Archive for the ‘Katharina Thalbach’ Category

Zweimal nachdenklich Stimmendes am Kudamm-Boulevard – „Geächtet – Disgraced“ von Ayad Akhtar und „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams

Sonntag, März 13th, 2016

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Ivan Vrgoč bringt mit dem preisgekrönten Konversationsstück Geächtet – Disgraced von Ayad Akhtar eher Nachdenkliches auf die Boulevardbühne am Berliner Kudamm

Geächtet_Plakat_santinis productionNach Rumors – Gerüchte…Gerüchte und Eine Familie – August: Osage County ist Geächtet – Disgraced von Ayad Akhtar der dritte Streich der unabhängigen Theaterproduktionsfirma santinis im Theater am Kurfürstendamm. Geächtet wird als „Stück der Stunde“ gehandelt und in diesem Jahr noch in mehreren deutschen Theatern zu sehen sein. Den Anfang machte vor zwei Wochen das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Das 2012 in Chicago uraufgeführte Boulevardstück hat in Folge auch kontroverse Diskussionen am New Yorker Broadway ausgelöst und wurde 2013 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Nun hat es Ivan Vrgoč, Schauspieler und Mitbegründer von santinis production, den großen, öffentlich subventionierten Theatern der Hauptstadt weggeschnappt und nach anfänglichen Schwierigkeiten selbst inszeniert. Nicht nur einer der geplanten Stars (Cosma Shiva Hagen) wurde ausgetauscht, auch der ursprüngliche Regisseur musste wegen künstlerischen Differenzen vorzeitig gehen. Nicht die allerbesten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Premiere und klingende Kassen.

Dennoch braucht sich die Inszenierung nicht zu verstecken, wenn auch die Ankündigung, Geächtet stünde in der Tradition großer Theaterschlachten wie Wer hat Angst vor Virginia Woolf etwas zu hoch gegriffen scheint. Man tut sich damit nicht unbedingt einen Gefallen. Auch mit dem Prädikat „Stück der Stunde“ liegt man nur insoweit richtig, als dass mit dem Bürgerkrieg in Syrien und den permanent steigenden Flüchtlingszahlen der Islam im Westen als Religion wieder in aller Munde ist. Es geht, und das nicht erst seit heute, um religiöse Tradition, Integration oder Assimilation, alltäglichen Rassismus und Vorurteile gegenüber anders Aussehenden aus Angst vor dem Terrorismus.

Zumindest zeigt Geächtet im Verlauf einer Dinner Party zweier Paare sehr anschaulich – und das hat es wiederum z.B. mit dem Gott des Gemetzels von Yasmina Reza gemein – wie dünn der Firnis der ach so aufgeklärten und offenen Gesellschaft ist, und dass auch in der sich sonst so politisch korrekt gebenden US-amerikanischen Upper Class das gute alte Ressentiment quer durch alle religiösen und politischen Bekenntnisse nicht vollends ausgestorben ist. Man spricht hier selbst einmal von Lippenbekenntnissen, als es um die allgemeine Behauptung geht, wirklich tolerant gegenüber anderen Religionen zu sein.

 

Geächtet - Disgraced von Ayad Akhtar im Berliner Theater am Kurfürstendamm - Foto (c) Katarina Ivanisovic

Geächtet – Disgraced von Ayad Akhtar im Berliner Theater am Kurfürstendamm – Foto (c) Katarina Ivanisovic

 

Solch angebliches Musterbeispiel von Toleranz und gelungener Integration stellt das Upper-East-Side-Paar Evelyn (Katja Sallay) und Amir (Mehdi Moinzadeh) dar. Er, als in den USA geborener Muslim mit pakistanischen Wurzeln, hat dem Islam abgeschworen, sich eine indische Identität und den Nachnamen Kapoor zugelegt. Sie ist als Malerin von der orientalischen Kunst fasziniert und meint sogar, dass der Islam zu unserem Wesen gehört. Das sorgt nicht nur in der Beziehung für Spannungen, sondern wirkt sich auch bis ins Berufliche aus. Amir ist erfolgreicher Wirtschaftsanwalt in einer Kanzlei mit jüdischen Partnern und schreckt davor zurück, auf Bitten seines Neffen Abe (Rauand Taleb) einen Imam unter Terrorverdacht zu unterstützen. Als er es seiner Frau zu Liebe dennoch tut, bekommt er wegen eines Zeitungsartikels und seiner vorgetäuschten Identität Probleme in der Kanzlei.

Abe meint zwar, dass es erlaubt ist, seine Religion zu verleugnen, beginnt sich aber enttäuscht von der ablehnenden Haltung seines Onkels und den zunehmenden Verdächtigungen gegenüber Bürgern muslimischer Herkunft zu radikalisieren. Dieser Exkurs in die Familiengeschichte Amirs, der das eigentliche Zentrum der Handlung, die eskalierende Dinner Party, wie ein Rahmen umspannt, ist durchaus wichtig, lenkt den Fokus des Stücks aber etwas zu sehr auf Amir selbst. Das Gästepaar, Amirs afroamerikanische Kollegin Jory (Dela Dabulamanzi), die ihm letztendlich von den Partnern der Kanzlei vorgezogen wird, und ihr Mann, der jüdische Gallerist Isaac (Gunther Gillian), bleibt hier in Figurenzeichnung und Darstellung etwas zu eindimensional.

 

Geächtet - Disgraced von Ayad Akhtar im Berliner Theater am Kurfürstendamm - Foto (c) Katarina Ivanisovic

Geächtet – Disgraced von Ayad Akhtar im Berliner Theater am Kurfürstendamm – Foto (c) Katarina Ivanisovic

 

Der recht ironiefreie Abend kulminiert, noch bevor es zum mitgebrachten Nachtisch kommt, in die vorhersehbare Katastrophe. Nach anfänglichem Smalltalk beim Scotch kommt man schnell zu Themen wie dem Patriot Act und racial profiling, beim Salat geht es dann schon mit explizit israelkritischen Äußerungen und dem N-Wort zur Sache. Dabei gerät der eher islamkritische Amir, der seine Religion eigentlich für sehr rückschrittlich hält, immer mehr in die Defensive, aus der er sich nur mit der fragwürdigen Äußerung, der 11. September habe ihn mit einen Hauch von Stolz erfüllt, zu befreien glaubt. Da hört allerdings die Toleranz der anderen auf und beginnt der Abstieg für Amir.

Regisseur Ivan Vrgoč lässt die vier Diskutierenden immer wieder aufgeregt auf der schrägen, spitz nach oben zulaufenden Bühne hin und her laufen und auch mal bedeutungsvoll ins Publikum blicken. Eine wirklich spannende Konversation entwickelt sich so aber nur bedingt. Es sind eher die stillen Momente im Vorfeld und im Nachwirken des für Amir zerstörerischen Abends, der auch noch die Entdeckung einer Affäre zwischen Evelyn und Isaac bereithält, die einem zum Nachdenken bringt. Amir bleibt ein Sklave seiner Abstammung, auch wenn ihn Evelyn nach dem Velasquez-Portrait des Mauren Juan de Pareja in stolzer Haltung malt. Sehr passend dazu auch der immer wieder zwischen den Szenen eingespielte Beatles-Song „A Day in the Life“ über das plötzliche Ende eines Aufsteigers. Insgesamt nicht gerade ein Wohlfühlabend für das sicher Seichteres gewohnte Kudamm-Publikum. Trotzdem sollte man sich das Stück ruhig ansehen.

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Geächtet – Disgraced
von Ayad Akhtar
Deutsch von Barbara Christ
eine santinis production
Regie: Ivan Vrgoč
Bühne: Paul Lerchbaumer
Kostüme: Neit Pazos
Dramaturgie: Patrick Wildermann
Mit: Katja Sallay, Mehdi Moinzadeh, Dela Dabulamanzi, Gunther Gillian und Rauand Taleb
Premiere war am 28. Januar 2016 im Theater am Kurfürstendamm
Spieldauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten

Termine: 13., 16.03.-20.03. / 23.03.-27.03.2016

Infos: http://www.komoedie-berlin.de

Zuerst erschienen am 30.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Katharina Thalbach inszeniert Die Glasmenagerie von Tennessee Williams ungewohnt melancholisch und stimmungsvoll stimmig in der Komödie am Kurfürstendamm

Die Glasmenagerie in der Komödie am Kufürstendamm | Foto (C) Barbara Braun

Die Glasmenagerie in der Komödie am Kufürstendamm
Foto (C) Barbara Braun

Der US-amerikanische Schriftsteller und Dramatiker Tennessee Williams gehört neben William Faulkner, Flannery O’Connor, Harper Lee oder Truman Capote zu den Hauptvertretern des sogenannten Southern Gothic. In seinen Südstaatendramen wie Die Katze auf dem heißen Blechdach, Orpheus steigt herab oder Endstation Sehnsucht beschreibt er den Niedergang der dekadenten, gutbürgerlichen Südstaatengesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei nahm Williams in seinen Dramen meist direkt Bezug zur eigenen Familiengeschichte. So auch in dem 1944 in Chicago uraufgeführten Stück Die Glasmenagerie, mit dem er erstmals bekannt wurde.

Wie das weitaus häufiger gespielten Stück Endstation Sehnsucht ist auch Die Glasmenagerie eine hochpsychologische Familienstudie mit starkem Symbolcharakter, wenn auch den Dialogen noch etwas die spätere Schärfe fehlt. Eine spezielle Besonderheit des Dramas ist aber die Einbindung einer epischen Erzählebene, in der die Hauptperson Tom Wingfield das Geschehen auf der Bühne immer wieder im Rückblick kommentiert und dazu noch in die große Weltgeschichte einordnet. Während im St. Louis der 1930er Jahre eine in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie mit Mutter, Tochter, Sohn zerfällt, gibt es in Europa bereits die ersten Anzeichen für den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg.

Und so steht Leonard Scheicher als Tom Wingfield in Seemannsjacke auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm und berichtet zu coolen Schlagzeugbeats von Live-Musiker Emanuel Hauptmann von den Bomben des Spanischen Bürgerkriegs. Während Amerikas Jugend sich zu Jazzklängen amüsiert und in Hollywood-Kinofilmen von Abenteuern auf fernen Kontinenten träumt, schießt sich Hitler-Deutschland in Spanien bereits auf Kommendes ein. Auch Tom Wingfield war einst so ein Sehnsuchtsräumer. Mit flinker Hand führt er uns ein paar Zaubertricks vor und erzählt mit dem Wissen von heute eine Geschichte aus seiner Erinnerung. Und in der erscheint alles immer in der Begleitung von Musik. Melancholisch spielt das Grammofon alte Blues- und Jazz-Titel.

Und so ist auch der Ton der Inszenierung von Katharina Thalbach, die sonst eher für deftigen Komödien-Klamauk á la Wie es euch gefällt bekannt ist, in weiten Teilen ein ganz zart-melancholisch weichgezeichneter. Bühnenbildner Ezio Toffolutti hat der Regisseurin dafür ein paar drehbare mit weißen Vorhängen luzid abgetrennte Räume geschaffen und mit ein paar alten Möbeln ausstaffiert. Hier strahlt alles Gemütlichkeit, aber auch etwas langweilige Spießigkeit aus. Mutter Amanda Wingfield (Anna Thalbach [die Tochter von Katharina Thalbach]) nervt nicht nur mit belehrenden Tischweisheiten und Kalendersprüchen, sondern auch mit ihren ewig gestrigen Geschichten aus einer einstmals besseren, mondänen Vergangenheit mit vielen Verehrern. Während sich der tags in einem Lagerhaus malochende Sohn Tom immer beengter fühlt und jede Nacht ins Kino oder den Alkohol flieht, zieht sich die lebensuntüchtige Tochter Laura (Nellie Thalbach [die Enkelin von Katharina Thalbach]) immer mehr in die fragile Traumwelt ihrer titelgebenden Glasfiguren zurück.

 

Die Glasmenagerie in der Komödie am Kufürstendamm | Foto (C) Barbara Braun

Die Glasmenagerie in der Komödie am Kufürstendamm
Foto (C) Barbara Braun

 

In ständiger, sparsam beleuchteter Düsternis werfen ferne, kaum hörbare Rufe und vage Umrisse hinter den Vorhängen Schatten böser Ahnungen voraus. In Tennessee Williams Drama einer zerbrechenden Südstaatenfamilie wechseln Wut und Emotionen mit Melancholie und Depression. Mit dem Mut der Verzweiflung versucht Mutter Wingfield alles zusammenzuhalten. Letztendlich nur ein kurzer Hoffnungsschimmer, ein letzter Griff nach dem rettenden Strohhalm. Anna Thalbach spielt das ganz resolut mal als gluckendes, schnarrendes Muttertier, mal als Dame von Welt mit Ambitionen zu Höheren. In die Zukunft der Kinder investiert sie alles, nur die Ungeduld des unzufriedenen Sohns, das schwindende Selbstvertrauen und der fehlende Lebensmut der Tochter torpedieren immer wieder die Bemühungen der Mutter.

Letzte Chance für Laura ist ein arrangiertes Abendessen zur gezielten Eheanbahnung. Tom, der sich innerlich wie vor Jahren sein Vater schon längst verabschiedet und den Seemannspass in der Tasche hat, lädt seinen Arbeitskollegen Jim O’Conner (Florian Donath) ein, der neben dem Lagerhaus-Job Rhetorik und Radiotechnik an der Abendschule studiert. Bei dessen gut gemeinten Schmeicheleien taut die sonst recht ängstlich piepsige Laura kurzzeitig auf, bevor die letzte Enttäuschung sie endgültig verstummen lässt. Das symbolgeladene gläserne Einhorn verliert beim Tanz der beiden sein Horn und wird zum gewöhnlichen Pferd ohne Besonderheit.

Nelli Thalbach schafft es sehr gut, der stets schüchternen, leicht gehandicapten Laura ein paar einfühlsame Facetten abzugewinnen. Die dankbareren Rollen haben aber sicherlich die beiden Ernst-Busch-Schauspielschüler Leonard Scheicher und Florian Donath, die ihre Figuren spielerisch hervorragend beherrschen und die recht einfache, konventionelle Inszenierung tragen. Das muss kein Nachteil sein. Katharina Thalbach zeigt, wie mit ein paar gezielten Lichtwechseln, Musik und Kerzenschein sowie gutem Schauspiel die düstere Gotik Tennessee Williams zu glänzen beginnt.

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Die Glasmenagerie (08.03.2016)
Von Tennessee Williams
Deutsch von Jörn van Dyck
Regie: Katharina Thalbach
Ausstattung: Ezio Toffolutti
Musik und Drums: Emanuel Hauptmann
Mit: Anna Thalbach, Nellie Thalbach, Leonard Scheicher und Florian Donath
Premiere war am 6. März 2016 in der Komödie am Kurfürstendamm
Dauer: ca. 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Termine: bis zum 17. April 2016 en suite Di-So

Infos: http://www.komoedie-berlin.de/

Zuerst erschienen am 11.03.2016 auf Kultura-Extra.

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Zweimal Gerhart Hauptmann einmal anders. „Die Ratten“ in der Regie von Jette Steckel am Thalia Theater Hamburg und „Roter Hahn im Biberpelz“ zum 60. Geburtstag von Katharina Thalbach in der Komödie am Kurfürstendamm.

Mittwoch, Januar 22nd, 2014

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Jette Steckel verbindet am Thalia Theater in Hamburg Gerhart Hauptmanns Drama Die Ratten mit Szenen von Maxim Gorki und Einar Schleef

Vor den Türen des Thalia Theaters steht wie sooft ein Obdachloser und verkauft das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt. Einige Besucher geben ihm etwas Geld, andere strömen hastig vorbei, ohne den Mann nur eines Blickes zu würdigen. Sehr viel näher kommt der deutsche Bildungsbürger dem Elend dann auch meistens nicht. Aber immer wieder wird es auf den Theaterbühnen des Landes verhandelt. „Kann man einen richtigen Penner mit einem richtigen Schauspieler verwechseln?“ fragte Einar Schleef 1986 in seinem Theaterstück Die Schauspieler, das den Besuch des Uraufführungsensembles von Maxim Gorkis Nachtasyl unter der Leitung von Regisseur Konstantin Stanislawski auf dem Moskauer Chitrow-Markt reflektiert. Gemeinsamer Ausflug zum Pennerstudium sozusagen. Das ging arg schief, Gorkis Stück wurde dennoch eine Sensation und steht bis heute fast ununterbrochen auf den deutschen Spielplänen sowie immer wieder unter dem Generalverdacht des Sozialkitsches.

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Nun geht es bei Jette Steckels neuer Inszenierung eigentlich nicht um Gorkis Nachtasyl, sondern um Gerhart Hauptmanns Drama Die Ratten, aber gerade Hauptmann hatte den Realismus und Naturalismus auf der Bühne zum Hauptstilmittel erklärt. Seine Stücke Die Weber und Die Ratten sind bestes Beispiel dafür und auch heute immer noch Herausforderung für Regisseure zur Darstellbarkeit von menschlichem Elend auf der Bühne. Und so beginnt es auch im Thalia mit einem Monolog von Catrin Striebeck als Frau Sidonie Knobbe – eine abgehalfterte Schauspielerin, die auch schon bessere Tage gesehen hat und von ihren einstmals bis zu 14 Vorhängen berichten kann. Sie wird schließlich vom Abenddienst unter großem Protest hinausgetragen. Man will sich ja nicht gleich am Anfang die gute Laune verderben lassen. So viel zu realem Schauspielerelend, das es, nebenbei bemerkt, ja auch tatsächlich gibt und nicht nur in Gorkis Nachtasyl.

Die Ratten im Thalia Theater in Hamburg

Die Ratten im Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

Das eigentliche Stück beginnt auf dem Dachboden des ehemaligen Theaterdirektors Hassenreuther, einem Vertreter des guten alten Repräsentations- und Deklamationstheaters, für den vermutlich mit Shakespeares Hamlet die Theatergeschichte für abgeschlossen gilt. Mit viel Humor gibt Karin Neuhäuser den alten Patriarchen mal zynisch von oben herab als großen Theatertheoretiker – dazu hat ihr die Maske das Aussehen von Thalia-Intendant Joachim Lux verpasst, der als ehemaliger Dramaturg auch gerne große Reden über die Geschichte und Bedeutung von Theater hält. In leicht depressiven Phasen sinniert sie allerdings auch mal wie ein ehemaliger Kollege vom Hamburger Schauspielhaus. Hassenreuthers Geliebte, die Schauspielerin Alice Rütterbusch (Franziska Hartmann), spreizt sich im weiten Revuefächer und singt „Im Theater ist nichts los“ von Georg Kreisler. Da staubt es mächtig, natürlich nur aus dem Fächer. Neue Darstellungsweisen am Theater will der ehemalige Theologiestudent Erich Spitta (Mirco Kreibich) ausprobieren und hat sich dazu mit Hassenreuthers Tochter Walburga (ebenfalls Franziska Hartmann) auf dem Dachboden verabredet. Da wird auch mal kurz mit Handpuppen Heiner Müllers Herzstück gespielt.

Der Disput ums Theater zwischen ihm und Hassenreuther wird zum Mittelpunkt dieser fast zweieinhalbstündigen Inszenierung. Es geht um die Dreifaltigkeit des Theaters nach Hassenreuther: Vorstellung, Verstellung, Darstellung. Und Spitta und das Publikum bekommen ihre Lektion. Das ist gespickt mit Zitaten und jeder Menge Wortwitz. So tun als ob, ist Spitta natürlich nicht genug. Er will das Elend durchleben und fühlbar machen. Es geht ihm um Freiheit und Gerechtigkeit und eine realistische Darstellungsweise der Welt da draußen. Heute würde man von Authentizität und Relevanz sprechen. Für Hassenreuther geht es dagegen einzig und allein um die Kunst. Das alte Dilemma des Künstlers. Und da besteht die Eigenart des Theaters ja meistens darin, dass es mit der Fliegenpatsche nach Sachen schlägt, die in der Realität eigentlich mindestens eines Bulldozers bedürften.

Jette Steckels Bulldozer heißt hier nun Einar Schleef, den sie just am siebzigsten Geburtstag des 2001 zu früh verstorbenen Schriftstellers, Theaterautors und -regisseurs auffahren lässt. Schleef bemängelte immer wieder die fehlende „Ausdrucksnot“ der Schauspieler, die einfach immer wieder nach einem Mantel verlangten, um sich auszudrücken. Um diese Art Bemäntelung geht es wohl auch in Jette Steckels Inszenierung. Genauso einen hängt sich dann nämlich Franziska Hartmann als Schauspielerin Alice Rütterbusch aka Pilger Luka aus Gorkis Nachtasyl um, und springt als Anspielpartnerin dem bereits in einer zu großen Jacke befindlichen und verzweifelt mit seiner Darstellung des Penners Kleschtsch ringenden Mirco Kreibich als Spitta bei.

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Jette Steckel während des Ratten-Schlussbeifalls im Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

Der Gang der drei zum Penner-Markt, um dem gepeinigten Elendsdarsteller Spitta das Studium am lebenden Exemplar zu ermöglichen, wird für sie zum Purgatorium mit brennendem Einkaufswagen, grölenden Pennern, kleinen Seitenhieben auf Hamburger Gefahrenzonen und endet in einer Vergewaltigungsdarstellung der verdutzten Schauspielerin Rütterbusch. „Du hast doch keine Ahnung von uns, du bist doch ein Spieler“, schlägt es dem konsternierten Spitta entgegen. „Alles nur Lüge.“ „Lügen, das wollten wir doch nicht mehr“, konstatiert da nur noch resigniert der Möchtegernschauspieler Spitta aka Kleschtsch aka Kreibich. Das Ganze löst sich aber schließlich in einem schönen Ringelrein mit Walzermusik auf. Und so unterstreicht auch die Musikauswahl der beiden Livegitarristen Dieter Fischer und Markus Graf immer wieder den Scheincharakter der Bühnenrealität. Mit The Notwist „Good Lies“ wird die Realität imitiert, aus Mangel einer besseren.

Das Theater reflektiert hier auf komödiantische Art zur schönsten Abendunterhaltung des Publikums sein Unvermögen nicht etwa in darstellerischer Hinsicht. Ihr Spiel ist nichts anderes als exzellent. Die Schauspieler zeigen hier den alten Kampf von Sein und Schein und führen sich und ihre Theatermittel genüsslich vor. Das alles ist ehrenwert, hat aber nur einen Haken, nämlich dass uns genau das bereits im letzten Jahr in Karin Henkels zum Theatertreffen eingeladener Kölner Inszenierung der Ratten deutlich vor Augen geführt wurde und mit Lina Beckmann eine bemerkenswerte Darstellerin der Frau John hatte. Am Thalia Theater spielt man natürlich nebenbei auch noch den gesamten Plot von Hauptmanns Ratten. Nur gerät das Stück dabei etwas zu sehr unter das theatertheoretische Räderwerk der Inszenierung.

Lisa Hagmeister als Frau Jette John und ihr Paul, dargestellt von Jörg Pohl, berlinern sich herzzerreißend durch den Plot, in dem die kinderlose Maurerpoliersgattin der Polin Pauline Piperkarcka (Maja Schöne) erst ihr auf dem Dachboden geborenes Kind abschwatzt und es dann als ihr eigenes ausgibt. Vor weißer Einbauküchenlandschaft entspinnt sich das Drama um Kind, Kindsmutter, -vertauschung und Tod, bis sich das kleine Glück der Frau John in Luft auflöst und ihr schräger Bruder Bruno (Thomas Niehaus in Bomberjacke) mit blutverschmierten Händen die schöne Mittelstandseinrichtung zerlegt. Der Rest ist wie bei Hamlet fast Schweigen. Vater John begreift die Welt nicht mehr und rennt vor die vorgetäuschte Bühnenrückwand. Den Kladderadatsch vorn auf der Bühne muss die Putzfrau wegfegen, und konstatiert wie Frau John am Anfang: „Eene jans scheene Süzifuzarbeit.“ Es ist aber auch manchmal ein Elend mit dem Theater.

DIE RATTEN

Thalia Theater Hamburg
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Mark Badur
Dramaturgie: Carl Hegemann
Besetzung:
Markus Graf (Quaquaro/Schierke/Luka)
Lisa Hagmeister (Frau John)
Franziska Hartmann (Walburga / Alice Rütterbusch)
Mirco Kreibich (Erich Spitta)
Karin Neuhäuser (Harro Hassenreuther)
Thomas Niehaus (Bruno Mechelke / Frau Kielbacke)
Jörg Pohl (Herr John / Kleschtsch)
Maja Schöne (Pauline Piperkarcka / Selma)
Catrin Striebeck (Frau Sidonie Knobbe)
Musiker: Dieter Fischer und Markus Graf
Premiere war am 17. Januar 2014
Dauer: 2 Stunden und 20 Min., keine Pause
Weitere Termine: 23. 1. / 11., 17., 24. 2. / 12. 3. / 1., 2., 19., 30. 4. / 20. 6. 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 18.01.2014 auf Kultura-Extra.

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Roter Hahn im Biberpelz nach Gerhart Hauptmann, mit Katharina Thalbach in der Hauptrolle. Eine Inszenierung von Philippe Besson in der Komödie am Kurfürstendamm.

Katharina Thalbach, 19.01.2014 - Foto: St. B.

Katharina Thalbach, 19.01.2014
Foto: St. B.

Die Schauspielerin und Theaterregisseurin Katharina Thalbach wurde 1954 als Tochter der Theaterschauspielerin Sabine Thalbach und des Theaterregisseurs Benno Besson in Ost-Berlin geboren. Der Drang zum Theater ist vorprogrammiert und das junge Talent wird früh entdeckt. Nach dem Tod der Mutter wächst sie bei Pflegeeltern auf und wird von Brechtgattin Helene Weigel weiter gefördert. Erste Theatererfolge feiert die Thalbach dann auch Ende 60er Jahre am Berliner Ensemble und ab Anfang der 70er auch an der Berliner Volksbühne und in zahlreichen DEFA-Filmen. Sie ist die Hure Betty in Brechts Dreigroschenoper, die schöne Helena von Peter Hacks und Lotte in der Werther-Verfilmung von Egon Günther. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Dichter und Filmregisseur Thomas Brasch, siedelt sie infolge der Biermann-Affäre 1976 nach West-Berlin über. Hier gehört sie als Schauspielerin und zunehmend auch als Regisseurin zum Ensemble des Schillertheaters.

In den Filmen Engel aus Eisen und Domino von Thomas Brasch spielt Katharina Thalbach die Hauptrollen. Brasch verewigt sie liebevoll auch in seinen Gedichten und spricht von einem Künstler-Dreigestirn „Heine und Tahlbach und ich“, eine Art Dreifaltigkeit aus Kopf, Bauch und Sohn. Einem breiteren Publikum bekannt wird die Thalbach dann mit der Rolle der Maria Matzerath in Schlöndorffs Blechtrommel-Verfilmung. Eine mögliche Hollywoodkarriere schlägt sie aber realistisch nüchtern denkend aus und konzentriert sich weiter auf das Theater, seit den 90er Jahren vermehrt auch auf die Arbeit als Opernregisseurin. Leander Haußmann holt Katharina Thalbach dann wieder für seine Komödien Sonnenallee und NVA vor die Kamera. Und am BE des Claus Peymann isnzeniert sie Brecht und Shakespeare.

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Die Thalbach fühlt sich neben der ernsthaften Opernkunst seit jeher vor allem in der Komödie zu Hause. Und da ist es folgerichtig, dass sie ihren 60. Geburtstag auch in ihrem zweiten Wohnzimmer feiert, der Komödie am Kurfürstendamm. Hier hat die Thalbach bereits so legendäre Komödien wie Shakespeares Wie es euch gefällt, mit einem reinen Damenensemble und den Raub der Sabinerinnen, die Theater-Klamotte schlechthin, auf die Bretter geknallt. Am besten feiern lässt es sich meist im Kreise der Familie, und wenn diese dann noch eine reine Theaterfamilie ist, natürlich auch auf der Bühne. Die 1,54m-Übermutter, eine Art Alphatier der Schauspielerinnenfamilie Thalbach, muss hier mal nicht den Ton angegeben. Für die Regie sorgt diesmal Halbbruder Philippe Besson. Die Thalbach spielt dabei neben Tochter Anna – aus der Beziehung zum Weigel-Großneffen Vladimir (ebenfalls Schauspieler), Enkelin Nelli und dem zweiten Besson-Sohn Pierre aber nicht nur als Geburtstagskind die Hauptrolle.

Es steht Gerhart Hauptmann auf dem Spielplan. Und, wie bereits in den 50ern von Bertolt Brecht bearbeitet, Der Biberpelz und Der Rote Hahn im Doppelback. Die Fassung von Jan Liedtke und Philippe Besson trägt den Titel Roter Hahn im Biberpelz. Und das Alphatier in Hauptmans Biberpelz heißt Mutter Wolffen. Vater Wolff (Pierre Besson) ist tumb und versoffen, zieht nur den Gürtel aus der Hose und ansonsten eher den Kürzeren. Die Thalbach/Wolffen schickt ihn zum Brennholzklauen, schiebt ihn auf die Rolle, oder in die Kneipe ab. Die Töchter Leontine und Adelheid (Anna und Nelli Thalbach) werden früh ans Leben heran- und als Hausmädchen in die feine Gesellschaft eingeführt. Dabei ist auch etwas Bildung wichtig, und die wird mit Goethes Zauberlehrling und Erlkönig vermittelt. Daheim heißt es zusehen wo man bleibt. Mutter Wolffen legt ihre Fangschnüre überall aus, da landen nicht nur „verendete“ Rehböcke drin. Und „Ob wir’s nu fressen, oder de Raben, jefressen wird’s doch, Amen.“

Diese Inszenierung ist eine echte Familienangelegenheit. Vorne: Katharina Thalbach, Mitte v. l.: Tochter Anna und Enkelin Nellie, hinten v. l.: Halbbruder Philippe Besson führt Regie, Halbbruder Pierre steht ebenfalls auf der Bühne - Foto (C) Michael Petersohn (www.polarized.de)

Diese Inszenierung ist eine echte Familienangelegenheit. Vorne: Katharina Thalbach, Mitte v. l.: Tochter Anna und Enkelin Nellie, hinten v. l.: Halbbruder Philippe Besson führt Regie, Halbbruder Pierre steht ebenfalls auf der Bühne – Foto (C) Michael Petersohn (www.polarized.de)

Das Derbe liebt die Thalbach sehr. Ihre Mutter Wolffen knarzt, balzt und berlinert sich bauernschlau durch den Abend und lässt dabei die Mannsbilder noch älter aussehen, als sie sowieso schon sind. Pierre Besson gibt den preußisch korrekten Amtsvorsteher Wehrhahn streng nach dem Motte: „Erst mustern, dann säubern!“ Und dabei wischt er sich dann erst einmal die Hundekacke vom Schuh. Anna Thalbach katzbuckelt mit angeklebtem Bärtchen als Schreiber Glasenapp eine Etage tiefer auf der Karrieretreppe (Bühne: Momme Röhrbein). Der Rest der Männerwelt besteht aus lispelnden Knallchargen, Duckmäusern, Denunzianten und Wimmerbeuteln. Der besagte, abhandengekommene Biberpelz bleibt ein Phantom, das man zwar irgendwo gesehen haben will. Aber keiner wird Mutter Wolffen damit direkt in Verbindung bringen können. Der erste Teil geht dann auch folgerichtig mit viel Palaver aus wie das Hornberger Schießen.

Das ist zunächst beste Volkstheater-Klamotte, aber auch ein wenig platthumorig. Da fehlt es, außer natürlich der Thalbach, am nötigen Biss. Gern denkt man dabei auch an den wahnwitzig überdrehten, knallbunten Biberpelz in der Regie von Herbert Fritsch zurück. Aber Hauptsache der Berliner Schenkelklopfer im Publikum kommt zu seinem „Amüsemong“, und das möglichst reichlich. Erwähnenswert sind noch die in Sepia gehalten Videos, die in den Umbaupausen etwas Alt-Berliner Zeitkolorit versprühen. In den Wunsch- und Albträumen von Tochter Leontine sieht man zunächst verschneite Winterlandschaften, später dann das boomende Berlin zur Jahrhundertwende. Und immer wieder die zähnebleckende Mutter Wolffen mittenmang.

12 Jahre später setzt Hauptmann dann seinen Roten Hahn an, und nach der Pause auch die Inszenierung wieder ein. Alle sind etwas älter geworden, Mutter Wolffen heißt jetzt Fielitz und geht am Stock. Ihr geliebter Vater Wolffen liegt unter der Erde, aber der Nachfolger Schumacher Fielitz (Jörg Seyer) gibt beileibe keine bessere Gestalt ab. Auch er bringt nichts zustande und brüllt sich seinen Frust aus dem Leib. Die Schulden drücken weiter. Aus einer Spielidee der Fielitz mit Kistchen, Holzspänen und Stearinlichtern wird schnell ernst und der „Rote Hahn“ steht bei Abwesenheit plötzlich auf dem Dach. Mit der Versicherungssumme baut Schwiegersohn und Möchtegern-Baulöwe Schmarowski (schmierig Julian Mehne) ein Mietshaus, was den Fielitzens den Alterssitz sicher soll. Ein Schuldiger für den Brand ist im geistig behinderten Alfred (großartig Nelli Thalbach) schnell ausgemacht und ruft Amtsvorsteher Wehrhahn samt Büttel Schulze (finster Ronny Miersch) wieder auf den Plan.

Der Rote Hahn ist bei Hauptmann eigentlich als Tragikomödie gedacht. Da braucht es schon ein paar Anstrengungen, um daraus noch eine echte Klamotte zu machen. Das wirkt dann mitunter auch recht angestrengt und nicht mehr so flüssig wie vor der Pause. Die Fielitz hat nun auch einen echten Widerpart, den alten Rauchhaupt (Roland Kuchenbuch), der seinen Sohn Alfred wieder aus dem Heim holen will und dafür hartnäckige nach den wahren Schuldigen sucht. „Ma möcht schon irgendwie ma raus, aus dem Matsch.“ ist da die letzte Rechtfertigung der bereits totkranken Intrigenschmiedin Fielitz. Die Regie streut hie und da noch ein paar aktuelle Seitenhiebe auf Finanzwelt und Moral ein. Pierre Besson gibt weiter den strammen Preußen und Nelli Thalbach hat noch einen schönen Auftritt als mondäne Berliner Schönheit an der Seite ihres Baulöwengatten Schmarowski.

Nelli, Anna und Katharina Thalbach sowie Pierre Besson nach der Premiere von Roter Hahn im Biberpelz in der Komödie am Kurfürstendamm - Foto: St. B.

Nelli, Anna und Katharina Thalbach sowie Pierre Besson nach der Premiere von Roter Hahn im Biberpelz in der Komödie am Kurfürstendamm – Foto: St. B.

Frau Fielitz stirbt schließlich im Lehnstuhl mit den schönen Worten: „Ma langt … ma langt nach was…“ wobei die Thalbach sehnsüchtig und pathetisch nach oben greift. Zum Schluss gibt es noch eine kleine Reminiszenz an Theater-Urvater Brecht mit seiner Kinderhymne Anmut sparet nicht noch Mühe. Die leise Systemkritik verpufft aber bereits mit dem Schussapplaus, den die wieder auferstandene Jubilarin strahlend entgegennimmt. Trotzdem großer Jubel, Trouble, Heiterkeit. Es gab später noch passend zur Aufführung Bier, Blasmusik und Stullen sowie ein Feuerwerk auf dem Kudamm. Herzlichen Glückwunsch, Katharina Thalbach. Die Inszenierung läuft nun bis zum 23. Februar durchweg, außer Montags, an der Komödie am Kurfürstendamm.

Roter Hahn im Biberpelz

nach Gerhart Hauptmanns Der Biberpelz und Der rote Hahn
Bearbeitet von Jan Liedtke und Philippe Besson
Regie: Philippe Besson, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüm: Gabriella Ausonio, Musik: Emanuel
Hauptmann, Video: Maximilian Reich.
Mit: Katharina Thalbach, Pierre Besson, Anna Thalbach, Nellie Thalbach, Julian Mehne, Roland
Kuchenbuch, Jörg Seyer, Ronny Miersch.
Premiere war am 19.01.14 in der Komödie am Kurfürstendamm
Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
Weitere Termine täglich bis zum 23.02.2014 außer Montags.

Weitere Infos: http://www.komoedie-berlin.de/archiv/roter+hahn+im+biberpelz.htm#.Ut1WWKEweos

Zuerst erschienen am 20.01.2014 auf Kultura-Extra.

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Literatur und Theater zwischen Rausch und Ekstase – Eine Lesung mit Navid Kermani in Salzburg und die Gesammelten Gedichte von Thomas Brasch vorgestellt im Berliner Ensemble

Montag, Juni 24th, 2013

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Salzburg im Mai 2013 - St. B.

Salzburg im Mai 2013 – Foto: St. B.

 

Sprach:Rausch – Navid Kermani beim Literaturfest Salzburg 2013 und ein Gespräch über Rausch und Ekstase mit Felicitas Hoppe, Claus Peymann und Konrad Paul Liessmann

Die Schlüssel zur Ekstase in der Hand. Petrus am Salzburger Dom - Foto: St. B.

Die Schlüssel zur Ekstase in der Hand. Petrus am Salzburger Dom. Foto: St. B.

Salzburg im Mai. Es regnet Schnürl wie man hier sagt. Die Salzach fließt trübe dahin und die Leute drücken sich unter ihre Regenschirme. Echte Ekstase sieht anders aus. Einzig Petrus sieht geistig entrückt in den nicht vorhandenen Himmel über dem Dom. Ein in Marmor gehauener Rauschzustand. Zur dringend notwendigen Stimmungsaufhellung der bodenhaftenden Bevölkerung hatte vor ein paar Jahren ein tapferer Salzburger Verein von Literaturverrückten ein Fest aus der Taufe gehoben. Es findet heuer zum sechsten Mal statt.

Die Sprache: Ein Fest! Der Sprache ein Fest! Geladen wurde, was in deutschsprachigen Landen Rang und Namen hat, um den Sprachhungrigen zu den Themen Sprach:Spiel, Sprach:Groteske, Sprach:Zauber und Sprach:Genuss ganze Sprach:Welten aufzutischen. Und so gaben sich u.a. Eckhard Henscheid, Eva Menasse, Felicitas Hoppe, Robert Schindel, Juli Zeh, Péter Esterházy und Ben Becker innerhalb von fünf Tagen die Sprachbestecke wie Staffelstäbe in die Hand. Ben Becker wäre sicher auch ein guter Kandidat für das Thema Sprach:Rausch gewesen, denn mit Räuschen im doppelten Sinne kennt sich der Bibelbesinger und Rotweintrinker bestens aus. Diesmal wollte er aber lieber mit Sprache zaubern und las aus der Balladensammlung „Der ewige Brunnen“.

Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani, der Mystiker unter den deutschen Literaten, ist aber mehr als nur ein Ersatz in Sachen Sprachrausch. Am 24. Mai las er aus seinen Werken Texte über Religion, Musik und Liebesverzückung. Kermani brachte u.a. eine kleine Auswahl aus „Dein Name“. Sein großer Tagebuchroman mit Reflexionen über die Geburt seiner Tochter in einer Frühgeborenenstation, das Leben und das Sterben wichtiger Menschen in seinem Leben wie seinen Großvater oder einen alten Sufigelehrten. Eine Meditation über das Mystische im Alltag. Es geht um Engel, Neugeborene und Hölderlins Begriff des Aorgischen in der Natur, die Liebe sowie Jean Pauls ersten Kuss.

Navid Kermani - Foto: St. B.

Navid Kermani über Ekstase und Kontemplation im Alltag. Foto: St. B.

Danach philosophierte Kermani noch über Neil Youngs ekstatische Musik-Session „Arc“. Er las Passagen aus seinem „Buch der von Neil Young Getöteten“ und spielte dazu dem Salzburger Publikum eine paar berauschende Kostproben Young’schen Gitarrengewitters vor. Eine Musik, die einzig vermochte, seine an Dreimonats-Koliken leidende kleine Tochter zu beruhigen, und auch ihn selbst völlig zu entrücken vermag. Arc sei das islamische Bilderverbot in die Musik übersetzt. Arc bringe die Leere zum Klingen. Ein Überschallflugzeug, das nicht abhebenden könne. Dass die Klänge in Arc nichts bedeuten, sei gerade ihr Geheimnis.

Abschließend las Kermani noch einmal seine Bildbeschreibung zu El Grecos „Der Abschied Christi von seiner Mutter“ aus der Wochenzeitung Die Zeit. Ein Musterbeispiel einer scharfen Beobachtungsgabe und berückender Sprachgewalt. Und das ist dann auch wirklich groß und ekstatisch.

„Ist es nicht verwunderlich, daß ausgerechnet von den beiden Menschen, die wie keine anderen geliebt, nirgends die Liebe des Mannes und der Frau überliefert ist? El Greco, so scheint mir, hat sich gewundert, als er ihre Lippen so sinnlich malte, daß sie sich jeden Augenblick zu einem Kuß vereinigen möchten. Er hat zwei Blicke hinzugefügt, die in den Evangelien fehlen und doch jeder erinnern müßte, der je groß geliebt.“ (Navid Kermani, aus: „Der Abschied Christi von seiner Mutter“, Die Zeit, 12. Juli 2012

Nach einer kurzen Pause wurde die Runde um die Schriftstellerin Felicitas Hoppe und den Theaterregisseur Claus Peymann erweitert. Unter der Gesprächsleitung des Wiener Philosophen und Literaturkritikers Konrad Paul Liessmann wollte man über Rausch und Ekstase in der Literatur diskutieren. Ausgehend von Nietzsches Apollinischer Ekstase und Dionysischen Rauschzuständen (Claus Peymann bringt „Die Backchen“ des Euripides als Beispiel für den Sieg des Apollinischen) ging es um die Frage, ob die Literatur überhaupt eine Gattung im Nahverhältnis von Rausch und Ekstase sei. Ist die deutschsprachige Literatur zu brav? Liegt es daran, dass das metaphysische Element in der Literatur im Gegensatz zum 19. Jahrhundert heute keine Rolle mehr spielt, oder, nach Konrad Paul Liessmann, die religiöse Kunst nicht mehr die Speerspitze der Avantgarde ist?

Claus Peymann, Narvid Kermani, Konrad Paul Liessmann und Felicitas Hoppe bei der Gesprächsrunde über Rausch und Ekstase - Foto: St. B.

Navid Kermani, Konrad Paul Liessmann, Felicitas Hoppe und Claus Peymann bei der Gesprächsrunde über Rausch und Ekstase – Foto: St. B.

Für Felicitas Hoppe erwartet der Leser von der Literatur immer Dinge, die er selber nicht kann. Heute würde man völlig demokratisiert sein Ich loswerden können. Als Katholikin schwärmt sie von der heiligen Johanna, der echten wohlgemerkt, die sich bei der Krönung von Karl dem VII. in Reims in einem kontemplativen Glückszustand zwischen Metaphysik und weltlichem Krieg befand. „In der Welt zu handeln und gleichzeitig aus ihr herauszutreten.“ Letztendlich sei Schreiben nicht nur Inspiration und Musenkuss, sondern vor allem Übung und Ausdauer, nach einem langen Vorlauf die Dinge zu repetieren.

Navid Kermani gibt dagegen etwas von den weisen Mystikern des Islam wieder: „Rausch ist etwas für die Kinder. Nüchternheit ist der Todeskampf für die Meister.“ Die Schwierigkeit sei nach dem „Entwerden“ das Bleiben in der Ekstase bei der Rückkehr in die Welt, um im Zustand des Gotteswillens Gutes zu tun. Er überträgt dies auf das Schreiben und das Schauspiel. Es ist in beiden Fällen die Schwierigkeit, das in den Proben oder beim Schreiben erreichte Glücksgefühl zu fixieren. Kermani betont das metaphysische Element bei Büchner, Jean Paul und Hölderlin. Hilfsmittel, die Mystiker hätten z.B. Opium genommen, haben immer zwei Seiten. Er zitiert dazu Neil Young: „The same thing that makes you live, Can kill you in the end.”

Felicitas Hoppe und Claus Peymann: „Alkohol war ja auch die österreichische Art, die 68er durchzuziehen.“  - Foto: St. B.

Felicitas Hoppe und Claus Peymann: „Alkohol war ja auch die österreichische Art, die 68er durchzuziehen.“ – Foto: St. B.

Und Claus Peymann hat sie alle inszeniert, die Ekstatiker des Schreibens, wie Schiller („der berauschende Duft fauler Äpfel“), Thomas Bernhard, der es aus sich heraus schreibt und Peter Handke, dem Mystiker mit seinen Pilzen. Ekstase hat er kurzzeitig bei Jelineks Sportstück erlebt, bekommt aber nicht mal mehr Schleefs kompletten Buchtitel „Droge Faust Parsifal“ zusammen. Und Nitsch mit seinen blutigen Schlachtungen sei heute auch nur noch ein touristisches Ritual wie die Mozartkugeln. In Leipzig schlägt sich der Blut-Messias kollektiver Ekstase gerade wieder mit den wenig berauschten Tierschützern herum. Peymann, der erklärte Aufklärer und Atheist („Wir leben im Zeitalter der Aufklärung, und dafür fühle ich mich zuständig“), hält nichts vom Predigen (Brecht, Müller und auch Handke tun es) und plädiert dafür, Alkohol nicht moralisch an den Rand zu schieben. Er redet von Artauds Heroin- und Curare-Räuschen und weiß als Kenner: „Es wird nirgends so viel gesoffen, wie am Theater“.

Vielleicht hat Peymann damit aber auch nur die Runde wieder entsprechend geerdet. Auf jeden Fall hat er seinen Meister in Moderator Liessmann gefunden. Dessen Fazit lautet dann auch: Der beglückte Aufklärer könne sich ja auch an seiner ekstatisch zuckenden Vernunft berauschen. Na dann Prost.

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SPRACH:RAUSCH mit Navid Kermani, Felicitas Hoppe und Claus Peymann; Moderation: Konrad Paul Liessmann (Universität Wien)
24. Mai, 19.30 Uhr, Theater im Kunstquartier Salzburg

Wie ein Schrei im Sprachrausch – „Die nennen das Schrei“ Gesammelte Gedichte von Thomas Brasch – Buchpräsentation mit Katharina Thalbach und Martin Wuttke im Berliner Ensemble

„spiel du den wahn ich spiele seinen sinn / und wahnsinn heiße was uns zwei vereint“ Thomas Brasch, aus: Macbeth

Thomas Brasch: Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte, hrsg. von Martina Hanf und Kristin Schulz

herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz – Bild: Suhrkamp Verlag

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Ja, geschrien hat er, der Thomas Brasch, vermutlich auch oder vor allem im Rausch. Aus dem Fenster über dem Ganymed, in enger Nachbarschaft zum Berliner Ensemble, hat er geschimpft und gerufen. Eine Art Geheimdramaturg sei er gewesen, und guter wie böser Geist des Theaters am Schiffbauer Damm, wie Jutta Ferbers, die Dramaturgin des BE, zu berichten weiß. Und auch der Hausherr Claus Peymann schreibt in seinem Nachwort zu den Shakespeare-Übersetzungen, Brasch habe Shakespeare „wie im Rausch“ übersetzt. Herausgekommen sind sie vor elf Jahren, ein Jahr nach Braschs frühem Tod. Und wer hätte gedacht, dass es noch einmal eine neue Veröffentlichung von Thomas Brasch geben würde?

Nachdem 2002 Katharina Thalbach zusammen mit Fritz J. Raddatz „Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer – Gedichte aus dem Nachlass“ veröffentlicht hatte, mussten ebenfalls elf Jahre vergehen, bis neben dem kleinen Bändchen „Was ich mir wünsche: Gedichte aus Liebe“ (Bibliothek Suhrkamp, 2007) nun die Gesammelten Gedichte vorliegen. Zu verdanken ist das der Archivarin von Thomas Brasch Martina Hanf und der Literaturwissenschaftlerin und Autorin Kristin Schulz. Und man kann den beiden wohl nicht genug danken, ging doch mit der Veröffentlichung des immerhin 1029 Seiten umfassenden Bandes eine Buchpräsentation im Berliner Ensemble einher, die es in sich hatte.

So haben sich denn auch einige Erwartungsvolle im Sonntagsputz zur vormittäglichen Matinee am 16. Juni eingefunden. Die Sonne scheint nun schon seit Tagen. Aus Richtung des Deutschen Theaters weht vom Vortag noch etwas neue Dramatik herüber (Brasch hätte vermutlich gesagt: „Wer vorgestern noch Aufstand rief / ist heute zwei Tage älter) und vor dem Berliner Ensemble kann man die Vorfreude unter den Wartenden auf das Erdichtete des alten und jungen Dramaten Brasch förmlich erschnuppern.

Brasch-Lesung auf der Bühne des Berliner Ensembles - Foto: St. B.

Brasch-Lesung auf der Bühne des Berliner Ensembles. Foto: St. B.

Drinnen zwei Tische auf der Bühne, am Rand ein Band mit Fotos. Brasch als Kind, als Junge, der junge Brasch mit der jungen Katharina Thalbach, und dann später als rezitierender Richard II. „in einen schönen Rausch versetzt“. Seine letzte Übersetzung für Peymanns BE. Gleichzeitig Peymanns größter Erfolg und letzte Theatertreffeneinladung, und somit auch ein später Erfolg für Thomas Brasch. Dann sieht er uns an, dieser rastlose Grübler auf dem letzten Foto, für einen Moment, als würde er wissen, das wir jetzt genau da sitzen, auf ihn schauen und ihm lauschen. Aber auch zwei Vorlesenden, die ihm hier neu Stimme verleihen, und er besser keine kriegen könnte, als eben von Katharina Thalbach und Martin Wuttke. Sagt da ein Freund nach der Lesung, er höre beim Lesen von Brasch nur noch die Stimme der Thalbach. So als spräche der allein nur aus ihr, durch sie. Eine Liebe, ein Leben, eine Symbiose über den Tod hinaus.

Es beginnt Wuttke mit Selbstkritik, ein Werk aus den 80ern: „Klagen einer traurigen Generation … das ewige Lied von Vater und Sohn“. In Kargo (1977) hieß das noch: „Morgen will ich mir eine neue Religion erfinden mit Helden, Tempeln und Gebeten. (…) Halleluja, der Wind fegt durch unsere verstaatlichten Hirne.“ Helden sind auch heute wieder im (Sonder)Angebot. Das Freizeichen ist immer noch durchgehend. Nur das Monopol darauf hat nicht mehr die Post. Da sage noch einer, hier ändere sich nichts. Anfang der 70er bekennt Brasch im Poesiealbum 89 wehmütig: „Wie viele sind wir eigentlich noch. … Welchen Namen hat das Loch / in dem wir, einer nach dem anderen / verschwinden.“

Da ist er schon mit einem Bein im Westen. Raus aus dem „Land ohne Namen, daß sich mit Anfangsbuchstaben anreden lässt“. Ein Land, in dem es Brasch nur als Blindem gelingt, „so zu beten, daß ich nicht schuld bin“.

Und ich bin nichts als meine Augen.
Wenn ihr die zwei begrabt, begrabt ihr wen.
Ich habe nichts gelebt. Nur was gesehen.
Ich will nicht sterben. Nur was taugen.
(aus: über kunst)

Brasch will den leeren Kopf nicht mehr aufs Eisen legen, wie sein „Mörder Ratzek“. Der Dichter will etwas anderes. „Das andere Wort hinter dem Wort / Der andere Tod hinter dem Mord. / Das Unvereinbare in ein Gedicht / Die Ordnung. Und der Riß, der sie zerbricht.“ Auch wenn der Riß mitten durch ihn selbst verläuft.

Dann wieder der junge Brasch in verteilten Rollen. Es geht um Franz, der Lucie seine Fräsbank zeigen will und doch ganz anderes im Sinn hat. Es ist laut. Sie will weg zum anderen aus der Schlosserei. „Liebst du mich, Franz?“ „Ich kann nicht so reden, Lucie.“ Und als sie weg ist: „Das ist meine Maschine.“ Die Lesung ist da am stärksten, wo die Thalbach und Wuttke sich gemeinsam hochschaukeln. Das ist Ekstase und Spaß an Braschs schwarzhumorigem „Bericht vom Sterben des Musikers Jack Tiergarten“. Das ist deftig wie Vian. Da ist die Thalbach in ihrem Element. Die dicke Wirtin schlägt den Morgenrock zurück und Wuttke/Jack nimmt Witterung auf, vom duftenden Moos. Aber ohne Moos nichts los. Leicht gekürzt verfehlt die Trübsalflöte das Bemollha nur um ein paar Zentimeter. Keinen ausgekochten Jack-Kopf gibt es, dafür aber ein „Hahnenkopf 1525“. Schon Manfred Karge hatte sich mit Schauspielstudenten in seinem Erinnerungsabend „Vor den Vätern sterben die Söhne“ an Braschs Langgedicht über deutsche Geschichte versucht. Bei Thalbach und Wuttke wird man mit jedem Punkt und Komma mehr hineingesogen.

Katharina Thalbach und Martin Wuttke bei der Lesung aus "Die nennen das Schrei im BE. - Foto: St. B.

Katharina Thalbach und Martin Wuttke bei der Lesung aus „Die nennen das Schrei im BE. – Foto: St. B.

Besungen wird auch das Künstler-Dreigestirn „Heine und Tahlbach und ich“ (Brasch), eine Art Dreifaltigkeit aus Kopf, Bauch und Sohn. „Drei Köpfe eine Wand / Und Gelächter, weil keiner einen fand.“ Und auch der Säulenheilige Brecht meldet sich bei Brasch aus dem Grab. Zerfallen in der Erde Berlins, sieht er auch seine Nachfolger zerfallen über seinen Werken, mit einem Reimbesteck vor einer Erbse. Denn „die Verhältnisse sind gut, nicht dialektisch“. Das Ende einer Utopie? Das letzte Wort hat Martin Wuttke:

Als Gott den Menschen schuf
mit leichter Hand und schrägem Blick
gab er ihm auch einen Beruf
und um den Hals einen Strick

„Wenn ich nicht mehr da bin, wieviel wird euch fehlen.“ heißt es in Sindbad. Tod sein oder die Rettung. Für den nie angekommenen Reisenden war beides eine Option „Ich glaube an die Relativitätstheorie, aber wen ich nicht sehen will, ist Einstein.“ Brasch glaubte an die Lehre, aber nicht an die Gelehrten. Und er behielt Recht. „Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer.“ Katharina Thalbach hat es über 30 Jahre mitgelebt. Am Sonntag schien es so, als wäre da noch ein Hauch von „Antilopenduft“. Also wer Thomas Brasch wirklich endlich kennen lernen will, muss genau da durch. Und gelebt und gewohnt hat Brasch vor allem auch in seinen Gedichten. Gäbe es einen besseren Grund, sie wieder zu lesen?

„Die Rätsel sind gelöst: ihr Hirn sprang über. Sie wollte nicht Heimat sagen: Sie hatte kein Dach darüber.“ Thomas Brasch, aus: Meine Großmutter

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Berliner Ensemble im Juni 2013 - Foto: St. B.

Berliner Ensemble, Juni 2013 – Foto: St. B.

Buchpräsentation:
Katharina Thalbach und Martin Wuttke lesen aus dem Gedichtband „Die nennen das Schrei“ von Thomas Brasch, hrsg. von Martina Hanf und Kristin Schulz

Berliner Ensemble
Bertold-Brecht-Platz 1
10117 BerlinSonntag, 16.06.2013, 11:00 Uhr

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„Die Tradition der Kunst ist die Tradition des Rausches, und jeder Versuch von Gesellschaften, den Rausch zu unterdrücken, führt allein dazu, daß diese Energien viel monströser aus irgendeinem nicht bewachten Gully hervorschießen. Wenn die Energien, die zwischen einzelnen Menschen strömen, kontrolliert und unterdrückt werden, entladen sie sich irgendwann in furchtbaren Massenbewegungen. Daraus entstehen Katastrophen.“ Heiner Müller

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Weitere Beiträge:

  • Bildergalerie auf facebook zu Salzburg im Mai 2013 von Stefan Bock
  • Ins Paradies vertrieben
    Jamal Tuschick auf KUNO (editiondaslabor.de) zu:
    Die nennen das Schrei – Die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch
  • Editorisches Mammut
    Die Wiederauferstehung eines Dichters aus dem Archiv
    Gespräch von Jamal Tuschick mit den Herausgeberinnen Martina Hanf und Kristin Schulz über Thomas Brasch – Die nennen das Schrei auf faustkultur.de
  • Beide Rezensionen sind auch auf planetlyrik.de und livekritik.de veröffentlicht.

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VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger (Teil 3 und Schluss) – Ein Shakespeare-Wochenende in Berlin mit Heiner Müller, Thomas Brasch und viel Musik sowie einem holografischen Nachspiel

Sonntag, Dezember 9th, 2012

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Dimiter Gotscheff beleuchtet in „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige“ groteske Mords-Clowns auf der Bühne des DT und Katharina Thalbach bietet dem BE-Publikum mit „Was ihr wollt“ doch nur was es will

„SCHLAGT EUCH NICHT DEN SCHÄDEL EIN, ZERBRECHT EUCH LIEBER DEN KOPF“ Heiner Müller aus „Der Lohndrücker“ (1956/57)

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Heiner Müller (09.01.1929 – 30.12.1995)
© Stadtbibliothek Chemnitz 2012

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Der Regisseur Dimiter Gotscheff hält seit Jahren mehr oder minder erfolgreich das Andenken des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller hoch. Er wechselt dabei beständig zwischen der Berliner Volksbühne und dem Deutschen Theater, die damit beide wohl die höchste noch in Deutschland erreichbare Heiner-Müller-Dichte vorweisen dürften. In Abstreifung seiner Ehrfurcht vor dem Übervater Bertolt Brecht versuchte Müller sich mehrfach an der kritischen Hinterfragung der Lehrstückmethode Brechts wie z.B. in „Philoktet“ (1965), „Der Horatier“ (1969) und „Mauser“ (1970) oder auch im Fatzer-Fragment (1978). In „Die Schlacht“ greift Müller Brechts „Furcht und Elend des III. Reiches“ auf. Infolge der Stagnation des Sozialismus in der DDR geriet Müller in eine innere Krise und wand sich von Brecht ab und verrätselten, düsteren Zukunftsvisionen zu. Es entstehen die Stücke „Quartett“ (1981) und „Verkommenes Ufer – Medea Material – Landschaft mit Argonauten“ (1982). Aber auch schon in seiner Shakespeare-Bearbeitung „Hamletmaschine“ von 1977 kommt Müllers zunehmender Pessimismus zum Ausdruck. Das brachte ihm eine große Anhängerschar unter den jungen systemkritischen Literaten in der DDR der 80er Jahre ein, die Müller selbst aber eher als luftwurzelnde Scheinexistenzen mit fremdbestimmten Texten wie „dünnes Gebäck“ und „verspätete Kopie von Moden“ bezeichnete. Heute ist es um den einstigen Kultautor und gnadenlosen Sezierer des Ostens, der nach der Wende merkwürdig verstummte und so seinem Vorbild Bertolt Brecht nicht nur als BE-Intendant immer ähnlicher wurde, ziemlich ruhig geworden. Worauf nicht nur von Regisseuren wie Frank Castorf oder Dimiter Gotscheff immer noch gern zurückgegriffen wird, sind aber neben Zitaten aus seinen zukunftspessimistischen und revolutionskritischen Werken vor allem seine Shakespeare-Übertragungen und -Adaptionen.

Foto: St. B. dt_shakespeare_nov-2012.JPG

Nun hat sich Dimiter Gotscheff im Zuge des Spielzeitmottos des Deutschen Theaters „Macht, Gewalt, Demokratie“ vorwiegend Texte aus den Königsdramen William Shakespears herausgesucht. Er benutzt in seinem blutrünstigen Potpourri allerdings überwiegend moderne Übersetzungen von Frank Günther (Übersetzung des Gesamtwerks von Shakespeares seit den 1970er Jahren), Manfred Wekwerth (Leben und Tod König Richard des Ditten, 1970 und Troilus und Cressida, 1985), Thomas Brasch (u.a. Macbeth, Richard II. und III.), neben Brecht der andere Hausheilige des Berliner Ensembles, und natürlich Heiner Müller, der mit seinen Werken „Hamletmaschine“, „Macbeth“ und „Anatomie Titus Fall of Rome“ die wohl deutlichsten Shakespearekommentare zum Thema Macht, Gewalt und politischer Mord abgegeben hat. Eine genaue Zuordnung der Textzitate, die Gotscheff für seine Shakespeare-Collage „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige“ verwendet, ist allerdings nicht möglich, da die Quellen im Programmheft nicht angeben sind. Was umso bedauernswerter ist, da es Gotscheff in seiner Auftragsarbeit vermutlich nicht so sehr um Shakespeare selbst, sondern um heutige Reflektionen seiner Texte in Bezug zum Spielzeitmotto geht. Was aber geradezu auf der Hand zu liegen scheint, ist die Tatsache, dass Gotscheff Shakespeare gerade auch dazu nutzt, um wieder einmal Heiner Müller durch die Hintertür hereinzuwinken.

„Aber im Duell tauschen die dann natürlich ihre Schwerter oder Degen, so daß sie beide sterben, also Laertes und Hamlet. Und Hamlet dann im letzten Moment kann noch rund um sich töten, was er haßt. Wir haben das natürlich so gemacht, daß er fast alle auf der Bühne umbringt in einem blinden Massaker. Aber es ist kein Kalkül. Es gab vorher immer dieses Hin und Her um die Rache oder nicht Rache. Und das erste Mal, wo er etwas tut, ist es eigentlich was Blindes und was Unkalkuliertes. Es ist kein Plan mehr, es ist nur noch blinde Praxis.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge. Das Garather Gespräch in „Heiner Müller, Werke 11, Gespräche 2 (1987-1991), Suhrkamp Verlag 2008

Diese von Heiner Müller beschriebene Szene aus seiner Inszenierung der „Hamletmaschine“ scheint Dimiter Gotscheff im Kopf gehabt zu haben, als kurz vor der Pause alle beteiligten Darsteller der Reihe nach in einer wilden, unkontrollierten Duellnachstellung umfallen. Der Shakespearebearbeiter Müller dient Gotscheff als Masterfolie für die Umsetzung seines Shakespearereigens, der sich um all die grotesken Mörderclowns, Machtbesessenen, ihre zahlreichen Opfer und Sonstige am blutigen Spiel Beteiligten dreht. Wobei Sonstige auch auf das Theaterpublikum gemünzt ist, das die theatrale Darstellung dieser Monstrositäten braucht, um sich in Faszination und Schauer von ihnen gleichsam gefangen nehmen und distanzieren zu können. Die Figuren der Shakespeare´schen Königsdramen stellvertretend als Projektion der eigenen Dämonen und Monster. Margit Bendokat bringt es gleich zu Anfang auf den Punkt. Die Weltgeschichte ist ein Sprechen über Gräber, Würmer und Grabinschriften. Ein tägliches Morden und Sterben im Gerangel um die Macht. „Nichts als der Tod ist unser Eigenes.“ Der König ist tot, er ist gemordet. Es lebe der König! Wer ist der König? Der König ist der König. Und schon recken sich alle nach der von Bendokat auf einem kleinen Podest abgelegten Pappkrone. Auf sonst leerer Bühne die einzigen Requisiten. Die Krone ist schnell zerrissen, das Podest im Auf und Ab, den jeweilig Aufgestiegenen im grellen Spotlight, der von Katrin Brack wieder dicht gehängten Scheinwerfer, präsentierend. Das Spiel um die Macht, ein ewiges Bäumchen wechsle Dich. Die Darsteller wechseln hier sinnbildlich immer wieder ihre Sitze vorn im Parkett.

Von dort gibt es dann auch zumeist die bei Gotscheff typischen Auf- und Abtritte zu den Solos der einzelnen Schauspieler. Samuel Finzi als erst zögerlich, ängstlicher Julius Cesar, der dann in Zeitlupe gemordet wird und slapstickartig blutende Wunden andeutet und dann als Samurai-Macbeth im Schottenrock. Wolfram Koch als Othello und Jago in einer Person. Peter Jordan ist ein verkrüppelter, verschlagener Mörder Richard III und Ole Lagerpusch ein rockender Hamlet + Maschine. Finzi und Koch geben dann ein gedungenes Mörderclownsduo, das kalauernd seinem Job nachgeht. Leichen werden schon mal in einer Klappe im Bühnenboden versenkt, aus der die Untoten natürlich irgendwann wieder auftauchen. Die Damen müssen sich dabei mit den Königinnen und Königsmüttern begnügen, wie Almut Zilcher als verfluchende Margarete. Anita Vulesica darf dann auch noch mal das finster Fiese aus Richard III. herauskitzeln, bis dann schließlich Meike Droste als geschändete Lavinia aus Heiner Müllers „Titus-Andronicus“-Version den Opfern eine Stimme gibt. Untermalt wird das ironisierende, mörderische Treiben durch eine Jazzband um den finnischen Musiker Kalle Kalima, der auch schon in David Martons Monteverdiprojekt an der Schaubühne zu sehen war. Mit der Sopranistin Ruth Rosenfeld, ebenfalls aus Inszenierungen an der Volksbühne und dem Ballhaus Ost bekannt, bekommt das mit gut drei Stunden überbordende Nummernprogramm einige virtuose Breaks. Sie singt Klassisches aus Renaissance und Barock darunter den Traditionell „Billy Bones“, Bachs „Komm süßer Tod“ und italienische Opernarien.

Den Schluss gibt wieder Margit Bendokat mit Heiner Müller. Aus dessen „Anatomie Titus Fall of Rome” trägt sie die Zeilen „AUS WALD DEN ES MIT BLUT SPRENGT / STÜRZT DAS REH” vor. Das Opfer, kommentiert von seinen Jägern. Müller schreibt das in römischen Majuskeln und fügt hinzu: „Die Künstler nach getaner Arbeit gehn / Mit Hoffnung, daß der Ruhm sie nicht erreicht / Das Kunstwerk ausgestellt rennt hin und her / Auf dem Theater Laufsteg zwischen Mensch / Und Mensch im Ozean der Angst die Angst / Des Publikums kein Mensch ist auf der Bühne.“ Die Bühne leer und die Welt voll von diesen Mörderfratzen und Clowns der Menschheitsgeschichte, die als Wiedergänger sich nun diese Bühne zurückerobern. Brecht hatte einst im Angesicht der Großstadt festgestellt: „Nicht schlecht ist die Welt, sondern voll.” Heiner Müller spinnt das weiter und macht im Gespräch mit Alexander Kluge „Die Welt ist nicht schlecht, sondern voll“ eine Rechnung auf. Alle Plätze in der Welt sind besetzt. Das antike Gleichgewicht der Toten und Lebenden ist gestört. Nur bei gleichbleibendem Gewaltpotential ist es haltbar. Diese These mündet bei Müller in dem Satz: „Ich schulde der Welt einen Toten„. Nachzulesen ist das alles in den drei umfangreichen Gesprächsbänden, die nun zum Ende der großen zwölfbändigen Werkausgabe unter Frank Hörnigk im Suhrkampverlag herausgekommen sind. Ein Gedankenkompendium u.a. auch dessen, was Heiner Müller von Shakespeare und aus der griechischen Tragödie hergeleitet und in seinen Stücken künstlerisch verarbeitet hat. Und gerade zum Thema Diktatur oder Demokratie hatte Müller einiges zu sagen, dem Gotscheff mit seinem Shakespeareverschnitt aber wohlweislich aus dem Weg geht. Zu schwer, zu sperrig fürs bürgerliche Publikum, dass sich lieber an der Virtuosität der Darsteller ergötzen möchte.

Die Toten, Mörder wie Opfer, lässt Dimiter Gotscheff lang und breit an uns vorüber defilieren. Erkenntnis oder Lehre gleich Null. Nur die Pappkrone liegt wieder da, wo sie am Anfang schon abgelegt wurde. Sinnbild eines Spiels, das immer weiter gespielt wird. In seiner Inszenierung von „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“, die Gotscheff noch um das Langgedicht „Mommsens Block“ erweiterte, konnten die dystopischen Müllertexte kurzzeitig noch einmal mit einigem Witz wiederbelebt werden. Vor einem Jahr grinsten uns da schon einmal die gleichen Clownsfiguren an. Die Gotscheff-Kernfamilie mit Bendokat, Zilcher und Koch spielte da in teils solistischen Egotrips eine gewagte Balance zwischen großem Müller-Pathos und schlauer Gotscheff-Ironie. Eingerahmt durch eine Art stumm müllernden Conférencier (Margit Bendokat), der erst am Ende auch eine Stimme findet, die dem Dichter Müller bereits lange als verloren galt. Jetzt um das große DT-Ensemble erweitert, verliert sich dieser Witz allerdings ins Beliebige. Nur der Affe, den Wolfram Koch damals noch nackt, nur mit Schlipsen und Stange die evolutionären Sprünge zum Werkzeug und Waffe bedienenden Macho-Mann vorturnte, ist, diesmal im keuschen Fellkostüm in der gelenkigen Verkörperung durch die Tänzerin Bettina Tornau, wieder anwesend. Ob als Symbol der Unschuld oder reiner Anachronismus bleibt das Rätsel der Inszenierung.

„Ich hab‘ ein paar Shakespeare-Sachen übersetzt und bearbeitet, und das ist natürlich immer wieder ein Material und Thema gewesen. Gerade in Zeiten von nachlassender Inspiration ist es eine Bluttransfusion, mit Shakespeare sich zu beschäftigen.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge. Das Garather Gespräch in „Heiner Müller, Werke 11, Gespräche 2 (1987-1991), Suhrkamp Verlag 2008

Ein ähnliches Schicksal wie Heiner Müller ereilte nach der Wende auch Thomas Brasch, der, von einer Schreibblockade und Daseinskrise gebeutelt, seine in den 1980er Jahren begonnen Shakespeare- und Tschechow-Übersetzungen fortzuführen begann. Ähnlich wie Müller sah auch Brasch darin eine Inspiration, Shakespeares poetische und gleichzeitig deftige Sprache für die heutige Zeit verständlicher zu machen. Hermann Beil beschrieb Braschs Intension in einem Gespräch mit Martina Hanf für das „Arbeitsbuch Thomas Brasch“ (Theater der Zeit 2004) dann auch so: „Die Balance zwischen poetischer Form und Direktheit, die in Shakespeares Zeit ihre Wirkung gehabt haben muss, das war sein Ziel.“ Über dieses Ziel dürfte Katharina Thalbach mit ihrer Inszenierung der Brasch-Übersetzung von Shakespeares „Was ihr wollt“, die einen Tag nach Gottscheffs „Shakespeare“ am DT über die Bühne des Berliner Ensembles tobte, weit hinausgeschossen sein. Von Balance war da nicht sehr viel zu spüren. Aber neben einem Wahnsinns-Klamauk gibt es auch einen Wahn der Sinne im Stück. Dabei versteht man unter Sinnlichkeit, eine tiefere Ebene zumindest noch durchschimmern zu lassen. So dass dem Publikum zumindest am Rande noch auffällt, dass es nicht nur um das reine Vergnügen geht. Sonst ist es eben auch zu schnell abgesättigt. Aber Katharina Thalbach inszenierte „Was ihr wollt“, wie es dem Publikum am besten gefällt, nämlich heftig, deftig und natürlich immer hart an der Gürtellinie entlang.

was-ihr-wollt_be_nov-2012.jpg Foto: St. B.

„Und ich glaube, das Theater hat einen ungeheuren Verlust erlitten in dem Moment, wo geschlechtsspezifisch besetzt wurde.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge zum Thema „Anti-Oper“ und japanischem Kabuki-Theater

Man kennt ja den Hang der Thalbach, den Schalksnarren raus zu lassen und dem Komödienaffen Zucker zu geben. Sie beruft sich hier im Programmheft auf ein Interview mit ihrem 2001 verstorbenen Gatten Thomas Brasch zu seiner Übersetzung der Komödie „Was ihr wollt“ für eine Inszenierung im Schillertheater 1984, in dem dieser über Anspielungen, Tabuverletzungen, die Komik Shakespeares und die Bedürfnisse des elisabethanischen Publikums referiert. Und so gibt es dann nicht nur ein zünftiges Happy End, Katharina Thalbach gibt dem BE-Publikum auch sonst was es will. Das Schauspiel wird zur knallbunten Revue. Jeder kann, wenn er oder sie denn können, auch mal einen knalligen Popsong zum Besten geben. Schwule Hymnen, Schmachtfetzen und das Beste der 70er und 80er erklingen. Natürlich „I will survive“ oder auch mal „Nothing compares to you“ und der biedere Haushofmeister Malvolio (Norbert Stöß) schmettert in obligatorisch gelben, kreuzweis geschnürten Strümpfen „Fever“, bevor er von seinen naturgemäß versoffenen Gegenspielern Sir Toby Rülps (Veit Schubert) und Sir Andrew Leichenwang (Martin Seifert) eingesargt wird. Die Doppelrolle der Zwillinge Viola/Cesario, die sonst eher von einer Schauspielerin bekleidet wird, übernimmt hier der männliche Star des Hauses Sabin Tambrea. Dafür wird ganz Gender Crossing nun der Herzog Orsino von Antonia Bill gespielt. Sie trägt Schnurrbart, greift sich in den Schritt und versucht sich in einer rauchigen Tonlage. Antonio, der Retter und heimliche Verehrer Sebastians, darf hier ganz offen schwul sein und hängt verzweifelt an der Reeling, da er auch bei Katharina Thalbach nicht bekommt was er eigentlich will. Das tut dem quietschvergnüglichen Abend aber weiterhin keinen Abbruch.

Trotzdem gibt sich die Kritik fast ausnahmslos wieder mal not amused. Und es scheint beinahe so, als handele es sich dabei um die Rache der Puritaner, die das BE lieber heute als morgen geschlossen sehen würden? Malvolio, die alte Spaßbremse, hatte es ja lauthals prophezeit. Katharina Thalbach versucht so den Rezensenten den Wind aus den Segeln zu nehmen, und steuert ihren Komödienkahn zielsicher ans seichte Gestade, sprich ins Stadl. Rotnasiger oder besser rotznasiger Kinderkram, von den Wannseefestspielen direkt ans BE geschwappt. Man sehnt sich förmlich in die „Wie es euch gefällt“-Inszenierung der Thalbach zurück. Der Boulevard, den sie mit ihrem großartigen Darstellerinnen-Ensemble dort vor zwei Jahren am Kudamm veranstaltet hatte, war jedenfalls wesentlich intelligenter. Sie kann es also durchaus besser. Und das „Was ihr wollt“ auch gute Klamotte sein kann, hat Jan Bosse bereits 2010 am Thalia Theater in Hamburg bewiesen. Mit Abstrichen vielleicht auch noch Matthias Hartmann 2011 an der Wiener Burg. Das Genderthema auf die Spitze getrieben hatte 2008 Michael Thalheimer mit seiner ganz Shakespearegetreu ausschließlich männlichen Besetzung im Zelt am Deutschen Theater, bei der der Witz leider etwas im Schlamm stecken blieb. Am BE versenkt die Thalbach aber noch das letzte Bisschen hintergründigen Shakespeare´schen Wortwitz im gnadenlos überbordenden Klamauk.

Krachledernes Schenkelklopf- und Wegschmeißtheater. Ein bayerischer Trampel (Traute Hoess als Zofe Mary), zwei Grenzdebile und lauter Schauspieler die sich wie pubertierende Teenager aufführen. Thomas Quasthoff muss man hier ausdrücklich ausnehmen. Er überzeugt mit sicherer Stimmlage beim barocken Gesang, genauso wie im derben Kanon „Halt´s Maul, du dumme Sau“. Ein weiser Narr auf einem Ship of Fools (Bühne: Momme Röhrbein), schafft ihn weg. Dass Shakespeare das Stück auch als melancholischen Abgesang auf sein Theater inszeniert hat, das ihm die Puritaner wenig später auch tatsächlich geschlossen haben, kommt nur in einer Fußnote vor. Das Geschlecht ist hier ein derber Unterleibswitz, Geschlechterverwirrung ein bloßer Irrtum. Lauter Klemmschwestern und Möchtegernmachos, denen es nicht nur in der Hose fehlt. Einen Spagat muss man da nicht mehr machen. Es zwickt auch so genug im Schritt. Dass bei Shakespeare eigentlich nicht jeder bekommt was er will, dem BE-Publikum dürfte das ziemlich egal sein, Hauptsache es fetzt. Die Puritaner sind auf Landgang und da will man sich halt amüsieren. Dass es das DT nicht viel besser kann, außer einer zitatenreichen Kunstpose, ist traurige Bilanz eines verkorksten Shakespeare-Wochenendes.

„Wenn die Musik die Nahrung für die Liebe ist, füttert mich weiter, daß ich mich ganz überfreß und mir der Appetit vergeht daran. (…) So voller Wahnsinn ist die Raserei, die Liebe heißt – daß die am Ende auch sich selber in den Wahn der Sinne reißt.“  William Shakespeare, Orsino aus „Was ihr wollt“, neu übersetzt von Thomas Brasch

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M, A reflection – Kris Verdonck spielt mit holografischen Videoprojektionen und Texten von Heiner Müller am HAU 2

Einen künstlerisch ganz anderen Weg des Umgangs mit Texten von Heiner Müller begeht der belgische Videoperformancekünstler Kris Verdonck. Mit Hilfe ausgefeilter Videotechnik verdoppelt er in seinem Gastspiel am Berliner HAU 2 den Schauspieler Johan Leysen und lässt ihn gegen ein künstliches Selbst als Gegner wie auch als Verbündeten antreten. Dieser scheint ihm, obwohl immer wieder wie ein Geist aus der Vergangenheit auftauchend, immer einen Schritt voraus, widersetzt sich, hakt nach oder ergänzt das Original. Der Gegenüber erzwingt so wie in einem Gespräch die sofortige Reflektion des Gesagten. Eine Eigenschaft die Müllers Texten von jeher immer auch inne wohnt. Ein großer Inspirationsquell dafür dürften in jedem Fall die zahlreichen Gespräche Heiner Müllers mit dem Filmemacher und Fernsehproduzenten Alexander Kluge für dessen Fernsehformat dctp gewesen sein. Dass diese für die Erarbeitung eines solchen Theaterprojekts wie geschaffen zu sein scheinen, liegt an ihrem Wesen, die Gedanken frei um eine bestimmtes Thema kreisen zu lassen, um sich dabei immer wieder gegenseitig zu befruchten. Durch die Veröffentlichung der Gespräche in Buchform und die Archivierung der Fernsehaufnahmen im Internet ist diese Arbeitsweise gut nachvollziehbar.

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Schere, Stein, Papier. Johan Leysen im Kampf mit seinem fiktiven Gegner. Foto: A Two Dogs Company

Leysen beginnt allein an einem Tisch, legt alte Platten auf, wie um einer längst vergangenen Zeit nostalgisch zu gedenken. Wie in Müllers Texten taucht dann aber schnell das verdrängte Gewissen oder auch Menetekel der Vergangenheit auf und beginnt einen Dialog über Krieg, Tod und individuelle Schicksale in politischen Verstrickungen. Zwei Beckettfiguren sprechen Müllertexte. Es geht um die Weite Russlands mit ihrer asiatischen Zeitreserve, wie es Müller gegenüber Kluge bezeichnet, und den Platz, den jedes Individuums in der Welt inne hat. „Ich schulde der Welt einen Toten“ (siehe oben). Oder Leysen spricht Passagen aus dem „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, dem Bericht eines Sowjetischen Offiziers im 2. Weltkrieg aus der „Wolokolamsker Chaussee“ und dem traumatischen, autobiografischen Text „Todesanzeige“, in dem es um den Selbstmord von Müllers erster Frau geht. Die zwei scheinbar gespiegelten Individuen hängen hier in einem künstlich geschaffenen, zeitlosen Raum zwischen Nichtmehr und Nochnicht, treten auf, gehen ab und umkreisen sich ohne einander wirklich nahe zu kommen. Ein Versuch einer künstlerischen Annäherung in Bild und Ton, ohne dem Anderen vollkommen absorbieren oder auslöschen zu können.

Irgendwann ist im beständigen Halbdunkel der Bühne nicht mehr klar erkennbar, wer Original und wer Hologramm ist. Das Ganze gipfelt in dem Text „Nachtstück“ aus „Germania Tod in Berlin“, in dem „ein Mensch der vielleicht eine Puppe ist“, eine absurde mundlose Beckettfigur, sich bei der vergeblichen Anstrengung ein freilaufendes Fahrrad zu erreichen, erst die Beine und die Arme ausreißt, und dem dann auch noch die Augen ausgestochen werden, bis ihm nun völlig bewegungsunfähig erst ein Mund entsteht, der sich zum stummen Schrei öffnet. „Der Mund entsteht mit dem Schrei.“ Leysen wird dabei als überlebensgroßer Torso auf eine Gazewand projiziert. Kris Verdoncks Performance, in ihrer perfekten technischen Umsetzung zwischen Videobild und realem Schauspiel, lässt die altbekannten Müllertexte durchaus in einem neuen Kontext erscheinen und bewegt sich geschickt, durch Johan Leysens großartige Verkörperung, zwischen unaufgeregtem Ernst und leiser Ironie. Nach einem etwas zu euphorischen Neubeginn am Hebbeltheater mit großen Gaststars und niederländischen Wunderbäumen, die künstlerisch nicht gerade in den Himmel wuchsen, der erste Abend, der wirklich sehenswert war.

Literatur:

  • Heiner Müller, Werkausgabe: Die Gespräche 1965-1995
    Herausgegeben von Frank Hörnigk unter Mitarbeit von Kristin Schulz, Ludwig Haugk, Christian Hippe und Ingo Way, Werke Band 11-13, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 2008
  • MÜLLER MP3. Heiner Müller, Tondokumente 1972–1995
    Herausgegeben von Kristin Schulz
    4 mp3-CDs und ein Begleitbuch (192 Seiten, zahlr. Abb.) im Schuber
    Alexander Verlag 2011

Teil 1: Thomas Brasch

Teil 2: Einar Schleef

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Was macht man nur mit diesem Sommer? Drei mehr oder minder verzweifelte Versuche eines Theaterverrückten.

Montag, August 22nd, 2011

Pack die Regenpelle ein… – Baden gehen mit Mozarts „Zauberflöte“ am Berliner Wannsee

Sonntagnachmittag, S-Bahnhof Wannsee, 2 Stunden vor Beginn der Vorstellung, es regnet in Strömen. Im Biergarten an der Loretta am Wannsee drängen sich die Leute unter die Sonnenschirme. Sonne hat es lange nicht mehr gegeben und für irgendetwas müssen die Schirme ja schließlich gut sein. Auf geht’s zum Strandbad, Regenschirme sind das vorherrschende Bild auf dem Kronprinzessinnenweg. Endlich, der Regen hat nachgelassen, vor dem Wannseebad tummeln sich Fabelwesen und geleiten die willigen Besucher zum Eingang. Überall werden Programmbücher, CD`s und Regenumhänge feilgeboten. Der nicht nur in diesem Sommer mit allen Wassern gewaschene Berliner hat sich aber selbst schon bestens eingedeckt. Taffe Mütter ziehen ihrem quengelnden Nachwuchs schnell noch die Regenhosen und Ostfriesennerze über. Man rechnet also mit dem Schlimmsten. Dunkel dräut der Himmel. Das würde eher zu Wagner passen, als zum poppig bunten Mozart, dessen Zauberflöte Wagner immerhin in den höchsten Tönen lobte.

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Die Einsamkeit der Strandkörbe, Wannseebad im August

Foto: St. B.

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Brecht am laufenden Band – Katharina Tahlbach inszeniert „Im Dickicht der Städte“ am Berliner Ensemble

Sonntag, Oktober 31st, 2010

Man kann es förmlich spüren, wie sich der junge Bertolt Brecht 23jährig durch das Dickicht der Stadt beim Schreiben dieses expressionistischen Textes geschlagen hat. Er war fasziniert von diesem Moloch und seinen inneren Kämpfen. Vor allem vom Boxkampf Mann gegen Mann, mit den selben Voraussetzungen und den gleichen Chancen. In seinem Stück ist davon dann allerdings nur noch der reine Kampf übrig geblieben, die Chancen sind ungleich verteilt. Der Kapitalist Shlink sucht sich eben keinen gleichwertigen Partner aus. Ganz so zum Zeitvertreib zerstört er eine ganze Familie und geht dabei dann mit zu Grunde, als sich der in seiner Existenz bedrohte kleine Angestellte einer Leihbücherei George Garga mit den gleichen Mitteln zur Wehr setzt. Shlink gibt ihm die dafür nötigten Mittel und sich selbst in die Hand. Eine interessante Sozialstudie über die Einsamkeit in den Großstädten, böse und ohne Idealismus, ein Modellfall, der Brecht, noch vom Expressionismus inspiriert, interessierte, den unerbittlichen Kampf der Klassen auf Augenhöhe darzustellen.
Es ist immer wieder mit mehr oder weniger Erfolgt versucht worden, dieses monströse Stück zu interpretieren. Allein es will nicht gelingen, da diese Situation heute kaum noch nachvollziehbar ist, obwohl sie für moderne Interpretationen einen weiten Spielraum lässt. Frank Castorf hat das Stück vor 5 Jahren von Chicago der zwanziger Jahre ins Subproletariat der Nachwendezeit transformiert. Eine Jogginghosen-Familie am Couchtisch erliegt den Reizen der Konsumgesellschaft: „Nie mehr minderwertig sein.“ Milan Peschel als Garga und Herbert Fritsch als Shlink waren ein kongeniales Paar im Lotterbett, Karikaturen des heutigen Klassenkampfes.
Bei Katharina Thalbach sind noch die Couch und die ewig auf- und zugehende Tür, die den Lärm der Stadt imaginieren soll, übrig geblieben. Es ist nicht ihre erste Brecht-Regie, sie hat auch in einigen Stücken selbst gespielt. Tochter des Theaterregisseurs Benno Besson, ist sie aber allein bei ihrer Mutter der Schauspielerin Sabine Thalbach aufgewachsen. Sie war Schülerin von Helene Weigel am BE in den 60er Jahren und ist dadurch eher matriarchal geprägt worden, was man ihren Arbeiten auch immer anmerkt, neben einem fast unbändigen Hang zum Humor. Da sie sich dieses Männerkampf-Drama Brechts ausgesucht hat, vermutet man auch erst eine radikale Neuinterpretation.
Warum sich hier aber ein eher devoter Shlink, gespielt vom Fernsehstar Gustav Peter Wöhler, in diesen Kampf wirft, bleibt ein Rätsel. Das zweite Problem ist die Besetzung des Garga mit Sabin Tambrea, der nicht nur mit der Situation des getriebenen jungen Garga sondern in seiner ganzen Darstellung der existentiellen Bedrohung völlig überfordert ist und in seiner Aufgeregtheit nie das Gefühl der anfänglich moralischen Überlegenheit („..ich verkaufe Ihnen nicht meine Ansicht darüber.“) transportieren kann. Alle Figuren tragen in der Inszenierung weiße Masken, die Kostüme sind typisch für die 20er Jahre, eine irgendwie geartete Modernisierung findet nicht statt. Katharina Thalbach nimmt das Stück Brechts und wirft es, gemixt mit einigen lustigen Regieeinfällen, wie es ist auf die Bühne. Einzig ein elektronisches Laufband für erklärende Übertitel und ein Laufband auf der Bühne, das öfter zum Auf- und Abtreten der Akteure dient, sowie der teilweise verwendete Industrial-Sound sind Zeichen unserer Zeit.
Am Anfang gibt es noch einen orchestralen Hollywood-Filmjingle der Großes ankündigen soll, aber Katharina Thalbach hat sich eher einen Scherz erlaubt. Sie verwechselt Expressionismus mit Brechts Epischem Theater der Masken und Verfremdungen. Das einzig expressionistische sind die Bühne von Momme Röhrbein mit ihren langen durchsichtigen Vorhängen auf den Häuser oder Wälder projiziert sind und die Jane der Janina Rudenska, die völlig überdrehte Freundin Gargas. Allein das darstellerische Vermögen von Judith Strößenreuter als Gargas Schwester Marie, Andreas Seifert als Vater und Mara Widmann als die Mutter von Garga können etwas Glaubwürdigkeit vermitteln. Hier schlägt auch der matriarchale Touch der Thalheim durch. Die beiden Frauen emanzipieren sich zusehends von ihren Rollen und Männern. Alle anderen Figuren bleiben Karikaturen. Das der Pavian (Dejan Bucin) und Der Steuermann Pat Mankyboddle (Roman Kanonik) noch ausländischen Dialekt sprechen müssen, ist eben so unnötig, wie das typische Chargieren, das den Schauspielern am BE schon in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint.
Der junge Brecht war von einer schlechten Aufführung von Schillers Räubern und von der zerstörerischen Liebe Arthur Rimbaud zu seinem Geliebten Paul Verlaine beeinflusst als er „Im Dickicht“ schrieb. Der wilde, zerreißende Kampf, den er da sah, wird bei Katharina Thalbach allerdings verschenkt. Das Finale auf fast leerer Bühne verpufft in einem vergeblichen Kussversuch Shrinks. Der Lynchmob steht derweilen mit Tiermasken auf der Bühne und vollführt einen Tänzchen. Der letzte Satz Gargas mutet da schon wie ein Hohn an: „Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.“ Es geht aber mehr um den Satz davor. „Allein sein ist eine gute Sache.“ Garga ist letztendlich dem Egoismus verfallen, er wechselt ohne mit der Wimper zu zucken die Klasse. Nur ist das in dieser Inszenierung nie wirklich spürbar.