Archive for the ‘Kleist’ Category

Kleist und kein Ende – In Berlin gibt es nun ein doppeltes „Käthchen von Heilbronn“

Sonntag, Dezember 11th, 2011

Jan Bosse am Gorki und Andreas Kriegenburg am DT versuchen sich auf recht unterschiedliche Weise am großen historischen Ritterschauspiel

„Ich sagte, daß, so geschickt er auch die Sache seiner Paradoxe führe, er mich doch nimmermehr glauben machen würde, daß in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein könne, als in dem Bau des menschlichen Körpers.
Er versetzte, daß es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. Nur ein Gott könne sich, auf diesem Felde, mit der Materie messen; und hier sei der Punkt, wo die beiden Enden der ringförmigen Welt in einander griffen.“

Heinrich von Kleist aus „Über das Marionettentheater“ (1810)

„Tanzen ist Träumen mit den Füßen“ marionette_clara-diercks_pixeliode.jpg
Foto: Clara Diercks / pixelio.de

Kleists Essay „Über das Marionettentheater“ ist Ausdruck seines ästhetischen Empfindens der darstellenden Kunst wie auch seiner Skepsis über das zeitgenössische Theater seiner Zeit. Es zeigt Kleists Zerrissenheit der Seele, genauso wie seine Zweifel an der realen Welt, in welcher der aus dem Paradies vertriebene Mensch durch seine Gravitation an den Boden gefesselt bleiben muss. Was Wunder also, dass sich zwei Regisseure in Berlin nun u.a. mit Hilfe von Puppen einem als unspielbar geltenden Werk Kleists nähern, dem so wundersam hirnspinnstigen, großen historischen Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“. Goethe, wird kolportiert, hatte das ihm überlassene Manuskript nach der Lektüre mit den Worten: „Ein wunderbares Gemisch von Sinn und Unsinn! Die verfluchte Unnatur!“ in das lodernde Feuer des Ofen geworfen. Er weigerte sich das Stück aufzuführen, „… wenn es auch ganz Weimar verlangt.“ 

Was für eine Ironie, ist doch das Feuer neben dem Wasser ein entscheidendes Element in Kleists Dichtung über die geradezu unterwürfige Liebe des einfachen Mädchens Katharina Friedeborn zum Ritter Friedrich Graf Wetter vom Strahl. Erst muss es buchstäblich durchs Feuer gehen und dann auch noch einen reißenden Fluss überqueren. Dabei steht ihr ein echter Schutzengel zur Seite, „ein Cherub in der Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand.” Soviel Pathos kennt man nur noch aus der Oper, wie z.B. aus Mozarts „Zauberflöte“ oder den Werken Richard Wagners, der auch in Tränen ausbrach, beim Lesen von Kleists Drama. Man glaubte damals, eine Parodie auf die romantischen Ritterschauspiele der Zeit vor sich zu haben, musste aber feststellen, dass es Kleist, den lang ersehnten Erfolg vor Augen, durchaus ernst damit wahr. Ihm gelang hier ein Anschlag auf die aufgeklärte Welt seiner Zeit, mit Hilfe der romantischen Schilderung eines Traums von der bedingungslosen Liebe.

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Wer bin ich und wenn ja wie viele? Jan Bosse und dreimal Amphitryon – Von der Gebrechlichkeit der Welt. Armin Petras und She She Pop experimentieren mit Kleists Novellen – Eine Nachbetrachtung zum Kleistfestival im Maxim Gorki Theater. Teil 3

Sonntag, Dezember 4th, 2011

Kleists Kantkrise und die Tragikkomödie des „Aphitryon“

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün ­ und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.“
Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801

Die meisten Werke Heinrich von Kleists entstanden infolge der Verarbeitung seiner sogenannten Kantkrise. Kleist war nach dem Studium von Kants „Kritik der Urteilskraft“ in eine existentielle Krise gestürzt, die einerseits dadurch begründet war, dass nach Kant der Verstand, den Kleist so hoch schätzte, nicht in der Lage sei, die Wahrheit und somit die Welt zu erkennen und anderseits darin, dass alles Streben nach, „Liebe, Ruhm, Glück usw.“ sinnlos wird, „…wo alles unweigerlich mit dem Tode endigt!“ Kleists Fazit: „Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.“ Dass er dennoch in den 10 ihm noch verbleibenden Jahren 8 Dramen, 8 Erzählungen sowie zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und theoretische Schriften verfasst hat, zeugt immerhin von einer unglaublichen Willens- und Schaffenskraft. Kleist konnte sich immer wieder entsprechend disziplinieren, wenn auch seine eigentlichen Lebensziele und Unternehmungen fast ausnahmslos scheiterten.

„Wirklich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles was ich unternehme, zugrunde geht, wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter den Füßen entzieht.”
Heinrich von Kleist an seine Schwägerin Marie von Kleist vom 17. Sept. 1811.

kleist_berlin_2011-5.JPG alter Kleist-Grabstein

Nach der schon besprochenen Tragödie „Die Familie Schroffenstein“ ist der „Amphitryon“ wohl das Stück, welches die Identitätskrise Kleists und seine Zweifel an der Erkennbarkeit der Wahrheit am besten ausdrückt. Das Lustspiel des französischen Komödiendichters Molière über den Gott Jupiter, der mit der Alkmene in Gestalt ihres Gemahls Amphitryon eine Liebesnacht verbringt und die Protagonisten damit in eine existentielle Glaubenskrise stürzt, hatte Kleist in der französischen Gefangenschaft zu seiner Version einer Tragikomödie inspiriert. Das Stück bekam einige gute Rezensionen, nur Goethe hatte wie immer etwas daran auszusetzen und wollte lieber Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ in Weimar aufführen. Goethe bekam das Manuskript von Kleists Verleger Adam Müller zugesandt, der in dessen Abwesenheit für das Stück trommelte, und analysierte das Lustspiel genau. Er schrieb am 14.07.1807 an F. W. Riemer: „Das Ende aber ist klatrig. Der wahre Amphitryon muß es sich gefallen lassen, dass Zeus diese Ehre angetan hat. Sonst ist die Situation der Alkmene peinlich und die des Amphitryon zuletzt grausam.“ Und an Adam Müller: „… es ist allenfalls nur ein wunderlich Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt.“ Für Goethe war das Stück, „jenes merkwürdige poetische Produkt“, nur als Einwickelpapier für Geld gut, dass er dem Verleger Frommann nach Jena schickte. Dort wurde das Exemplar aber, neben anderen Werken Kleists, zur Abendunterhaltung von Frommann selbst vorgetragen.

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Wortgewaltig – Antú Romero Nunes inszeniert „Die Familie Schroffenstein“ als sprachliches Missverständnis beim Kleistfestival am Maxim Gorki Theater Berlin – Teil 2

Montag, November 21st, 2011

Es gab viel zu sehen in den gut zwei Wochen des Kleistfestivals im Maxim Gorki Theater. Im Zentrum standen sicher die Inszenierungen von Hausherr und Initiator Armin Petras, der sich mit dem Kriegerischen und dem Preußentum in Kleists Werken auseinander setzte und Jan Bosse, der die Lustspiele „Der zerbrochene Krug“ und „Amphitryon“ zum Besten geben durfte und auch noch Kleists Ritterspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ zur Komödie machte. Das scheint Bosse zu liegen (dazu später mehr) und ist sicher auch der dankbarere Kleistpart. Nachdem Felicitas Brucker bereits im letzten Jahr die „Penthesilea“ als schmerzhaftes Emanzipationsdrama mit mehr oder minder Erfolg aufgeführt hatte, blieb noch Kleists Erstling „Die Familie Schroffenstein“ übrig. Dieser an „Romeo und Julia“ erinnernden „Scharteke“ – Kleist bezeichnete das Stück selber so – hat sich nun der Jungstar des Regieteams am Gorki, Antú Romero Nunes, angenommen.

kleistfestival-gorki-2011-3.JPG Foto: St. B.

,,Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.“ Ursula, eine Totengräberwitwe, in „Die Familie Schroffenstein“

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Zwischen Individuum und Gesellschaft – Armin Petras veranstaltet ein Kleistfestival am Maxim Gorki Theater Berlin – Teil 1

Mittwoch, November 16th, 2011

“Die armen lechzenden Herzen! Schönes und Großes möchten sie tun, aber niemand bedarf ihrer, alles geschieht jetzt ohne ihr Zutun.” Heinrich von Kleist in einem Brief an Adolfine von Werdeck (Nov. 1801)

Die Spielpläne in deutschen Landen sind wieder voll mit den Werken Heinrich von Kleists und die Gilde der Theaterkritiker- und Literaturwissenschaftler überschlägt sich mit der Herausgabe von neuen Büchern zu Leben und Werk des 1777 in Frankfurt (Oder) geborenen und 1811 am kleinen Wannsee früh aus dem Leben geschiedenen Dramatikers, Verfassers von Prosawerken, zahlreichen Streit- und Lehrschriften, Briefeschreibers aus Leidenschaft sowie Herausgebers von journalistischen Blättern. Im Bühnenrankig der Autoren liegt Kleist hinter Shakespeare auf Platz zwei, noch vor Goethe und Schiller. Ob sich das verkannte Genie das jeh hätte träumen lassen? Nun liegt diese Häufung an Kleist-Aufführungen sicher vor allem am 200. Jubiläum dieses spektakulären Doppelselbstmords, den er zusammen mit seiner Geliebten Henriette Vogel begangen hatte – es ranken sich nach wie vor einige Verschwörungstheorien um dieses Geschehen – aber auch daran, dass uns dieser Dichter, von für seine Zeit ungewöhnlichen und immer noch streitbaren Werken, einfach nicht in Ruhe lassen will.

kleist_berlin_2011-1.JPG Heinrich von Kleist
als Projektion in der Ausstellung Kleist: Krise und Experiment im Ephraim-Palais Berlin

“Für mich gibt es zwei Hauptkonflikte bei Kleist. Der eine ist der zwischen Individuum und Gesellschaft, der andere der zwischen Traum und Wirklichkeit.” Armin Petras

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Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik – Die Autorentheatertage 2011 am DT in Berlin haben begonnen

Sonntag, Juni 19th, 2011

If I had a hammer, oder wie Roland S. Superman die Welt rettet – „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum” vom Schauspiel Frankfurt in der Regie von Christoph Mehler

augustiner_hell.jpg Bild: www.augustiner-braeu.de
„Glaube, damit du erkennst.“ Heiliger Augustinus erHelle den Geist.

Kein Theaterfest ohne einen Schimmelpfennig. Da es dieses Jahr für Mülheim oder das Theatertreffen nicht gereicht hat, richtete ihm das DT einen Schwerpunkt bei den Autorentheatertagen 2011 ein. Zusammen mit der Jungautorin Rebekka Kricheldorf (dazu später) steht er für das diesjährige Motto: Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik. Auf allen vier Gebieten war Roland Schimmelpfennig bisher ein Meister seines Fachs und Garant für gut gemachte Storys. Im letzten Jahr entdeckte er allerdings seine soziale Seite und legte Stücke wie „Der goldene Drachen“ und „Peggy Picket sieht das Gesicht Gottes“ vor. Mit ersterem gewann er auch noch den Mülheimer Theaterpreis 2010, daraufhin haben drei große Theater (Berlin, Hamburg und Wien) das zweite im letzen Herbst kurz hintereinander uraufgeführt. Während er im „Goldenen Drachen“ noch mit schwarzem Humor und übergroßen Metaphern soziale Schieflagen illegal Beschäftigter beschreibt, stehen bei „Peggy Picket“ ganz real Probleme der zivilisierten Gesellschaft mit dem Elend in der dritten Welt im Mittelpunkt. Metaphysisch wird es nur noch in der Gestalt einer afrikanischen Holzpuppe, die für das Exotische, Unbegreifbare Afrikas steht. Schimmelpfennig mutierte nun binnen eines Jahres vom phantastischen Erzähler zum politischen Ankläger, mit allerdings überwiegend sehr banalen Aussagen und Bildern schwingt er den verbalen Hammer gegen das Elend in der Welt. „If I had a hammer / I’d hammer in the morning / I’d hammer in the evening / All over this land” (The Hammer Song, von Lee Hays und Pete Seeger)
Und nun ist dieses Bild sogar manifeste Bühnerealität, Roland Schimmelpfennig hat tatsächlich einen Hammer und was für einen. Er schlägt damit mühelos Löcher in Wände und reißt demnächst wohl ganze Mauern ein. Wenn er nicht gerade schreibend über den Übeln der Welt verzweifelt, schwebt er über Berliner Straßen, verbrüdert sich mit Bauarbeitern, die nur kurz die angebissene Bockwurst weglegen, von der Lektüre ihrer Bild-Zeitung aufschauen und dann gleich wieder schnell zur letzten Seite weiterblättern. Dort rekelt sich Mandy das geile Luder und Schimmelpfennig schwebt schon beseelt von größeren Gedanken weiter, umarmt junge Mütter, hilft alten Damen über die Straße und wirft dem glücklich lächelnden Bettler an der Ecke eine Handvoll Goldstaub in den Hut.
Gelandet ist er jetzt, wie und warum nur, in den Kammerspielen des DT. Aufgesprungen auf den allgemeinen Empörungszug fährt er dann allerdings mit seiner bierselig larmoyanten Bauarbeiterparabel voll gegen die Wand. Drei bedauernswerte Maurerexistenzen versuchen verzweifelt durchzubrechen, durch die Wand, die den Blick fürs Wesentliche verstellt. Die Kolonne der freien Seelen philosophiert sich durch den Elendsschlamm der westlichen Welt voll Gier, Umweltzerstörung und Cottbuser Pfuschmuffen, Rudi kotzt sich mal richtig aus. Der Klassenkampf besteht nur noch im Ficken mit der Frau des Bauherrn, Ricki macht Strichliste und das nächste Bier auf. „Die Patrizier haben nicht das letzte Wort.“ frohlockt Uli. Das Ganze zieht sich zäh von einem Augustiner zum nächsten. Der Wutanfall gipfelt schließlich in einem unvermittelten Befreiungsschlag, „Ich glaube an die Zukunft, wir werden es schaffen, irgendwie.“ Nur wie, ist Uli noch nicht ganz klar. Ein dunkles Loch dräut in der Wand und wir schauen mit ihm fasziniert in selbiges auf eine schimmelige, faulende Welt. Noch geschüttelt von dermaßen elektrisierenden Gedankenblitzen reibt man sich die Augen, „Verdammte Fickscheiße!“ so einfach kann die Welt sein.
War da noch etwas? Ach ja, es klopfet wieder an den Brettern der Kammerspiele. „Herein, wenn es kein Schimmelpfennig ist“. Aber es ist nur der verlorene vierte Mann der Kolonne. Marek phantasiert mörtelverschmiert und pimmelschwingend in bester Schimmelpfennigscher Art über das Zwischenreich unter den Dielen voller Feen und Insekten. Wie aus Zettels Traum entsprungen (im Programmheft wird Shakespeare zitiert) umtanzt er die bierbeduselten Kollegen und gemeinsam machen sie sich auf, um hinter die Mauer in eine glückselige Zukunft zu taumeln. Wir bleiben zurück und stimmen ein in den erlösenden Gesang: „Schubidu, Schubidu und raus bist du.“ Auch eine Art phantastischer Utopie. In der neuen Spielzeit allerdings wird Schimmelpfennig jedenfalls wieder ein Stück am DT uraufführen, es geht um „Die vier Himmelsrichtungen“. Goin’ Where The Wind Blows.

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„Das Genie ist ein Gestörter, den ein Anderer erstlich auslegen muß“ – Oliver Bukowskis Kleistsatire über Glück, Genie und Wahnsinn vom Hamburger Schauspielhaus in der Regie von Markus Heinzelmann

Im zweiten Schwerpunktthema beschäftigen sich die Autorentheatertage mit der Komödie. „Humor funktioniert, oder er funktioniert eben nicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ ist die Meinung der Alleinjurorin der „Langen Nacht der Autoren“ Elke Schmitter. Außerdem hat sie eine deutsche Vorliebe für das humorfreie Theater entdeckt und daher muss „Natürlich Komödie!“ sein, da sie sich gerne amüsiert und bisher im Theater viel zu selten die Gelegenheit dazu hatte. Man muss ihr Recht geben, wenn man sich die Spielpläne mit viel theorieschweren Ballast so ansieht. „Um es kurz zu machen: Humor ist nur bedingt theoriefähig.“ und somit bestens geeignet dem empörungsmüden Theatergänger wieder mit der Banalität und Komik des Einzelschicksals zu konfrontiert. Die große allgemeine Tragödie gegen die Spontaneität des Witzes, was sie sich im Einzelnen darunter vorstellt wird man am 25.06. im DT zu sehen bekommen.
Mit Oliver Bukowskis Stück nach Motiven Heinrich von Kleists erhält man zumindest einen kleinen Vorgeschmack davon, was eine gut geschriebene Komödie ausmacht. „Wie vergegenwärtigt man Kleist? Buchstäblich. Es sind kaum Rückschlüsse vom Werk auf das Leben des Autors möglich…“ konstatiert Bukowski. Also mixt er einfach bekannte Fakten aus dem Leben Kleists mit der fiktiven heutigen Figur des Bernd Getskard (Stefan Haschke). „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“, ein Zitat aus dem Erstling Kleists „Die Familie Schroffenstein“, zeigt seine ungestüme Vorgehensweise, der auch Bernd anhängt. Ausgehend von Kants „Kritik der Urteilskraft“ nach der „…die Natur durch das Genie nicht der Wissenschaft, sondern der Kunst die Regel vorschreibe“ (Stefan Haschke spricht am Beginn Kants Text) läuft nun am Beispiel des „verkannten Genies“ Kleist in der Figur des Allroundtalents Bernd, der sich nun nacheinander enthusiastisch als Performer, Theaterautor, Büroangestellter, Zeitungsherausgeber und schließlich als Naturbursche versucht (Kleist wollte einen Bauernhof in der Schweiz unterhalten), eine regelrechte Slapstickkanonade ab.
Es geht natürlich nicht in erster Linie um Kleists beginnende Existenzkrise und Depression nach der Lektüre von Kants Werk, sondern eher um den Anspruch des Künstlers wie jede normal Existenz sein Glück zu finden. Und das stellt sich für Bernd nicht so einfach dar. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt bewegt sich die Gefühlsspanne des aufkeimenden Talents, dem seine Förderer schon mal vor verschlossener Tür gut zusprechen müssen oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn das Genie mal eben 5000 € bei einer Performance verbrannt hat. Kleist rann das Geld auch nur so durch die Finger, seine notorische Klammheit hat ihn immer wieder in ungeliebte Broterwerbe getrieben. Meistens hatte er aber betuchte Mäzene zur Verfügung, wie jenen Wiepert (Marco Albrecht), der wie der Dichter und Herausgeber Christoph Martin Wieland, dem Kleist einst aus seinem „Robert Guiskard“ vorlas, immer wieder seine schützende Hand über ihn hält. Letztendlich wird es aber auch diesem zuviel mit den sprunghaften Ideen seines Schützlings und er erklärt ihm sein Verhalten als unzeitgemäß für die heutige Kreativgesellschaft. Dass das Getskard wie auch Kleist nicht von seinem Lebensweg abbringt, da er nicht in diesen Kategorien denkt, ist aber auch Wiepert irgendwann klar. Bernd nimmt gelassen von ihm Abschied, den nächsten Plan schon klar vor Augen.
Die Einzige die fast bedingungslos wie ein Groupie zu ihm hält und gegen seine Pathologisierung ankämpft, ist seine Dauergeliebte Claudi (Lydia Stäubli). Sie changiert von treu ergeben und verständnisvoll bis zur sanften Kritik, die aber Bernd sofort aus der Bahn wirft. Bei der Premiere seines ersten Theaterstücks hält ihn buchstäblich nichts auf seinem Stuhl. Als Claudi meint, dass das alles doch nur Theater sei, ist Bernd sofort auf der Palme, nachdem das Stück beim Publikum gescheitert ist, ist er nicht mehr zu bremsen, wie eine Furie will er dem Regisseur, als vermeintlichen Verursacher den Pleite, an die Wäsche. Diese Art der Selbstzweifel spiegeln Kleist Gemütslage bestens wider. Haschke gibt als Bernd das Springteufelchen par excellence und zeigt eine unendliche Bandbreite an Mimik und Gestik. Mitten in der Nacht exerziert er seine pedantischen Erziehungsmethoden und Claudi repetiert wie aus der Pistole geschossen, eine Persiflage auf Kleists Briefe an Wilhelmine von Zenge, seine Verlobte, die er mit solcher Art Erziehungsmaßnahmen traktierte. Aber selbst wenn man Kleist Biografie nicht kennt, ist das Stück well made und als Komödie über den verhinderten Künstler auch heute verständlich. Die finalen Schüsse am kleinen Wannsee bleiben auch bei Bukowski nicht aus, es hätte ihren aber nicht unbedingt bedurft. Kleist ist mit seinem Glücksanspruch in seiner Zeit gescheitert, wie es mit dem heutigen Künstler aussieht, kann man sich denken, ein Mangel an Beispielen besteht mit Sicherheit nicht.

dsc03727.JPG Kleists Grab am Kleine Wannsee.
Birgt ein tragisches Leben genug Potential für eine Komödie?
(Foto: St. B.)

Das Bukowski ein Händchen für psychologische Stoffe besitz, hat er am DT bereits mit seinem Soloabend „Der Heiler“ für den Schauspieler Jörg Gudzuhn bewiesen. In diesem Stück über die Rechtfertigung eines Psychologen bezüglich des Todes einer Patientin, betont er die menschliche Seite des Berufs gegenüber einer rein medizinischen Betrachtungsweise. Der Umschwung von erst selbstsicherer Überlegenheit zu einem schwankenden, an sich und dem System zweifelnden Menschen, macht Gudzuhn in Sprache und Geste spürbar und nachvollziehbar. Es ist in diesem Stück in der Regie von Piet Drescher viel Wissen um zwischenmenschliche und gesellschaftliche Schieflagen versteckt, dies wird besonders durch das Spiel des mit dieser Rolle endgültig aus dem Ensemble des DT scheidenden Schauspielers Jörg Gudzuhn sichtbar und es sind eben gerade die leiseren Töne am Ende, die ein Einfordern eines verständnisvolleren und menschlicheren Umgangs miteinander verdeutlichen. Tragik und Komik liegen im Leben immer dicht beieinander, Oliver Bukowski war schon immer ein Meister dieses Zusammenspiels. Es bleibt zu hoffen, dass bald wieder ein Stück von ihm in Berlin zur Aufführung kommt.

Von Kohlhaasenbrück nach Stuttgart 21 – Street Fighting Woman im Theater unterm Dach

Mittwoch, Oktober 27th, 2010

Anja Gronaus Version von Kleists Novelle heißt „Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger“

„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.  — Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtsgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder. (…)“
So beginnt Heinrich von Kleists Novelle vom braven Roßkamm, der dann auf seiner Reise nach Dresden, vom Junker Wenzel von Tronka, um zwei seiner Rappen gebracht wird und sich erst durch alle Instanzen klagen muss, bis er merkt, dass das Recht auch mit zweierlei Maß gemessen werden kann. Kleist untersuchte anhand dieser Geschichte, im Kontext der Aufklärung, die den Herrschaftsvertrag in eine legitime staatliche Ordnung wandeln wollte, ob der Einzelne ein Recht hat sich zu wehren, wenn ihm vom Staat Unrecht zugefügt wird. Kohlhaas rennt in gutem Gewissen mit seinen gerechtfertigten Ansprüchen gegen die Obrigkeit an und scheitert dennoch an deren Klüngel. Das lässt ihn schließlich verbittert aus dem Gesellschaftsvertrag aussteigen, um sich nun zu holen was im von Rechtswegen eigentlich zusteht. Wie ließe sich da nun eine Parallele zur heutigen Zeit ziehen, in dem der Rechtsstaat eigentlich verfassungsmäßig jedem garantiert ist?
Regisseurin Anja Gronau, die schon erfolgreich die Trilogie der klassischen Mädchen (mit Kleists Käthchen, Schillers Johanna und Goethes Grete) auf die Bühne des Theaters unterm Dach gebracht hat, setzt hier wieder auf eine weibliche Heldin und so wird aus dem rechtschaffenden Kohlhaas eine mit Pferdeschwanz bezopfte, schlaue Kohlhäsin. Renate Regel erklärt mit einiger Ironie, das es sicher schöner wäre sich einen Schiller anzusehen mit großen Worten a la „Gedankenfreiheit“ und so, aber was wenn einem dabei der Rechtsstaat flöten geht? Sie bestreitet diesen Abend im Alleingang inklusive aller weiteren Rollen, von denen sie nebenbei berichtet. Trotzdem wird die Erzählung auf offener Bühne, gestaltet von Mi Ander, nie langweilig. Schon der Beginn ist ein Vergnügen, wenn Regel die zwei Rappen mittels Kopfschütteln und tänzeln auf ihren Stiefeln erstehen lässt, mit stattlichen Flanken versteht sich. Der Weg durch die Institutionen, um die vorenthaltenen Pferde zurück zu erlangen, erfolgt mittels Eintüten von Briefen und Darstellen der vielen Orte anhand von Kreidestrichen auf dem Boden. Die Namen der Städte und Adressaten zieren bald die ganze Bühne. Riegel springt erst frisch und enthusiastisch von Pontius zu Pilatus, bis der Elan allmählich erschlafft und sich die Ernüchterung breit macht. Die abschlägigen Briefe steckt sie immer wieder in ein Buch mit dem Grundgesetz.
Dann endlich schlägt der Ton um und mit Tisch und Lampenständer wird aufgerüstet. Kohlhaas zieht in den Kampf gegen die Vetternwirtschaft der Tronkas, Hinz und Kunz und schließlich gegen die Stadt Leipzig, bis es auch Luther zu viel wird. Am Bühnenhintergrund tauchen Videos von Karlsruher Verfassungsrichtern auf, mit dem Megafon schreit Regel die Bilder an. Die Zuschauer werden aufgerufen mal mit auf einen Eimer zu hauen und sie selbst bläst in die Trillerpfeife. Das „Kohlhaasische Mandat“ als spaßiger Aufruf zur Demo. Schon Kleists Novelle ist widersprüchlich, Kohlhaas bekommt zwar sein Recht nur ist der Kopf auch verloren. Er ergibt sich dem Herrschaftswillen und büßt für seine Taten. Hinten raus wird die Geschichte bei Kleist auch noch mystisch, mit der Wahrsagung über den letzten sächsischen Kurfürsten in der Kapsel um Kohlhaas` Hals. Regel setzt sich demonstrativ in einen großen Sessel und liest aus einem Märchenbuch vor. Kohlhaas` Rache ist es, den Zettel hinunterzuschlucken. „Wer mir sein Wort einmal gebrochen, mit dem wechsle ich keins mehr.“ Gronaus Quintessenz ist es, das ganze Grundgesetzt zum Witz zu erklären und zu entsorgen, ihre Aufkündigung des Gesellschaftsvertrages sozusagen. Hinsichtlich der gerade aktuell laufenden Proteste in Stuttgart gegen staatlicher Willkür und Lobbyismus bei der Planung und Durchsetzung von Großbaumaßnahmen oder dem Aufbegehren von durch Theaterschließungen und Subventionskürzungen Betroffener, ist das auch sehr sympathisch.
Wer will kann noch mal vor der Tür den Wortlaut des Artikels 20 GG Absatz 2 und 4 nachlesen. Es fällt sicher angesichts der Fernsehbilder von Stuttgart schwer an Sätze wie „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ zu glauben und man ist geneigt „Das Recht zum Widerstand“ vehement einzufordern. Das wird ja auch dort vor Ort getan, nur sind hoffentlich noch nicht alle Worte schon gesprochen. Ernst Bloch sah in Kohlhaas einen „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“, einen verfrühten Jakobiner. Kleist wollte zum Kampf gegen Napoleon aufrufen, er hat dabei sicher nicht an Anarchie und Terror gedacht. Wohin Anja Gronaus Kohlhaas zielt, bleibt etwas diffus, ihre Idee trägt einen tollen Theaterabend lang, doch dann muss mehr kommen. Das Nachdenken geht weiter.

Eine Produktion von Anja Gronau in Koproduktion mit dem Theater unterm Dach Berlin, Forum Freies Theater Düsseldorf und LOFFT Leipzig.

Lieben bis es weh tut – Die Penthesilea von Kleist muss sich am Gorki-Theater in der Regie von Felicitas Brucker schmerzhaft emanzipieren

Donnerstag, Oktober 21st, 2010

Erst vor kurzem im regnerischen Spätsommer, hat das aufbruch-Gefängnistheater auf der Museumsinsel Kleists Penthesilea als Chordrama inszeniert, in dem der Einzelne nichts ist ohne die Geborgenheit in der Tradition und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Ein Kampf zwischen den Geschlechtern, Klassen und Rassen bis zum bitteren Ende. Heute regnet es wieder und erneut stehen sich unweit der Museumsinsel am Festungsgraben in Mitte die beiden unvereinbaren Pole gegenüber. Felicitas Brucker hat auch Christa Wolfs Nachwort zu Kleists „Penthesilea“ gelesen. Sie biegt aber die beiden Enden des Magneten zusammen bis es schmerzt.
Auf einer sperrhölzerner Bühne mit schiefer Ebene die sich zwischen einer Schlucht hebt und senkt und die mit einer Brücke überspannt ist, stehen zu Beginn alle Protagonisten Männer wie Frauen an der Rampe und beschreiben den Zusammenprall der Heere der Amazonen und Griechen. Dazu gibt es pathetische Musik von Bach. Anschließend rennen alle auf der schiefen Ebene nach oben und rutschen wieder ab. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrfach an diesem Abend, der vergebliche Versuch den Konventionen der Gruppe zu entfliehen. Als Zeichen des Krieges hängen sich alle Erkennungsmarken um und zerstreuen sich. Die Griechen werden von ihrem Stimmungsmacher Odysseus (Wilhelm Eilers) angestachelt, die Frauen haben ihre Zuchtmeisterin in Reithosen. Die Oberpriesterin (Nele Rosetz) trainiert ihre Amazonen wie eine Gruppe Cheerleader, immer wieder werden die Verse und Choreographien des Amazonenbrauchtums einstudiert.
Felicitas Brucker stellt die beiden Kontrahenten Penthesilea und Achill als Ausbrechende aus ihren Systemen aus Tradition und Gruppenzwang dar. Immer wieder will Penthesilea, selbstbewusst aber auch zweifelnd dargestellt von Anja Schneider, der Selbstdisziplinierung „Fasse dich“ entfliehen und bleibt doch bis sie mit Achill, sportlich forsch Michael Kammer, zusammenstößt, eine Sklavin des verinnerlichten Amazonenkults. Prothoe (Julischka Eichel) überredet den siegreichen Achill sich Penthesilea zum Schein zu ergeben. Er geht darauf ein, da sein Interesse für Penthesilea erwacht ist. Die plötzliche Liebe, lässt die beiden wie junge Hunde raufend die schräge Ebene erklimmen, verkeilt ineinander ein Paar das sich von allen Zwängen zu befreien scheint. Popmusik und Videoeinblendungen von Stefan Bischoff verstärken dieses unbändige Gefühl. Hier ist leider Pause, das zerreißt diesen bisher sehr gelungen Abend etwas. Nach der Pause leben Penthesilea und Achill in einem großen Wasserbehälter aus Plastik ihre frisch gewonnene Liebe aus. Prothoe sitzt sichtlich gequält neben diesem Glück. Es bleibt aber Ziel Penthesileas Achill als Beute zum Rosenfest zu führen, sie erzählt ihm die Geschichte der Entsehung des Amazonenstaats, mit seiner Tradition der sie verpflichtet ist und das Achill ihr von den Göttern vorbeschrieben sei. Dieser will sie aber umstimmen mit ihm zu ziehen als seine Königin. Eine Lösung ist nicht in Sicht, das Paar wird von den Griechen und Amazonen getrennt, der Krieg und die Pflicht steht wieder zwischen ihnen. Die Griechen fallen in das Lager der Amazonen ein, rauben und vergewaltigen.
Aber Achill will Penthesilea, er sucht erneut den Kampf, um sich ihr endgültig zu ergeben. Er schlägt alle Bendenken der Griechen in den Wind. Diomedes (Christian Kuchenbuch) und Odysseus können es nicht fassen. Auf Odysseus bohrender Frage ob der ganze Helenenstreit vor der Dardanerburg, gleich einem Morgentraum vergessen sei, ist Achill Troja egal, als wenn es just in einem See versinken würde. Wie ein Besessener schleudert er den Boten gegen die Sperrholzwände, nur auf die Botschaft Penthesileas lauernd. Auch Penthesilea widersetzt sich nun den Amazonen, ruft ihre geballte Streitmach von Hunden und Elefanten und zieht ihrem Geliebten entgegen. Um sich zu befreien muss sie erst zerstören, was sie doch liebt. Erst dadurch sind ihr die Augen geöffnet, der blinde Gehorsam zerfällt in freien Willen. Die Sinnlosigkeit der erzwungenen Werte wird offenbar. Hierin unterscheidet sich die Rezeption von Felicitas Brucker von der üblichen, in der Penthesilea die Tat im vollen Wahn verübt.
Die beiden Streitenden/Liebenden steigen aus dem Wasserbehälter nun Blut überströmt und rennen wieder die schiefe Ebene an, schließlich an ihrem Scheitel hängend und ein letztes Mal abrutschend, dann ist Achill tot. Einen Chor bildend berichten alle anderen von dem Kampf. Zum Schluss stehen nur noch die Oberpriesterin und Odysseus am Bühnenrand. Die Worte der Priesterin aufteilend, schieben sich die beiden Einpeitscher die Schuld für den Tod Achills gegenseitig zu. Die letzten Worte gehören wieder Penthesilea: „Küsse, Bisse, das reimt sich und wer recht von Herzen liebt, kann das eine für das andre greifen.“ Sie sagt sich los vom Gesetz der Amazonen und gräbt sich tief aus ihrem Herzen ein vernichtendes Gefühl. Aber ein Dolch wird nicht daraus, das Pathos Kleists ist tot, Penthesilea hat sich endgültig emanzipiert.

Penthesilea und Achill nach Heinrich von Kleist

Freitag, September 3rd, 2010

Eine Produktion von aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT auf der Berliner Museumsinsel

Mitten in einer Regietheaterdebatte auf Nachtkritik ist es immer ganz praktisch anhand von Beispielen argumentieren zu können. Um so besser wenn diese auch noch aktuellen Bezug haben und so trifft es sich gut, dass das Gefängnistheater aufBruch Kleists Penthesilea als Freiluftvariante im Kolonnadenhof auf der Museumsinsel präsentiert. Das Stück heißt hier Penthesilea und Achill, was sagen soll, das man Kleists Text nur als Vorlage benutzt und Eigenes einflechten will, daher auch nach Kleist.
Kurz zum Inhalt so weit nicht bekannt. Auf dem Schlachtfeld im Krieg um Troja erscheint nach 10 langen Kriegsjahren nun auch das kriegerischen Amazonenvolk, geführt von ihrer Königin Penthesilea. Nachdem sie endlich auf Seiten der Trojaner ins Geschehen eingreifen, begegnen sich Penthesilea und der griechische Held Achill. In der Ilias von Homer tötet Achill Penthesilea und verliebt sich dann in sie, unfähig weiter am Kampf teilnehmen zu können. Kleist hat die Geschichte umgearbeitet und zu einem Kampf der Geschlechter zwischen Liebe und Tradition gemacht. Hier ziehen sich Penthesilea und Achill fasziniert von einander wechselseitig immer wieder an, um sich dann ganz in der traditionellen Rolle ihres Volkes wieder ab zu stoßen. Nachdem Achill im Kampf mit Penthesilea erst siegreich ist, unterwirft er sich ihr Dank einer List Prothoes, der Vertrauten der Amazonenkönigin. Es entwickelt sich nun eine Liebesszene in der Achill sie für sich gewinnen will. „Du sollst den Gott der Erde mir gebären!“ Penthesilea erkennt aber schließlich, das es nur ein Betrug war und sie eigentlich unterlegen ist. Nach dem sie erneut im Kampf voneinander getrennt werden, erwacht ihre alte Amazonenehre. Achill will sich nun erneut mit ihr messen, um sich wieder im Schein zu ergeben und mit ihr ziehen zu können. Penthesilea verkennt dies und zerfleischt nun Achill in ihrem Wahn von Zuneigung und Hass. „Küsse, Bisse , das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann das eine für das andre greifen.“ Sie folgt nun Achill in den Tod, indem sie aus ihrem Herzen ein „vernichtendes Gefühl“ hervorgräbt und zu einem Dolche formt. Für Kleist lag darin „… der ganze Schmutz und Glanz meiner Seele.“ Man kann durchaus sein Scheitern im Leben und in der Liebe mit diesem sehr persönlichen Stück in Verbindung setzen.
In der Regie von Peter Atanassow, der neben seinen Film- und Fernseharbeiten immer wieder mit dem Gefangentheater aufBruch zusammenarbeitet, dreht sich die Inszenierung genau um diesen zentralen Widerspruch Liebe und Tradition zwischen den Geschlechtern. Die Griechen treten in Soldatenmänteln auf, die Amazonen tragen unter ihrer Soldatenkleidung mit Reithosen, schwarze Bustiers. Die Männer wie die Frauen führen immer wieder archaische Kampfchoreografien auf, es wird viel im Chor skandiert, ein typisches Instrument des aufBruch-Theaters, bekannt aus Aufführungen von Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee, dem Spartakus oder der Nibelungen von Hebbel. Die Männeriten werden durch das Singen des Zarah Leander-Liedes „Davon geht die Welt nicht unter“ als Lanzersong verdeutlicht, sie wollen “Hellas heim ins Reich” holen. Später werden sie die Amazonen wie Hunde anbellen. Genauso stark ist die Verachtung der gefangenen Griechen durch die Amazonen. Die Frauen werfen die Soldaten als Trophäen vor sich auf den Boden. Die Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Auch die Hauptprotagonisten Penthesilea und Achill stellen sich anfangs als stolze und starke Führer vor ihr Volk. Erst als sie durch ihre Liebe an den Traditionen zweifeln, spalten sie sich in mehrere Akteure auf, versinnbildlichen so den Riss in ihrem Inneren und zwischen den Gruppierungen. Atanasow verdeutlicht diesen Widerspruch sogar noch, indem er verschiedene Nationalitäten und soziale Schichten in seinem Ensemble zusammenführt. Der Riss geht heute nicht nur durch die Geschlechter, sondern durch die gesamte Gesellschaft.
Die Liebe zwischen Penthesilea und Achill scheitert an diesen Schranken. Gemeinsam singen die Schauspieler das Lied aus der Winterreise „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“
Am Ende nach der schrecklichen Tat steht Penthesilea mit den Überresten von Achill in zwei Plastiksäcken vor dem Chor. Nach ihrem Fall erklingen die Kleistschen Schlussworte: „Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte! Die abgestorbne Eiche steht im Sturm, Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, Weil er in ihre Krone greifen kann.“ Das Ensemble des aufBruch schafft hier eine kluge auf das zentrale Thema gekürzte Fassung mit deutlich moderner Lesart. Das einige heute wieder Kleist vor Goethe sehen, liegt sicher daran, das Kleist bei allem Archaischen immer auch den Menschen mit all seinen Schwächen dahinter gesehen hat.
Ich möchte hier noch auf einen Text von Christa Wolf, erschienen 1983 in einem Nachwort zu einer Penthesilea-Ausgabe des Buchverlages der Morgen, hinweisen. Hier verdeutlicht sie noch mal die Grundproblematik des Konflikts, als Missverständnis der Geschlechter in der Sicht auf ein selbstbestimmtes Recht der Frau auf individuelle Liebe. „…als sollten Nord- und Südpol zueinander kommen, als sollten die beiden Enden eines Magnets zusammengeführt werden: in der Art einer verheerenden Naturkatastrophe entladen sich die unvereinbaren Gegensätze.“

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weitere Termine unter:  www.gefaengnistheater.de

Der Zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist

Sonntag, März 28th, 2010

Eine Inszenierung von Jan Bosse am Maxim Gorki Theater Berlin

Neue Moden am Gorki, denkt man sich, als die Eintrittskarte schon beim Betreten des Foyers verlangt wird. Erst nach einiger angestrengter Wartezeit auf den Einlass, löst sich das Rätsel. Ronald Kukulies als Schreiber Licht drängt sich plötzlich durch die Wartenden und ruft immer wieder energisch nach dem Dorfrichter Adam. Adam zeigt sich auch endlich wie Gott ihn schuf auf dem Tresen der Garderobe, sein Gemächt notdürftig mit den Händen bedeckend. Aber auch das werden wir bald zu Gesicht bekommen, vom sich die letzten Haare raufenden Edgar Selge als jammervollen Dorfrichter, der wie bei Kleist beschrieben, deutlich gezeichnet an Kopf und Körper nun vor uns steht. Und so entspinnt sich denn vor dem wartenden Publikum im Foyer des Maxim Gorki Theaters der erste Auftritt des Lustspiels der Zerbrochene Krug. Was Adam das Gesicht so verrenkt hat, wir wissen es alle und nehmen den Bericht amüsiert auf. Zum Straucheln braucht`s doch nichts als Füße, ja, ja.

Dem so arg derangierten Dorfrichter Adam wird nun durch Licht die Ankunft des wenig willkommenen Gerichtsrats Walter aus Utrecht angekündigt, der über Holla nach Huisum auf dem Wege ist und schon einen Dorfrichter auf dem Gewissen hat, nach dem Prüfen der Kassen. Man versichert sich gegenseitig, das ja hier alles in bester Ordnung sei und nach einigen Flüchen und nachdem sich Selge unter großen Gejohle des Publikums noch einen Mantel aus der Garderobe geschnappt hat, stürmt er die Treppe zum Saal hoch. Endlich Einlass, das „Unheil“ kann seinen Lauf nehmen.

Während man sich in aller Ruhe seinen Platz sucht, wird auf der Bühne noch fleißig gewerkelt. Ein mit Girlanden und Luftballons geschmückter Kultursaal, wie es sie auf Dörfern so gibt, wird für den Gerichtstag von den Bühnenarbeitern wieder hergestellt, mit wappenbestickten Fahnen und einem riesigen Spiegel ausstaffiert. Eine Leinwand gibt es auch, wofür wird man noch sehen.

Nachdem Gerichtsrat Walter, von Jean-Pierre Cornu gespielt, begrüßt ist und sich alle niedergelassen haben, wird endlich der Fall der Frau Marthe aufgerufen, wie von Kleist eigentlich auch vorgesehen. Sie tritt auf, gefolgt von Eve und Ruprecht, alle in modernen heutigen Sachen. Franziska Walser als Frau Marthe trägt einen Jeansoverall, das Korpus Delikti hat sie in ihrer Handtasche. Der Krug in lauter Einzelteilen befindet sich in einer Plastiktüte, die sie aus der Tasche zutage fördert und was nun geschieht, kann man schlecht beschreiben, man muss es einfach gesehen haben.

Nachdem die Leinwand heruntergelassen ist, folgt ein Vortrag mit Hilfe der auf Folien gezeichneten Motive des Kruges, mittels Overheadprojektor an die Leinwand geworfen. Was Frau Marthe den Krug so einzigartig macht, wir bekommen es genauestens mit jeder Scherbe erklärt.
Ich könnte weiter so fortfahren den Abend in allen Einzelheiten auszumalen, allein es würde den Rahmen hier sprengen und nicht im geringsten den Witz dieser Inszenierung vermitteln.

Die Figuren sind so herrlich überzeichnet, Matti Krause als eifersüchtiger Ruprecht, der schon mal seine Aussage fast dahin rappt oder die herrlich trotzige Britta Hammelstein als Eve, ein junger Teenager, der genau weiß, was er will und nur der dumme Klotz von Ruprecht kann es nicht verstehen.

Ronald Kukulies setzt das fort, was er als Tom Wingfield in der Glasmenagerie begonnen hat, er lässt kein „Fett“näpfchen aus und rutscht auf der auf die Bühne gekleisterten Hühnerkacke aus oder verheddert sich im Wust des Papiers worauf er eigentlich den Fall beschreiben soll. Wolfgang Hosfeld ist ein gutmütiger brummeliger Handwerker als Veit Tümpel der auch immer wieder gerne selbst Hand anlegt.

Das ganze ist eine herrliche Farce, Selge macht es sichtlich Vergnügen den Louis de Funès zu geben, er windet sich, rennt auf und ab, bringt Walter schier zum Verzweifeln. Ah, Oh, Nein, wir kennen das und lachen uns schlapp.

Nachdem alles wie bei Kleist so richtig schön festgefahren ist und nur noch die Aussage der Frau Brigitte Licht ins Dunkel bringen kann, soll auf einmal Pause sein. Aber nicht mal das klappt, keiner will gehen, da man sich wie schon zuvor doch nicht veräppeln lassen will. Und so geht es dann auch nach ein paar Häppchen aus der Butterlindnertüte und Sekt für den Gerichtsrat Walter mit dem Auftritt von Cristin König als Frau Brigitte weiter. Sie kann nun die ersehnte Auflösung um Perücke und klumpfüßigen Teufel darbringen und Eve endlich Adam als den Täter entlarven. Wir bekommen nun noch einen flüchtenden Adam und das Zerlegen des so mühselig hergerichteten Gerichtsaals durch Ruprecht geboten, bevor sich alle verbeugen und man nach langem Beifall endlich gehen könnte. Aber weit gefehlt, für Frau Marthe Rull ist die Sache nicht erledigt, sie will wieder zurück an den Polylux und über den Krug lamentieren. Erst als der Eiserne Vorhang unten ist, sind wir erlöst.

Man könnte die Sache auch als Väter der Klamotte abtun. Darf man das nach der Diskussion über Frau Blattners Käthchen am BE? Wird hier nicht wieder Kleist mit seinem Text nicht ernst genommen. Jan Bosse hat sich mit dem zerbrochenen Krug auch eine dankbarere Aufgabe rausgesucht, aber er hält die Komik mit seiner auf Trash gebürsteten Inszenierung auch konsequent von Anfang bis Ende durch. Und somit ist ihm, bei diesen vielen Theaterereignissen des Wochenendes von Nachtkritik ganz unbemerkt, ein nicht geahnter Höhepunkt gelungen.

Das Käthchen von Heilbronn am Berliner Ensemble

Samstag, März 20th, 2010

 in einer Inszenierung von Simone Blattner

Ach ja, da haben wir es wieder, das Problem mit der Werktreue. Aber das ist bei weitem nicht das einzige Problem, das diese Inszenierung hat. Was bewegt eigentlich junge talentierte Frauen immer noch dazu hohen Herren der Dichtkunst hinterher zu rennen und dann damit noch unbedingt am BE scheitern zu müssen? Es hilft Simone Blattner nicht, wenn ihre Inszenierung als so lala bezeichnet wird, sie reiht sich durchaus nahtlos in den sonstigen Plunder des BE ein.

Das ganze Ding ist eine Mogelpackung. Das Programmheft gibt einen Hinweis zur Parodie, den greift Frau Blattner aber nicht wirklich auf. Ich glaube etwas anderes als Parodie geht jedoch nicht, wenn man den Zuschauern ein 4-stündiges Ritterspiel aus der Dose ersparen will. Dass das Käthchen vielleicht in seiner Sprache und Konzeption für die heutige Bühne eine Zumutung darstellt, ist durchaus nachvollziehbar, das war es auch schon zu Kleists Zeiten. Selbst Goethe, hat es abgelehnt das Stück aufzuführen und sicher nicht nur weil er junge Kontrahenten gern mal weg gebissen hat. Nur den Text einkürzen und leicht modernisieren hilft da nicht. So mühen sich nun die Schauspieler alleingelassen mit Text und Treppe ab, beim parodieren von Schauspielern die Kleist spielen sollen, samt Schleefschem Femechor. Wenn man Kleist veräppeln will, muss man das auch konsequent durchziehen. Die Inszenierung schwankt zwischen Komödie und Tragödie hin und her, bis sie zum Vollschwank wird. So stürzt denn das Stück die Treppe hinunter und bricht sich dabei das Genick. Nun liegt es da und auch die wenigen lichten Momente bringen es nicht wieder ins Leben zurück. Nur zweimal stockt einem der Atem, wenn Ruth Glöss als Haushälterin Brigitte den Traum Friedrichs erzählt, da wird es ganz ruhig und der ganze Klamauk fällt mit einem Male ab. Hier wird ja auch das Motiv zum Hass Kunigundes (Ursula Höpfner im Ganzkörper-Korsett) und der Vergiftung Käthchens geprägt. Und dann der vielleicht größte Moment als Käthchen (Laura Tratnik als verhuschter Teenager) im Traum Friedrich (Sabin Tambrea als stürmischer Dränger) ihre Liebe gesteht und die bevorstehende Hochzeit vorhersagt. Diese Szene zeigt die wirkliche Schönheit dieser Liebesgeschichte und wozu Simone Blattner im Stande wäre, wenn sie sich nur trauen würde. Merkwürdig verkitscht dagegen der Hollerbusch als Strauchdeko, im Korb auf die Bühne gestellt.

Es gibt gelungene heutige Stückinterpretationen, die gerade dem Hollerbusch auch eine zentrale Rolle einräumen. Es ist sicher blöd eine Inszenierung gegen die andere aufzuwiegen, aber als häufiger Theatergänger hat man eben diese Möglichkeit. Ich denke da an die Inszenierung von Nicolas Stemann am DT von 2004, in der Inka Friedrich den besagten Strunk die ganze Zeit im Blumentopf mit sich herum trägt. Hier hopsen auch keine albernen Ritter rum, die Kampfszenen werden einfach per Beamer-Technik an die Wand geworfen. Im typischen Stemann-Stil wird die Handlung auch mal nur szenisch vorgetragen. Auch wenn hier emotional einiges auf der Strecke bleibt, bekommt das Stück durch den Einsatz des im Publikum stehenden Chores, der Mendelssohns “Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen” vorträgt, einen gewaltigen Sog. Im BE darf Dejan Bućin als Ritter Flammberg auch kurz etwas singen, man versteht es aber gar nicht. Fast alle Szenen plätschern an einem vorbei, ohne dass wirklich etwas ernsthaft hängen bleibt. Da wird doch tatsächlich Ritter der Kokosnuss, eine Parodie der Parodie, für neu verkauft. Die Krönung ist der blecherne Vortrag zum Schluss von Jürgen Holz als Kaiser. Hier passt wirklich nichts zusammen. Wenn man keine echten Ideen zu diesem schwierigen Stück hat, sollte man es auch nicht inszenieren wollen.

Es bleibt Simone Blattner zu wünschen, dass sie mit einem Gegenwartsstück nach Berlin zurückkommt, etwas worauf das sonst so verschnarchte BE wirklich wartet.