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Jo Fabian, neuer Schausspieldirektor am Staatstheater Cottbus, inszeniert Anton Tschechows „Onkel Wanja“ als amüsante Tragikomödie und mit „Terra In Cognita“ ein eigenes assoziatives Bildertheater zur Menschheitsgeschichte

Dienstag, April 24th, 2018

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Terra In Cognita – Am Staatstheater Cottbus inszeniert Jo Fabian ein assoziatives Bildertheater zur Geschichte der Menschheit

TERRA IN COGNITA am Staatstheater Cottbus
Foto © Marlies Kross

Zum Titel des Stücks Terra In Cognita von Jo Fabian (seit dieser Spielzeit neuer Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus) lassen sich gleich mehrere gedankliche Assoziationen bilden. Naheliegend ist die Übersetzung als unbekanntes Territorium, aber auch als lernendes oder auch gegenteilig unbelehrbares Land. „Die Inszenierung Jo Fabians ist der Versuch, die Entwicklungsgeschichte der Menschheit in drei Bildern zu erzählen.“ lautet die Kurzbeschreibung des Abends auf der Website des Theaters. Es ist zunächst aber v.a. ein assoziativer Bilderreigen, der eine an das sanft ironische Musiktheater Christoph Marthalers erinnernde Spielhandlung im Mittelteil rahmt.

Wuchtig ist der Beginn mit einer rhythmischen Choreografie, die einen Einzähler auf einer Galeere zeigt, der mit Trommelschlägen die Ruderer, von denen man nur die durch kleine Bullaugen gesteckten Ruder sieht, antreibt. Im Hintergrund zerfällt die Videoprojektion eines stumm schreienden Frauenkopfs, und unter einem Gazetuch singen die Verdammter der Erde einen Opferchoral. Ein zuvor auf den Vorhang projiziertes Zitat des US-amerikanischen Schriftstellers William Faulkner gibt das Motto des Abends vor. „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Auch Christa Wolf setzte ihrem Roman Kindheitsmuster dieses Zitat voran. Die Erinnerung an eine Vergangenheit aus Kriegen und menschlichem Leid, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Jo Fabian verdeutlicht dies in einem animierten Video-Diorama, das die Geschichte der Menschheit von den ägyptischen Pyramiden über Golgatha bis in die Neuzeit mit Bildern von Eroberern, christlichen Erlösern, Fahnenträgern, Agitatoren, Wissenschaftlern und Künstlern einfängt. Der bildende Künstler Joseph Beuys dient hier als Geschichtsbeobachter und bildungsbürgerliche Referent – vom Regisseur vor den Karren seiner sozialen Theaterplastik gespannt samt selbstironischer Publikumsbeschimpfung.

 

TERRA IN COGNITA am Staatstheater Cottbus
Foto © Marlies Kross

 

Im zweiten Teil nach der ersten kurzen Pause zeigt die Bühne mit den Bullaugenwänden eine Art Krankensaal mit Betten. Es könnte auch das Innere eines Flüchtlingsschiffs sein, oder ein Arche mit Überlebenden. Ein Motor springt immer wieder stotternd an, aus Blechrohren dampft es, und ein Mann mit Rohrzange irrt verloren durch den Raum. Hier sitzen ein paar Vertreter der Menschheit zusammengepfercht und sich selbst überlassen. Sie dämmern vor sich hin, schimpfen oder brabbeln Unverständliches. Die Welt ein einziges Irrenhaus aus Religion, Vorurteilen und Ideologie. Immer wieder geht einer der Insassen an ein Mikrofon an der Rampe. Der Mieteintreiber zählt Geld, ein Pater im Talar bekommt eine Handentspannung, ein orthodoxer Jude rezitiert aus Schriften Richard Wagners und Friedrich Nietzsches, ein SS-Mann fordert die totale Mietzahlungsverweigerung und fordert den Juden auf, den Davidstern zu tragen, eine blinde und scheinbar traumatisierte Frau droht mit einer Schere. Immer wieder setzen sich alle und singen das Tiroler Volkslied „Fein sein, beieinander bleibn“. Jo Fabian bringt einen politischen und religiösen Querschnitt der Weltbevölkerung aus Christ, Jude und Beduine auf engstem Raum zusammen. Stereotypen und Klischeeträger, die sich gegenseitig das Leben schwer machen und trotzdem verurteilt sind, gemeinsam auf einem untergehenden Dampfer den Weg zu den Rettungsbooten zu finden.

Das ist z.T. recht witzig gemacht, wenn auch mancher allzu plumpe Gag ins Leere laufen mag. Spätestens im dritten, wieder sehr rhythmisch durchchoreografierten Teil findet die Botschaft des Regisseurs seine Adressaten, wenn das gesamte Ensemble in schwarzen Gewändern zum Takt des Einpeitschers vom Beginn zu weiteren Videoeinspielungen eine emotional treibende Bild-Soundcollage performt. Die letzten Worte gehören Charlie Chaplin mit seiner ergreifenden Schlussrede aus dem Film Der große Diktator: „Es tut mir leid, aber ich möchte nun mal kein Herrscher der Welt sein, denn das liegt mir nicht. Ich möchte weder herrschen, noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann. Den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt.“ In diesem Sinne könnte der Abend auch eine Art Erkenntnisprozess in Gang setzen. „Wer nicht denken will, fliegt raus.“ steht auf einem Flugblatt im Foyer. Und das ist nicht nur für die Region Brandenburg oder die Stadt Cottbus wichtig. Mögen die letzten Sätze da nicht gänzlich ungehört verhallen.

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Terra In Cognita (Staatstheater Cottbus, 20.04.2016)
Choreografisches Figurentheater von Jo Fabian
URAUFFÜHRUNG
Regie/Choreografie/Bühne/Kostüme/Video: Jo Fabian
Vokalkomposition/Musikalische Einstudierung: Hans Petith
Schlagwerk-Einstudierung/Sounddesign: Lars Neugebauer
Dramaturgie: Lukas Pohlmann
Regieassistenz: Romy Schwarzer
Ausstattungsassistenz: Hans-Holger Schmidt
Mit: Ilona Raytman, Lisa Schützenberger, Michaela Winterstein
Michael von Bennigsen, Kai Börner, Rolf-Jürgen Gebert, Gunnar Golkowski, Thomas Harms, David Kramer, Boris Schwiebert, Axel Strothmann
Musiker (Schlagwerk): Lars Neugebauer
Die Premiere war am 24.02.2018 im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus
Termine: 03., 29.05. / 20.06.2018

Infos: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 22.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Geben sie dem Mann am Klavier noch ein Bier – Jo Fabian verulkt bei seinem Antritt als neuer Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus Tschechows Onkel Wanja

ONKEL WANJA am Staatstheater Cottbus – Foto © Marlies Kross

Zu seiner ersten Inszenierung für die Große Bühne am Staatstheater Cottbus gibt Jo Fabian seinem Publikum eine Art Selbstvergewisserung in Sachen Kunstverständnis mit auf den Weg. „Ich will verstehen, was die Künstler mir sagen wollen. Dazu benutze ich die mir verliehene Gabe der Interpretation. Aber auch Fehlinterpretationen werde ich mich nicht verschließen.“ Damit schlägt der Regisseur gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens soll sich das Publikum selbst Gedanken zum Stück machen, was auch bedeutet, dass ihm die Erkenntnis nicht vorbestimmt sei, und zweitens entschuldigt sich der Regisseur auch für die Möglichkeit, missverstanden zu werden. Fehldeutung seitens des Publikums sind aber durchaus gewollt und zu akzeptieren. Klingt zunächst durchaus interessant. Der Wunsch, das Theater am Ende unversehrt und unbehelligt wieder verlassen zu können, beschränkt sich demnach nur aufs rein Körperliche, nicht aber auf den Geist.

Derart gewappnet begibt sich also das Cottbuser Publikum in die Aufführung des Dramas Onkel Wanja, das auch als melancholische Komödie, 1896 vom russischen Schriftsteller und Dramatiker Anton Tschechow geschrieben, weltweit bekannt ist. Den unglücklichen, in ihrem als sinnlos empfundenen Leben gefangenen Charakteren des Stücks die Tragik mit entsprechender Komik auszutreiben, ist so neu nicht. Jo Fabians Inszenierung zielt allerdings auf einen möglichst breit angelegten Ansatz, in dem Bühnenbild, Musik, Ton und Schauspiel durch die dynamische Wahrnehmung des Zuschauers selbst zu einem möglichst vergnüglichen Gesamtkunstwerk verschmelzen sollen. Das Publikum als treibende Kraft der bildlichen Assoziation.

Und zu sehen gibt es auf der von Pascale Arndtz gestaltenden Bühne recht viel. Das Ensemble sitzt an einer Tafel inmitten eines alten Salons, der zum Zuschauerraum durch eine bröckelnde Wand mit kaputten Fenstern und großer Terrassentür abgegrenzt ist, durch die nicht von jedem Platz im Saal alles einsehbar ist. Amadeus Gollner als Telegin muss da schon mal erklärend einspringen. Ansonsten wird auch ein Perspektivwechsel durch Kartentausch in der Pause angeboten. Im Saloninneren ragen zwei kahle Birken in den Bühnenhimmel, es grasen Ziegen im Hintergrund, und eine große Uhr zeigt 5 nach 12, als wäre die sich anbahnende Katastrophe schon geschehen. Zunächst herrscht jedoch für ein Tschechow-Stück bemerkenswert langes Schweigen. Rockmusik setzt ein, und das Geräusch eines vorbeifliegenden Flugzeugs lässt die Figuren kurz aufhorchen. Ein Mann mit Bart und Melone schaut aus einem Spiegelfenster heraus, stellt sich als Onkel Wanja vor und beginnt damit, die Ausgangssituation des Stücks ins Mikrofon zu erzählen.

 

ONKEL WANJA am Staatstheater Cottbus
Foto © Marlies Kross

 

Axel Strothmann gibt seinen Onkel Wanja als ironisch-trockenen, mit russischem Akzent sprechenden Conférencier des Geschehens, die weiteren Figuren treten nach und nach aus dem Hintergrund. Auf Original-Tschechow muss man allerdings noch eine Weile warten. Mehr beiläufig ergibt sich aus diesem recht statischen Spiel so etwas wie eine Handlung, bei der sich Wanja und Arzt Astrow (Gunnar Golkowski) darüber streiten, ob das Wetter schwul oder schwül ist. Regisseur Fabian hat allen DarstellerInnen das gebrochene Deutsch verordnet, nur die alte Marina (Michaela Winterstein) darf auch ein paar Brocken auf Russisch sagen. Über allem schwebt eine hin und wieder unterbrechende Off-Stimme, die wie ein Regisseur bei den Proben Spielanweisungen gibt. Dass Fabian als stummes Faktotum mit Sonnenbrille selbst durch die Szenerie streift, verleiht dem Ganzen doch etwas den Anschein einer vagen Versuchsanordnung, die des ständigen Eingriffs bedarf.

Ansonsten lässt der Regisseur sein Ensemble aber mehr an der langen Leine agieren. Immer wieder gibt es Slapstickeinlagen, wenn sich z.B. Wanja und Astrow zu „Sympathy for the Devil“ notgeil um Jelena (Lisa Schützenberger), die junge Frau des Phrasen dreschenden Professors (Thomas Harms), prügeln, der völlig betrunkene Arzt mit Hilfe der unglücklich in ihn verliebten Sonja (Lucie Thiede) in seine Hose steigen will oder der von ihm vergötterten Jelena seine „Röllchen“ mit der Verteilung von Wald und Wildtier im Landkreis zeigt. Es werden schlüpfrige Witze erzählt bzw. das Geschehen auf der Bühne geistreich kommentiert. Die Figurenzeichnung liegt oft nah an der Karikatur. So wird die Mutter Wanjas, Maria Wassiljewna Wojnizkaja, auf einem Rollbrett umhergeschoben. Sigrun Fischer darf hier mit Liedern aus Winterreise ihr Gesangstalent beweisen. Ansonsten ist sie mehr eine senile, in der Vergangenheit lebende Diva. Begleitet wird sie vom sich ständig verbeugenden Pianisten Hans Petith, der auch recht pathetisch Satie oder Tschaikowski einstreut.

Der Tschechow-Plot passiert hier irgendwie mehr nebenbei. Dann aber umso intensiver. Große Aufregung gibt es noch einmal nach der Bekanntgabe des Professors, dass er das Gut verkaufen will. Was dann allerdings wie der Schuss aus der vom Regisseur gereichten Pistole verpufft. Wozu es des übrigen Klamauks bedarf, bleibt gut behütetes Geheimnis des Regisseurs genau wie der Running Gag, bei dem ständig nach einer schwarzen Katze gesucht wird, die man an der Garderobe abgeben soll, wie es Sonja nach ihrem berühmten Schlussmonolog über das Weitermachen sagt. Dass es sich dabei nur um einen etwas schrägen MacGuffin handeln könnte, der die Handlung zwar antreiben soll, selbst aber nie zu sehen ist, dürfte in Cottbus nicht so geläufig sein. Ein Spiel mit der Fantasie des Publikums, das sich trotz Kurzweil dann vielleicht doch etwas unter Niveau amüsiert haben dürfte.

 

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Onkel Wanja (Staatstheater Cottbus, 26.12.2017)
Schauspiel von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Regie: Jo Fabian
Bühne & Kostüme: Pascale Arndtz
Dramaturgie: Jan Kauenhowen
Regieassistenz: Lukas Pohlmann
Besetzung:
Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow: Thomas Harms
Jelena Andrejewna: Lisa Schützenberger
Sofja Alexandrowna (Sonja): Lucie Thiede
Maria Wassiljewna Wojnizkaja: Sigrun Fischer
Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Wanja): Axel Strothmann
Michail Lwowitsch Astrow: Gunnar Golkowski
Ilja Iljitsch Telegin: Amadeus Gollner
Marina: Michaela Winterstein
Tänzerin: AnnaLisa Canton, Mandy Krügel
Pianist: Hans Petith
Die Premiere war am 04.11.2017 im Staatstheater Cottbus
Dauer: 2 h, 45 min., eine Pause
Termine siehe: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 28.12.2017 auf Kultura-Extra.

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