Archive for the ‘Kleist’ Category

Von Kohlhaasenbrück nach Stuttgart 21 – Street Fighting Woman im Theater unterm Dach

Mittwoch, Oktober 27th, 2010

Anja Gronaus Version von Kleists Novelle heißt „Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger“

„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.  — Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtsgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder. (…)“
So beginnt Heinrich von Kleists Novelle vom braven Roßkamm, der dann auf seiner Reise nach Dresden, vom Junker Wenzel von Tronka, um zwei seiner Rappen gebracht wird und sich erst durch alle Instanzen klagen muss, bis er merkt, dass das Recht auch mit zweierlei Maß gemessen werden kann. Kleist untersuchte anhand dieser Geschichte, im Kontext der Aufklärung, die den Herrschaftsvertrag in eine legitime staatliche Ordnung wandeln wollte, ob der Einzelne ein Recht hat sich zu wehren, wenn ihm vom Staat Unrecht zugefügt wird. Kohlhaas rennt in gutem Gewissen mit seinen gerechtfertigten Ansprüchen gegen die Obrigkeit an und scheitert dennoch an deren Klüngel. Das lässt ihn schließlich verbittert aus dem Gesellschaftsvertrag aussteigen, um sich nun zu holen was im von Rechtswegen eigentlich zusteht. Wie ließe sich da nun eine Parallele zur heutigen Zeit ziehen, in dem der Rechtsstaat eigentlich verfassungsmäßig jedem garantiert ist?
Regisseurin Anja Gronau, die schon erfolgreich die Trilogie der klassischen Mädchen (mit Kleists Käthchen, Schillers Johanna und Goethes Grete) auf die Bühne des Theaters unterm Dach gebracht hat, setzt hier wieder auf eine weibliche Heldin und so wird aus dem rechtschaffenden Kohlhaas eine mit Pferdeschwanz bezopfte, schlaue Kohlhäsin. Renate Regel erklärt mit einiger Ironie, das es sicher schöner wäre sich einen Schiller anzusehen mit großen Worten a la „Gedankenfreiheit“ und so, aber was wenn einem dabei der Rechtsstaat flöten geht? Sie bestreitet diesen Abend im Alleingang inklusive aller weiteren Rollen, von denen sie nebenbei berichtet. Trotzdem wird die Erzählung auf offener Bühne, gestaltet von Mi Ander, nie langweilig. Schon der Beginn ist ein Vergnügen, wenn Regel die zwei Rappen mittels Kopfschütteln und tänzeln auf ihren Stiefeln erstehen lässt, mit stattlichen Flanken versteht sich. Der Weg durch die Institutionen, um die vorenthaltenen Pferde zurück zu erlangen, erfolgt mittels Eintüten von Briefen und Darstellen der vielen Orte anhand von Kreidestrichen auf dem Boden. Die Namen der Städte und Adressaten zieren bald die ganze Bühne. Riegel springt erst frisch und enthusiastisch von Pontius zu Pilatus, bis der Elan allmählich erschlafft und sich die Ernüchterung breit macht. Die abschlägigen Briefe steckt sie immer wieder in ein Buch mit dem Grundgesetz.
Dann endlich schlägt der Ton um und mit Tisch und Lampenständer wird aufgerüstet. Kohlhaas zieht in den Kampf gegen die Vetternwirtschaft der Tronkas, Hinz und Kunz und schließlich gegen die Stadt Leipzig, bis es auch Luther zu viel wird. Am Bühnenhintergrund tauchen Videos von Karlsruher Verfassungsrichtern auf, mit dem Megafon schreit Regel die Bilder an. Die Zuschauer werden aufgerufen mal mit auf einen Eimer zu hauen und sie selbst bläst in die Trillerpfeife. Das „Kohlhaasische Mandat“ als spaßiger Aufruf zur Demo. Schon Kleists Novelle ist widersprüchlich, Kohlhaas bekommt zwar sein Recht nur ist der Kopf auch verloren. Er ergibt sich dem Herrschaftswillen und büßt für seine Taten. Hinten raus wird die Geschichte bei Kleist auch noch mystisch, mit der Wahrsagung über den letzten sächsischen Kurfürsten in der Kapsel um Kohlhaas` Hals. Regel setzt sich demonstrativ in einen großen Sessel und liest aus einem Märchenbuch vor. Kohlhaas` Rache ist es, den Zettel hinunterzuschlucken. „Wer mir sein Wort einmal gebrochen, mit dem wechsle ich keins mehr.“ Gronaus Quintessenz ist es, das ganze Grundgesetzt zum Witz zu erklären und zu entsorgen, ihre Aufkündigung des Gesellschaftsvertrages sozusagen. Hinsichtlich der gerade aktuell laufenden Proteste in Stuttgart gegen staatlicher Willkür und Lobbyismus bei der Planung und Durchsetzung von Großbaumaßnahmen oder dem Aufbegehren von durch Theaterschließungen und Subventionskürzungen Betroffener, ist das auch sehr sympathisch.
Wer will kann noch mal vor der Tür den Wortlaut des Artikels 20 GG Absatz 2 und 4 nachlesen. Es fällt sicher angesichts der Fernsehbilder von Stuttgart schwer an Sätze wie „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ zu glauben und man ist geneigt „Das Recht zum Widerstand“ vehement einzufordern. Das wird ja auch dort vor Ort getan, nur sind hoffentlich noch nicht alle Worte schon gesprochen. Ernst Bloch sah in Kohlhaas einen „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“, einen verfrühten Jakobiner. Kleist wollte zum Kampf gegen Napoleon aufrufen, er hat dabei sicher nicht an Anarchie und Terror gedacht. Wohin Anja Gronaus Kohlhaas zielt, bleibt etwas diffus, ihre Idee trägt einen tollen Theaterabend lang, doch dann muss mehr kommen. Das Nachdenken geht weiter.

Eine Produktion von Anja Gronau in Koproduktion mit dem Theater unterm Dach Berlin, Forum Freies Theater Düsseldorf und LOFFT Leipzig.

Lieben bis es weh tut – Die Penthesilea von Kleist muss sich am Gorki-Theater in der Regie von Felicitas Brucker schmerzhaft emanzipieren

Donnerstag, Oktober 21st, 2010

Erst vor kurzem im regnerischen Spätsommer, hat das aufbruch-Gefängnistheater auf der Museumsinsel Kleists Penthesilea als Chordrama inszeniert, in dem der Einzelne nichts ist ohne die Geborgenheit in der Tradition und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Ein Kampf zwischen den Geschlechtern, Klassen und Rassen bis zum bitteren Ende. Heute regnet es wieder und erneut stehen sich unweit der Museumsinsel am Festungsgraben in Mitte die beiden unvereinbaren Pole gegenüber. Felicitas Brucker hat auch Christa Wolfs Nachwort zu Kleists „Penthesilea“ gelesen. Sie biegt aber die beiden Enden des Magneten zusammen bis es schmerzt.
Auf einer sperrhölzerner Bühne mit schiefer Ebene die sich zwischen einer Schlucht hebt und senkt und die mit einer Brücke überspannt ist, stehen zu Beginn alle Protagonisten Männer wie Frauen an der Rampe und beschreiben den Zusammenprall der Heere der Amazonen und Griechen. Dazu gibt es pathetische Musik von Bach. Anschließend rennen alle auf der schiefen Ebene nach oben und rutschen wieder ab. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrfach an diesem Abend, der vergebliche Versuch den Konventionen der Gruppe zu entfliehen. Als Zeichen des Krieges hängen sich alle Erkennungsmarken um und zerstreuen sich. Die Griechen werden von ihrem Stimmungsmacher Odysseus (Wilhelm Eilers) angestachelt, die Frauen haben ihre Zuchtmeisterin in Reithosen. Die Oberpriesterin (Nele Rosetz) trainiert ihre Amazonen wie eine Gruppe Cheerleader, immer wieder werden die Verse und Choreographien des Amazonenbrauchtums einstudiert.
Felicitas Brucker stellt die beiden Kontrahenten Penthesilea und Achill als Ausbrechende aus ihren Systemen aus Tradition und Gruppenzwang dar. Immer wieder will Penthesilea, selbstbewusst aber auch zweifelnd dargestellt von Anja Schneider, der Selbstdisziplinierung „Fasse dich“ entfliehen und bleibt doch bis sie mit Achill, sportlich forsch Michael Kammer, zusammenstößt, eine Sklavin des verinnerlichten Amazonenkults. Prothoe (Julischka Eichel) überredet den siegreichen Achill sich Penthesilea zum Schein zu ergeben. Er geht darauf ein, da sein Interesse für Penthesilea erwacht ist. Die plötzliche Liebe, lässt die beiden wie junge Hunde raufend die schräge Ebene erklimmen, verkeilt ineinander ein Paar das sich von allen Zwängen zu befreien scheint. Popmusik und Videoeinblendungen von Stefan Bischoff verstärken dieses unbändige Gefühl. Hier ist leider Pause, das zerreißt diesen bisher sehr gelungen Abend etwas. Nach der Pause leben Penthesilea und Achill in einem großen Wasserbehälter aus Plastik ihre frisch gewonnene Liebe aus. Prothoe sitzt sichtlich gequält neben diesem Glück. Es bleibt aber Ziel Penthesileas Achill als Beute zum Rosenfest zu führen, sie erzählt ihm die Geschichte der Entsehung des Amazonenstaats, mit seiner Tradition der sie verpflichtet ist und das Achill ihr von den Göttern vorbeschrieben sei. Dieser will sie aber umstimmen mit ihm zu ziehen als seine Königin. Eine Lösung ist nicht in Sicht, das Paar wird von den Griechen und Amazonen getrennt, der Krieg und die Pflicht steht wieder zwischen ihnen. Die Griechen fallen in das Lager der Amazonen ein, rauben und vergewaltigen.
Aber Achill will Penthesilea, er sucht erneut den Kampf, um sich ihr endgültig zu ergeben. Er schlägt alle Bendenken der Griechen in den Wind. Diomedes (Christian Kuchenbuch) und Odysseus können es nicht fassen. Auf Odysseus bohrender Frage ob der ganze Helenenstreit vor der Dardanerburg, gleich einem Morgentraum vergessen sei, ist Achill Troja egal, als wenn es just in einem See versinken würde. Wie ein Besessener schleudert er den Boten gegen die Sperrholzwände, nur auf die Botschaft Penthesileas lauernd. Auch Penthesilea widersetzt sich nun den Amazonen, ruft ihre geballte Streitmach von Hunden und Elefanten und zieht ihrem Geliebten entgegen. Um sich zu befreien muss sie erst zerstören, was sie doch liebt. Erst dadurch sind ihr die Augen geöffnet, der blinde Gehorsam zerfällt in freien Willen. Die Sinnlosigkeit der erzwungenen Werte wird offenbar. Hierin unterscheidet sich die Rezeption von Felicitas Brucker von der üblichen, in der Penthesilea die Tat im vollen Wahn verübt.
Die beiden Streitenden/Liebenden steigen aus dem Wasserbehälter nun Blut überströmt und rennen wieder die schiefe Ebene an, schließlich an ihrem Scheitel hängend und ein letztes Mal abrutschend, dann ist Achill tot. Einen Chor bildend berichten alle anderen von dem Kampf. Zum Schluss stehen nur noch die Oberpriesterin und Odysseus am Bühnenrand. Die Worte der Priesterin aufteilend, schieben sich die beiden Einpeitscher die Schuld für den Tod Achills gegenseitig zu. Die letzten Worte gehören wieder Penthesilea: „Küsse, Bisse, das reimt sich und wer recht von Herzen liebt, kann das eine für das andre greifen.“ Sie sagt sich los vom Gesetz der Amazonen und gräbt sich tief aus ihrem Herzen ein vernichtendes Gefühl. Aber ein Dolch wird nicht daraus, das Pathos Kleists ist tot, Penthesilea hat sich endgültig emanzipiert.

Penthesilea und Achill nach Heinrich von Kleist

Freitag, September 3rd, 2010

Eine Produktion von aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT auf der Berliner Museumsinsel

Mitten in einer Regietheaterdebatte auf Nachtkritik ist es immer ganz praktisch anhand von Beispielen argumentieren zu können. Um so besser wenn diese auch noch aktuellen Bezug haben und so trifft es sich gut, dass das Gefängnistheater aufBruch Kleists Penthesilea als Freiluftvariante im Kolonnadenhof auf der Museumsinsel präsentiert. Das Stück heißt hier Penthesilea und Achill, was sagen soll, das man Kleists Text nur als Vorlage benutzt und Eigenes einflechten will, daher auch nach Kleist.
Kurz zum Inhalt so weit nicht bekannt. Auf dem Schlachtfeld im Krieg um Troja erscheint nach 10 langen Kriegsjahren nun auch das kriegerischen Amazonenvolk, geführt von ihrer Königin Penthesilea. Nachdem sie endlich auf Seiten der Trojaner ins Geschehen eingreifen, begegnen sich Penthesilea und der griechische Held Achill. In der Ilias von Homer tötet Achill Penthesilea und verliebt sich dann in sie, unfähig weiter am Kampf teilnehmen zu können. Kleist hat die Geschichte umgearbeitet und zu einem Kampf der Geschlechter zwischen Liebe und Tradition gemacht. Hier ziehen sich Penthesilea und Achill fasziniert von einander wechselseitig immer wieder an, um sich dann ganz in der traditionellen Rolle ihres Volkes wieder ab zu stoßen. Nachdem Achill im Kampf mit Penthesilea erst siegreich ist, unterwirft er sich ihr Dank einer List Prothoes, der Vertrauten der Amazonenkönigin. Es entwickelt sich nun eine Liebesszene in der Achill sie für sich gewinnen will. „Du sollst den Gott der Erde mir gebären!“ Penthesilea erkennt aber schließlich, das es nur ein Betrug war und sie eigentlich unterlegen ist. Nach dem sie erneut im Kampf voneinander getrennt werden, erwacht ihre alte Amazonenehre. Achill will sich nun erneut mit ihr messen, um sich wieder im Schein zu ergeben und mit ihr ziehen zu können. Penthesilea verkennt dies und zerfleischt nun Achill in ihrem Wahn von Zuneigung und Hass. „Küsse, Bisse , das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann das eine für das andre greifen.“ Sie folgt nun Achill in den Tod, indem sie aus ihrem Herzen ein „vernichtendes Gefühl“ hervorgräbt und zu einem Dolche formt. Für Kleist lag darin „… der ganze Schmutz und Glanz meiner Seele.“ Man kann durchaus sein Scheitern im Leben und in der Liebe mit diesem sehr persönlichen Stück in Verbindung setzen.
In der Regie von Peter Atanassow, der neben seinen Film- und Fernseharbeiten immer wieder mit dem Gefangentheater aufBruch zusammenarbeitet, dreht sich die Inszenierung genau um diesen zentralen Widerspruch Liebe und Tradition zwischen den Geschlechtern. Die Griechen treten in Soldatenmänteln auf, die Amazonen tragen unter ihrer Soldatenkleidung mit Reithosen, schwarze Bustiers. Die Männer wie die Frauen führen immer wieder archaische Kampfchoreografien auf, es wird viel im Chor skandiert, ein typisches Instrument des aufBruch-Theaters, bekannt aus Aufführungen von Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee, dem Spartakus oder der Nibelungen von Hebbel. Die Männeriten werden durch das Singen des Zarah Leander-Liedes „Davon geht die Welt nicht unter“ als Lanzersong verdeutlicht, sie wollen „Hellas heim ins Reich“ holen. Später werden sie die Amazonen wie Hunde anbellen. Genauso stark ist die Verachtung der gefangenen Griechen durch die Amazonen. Die Frauen werfen die Soldaten als Trophäen vor sich auf den Boden. Die Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Auch die Hauptprotagonisten Penthesilea und Achill stellen sich anfangs als stolze und starke Führer vor ihr Volk. Erst als sie durch ihre Liebe an den Traditionen zweifeln, spalten sie sich in mehrere Akteure auf, versinnbildlichen so den Riss in ihrem Inneren und zwischen den Gruppierungen. Atanasow verdeutlicht diesen Widerspruch sogar noch, indem er verschiedene Nationalitäten und soziale Schichten in seinem Ensemble zusammenführt. Der Riss geht heute nicht nur durch die Geschlechter, sondern durch die gesamte Gesellschaft.
Die Liebe zwischen Penthesilea und Achill scheitert an diesen Schranken. Gemeinsam singen die Schauspieler das Lied aus der Winterreise „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“
Am Ende nach der schrecklichen Tat steht Penthesilea mit den Überresten von Achill in zwei Plastiksäcken vor dem Chor. Nach ihrem Fall erklingen die Kleistschen Schlussworte: „Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte! Die abgestorbne Eiche steht im Sturm, Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, Weil er in ihre Krone greifen kann.“ Das Ensemble des aufBruch schafft hier eine kluge auf das zentrale Thema gekürzte Fassung mit deutlich moderner Lesart. Das einige heute wieder Kleist vor Goethe sehen, liegt sicher daran, das Kleist bei allem Archaischen immer auch den Menschen mit all seinen Schwächen dahinter gesehen hat.
Ich möchte hier noch auf einen Text von Christa Wolf, erschienen 1983 in einem Nachwort zu einer Penthesilea-Ausgabe des Buchverlages der Morgen, hinweisen. Hier verdeutlicht sie noch mal die Grundproblematik des Konflikts, als Missverständnis der Geschlechter in der Sicht auf ein selbstbestimmtes Recht der Frau auf individuelle Liebe. „…als sollten Nord- und Südpol zueinander kommen, als sollten die beiden Enden eines Magnets zusammengeführt werden: in der Art einer verheerenden Naturkatastrophe entladen sich die unvereinbaren Gegensätze.“

penthesilea-und-achill_aufbruch.jpg

weitere Termine unter:  www.gefaengnistheater.de

Der Zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist

Sonntag, März 28th, 2010

Eine Inszenierung von Jan Bosse am Maxim Gorki Theater Berlin

Neue Moden am Gorki, denkt man sich, als die Eintrittskarte schon beim Betreten des Foyers verlangt wird. Erst nach einiger angestrengter Wartezeit auf den Einlass, löst sich das Rätsel. Ronald Kukulies als Schreiber Licht drängt sich plötzlich durch die Wartenden und ruft immer wieder energisch nach dem Dorfrichter Adam. Adam zeigt sich auch endlich wie Gott ihn schuf auf dem Tresen der Garderobe, sein Gemächt notdürftig mit den Händen bedeckend. Aber auch das werden wir bald zu Gesicht bekommen, vom sich die letzten Haare raufenden Edgar Selge als jammervollen Dorfrichter, der wie bei Kleist beschrieben, deutlich gezeichnet an Kopf und Körper nun vor uns steht. Und so entspinnt sich denn vor dem wartenden Publikum im Foyer des Maxim Gorki Theaters der erste Auftritt des Lustspiels der Zerbrochene Krug. Was Adam das Gesicht so verrenkt hat, wir wissen es alle und nehmen den Bericht amüsiert auf. Zum Straucheln braucht`s doch nichts als Füße, ja, ja.

Dem so arg derangierten Dorfrichter Adam wird nun durch Licht die Ankunft des wenig willkommenen Gerichtsrats Walter aus Utrecht angekündigt, der über Holla nach Huisum auf dem Wege ist und schon einen Dorfrichter auf dem Gewissen hat, nach dem Prüfen der Kassen. Man versichert sich gegenseitig, das ja hier alles in bester Ordnung sei und nach einigen Flüchen und nachdem sich Selge unter großen Gejohle des Publikums noch einen Mantel aus der Garderobe geschnappt hat, stürmt er die Treppe zum Saal hoch. Endlich Einlass, das „Unheil“ kann seinen Lauf nehmen.

Während man sich in aller Ruhe seinen Platz sucht, wird auf der Bühne noch fleißig gewerkelt. Ein mit Girlanden und Luftballons geschmückter Kultursaal, wie es sie auf Dörfern so gibt, wird für den Gerichtstag von den Bühnenarbeitern wieder hergestellt, mit wappenbestickten Fahnen und einem riesigen Spiegel ausstaffiert. Eine Leinwand gibt es auch, wofür wird man noch sehen.

Nachdem Gerichtsrat Walter, von Jean-Pierre Cornu gespielt, begrüßt ist und sich alle niedergelassen haben, wird endlich der Fall der Frau Marthe aufgerufen, wie von Kleist eigentlich auch vorgesehen. Sie tritt auf, gefolgt von Eve und Ruprecht, alle in modernen heutigen Sachen. Franziska Walser als Frau Marthe trägt einen Jeansoverall, das Korpus Delikti hat sie in ihrer Handtasche. Der Krug in lauter Einzelteilen befindet sich in einer Plastiktüte, die sie aus der Tasche zutage fördert und was nun geschieht, kann man schlecht beschreiben, man muss es einfach gesehen haben.

Nachdem die Leinwand heruntergelassen ist, folgt ein Vortrag mit Hilfe der auf Folien gezeichneten Motive des Kruges, mittels Overheadprojektor an die Leinwand geworfen. Was Frau Marthe den Krug so einzigartig macht, wir bekommen es genauestens mit jeder Scherbe erklärt.
Ich könnte weiter so fortfahren den Abend in allen Einzelheiten auszumalen, allein es würde den Rahmen hier sprengen und nicht im geringsten den Witz dieser Inszenierung vermitteln.

Die Figuren sind so herrlich überzeichnet, Matti Krause als eifersüchtiger Ruprecht, der schon mal seine Aussage fast dahin rappt oder die herrlich trotzige Britta Hammelstein als Eve, ein junger Teenager, der genau weiß, was er will und nur der dumme Klotz von Ruprecht kann es nicht verstehen.

Ronald Kukulies setzt das fort, was er als Tom Wingfield in der Glasmenagerie begonnen hat, er lässt kein „Fett“näpfchen aus und rutscht auf der auf die Bühne gekleisterten Hühnerkacke aus oder verheddert sich im Wust des Papiers worauf er eigentlich den Fall beschreiben soll. Wolfgang Hosfeld ist ein gutmütiger brummeliger Handwerker als Veit Tümpel der auch immer wieder gerne selbst Hand anlegt.

Das ganze ist eine herrliche Farce, Selge macht es sichtlich Vergnügen den Louis de Funès zu geben, er windet sich, rennt auf und ab, bringt Walter schier zum Verzweifeln. Ah, Oh, Nein, wir kennen das und lachen uns schlapp.

Nachdem alles wie bei Kleist so richtig schön festgefahren ist und nur noch die Aussage der Frau Brigitte Licht ins Dunkel bringen kann, soll auf einmal Pause sein. Aber nicht mal das klappt, keiner will gehen, da man sich wie schon zuvor doch nicht veräppeln lassen will. Und so geht es dann auch nach ein paar Häppchen aus der Butterlindnertüte und Sekt für den Gerichtsrat Walter mit dem Auftritt von Cristin König als Frau Brigitte weiter. Sie kann nun die ersehnte Auflösung um Perücke und klumpfüßigen Teufel darbringen und Eve endlich Adam als den Täter entlarven. Wir bekommen nun noch einen flüchtenden Adam und das Zerlegen des so mühselig hergerichteten Gerichtsaals durch Ruprecht geboten, bevor sich alle verbeugen und man nach langem Beifall endlich gehen könnte. Aber weit gefehlt, für Frau Marthe Rull ist die Sache nicht erledigt, sie will wieder zurück an den Polylux und über den Krug lamentieren. Erst als der Eiserne Vorhang unten ist, sind wir erlöst.

Man könnte die Sache auch als Väter der Klamotte abtun. Darf man das nach der Diskussion über Frau Blattners Käthchen am BE? Wird hier nicht wieder Kleist mit seinem Text nicht ernst genommen. Jan Bosse hat sich mit dem zerbrochenen Krug auch eine dankbarere Aufgabe rausgesucht, aber er hält die Komik mit seiner auf Trash gebürsteten Inszenierung auch konsequent von Anfang bis Ende durch. Und somit ist ihm, bei diesen vielen Theaterereignissen des Wochenendes von Nachtkritik ganz unbemerkt, ein nicht geahnter Höhepunkt gelungen.

Das Käthchen von Heilbronn am Berliner Ensemble

Samstag, März 20th, 2010

 in einer Inszenierung von Simone Blattner

Ach ja, da haben wir es wieder, das Problem mit der Werktreue. Aber das ist bei weitem nicht das einzige Problem, das diese Inszenierung hat. Was bewegt eigentlich junge talentierte Frauen immer noch dazu hohen Herren der Dichtkunst hinterher zu rennen und dann damit noch unbedingt am BE scheitern zu müssen? Es hilft Simone Blattner nicht, wenn ihre Inszenierung als so lala bezeichnet wird, sie reiht sich durchaus nahtlos in den sonstigen Plunder des BE ein.

Das ganze Ding ist eine Mogelpackung. Das Programmheft gibt einen Hinweis zur Parodie, den greift Frau Blattner aber nicht wirklich auf. Ich glaube etwas anderes als Parodie geht jedoch nicht, wenn man den Zuschauern ein 4-stündiges Ritterspiel aus der Dose ersparen will. Dass das Käthchen vielleicht in seiner Sprache und Konzeption für die heutige Bühne eine Zumutung darstellt, ist durchaus nachvollziehbar, das war es auch schon zu Kleists Zeiten. Selbst Goethe, hat es abgelehnt das Stück aufzuführen und sicher nicht nur weil er junge Kontrahenten gern mal weg gebissen hat. Nur den Text einkürzen und leicht modernisieren hilft da nicht. So mühen sich nun die Schauspieler alleingelassen mit Text und Treppe ab, beim parodieren von Schauspielern die Kleist spielen sollen, samt Schleefschem Femechor. Wenn man Kleist veräppeln will, muss man das auch konsequent durchziehen. Die Inszenierung schwankt zwischen Komödie und Tragödie hin und her, bis sie zum Vollschwank wird. So stürzt denn das Stück die Treppe hinunter und bricht sich dabei das Genick. Nun liegt es da und auch die wenigen lichten Momente bringen es nicht wieder ins Leben zurück. Nur zweimal stockt einem der Atem, wenn Ruth Glöss als Haushälterin Brigitte den Traum Friedrichs erzählt, da wird es ganz ruhig und der ganze Klamauk fällt mit einem Male ab. Hier wird ja auch das Motiv zum Hass Kunigundes (Ursula Höpfner im Ganzkörper-Korsett) und der Vergiftung Käthchens geprägt. Und dann der vielleicht größte Moment als Käthchen (Laura Tratnik als verhuschter Teenager) im Traum Friedrich (Sabin Tambrea als stürmischer Dränger) ihre Liebe gesteht und die bevorstehende Hochzeit vorhersagt. Diese Szene zeigt die wirkliche Schönheit dieser Liebesgeschichte und wozu Simone Blattner im Stande wäre, wenn sie sich nur trauen würde. Merkwürdig verkitscht dagegen der Hollerbusch als Strauchdeko, im Korb auf die Bühne gestellt.

Es gibt gelungene heutige Stückinterpretationen, die gerade dem Hollerbusch auch eine zentrale Rolle einräumen. Es ist sicher blöd eine Inszenierung gegen die andere aufzuwiegen, aber als häufiger Theatergänger hat man eben diese Möglichkeit. Ich denke da an die Inszenierung von Nicolas Stemann am DT von 2004, in der Inka Friedrich den besagten Strunk die ganze Zeit im Blumentopf mit sich herum trägt. Hier hopsen auch keine albernen Ritter rum, die Kampfszenen werden einfach per Beamer-Technik an die Wand geworfen. Im typischen Stemann-Stil wird die Handlung auch mal nur szenisch vorgetragen. Auch wenn hier emotional einiges auf der Strecke bleibt, bekommt das Stück durch den Einsatz des im Publikum stehenden Chores, der Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ vorträgt, einen gewaltigen Sog. Im BE darf Dejan Bućin als Ritter Flammberg auch kurz etwas singen, man versteht es aber gar nicht. Fast alle Szenen plätschern an einem vorbei, ohne dass wirklich etwas ernsthaft hängen bleibt. Da wird doch tatsächlich Ritter der Kokosnuss, eine Parodie der Parodie, für neu verkauft. Die Krönung ist der blecherne Vortrag zum Schluss von Jürgen Holz als Kaiser. Hier passt wirklich nichts zusammen. Wenn man keine echten Ideen zu diesem schwierigen Stück hat, sollte man es auch nicht inszenieren wollen.

Es bleibt Simone Blattner zu wünschen, dass sie mit einem Gegenwartsstück nach Berlin zurückkommt, etwas worauf das sonst so verschnarchte BE wirklich wartet.