Archive for the ‘Jossi Wieler’ Category

Episches und Meditatives aus Stuttgart und Basel bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Sonntag, Juni 19th, 2016

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I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) von Fritz Kater – Ein Gastspiel des Schauspiels Stuttgart

In seinem neuen Stück I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) erzählt Fritz Kater, das Dramatiker-Alter-Ego des Regisseurs und Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart Armin Petras, deutsche Geschichte mal nicht wie in zeit zu lieben zeit zu sterben oder heaven (zu Tristan) aus der reinen Ost-Perspektive. Der Autor spannt einen Bogen in 13 Szenen von 1941 im Kriegs-Berlin über die bundesdeutsche Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre bis zum Sommer 1989 in West-Berlin kurz vor dem Mauerfall. Vielleicht ist das Stück auch so etwas wie ein westdeutsches Pendant zu Christa Wolfs Roman Der Geteilte Himmel, den Armin Petras 2015 an der Berliner Schaubühne mit viel ostdeutschem Zeitkolorit inszeniert hat.

 

I´m earching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) - Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Im wahrsten Sinne des Wortes erzählt wird hier die Liebesgeschichte des Journalisten Maibom (André Jung) und seiner Freundin Rieke (Fritzi Haberlandt), einer Mitarbeiterin eines West-Berliner Immobilienbüros. Sie leben Anfang 1959 im siebenten Jahr zusammen und denken sogar an Heirat. Nach einer Auslandsreise Maiboms nach Havanna, wo er eine Reportage über den Sieg der kubanischen Revolution machen soll, holt die Beiden ein Jahr später ihre Vergangenheit wieder ein.

Katers Stücktext ist, wie schon erwähnt, sehr episch geraten. In längeren Monologpassagen erzählen die Figuren in Rückblenden Episoden aus ihrem Leben während des Kriegs. Rieke hieß 1941 noch Rosa, ein 15jähriges Mädchen, das nach einer Vergewaltigung in die Prostitution abrutschte und dann über den Nazi-Mann Hauser Auslandagentin in Rom wurde. Auch Maibom hatte damals noch einen anderen Namen und war jüdisch-polnischer Kampfpilot. Nach dem Krieg ging er nach Israel, wurde Agrarflieger, verlor sein Bein bei einem Absturz und ging schließlich wieder nach Deutschland, wo er nun als Journalist und gelegentlich als Nazijäger für den Mossad arbeitet.

 

Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Das klingt zunächst recht spannend und ist auch in Teilen ganz interessant anzuhören. Allein ein richtiges Stück will daraus nicht werden. Die weitestgehend statische Inszenierung des Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler bremst den hochtrabend-langatmigen Text zusätzlich aus. Besonders die Israelpassage im Krankenhaus von Tel Aviv absolviert André Jung komplett im Liegen. Trotz guter Schauspieler wirkt das streckenweise wie eine szenische Lesung auf einem Haufen zersplitterter Gipszementplatten, auf denen die DarstellerInnen unsicher balancieren wie auf dünnem Eis.

Fritz Kater springt in der Zeit vor und zurück, bedient sich bei Stilelementen des Film Noir, des Agententhrillers oder bei Kriegs- und Reiseliteratur von Anna Seghers, Erich Maria Remarque, William Faulkner und Hunter S. Thomson. Das Filmische wird zusätzlich durch Schwarz-weiß-Videoeinblendungen und Jazzmusik betont. Die 40er und 50er Jahre sind auch in den Kostümen maßgebend. Miles Davis und Philip Marlow treffen hier auf Kommissar Blacky Fuchsberger.

Weitere Figuren werden in die Story eingewoben, wie die ominöse Milena (Manja Kuhl), die Maibom nach der Entführung von Rieke/Helene 1960 in einer Villa in Bonn-Bad Godesberg neben der Leiche eines italienischen Musiktheoretikers und Bach-Spezialisten trifft, oder einen aus der DDR nach West-Berlin geflohenen jungen Musiker (Matti Krause), der dort 1989 neben dem gealterten Maibom wohnt. Und auch der verdruckste Ossi hat eine schuldbeladene Fluchtgeschichte.

Neben der komplizierten Liebesbeziehung ist das vor allem aber auch ein Stück über vergebliche Vergangenheitsbewältigung und Heilung von Wunden, was laut Maibom nur durch das Vergessen geschehen kann. Allein er kann nicht vergessen, und er kann auch nicht sterben, weil ihn der Hass an den Nazi Hauser am Leben hält. Und natürlich klagen Maibom/Kater auch ein wenig über vergangene Revolutionen, nach deren erster Euphorie in ein paar Jahren schnell alles wieder beim Alten ist. Man befindet sich im permanenten Kriegszustand, bis einer gesiegt hat. Nach Schuld oder Wahrheit wird hier nicht gefragt. Was schmerzt, ist der Verlust über das, was man schon sicher zu haben glaubte. Etwa wie Orpheus seine Eurydike, deren Geschichte Kater als Sekundärdrama mit einflicht.

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I’M SEARCHING FOR I:N:R:I (EINE KRIEGSFUGE)

(DT-Kammerspiele, 14.06.2016)
Regie: Jossi Wieler
Bühne / Kostüme: Anja Rabes
Musik: Wolfgang Siuda
Video: Chris Kondek
Dramaturgie: Jan Hein
Licht: Felix Dreyer, Rainer Eisenbraun
Mit: André Jung (maibom), Fritzi Haberlandt (rosa, helene, rieke – ein und dieselbe person), Manja Kuhl (milena), Lucie Emons (julie) und Matti Krause (der junge mann)
Uraufführung am Schauspiel Stuttgart: 11. März 2106
Gastspiel des Schauspiels Stuttgart zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 15.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit LSD – Mein Sorgenkind – Thom Luz organisiert mit seiner Baseler Minimal-Inszenierung der Drogenradfahrt von Albert Hofmann einen eher unterdosierten Klang- und Bilderrausch

Von wegen LSD-Trip. Es sollen schon Radfahrer allein an der reinen Schweizer Bergluft einer Art Höhenrausch verfallen sein. Nun hat aber der Schweizer Chemiker Albert Hofmann die Wirkung der von ihm entdeckten Droge LSD, einem Derivat der aus dem Mutterkorn gewonnenen Lysergsäure, 1943 tatsächlich bei einer Velo-Fahrt von Basel in den Vorort Bottmingen an sich selbst getestet. Dieser halbwegs kontrollierte Trip, den Hofmann minutiös festhielt und seine Erfahrungen 1979 in dem Buch LSD – Mein Sorgenkind veröffentlichte, inspirierte den hochgelobten Theater-Experimentator Thom Luz zu einer theatralen Wiederholung. Dabei interessierte ihn allerdings weniger der eigentliche Drogenrausch als die Tatsache des im Buch beschrieben Phänomens, „in relativ kurzer Zeit in einen Bereiche vorzudringen, der sich in Worten nur schwer ausdrücken lässt.“

Nun gleichen die Beschreibungen von Albert Hofmann schon recht genau den Vorstellungen, die man gemeinhin mit solcher Art von Drogenerfahrungen verbindet. Psychedelische Zustände und visuelle Halluzinationen mit übersteigerten Klang- und Farbwahrnehmungen. Zitat: „Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.“ Besonders merkwürdig war Hofmann, „wie alle akustischen Wahrnehmungen (…) sich in optische Empfindungen verwandelten“. Und genau dahin zielt der Versuch des Bühnen-Tüftlers Luz.

 

LSD - Mein Sorgenkind am Theater Basel - Foto (c) Simon Hallström

LSD – Mein Sorgenkind am Theater Basel
Foto (c) Simon Hallström

 

Dabei ist das Instrumentarium, das der Regisseur hier auf großer Bühne auffährt, relativ sparsam. Thom Luz und Wolfgang Menardi haben einen Versuchsraum geschaffen, der einem Laboratorium wie in der Schweizer Sandoz AG in etwa nahe kommen könnte. Hohe weiße Wände, ein paar Pflanzen und Stühle, dazu ein Cembalo, Soundmixer, Klangstangen, Speichenräder, Monitore, auf denen eine Kamerafahrt durch das nächtliche Basel übertragen wird, eine Verkehrsampel und ein Vogelkäfig.

Es dauert etwas, bis sich das Schauspielensemble, das weiße Kittel und auch mal Atemmasken trägt, eingerichtet hat. Man spielt Minimalmusik und spricht Fragmente aus den Erinnerungen Albert Hofmanns. Etwa die einer „Verzauberung aus Kindertagen“ bei einem Waldspaziergang, bei dem ihm plötzlich alles wie in einem hellen Licht erschien. Ein „Glücksgefühl der Zugehörigkeit und der seligen Geborgenheit“. Dazu zwitschern die Vögel, am Mischpult entstehen immer wieder experimentelle Störgeräusche, und verzerrte Stimmen wie aus dem All gefunkt sind wahrnehmbar.

Vieles wird nur angestimmt, bleibt aber schnell wieder stecken. Ein gewisses ironisch entschleunigtes Marthaler-Feeling macht sich breit. Man singt im Chor Partien aus Haydns Oratorium Die Schöpfung, was sehr gut zum Schöpfungsakt des Wissenschaftlers und seiner späteren Aussage zum Bewusstsein als dem größten Geschenk des Schöpfers an die Menschen passt. Zu den Zustandsbeschreibungen auf der Fahrradfahrt Hofmanns, die genaue Orte, Straßen und Plätze benennen, werden immer mehr Klaviere aufgefahren, in die lange Papierrollen eingespannt sind. Die Dämpfer der Hämmer sind mit Farbe getränkt und hinterlassen beim Anschlag entsprechende Farbmuster auf den Rollen, die an Prospektstangen hochgezogen, schließlich einen ganzen Wald bilden. Die Farbklaviere erzeugen einen sehr schönen Effekt in Klang und Bild, der aber der einzige Farbtupfer auf dunkler Bühne bleibt.

„Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit.“ Dabei hatte sich Hofmann bei der Erprobung tätige Mithilfe beim deutschen Schriftsteller Ernst Jünger geholt. „Es handelt sich ja eigentlich nicht nur um das Visuelle, sondern um die Schärfung der Sinnesorgane überhaupt. Ich möchte sagen, die Bandbreite wird nach beiden Seiten verlängert und überschritten.“ lässt sich der drogenerfahrene „Psychonaut“ in einem Gespräch mit Albert Hofmann in den 1970er Jahren vernehmen. Übrigens legte sich der kultivierte LSD-Genießer Ernst Jünger bei seinen äußerst kontrollierten Trips immer gern Mozart auf.

Bei Luz zerrt es akustisch mal ein wenig in die eine, mal in die andere Richtung. Zu wirklichen Grenzüberschreitungen kommt es aber nie. Als kleine Wahrnehmungsstörung funktioniert der Abend ganz gut, wenn man sich schon darüber wundert, dass einem die Beatles plötzlich spanisch vorkommen. Nun gilt ja Musik durchaus als spiritueller Rauscherzeuger. Besonderer Mittelchen zur kollektiven Verzückung braucht es da nicht unbedingt. Eine Explosion der Sinne oder wie auch immer geartete Bewusstseinserweiterung bleibt hier aber weitestgehend aus. Es wirkt eher wie der meditative Versuch einer spirituellen Kontemplation. Luz verabreicht sein „LSD“ in homöopathischen Dosen. Ein Vogel im Käfig eben. Auch Jünger bezeichnete die Modedroge der Hippies, nachdem er sie zu stark mit Wasser verdünnt hatte, als Hauskatze verglichen mit dem Königstiger Meskalin.

Man lese LSD. Albert Hofmann und Ernst Jünger. Der Briefwechsel 1947 bis 1997, der den intellektuellen Austausch Hofmanns mit dem experimentierfreudigen, nicht ganz unproblematischen Künstler und Lebensphilosophen Jünger dokumentiert. Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen und der Biologe Cord Riechelmann kommen in einem im Buch veröffentlichten Gespräch über Jüngers Drogenexperimente und dessen Essay Annäherungen. Drogen und Rausch zu der interessanten Feststellung: „Wozu habe ich einen Möglichkeitssinn, wenn er mir nicht den Blick auf die Wirklichkeit erweitert?“ Musils „Möglichkeitsmensch“ lässt grüßen. Außerdem klingt das dann schon fast wie eine ultimative Aufforderung für experimentierende Theatermacher.

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LSD – MEIN SORGENKIND (DT Berlin, 15.06.2016)
Inszenierung: Thom Luz
Bühne: Thom Luz, Wolfgang Menardi
Kostüme/Licht: Tina Bleuler
Musik: Mathias Weibel
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer
Mit: Carina Braunschmidt, Mario Fuchs, Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi, Mathias Weibel und Leonie Merlin Young
Uraufführung am Theater Basel: 31.Oktober 2015
Gastspiel des Theaters Basel zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-basel.ch/

Zuerst erschienen am 17.06.2016 auf Kultura-Extra.

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