noch nicht beherrscht. Sein Idealismus scheitert am Unvermögen nicht an den herrschenden Zuständen. Er hat etwas von einem Egmont, die Gefahr negierend, stürzt er sich in sein Unglück.
Was in beiden Inszenierungen gut dargestellt wird, ist die Unmöglichkeit der Änderung der Machtstrukturen von oben. Carlos ist nicht der Veränderer, der seinen Vater an der Macht ablösen könnte. Er ist eitel und denkt nur an die Verwirklichung seiner eigenen Ziele. Er handelt impulsiv und aus verletztem Stolz heraus. Erst mit dem Tod Posas bricht er mit der Macht, zu spät, da läuft die Maschinerie bereits. Die eigentlichen Intriganten Alba und Domingo (Thomas Eisen und Christian Erdmann) sind in Dresden zu schwach und eindimensional gezeichnet. Dafür nimmt sich Vontobel viel Zeit, die Zerrissenheit von Philipp zu zeigen. Das macht ja Jette Steckel auch, nur nicht mit dieser Überdeutlichkeit. Ein an sich zweifelnder Politiker oder Konzernchef, der an äußerer Beeinflussung zerbricht und sich der über ihm schwebenden eigentlichen Macht ergibt. Das ist heute schwer nachzuvollziehen. Zur Legeimitierung seiner Macht greift er selbst zum Revolver und übergibt erst danach an den alten Großinquisitor (Lore Stefanek). Sonja Beißwenger wirkt als Elisabeth zwar entschlossen, aber auch kühl und zart und hat wenig von dem Feuer der Lisa Hagmeisters in Hamburg. Alle Figuren, gerade auch die gefühlsmäßig völlig dahin fließende Eboli (Christine Hoppe), sind nur ambivalent und haben sich irgendwie die Finger an der bösen Politik schmutzig gemacht.
Jette Steckel stellt besser die eigentliche Funktionsweise von Politik dar. Gedankenfreiheit ist hier nicht nur ein hingehauchtes Wort sondern eine klare Forderung, die aber nicht ins Publikum geschleudert werden muss, sondern die von uns täglich neu zu erringen ist. Vontobel zaubert schöne einfühlsame Bilder und Gesten mit denen er aufs private Unglück des Einzelnen in die Politik Verstrickten zielt. Jette Steckel hat den Mut im Politischen zu bleiben, auch wenn man sich dabei die Finger, im übertragenen Sinne, schmutzig machen muss. Das macht diese Inszenierung wirklich heutig und bleibt doch auch sehr nah an den Schillerschen Idealen von Freiheit. Steckels Don Carlos ist zwar nicht optimistisch, ihre Protagonisten scheitern genauso, aber sie sagt warum und was eine Möglichkeit wäre, die Kontrolle über die Mächtigen nicht zu verlieren. Der Idealismus von Vontobels Posa grenzt an Pose, ein naiver Poser, der sich zum Schluss auch noch wie in einem Goya-Gemälde dem Erschießungskommando entgegen stellt. Bei Jette Steckel zweifelt Jens Harzer in der Rolle des Posa bis zum Schluss an dem was er tut. Er tut es, weil es einer tun muss. Er wird erst zum Idealist, je mehr er in die eigentlichen Intrigen am Hofe einsteigt, sie durchschaut und versucht dagegen anzugehen. Das ist das eigentlich Tragische an dieser Figur, alles zu wissen und doch das Falsche zu tun.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Jury nicht den falschen Don Carlos zum Theatertreffen eingeladen hat, aber das ist auch eher ein ganz persönlicher Eindruck von dieser Aufführung aus Dresden. Das Dresdner Publikum jedenfalls liebt diese Inszenierung und da gibt es auch gar nichts gegen einzuwenden. Ich fand nur Jette Steckels Hamburger Don Carlos mutiger. Vontobel riskiert nichts, es ist gut gemachtes Einfühlungstheater und daher tatsächlich irgendwie konservativ.