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Denkende Mondkreisläufer aus der Bern und sprechende Mauern und Sterne aus Wien – Zwei absurd komische Gastspiele bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2017 im Deutschen Theater Berlin

Freitag, Juni 23rd, 2017

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MONDKREISLÄUFER – Ein launiges Gedankenkonstrukt von Jürg Halter als Gastspiel des Konzert Theaters Bern

Mit schöner Regelmäßigkeit gibt es bei den AUTORENTHEATERTAGEN in Berlin Inszenierungen aus dem Konzert Theater Bern zu sehen. Mit Die Vernichtung von Olga Bach und Ersan Mondtag hat es erstmals auch eine Produktion des kleinen Schweizer Stadttheaters zum Berliner Theatertreffen und zu den Mülheimer Theatertagen geschafft. Nach den im letzten Jahr auch in Deutschland bekannt gewordenen Querelen um den Intendanten Stephan Märki und die von ihm entlassene Schauspieldirektorin Stephanie Gräve lag nun ein besonderes Augenmerk auf der vom Deutschen Theater eingeladenen Inszenierung des Berner Dichters, Performancekünstlers und Musikers Jürg Halter. Mondkreisläufer – eine Heimsuchung in vier bis unendlich vielen Akten ist Halters erstes Theaterstück und wurde zudem vom neu bestellten Schauspieldirektor Cihan Inan uraufgeführt.

Diese Verbindung scheint sich als ein Glücksfall herausgestellt zu haben. Die Schweizer Kritik war nach der Premiere recht entzückt über das kleine Kammerspiel, das sich mit seinen knapp 80 Minuten dann doch auf vier statt der im Titel avisierten unendlich vielen Akte beschränkt. Es ist ein von Jürg Halter konzipiertes vielstimmiges Denkkonstrukt im „Grenzgebiet zwischen Vernunft und Wahnsinn“ wie es heißt. Ganz in Weiß sitzen Gabriel Schneider, Irina Wrona, Milva Stark und Nico Delpy vom Ensemble des Konzert Theaters Bern zu Beginn an den vier Ecken eines ebenfalls weißen Bühnenpodests mit Säule und grabkammerartiger Vertiefung auf der Hinterbühne der Kammerspiele. Sie spielen nicht näher bestimmte Figuren, die sich in kleinen Monologen über verschiedene Lebensentwürfe zwischen Individual- und Gemeinschaftswesen auslassen. Gemeinsam sind sie auf einer Reise zum Mond und tauschen Sehnsüchte und Ängste zur Idee einer neuen Gesellschaft aus.

 

Mondkreisläufer am Konzert Theater Bern
Foto (c) Annette Boutellier

 

„Lass mich dir durch den Kopf gehen“, ist Halters Gedanken-Credo. Und so soll es dann auch locker wie bei Freunden zugehen, in einem leeren Gedankenraum, den die vier Gedankenträger, die Halter als Geschmacks-, Gefühls- und Körpermischwesen bezeichnet, mit ihren Denkgebilden füllen. Das klingt dann mal wie ein ideologisches Sektenbrevier einer kompletten Selbstauslöschung, mal wie das Bewerbungsgespräch eines überambitionierten Selbstoptimierers oder auch mal wie eine entspannte Laissez-faire-Lebenshaltung eines Alles-ist-Möglich, Nichts-Muss. Doch wer ist die Mutter aller Gedanken? Bald kommen erste Zweifel auf, und die Besatzung aus „Mondkälbern“ sehnt sich zurück zum Mutterschiff Erde. Anbetung von Gedankengötzen oder der Rückzug in den gedankenfreien Mutterbauch, Halter lässt seinen Text da relativ offen und die Gedankenwolken wild kreisen.

Eine genaue Richtung ist nicht vorgegeben. „Wo bin ich hier?“ ist eine der bangen Fragen der Stimmen. Das suchende Individuum tanzt „Hop-Heißa“ im Gedankenstress. Dass das aseptische Bühnenbild den Gedanken eines Irrenhauses in sich birgt, ist da so naheliegend wie die Assoziation einer utopischen, zukünftigen Welt von reinweißen oder uniformierten Gedanken. Es geht viel um Freiheit und Freiräume, Vernunft und Verstand. Neue Utopien brauchen natürlich den freien Austausch der Gedanken. Ob wir uns entscheiden für eine Einengung oder Befreiung, die Sicherheit oder das Stürzen im gedanklichen Raum-Zeit-Kontinuum: „Der Gedanke ist eine tolle Erfindung.“

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MONDKREISLÄUFEREINE HEIMSUCHUNG IN VIER BIS UNENDLICH VIELEN AKTEN
(Hinterbühne der DT-Kammerspiele, 18.06.2017)
Ein Gastspiel des Konzert Theaters Bern bei den AUTORENTHEATERTAGEN
Die Uraufführung war am 10.09.2016 in den Vidmarhallen Bern
Inszenierungskonzept: Cihan Inan, Jürg Halter
Regie und Bühne: Cihan Inan
Dramaturgie: Elisabeth Caesar
Kostüme: Anouk Bonsma
Mitarbeit Bühne: Konstantina Dacheva
Mit: Gabriel Schneider, Irina Wrona, Milva Stark, Nico Delpy

Infos: http://www.konzerttheaterbern.ch/

Zuerst erschienen am 20.06.2017 auf Kultura-Extra.

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DIESE MAUER FASST SICH SELBST ZUSAMMEN UND DER STERN HAT GESPROCHEN, DER STERN HAT AUCH WAS GESAGT – Eine absurde Kunstbetriebsfarce von Miroslava Svolikova als Gastspiel des Wiener Schauspielhauses

Den Retzhofer Dramapreis hatte Miroslava Svolikova schon für die hockenden (ebenfalls zu den ATT eingeladen) bekommen, nun gab es für die junge österreichische Dramatikerin bei den AUTORENTHEATERTAGEN auch noch den Hermann-Sudermann-Preis für ihr neues Stück mit dem kryptischen Titel Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt oben drauf. Entstanden ist diese surreal anmutende Farce im Rahmen des Hans-Gratzer-Stipendiums, das ihr das Schauspielhaus Wien für den Stückentwurf verlieh.

Dass sich Svolikova mit ihrem Text bei szenischen Lesungen gegen 50 MitbewerberInnen durchgesetzt hat, ist fast schon Ironie. Handelt das Stück doch genau von diesem Dilemma, dem sich junge Kreative permanent aussetzen. Drei hoffnungsvolle Talente (Simon Bauer, Katharina Farnleitner und Steffen Link) wähnen sich im Glück eine Ausschreibung gewonnen zu haben und sehen sich nun am Ziel wiederum zwei Konkurrenten gegenüber. Bewaffnet mit Sieben und dem Willen, sich durchzusetzen, treffen sie in einem Museum für merkwürdige Dinge auf einen Museumsführer (Sebastian Schindegger), der von sich behauptet, ein Hologramm zu sein, und einer taffen Putzkraft, die als Regisseurin (Dolores Winkler) alles im Griff zu haben scheint. Wundersam herumliegende Zettel, deren Botschaften man kaum noch lesen kann, geben zusätzliche Rätsel auf.

Die Autorin kommt aus der bildenden Kunst, entsprechend bildhaft auch die Sprache ihres zuweilen vor sich hin kalauernder Textes, der in regelrechte Wortverballhornungen führt. Das könnte schnell auch fad werden, aber das gut aufgelegte Schauspielhaus-Ensemble, allen voran Sebastian Schindegger als bramarbasierender, fusselbärtiger Professorentyp und Dolores Winkler, die auch immer wieder in einem gelben Europa-Sternenkostüm auftaucht, halten das komödiantische Niveau stetig hoch. Die drei Eleven spitzen Stift und Ohren, schreiben alles Gehörte bereitwillig mit und repetieren es gehorsamst. Es geht schließlich um so etwas großes, wie „die Rettung der Onion“.

 

Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt am Schauspielhaus Wien – Foto (c) Matthias Heschl

 

Die witzige Inszenierung von Franz-Xaver Mayr spielt in einem von Michela Flück gebauten Bühnenkasten, in dem nur ein fester Tisch mit vier Stühlen und ein Fenster die weiße Leere der Wände durchbrechen. Aber wo ist die eigentliche Geschichte, der rote Faden, den der Museumsführer beschwört? „Das dringende Bedürfnis nach Handlung!“ wird durch groteske Wortkaskaden immer wieder unterlaufen. Schon gleich zu Beginn fällt das Wort Farce, das hier im doppelten Sinn zutrifft. Das Stück nimmt das Thema Kunstwille und „scheue“ Institution lustvoll auf die Schippe und führt es in sich drehenden Sätzen immer weiter ad absurdum. Der Stern der „Onion“ erscheint als die Parodie seines politischen Versprechens. Ein Übriggebliebener am leeren Himmel, der hoffnungsfroh umarmend nach den anderen sucht. Ein sarkastischer Abgesang an die einstige Gemeinschaft.

„Die Dinge wünschen sich nichts mehr, als erzählt zu werden.“ Doch wo hört man auf, wo fängt man an? So werden schließlich auch die drei Aspiranten bis zur Ermüdung durch die immer gleichen weißen Ausstellungsräume geführt, lassen sich ein skurriles Exponat nach dem anderen vorführen, mit faden Parolen motivieren oder im wahrsten Sinne des Wortes mit schaumigen Reden einseifen. Danach trocknet man sich mit dem Picasso-Handtuch aus dem angeschlossenen Museumsshop. Doch der Wille zur Erfüllung des Ausschreibungsziels lässt die drei ohne Zweifel immer weiter machen. Der Wunsch der Welt seinen Willen aufzudrücken wird zusammengehalten durch Angstschweiß. Keiner will auf dem Weg zur „Kariette“ durch die Maschen des Auswahlsiebs fallen. Doch die kurzzeitig vereinzelten Individuen landen schließlich wieder vereint im Eimer. Was für sie abfällt, sind lediglich verlorene Fingernägel ihrer Vorgänger oder Häppchen einer historischen Käseplatte.

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DIESE MAUER FASST SICH SELBST ZUSAMMEN UND DER STERN HAT GESPROCHEN, DER STERN HAT AUCH WAS GESAGT (Kammerspiele des DT, 21.06.2017)
von Miroslava Svolikova
Regie: Franz-Xaver Mayr
Bühne / Kostüme: Michela Flück
Dramaturgie: Anna Laner
Mit: Simon Bauer, Katharina Farnleitner, Steffen Link, Sebastian Schindegger und Dolores Winkler
Uraufführung am Schauspielhaus Wien: 13.01.2017 Gastspiel zu den AUTORENTHEATERTAGEN BERLIN
Aufführungsdauer ca. 1 ½ Stunden, keine Pause

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus.at

Zuerst erschienen am 23.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Trockeneisnebel und theatraler Oberflächenreiz – Das 54. Berliner Theatertreffen endet mit „Traurige Zauberer“ von Thom Luz und „Die Vernichtung“ von Ersan Mondtag wie es begonnen hat

Freitag, Mai 26th, 2017

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Traurige ZaubererEine stumme Komödie mit Musik – Thom Luz zelebriert mit dem Ensemble des Staatstheaters Mainz eine assoziative Trockeneisnebelübung

Die Trockeneisnebel der großartigen 89/90-Wende-Theatershow vom Schauspiel Leipzig sind gerade erst verflogen, da wird man schon wieder eingenebelt. Diesmal sitzt das Publikum selbst mit auf der Bühne, und Slow-Motion-Zauberer Thom Luz lässt sein Mini-Ensemble vom Staatstheater Mainz ein Stück namens Traurige Zauberer zelebrieren. Es wird Trockeneisnebel in einen Schlauch geblasen, an dessen Ende er sich feingliedrig in die Lüfte erhebt. Eine Trommel stößt Rauchringe aus, ein Karton und eine in einem Garderobenkäfig eingesperrte Frau werden zugenebelt. Sie singen, sinken hin, sollen schweben oder verschwinden. Letztendlich bewegen sich diese traurigen Zauberer aber kaum, nur um hin und wieder ihre Position zu wechseln. „Slow March“, die Zeit läuft rückwärts.

Gelernt hat Thom Luz sein Theater-Handwerk beim Meister der Entschleunigung Christoph Marthaler. Er ist dessen feinsinnigster Apologet und kann doch viel mehr als das Tempo rausnehmen und Rauchringe in die Luft blasen. Hier erzählt Luz die Geschichte des Theaters – als Loop im Vorbeigehen vorgetragen, eine Mär vom Niederbrennen und Wiederaufbauen, von Anfang, Ende und Neubeginn. Dazu klimpern leise zwei Pianos, erscheint ein Magier, der sich als die Hauptattraktion wähnt, scharrend Songs von Charles Ives singt und ein Tablett mit Toast jongliert, bis es herunterfällt.

 

Traurige Zauberer am Staatstheater Mainz
Foto (c) Andreas Etterer

Zauber und Magie der Theaterkunst werden als Duell zweier Großer ihrer Kunst dargeboten. Zumindest erfährt man in Anekdoten vom großen Nikola und Alexander, Widerparts sowohl in der Zauberkunst wie auch in der Liebe zur Assistentin. Der eine möchte als Begleitmusik ein zugängliches Werk von Stockhausen. Auf der Beerdigung des anderen soll es wie am Ende jeder seiner Vorstellungen ein Feuerwerk gegeben haben. Ein solches wird hier allerdings nicht entzündet. Es ist mehr die zitierte Wasserpantomime von Kafka als assoziative Trockeneisnebelübung mit Musik.

Thom Luz unterläuft wie fast immer die Erwartungen. Er eröffnet Räume und Blicke in den leeren Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele, in dem Filmprojektoren rattern und Beifall und Gelächter als Schleife vom Band laufen, schließt sie aber wieder mit Vorhängen, auf denen sich projizierte Wolken mit dem Bühnennebel verbinden. Licht und Schatten erzeugen zusammen mit dem zurückgenommen Spiel eine melancholische Stimmung, die sich schwer wie der wabernde Trockeneisnebel aufs Gemüt legt. Alle Kunst ist vergänglich, raunt der Abend. „J’attendrai le jour et la nuit“ (Ich werde warten Tag und Nacht) singt das Ensemble dazu.

Ein tiefer Blick in den mit Glühbirnen umflorten Garderobespiegel. Geheimnisse bleiben solange geheim, bis man sie verrät, ist eine der vorgetragenen Regeln guter Illusion. Verstehen muss man das alles nicht, es liegt im Nebel der eigenen Assoziation. Nichts Neues also vom Zauberer der wohligen Atmosphäre geheimnisvoller, abgelegener Inseln, leuchtender LSD-Träume und des Vergessens in Zeiten des Holozäns.

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Traurige Zauberer (Haus der Berliner Festspiele, 17.05.2017)
Eine stumme Komödie mit Musik
von Thom Luz
Regie und Text: Thom Luz
Bühne und Kostüme: Lisa Maline Busse
Musikalische Leitung: Mathias Weibel
Licht: Justus Matla
Dramaturgie: Malin Nagel
Mit: Ulrike Beerbaum, Leonhard Dering, Vincent Doddema, Antonia Labs, Denis Larisch, Graham F. Valentine
Uraufführung war am 21.05.2016 im Staatstheater Mainz
Dauer: 1h 40, keine Pause

Infos: http://www.staatstheater-mainz.com

Zuerst erschienen am 18.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Die Vernichtung – Autorin Olga Bach und Regisseur Ersan Mondtag betreiben mit ihrer Stückentwicklung für das Konzerttheater Bern das Verschwinden des Schauspiels

Das 54. Berliner Theatertreffen endet, wie es begonnen hat – mit einem formschönen, theatralen Oberflächenreiz. Textlich sind sich die Tschechow-Überschreibung der Drei Schwestern von Regisseur Simon Stone und die Stückentwicklung Die Vernichtung von Autorin Olga Bach und Regisseur Ersan Mondtag für das Konzerttheater Bern sehr ähnlich. Es ist durchaus vorstellbar, dass sich die jugendlichen Party-Hipster aus der Vernichtung zehn Jahre später immer noch über die Sinnlosigkeit ihres Daseins und zunehmend auch über ihre verpassten Chancen beschweren werden. Die Oberflächlichkeit der Gespräche ist Grundtenor in beiden Inszenierungen. Gravierender Unterschied ist die Ästhetik des Bühnenbilds und die Figurenzeichnung, die sich bei den Drei Schwestern noch relativ klar am klassischen Schauspiel orientieren, während sie sich bei der Vernichtung ästhetisch und darstellerisch vom Text lösen und weitestgehend eigene Wege gehen. Damit sind Stones Drei Schwestern noch eher anschlussfähig für die Verfechter des alten Literaturtheaters. Das brachte dem Australier zu Beginn viel Beifall und am Ende dem Baseler Schauspieler Michael Wächter den Alfred-Kerr-Darstellerpreis aus den Händen der Alleinjurorin und alten Schaubühnenikone Imogen Kogge.

 

Die Vernichtung am Konzert Theater Bern
Foto (c) Birgit Hupfeld

 

Dagegen hat das Berner Schauspielensemble relativ schlechte Karten. In den bunten Body-Painting-Anzügen, die an expressionistische Gemälde von Ernst-Ludwig Kirchner erinnern sollen, sind sie kaum voneinander zu unterscheiden. Oft sieht man nicht einmal, wer gerade durchs Mikroport spricht. Sie wirken austauschbar, sind exemplarische Typen, die in ihrer Überzeichnung für die Auswüchse der westlichen Konsumgesellschaft stehen. „Du bist halt ein Krisensymptom.“ sagt am Ende eine Figur zur anderen. Da hat man allerdings inhaltlich schon lange abgeschaltet, da einem der Text minutenlang nur noch als mit Technomusik unterlegter Soundteppich um die Ohren gehauen wurde.

Dass sich Regisseur Ersan Mondtag nicht in erster Linie für sprechtheaterbasiertes Schauspiel interessiert, ist seit seiner ersten Theatertreffen-Einladung letztes Jahr mit seinem selbstentwickelten stummen Stück Tyrannis bekannt. Der Text von Olga Bach bietet ihm wie schon Michel Decars Stück Schere Faust Papier dann scheinbar auch nur die Inspiration für ein choreografiertes Bildertheater, das sich genreübergreifend an Elementen der Bildenden Kunst wie Malerei und Installation orientiert. Eine momentane Modeerscheinung, der auch die mit Borderline Prozession und Traurige Zauberer ebenfalls eingeladenen Regisseure Kay Voges und Thom Luz frönen.

Überhaupt war das 54. Theatertreffen ein Jahrgang sehr verschiedener, stark ästhetischer Setzungen. Man wird sich daran gewöhnen, wie man es schon bei Herbert Fritschs experimentellen Arbeiten Murmel Murmel und Pfusch getan hat. Beide auch zum Theatertreffen eingeladen und kräftig umjubelt bzw. auch als Unsinn abgetan. Für letztere Inszenierung wurde Fritsch mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnet, ein weiterer Beweis für die Avantgardestellung der alten Volksbühne, deren Chef Frank Castorf man in diesem Jahr beim Theatertreffen keinen roten Teppich mehr ausrollen wollte. Dafür bekam ganz am Rande Christoph Marthaler den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost für seine Volksbühnen-Abschiedsinszenierung Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter, die man in der 10er-Auswahl des Theatertreffens schmerzlich vermisste.

 

Die Vernichtung am Konzert Theater Bern
Foto (c) Birgit Hupfeld

Doch zurück zu Ersan Mondtags Vernichtung. Mondtag rollt neben dem visuellen den bombastischen Soundteppich aus. Erst ist es Brahms‘ Ein deutsches Requiem, dann folgen Pop und Techno und schließlich wieder Klassik mit Beethovens 3. Sinfonie, zu der sich eine der Figuren aus seinem bemalten Ganzkörperoverall befreit und nackt durch die vom Regisseur designte Paradieslandschaft mit Adonis-Statue, Palmen und Wasserbecken tollt. Vorher diente er dem anderen Trio textlich als Projektionsfläche für den oder das Außenstehende, Verachtete oder Erniedrigte. Befreiung kann auch eine Art der Vernichtung sein. Überhaupt ist hier Freiheit eher ein Lehnwort für Langeweile und Überdruss. Das Trio frönt dem mit Alkohol und Drogen, gibt sich zynischem Hedonismus und Verschwörungstheorien hin. Ein Welpe wird als Sinnbild der eigenen Versklavung ausgelöscht. Man philosophiert über Todesstrafe und Orgasmen oder karikiert Therapie- und Meeting-Bla-Bla.

Dem schwarzmalerischen Klischee-Text setzt Mondtag eine perfekte Körperästhetik entgegen. Er lässt seine Darsteller aus einem erleuchteten Altarbild ins zunächst Finstere fallen und dann wie Aufziehpuppen ins scheinbare Idyll tappen. Sie vollziehen sportliche Übungen, laufen, wippen, schwingen und verknoten sich in allen möglichen Sexualstellungen. Dem fehlgeleitetem Aktionismus und der geistigen Degeneration der Protagonisten den Totalitarismus in Form des Körperkults entgegenzusetzen, leuchtet zwar zunächst ein, erschöpft sich aber auch auf Dauer in pubertärem Gehabe, das provozieren will, aber dabei zusehends erlahmt. Dem zuzusehen wird man schnell müde. Es kommt in den 75 Minuten Spieldauer auch nicht viel Neues hinzu. Dem Ganzen fehlt leider zunehmend die Dynamik, was im allgemeinen Chillout endet. Text und Inszenierung stochern ästhetisch im Symptom, finden aber zu keiner schlüssigen Haltung zum Gegenstand ihrer Kritik.

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Die Vernichtung (Haus der Berliner Festspiele, 21.05.2017)
von Ersan Mondtag und Olga Bach
Regie, Bühne und Kostüme: Ersan Mondtag
Text: Olga Bach
Mitarbeit Bühne und Kostüme: Paula Wellmann
Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy
Lichtgestaltung: Rainer Casper, Rolf Lehmann
Mit: Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann, Lukas Hupfeld, Sebastian Schneider
Uraufführung war am 15.10.2016 im Konzert Theater Bern
Dauer: 1h 30, keine Pause

Info: http://www.konzerttheaterbern.ch

Zuerst erschienen am 22.05.2017 auf Kultura-Extra.

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