Archive for the ‘Karin Beier’ Category

Wut, Rage und Hysteria mit Jelinek, Stephens und Buñuel zum Spielzeitauftakt in Hamburg.

Donnerstag, September 22nd, 2016

___

Zum Spielzeitauftakt am Thalia Theater inszeniert Sebastian Nübling einen Wut/Rage-Mix aus Texten von Elfriede Jelinek und Simon Stephens

1112_AboMag#2.inddAm Hamburger Thalia Theater ist schon zum Spielzeitauftakt im September Silvester. „Happy New Year“ verheißt eine flackernde Leuchtreklame über der leeren Bühne (Evi Bauer), auf der doch der Wut-Text von Elfriede Jelinek gegeben werden soll. Regisseur Sebastian Nübling, mittlerweile zum Zweitaufführer von Jelinek-Stücken avanciert, war diese über 100 Seiten lange Textfläche zum Thema Wut als kollektivem, gesamteuropäischem Bewusstseinsstrom wohl nicht genug. Als deutscher Uraufführungsregisseur von Stücken des britischen Dramatikers Simon Stephens (bisher bevorzugt am Deutschen Schauspielhaus Hamburg oder den Münchner Kammerspielen) hat er für das Thalia Theater Hamburg Jelineks Text mit Stephens neuem Stück Rage verknüpft. Einerseits scheint Stephens Text unmittelbar von Jelineks Wut inspiriert, anderseits reflektiert er Ereignisse der letzten Silvesternacht in der englischen Stadt Manchester.

Da denkt man als Deutscher doch unweigerlich gleich an Köln. Soweit weg ist das dann auch gar nicht, und doch auch wieder ganz anders. Aufhänger für Stephens Stück waren Aufnahmen des britischen Fotografen Joel Goodman aus jener Silvesternacht, von denen eine, im Internet verbreitet, auf ungeahnte Reaktionen stieß. Das Arrangement zweier betrunken auf der Straße liegender Partygänger veranlasste die Netzgemeinde zu hänischen Reaktionen bis hin zu satirischen Vergleichen mit Michelangelos Deckenfresko Erschaffung des Adam. Eine friedlich anmutende Szene einer ansonsten als sehr aggressiv beschriebenen Nacht.

Von Wut und Aggressionen handelt auch Elfriede Jelineks Text, der IS-Terroristen und Pegida-Anhänger, Gläubige wie auch Glaubenskritiker ohne direkt erkennbare personelle Abgrenzung zu Wort kommen lässt. Eine Wutbürger-Parade von der Mitte Europas bis zu dessen politischen Rändern und Gegnern. Ähnlich geht auch Simon Stephens zu, der in seinem Stück meist volltrunkene Briten während einer Silvesternacht mit all ihren Vorurteilen, Wünschen, Ängsten und Aggressionen ungebremst aufeinanderprallen lässt. Die Verquickung der beiden Stücke könnte man daher fast schon als genial bezeichnen.

 

Wut-Rage am Thalia Theater Hamburg - Foto (c) Armin Smailovic

Wut/Rage am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Armin Smailovic

 

Regisseur Nübling nimmt für seine Inszenierung den Rhythmus von Stephens ungeschützt rauem Text mit wummernden Techno-Sounds auf. Das erinnert in den permanenten Zuckungen der DarstellerInnen zum Beat der Musik an seine choreografierten, köperbetonten Inszenierungen der Stücke von Sibylle Berg am Maxim Gorki Theater. Doch zunächst hält Karin Neuhäuser noch einen langen Einführungsmonolog von der zornigen Männersaat aus Jelineks Wut, als Brandwache mit dem Einwickeln einer Rolle Absperrband an einem imaginären Tatort beschäftigt. Eine Figur, die sich mit reflexiven Passagen immer wieder ins Spiel einklinkt und sich wie in einem endlosen Lamento über Gott und die Welt, über Hass und Hybris auslässt.

Elfriede Jelineks Text ist nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und einen jüischen Supermarkt in Paris entstanden. Die Autorin lässt sich in ihrer breit kalauernden Art über die zumeist jüdischen Opfer, die „Gott ist groß“ rufenden Täter mit ihren automatischen Waffen und das Abbildungsverbot im Islam aus. „Was ist der Mensch gegen ein Bild?“ Kritische Sätze wie „Religion ist in sich und an sich genauso nutzlos wie das Denken.“ entspringen der Verzweiflung um die Nutzlosigkeit ihrer vielen Worte. Simon Stephens liefert dazu mit „Scheiß Paki“ oder „I hate fucking Muslims“ den Sound der Straße. Es wird viel getanzt, deklamiert und chorisch gesungen. Die Selbstermächtigung zur Wut als kollektive Techno-Hymne. Vom Ich zum Taumel der Massen.

Die anfangs noch am Boden liegende Leuchtreklame mit dem Slogan „Happy“ wird hochgezogen. Es entspinnt sich szenischer Reigen von der Spaßgesellschaft zum Wutbürgertum. Ein Zorn, der seine Richtung sucht und in verschiedenen Zielgruppen findet. Es wird gekotzt, gepisst und geflucht. Da hat sich was angestaut, das will raus. Wasser und Worte schwallen aus den schrägen Party-Typen. Jelineks Sing-Sang und der dumpfe Beat der ausgekotzten Sätze von Stephens abgestürzter Party-Gesellschaft in Clubs, auf Toiletten und Manchesters Straßen vermischt sich zum Wutchor der sozial Abgehängten und Freaks. Sexuelle Übergriffigkeit, rassistische Beleidigungen und Gewaltfantasien durchziehen Stephens Text. Ein entgrenztes Anbaggern inkontinenter Körper, die ihren Hass und Stumpfsinn wie Flüssigkeiten absondern.

„Mehr Porno weniger Pilates.“ ist die zynische Erwiderung eines Polizisten (Kristof Van Boven) auf die fantasierenden Neujahrsvorsätze seines Kollegen (Sebastian Zimmler) zur Errettung der Welt. Nachdem sich die Tänzer immer wieder gegenseitig angestachelt, beschimpft oder nach Liebe gefleht haben, mutieren sie kurz zu eingefrorenen Todesengeln, wie Marina Galic, die Jelinek-Text spricht, während sie in ihrer eigenen Pisse steht. „Das Totenreich ist eröffnet.“ oder „Gott lässt niemanden umbringen, dafür hat er doch uns.“ Ein Silvester-Feuerwerk gibt es dann aber auch noch, in das sich der Hass eines jungen Mannes (Sven Schelker) auf die Welt entlädt: „Ihr tut mir nicht leid.“ „Das Problem ist, wie üblich, dass uns niemand liebt.“ ist das ambivalente Jelinek’sche Fazit, das Karin Neuhäuser am Rande mehrmals andeutet. Und niemand hat Schuld am „Spuk der Nacht“, der nicht weggehen will.

Sebastian Nübling hat eigentlich einen über weite Strecken funktionierenden Theaterabend zusammengeschraubt. Die beiden Texte ergänzen sich ziemlich gut, sind teilweise nur durch das grobe, verkürzte Knurren der wütenden Stephens-Gestalten, gegenüber den flächigen Kalauer-Suaden der Jelinek voneinander zu unterscheiden. Vom einsamen Schreiben im Textsüberl der österreichischen Autorin hin zum Slang der Straße, der sich in den sozialen Netzwerken fortsetzt und so seinen Weg wieder zurück findet in die Gesellschaft, oder hier zurechtgeschnitten für eine künstlerische Reflexion auf der Bühne. Das zieht sich so wechselnd zwei ganze Stunden hin, ist aber kein typisch ausufernder Jelinek-Abend, eher ein dreckiger Stephens-Plot aus dem brexit-verkaterten, sozial brodelnden Kessel Großbritannien. Das latent hasserfüllte Grundköcheln im Europa unserer Zeit ist hier, wenn auch nur unterschwellig, jedoch deutlich spürbar.

***

WUT/RAGE (Thalia Theater Hamburg, 16.09.2016)
Von Elfriede Jelinek/Simon Stephens
Regie: Sebastian Nübling
Bühne: Evi Bauer
Kostüme: Pascale Martin
Musik: Lars Wittershagen
Dramaturgie: Julia Lochte
Mit: Kristof Van Boven, Marina Galic, Julian Greis, Franziska Hartmann, Marie Löcker, Karin Neuhäuser, Sven Schelker und Sebastian Zimmler
Uraufführung war am 16. September 2016
Weitere Termine: 24., 25. 9. / 9. 10. 2016

Weitere Infos siehe auch: https://www.thalia-theater.de/

Zuerst erschienen am 18.09.2016 auf Kultura-Extra.

**

*

Hysteria – Gespenster der Freiheit – Zum Spielzeitauftakt am Deutschen Schauspielhaus inszeniert Karin Beier bürgerliche Paranoia nach Motiven von Luis Buñuel

Hysteria – Gespenster der Freiheit -Foto © David Baltzer

Hysteria – Gespenster der Freiheit –   Foto © David Baltzer

Hamburgs Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier setzt nach Die Schmutzigen, die Häßlichen & die Gemeinen sowie Schiff der Träume mit Hysteria – Gespenster der Freiheit ihre Reihe mit Film-Adaptionen bekannter Meister des europäischen Kinos fort. Der Titel ihrer neuen Inszenierung ist für Buñuel-Kenner sicher etwas irreführend. Nicht der Film Das Gespenst der Freiheit (im Original: Le Fantôme de la liberté) steht im Mittelpunkt, die Bühnenfassung speist sich eher aus verschiedenen Film-Motiven des spanischen Regisseurs Luis Buñuel. Zu nennen wären da vor allem Der Würgeengel oder Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Maßgebend sind hier die Eingeschlossenheit einer bürgerlichen Party-Gesellschaft, deren beginnende Zersetzung sowie verschiedene Traumsequenzen der Beteiligten. In seiner surrealen Rätselhaftigkeit ist das nicht minder verwirrend. Vor allem aber hat der Abend viel mit Hysterie zu tun.

Ähnlich wie in ihrer Kölner Inszenierung Die Schmutzigen, die Häßlichen & die Gemeinen (2010 zum Berliner Theatertreffen eingeladen) verfrachtet Karin Beier ihr Ensemble hinter schalldichtes Glas. Waren es damals die in der Gesellschaft ganz unten Stehenden, die sich in einer Art Elends-Peep-Show vor Publikum zerfleischten (die Inszenierung war deswegen auch umstritten), ist es hier ein sozial weiter oben anzusiedelndes Ehepaar, das zum House-Warming in ihr neu erbautes Heim eingeladen hat. Linda und Robert (Julia Wieninger, Yorck Dippe) sind nach Jahren in Thailand wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Die Frau ist schwanger, der Hausherr preist die neue, alte Heimat wie einen guten Wein, den man nur für besondere Anlässe aus dem Keller holt. Ansonsten hat er einen zwanghaften Putzfimmel, und die Tochter (Josefine Israel) ist gewaltig am Pubertieren.

 

Hysteria – Gespenster der Freiheit -Foto © David Baltzer

Hysteria – Gespenster der FreiheitFoto © David Baltzer

 

Die Gäste treffen nach und nach ein, und für gefühlte 20 Minuten dringt kaum ein Ton aus dem großzügig verglasten Inneren. Nur Lindas Stimme aus dem Off schwant Schlimmes. Die Party-Gesellschaft besteht aus Freunden und Geschäftspartnern des Paares. Die Stimmung ist zunächst etwas steif und angestrengt. Man macht Small Talk, lästert über andere bzw. versucht Beziehungen für die eigene Kariere zu knüpfen. Der reichlich fliesende Alkohol lockert das Ganze etwas, bis sogar getanzt wird. Der plötzlich auftauchende und sich als Nachbar ausgebende Chucky (Michael Wittenborn) streut erste Unruhe unter die Gäste, als er von Überwachung, Bürgerwehr und einem ominösen Tierseuchenzentrum spricht. Angestaute Probleme, Verunsicherungen, Zukunftsängste und latenter Rassismus bekommen so neue Nahrung. Geräusche von draußen, eine gegen die Scheibe fliegende Krähe (oder ist es gar eine Drohne?) schüren die Paranoia der Partygäste weiter. Schließlich werden die Lebensmittel knapp, und das Wasser fließt nicht mehr.

Robert, der von seinem schwarzen Chef Hugo (Sayouba Sigué) gefeuert wurde, sinnt auf Rache. Angestachelt von Chucky geht schließlich Hugo auf Robert los. Selbst der an Vernunft und Objektivität glaubende Arzt (Markus John) verliert langsam die Fassung, und seine asiatische Frau (Sachiko Hara), die buddhistische Entspannung praktiziert, geht zum Kampfsport über. Die sich im Haus verbarrikadierende Gesellschaft beginnt sich zu bewaffnen und dreht langsam durch. Die Folge sind Chaos, Verwüstung und Vergewaltigung bei sich permanent drehender Bühne (Joachim Schütz). Dazwischen gibt es immer wieder aus dem Off einzelne Reflexionen der Beteiligten, in denen es um innere Zweifel, Selbstmordgedanken, Todesangst, oder Veränderung durch Schmerz und die blutleere Demokratie geht. Die Festung Europa vor dem kulturellen Abgrund. Karin Beier hat hier Texte des umstrittenen rumänischen Existenzialisten und nihilistischen Kulturkritikers E. M. Cioran eingeflochten. Alle bewegen sich wie zwischen Traum und Wirklichkeit, was auch für den Zuschauer bald nicht mehr zu unterscheiden ist.

Eine beängstigend Atmosphäre macht sich breit – unterstützt durch den intensiven Sound von Jörg Gollasch. Entfernt erinnert das auch an das im Mai am Burgtheater Wien von Arpad Schilling uraufgeführte Stück Eiswind/Hideg szelek der ungarischen Autorin Éva Zabezsinszkij. Auch Karin Beier will die verheerende Wirkung von Lügen und Verschwörungstheorien aufzeigen. Angst und Verunsicherung im politischen Diskurs spielen nur den rechten Populisten in die Hände (siehe die aktuellen Wahlerfolge der AfD). Das ist hier auch großartig vom gesamten Ensemble gespielt, aber mit fortschreitender Zeit und sich drehender Bühne auch etwas enervierend und leerlaufend. Die surrealen Elemente überlagern schließlich komplett den Handlungsbogen. Es fehlt ein entscheidender Moment, der das Ganze auf einen konkreten Punkt bringt.

***

HYSTERIA – GESPENSTER DER FREIHEIT (Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 17.09.2016)
Nach Motiven von Luis Buñuel
Regie: Karin Beier
Bühne und Kostüme: Johannes Schütz
Musik: Jörg Gollasch
Sounddesign: Dominik Wegmann
Licht: Annette ter Meulen
Dramaturgie: Christian Tschirner
Mit: Paul Behren, Yorck Dippe, Sachiko Hara, Jonas Hien, Josefine Israel, Markus John, Angelika Richter, Kate Strong, Sayouba Sigué, Julia Wieninger und Michael Wittenborn
Uraufführung war am 17. September 2016.
Weitere Termine: 21. 9. / 1., 9. 10. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus.de/

Zuerst erschienen am 19.09.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Unterwerfung – Edgar Selge turnt Michel Houellebecqs Roman am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in der Regie von Intendantin Karin Beier

Mittwoch, Februar 10th, 2016

__

Konnte man es schon für einen Coup halten, dass Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung gerade am Tag der islamistischen Attentate auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo erschien, so ist seine Adaptierung für das Theater ein Jahr später, auch wegen der erneuten Terroranschläge, nicht minder brisant. Mit seinen Romanen polarisiert Houellebecq seit jeher nicht nur Frankreich. Ganz bewusst schocken wollte er mit dem Gedankenspiel seines letzten Romans, in dem es im laizistischen Frankreich zum Wahlsieg eines gemäßigten Muslimführers kommt, der die Übernahme der Macht dem breiten Bündnis der liberal-bürgerlichen Parteien von mitte-links bis mitte-rechts verdankt, um eine Präsidentschaft Mariene Le Pens vom rechtsextremen Front National zu verhindern.

Obwohl der Roman lediglich ein recht provokantes Gedankenspiel ist, erntete Houellebecq für seine dystopische Zukunftsvision eines islamischen Frankreichs im Jahr 2022 Kritik aus allen gemäßigten politischen Lagern und leider auch Zustimmung vom rechten Rand. Selbst das bürgerliche Feuilleton war sich nicht einig, ob Unterwerfung eine radikale politische Gesellschaftsanalyse ist oder einfach nur islamophob. Dass der Roman vor allem mit sehr Frankreich-spezifischen Bezügen arbeitet, machen Houellbecqs literarische Überlegungen für Deutschland aber nicht uninteressanter.

 

Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto (c) Klaus Lefebvre

Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Foto (c) Klaus Lefebvre

 

Der Romanheld François ist ein typischer Vertreter der liberalen republikanischen Gesellschaft. Der 43jährige Literaturwissenschaftler und Professor an der Pariser Sorbonne verdankt seine akademische Karriere jenem System aus Resten von sozialdemokratischen Werten und gewissen sozialen Vergünstigungen. Trotzdem ist er weitestgehend unpolitisch und steht allem eher desinteressiert gegenüber. Houellebecq beschreibt hier sehr pointiert die herrschende Agonie in der französischen Gesellschaft und Politik, die nun aber durch das Erstarken der Rechten, offen ausgetragene ethnische Spannungen und das Auftauchen der gemäßigten Muslim-Bruderschaft neue Impulse erhält.

François ist einer der typischen, männlichen Charaktere, wie sie Houellebecq zu Hauf in seinen Romanen beschrieben hat. Er ist opportunistisch, sexuell frustriert und pflegt keine nennenswerten sozialen Kontakte außer den wechselnden Semesterliebschaften mit seinen Studentinnen. Nur die Literatur und seine enge Verbundenheit zu dem Schriftsteller Joris Karl Huysmans, einem Vertreter der Epoche der sogenannten Décadence, haben ihm bisher Halt gegeben. In einer Phase der Enttäuschung und Orientierungslosigkeit hatte dieser sich dem Katholizismus zugewandt. François spirituelle Sinnsuche im Kloster scheitert aber an seiner inneren Leere und lässt ihn schließlich aus ganz materiellen und körperlichen Beweggründen zum Islam konvertieren.

Auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses Hamburg spielt in der Regie von Intendantin Karin Beier der bekannte Film- und Theaterschauspieler Edgar Selge diesen innerlich abgestumpften und äußerst widersprüchlichen Charakter. Seine Verwahrlosung macht sich schon allein äußerlich bemerkbar. Selge trägt zunächst Parker zu wirrem Haarschopf und einen nichtssagenden, beigen Anzug. Die Ähnlichkeiten zum Autor Houellebecq sind hier sicher nicht rein zufällig. Er spielt vor dem durch eine Sperrholzwand geschlossen Bühnenraum, in die Olaf Altmann eine drehbare Trommel mit kreuzförmiger Öffnung gebaut hat. Das sich beständig drehende Symbol des christlichen Glaubens wird von Selge immer wieder beklettert. Hier macht er es sich bequem. Ändert das Kreuz die Lage, passt sich der Schauspieler an oder verlässt den einengenden Raum.

 

Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto (c) Klaus Lefebvre

Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Foto (c) Klaus Lefebvre

 

Edgar Selge bestreitet den Abend solo, was kein Problem ist, da Houellebecqs Roman ein eloquent erzählter Strom aus François‘ Gedanken und einigen wenigen Dialogen ist. Seine Gesprächspartner mimt Selge mit teils verstellter Stimme oder einer Änderung der Körperhaltung, die das Gegenüber charakterisieren soll. Das funktioniert über weite Strecken des gut zweieinhalbstündigen Abends, auch wenn Selges Vortrag oft ein wenig zu sehr in den ironischen Plauderton kippt. Er stellt die Figur aus, gibt sie vielleicht sogar ein wenig der Lächerlichkeit Preis. Die zeitweise recht sarkastischen Äußerungen François‘ z.B. zum Patriarchat oder seine Pseudophilosophien über Kochtopffrauen und Dirnen geben dazu allerdings auch jeden erdenklichen Anlass.

François ist der Sklave seiner sexuellen Phantasien und allen erdenklichen erotischen Reizen zugetan. Die expliziten Sexschilderungen mit seiner jüdischen Ex-Freundin Miryam und etlichen Escort-Damen erspart uns Selge nicht. Ansonsten ergeht sich der sehr ich-bezogene Mann seinem Selbstmitleid, alltäglichen Lebensplagen wie seinem verhassten Lehr-Job an der Uni, der Angst vorm Älterwerden ohne Partner und kleineren körperlichen Gebrechen wie Hämorriden und Ausschlag an den Füßen. Selge schmiert sich Salbe an die Füße und ins Gesicht und gibt damit eine grotesk clowneske Figur ab. Er schleppt Einkaufstüten in sein Kreuzverließ, isst, trinkt Wein und verfolgt den sich vollziehenden Wandel als passiver Teilnehmer am Fernseher oder in Gesprächen mit Kollegen.

Bei all dem sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass es außer um die Lebenskrise eines mittelmäßigen westlichen Mannes ohne besondere Eigenschaften, sieht man mal von seinen intellektuell verbrämten Machismen ab, auch um einen gesellschaftlichen Wandel geht. Der vollzieht sich im Roman wie auf der Bühne nach der großen Koalition aller Parteien mit dem neuen Staatspräsidenten Ben Abbés ohne große Aufregung. Etwas, das vor allem François auffällt: Die Frauen verschwinden aus dem öffentlichen Leben. Aus der Uni ausgeschieden begegnet er dem Präsidenten der jetzt islamischen Sorbonne, Robert Rediger, einem ehemals konservativen Katholiken und Nietzscheaner, der ihm schmeichelt und ihn bei seinem Ego packt. Die Aussicht auf Geld und ein unkompliziertes, patriarchal organisiertes Eheleben mit drei Frauen machen es François leicht, sich einem Gott zu unterwerfen. Echte spirituelle Gedanken spielen bei der Abwendung vom Laizismus allerdings kaum eine Rolle.

Selge legt nach und nach seine Kleider ab, ein Prozess des inneren wie äußeren Verfalls und der Auferstehung im reinen Weiß eines unbeschriebenen Blattes. François hat nichts zu bereuen und sieht in der Konversion eine zweite Chance für sein verkorkstes Leben. Das Trommelkreuz fährt nach hinten weg und lässt ein großes Loch. Dass nun auch noch die vorher schon desöfteren erwähnten Burka-Mädchen auftauchen und die Bühne leer räumen, ist nur ein Verweis auf Kommendes, das zu diskutieren die Regisseurin allerdings unterlässt und sich ganz auf die Kunst ihres Mimen verlässt.

***

Unterwerfung (SchauSpielHaus, 06.02.2016)
von Michel Houellebecq
Ein Monolog mit Edgar Selge
Regie: Karin Beier, Bühne: Olaf Altmann, Licht: Rebekka Dahnke, Kostüm: Hannah Petersen, Dramaturgie: Rita Thiele
Deutschsprachige Erstaufführung am 06.02.2016 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Dauer: Zwei Stunden, vierzig Minuten, eine Pause

Termine: 17.02. / 03., 16., 26.03.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.de

Zuerst erschienen am 08.02.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Willkommenskultur auf Hanseatisch – Wie an vielen Bühnen des Landes versucht man auch im Thalia Theater und Deutschen Schauspielhaus Hamburg das Thema „Flüchtlinge“ künstlerisch anzugehen

Samstag, Dezember 26th, 2015

___

Thalia Theater Hamburg_2015

Flüchtlings-Kampagne am Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

„Flüchtlinge“ ist das Wort des Jahres 2015. Die Gesellschaft für deutsche Sprache berücksichtigt damit, dass eines der beherrschenden Themen des ausklingenden Jahres in den Mittelpunkt unseres Sprachgebrauchs gerückt ist. Der Suffix -ling klinge außerdem „für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig“. Platz zwei der Wahl belegt die sehr populäre und zudem eher positiv gemeinte Solidaritätsbekundung „Je suis Charlie“. Nach den neuerlichen Anschlägen des IS in Paris käme durchaus auch das Wort „Terroristen“ in Frage. Fakt ist, dass momentan selbst in den deutschen Theatern kaum jemand an den Themen Flucht und Asyl vorbeikommt. Das Herangehen an diese gesellschaftliche Herausforderung ist dabei äußerst vielgestaltig und reicht von Statements auf der Bühne mit Spendenaufrufen, über direkte Hilfe wie das Aufnehmen von Flüchtlingen und deren Versorgung, bis zur künstlerischen Verarbeitung in verschiedensten Formen wie dem Doku-Theater, der Gegenwartsdramatik oder Klassikerbearbeitung. Dabei wird zurzeit heiß debattiert, ob das Engagement der Theaterhäuser für die Flüchtlinge, die täglich in den Städten Europas angekommen, tatsächlich über eine rein künstlerische Beschäftigung mit dem Thema hinausgehen sollte.

Zwei bekannte Theaterregisseure haben sich nun mit ganz klaren Bekenntnissen hervorgetan und die verbissen geführte Debatte weiter befeuert. So bringt der lettische Regisseur Alvis Hermanis in seiner viel kommentierten Stellungnahme zur Aufkündigung der Zusammenarbeit mit dem Thalia Theater Hamburg sogar die Worte Flüchtlinge und Terroristen unmittelbar in einen Zusammenhang. Für ihn schließe sich eine gleichzeitige Unterstützung von Terroristen und den Pariser Opfern aus. „Zwar seien nicht alle Flüchtlinge Terroristen, aber alle Terroristen seien Flüchtlinge oder deren Kinder.“ wird Hermanis zitiert. Der Regisseur halte zudem die deutsche Begeisterung, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen, für extrem gefährlich für ganz Europa. Man sei im Krieg und müsse sich für eine Seite entscheiden. Leider verwechselt Hermanis dabei nicht nur ehrliches Engagement mit „political correctness“ sondern auch noch Opfer und Täter. Eine künstlerische Zukunft an deutschen Theatern wird so für Hermanis wohl derzeit eher fraglich sein.

 

Staatstheater Cottbus_Nov. 2015-2

Transparent am Staatstheater Cottbus – Foto: St. B.

 

Auch Michael Thalheimer geißelt in mehreren Interviews mit deutschen Zeitungen den zunehmend politischen Aktionismus der Regisseure, die sich damit einerseits dem Zeitgeist anbiedern und andererseits die Aufgaben des Theaters ignorieren. „Es ist Mode geworden, Aufgaben zu übernehmen, für die andere Institutionen zuständig sind. Wenn neue Intendanten ihr Programm vorstellen, habe ich häufig den Eindruck, dass Amnesty International, die Obdachlosenhilfe und das Flüchtlingshilfswerk einen gemeinsamen Zukunftsort kreiert haben.“ sagte Thalheimer im Wiesbadener Kurier. Auch im Interview mit dem Freitag sprach er davon, wie sich die Theater in diese sozialen Projekte verliebten, „die nichts anderes sind als eitle Pose“. Damit schaffe sich das Theater ab. Thalheimer plädiert für die Rückbesinnung auf „archetypische Aufgaben“ des Theaters wie auf Text, Ensemble, Schauspielkunst und: „Auf große Stoffe, die mit Öffentlichkeit nur in diesem Theatron stattfinden können, der damit zum großen Denk und Diskursraum wird.“ Selbst ist der Regisseur mit einer sehr pathetischen und künstlerisch strengen Inszenierung von Elfriede Jelineks Flüchtlingsstück Die Schutzbefohlenen am Wiener Burgtheater aufgefallen. Ab 2017 wird Thalheimer mit dem Intendanten Oliver Reese und dem Dramatiker Moritz Rinke die Nachfolge von Claus Peymann am Berliner Ensemble antreten. An der Schaubühne wird er im Mai 2016 Schillers Wallenstein inszenieren.

*

(Fellinis) Schiff der Träume – In der Regie von Intendantin Karin Beier legt sich der alte Dampfer Deutsches Schauspielhaus schräg und wird prompt multikulturell geentert.

Nicht verbissen, didaktisch oder mit großem Pathos, sondern eher heiter ironisch sollte es zum ernsten Thema Flüchtlinge auf dem alten Dampfer Deutsches Schauspielhaus Hamburg zugehen. Das größte Theater Deutschlands am Rande des multiethnischen Problemkiezes Sankt Georg bekennt sich wie das Thalia Theater in der Nähe der Binnenalster zu einer unterstützenden Willkommenskultur. So unterhält man vor dem benachbarten Hamburger Hauptbahnhof ein kleines Zeltlager, in dem die ankommenden Flüchtlinge von freiwilligen Helfern erstversorgt werden. Für den künstlerischen Output des Schauspielhauses hat sich Intendantin Karin Beier von Federico Fellinis 1983 gedrehtem Film E La Nave Va inspirieren lassen.

 

Schiff der Träume am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto: St. B.

Schiff der Träume am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

 

Ein ebenso passendes wie heiter ironisches Spätwerk des berühmten italienischen Regisseurs, in dem die alte dekadente Welt Europas kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit einem Vergnügungsdampfer zu einer Totenfahrt in der Ägäis aufbricht, um dort die Asche einer verstorbenen Operndiva ins Meer zu streuen. Unterwegs nimmt die illustre Gesellschaft schiffbrüchige Insassen aus serbischen Flüchtlingsbooten auf und muss sie später an ein österreichisches Kriegsschiff übergeben. Dabei kommt es zu einer Explosion in deren Folge das Kreuzfahrtschiff untergeht. Kurz: Ein Schiff aus der alten, westlichen Welt, zieht dahin wie in einem Traum, kollidierte kurz mit der Gegenwart und versinkt, als wäre nichts gewesen. Eine Metapher Fellinis für das untergehende Europa. Parallelen zur heutigen Zeit drängen sich da geradezu auf. Man muss dem nicht mehr allzu viel hinzufügen.

Dennoch hat Karin Beier den Plot entsprechend angepasst und unmittelbar in die Gegenwart geholt. Keine alte Operndiva sondern die Asche des Dirigenten Wolfgang fährt nun auf der CS Europa Cultural Cruising mit den versnobten Mitgliedern seines Orchesters ins Mittelmeer. Der ambitionierte stellvertretende Dirigent Karsten Schröder (Charly Hübner) übt mit ihnen beständig das letzte Werk des Meisters Human Rights Nr. 4. Das durchaus musikalisch versierte Ensemble setzt sich hier aus Teilen der Marthaler-Familie zusammen. Josef Ostendorf, Sasha Rau und Bettina Stucky stehen hier beispielhaft für den vorherrschend ironisch langsamen Ton der Inszenierung. Aber auch die anderen Ensemble-SchauspierInnen wie Yorck Dippe, Josefine Israel, Jan-Peter Kampwirth, Kathrin Wehlisch, Julia Wieninger, Michael Wittenborn sowie die Opernsängerin Rosemary Hardy glänzen hier mit musikalischem und komödiantischem Talent. Als weiterer schöner Running Gag tritt die Schauspielerin Lina Beckmann als sprachgehandicapte Servicekraft „Arschtritt“ auf.

Schiff der Träume am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto Schaukasten

Schaukasten am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Foto: St. B.

Die verwendeten Texte speisen sich nicht mehr nur aus der filmischen Vorlage, das Team um Karin Beier hat sich auch von anderer Autoren wie Rainer Maria Rilke, David Foster Wallace oder Alexander Kluge inspirieren lassen und Fellinis subtil humorvolles Meisterwerk damit überschrieben. Wenn das illustre Orchesterpersonal nicht gerade moderne Musikvariationen im Stile von Edgar Varèse oder Luigi Nono intoniert, Witzchen übers vegane Essen macht, oder über den Sinn des Lebens ohne Musik sinniert, übt es sich in allerlei Überheblichkeiten, Schmähungen und persönlichen Sticheleien. Die melancholische bis depressive Gesellschaft ergötzt sich an romantischen Todesfantasien wie Rilkes Erster Elegie (Das Totsein ist mühsam…), zitiert aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und diskutiert über den Zusammenhang von Kunst und Gesellschaftskritik. Michael Wittenborn hält einen abstrusen Forschungsvortrag über afrikanische Klick-Laute und Charly Hübner balsamiert sich zur Freude des Publikums in einem Slapstick mit der Asche des Meisters ein. Kurz: Der humanistische Bildungsbürger steckt in einer tiefen Sinnkrise.

Aus dieser Sackgasse kann er freilich nur durch etwas frischen Wind befreit werden. Der kommt dann kurz vor der Pause mit fünf afrikanischen Tänzern und Performern aus dem Umfeld der bekannten Choreografen Gintersdorfer/Klaßen. Das Rezept heißt hier Heilung durch permanenten Wandel. Und das leben nun Gotta Depri, Patrick Joseph, Ibrahima Sanogo, Michael Sengazi und Sayouba Sigué auf der Bühne aus und vor. Sie, die hier Fellinis Eindringlinge aus der Realität als afrikanische Flüchtlinge darstellen, entern das Schiff der halbtoten Träumer und mischen Insassen wie Schauspielhaus-Publikum kräftig auf. Eine frohgemute Zuwanderung inklusive kultureller Bereicherung als frontal verabreichte Frischzellenkur. Neue Gene für den schlaffen Volkskörper sozusagen. Die Deutschen werden hier als depressives, den Tod verdrängendes Volk dargestellt, das seine Alten in Heime abschiebt und dank Kinderlosigkeit zu den Aussterbenden Arten zählt. Das ist zunächst recht provokativ gemeint. Allerdings sind Hip Hop und Breakdance dann irgendwie auch nicht mehr das, was einen Hochkultur-Schlaffie wirklich noch aus dem Theatersessel stoßen könnte.

Die fünf Performer gehen dann durchaus noch einen Schritt weiter und prüfen das anwesende Publikum mit einem Multiple-Choice-Fragespiel auf multikulturelle Tauglichkeit und Kenntnis der aktuellen Flüchtlingspolitik. Schließlich drohen sie noch das deutsche Theatersystem zu übernehmen, um nur noch Klassiker ohne Nackte zu spielen. Ein fröhlich chaotischer Wirklichkeitsschub, der, wenn man so will, in ein umgekehrtes Integrationstraining für gelernte Abendländer mündet. Das „Requiem für ein realitätsblindes und daher zum Untergang verurteiltes Europa“ – laut Karin Beier – bekommt so noch einen realitätsbildenden Nachklang, der aber hin und wieder ruhig mal mehr in Richtung Utopia abdriften könnte. Es gäbe da sicher noch Platz im Möglichkeitsraum des alten Theatertankers. Karin Beiers Inszenierung greift hier auch nur einmal mehr auf das ironische Überhöhen der üblichen Stereotypen und Mentalitätsunterschiede zurück. Eine echte kulturelle Begegnung auf Augenhöhe bleibt weiterhin ein noch einzulösendes Versprechen auf die Zukunft. Noch gibt man die ungebetenen Eindringlinge dann doch lieber wieder bei einem isländischen Frontex-Patrouillenboot ab.

***

Schiff der Träume
Ein europäisches Requiem nach Federico Fellini
Textfassung: Karin Beier, Stefanie Carp, Christian Tschirner
Regie: Karin Beier, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz, Komposition und Musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Choreographie 1. Teil: Valenti Rocamora i Tora, Choreographie 2. Teil: Gotta Depri, Sayouba Sigué, Licht: Annette ter Meulen, Video: Meika Dresenkamp, Dramaturgie: Stefanie Carp, Christian Tschirner
Mit: Lina Beckmann, Gotta Depri, Yorck Dippe, Rosemary Hardy, Charly Hübner, Josefine Israel, Patrick Joseph, Jan-Peter Kampwirth, Josef Ostendorf, Sasha Rau, Ibrahima Sanogo, Michael Sengazi, Sayouba Sigué, Bettina Stucky, Kathrin Wehlisch, Julia Wieninger, Michael Wittenborn, Musiker: Ruben Jeyasundaram, Michael Leuschner, Maurice Mustatea, Yuko Suzuki

Premiere war am 05.12.2015 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Dauer: ca. 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Termine: 06., 10. und 24.01. / 14. und 25.03.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.de

___

*

„Godverdomme!“ – Der Versuch von Luc Perceval, John Steinbecks Roman Früchte des Zorns als allgemeingültige Parabel über Flucht und Migration zu deuten, geht am Thalia Theater Hamburg nicht auf

(Thalia Theater, 05.02.2016): Kann man die US-amerikanischen Route 66, auf der in den 1930er Jahren Hundertausende durch die Große Depression und Dürrekatastrophen landlos gewordene Farmer aus dem zentralen Süden in Richtung Westen aufbrachen, mit der Balkanroute, über die heute täglich Tausende von Flüchtlingen nach Westeuropa strömen, vergleichen? Luc Perceval, der Hausregisseur des Thalia Theaters Hamburg legt das in seiner Inszenierung einer Bühnenfassung des 1939 erschienen Romans Früchte des Zorns von John Steinbeck zumindest nahe. Und so ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vergleich auch nicht. Natürlich hat die heutige Fluchtbewegung ganz ähnlich geartete Ursachen und ist mitnichten nur eine vom Himmel gefallene Naturkatastrophe, die über die Menschheit hereinbricht wie die biblische Offenbarung des Johannes, auf die der Titel des Romans auch anspielt.

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Steinbeck hat den großen Track ins Gelobte Land Kalifornien, wo die Orangenbäume blühen, anhand der Farmerfamilie Joad aus Oklahoma beschrieben, die ökologischen und ökonomischen Ursachen wie Waldrodung, Anbau von Monokulturen und überhöhten Pachtzins aber klar benannt. Im Roman gibt es neben der Kernfamilie eigentlich nur drei Hauptfiguren, die infolge der Ereignisse auf der Reise mit einem alten Lastkraftwagen eine Art Wandlung erfahren. Das sind der Wanderprediger Jim Casy, der seinen Glauben an Gott, nicht aber an die Menschheit verloren hat, der zornige Joad-Sohn Tom, der gerade aus dem Gefängnis entlassene wurde, wo er wegen Totschlags einsaß, und Mutter Joad, die sich im Laufe der Fahrt als das eigentliche Familienoberhaupt erweist. Antrieb ist allen neben der Hoffnung auf ein besseres Leben vor allem auch ein gewisser Zorn auf die herrschenden Verhältnisse.

Diesen Zorn hat Perceval fast vollkommen weginszeniert, Steinbecks Story damit entpolitisiert und somit jeglicher gesellschaftlicher Zusammenhänge beraubt. Warum diese Familie flieht, erschließt sich ohne die Kenntnis des Romans kaum. Lediglich zu Beginn erzählt Jim Casy (Bert Luppes) von den Sandstürmen und der Verödung der „Dust Bowl“, die die Farmer ihrer Existenz berauben und sie schließlich heimatlos geworden zum Aufbruch nach Westen zwingen. Der Sandsturm oder auch mal endloser Regen werden per Video an die Bühnenrückwand projiziert. Die Familie wirkt zunächst wie ein von einer antiken Tragödie am Boden zerstörter Haufen unter einer Plane, die neben einem kahlen Bäumchen und einem kleinen Pianoflügel zum zentralen Requisit der Inszenierung wird. Mit dieser Plane lassen sich LKW, Zelte und sogar die Großeltern darstellen, denen nach ihrem Tod pathetische Begräbnistableaus und Predigten gewidmet werden.

Neben Dialogszenen, die lose der Handlung des Romans folgen, werden einzelne Passagen und längere Naturbeschreibungen, wie etwa die große Regenflut im kalifornischen Auffanglager für die Arbeitsmigranten, wechselnd von Bert Luppes und Kristof Van Boven als Tom Joad erzählt. Er treibt die Familie immer wieder zum Weiterfahren an, mimt dabei mit dem Fuß stampfend den Anlasser, und alle trampeln dazu auf dem Bühnenboden den Takt der Kolbengeräusche. Ähnliches hatte 2010 auch Armin Petras in seiner Inszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin gemacht. Und so erinnert noch einiges von Percevals Regieeinfällen fatal an diese von der Kritik auch nicht gerade mit Lob überhäufte Aufführung, die allerdings näher am Original blieb und vor allem das Gemeinsame recht spielerisch in den Vordergrund rückte.

 

Früchte des Zorns von John Steinbeck Regie Luk Perceval Koproduktion mit dem NT Gent Premiere 23. Januar

Früchte des Zorns am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Armin Smailovic

 

Gemeinsam ist dem aus Mitgliedern des Thalia Theaters und des belgischen Stadttheaters NT Gent (an dem auch der Ex-Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, arbeitet) bestehenden, internationalen Schauspielensemble, dass alle über einen sogenannten Migrationshintergrund verfügen. Und so wechselt die Sprache auch immer wieder von Deutsch in Flämisch, Englisch, Kroatisch oder Russisch. Allerdings kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass das nur vage der Situation der aktuell Flüchtenden entspricht, aber Percevals Idee von einem Theater für das multikulturelle Europa sehr nahekommt. Wie man liest, will der Regisseur seine Pläne ab 2018 am Flämischen Nationaltheater in Brüssel verwirklichen, wird dafür allerdings sein Engagement in Hamburg vorzeitig beenden.

Recht pathetisch geraten Perceval die immer wiederkehrenden Beteuerungen des Reverends, dass er keinen Segen mehr geben könne und den Migranten kaum Trost oder Mut zuzusprechen vermag. Das muss schließlich Mutter Joad (Marina Galic) übernehmen, die neben dem am Megafon fluchenden Bert Luppens noch am präsentesten ist, während von Kristof Van Bovens Tom kaum Impulse kommen und der sich seiner Sünden schämende Onkel John bei Rafael Stachowiak fast zur Witzfigur gerät. Der Gegenwind der „besorgten Bürger“ Kaliforniens schlägt ihnen nur einmal ins Gesicht, indem sie selbst deren Hasstiraden sprechen. Ansonsten ist viel vom Beten, Stehlen und Sterben die Rede. Leise rieseln dazu recht kunstvoll vertrocknete Blätter vom Bühnenhimmel.

Langsam, elegisch zieht der Track der Verlorenen über die Bühne. Die Träume der langsam zerfallenden Familie werden gleich einem großen Lamento Mori in Songs wie „Somewhere over the Rainbow“ oder „Summertime and the livin is easy“ besungen. Dieses künstliche Weichspülen grenzt fast schon an Leidenskitsch, was sich leider auch bitter rächt. Percevals Versuch, Wirtschaftsmigration damals und heute miteinander zu vergleichen, geht hier nicht eins zu eins auf. Das Treiben auf der Bühne bleibt einem irgendwie fremd. Und so heischen am Ende auch die Figuren, während sich langsam der Eiserne Vorhang senkt, etwas ratlos schauend nach Mitgefühl.

***

Früchte des Zorns
von John Steinbeck auf der Basis einer Adaptation von Frank Galati
Regie: Luk Perceval
Bühne: Annette Kurz
Kostüme: Annelies Vanlaere
Video: Philip Bußmann
Dramaturgie: Steven Heene, Julia Lochte
Darsteller:
Kristof Van Boven (Tom Joad)
Marina Galic (Mutter Joad)
Bert Luppes (Jim Casy)
Nick Monu (Vater Joad)
Maria Shulga (Rose)
Rafael Stachowiak (Onkel John)
Koproduktion mit dem NT Gent
Premiere im Thalia Theater war am 23.01. 2016
Dauer: 1:40 Stunde, keine Pause

Termine: 23., 25.02. / 21.03. / 01., 03., 27.04. / 29.05. / 17., 25., und 26.06.2016

Infos: http://www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 09.02.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Onkel Wanja – Karin Beier inszeniert am Deutschen Schauspielhaus Hamburg Anton Tschechows Szenen aus dem Landleben fein nuanciert als kleines Tänzchen über der Abraumhalde.

Montag, Januar 19th, 2015

___

Manchmal kommt es einem so vor, als hätte Anton Tschechow nur ein einziges Theaterstück geschrieben und dieses dann immer wieder klug variiert, um die eine oder andere Person ergänzt und einige wenige Nuancen bereichert. Die Grundstimmung bleibt fast immer die gleiche. Die Figuren ringen allesamt in unablässigen Lamentos mit ihren unerfüllten Sehnsüchten sowie einer unüberwindbaren, alles lähmenden Antriebslosigkeit und der inneren Verzweiflung darüber. Tschechow hat mit allen seinen Stücken einzigartige Klassiker der ironisch gebrochenen Melancholie entworfen. Er nannte sie darum selbst auch meist Komödien. Dem trägt dann neuerdings die Regie auch immer mehr Rechnung, indem das Komische der Figuren fast bis zur Lächerlichkeit herausgekehrt und die allem innewohnende leise Melancholie weginszeniert wird. Was die allgemeine Inszenierungstradition im deutschsprachigen Raum betrifft, ist man da schon versucht zu behaupten, dass dem auch nicht mehr allzu viele neue Facetten in der Kunst der Darstellung abzugewinnen wären.

*

Und so scheint es dann auch zunächst mit der neuen Inszenierung der Intendantin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, Karin Beier, zu sein. Sie hat sich innerhalb des schon in die zweite Runde gehenden Russen-Schwerpunkts an ihrem Hamburger Theater – nach Stücken von Fjodor Dostojewskij und Maxim Gorki – nunmehr Anton Tschechows Tragikomödie Onkel Wanja angenommen. Die Grundstimmung ist auch hier zu Beginn eher düster. Auf der von Johannes Schütz gestalteten Bühne ist ein langer, schmaler Holzsteg gebaut, der über ein den Boden komplett ausfüllendes, wüstes Feld von torfähnlicher Erde führt. Auf dieser öden Abbruchhalde mit vereinzelter Baggerschaufel im Hintergrund sammelt ein einzelner Arbeiter (Alexej Mir), die gesamte Zeit über auf dem Boden liegend, Müll in einen Sack. Ab und an schlägt er an zwei metallene Klangstäbe, was wie die Glockenschläge der unablässig verstreichenden Zeit wirkt. Die alte Kinderfrau Marina (Juliane Koren) wandelt wie im Wachtraum mit einem Samowar erst von links nach rechts über den Steg, dann in die umgekehrte Richtung, dabei Unverständliches auf Russisch vor sich hin murmelnd.

Onkel Wanja_DSH-Plakat_Jan. 2015

Onkel Wanja am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

Die Zeit auf dem Landgut der Serebrjakows ist aus den Fugen geraten. Unermüdliche Betriebsamkeit ist in lähmende Lethargie umgeschlagen. Man sitzt am Rand des Stegs, lässt die Beine mit den klobigen Gummistiefeln und die Seele baumeln. Es wird über das sinnlos vergangene Leben schwadroniert, bis sich die Langeweile breit macht. Der emeritierte Professor Serebrjakow (Oliver Nägele) hat die streng strukturierten Tagesabläufe der Landgemeinschaft an sein intellektuelles Stadtleben angepasst. Schlafen bis Mittag, der Tee ist schon fast kalt, und zu Mittag isst man erst am Abend. Nachts verlangt der launische, schlaflose Alte dann wieder nach Tee. Die Angst vor dem Alter lässt ihn ständig das russische Wort für Tod (Smert) stammeln.

Nur Sonja (Lina Beckmann), die noch unverheiratete Tochter des Professors, erhält das Gut noch am Leben. Ihr Onkel Wanja (bärbeißig: Fernsehkommissar Charly Hübner), Bruder der verstorbenen ersten Frau Serebrjakows, hat sich mit dem Arzt Astrow (Paul Herwig) dem Suff ergeben. Seine Lebensenergie scheint am Ende. Um die Karrierepläne des Professors zu unterstützen, hat er sein Leben nicht gelebt. Sich selbst einst als angehenden Schopenhauer oder Dostojewskij wähnend, sieht sich Wanja nun um die Früchte betrogen und gibt dem Alten die ganze Schuld an seinem Dilemma. Die drückend schwüle Stimmung scheint hier jederzeit in ein Donnerwetter umzuschlagen.

Onkel Wanja_DSH-Schaukasten2

Charly Hübner ist Onkel Wanja – Foto: Schaukasten des DSH

Nun ist Onkel Wanja eines der wenigen Stücke Tschechows, in dem niemand zu Tode kommt. Die Schüsse Wanjas – eine Verzweiflungsreaktion auf das Ansinnen des Professors, das Gut als Altersvorsorge zu verkaufen – gehen daneben. Und doch ist die Bühne hier zweifelsohne von lauter Scheintoten bevölkert. Vampirartige Zombies, die verzweifelt nach Leben gieren. Sie bewegen sich zumeist wie in Zeitlupe über die Bühne, schleifen Möbel auf den Steg, erschlaffen in allen möglichen Stellungen, um dann angesichts des Objekts ihrer Begierde kurzzeitig zu neuem Leben zu erwachen. Und dieses Objekt ist für die männlichen Schlaffis die schöne Elena, die zweite wesentlich jüngere Frau des Professors. Anja Laïs spielt sie mal nicht als elitäres, dummes Modepüppchen, sondern durchaus selbstbewusst, manchmal sogar etwas berechnend und sich den Launen ihres Gatten widersetzend. In jedem Fall erwehrt sich Elena mit aller Kunst den Übergriffen der lechzenden und tatschenden Männerriege, die auch schon mal ein kleines Rampenballett für sie aufführt.

Zurück zu den feinen Nuancen bei Tschechow: Karin Beier versteht es in ihrer Inszenierung ganz gekonnt die Stimmung leicht zu nuancieren. Hier kippt es mal ins Komische, dann gibt es wieder Momente der Tragik, die durchaus zu rühren vermögen. Mal poltert es, dann greint man wieder. Gegen den Phantomschmerz gibt es Lindenblütentee oder einen Wodka von der alten Njanja. Die Szenen werden von Yorck Dippe als Telegin mit melancholischen Klaviermelodien untermalt, es klingen russische Chansons vom Plattenspieler, und das gesamte Ensemble stellt sich auf zum Blasmusikkonzert. Was aber nie zu russisch oder gar zu volkstümelnd wirkt. Auch bei der Charakterzeichnung der einzelnen Figuren übertreibt die Regisseurin nicht. Lediglich Paul Herwig lässt den einstigen Idealismus des Arztes Astrow etwas zu sehr ins Zynische fallen. Der Gag mit dem überlangen Schnauzbart bleibt nicht aus.

Die Sympathie von Karin Beier liegt an diesem Abend jedoch eindeutig bei den Frauen. Lina Beckmann spielt die nicht gerade mit Schönheit verwöhnte Sonja voller kindlich schwärmerischer Naivität. Zärtlich versucht sie Astrow von hinten zu umarmen, während der nur Augen für Elena hat. Anja Laïs wird für ihn sogar körperlich zum fauchenden und Männer verschlingenden Raubtier. Ihr Auftritt ist betont gesetzt. Sie läuft Slalom um die nach ihr Grapschenden. Es grummelt zwar beständig im Hintergrund, jedoch das wirklich reinigende Gewitter bleibt trotz Wanjas Wutanfall aus. Die aufkeimende Begierde endet abrupt. „Finita, la commedia!“ Schaumig flockt der Schnee vom Schnürboden und beginnt alles zu überdecken. In schwere Pelzkappen gehüllt fliehen Elena und der Professor das Land. Wanja bleibt erstarrt zurück. Wie soll man nur weiterleben? Trotz vergeblicher Liebe versenken er und Sonja sich wieder in die Arbeit. Ihre letzten Worte sind die traurige Hoffnung auf das Leben danach. Nackte, waidwunde Seelen, die Karin Beier hier für kurze Zeit barfuß über den Mulch tanzen ließ. Ein kleines, feines Schauspielfest. Dafür viel Beifall und einige Bravorufe.

***

Onkel Wanja
Szenen aus dem Landleben
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Premiere am 16.01.2015 im SchauSpielHaus
Regie: Karin Beier, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Greta Goiris, Musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Choreografie: Valenti Rocamora i Tora, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Christian Tschirner
Mit: Lina Beckmann, Marlen Diekhoff, Yorck Dippe, Paul Herwig, Charly Hübner, Juliane Koren, Anja Laïs, Alexej Mir, Oliver Nägele
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Termine:
19/01/, 31/01/, 11/02/, 20/02/, 26/02/ und 27/03/2015

Info: http://www.schauspielhaus.de/de_DE/kalender/onkel_wanja.12288309

Zuerst erschienen am 17.01.2015 auf Kultura-Extra.

__________

„Das Goldene Vlies“ von Franz Grillparzer – Die Übernahme einer erfolgreichen Kölner Inszenierung von Karin Beier ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg.

Mittwoch, Mai 28th, 2014

___

Vlies_DSH_Plakat

Foto: St. B.

Nach dem furiosen Start der Intendanz von Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit den Rasenden legte die Ex-Kölnerin nun mit einer weiteren Antikentrilogie als Übernahme einer an ihrer alten Wirkungsstätte bereits erfolgreich gelaufenen Inszenierung nach. Der österreichische Dramatiker Franz Grillparzer verknüpfte in seinem dreiteiligen, 1819 uraufgeführten Drama Das Goldene Vlies die bekannte Tragödie Medea des Euripides mit der antiken Argonautensage um den griechischen Helden Jason, der nach Kolchis kommt, um den Tod des Phryxus zu rächen und das Goldene Vlies, das diesem vom König der Kolcher Aietes geraubt wurde, wieder nach Griechenland zu holen. Aktuell hat Grillparzers Trilogie in Bezug auf Fremdenhass und Flüchtlingselend wieder Konjunktur. Das Hauptaugenmerk vieler RegisseurInnen liegt aber zumeist eher auf der Medea als psychologisches Drama einer Mutter, der nach dem Verrat ihrer großen Liebe Jason auch noch die Kinder genommen werden sollen.

So auch bei Karin Beier. Sie lässt zwar auch die vollständige Trilogie spielen, handelt aber die Dramenteile Der Gastfreund und Die Argonauten recht kurz und hölzern archaisch ab. Auf weiß eingeschlagenem Gefiert agieren die Schauspieler mit großen Pappmasken vor den Gesichtern, wie wir es bereits schon in der Iphigenie beim Auftaktmarathon mit den Rasenden zu sehen bekamen. Die so eindimensionale Mimik wird durch expressive Gesten und Körpereinsatz wettgemacht. König Aietes (Manfred Zapatka) wittert fette Beute und will dem auf Kolchis Schutz suchenden Griechen Phryxus (Carlo Ljubek) das Golden Vlies – ein recht verblichener Lappen am Stiel – abjagen. Dafür umschmeichelt er erst seine Tochter Medea (Maria Schrader) um Rat und Beistand und befielt ihr dann, als sich die Unheil Fürchtende zu entziehen versucht. Phrixos, der sich auf die Gastfreundschaft der Kolcher beruft, wird als Fremder und angeblicher Tempelräuber (das Vlies hatte er als Gabe des Kolchergottes Perento in Delphi erhalten) verfemt und aus Gier getötet. Im Sterben verflucht er die gesamte Sippe des Aietes. Dazu schrammt die am Rande hockende Sue Schlotte bedrohliche Töne auf ihrem Cello.

Nach diesem kurzen Vorspiel treten die gleichen Schauspieler wieder in weißen Hemden und schwarzen Hosen auf, nun allerdings ohne Masken. Es entspinnt sich sogleich eine in ihren Grundzügen ganz ähnliche Situation wie zu Beginn des Gastfreunds. Wieder ist es Aietes, der auf Krieg gegen die griechischen Eindringlinge drängt und Medea, die den bereits in Händen haltenden Gifttrunk nicht an Jason ausgeben kann. Sie verliebt sich sofort in den Griechen, und beide ringen nun in einer Art Kampfchoreografie um Liebe, Macht und Vlies. Ungestümer nur noch der jüngere Bruder Medeas, Absyrtos, der zuvor als Kind mit großem Maskenkopf untätig alles mit ansehen musste. Seinen vollen Körpereinsatz für das Vlies bezahlt der Rasende schließlich mit dem Leben. Absyrtos erdolcht sich selbst als Geisel des Jason. Angelika Richter (für die nun am konkurrierenden Thalia Theater spielende Patrycia Ziolkowska eingesprungen) spielt ihn als trotzigen, fanatisierten Jüngling. Vom Vater ob des Verrats verflucht und verbannt, beschließt Medea den Argonauten-Teil mit einem düsteren Ausblick auf das weitere Leben mit Jason: „Ein Haus, ein Leib, ein Verderben.“

DeutschesSchauspielHausHamburg - Foto: St. B.

Das DeutscheSchauspielHausHamburg – Foto: St. B.

So weit, so pathetisch. Nach diesem kurzen aber starken Auftakt, der die Vorgeschichte für das folgende, bittere Ende liefert, schlafft der müde Krieger Jason, nun im zivilisierten Business-Kurzmantel, ebenso ab, wie die bisher rasante Inszenierung an Fahrt verliert. Karin Beier nimmt das Tempo nach der Pause raus und setzt nun ganz auf die Kraft des Wortes. Und das hat es in den messerscharfen Versen Grillparzers in sich. Es geht nun ganz heutig psychologisierend weiter. Schon Grillparzer legte hier das Augenmerk auf Mitleid und nicht auf die Rache der verlassenen Mutter und Ehefrau. Ein Psychogramm innerer Verletzungen, die tiefer gehen als jedes Griechen oder Barbaren Schwert. Medea, die die Vergangenheit hinter sich lassen und, ihrem Gatten folgend, beider Schicksal annimmt, wird bitter enttäuscht. Jason hadert ob der „verpesteten Gemeinschaft“ mit Medea, derentwillen er nun Bittsteller am Hofe Kreons geworden ist. „Wir sind hier unter Menschen“, ist seine einfach Erklärung für die Ablehnung der Griechen gegenüber der Fremden.

Kreon, König von Korinth, den Manfred Zapatka nun als ganz kühl berechnenden Herrscher in Uniform gibt, macht deutlich klar, dass nur Jason, aber nicht Medea hier willkommen ist. Die Zuneigung, die ihr seine Tochter Kreusa (Angelika Richter) entgegen bringt, ist von gutwillig missionarischer Art. Sie singt mit den Kindern Lieder, gibt ihnen Eis und der Mutter mit dem „Barbarennamen“ Cellostunden. Allein den Vorsprung an gemeinsamen Jugenderinnerungen zwischen Jason und Kreusa kann Medea nicht aufholen. In die Enge getrieben, geht erst das Cello zu Bruch und dann der Glaube an die Liebe Jasons. Nachdem der Plan Kreons, Jason zum Schwiegersohn zu machen, um ihn und das Vlies an Korinth zu binden, gefasst ist, gilt der Verbannten nur noch so lange Schutz, bis sich Kreon des Vlieses sicher glaubt.

Schlussapplaus zum Goldenen Vlies am DeutschenSchauspielHausHamburg - Foto: St. B.

Schlussapplaus zum Goldenen Vlies am DeutschenSchauspielHausHamburg – Foto: St. B.

Jason schwenkt nur allzu bereitwillig auf die Linie Kreons ein und demütigt Medea, die um ihre Kinder bittet. Als selbst diese ihr, vor die Wahl gestellt, die Liebe versagen, ist die Verzweiflung auf dem Höhepunkt und das Opfer erst zur Tat bereit. „Die Welt, eine leere Wüste ohne Kinder, ohne Gemahl.“ Die Folgen für Kreusa, Kreon, Medeas Kinder und Jason selbst sind bekannt. Was Kreon und Jason hier antreibt, ist natürlich vor allem auch politisches Kalkül. Es ist reines Machtdenken, das die beiden Frauen zu Konkurrentinnen und zusammen mit den Kindern zu Spielbällen der Männer macht. Karin Beier bricht das leider auf eine fast rein familiäre Tragödie herunter. Der hohe Ton der Schrader als betrogene Ehefrau Medea kulminiert im großen schmerbeladenen Schlussmonolog, nachdem sie von ihrer Verzweiflungstat an den Kindern blutbeschmiert wieder an die Rampe tritt. Glück und Ruhm sind nur noch Schatten, der Traum davon ist aus. „Allein die Nacht noch nicht.“ Sehr rührend und um Mitgefühl heischend geht dieser Grillparzer-Abend zu Ende, der doch so vieles mehr sein könnte, als nur ein Fest der hohen Schauspielkunst. Der Appell an die kollektive Einfühlung stößt doch auch ein wenig unangenehm auf. Trotz allem verdienter Beifall und Bravorufe für die Darsteller.

***

Das Goldene Vlies (24.05.2014)
von Franz Grillparzer
Regie: Karin Beier
Bühne: Jens Kilian
Kostüme: Johanna Pfau
Licht: Johan Delaere
Musik: Wolfgang Siuda
Choreografie: Valenti Rocamora i Tora
Dramaturgie: Rita Thiele
Mit: Maria Schrader, Angelika Richter, Carlo Ljubek, Manfred Zapatka und Sue Schlotte am Cello

Hamburger Premiere war am 10.05. 201

Dauer:  ca. 2 Stunden und 45 Minuten, eine Pause

Info: http://www.schauspielhaus.de/de_DE/repertoire/das_goldene_vlies.1006867

Zuerst erschienen am 27.05.2014 auf Kultura-Extra.

___________

DIE RASENDEN – In sechseinhalb Stunden nach Troja und zurück. Karin Beier eröffnet mit einem Antikenmarathon das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg.

Freitag, Januar 24th, 2014

___

Deutsches Schauspielhaus HamburgAntikenprojekte erfreuen sich seit jeher landauf, landab großer Beliebtheit. Seien es nun der König Oedipus und die Orestie unter Max Reinhardt 1910/11 am Deutschen Theater Berlin, das ebenfalls zweiteilige Antikenprojekt von Peter Stein 1974/80 an der Berliner Schaubühne und Einar Schleefs Mütter-Projekt 1986 am Schauspiel Frankfurt, oder neuerlich Andreas Kriegenburgs 2002 an den Münchener Kammerspielen inszenierte Orestie, Michael Thalheimers Projekt Ödipus / Antigone zur Eröffnung der Intendanz Reese 2009 in Frankfurt und Stephan Kimmigs Ödipus Stadt zur Spielzeiteröffnung 2012 am Deutschen Theater Berlin. Die Themen Schicksal, Hybris, Krieg ähneln sich, die Zusammenstellung der Stücke variiert meist nur geringfügig. Die Königsdisziplin ist dabei aber immer noch die Inszenierung der gesamten Thebanische Trilogie des König Ödipus von Sophokles oder des in der Orestie des Aischylos beschriebenen Endes der Atriden-Saga. Die Fragen richten sich da meist nur noch nach der Länge und der Möglichkeit der Aktualisierung oder Verschränkung mit Tragödien anderer antiker Dichter.

Karin Beiers Antikenmarathon Die Rasenden stellt da keine Ausnahme dar. Gerade hier schienen schon im Vorfeld Hybris und Schicksal eine fast unvermeidbar tragische Verbindung eingegangen zu sein. Kaum war das anspruchsvolle Vorhaben zur großen Intendanz-Eröffnung im November des vergangenen Jahres auf den Spielplan des gerade in Renovierung befindlichen Schauspielhauses gehievt, sauste wie von Götterhand der Eiserne Vorhang nach oben und die runterstürzenden Gegengewichte zerschlugen im Gegenzug den neuen Bühnenboden. Es wurde dabei zwar glücklicher Weise niemand verletzt, aber die Tragödie war dennoch perfekt. Die Eröffnung des Deutschen Schauspielhauses musste auf den Januar 2014 verlegt werden.

*

Am letzten Samstag fand diese nun endlich statt, und es sind davon keine weiteren großen Verluste mehr zu vermelden. Die Regisseurin Karin Beier, neu berufene Intendantin des Schauspielhauses, hat sich für mehrere Tragödien rund um den Trojanischen Krieg eine Art Mythos der „Mutter aller Kriege“ entschieden. Im ersten Teil des Abends kommen die Tragödien Iphigenie in Aulis und Die Troerinnen des Euripides zur Aufführung, Anfang und Ende des großen Krieges um die antike Stadt Troja. Im Programmbuch lässt man sich dazu lang und breit über Mythen als innere Triebkräfte des Menschen aus. Euripides setzte als erster griechischer Dichter das Drama des Menschen auf der Suche nach dem richtigen Handeln gegen das göttliche Gesetz des Schicksals. Dass er dabei auch verstärkt Frauenfiguren in den Mittelpunkt seiner Tragödie gestellt hat, scheint Karin Beier zusätzlich gereizt zu haben.

DIE RASENDEN am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: St. B.

Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg
Foto: St. B.

Zu Beginn wird die Opferung der Iphigenie, Tochter des griechischen Heerführers Agamemnon, als notwendige Voraussetzung für guten Wind und die Fahrt nach Troja zur Vernichtung der Stadt des frechen Räubers der Helena verhandelt. Dabei tragen die Darsteller weiße Sporthemden, stehen zum Teil auf hohen Styroporkothurnen und halten sich immer wieder große Pappmachemasken vor die Gesichter. Es wird dabei meist frontal ins Publikum gesprochen. Alles nach griechisch antikem Tragödienvorbild. Agamemnon (Götz Schubert) wird von Bruder Menelaos (Yorck Dippe) bedrängt, das Volk begehrt auf und droht mit Aufstand. Der Feldherr wird seine Zweifel beiseite wischen und sich dem Gebot der Götter fügen und für die Sicherung der eigenen Autorität als Führer sorgen. Wogegen Mutter Klytaimestra (Maria Schrader) natürlich emotional aufbegehrt. Es ist dabei viel von Raserei die Rede. Tochter Iphigenie ist der Spielball zwischen beiden. Anne Müller (letztes Jahr noch am Berliner Maxim Gorki Theater), erst ganz hibbeliger, ungelenker Teenager, wird immer mehr in den ideologischen Sog um die Rechtfertigung des Krieges gezogen und mutiert schließlich vom ängstlichen Opferlamm zum willigen Einpeitscher. „Der Gottheit Schrecken vernichte Troja mit meinem Blut.“

Die eigentliche zehnjährige Schlacht um Troja wird dann in einem minutenlangen Orchestersturm für Streicher und Chor mit einer Komposition von Jörg Gollasch abgehandelt. Das hat durchaus sehr starke Momente. Die Stadt geht schließlich in einem großen dissonanten Regeninferno mit gelbem Rauch unter. Aus dem Hintergrund schälen sich am Ende mehrere graue Gestalten in Decken gehüllt. Mit den Troerinnen kommen nun auch die Mütter der Toten zu Wort. Sie warten als Kriegsbeute auf ihren Abtransport nach Griechenland. Aus einem großen Lautsprecher über der Bühne ertönen immer wieder Befehle: „Los, weiter, nicht einschlafen!“ Die Frauen schleppen dabei unentwegt Säcke von einer Bühnenseite auf die andere. Danach wird ihnen eröffnet, welchem griechischen Herrscher sie per Los zugefallen sind. Dabei sind die Erwartungen der Versklavten ganz unterschiedlicher Art. Während die meisten ängstlich ihr Schicksal beklagen, schwingt sich Seherin Kassandra (großartig: Rosalba Torres Guerrero) zu einem wilden Rachetänzchen auf.

Die Inszenierung hat Karin Beier aus Köln mitgebracht. Sie verwendet darin eine Bearbeitung der Euripides-Tragödie von John Paul Sartre. Der hatte das Stück näher in die Gegenwart (damals die Zeit des Algerienkrieges) gerückt und politisch aufgeladen. Da ist dann wiederum ganz aktuell von Flüchtlingen, die man nicht gerufen habe, und der Kolonisation Afrikas und Asiens die Rede. Schön hier auch wieder der Einsatz von Musik und Chorpassagen.

Besonderen Raum nimmt hier die Klage der Hekuba (Julia Wieninger), Königin von Troja, an Zeus ein, der sich von den Troerinnen abgewandt habe. Andromache, die Frau des Hectors, ruft ihren Mann, dass er aus dem Hades zurückkehre, um sie zu retten und zu rächen. Sie ist dem Sohn Achills bestimmt. Ihr Kind wird der Sieger aber nicht verschonen. Das sind bewegende Szenen an der Rampe, in denen sich Lina Beckmann als Andromache von ihrem Kind trennen muss. Die Richtung der Anklage ist klar. Im zweiten, deutlich ironisch aufgeladenen Teil der Troerinnen geht es dann wieder um die ungeklärte Schuldfrage des Krieges. Verhandelt wird das wie bei einem Erotik-Quiz mit blanken Brüsten und umgeschnalltem Gummi-Penis. Die blonde Helena (Angelika Richter) darf dabei wie Marylin Monroe das Röckchen lüften und „Happy Birthday, Mr. President“ singen, während der tumbe Menelaos (Yorck Dippe) mit Pappkrone lüstern zur Wahl stellt, ob er sie gleich oder später steinigen lassen soll.

DIE RASENDEN am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: St. B.

DIE RASENDEN am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

Nach der ersten Pause fährt Karin Beier mit dem Agamemnon aus der Trilogie der Orestie von Aischylos fort. Das ist witzig und nachdenklich zugleich angelegt. So aber mit Sicherheit auch der schwächste Teil des Marathons. Der Versuch, die Rückkehr und Ermordung des griechischen Feldherrn aus dem Trojanischen Krieg poppig zu unterlegen und das zurückgebliebene Volk in einem Schrumpf-Chor der dekadenten Meckerer, Schlappschwänze und Opportunisten im Rollkragenpulli zu überironisieren, ist gleichermaßen Konzession und Aufforderung an das Publikum, das sich eigentlich selbst erkennen soll, es aber lieber vorzieht, zu lachen. Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn und Gustav Peter Wöhler kalauern sich Äpfel essend durch das Geschehen, obwohl sie eigentlich doch lieber gar nichts mehr sagen wollten. Dass hier eine Übersetzung von Peter Stein gespielt wird, will man da gar nicht glauben. Götz Schubert poltert als tätowierter Wilder mit seiner erlahmten Kriegsbeute Kassandra auf der Schulter heran, während Nebenbuhler Ägisth (Markus John) verstohlen am Küchenherd schnippelt und die ganz in rot gewandete Rachemegäre Klytaimnestra (Maria Schrader) schon die Wanne für die Abschlachtung bereitet.

Ernster wird es wieder in der eingeschobenen Elektra nach Hugo von Hoffmannsthal. Die Bühne ist meist dunkel, und die in der Unterbühne sitzende Elektra wird per Videoprojektion auf Leinwände übertragen. Wer zu ihr will, muss eine steile Treppe hinabsteigen. Birgit Minichmayr sitzt tief düster gestimmt, mit dickem Kajal unterm Auge, in ihrer Gruft und grollt. Der an Albträumen leidenden Mutter Klytaimnestra schenkt sie nichts außer Verwünschungen, während sie die unsichere Schwester Chrysothemis (Lina Beckmann) wortreich zu indoktrinieren weiß. Ein böses Psychospielchen, das erst mit dem Auftauchen des jungen Orest (Carlo Ljubek) endet, der sich dem Götterwillen beugt und die Rachetat an Mutter und Nebenbuhler vollstreckt.

Hernach geht es übergangslos in die Euminiden. Während sich Orest noch im Blute der Erschlagenen wälzt und gleichzeitig, sich einen Athene-Schrein bauend, von der quälenden Schuldfrage getrieben wird, tritt der lustige Dreierchor aus dem Agamemnon nun als wahrlich Wohlmeinende auf. Man palavert munter populärwissenschaftlich über Schwarze Löcher, Quantenphysik und Schrödingers Katze. Gesegnet ein Theater, das es sich leisten kann, Darsteller vom Format eines Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn und Gustav Peter Wöhler als Chor- und Eumeniden-Clowns zu besetzten. Die Frage: „Schuldig oder Nichtschuldig?“ wird hier mit einem „klaren“ fifty-fifty beantwortet, oder besser mit einem ruhigen null zu null. Nur nicht aufregen ist die Devise. Das Ganze endet nicht in der gottgegebenen Demokratie, sondern in einem Debattierclub des So-wohl-als-auch. Die Götter sind aus dem Olymp verbannt. Der Mensch steht nun allein mit seiner Not. Es bleibt schwierig, ist die Quintessenz. Dem vielschichtigen Abend mehr als angemessen.

 ***

DIE RASENDEN
Iphigenie in Aulis, Die Troerinnen, Die Orestie/Elektra
Nach Euripides / Sartre / Aischylos / von Hofmannsthal
Deutsch von: Soren Voima / Hans Mayer / Peter Stein
Spielfassung: Karin Beier, Rita Thiele
Regie: Karin Beier, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Maria Roers, Komposition und musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Rita Thiele, Dramaturgie und Spielfassung Die Troerinnen: Ursula Rühle.
Mit: Lina Beckmann, Yorck Dippe, Sachiko Hara, Rosemary Hardy, Markus John, Anja Laïs, Carlo Ljubek, Joachim Meyerhoff, Birgit Minichmayr, Anne Müller, Maria Schrader, Angelika Richter, Götz Schubert, Rosalba Torres Guerrero, Julia Wieninger, Michael Wittenborn, Gustav Peter Wöhler.
Musikerinnen: Silvia Bauer, Nora Krahl, Yuko Suzuki, Der Trojanische Krieg unter Mitwirkung des Ensemble Resonanz, Chor bei Der Trojanische Krieg und Elektra: Sängerinnen der Sängerakademie Hamburg, Klagechor bei Die Troerinnen: Sängerinnen aus den Chören MissKlang und Schrillerlocken.

Premiere vom 18.01.2014 im Deutschen SchauSpielHaus Hamburg
Dauer: 6 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

Infos: http://schauspielhaus.de/de_DE/repertoire/die_rasenden.950698

Zuerst erschienen am 22.01.2014 bei Kutura-Extra.

_________

K und K aus K – Ein Chorisches Wasserwerk und ein Zirzensischer Kirschgarten vom Schauspiel Köln beim Theatertreffen 2011

Donnerstag, Mai 12th, 2011

KKK könnte auch Kölner Karnevals Klub heißen, steht hier aber für die beiden Karins, Regisseurinnen vom Schauspiel Köln, die mit ihren Inszenierungen „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ und „Der Kirschgarten“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen wurden. Zum zweiten Mal hintereinander ist das Schauspiel Köln unter Karin Beier mit zwei Stücken beim Theatertreffen vertreten. Jeweils ein Stück inszenierte die Intendantin selbst. Im letzten Jahr war es die fast stumm in einem Glascontainer spielende Filmadaption von Ettore Scolas „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“. Dieses Jahr kam sie mit der wortschwallenden Inszenierung gleich dreier Texte von Elfriede Jelinek nach Berlin. 3 ½ Stunden wird der Zuschauer in „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ sozusagen zugetextet und mit einer Bilderflut überschüttet, die ihres Gleichen sucht. „Die Rede versiegt über bald 160 Seiten nicht und wartet vergeblich auf einen Zuchtmeister, einen Staudamm, der ihr Einhalt gebietet.“ stellt Joachim Lux im Programmheft zu „Das Werk“ in der Inszenierung von Nicolas Stemann 2003 im Wiener Akademietheater in einem Gespräch mit der Autorin fest. Die ersten „Zuchtmeister“ Jelinekscher Texte von Einar Schleef über Christoph Schlingensief bis zu Nicolas Stemann, haben immer versucht die kaum zuordenbaren Textgebirge auf ganze Chöre abzuladen. Auch in der besagten Inszenierung von Nicolas Stemann treten die Heidis und Peters in Gruppen auf und Hänsel steht ein ganzer Arbeiter-Chor von Tretels zur Seite. Es scheint fast nur so möglich zu sein, diese unglaublichen Textmassen zu schultern.
Es geht um das Verhältnis Mensch zur Natur, das immer mehr zu einem Missverhältnis gerät. Der Mensch, „Weil wir es können!“, greift seit jeher bändigend in die Naturgewalten ein, baut Staudämme zur Energiegewinnung und trotzt dem Wasser mit Deichen neues Land ab. Er selbst löst die Götter ab und erhebt die Technik zum neuen Götzen. Die Natur, hier das Wasser, schlägt immer wieder zurück, dabei Bauwerke und Menschen verschlingend. Technik kann sich nun sogar gegen den Menschen wenden, „Was fallen kann, das wird auch fallen“. An die Massen von Menschen, die schon bei der Errichtung solcher naturbändigender Werke als Zwangsarbeiter unfreiwillig ihr Leben verloren haben, will Elfriede Jelinek in dem Stück „Das Werk“ erinnern, gegen das allgemeine Vergessen anschreiben. Ein hoch moralischer Anspruch der Autorin, den Karin Beier gleich mit zwei weiteren Texten von Elfriede Jelinek noch erweitert. „Im Bus“ handelt von einem Unglück bei dem ein Bus in einer Baugrube für den U-Bahnbau in München verschwindet und drei Tote fordert. Im neusten Stück „Ein Sturz“ geht es um den Einsturz des Stadtarchivs von Köln infolge von Schlamperei beim Bau der innerstädtischen U-Bahn. Das Gebäude „stürzt hin über zwei Jungenleichen“, da sich eintretendes Wasser mit dem Baugrund vermischt und die Standfähigkeit unterminiert, denn „sicher ist hier nichts mehr“. „Und wer ist jetzt schuld?“, es ist vor allem die offene Frage nach der Schuld, die dieses Stück durchzieht.
Karin Beier nimmt den Text von „Das Werk“ als Einführung für den Abend. Die Vorstellung des Menschen als Bezwinger der Naturgewalt in Gestalt eines Ingenieurs (Thomas Loibl), der am Beginn vor dem Vorhang das Hohelied auf die Tatkraft des Menschen preist. Diesem Peter wird nach dem Öffnen des Vorhangs Bewunderung zuteil von seiner Heidi. Das Bühnenbild ist relativ einfach gestaltet mit mehreren Holztischen, an denen das Werk entworfen wird. Hier wird das Wasser gebändigt, es fließt noch relativ kontrolliert aus einer Vielzahl von Flaschen und wird getrunken. Das Wasser als Genussmittel und Lebensspender. Erste Zweifel werden gesät durch eine ständig singende Putzfrau (Rosemary Hardy) die stört, es wird das Solidaritätslied von Brecht gesungen, als ironischer Verweis auf gescheiterte Utopien und schließlich mit Heidi- und Petermasken ein Robotterballett der gesunden Körper aufgeführt, „ganz natürlich“ dem Biowahn verfallen, bis sich dann ein kompletter Gesangschor aufbaut und lautstark „Eine neue Welt fordert ihre Rechte“ skandiert.
Die Männer von Kaprun in Gestalt des Chors „Die Zauberflöten e.V.“ stehen für die große Aufbautat nach dem Krieg mit dem Wasserkraftwerk Kaprun. Die offiziell bekannte Zahl der beim Bau Verunglückten wurde mit 160 angegeben. Diesen Mythos will Elfriede Jelinek zerstören. Hänsel (Michael Weber) und Tretel (Manfred Zapatka) treten aus dem Chor hervor und berichten von den Menschen aus ganz Europa die für den Bau des Staudamms aus ihrer Heimat deportiert wurden, als „Frischfleisch“ für die Baustelle. Die eben noch Goethes Faust für das Größte hielten, stehen nun vor dem Unfassbaren. Der Chor singt dazu immer wieder Goethes „Gesang der Geister über dem Wasser“ zu der Musik von Franz Schubert. „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser“, eine Metapher für den Glauben an das Göttliche in allen Dingen der Natur, das in diesem Werk mit den Massen von Toten pervertiert ist. Die antike tragische Wucht des vielstimmigen Sprechchores gegen die Harmonie der Schubertschen Vertonung von Goethes Gedicht, das auch ein Zeichen für den ewigen Fluss von Werden und Vergehen ist.
Eine Sirene beendet den starken Auftritt des Chors und die Schauspieler fallen um, das Unglück ist geschehen. Lina Beckmann als eine der „Mütter auf der Dammkrone“ ruft nach ihrem Kind und versucht einen der liegenden Männer auf einen Tisch zu hieven. Karin Beier will auch hier mit einigen Slapsticknummern die Ernsthaftigkeit aufbrechen, das Übermoralische des Textes relativieren. Das kulminiert schließlich in einem regelrechten Karnevalsspaß von Thomas Loibl, Michael Weber und Manfred Zapatka als grell geschminkte Bauarbeiterkarikaturen, die den Text „Im Bus“ vortragen. Drei zynisch, satyrische „Totenführer“ der Münchner Unterwelt „…aber sterben Sie nicht! Machen Sie, was Sie wollen, aber sterben Sie nicht!“ Der Text befindet sich auf der Website: http://www.elfriedejelinek.com/ unter Tod-krank.Doc für Christoph Schlingensief.

theatertreffen-2011-3.JPG

Das Bühnenbild zur Pause: noch nicht geflutet, aber bereits mächtig unter Dampf (Foto: St.B.)

Nach der Pause wird dann aber mit „Ein Sturz“ erst das wirkliche Satyrspiel aufgeführt. Die Männer und Frauen des Schauspielensembles hacken in ihre Laptops, geschäftiges Bürotreiben, der Text kommt verfremdet vom Band oder wird von hinten per Mikro eingesprochen. Das Telefon klingelt und eine Radio tönt immer wieder, bis es in die Mülltonne fliegt. Es werden Politiker karikiert und deren Ausreden persifliert. „Wir haben Menschen gerufen und Banken sind gekommen.“ Die Schuld die sich nicht personifizieren lässt will Karin Beier damit darstellen. Der ausufernde, dahinmeandernde Textschwall ist wieder voller Anspielungen und Kalauer. Caroline Peters liest ihn immer wieder pathetisch aus einem Buch. Der Text konzentriert sich auf die Erde, die es zum Wasser drängt, trotz Pumpen und Brunnen, für viel Geld, die Baukosten verdoppelnd. Die Erde muss den Zoll zahlen und wenn die Erde nicht zum Wasser kommt, kommt das Wasser eben zur Erde, heißt es im Text. Da kein Mensch Schuld sein will, sind es die Elemente, die Erde personifiziert in einem kleinen Erdteufel, Kathrin Wehlisch wälzt sich in lehmbraunem Sand, und Krzysztof Rackowski begießt sich als Wasser mit blauer Farbe.
Es beginnt ein Körperkampf, voll sexueller Anspielungen, Erde und Wasser die in wilder Vereinigung der Elemente, den Einsturz provozieren. Die Erde begeht Selbstmord im Wasser. Ein Becken ist im Bühneboden eingelassen, der sich stetig mit Wasser füllt. Es lässt sich auch nicht mit den Schuh verstohlen wieder zurückschieben, es überflutet aus einem langen Rohr fließend die Bühne. Erst noch in unschuldiger Karnevalslaune tanzend wird nun ausgerutscht und hingestürzt, einer Stadt wird der Boden entzogen. Man schlägt sich und wirft das geduldige Papier in die Luft. Die Gottgleiche Macht der Baukonzerne wird angerufen, die ihre Kinder (Subunternehmen) wie aus „Zeus` Stirne“ gebären. Hinter Masken versteckt lamentieren die Stadtoberen und weisen alle Schuld von sich. Es treten die Drei heiligen Könige auf, beleheren und verteilen Absolution. Das Wasser lässt sich nicht beaufsichtigen und da es nichts kostet ist es auch nichts wert und hat keine Stimme. „Das Wasser trägt alles, wir müssens ertragen, und Schweigen breitet sich aus.“ Karin Beier hat dem übermächtigen Text von Elfriede Jelinek eine bildgewaltige Interpretation entgegengesetzt. Ein fulminanter Auftakt für das Theatertreffen und verdienter, erlösender Beifall für das großartige Ensemble beschließt den Abend.

DAS WERK/IM BUS/EIN STURZ, Videotrailer des Schauspiels Köln bei YouTube

Die zweite Karin aus Köln, Karin Henkel, besitzt auch schon Theatertreffenerfahrung, bereits vor 5 Jahren hat sie einen fulminanten Tschechow auf die Drehbühne der Berliner Festspiele geknallt. Das Publikum wurde fast von einer Dampflok überrollt und der überragende Felix Goeser, derzeit am Deutschen Theater in Berlin engagiert, erhielt für die Rolle des völlig hemmungslos von der Leine gelassenen „Platonow“ in der Regie von Karin Henkel den Alfred Kerr Darstellerpreis und wurde von Theater Heute zum Schauspieler des Jahres 2006 gewählt. Sie kann es also, die Komödie bei Tschechow zum Leben erwecken und das über die üblichen 2-3 Stunden Normspielzeit. In ihrer Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“, dem letzten Stück Tschechows ist sie allerdings dem Einfall erlegen, die Komödie gleich komplett in den Zirkus zu verlegen.
Auf einem mit Erde aufgefüllten Geviert steht ein kleiner runder Podest, der sich drehen kann und wie für Zirkustiere gemacht scheint. An der Decke hängt eine mit leuchtenden Glühbirnen bestückter Sperrholzbaldachin. Die nutzlose und nicht von dieser Welt scheinende Truppe um die  Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Lena Schwarze) ist ständig dauermüde, fällt gern einfach um, verrenkt sich dabei sämtliche Glieder und kann nur noch mühsam wieder aufgerichtet werden. Ihr Geschäft ist das Fabulieren vom Gestern und das Wegwerfen von Geld, das niemand wirklich besitzt. Der Haufen ist völlig antriebslos und auf sich bezogen, dass da bereits der sprichwörtliche Kuckuck an den geliebten Kirschbäumen klebt, realisiert niemand ernsthaft. Man feiert Partys, macht Musik und erfreut sich an den Zauberkunststücken der französischen Gouvernante, dargestellt von der Volksbühnendame Brigitte Cuvelier im Reitkostüm und auch mal mit Jagdgewehr. Wie bei richtigen Clowns knarren die Schuhe oder es bricht ein Tisch mit abgesägtem Bein ein. Der Hausherr Leonid Gajew (Matthias Bundschuh) ist ein ständig jammernder Schöngeist und Traumtänzer, der Rest einfach so lala. Das alles erinnert stark an die lebensuntüchtige Dachbodengesellschaft der Hamburger „Drei Schwestern“ von Christiane Pohle.
Der ehemalige Bauernsohn Lopachin (von Fernsehkommissar Charly Hübner verhaftet), hat es durch Geschäfte zu viel Geld gebracht und scheint zunächst der einzigste, der hier irgendwelche Ideen für die Zukunft hat. Aber er erliegt ebenso dem schönen Schein der Partygesellschaft und kann sich nicht von den Traumtänzern lösen, die da übereinander stolpern und sich gegenseitig nerven. Seine Entscheidungskraft erschöpft sich auch nur auf das Anhäufen von Besitz und so kauft er schließlich den Kirschgarten selbst und verwirklicht seinen materiellen Traum, anstatt seinen Gefühlen zur spröden Warja (Lina Beckmann) nachzugeben. Er säuft nun Champus ohne wirklich da angekommen zu sein, wo er gerne wäre. Der Baldachin senkt sich nach unten und besiegelt so das Ende der Show. Die Regieeinfälle reichen gerade für die angesetzten zwei Stunden, mehr ist nicht drin. Die Zirkusbagage reist einfach ab, einem neuen Gastspiel entgegen und stürzt kreischend über die Bühne. „Willkommen, neues Leben!“ Nur, dass die hier alle nicht mal ein altes hatten.

DER KIRSCHGARTEN, Videotrailer des Schauspiels Köln bei YouTube