Archive for the ‘Jorinde Dröse’ Category

Es singt die Plattitüde, es swingt die Ironie – Berliner Schaubühne und Maxim Gorki Theater versuchen Ibsens „“Volksfeind““ zu radikalisieren und Kuttner/Kühnel verschlagern die „“Demokratie““ von Michael Frayn am DT.

Freitag, Oktober 5th, 2012

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„“Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpaßt; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt.“ Henry David Thoreau in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, deutsch von Walter E. Richartz, Zürich 2004

Es ist nun bereits fünf Jahre her, dass 2007 das politische Essay „Der kommende Aufstand“ der Autorengruppe „Das unsichtbare Komitee“ in Frankreich erschien. Seit 2010 ist es in deutscher Übersetzung erhältlich und im Internet verfügbar. Zur gleichen Zeit trat auch der ehemalige deutsch-französische Résistance-Kämpfer und Buchenwald-Überlebende Stéphane Hessel (geb. 1917 in Berlin) mit seinem vierzehnseitigen Widerstandsaufruf: „Empört Euch!“ an die Öffentlichkeit. Beide Pamphlete sind seither vielzitierte Werke der europäischen Protest-Kultur gegen Globalisierung, Finanzkapitalismus und Demokratiemüdigkeit. Ist Hessels Schrift dabei vorwiegend ein Aufruf für die Einmischung der breiten Masse in das politische Geschehen, ausgehend von den Erfahrungen des Kampfes gegen den Faschismus, werden im „Kommenden Aufstand“ zwar einerseits noch die starren, bestehenden Verhältnisse kritisiert aber andererseits auch eine klare Abgrenzung zu den herrschenden Machtverhältnissen propagiert. Das geht bis zur Beschreibung einer Art Guerilla-Kampfes aus dem Verborgenen heraus zur Unterhöhlung des bestehenden Systems. Nun greifen die Schaubühne und das Maxim Gorki Theater Berlin in ihren Inszenierungen von Ibsens „Ein Volksfeind“ teilweise auf die Empörungs-Rhetorik nach französischem Vorbild zurück. Und insbesondere die Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Schaubühne befasst sich nun konkret mit dem Essay „Der kommende Aufstand“.

„“Die Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite. Nie, sag‘ ich! Das ist auch so eine von den gesellschaftlichen Lügen, gegen die ein freier, denkender Mann sich empören muß.“ Dr. Stockmann in Henrik Ibsens „Ein Volksfeind

schaubuhne-sept-2012.jpg Foto: St. B.

Thomas Ostermeier probt an der Schaubühne mit Ibsens „Volksfeind den Kommenden Aufstand.

Ausgehend von der Sichtweise, dass es sich die bestehende bürgerliche Bildungs- und Künstlerelite in ihren Verhältnissen bequem eingerichtet hat und auch einen entsprechenden Lebensstil pflegt, siedelt Ostermeier Ibsens Story um den Badearzt Stockmann im hippen Berlin-Mitte-Milieu an. Man wohnt gemeinsam in einer Art lockeren Künstler-WG. Einerseits wird die Unangepasstheit einer probenden Popband am Küchentisch zelebriert, andererseits strebt man bereits nach ersten Besitzständen, die noch als Projekte an den Bühnenwänden (Jan Pappelbaum/Katharina Ziemke) aufgemalt sind, oder hat eben wie Stockmann (Stefan Stern) ein angehendes Familienprojekt mit Frau (Eva Meckbach), Kind und angeschlossenem festen Job in der Badeverwaltung der Stadt am laufen. Dort entdeckt nun der engagierte Badearzt, dass der neue Reichtum der Gemeinde auf einer Lüge beruht und das Wasser des neuen Bäderbetriebs von den ortsansässigen Handwerksbetrieben verseucht wird. Verbündete für die Aufdeckung der Missstände findet Stockmann kurzeitig im Redakteur des Volksboten Hovstadt (Christoph Gawenda) und seinem jungen Angestellten Billing (Moritz Gottwald), sowie dem Verleger und Vorsitzenden der kleinen Hausbesitzer Aslaksen (David Ruland). Diese kippen aber der Reihe nach um, als ihnen der Stadtvogt und Bruder von Stockmann (Ingo Hülsmann) eröffnet, dass die Stadt nicht genug Geld für die Sanierung hat und daher die Steuern erhöhen muss.

Was nun folgt, ist eine Spaltung in die Mehrheiten heischende Realpolitik und eine auf einsamem Posten stehende Radikalopposition. Soweit lässt sich das Stück Ibsens natürlich auch auf heutige Verhältnisse anwenden. Das Problem dabei ist aber, die in der schnell einberufenen Bürgerversammlung folgenden Verbalausbrüche Stockmanns nicht nur gegen „die grenzenlose Dummheit der Behörden“, sondern auch gegen „die verfluchte, kompakte, liberale Majorität“, die er als „die gefährlichsten Feinde der Wahrheit und der Freiheit“ ausgemacht hat, aktuellpolitisch zu untermauern. Und hier mischt nun Ostermeier in die Rede des wütenden Badarztes Satzfetzen aus dem „Kommenden Aufstand“, die sich mit genau dieser Problematik einer „Zivilisation in klinisch totem Zustand“ auseinandersetzt, die „an massenhaft lebenserhaltende Apparate angeschlossen (…) einen charakteristischen Gestank verbreitet.“ Der gleiche vergifteten Sumpf also, den Stockmann auch gerne trockenlegen würde, mit all seinen Lügen und moralischem Skorbut. Stefan Stern geht hier dann auch entsprechend vehement zu Werke und wird dafür von seinen Gegnern, die sich alle im Zuschauerraum positioniert haben, als Antidemokrat und Faschist denunziert, inklusive der Erklärung zum „Volksfeind“. Die Schauspieler versuchen dabei im Publikum noch so etwas wie eine Diskussion anzufachen, sorgen aber mit ihrer platten Rhetorik eher für das Gegenteil. Bis auf die Bildung eines runden Tisches fällt da auch niemandem etwas Passendes ein.

Schließlich fliegen Farbbeutel auf die Bühne, anstatt der Steine, die bei Ibsen das Haus Stockmanns verwüsten. Der Held liegt schließlich eingesaut in der Pampe. Das Gleiche könnte man nun sozusagen auch von Ostermeiers Inszenierung behaupten. Das Ensemble kann eigentlich sogar noch froh sein, dass sich aus dem Publikum kaum jemand ernsthaft zu Wort gemeldet hat, so unvorbereitet wie es sich da zeigte. Mit auswendig gelernten Floskeln kommt heute auch kein Politiker mehr ernsthaft durch den Wahlkampf. Da provozieren sich die Parteien, und man glaubt sich tatsächlich im Bundestag, wo es ja auch meist eher wie in einem Provinzparlament zugeht. Während die große Politik in den Hinterzimmern gemacht wird, schlagen sich vorn die Hinterbänkler. Dem eben noch so fluffigen Hipster Stern hängt dabei der intellektuelle Badearzt Stockmann dermaßen hinderlich am Bein, dass man ihm weder einen ernsthaften Wissenschaftler und schon gar nicht den wütenden Anarcho abnimmt. Es ist aber eben auch zu schön, sich immer wieder aus dem Textberg des „Unsichtbaren Komitees“ die passenden Brocken hauen zu können. Jedoch eine ernsthafte Auseinandersetzung damit findet hier nicht statt. Das will Ostermeier wohl auch gar nicht und begnügt sich mit der reinen Provokation.

So macht die Inszenierung mit ein paar globalen Schlagworten ordentlich provinziellen Wind, und derjenige, der eigentlich die Fäden zieht, ist ein alter Grantler (Thomas Bading als Morten Kiil) mit Hund, der wie der lästige Nachbar auf Gassi immer ganz ungelegen vorbeikommt, und dabei ganz unscheinbar am Ende ein paar Aktien fallen lässt. Kiil, der eigentliche Wasserverschmutzer und Schwiegervater von Stockmann, erpresst das Paar zum Schluss mit einem Aktienpaket des Bades, dass er angesichts des Imageschadens mit dem Erbe seiner Tochter billig aufgekauft hat. Die beiden sitzen nun in den Trümmern ihrer Existenz vor dieser großen Versuchung, mit einer Dementierung alles wieder einzurenken und sogar noch finanziell daran zu profitieren. Hier blendet Ostermeier dann kurzerhand ab. Das ist natürlich noch einmal eine scharfe Wendung und noch besser als das Riesen-Gummibärchen von Lukas Langhoffs Spaßinszenierung aus Bonn, die uns bereits beim Theatertreffen belustigte. Das Ganze wirkt aber letztendlich doch etwas billig und wohlfeil. Man weiß, dass es Ostermeier nicht ernst ist mit dem Aufstand. Und eine wirkliche Ambivalenz verströmt hier leider auch keiner, alles nur platte Chargen. Ein finsterer Provinzfürst, ein wachsweicher Mittelständler und ein paar lauwarme Möchtegern-Aufklärer als embedded Journalists. Lauter Politclowns, und einer aus der Hipster-Generation probt den individuellen Aufstand gegen das Etablissement, ein Widerspruch in sich. Man könnte sich totlachen, wenn es nicht so ernst wäre.

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„“Und ich sehe nicht ein, warum man das, was man Jahrhunderte lang getan hat und als falsch erkannt hat, weiter tun sollte, nämlich so tun, als ob man nichts tun könnte, und ich werde mich niemals damit abfinden, dass man nichts tut. (Ich hab den Richtern gesagt,) ‚ich weiß, warum sie sagen, man kann nichts tun, weil sie nichts tun können wollen, aber ich will etwas getan haben dagegen‘. (…) Wir haben gelernt, dass Reden ohne Handeln Unrecht ist.“ Gudrun Ensslin am 14. Oktober 1968 beim Kaufhaus-Prozess in Frankfurt/M.

maxim-gorki-theater_oktober-2012.jpg Foto: St. B.

Jorind Dröse ironisiert Ibsens „Volksfeind am Maxim Gorki Theater.

Lustig geht es auch im Maxim Gorki Theater zu. Jorinde Dröse hat ein großes Sofa auf die Bühne stellen lassen, auf dem sich hier die Familien-WG austoben darf. Das ist eine nicht ganz unironische Reminiszens auf Ostermeiers Schaubühne, nur dass hier eben nicht einfach nur ein Designermöbel steht, sondern eine große Spielwiese, die auch mal kippen oder beklettert werden kann. Der Clou am Gorki ist aber nicht das Sofa, sondern die Besetzung der Hauptrolle. Hier tritt jetzt nämlich Frau Stockmann als Badeärztin gegen den Sumpf aus männlich dominierter Politik und selbstgerechtem Opportunismus an. Als wenn Ibsen sie nur zufällig unter seinen großen Frauenfiguren vergessen hätte, stellt Jorinde Dröse diese Katharina Stockmann, bei Ibsen noch eher blasse häusliche Stütze ihres hehre Ideen wälzenden Mannes, ganz selbstverständlich in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung. Sabine Waibel dominiert dann auch die kleine häusliche Welt der Stockmanns, die noch im Aufbau begriffen ist und wo man immer mal wieder über den Teppich stolpert, den Hausmann Thomas (Cornelius Schwalm) noch nicht verlegt hat, da er lieber für die Familie asiatisch kocht, Kinder antiautoritär erzieht oder für seine Frau nach der sehnsüchtig erwarteten Post forschen muss. Jorinde Dröse entwirft hier durchaus auch mit einem ironischen Seitenblick auf ihre „Nora“ aus dem letzten Jahr und die bestehenden Geschlechterverhältnisse, ein ganz modernes Frauenbild. Übrigens auch eine Domäne von Ostermeiers Schaubühne. Man denke an seine Nora und Hedda Gabler. Wo Eva Meckbach als Katharina Stockmann bei Thomas Ostermeier aber noch an ihrer Selbstverwirklichung zwischen Familie und Job als Lehrerin arbeiten muss, verkörpert Sabine Waibel bereits das angestrebte Ideal der Frau in Führungsposition mit allen Vor- und Nachteilen. Mann möge seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Was nun aber folgt ist das übliche Frauen-Gezicke gegen das Gehabe und Gebalze der Frauenhelden und politischen Möchtegernplatzhirsche, die bei Jorinde Dröse noch weiter als schon bei Ostermeier ins Klischee und nicht nur vom Sofa abrutschen. Die lässigen Redakteure Hovstad (Albrecht Abraham Schuch) und Billing (Matti Krause mit Bart und pfiffigem Hütchen) dürfen hier richtig aufdrehen und die Möbel umstellen, was ihnen dann auch gleich als bloße Pose vom um stetige Mäßigung bemühten Buchdrucker Aslaksen (ganz trocken Gunnar Teuber) vorgehalten wird. Es wird auf dem Sofa gelümmelt, gealbert und den Schlipsträgern Aslaksen und Stadtvogt Peter Stockmann (Ronald Kukulies) übel mitgespielt. Letzterer fühlt sich da sichtlich deplaziert und kämpft vergeblich um seinen Platz unter den Hippstern. Kukulies revanchiert sich dafür dann mit einer abgeschmackten 0815-Politikerhymne auf den kleinen Wohlstand. Auch die Stockmanntochter Petra (Julischka Eichel) bekommt hier wieder eine Rolle und ist ganz wie schon bei Lukas Langhoff die junge idealistische Studentin, die eine neue Schule gründen will, dabei aber auf den Falschen setzt und den schmierigen Avancen des Redakteurs Hovstad erliegt. Wenn er nicht gerade von der Bühne gescheucht wird, untermalt dazu meist auf Kommando Philipp Haagen als Kapitän Horster, hier ein leicht verhuschter Rastafari, das Geschehen mit den passenden Popmelodien. Die Renaissance der Barock-Oper auf dem Theater greift dabei weiter um sich, wenn sich der windige Redakteur Hovstad zu den Klängen der Frostszene aus „King Arthur“ den verschwitzten Pullover vom Leib zittert. Vor Kurzem hatte erst René Pollesch Purcells Stotterarie in seinem „Don Juan“ an der Volksbühne zu neuen Ehren verholfen.

Das Gorki-Ensemble gibt mal wieder dem Komödiantenaffen Zucker. Etwas was man bei Jorinde Dröse bisher nur am Rande in kleinen Ausbrüchen kannte, wie zum Beispiel der von Peter Kurth als Thorvald Helmer in „Nora“, durchzieht hier die gesamte Inszenierung. Daraus ergeben sich immer wieder schöne Einzel-Skizzes, aber kaum ein abendfüllendes Politdrama. Was bei Thomas Ostermeier zu plakativ und zeigefingrig daherkommt, erledigt Jorinde Dröse mit schenkelklopfender Ironie. Ein Morten Kiil, Andreas Leupold nicht minder schlurchig im Parker, spielt hier schon kaum noch eine Rolle. Und wenn sich dann irgendwann durch den erst wonnig blauen Himmelhintergrund eine überdimensionale Kloakeröhre schiebt, sind wir auch schon fast am Höhepunkt des Abends. Bevor auch mal die schönste Ironie ein Ende hat, wird schnell noch Frau Dr. Stockmanns Wutschrift im zweckentfremdeten Kühlschrank versenkt, und mit ihm auch der „Kommende Aufstand“, den Tochter Petra eigentlich für Hovstad übersetzen sollte, vorerst auf Eis gelegt. Vorerst wohlgemerkt, denn noch während sich das vergnügte Pausenpublikum bei Bier und Wein verlustiert, wird es schon zum mehr oder minder freiwilligen Bestandteil einer kommenden Bürgerversammlung.

„“Wir können die Herrschenden und ihre Handlanger nicht dazu zwingen, die Wahrheit zu akzeptieren; aber wir können sie dazu zwingen, immer unverschämter zu lügen.“ Gudrun Ensslin, Zitat entnommen aus Gerd Koenen: „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2003

Ab jetzt tobt das Ensemble durch das Foyer und steigt zum Vortrag auf den Tresen. Eine Idee, die Jan Bosse auch schon für seinen Kleist-Schwank vom „Zerbrochenen Krug“ verwendet hat. Statt Dichters Wort gibt es jetzt aber ähnlich dem Schaubühnenabend Fremdtext satt. Frau Dr. Stockmanns Empörungsansprache gegen die Dummheit der Masse und Lügen der männlich dominierten Politik speist sich aus Briefen der Pastorentochter und RAF-Terroristen Gudrun EnsslinZieht den Trennungsstrich, jede Minute, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2005). Sie prangert hier vor allem die Denkfaulheit und Verdummung des Volkes an und plädiert für ein kritisches Nachdenken. Und damit ist sie nicht allzu weit weg von den Thesen Stéphane Hessels. Wohin das führen kann und wie weit sich die RAF sich mit ihren Zielen tatsächlich vom Volk entfernte, ist allerdings auch bekannt. Hier wird nun die Inszenierung ambivalent. Wieder auf der Bühne angelang, ist Katharina Stockmann dann auch verstummt. Während sich alle anderen durch den vernebelten Raum laut einredend um sie drehen, setzt Sabine Waibel schließlich zum endgültigen Countdown an. Jorinde Dröse bleibt damit einer Revolte gegenüber eher unentschieden. Wo Hessel eigentlich von einem neuen dialektischen Denken spricht, sind beide Berliner Inszenierungen doch eher weiter im kleinbürgerlichen Denken verhaftet, und berichten somit nicht ganz unbewusst auch vom Zustand der intellektuellen Mittelschicht in Deutschland. Es sind eben immer noch die einfachen Wahrheiten, die einzuleuchten scheinen und so unserem denkfaulen Wesen entgegenkommen. Wenigstens das kann man aus Jorinde Dröses Inszenierung ohne Weiteres bedenkenlos mit nach Hause nehmen.

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„“Dass die Regierung das Volk vertrete, ist eine Fiktion, eine Lüge.“ Leo Tolstoi, Tagebücher, 1898

dt_sept-2012_macht-gewalt-demokratie.jpg Foto: St. B.

Eine Frage der Macht? Michael Frayns Stück „Demokratie“ in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner.

Nicht mehr denken muss man beim neusten Streich des Regieduos Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, das die beiden Extremdialektiker der Ironie diesmal auf die große Bühne des Deutschen Theaters gehievt haben. Sie haben nach der Untersuchung von linken und rechten Ideologien mit Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ und „Capitalista, Baby!“ nach Ayn Rands „Fountain Head“ nun den Angriff auf die Demokratie schlechthin gewagt. Es ist eigentlich folgerichtig, dass sie nun mit Michael Frayns Stück „Demokratie“ über den ersten Sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt und den Kanzleramtsspion Günter Guillaume die beiden gegensätzlichen Systeme Sozialismus und Kapitalismus zusammen führen. Der Kanzler der Herzen, der in den 70er Jahren der BRD mehr Demokratie wagen will, stürzt ausgerechnet über einen Spion, den die Stasi auf ihn angesetzt hat, um das Zustandekommen der Ostannährung zu überwachen. Ein durchaus tragischer Stoff, der natürlich nicht ganz der Ironie des Schicksals entbehrt. Der zunächst systemtreue Stasioffizier Guillaume erliegt mehr und mehr dem Charisma der Brandt’schen Aura und steht plötzlich zwischen Parteiauftrag und persönlichem Empfinden. Nebenbei gibt das Stück einen guten Einblick in die zwiespältige Beschaffenheit des politischen Systems der parlamentarischen Demokratie samt Intrigen und Mehrheitsbeschaffungsschacherei.

Eigentlich ein klarer Fall für die Ambivalenzexperten Kuttner/Kühnel und eine Chance zur Bestandsaufnahme der bestehenden politischen Verhältnisse. Was sie letztendlich daraus machen, ist aber eine netter, ungefährlicher Revueabend, eine Maxiplaybackshow der großen Gesten und Eitelkeiten. Man muss darauf nicht näher eingehen, wer will kann sich das Politkabarett über den ersten Medienkanzler und Kuttners Überlegungen zum Verlust der Leidenschaft in der Politik, die er mit ironischen Seitenhieben von Sebastian Haffner über die blutleeren Politbürokraten der Endsechziger in Bonn untermauert, selbst ansehen. Es leben Churchill, Bismarck und Adenauer! Geht es tatsächlich noch preußisch bürokratischer?  Brandt dagegen besaß das Potenzial zu echtem Kult und hatte es geschafft einer Epoche des gesellschaftlichen Umbruchs der gesamtdeutschen und europäischen Politik seinen Stempel aufzudrücken. Ein Mann zwischen Idealen und menschlichen Schwächen. Das war es nicht zu Letzt, was den Politbürokraten in Ost und West den Schweiß auf die Stirn und den Schaum vor den Mund trieb. Kuttner und Kühnel versuchen diese Stimmung allerdings einzig und allein mit Pop und Schlager von Hildegard Kneef über Udo Jürgens bis zu „The lion sleeps tonight“ von The Tokens einzufangen. Und das bestens aufgelegte DT-Ensemble tanzt dazu den Limbo. Natürlich kommen auch der Osten mit Liedern des Oktoberclubs und Popklassikern der 80er Jahre nicht zu kurz.

Es fehlt eigentlich nur noch: „“Du hast die Haare schön“ und eine Begründung, warum Kuttner ein derartiges TamTam veranstaltet, zu einer Story, die heute nicht einmal mehr für eine Guido-Knopp-Doku reichen würde. Kommen nächstes Jahr dann die Westerwelle und das Merkel dran, oder gibt es nicht noch irgendwo ungespielte Stücke über Kohl und Schröder? Dass Demokratie auch Showgeschäft bedeutet, und Merkel sich lieber öfter in Bayreuth zeigen würde, als im Bundestag zu reden, ist eh klar. Das, was Frayns Stück eigentlich ausmacht, dass Demokratie eben auch Drecksarbeit ist, bei der in Hinterzimmern gekungelt wird, was das Zeug hält, geht hier in Sing-Sang-Seliger Ironie unter. Lauter lächerliche Typen und natürlich die bräsige Stasi immer mittenmang. Hauptsache das Toupet sitzt. Kuttner und Kühnel finden zu jeder Episode den passenden Song. „Ich beobachte dich.“ Das hätte sich Tino Eisbrenner (Jessica) sicher nicht träumen lassen, dass er noch mal zu solchen Ehren kommen würde. Die Tragik der Geschichte sehen Kuttner und Kühnel nicht, wollen sie gar nicht sehen. Den Sündenfall der Politik. Einer mit Visionen steigt auf und holt die Massen endlich da ab, wo sie Dank Bild und Burda schon immer standen. Dass dieser Mann seine Fallhöhe zu schnell erreicht, liegt nicht an einem Vatermord – Guillaume bleibt immer auch ein Kind der DDR – sondern daran, dass Brandt, im Grunde genommen immer außen vor, nicht im Stande ist, die nötigen Seilschaften zu knüpfen und über seine Neider, Opportunisten und nicht zuletzt auch die eigene Eitelkeit stolpert. Mit dieser folgenlosen Revue scheinen Kuttner und Kühnel leider endgültig als Verwalter der guten Stadttheatergemütlichkeit im allgemeinen Mainstream angekommen zu sein. Da sehe ich mir dann doch lieber Herrn Wichmann in der dritten Reihe an. Nee, Kuttner, det war nüscht!

„“Wenn einmal der Untertan den Gehorsam verweigert und der Beamte sein Amt niedergelegt hat, dann hat die Revolution ihr Ziel erreicht.“ Henry David Thoreau in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“

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Termine:

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(K)ein weites Feld – Jorinde Dröse reduziert Fontanes „Effi Briest“ am Maxim Gorki Theater nur auf das Wesentliche

Montag, Januar 16th, 2012

Die großen Frauenfiguren der Weltliteratur haben es den Regisseuren des Maxim Gorki Theaters angetan. Nach Anna Karenina und Madame Bovary nun die Effi Briest. Jorinde Dröse setzt nach Ibsens Nora mit der Bearbeitung des Fontaneromans ihre Betrachtungen der bürgerlichen Familie fort. Wo bei Ibsen die Transformation aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart noch relativ gut funktionierte, hapert es nun bei diesem preußischen Sittengemälde der Jahrhundertwende von Theodor Fontane an schlüssigen Bezügen zur heutigen Zeit. Obwohl das Programmheft anderes suggerieren will, wir haben es hier doch mit einem hartnäckigen Fall des Scheiterns einer jungen Frau an den herrschenden bürgerlichen Konvention zu tun. Ein in Liebesdingen unerfahrenes junges Mädchen heiratet voller romantischer Vorstellungen auf den Wunsch der Eltern einen zwanzig Jahre älteren Karrieremenschen, leidet an dessen Gefühlsarmut und stürzt sich in eine unbedeutende Affäre, an deren Folgen sie schließlich zerbricht. Dass es heute immer noch so ist, liegt nicht sofort auf der Hand. Für die Regisseurin des Abends sind es aber genau diese verklärten Vorstellungen vom romantischen Lebensglück, die frau von so einer vermeintlich guten Partie hat.

MGT Berlin, Foto: St. B. gorki-2.JPG

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Schwere Kost dann schließlich noch mit Fallada und Hauptmann zum Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater und an der Schaubühne Berlin. (Teil 2)

Mittwoch, September 14th, 2011

Nachdem man viel über den platten Berliner Wahlkampf gelacht und etwas über Gott und die Welt nachgegrübelt hatte, schoben die Schaubühne und das Maxim Gorki Theater mit Gerhart Hauptmann und Hans Fallada auch gleich richtig schweren und ernsten Stoff nach. Friederike Heller versuchte in ihrer dritten Inszenierung für die Schaubühne die „Einsamen Menschen“ von Hauptmann ins moderne Berlin der intellektuellen Ego-Schooter zu transformieren und Jorinde Dröse, als frisch gebackene Hausregisseurin am Gorki, stieg dann sofort in das hauseigene Dramatisierungsteam von dicken Schwarten der Weltliteratur ein. Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ aus dem Berlin der Nazizeit stand diesmal auf dem Programm.

schaubuhne-sept-2011.JPG Foto: St. B. – Spielzeitstart an der Schaubühne am Lehniner Platz

Vergebliche Emanzipationsversuche über Flachwasser – Friederike Heller inszeniert Hauptmanns „Einsame Menschen“ an der Berliner Schaubühne ganz Mitte-tauglich

„Man kann ohne Liebe Holz hacken, man kann aber nicht ohne Liebe mit Menschen umgehen.“ Leo Tolstoi

Die quadratische Bühne kreist über trübem Wasser, das sich erst später als recht flach erweisen wird. Vier Drehstühle, darauf sitzen die jungen Vockerats (Eva Meckbach und Tilman Strauß), die Mutter (Ernst Stötzner in Rock und Herrenhemd) und der Maler Braun, Freund der Familie (Christoph Gawenda). Die Studentin Anna Mahr (Jule Böwe) tritt unvermittelt in die Mitte dieser Kernfamilie und wird sie, wie Hauptmann es in seinem Stück von 1891 beschreibt, buchstäblich auseinander sprengen. Da ist also immer eine(r) zu viel aber auch von Vielem zu wenig. Johannes Vockerat ist mit Frau und Familiennachwuchs an den Berliner Müggelsee gezogen, das banale Familienleben ödet ihn an, er fühlt sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit unverstanden. Sein ebenso unentschlossener wie zielloser Freund Braun ist ihm keine wirkliche Hilfe, die Frau Käthe in seinen Augen keine Unterstützung.
Käthe geht ganz in der Kindererziehung und Hausarbeit auf und ist bei Hauptmann ein farbloses Dummchen. Hier ändert Friederike Heller die Vorzeichen und gibt der sichtlich überforderten, von ihrem Mann in den Alltagsgeschäften allein gelassenen Frau eine Stimme, die sie auch vehement erhebt. In Anna Mahr sieht Johannes die erhoffte, ebenbürtige Figur, die Schwester im Geiste. Die Mutter, bei Stötzner mit viel Ironie versehen, steht zwischen den allgemeinen Emanzipationsversuchen und zeigt die Kraft der religiös bestimmten Familientradition. Sie will den Fremdkörper Anna mit Macht heraustrennen. In Person des Vaters bricht Stötzner dann auch, mit einem direkten Zungenkuss bei der Mahr, den letzten Willen seinen Sohnes.
Es wird nicht ganz klar, warum Friederike Heller Hauptmanns sehr persönliche Familienaufstellung so gegen den Strich und doch auch sehr traditionell inszeniert hat. Da man das nur sehr schwer ergründen kann, beginnt man sich zwangsläufig etwas zu langweilen. Die Figuren haben keine Tiefe mehr, außer der von Käthe, die an Kontur gewinnt, wo sie bei Hauptmann nur in Tränen zerfließt. Allerdings kann sich Heller auch nicht aus dem Korsett des Stücks endgültig befreien und so sitzt man in der Schaubühne wieder vor einer weiteren Bestandsaufnahme der bürgerlichen Seelenlandschaft, nur dass diese hier wie aus einer anderen Welt zu sein scheint. Nicht dass es diese Menschen nicht heute genauso gäbe, aber in Zeiten der Patchworkfamilien wird niemand, und vor allem kein Mann, wegen Orientierungslosigkeit ins Wasser gehen. Der Mann hat schon lange seine Stellung als Familienoberhaupt eingebüßt und sucht nach neuen Bewährungsfeldern.
Intellektuelle Defizite beim potentiellen Partner sind heute ja eher ein Grund erst gar keine Beziehung oder sogar eine Ehe einzugehen. Bleibt das Familienproblem mit Kindern und Haushalt. Das stellt Heller ja auch interessanter Weise in den Vordergrund. Nur kommt es einem trotzdem vor, als würde sie hier von Ihren Eltern erzählen, wie Jorinde Dröse das am Maxim Gorki Theater mit Ibsens „Nora“ gemacht hat. Heute würde die Konstellation von Hauptmann spätestens nach dem 4. Akt auseinander fliegen und man würde sich im Rest des Stückes mit den jeweiligen Anwälten um das Sorgerecht streiten. Bleibt noch ein Punkt, der vielleicht von Interesse wäre, gibt es eine platonische, rein freundschaftliche Beziehung zwischen Mann und Frau? Auch nicht gerade ein neues Thema. Liebe scheint es ja nicht zu sein, was Johannes und Anna zusammen treibt, sondern eher die gemeinsamen Interessen und mangelnde andere Möglichkeiten.
Der verhinderte Schöngeist Johannes kann mit irdischen Problemen nichts anfangen und klammert sich an diese, ihm einzig ersterbenswerte Möglichkeit, dem Alltag zu entrinnen. Welche Motive Anna hat, bleibt völlig unklar. Es scheint, als ob sich das Inszenierungsteam nicht einig war, welche Themen hier eigentlich bearbeitet werden sollten. Der Verweis auf den Russischen Realisten Wsewolod M. Garschin, einem Vorbild von Gorki und Tschechow, mit der Erzählung „Künstler“ im Programmheft, läßt das vermuten. Hauptmann kannte die Russischen Schriftsteller und Dramatiker auch. Er war wiederum ein Vorbild für Anton Tschechow. Es wirkt wie ein Fehlgriff im Bücherregal, anstatt Tschechow zieht man Hauptmann heraus und versucht das krampfhaft zu kaschieren. Die Leichtigkeit der letzten Inszenierungen von Friedrike Heller an der Schaubühne geht ihr bei diesem schwierigen Thema völlig verloren. Viel Gerede und Getue und am Ende ist einer tot. Dazu klimpert es noch ein wenig von Michael Mühlhaus´ Flügel her. Das Ganze ist wie Planschen im nebulösen Flachwasser, allerdings auf schauspielerisch recht hohem Niveau.
Das Stück entpuppt sich schließlich als sehr resistent gegen Hellers Tranformationsversuche ins Heute. Es zeigte auch ursprünglich die Unfähigkeit der Emanzipation von Mann und Frau in der Übergangszeit der Jahrhundertwende. Johannes ist noch nicht fähig sich den tradierten Rollenvorgaben seiner Eltern zu entziehen. Er sucht einen Partner im Geiste und da er ihn nicht in seiner Frau zu finden vermag und in Anna nicht finden darf, geht er zu Grunde. Hauptmann war außerdem kein Verfechter der Frauenemanzipation wie vielleicht Ibsen. Die einzige Emanzipation die er seinen Frauenfiguren und übrigens auch seinen eigenen Frauen zugestand, war die Verwirklichung an der Seite ihres Mannes. Käthe soll sich für die Arbeit ihres Mannes interessieren, um so ihren Horizont zu erweitern. Anna Mahr ist hier auch kein Idealbild einer emanzipierten Frau, sondern eher ambivalent. Einerseits selbständig und frei, anderseits sucht sie eine emotionale Bindung und glaubt, diese in der Familie Vockerat gefunden zu haben. Das sind Widersprüche wie sie gerade auch jetzt wieder in der anonymen Großstadt auftreten. Vielleicht will Friederike Heller ja gerade das zeigen. Die Unfähigkeit des modernen Menschen auf die Befindlichkeiten des anderen einzugehen. Alles einsame Egos eben, immer fehlt irgendetwas zur eigenen Selbstverwirklichung.

„Heil Hitler! Herr Nachbar.“ Jorinde Dröse karikiert Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ am Maxim Gorki Theater

Nachdem mit „Kleiner Mann – was nun?“, „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, „Der Trinker“ und „Bauern, Bonzen und Bomben“ Falladas Werke schon mehrfach für das Theater adaptiert wurden, hat der vom Staatsschauspiel Dresden kommende Dramaturg Jens Groß eine neue Theaterfassung des Romans „Jeder stirbt für sich allein“ für das Maxim Gorki Theater geschaffen. Unter seiner Mitarbeit entstand schon gemeinsam mit Armin Petras eine Adaption des Dresden-Romans von Uwe Tellkamp „Der Turm“. Das Gorki wird sich in dieser Spielzeit wieder mit dem Erzählen von Geschichte beschäftigen und dabei vorrangig Geschichtsräume durchstreifen. Im Vordergrund steht hier der Stadtraum Berlin selbst und dessen Menschen. Der Hausherr Armin Petras wird sich noch im September mit Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ befassen.
Um zwischenmenschliche Defizite geht es auch in „Jeder stirbt für sich allein“, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen als bei der Inszenierung „Einsame Menschen“ an der Schaubühne. Hans Fallada beschreibt in seinem Roman auf sehr drastische Weise, die Zustände unter den kleinen Leuten in der Zeit des Dritten Reiches in Berlin. Voll Unbehagen spricht er beim Schreiben von „… der völligen Trostlosigkeit des Stoffes … ein von vornherein aussichtsloser Kampf, Verbitterung, Hass, Gemeinheit, kein Hochschwung.“ Für diesen Schwung will nun Jorinde Dröse in ihrer neuen Regiearbeit am Gorki sorgen. Und genauso beginnt die Inszenierung auch, indem Julischka Eichel als Postbotin Eva Kluge auf der Stelle rennt und den Leuten im Haus des Ehepaars Quangel die Post bringt. Vom ständig „Heil Hitler!“ brüllenden Persicke mit passendem Bärtchen (Robert Kuchenbuch) bis zur alten und völlig verstörten Jüdin Rosenthal (Matti Krause) werden die Bewohner im Schnelldurchlauf vorgestellt.
Otto, der Sohn von Anna und Otto Quangel ist gefallen, diese Botschaft ereilt sie 1940 in der allgemeinen Euphorie des Frankreichfeldzugs. Selbst bisher bedenkenlose Mitläufer, reift nun bei ihnen, infolge der Trauer, der Wille etwas tun zu müssen. Sie schreiben Postkarten, in denen sie das menschenverachtende Hitlerregime anklagen. Ruth Reinecke und Andreas Leupold spielen die Beiden eher ruhig, ohne große Gesten, ganz im Gegensatz zu den andren Figuren, die schnell und schrill hinkarikiert werden. Sieben Schauspieler teilen sich die 22 Rollen. Das erinnert immer wieder an Jan Bosses Version von Günter Grass´ „Blechtrommel“, in der auch sieben Schauspieler eine Beziehung zur Hauptfigur des Romans suchten. Hier sind sie meist nur Chargen ohne greifbare Konturen. Einzig zwei Figuren haben längere Auftritte, um einen Charakter entwickeln zu können. Ottos Verlobte Trudel (Julischka Eichel) erst Mitglied in einer Kommunistischen Widerstandszelle, dann auf der Suche nach dem privaten Glück und der Zuhälter Enno Kluge (Albrecht A. Schuch), ein durchtriebener Schlawiner, der letztendlich aber auch Opfer eines Systems wird, dem er mit seiner Bauernschläue nicht gewachsen ist. Alle anderen toben immer wieder schreiend und wild gestikulierend an der Bühnenschräge auf und ab, oder fallen schließlich tot ins Aus.
Was Fallada auf 700 Seiten langsam entwickelt, handelt Jorinde Dröse in gut zwei Stunden ab. „Brot und Arbeit“ die Nazi-Parole der 30er Jahre steht über der Bühne auf Plastikvorhängen, die runtergerissen im Hintergrund den Blick auf die Fragmente des Wortes „Freiheit“ freigeben. Die Zusammenhänge dazwischen bleiben vage, in nur wenigen Szenen treten die Quangels gegen die Mitläufer, Denunzianten und Vertreter des Systems an. Michael Klammer gibt die Travestie einer blonden SS-Gattin und ihren Ehemann dazu und darf sich dann noch als sadistischer Obergruppenführer Prall austoben, der dem erfolglosen Kommissar Eschrich (Robert Kuchenbuch) ein Waterboarding verpasst und als besondere Foltermethode zum Schlagzeugsoli dessen Kopf in die Trommel legt. Fallada selbst war die Düsterkeit und Darstellung der Gewalt in seinem Buch unangenehm und er versuchte sich dafür zu entschuldigen, es wäre eben so gewesen. Das wie immer spielfreudige Gorki-Ensemble müht sich tapfer, diese Drastik darzustellen, kann aber so, außer der Bilder, keine wirkliche Haltung zum Roman finden.
Das Ende wirkt dagegen wieder eher unspektakulär, nach der Denunzierung werden die Quangels festgenommen, den Prozess und die Hinrichtung spart Jorinde Dröse aus. Die ambivalente Figur des Kammergerichtsrats Fromm, der Otto Quangel während des Prozesses eine Zyankalikapsel zuspielt, bleibt dadurch bei Robert Kuchenbuch eher blass. Es gibt dafür einen Ausblick auf ein Was wäre wenn. Julischka Eichel und Michael Klammer stehen als junges Paar Trudel und Karl an der Rampe und sinnieren darüber ob man nicht etwas tun müsse, es darf nur kein Risiko dabei sein. Die Frage des Gewissens neu aufgeworfen, nur dass der eigentliche Bezug dazu in dieser knalligen Inszenierung irgendwie verloren gegangen ist. Man kann zur Abwechslung auch Falladas Roman wieder lesen. Er ist in diesem Jahr in ungekürzter Fassung beim Aufbau Verlag neu erschienen.

Erschienen im Aufbau Verlag. fallada.jpg
Gebunden mit Schutzumschlag, 704 Seiten, 19,95 €.

Die Fallada-Zitate sind dem Nachwort von Almut Giesecke entnommen.

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Nora im Wolkenkuckucksheim – Henrik Ibsen am Maxim Gorki Theater Berlin

Donnerstag, Januar 20th, 2011

Jorinde Dröse rechnet mit der Elterngeneration in der Bundesrepublik der 70er Jahre ab, vergisst aber das gesellschaftliche Umfeld dieser Zeit zu beleuchten

„Nora oder ein Puppenheim“ heißt Ibsens Stück über den Ausbruch einer Frau und Mutter aus ihrer Ehe am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Puppenhaus steht dabei für die Eingeschlossenheit in die herrschenden Konventionen der Gesellschaft und die Fremdbestimmung durch ihren konservativen Mann, der sich die Protagonistin zum Schluss entzieht. „Ich muss herauskriegen, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich.“ Jorinde Dröse verlegt das Stück in die Zeit ihrer Eltern, in die Bundesrepublik der 70er Jahre. Auch dort herrschten trotz der sexuellen Befreiung der 68er noch strenge einengende Rollenfestschreibungen in den Beziehungen zwischen Mann und Frau.
Vielleicht hätte man für diese Perspektive im Rang sitzen müssen, was ich auch diesmal getan habe, ganz zufällig eigentlich. Hier wird diese Puppenstube noch viel deutlicher. Dieser Blickwinkel fehlte den meisten Kritikern wahrscheinlich. Allerdings werden die Figuren schon ganz bewusst gelenkt und diese unsichtbare Hand trägt deutlich die Handschrift der Regisseurin. Es ist ihre ganz persönliche Sicht aus eigener Erfahrung heraus. Einen großen Experimentierkasten hat Jorinde Dröse hier aufgebaut, in dem sie die Figuren hin- und herschiebt, ordentlich durchdreht und dann ungebremst aufeinanderprallen lässt. Das wirkt spaßig und bisweilen unfertig wie noch auf der Probe. Es gibt keine vorhersehbare Dramaturgie, es ist alles sehr erfrischend und manchmal auch etwas chaotisch wie auf einem Kindergeburtstag. Aber das ist das Konzept, die genüssliche Sicht des ehemaligen Kindes auf die Fehler der Eltern, aber nicht nur mit einem Gefühl der Überlegenheit, sondern durchaus auch mit dem nötigen Ernst für die Situation.
Eine ungewöhnlich aufgekratzte Nora ist hier Hilke Altefrohne, eine die sehr wohl ihren Platz im Leben neben ihrem geliebten Torvald beansprucht, aber ansonsten eigentlich akribisch an der gutbürgerlichen Fassade und Einrichtung ihres kleinen Wolkenkuckucksheim-Glücks bastelt. Dass das dann an der Wahrheitspedanterie und den Konventionen ihres Mannes scheitern muss, wird ihr erst zu spät klar. Sie ist das große Kind, für das sie auch von Helmer gehalten wird, Peter Kurth spielt ihn locker, generös und ist dabei selbst noch ein großer Junge. Er bevormundet Nora und nimmt sie nicht ernst, siehe Running Gag mit der Süßigkeitentüte. Nora, die Konsumverrückte, die sich selbst noch für ihren Göttergatten als Geschenk verpackt. Ihre einzige wirkliche Kommunikationsanlaufstelle ist eigentlich Doktor Rank, Andreas Leupold darf hier auch sehr lustig sein, endet aber wie immer als tragische Randfigur mit Heulkrampf.
Dennoch ist diese allen psychologischen und hoch philosophischen Kram über Bord werfende Inszenierung sehr sympathisch. Man muss sich erst mal in diese überraschend unkonventionelle Herangehensweise einsehen. Jorinde Dröses führt uns nicht nur in eine andere Zeit, es ist für viele eine ganz andere Welt, die dort gezeigt wird. Aber in eine neue Perspektive kann man sich ja einsehen, auch wenn diese einigen etwas zu schräg geraten scheint. Es ist die Welt der Kinder, die da verständnislos neben dem Chaos der Eltern stehen und dabei emotional überfordert sind. Das Nachspielen der üblichen Phrasen zum Schluss macht das deutlich. Ein Schluss der es in sich hat. Nach der Entdeckung der Urkundenfälschung, die Nora für Torvald begangen hatte, um einen Kredit zu erhalten, der ihm schließlich das Leben rettete, läuft Peter Kurth rot an dreht sich wie ein Brummkreisel und zieht pfeifend imaginäre Trennlinien durch das Puppenhaus. Die Lebenslüge bricht zusammen und beide brechen aus der Enge des Raumes durch die Drehtür in einen Schneesturm hinaus, sich wüst beschimpfend. Die Kinder sitzend kichernd auf der leeren Bühne und äffen die Eltern nach.
Was danach passieren wird, ist also ein Rosenkrieg, der ja in Ibsens Nora so noch nicht angelegt war. Man kennt vielleicht aus einigen epischen bzw. dramatischen Werken die Versuche, zu beschrieben, wie denn der Werdegang der Nora nach dem Verlassen ihrer Familie aussehen könnte, wie zum Beispiel in Peter Handkes „Die linkshändige Frau“ oder eben im Klassiker „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften“ von Elfriede Jelinek. All das interessiert Jorinde Dröse nicht. Und das ist für mich das eigentliche Problem der Inszenierung. Wer, und wenn auch nur aus der Erinnerung heraus, ein Stück in eine andere Zeit verlegt, sollte zumindest den Kontext zu dieser Zeit nicht vollends ausblenden. Gesellschaftliche Probleme und soziale Verwerfungen in Folge der Wirtschaftskrise dieser Jahre, werden nur in den Randfiguren, Kristine und Krogstad angeschnitten. Ihr Kampf, um alles in der Welt ein Stück vom Glück zu erhaschen, ist symptomatisch für diese Zeit.
Die Zeit der 70er Jahre in der Bundesrepublik war aber noch durch andere Kämpfe gekennzeichnet, deutscher Herbst, die Notstandsgesetze und nicht zuletzt die aufkommende Frauenbewegung mit ihrer Galionsfigur Alice Schwarzer, zum Beispiel mit „Frauen gegen den § 218“, „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ etc. Nach der Radikalisierung der 68er befand sich die Gesellschaft aber bereits wieder auf dem Rückzug ins Private und das ist die eigentliche Parallele zu unserer Zeit, dieses wohl sozialdemokratische Element des Hineinrückens in die Mitte. Man muss das in Nora nicht unbedingt thematisieren, aber als Bezug zu den 70ern sollte es nicht ganz außer Acht gelassen werden. So ist Jorinde Döse zwar eine leichte und spielerisch überzeugende neue Sicht auf die Figuren in Ibsens Nora gelungen, aber letztendlich bleibt diese Inszenierung eben auch nur ein entpolitisiertes Stück normale Bürgerlichkeit.

Schwarzes Tier Traurigkeit von Anja Hilling am DT Berlin

Freitag, Juni 11th, 2010

Eine Inszenierung von Jorinde Dröse in den Kammerspielen

Eine Gruppe von Leuten um die Dreißig bis Vierzig bei einem gemeinsamen Picknick im Wald, es ist Sommer und es knistert zwischen den einzelnen Personen und nicht nur im Unterholz des Waldes. Trotzdem kein Weltenbrand, nirgends. Das Stück will dennoch nicht nur bloße Behauptung sein, es ist einfach im ersten Teil willentlich banal. Es werden beim Picknick im Wald Allgemeinplätze belegt, die alle kennen und die man nicht näher erklären muss.

Dann wirft plötzlich der Brand alle Figuren auf sich selbst zurück. Hier entstehen sehr eindrückliche Bilder. Die Figuren in den Videoeinspielungen bekommen durch die Projektion auf die erst schön farblichen Blumenwaldtapeten, plötzlich in schwarz-weiß, wunde Gesichter wie mit Brandblasen gezeichnet. Hier ist der Text wirklich poetisch, auch in all seinen schlimmen Schilderungen des Infernos.

Doch ach, was passiert dann? Nach dem Brand fallen alle, bis auf den Künstler Oskar, wieder in den alten Trott der Banalität. Der einzige Mensch, der vorher gelebt hat, ist nun tot, und mit Miranda ihr Kind. Das Paul daran zerbricht ist noch erklärbar, aber was sagt uns das weiter so der anderen? Hat es diese Katastrophe für sie überhaupt gegeben, hätten sie ohne diese nicht genau so versagt? Ihr Leben ist schon vor dem Brand fest zementiert. Will uns Anja Hilling das als Lebensdrama schlechthin verkaufen? Der Künstler verarbeitet alles in einem Kunstwerk, na was sonst.

Hier haben wir sie wieder, die Dramatik der kleinen Anzeichen, deutlicher geht es nicht mehr. Schade. Über die Regie von Jorinde Dröse muss man da nicht mehr reden. Die eigentlich durchweg guten Schauspieler können einem nur noch leid tun.