Archive for the ‘Krzysztof Warlikowski’ Category

F.I.N.D. 2012 (Teil 2) – Ein russischer Strindberg und Fünf Stunden Shakespeare aus Polen – Thomas Ostermeier und Krzysztof Warlikowski mit Gastspielen an der Berliner Schaubühne

Samstag, März 10th, 2012

Am ersten Wochenende vom  02.03. – 04.03. stand das F.I.N.D. 2012 an der Berliner Schaubühne ganz im Zeichen der Gastspiele des Театр Наций (Theater der Nationen) aus Moskau mit „Фрекен Жюли – Fräulein Julie“ nach August Strindberg in der Regie von Thomas Ostermeier und des Nowy Teatr (Neues Theater) aus Warschau mit „Opowieści afrykańskich według Szekspira – Afrikanische Erzählungen nach Shakespeare“ in der Regie von Krzystof Warlikowski. Die Betonung liegt hier tatsächlich auf „nach“, denn die Stücke wurden nicht nur neu übersetzt, sondern der russische Autor Mikhail Durnenkow versah „Fräulein Julie“ mit einem zeitgemäß aktualisierten Text und der polnische Dramatiker Piotr Gruszczyński überarbeitete für die „Afrikanischen Erzählungen“ drei Stücke von William Shakespeare.

find-2012_schaubuhne-1.JPG Foto: St. B.

In Katie Mitchells Video-Inszenierung von Anton Strindbergs „Fräulein Julie“ wird von der Köchin Kristin in Großaufnahme ein Niere gebraten. Auch in Thomas Ostermeiers eher am konventionellen Theaterformat orientierten Version gibt es gleich zu Beginn eine Kochszene und die Kamera hängt als dauernder Beobachter über den Köpfen der Protagonisten. Bei Katie Mitchel ist sie mit ihren Großaufnahmen neben Jule Böwe als Kristin der Hauptakteur, bei Ostermeier zoomt sie sich voyeuristisch immer wieder in die Handlung.  Sie will im sterilen Ambiente der Designerküche die wahren Gefühlsregungen und Abgründe einfangen. Die Berliner Schaubühne ist an diesem Abend fest in russischer Hand, stehen doch einige russische Schauspieler mit Format in dieser Moskauer Inszenierung in der Regie von Thomas Ostermeier, die bereits im Dezember letzten Jahres dort Premiere hatte, auf der Bühne. Als Hühnerbouillon kochende Kristin ist Julia Peresild, die eine Hauptrolle in Alexey Uchitels für den Oscar eingereichten Weltkiegsdrama „Kraj“ (The Edge) von 2010 spielt, zu sehen. Diener Jean, der hier in der modernisierten Fassung Fahrer des Hausherrn und Ex-Generals ist, wird vom Leiter des Theaters der Nationen Jewgenij Mironow dargestellt und das Fräulein ist die auch in Deutschland bereits bekannte Schauspielerin Tschulpan Chamatowa (Luna Papa, Good Bye, Lenin!).

Die Szene ist eine Silvesterparty im Haus eines Ex-Generals und Oligarchen, Vater von Julie, der von Jean gerade zum Flughafen gebracht wurde. Während der rauschenden Party kommt Julie immer wieder in die Küche und flirtet mit dem Chauffeur, der es sich bei seiner Verlobten Kristin gemütlich gemacht hat und eine Flasche vom guten Wein des Hausherrn schmecken lässt. Jeans Interesse ist nach anfänglichem Zögern bald erwacht und nachdem Kristin müde von der Arbeit zu Bett geht, lässt er sich auf das Spiel der reichen Tochter ein. Mikhail Durnenkow neuer Text ist den Gegebenheiten angepasst heutig, folgt aber im Wesentlichen Strindbergs Drama. Sie erzählt ihm von ihrer unterdrückten Mutter, die sie früh zur Selbständigkeit erzogen hat, was nie von ihrem Vater akzeptiert wurde. Verwirrt wirkt Julie deswegen nicht, eher gelangweilt und vergnügungssüchtig, ganz Geschöpf ihres Standes. Jean dagegen ist zunächst bodenständig aber stets auf seinen Vorteil bedacht. Er schwärmt Julie vor, sie immer beobachtet zu haben und erzählt ihr seine Lebensgeschichte inklusive eines Kaukasuskriegstraumas. Hier kommt es zur kurzzeitigen Annäherung, die in einer gemeinsamen Nacht gipfelt, während die dekadente Partygesellschaft die Designerküche verwüstet. Ein vorweggenommener Clash, der sich zwischen dem ungleichen Paar am nächsten Morgen wiederholen wird. Im Partymüll der vergangen Nacht kommt es nach dem Hochgefühl schnell zur existenziellen Katerstimmung.

Zunächst entwickelt sich noch ein offener spannungsgeladener Schlagabtausch zwischen den beiden, bei dem mal Julie und mal Jean die Oberhand behaupten können. Einer versuchte den anderen zu benutzen und zu besitzen. Dabei ist es mehr in Kampf der Klassengegensätze, als einer der Geschlechter. Das Glamourgirl Julie kokettiert mit dem Gedanken an der Seite Jeans der Langeweile und Enge ihres Lebens zu entkommen und der eher bodenständige Jean sieht seine Chance des sozialen Aufstiegs. Allein seine Idee vom gemeinsamen Hotel weckt bei Julie nicht das erhoffte Interesse. Letztendlich kommt es zu gegenseitigen verbalen und körperlichen Demütigungen, erst die Rückkehr des Oligarchen lässt beide, aus Furcht vor den Konsequenzen, in ihre angestammte Position zurückfallen. Ob zur Vertuschung des Fehltritts die Pistole, die sich Julie an die Schläfe hält, zum Einsatz kommt, bleibt offen. Zumindest wird ein Weiterleben wie bisher für beide kaum noch möglich sein, zu nahe sind sie sich in ihren Gegensätzen gekommen. Das ist sicherlich unglaublich dicht von Ostermeier inszeniert und von den hochkarätigen Darstellern exzellent gespielt, allein die gesellschaftliche Brisanz wirkt hier aufgesetzt und konstruiert. Der gesellschaftliche Riss in Russland geht längst tiefer und die aktuelle politische Entwicklung scheint am Inszenierungsteam, trotz Ostermeiers Reflektionen im Freitag über die Verstrickung von Macht und bedrohter Kunst, spurlos vorbeigezogen zu sein.

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Wenn für viele nach 2 Stunden bereits Schluss ist, geht es beim polnischen Ausnahmeregisseur Krzysztof Warlikowski erst richtig los. Sein letzter Vierstundenabend war 2010 beim Polski-Express des Berliner HAU in den Hallen der Station Kreuzberg am Gleisdreieck zu sehen. In „(A)pollonia“ verschnitt Warlikowski griechische Tragödienfiguren wie Iphigenie, Klytaimnestra, Agamemnon, Orest, Alkestis, Admetos und Herakles mit der polnisch-jüdischen Geschichte, Jonathan Littells „Wohlgesinnten“ und J.M. Coetzees „Elisabeth Costello“. Es ging um die Opferbereitschaft des Menschen in Extremsituationen. Beim F.I.N.D. 2012 an der Schaubühne Berlin war nun seine über Fünf Stunden währende Inszenierung „Afrikanische Erzählungen“ nach Shakespeare als Gastspiel des Neuen Theaters aus Warschau zu sehen. Hierfür hat sich Warlikowski Shakespeares große Außenseiterfiguren Othello (den Schwarzen), Shylock (den Juden) und Lear (den Sterbenden) ausgewählt und in seiner bewährter Cut-up-Manier wieder mit Texten des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee ergänzt. Alle drei Figuren werden von dem bekannten polnischen Schauspieler Adam Ferency dargestellt. Beginnend mit der Szene von König Lears Übergabe seiner Macht an die Töchter  Goneryl (Ewa Dałkowska) und Regan (Stanisława Celińska) und der Verstoßung Cordelias (Maja Ostaszewska) geht es bei Warlikowski nahtlos mit dem „Kaufmann von Venedig“ weiter, an den sich nach der ersten Pause die Tragödie des Othello anschließt.

Shylock ist hier ein Fleischer, der dem Kaufmann Antonio (Jacek Poniedziałek) für das geborgte Geld ein Pfund Fleisch aus dessen Leib schneiden will. Salerio und Solanio (Wojciech Kalarus und Piotr Polak) mit Schweinsmasken verspotten den Juden und kopulieren auf dessen Metzgertisch. Das Ganze wird noch mit Videoanimationen von Mäuseköpfigen Juden ausgemalt und nimmt damit direkt Bezug auf den Holocaust-Comic „Maus. A Survivor’s Tale“ von Art Spiegelman, der in Polen zu heftigen Protesten geführt hatte. Ausgiebig behandelt Warlikowski die Kästchen der Portia (hier drei Laptops) und den Prozess um das Pfand des Shylock. Portia (Małgorzata Hajewska-Krzysztofik) als Advokat verkleidet, würgt schließlich ein Stück rohes Fleisch herunter und erbricht es wieder. Eine ähnliche Konstellation entwirft Warlikowski im „Othello“. Jago (Marek Kalita), als Masseur, umschmeichelt erst den schwarzen General und hetzt ihn schließlich mit seiner Intrige gegen Cassio (Piotr Polak) auf. Othello wird dann beim Empfang des venezianischen Gesandten mit rassistischen Witzen konfrontiert und seine Frau Desdemona (Magdalena Popławska) sexuell gedemütigt. Hier ist das sich Schwärzen des Othello-Darstellers ein Sinnbild für die Annahme der von den Weißen zugeschriebenen Rolle, in der Othello schließlich selbst weiße Verhaltensweisen adaptiert. Warlikowski provoziert bewusst mit diesen Ausbrüchen und schockierenden Bildern, die ihre Wirkung gerade auch in Polen und Deutschland nicht verfehlen dürften.

Alle drei Shakespearetragödien beinhalten aber auch komplizierte Vater-Tochter-Beziehungen. Von der scheinbar emanzipierten Portia, die trotzdem sie nach dem Willen des toten Vaters handelt, Bassanio (Piotr Polak) nicht bekommen kann, da dieser hier in Antonio verliebt ist, über Desdemona, die ihre Liebe zum Vater für den unakzeptierten Fremden aufgibt, kommt Warlikowski schließlich wieder auf den Lear-Cordelia-Plot zurück. Am Bett des an Kehlkopfkrebs erkrankten Vaters sitzt die verstoßene Tochter (Maja Ostaszewska), die ihn nun pflegen muss, und philosophiert über Parallelen von dessen offener Operationswunde am Hals zum weiblichen Geschlechtsorgan. Warlikowski verschneidet den Lear mit J. M. Coetzees Roman „Im Herzen des Landes“. Hier wird die Geschichte einer einsamen ungeliebten Tochter eines Farmers erzählt, der diese nur als Haushälterin wahrnimmt. Sie leidet zusätzlich unter der Affäre des Vaters mit einem schwarzen Dienstmädchen und träumt ihn mit der Axt zu erschlagen. In einer Art Wahntraum erschießt sie ihn dann sogar. Die blutigen Einzelheiten erspart uns Warlikowski. Jedoch in eindrücklichen Szenen, wenn beide beim Essen sitzen und sich nichts zu sagen haben oder Magda sehnsuchtsvolle Musik abspielt, kommt die Verzweiflung und Frustration der jungen Frau zum Ausdruck.

Weshalb Warlikowski auch noch J. M. Coetzees jüngsten Roman „Sommer des Lebens“ mit einbezieht, erschließt sich allerdings nicht sofort. Hier geht es in einer Art fiktiven Autobiografie um den Schriftsteller John Coetzee. Nach dessen Tod führt ein junger Journalist Interviews mit einigen Frauen aus Coetzees Leben. Er wird hier als unbedeutender kleiner Mann mit wenig sexueller Ausstrahlung geschildert, der sich auch noch mit uninteressanter „Kafferarbeit“ beschäftigt, wie dem Betonieren des Grundstücks seines alten Vaters, bei dem er wohnt. Julia (Ewa Dałkowska), eine der Frauen, schildert ihre Affäre mit dem Schriftsteller und verrät dem Interviewer (Wojciech Kalarus), dass er damals sexuell nicht das gleiche Format wie sie hatte und sie sich dann schließlich einem Schwarzen zugewandt habe. J. M. Coetzee schildert das durch Rassismus und latenten Sexismus geprägte Leben in Südafrika und schaut auf sich und die Zeit der 70er Jahre nicht ganz ohne Selbstironie zurück. Hier ist es aber mit Sicherheit auch das Vater-Sohn-Verhältnis, was Warlikowski interessiert haben dürfte, wie alles letztendlich, indem immer wieder Krankenbetten auf die Bühne geschoben werden, auf den Tod deutet. Warlikowski gestaltet wieder mal einen ausufernd überfordernden Abend, der aber durch seine Bildgewaltigkeit und ein herausragendes Schauspielensemble überzeugt, dass zum Schluss noch einmal zu einem auflockernden Salsakurs Aufstellung nimmt. Y uno y dos y tres y cuatro … Muy bien.

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Sasha Waltz mit „Continu“ und Isabelle Huppert mit „Un Tramway“ bei der „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele

Mittwoch, November 24th, 2010

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Sasha Waltz eröffnete am 11.11.10 mit „Continu die „Spielzeit Europa““

Nachdem „Continu“ schon im Juni zu den Züricher Festspielen zu sehen war, kam Sasha Waltz nun zur Eröffnung der „Spielzeit Europa“ mit ihrem neuen Tanzstück zur Berlin-Premiere. Eine Fortführung ihrer Museumsbespielungen sollte es sein. Waltz spricht vom Kreislauf von Leben und Sterben in der Natur, Begierde und Verlangen in zwischenmenschlichen Beziehungen, vom zu weit gehen und starken Frauenfiguren. Sie hat dazu einen zweigeteilten Abend eingerichtet.
In Berlin nun hat Sasha Waltz die Abfolge der beiden Teile des Abends geändert. Sie beginnt mit dem meiner Meinung nach schwächeren weißen Teil, bis auf den sehr körperlichen Solopart am Anfang, der einen Tänzer ihrer Gruppe in fast artistischen Verrenkungen zeigt und das Ausloten des Existentiellen ihrer Aussage gut verkörpert. Danach gibt es Gruppenformationen auf einer weißen Papierfläche. Aus der Gruppe heraus bilden sich immer wieder Paare, die diese Spielfläche und den Raum erkunden und sogar die Wände hochgehen. Irgendwann wird das Papier in Spiralen beschrieben, dann lehrt sich Bühne immer mehr und die Papierbahn wird über die verbliebenden Tänzer geschlagen. Danach ist Pause.

Wahrscheinlich wirkte das aber irgendwie angeklebt in der ersten Version, denn der zweite schwarze Teil ist wesentlich kräftiger und auch sehr düster und bedrohlich. Die Choreografie hat etwas Archaisches, fast Diktatorisches, wenn zur gewaltigen Musik von Edgar Varèses „Arcana“ die Einzelnen aus der Gruppe Ausbrechenden immer wieder eingesogen werden und die Gruppe sich duckt und in Wellen durch den Raum gleitet. Als wenn es da etwas Überirdisches gäbe, an das die Tänzer gekoppelt sind, wie die drei Figuren die wie Marionetten an langen Fäden von der Decke hängen. Alles in allem ist das sehr klassisch von der Choreografie bis zu den Kostümen und der Musik. Es war eine durchaus beeindruckender Abend, aber irgendetwas fehlte, eine Linie, ein klares Konzept. Die minutenlange symbolische Exekution der Tänzer zum Schluss entlässt einen doch etwas ratlos. Ein Überlebender und der Schütze fliehen aus dem Saal, die Türen zu schlagend, ohne Möglichkeit einer Erlösung. Dadurch verliert nicht nur der erste Teil seine Kraft.

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Der Klempner von der Champs-Élysées – „Un Tramway“ mit Isabelle Huppert in einer Inszenierung von Krzysztof Warlikowski nach „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams in einer Bearbeitung von Wajdi Mouawad

In Krzysztof Warlikowski Version von Tennessee Williams „A Streetcar Named Desire” hält die Straßenbahn Sehnsucht an der Champs-Élysées in Paris. Er hat für die Inszenierung am Théâtre de l’Odéon den Kinostar Isabelle Huppert gewinnen können. Zu Beginn sitzt sie auf einem langen Laufsteg der die Bühne quert und drückt gequält erste Worte aus ihrem vollen Mund. Eine schon von Anfang an zerstörte Person die in Warlikowskis Bearbeitung des Williams-Stücks ein Opfer von sexuellen Obsessionen der Männer ist. Unbewusst erinnert man sich an die vielen Darstellerinnen die man im Lauf der Zeit auf deutschen Bühnen in der Rolle der Blanche DuBois sehen konnte. Zum Beispiel Susanne Lothar, Emanuela von Frankenberg, Maren Eggert oder erst letztens Jule Böwe an der Berliner Schaubühne und Wiebke Puls an den Münchner Kammerspielen. Nicht zu vergessen natürlich Silvia Rieger in Frank Castorfs „Endstation Amerika“ an der Berliner Volksbühne. Diese Rolle ist immer eine Herausforderung für eine Schauspielerin emotional an ihre Grenzen zu gehen. In Castorfs Stück-Zertrümmerung ist Blanche ein Opfer eines rohen Unterschichtenmachos. Die Vergewaltigung erfolgte in einem riesigen Lotterbett, das sich mit der Bühne heben und senken konnte.

Nicht so bei Warlikowski, seine Bühne ist fast aseptisch rein. Eine langgezogene Sanitärzelle, hinter Glaswänden zeigt den geliebten Rückzugsort von Blanche, darunter verlaufen Bowlingbahnen, die auch mal von Stan und Mitch benutzt werden. Die Wohnungseinrichtung besteht wieder aus einem Bett und einer modernen großen Couchgarnitur mit Tisch, der polnische Klempner hat sich einen gewissen kleinen Wohlstand erarbeitet. Obwohl Warlikowski den Stücknamen auch ändern musste, bleibt die Geschichte doch erkennbar, an Castorf erinnern nur die Videos und die Länge. Unter 2,5 Stunden macht es auch Warlikowski nie. Wer sein über 4-stündiges Opferdrama (A)pollonia gesehen hat, konnte wissen, was ihn erwartet. Auch in „Un Tramway“ fügt Warlikowski mehrere Werkzitate anderer Autoren ein und unterbricht das Spiel immer wieder mit Gesangseinlagen der großartigen Sängerin Renate Jett, die auch die Nachbarin Eunice spielt.

Castorf hatte einen weiteren Star, den Stan des begnadeten Henry Hübchen. Bei Warlikowski ist die Inszenierung ganz auf Isabelle Huppert zugeschnitten, wie eine abgehalfterte Diva im Glitzerfummel stöckelt sie über die Bühne und trinkt Stan, gespielt von Andrzey Chyra, den Kognak weg. Sie zieht alle Register ihres Könnens, erst abwertend tritt sie dem Polaken gegenüber, dann kindlich losgelöst tanzt sie zu einer rockigen Version des Pulp-Hits „Common People“, der tapsige Mitch des Yann Collet ist ihr nicht gewachsen und braucht auch mal Boxhandschuhe zur Gegenwehr. Erst langsam wird ihre letzte Hoffnung von der Intrige Stans zerstört. Andrzey Chyra spielt den Stan als kalten, berechnenden Chauvi, kein ungebildeter Prolet, seine Gewaltausbrüche finden hinter der Bowlingbahn statt, wo er Stella, treuherzig dargestellt von Florence Thomassin, schlägt oder Blanche schließlich vergewaltigt.

Die Frau im Geschlechterkampf zwischen Suche nach Selbstbestimmung und Unterlegenheit, so wie in den Zwischenstücken von Oscar Wilds „Salome“ oder in dem klagenden Chanson von Eric Carmen „All By Myself“, immer wieder dargebracht von Renate Jett. Sehr passend auch die Geschichte der Kugelmenschen aus Platons „Symposion“, dort vorgetragen vom Komödiendichter Aristophanes zu Ehren des Gottes Eros. Die einst vereinten Geschlechter wurden von Zeus geteilt und irren nun umher mit der Sehnsucht, sich mit ihrem verlorenen Teil wieder zu vereinen. Zum Finale gibt es eine Popversion von Monteverdis „Combattimento di Tancredi e Clorinda”, die Kreuzfahrersaga über den ungleichen Kampf zwischen dem christlichen Ritter Tancredi und der muslimischen Prinzessin Clorinda mit dem Text des italienischen Renaissancedichters Torquato Tasso, in dem Tancredi seine Geliebte unwissend aus Versehen tötet. Blanche ist hier dann auch zwangsläufig unterlegen und dem Wahnsinn anheim gegeben, ein Opfer ihrer unstillbaren Sehnsucht und sexueller Begierden nicht wie bei Williams eines der Unterschiede der Klassen und des Niedergangs der Kultur durch Neid und Gier. Warlikowskis überfrachtet seine wie immer bildgewaltig Inszenierung mit zu viel Bedeutung. Das wurde dann auch mit einigen Buhs aus dem Publikum quittiert, viel Beifall gab es aber für Isabelle Huppert und ihre grandiose Darstellung der Blanche.

Der Polski-Express hält im Berliner HAU

Dienstag, Juni 8th, 2010

Im Rahmen des „Polski Express III“ einem Teil des Projekts „The Promised City“, einer kulturellen Initiative zwischen Berlin und Warschau mit Kooperationen in Mumbai und Bukarest, waren vom 25.05.10- 5. 06.10 einige polnische Theaterstücke am HAU Berlin zu sehen.

Der polnische Regiepunk und Avantgarde-Performer Jan Klata hat auch wieder zugeschlagen. Zwei Stunden Pop, Rock, Sex und Gier im HAU 2. Ein bombastischer, absurder Reigen von Regieeinfällen die Frank Castorf blass aussehen lassen können. Bei Peaches Christ Superstar, um die Ecke im HAU 1, kann es nicht viel aufregender gewesen sein. In seiner Bühnenversion des polnischen Literaturklassikers „Das gelobte Land“ vom Nobelpreisträger Władysław Stanisław Reymont aus dem Jahre 1898 kann Klata seine Herkunft vom Werbefilm und Fernsehen nicht ganz verhehlen, sehr viel Popästhetik und Rock-Attitüden bevölkern die Bühne. Eigentlich geht es im Roman von Reymont um die industrielle Revolution im ausgehenden 19. Jahrhunderts, es wird die Geschichte vom Zusammenleben der verschiedensten Nationalitäten und Schichten in der Textilindustriestadt Łódź erzählt. Durch Spekulationen mit Insiderwissen an der Baumwollbörse erhalten der Pole Karol, der Deutsche Maks und der Jude Moryc die Möglichkeit eine Fabrik zu eröffnen.

Klata kombiniert diesen Plot der 1974 von Andrzej Wajda verfilmt wurde, gegenwartstauglich mit einem anderen Film der 80er Jahre, nämlich Oliver Stones „Wallstreet“. Die Szenen lösen sich permanent ab. Erst klappern Broker an Tischen mit ihren Computertastaturen, dann stellen die Arbeiter Fragen nach besserer Unfallverhütung und Gesundheitsmaßnahmen, die ihnen vom alten Fabrikbesitzer und Patriarchen Bucholc zynisch mit einem Vortrag über Homöopathie beantwortet werden. Die Gier ist allgegenwärtig. Das Motto der Wallstreet leuchtet als Reklame: „Greed is Good“. Selbst die Frauen als Sinnbild der Begierde führen mit Strapsen und Netzstrümpfen bekleidet einen Poledance auf. Karol kopuliert bei einem Schlagzeugsolo zu Phil Collins „In the Air Tonigth“ mit der Fabrikantenfrau Lucy Zuker, die ihn dafür mit den Insiderinformationen versorgt. Das Ganze geht natürlich schief, da sich Lucys Mann rächt und die Fabrik noch während der alkoholgeschwängerten Einweihungsfeier anzündet. Man ist wieder ganz unten angekommen, auch die Liebe Karols zu Lucy oder der Fabrikantentochter Mada hält nicht, sie fällt ihm bildlich immer wieder aus den Armen, wie auch das Geld zerronnen ist. Eine als menschliche Fackel über die Bühne laufende Kunstfigur des Bum Bum und eine Trashversion des Whitney-Houston-Klassikers „I will always love you“ beenden Klatas terrible Dance for Money.

Ja, das ist schon so eine Sache mit der Avantgarde. Gehört Krzysztof Warlikowski eigentlich noch dazu oder ist er schon eher der Angepasste? Am vergangenen Wochenende konnte man das, anhand seiner Inszenierung „(A)pollonia“ im Rahmen das Polski-Express in der Station Kreuzberg, eingeladen vom HAU, begutachten. Warlikowski hat sich hier über 4 Stunden lang mit dem Thema der Menschenopfer und der Selbstaufopferung von der Antike bis ins Heute befasst. Mit Figuren aus der griechischen Mythologie, von der Agamemnon-Tochter Iphigenie über die Figuren der Orestie des Aischylos bis zu Euripides‘ Tragödie Alkestis und Passagen aus der zeitgenössischer Literatur wie z.B. „Elizabeth Costello“ von J.M. Coetzee und den „Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell, die ja auch Elemente der Orestie enthalten, versucht er uns Motivationen für Opferungen, menschliche Abgründe und eine Unmöglichkeit der Karthasis näher zu bringen. Als Ausgangspunkt dient die wahre Geschichte der Apolonia Machczynska, die im 2. Weltkrieg 25 jüdische Kinder vor der Gestapo versteckte, verraten wird und in den Verhören der Gestapo anstelle ihres Vaters die Schuld auf sich nimmt. Dies bleibt aber auch nur eine kleine Eingangsszene und dann arbeitet sich Warlikowski in einer Art Cut-up-Collage-Technik nacheinander an den Figuren der Iphigenie, Klytaimnestra, Agamemnon, Orest, Alkestis, Admetos, Herakles, Apollon und Athene ab. Iphigenie wird für eine zweifelhaftes Vorhaben, die Reise nach Troja, geopfert, daraus wird sich dem Fluch der Atriden folgend die blutige Geschichte der Orestie entwickeln. Alkestis opfert sich für ihren Gatten Admetos auf, der wegen einer Beleidigung der Göttin Artemis sterben soll. Nur weil sie sich bereit findet zu sterben, kann er weiter leben. Apollon ist Admetos behilflich und errettet auch noch Alkestis aus dem Hades.

Die Schauspieler wechseln immer wieder die auf der Bühne stehenden Plexiglascontainer oder sitzen wie beim Familienessen zusammen am Tisch. Zur Erleichterung der Orientierung werden die Namen der antiken Figuren an die Rückwand geworfen. Die anderen literarischen Einsprengsel kann man teilweise nur erahnen, so spricht Agamemnon bei seiner Rückkehr Worte aus den Wohlgesinnten, das er es sich nicht ausgesucht hätte zum Mörder zu werden. Interessant auch einige Videoeinsprengsel von Paaren, die nach ihren Beziehungen gefragt werden und der ob man sich für den anderen auch mit dem Leben aufopfern würde. Das letztere bleibt schließlich unbeantwortet. Unterbrochen werden die Texteinlagen immer wieder durch Musikeinlagen einer Band mit der fantastischen Sängerin Renate Jett. Das lockert die doch sehr verkopfte aber trotzdem nie langweilige Inszenierung zusätzlich auf und hält einen auch nach der Pause noch bei der Stange.

Der zweite Teil gehört am Anfang ganz der Elizabeth Costello und ihren öffentlichen Vorträgen zur Tierquälerei, dem Verhältnis zwischen Tier und Mensch am Beispiel des Affen Rotpeter von Franz Kafka, sie vergleicht ihren Vortrag mit dessen Bericht an die Akademie, und kulminiert in ihrer Gleichsetzung der Schlachthöfe mit dem Holocaust. „Das Verbrechen des Dritten Reichs, so lautet die Anklage, war, Menschen wie Vieh zu behandeln.“ Man war immer da, will aber nie etwas davon gewusst haben. Das wird ernst und glaubwürdig von Anna Radwan-Gancarczyk vorgetragen und würde auch sicher nicht seine Wirkung verfehlen, wenn es nicht all zu offensichtlich wäre. Weiter geht es dann wieder mit den antiken Figuren und ihrem Kampf, Videos und Musik. Das Ganze ist mehr eine stetige Performance als richtiges Theater und so ist man am Ende zwar in gewisser Weise aufgewühlt, kann aber nur schwer die vielen Bildern einordnen und verarbeiten. Konventionell ist dieser Theaterabend mit Sicherheit nicht, aber auch nicht wirklich innovativ. Warlikowskis Inszenierung fehlt eine gewisse Konzentration auf das Wesentliche und so verpuffen doch seine Bemühungen um Fragen der Pflicht, Schuld, Sühne und Vergebung etwas im Ungefähren. Am Schluss finden sich alle Protagonisten noch mal im Glascontainer um die Band zusammen und feiern erleichtert das Ende ihres langen Kampfes. Der Zuschauer verlässt nach gut 4 Stunden dann, nach langem Beifall, auch erleichtert die Station.