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Die Räuber – Leander Haußmann verabschiedet sich mit Schillers Sturm-und-Drang-Klassiker als Theaterregisseur vom Berliner Ensemble

Donnerstag, September 8th, 2016

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Die Räuber_BE_Sept. 2016

Foto: St. B.

Es ist Anfang September, die Theaterferien sind vorüber und am Berliner Ensemble läuft der Count Down für Claus Peymann & Co. Auf dem Spielplanleporello werden die Tage seiner Intendanz am Theater am Schiffbauerdamm runtergezählt. Und auch von Leander Haußmann muss man sich in Berlin wohl versabschieden. Nach acht Inszenierungen in der Peymann-Ära am BE (davon allein drei in der letzten Spielzeit) will sich der Regisseur „für eine ganze Weile aus dem Theaterbusiness zurückziehen“, wie er in einem Interview mit der Berliner Morgenpost verkündete. „Es geht die Epoche der Künstler, die Theater leiten, zu Ende. Die Verrückten sterben aus“, sagte Haußmann. Wen er damit meint, dürfte klar sein. „Peymann und Castorf sind Verrückte.“ Der das behauptet, allerdings nicht minder. (Theaterverrückt, möchte man der guten Ordnung halber noch hinzufügen.)

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Ende Mai hatte Leander Haußmanns letzte Inszenierung am BE Premiere – der Sturm-und-Drang-Klassiker Die Räuber von Friedrich Schiller. Und es ist noch einmal ein richtiger Haußmann geworden. Im Programmbuch bekennt der Regisseur, dass „Räuber“ für ihn zunächst ein romantischer Begriff sei. Der Spaß der eigenen Kindheit, mit einer Pistole durch den Wald zu rennen. Man sieht es Haußmanns Räubern an. Erst Glorreiche Sieben, die über das „schlappe Kastraten-Jahrhundert“ lamentieren (Moritz Spiegelberg) und sich zu Größe träumen, dann einen Hauptmann wählen und „Tod oder Freiheit“ (Karl Moor) mit viel Blut zu den Hateful Eight mutieren.

So parodieren sie sich in einen Italowestern oder Tarantino-Splatter, kauen Westernslang und drehen die Revolver. Und schon beim Einlass lässt Haußmann diese Räuberbande das Publikum erschrecken und ein Best of aus Kampf- und-Revolte-Hymnen zum Besten geben. „Auf, auf zum Kampf, zum Kampf! / Zum Kampf sind wir geboren!“ usw… Das Ideal der Aufklärung ist hier pathosgeladene Revoluzzer-Attitüde. Einerseits Rebellion aus Verzweiflung, anderseits aus gekränkter Eitelkeit.

DIE RÄUBER am BE - Foto (c) Monika Rittershaus

DIE RÄUBER am BE
Foto (c) Monika Rittershaus

Schiller hat hier aber nicht nur ein mörderisches Duell um die Führung und Ausrichtung dieses Kampfs zwischen dem Auserkorenen Karl Moor (Felix Tittel) und seinem Kontrahenten Spiegelberg (Luca Schaub erst als Außenseiter mit jüdischen Schläfenlocken, dann als Terrorist mit Ski-Maske und tief-schwarzem Kajal) hineingeschrieben, sondern vor allem einen Bruderzwist um die Gunst des Vaters Maximilian von Moor (Roman Kaminski) zwischen dem edlen Karl und Franz der „Kanaille“. Ein Drama der Zurücksetzung, Enttäuschung, der Intrige und des Verrats.

Und Matthias Mosbach als Franz ist eine herrlich verschlagene „Kanaille“ mit ausgeprägter Körpersprache. Er gestikuliert und grimassiert vom Feinsten. Der alte Moor ist ein schwacher Patriarch im Nachthemd und Rollstuhl, will aber einfach nicht sterben, so dass ihn der Sohn auch schon mal mit der Sense zu erschrecken versucht. Haußmann zieht hier sämtliche Slapstickregister. Franz schmiert um die blütenweiße Amalie (Antonia Bill), fleht und droht, zieht sich ein Geschmeide aus dem Hosenschlitz und blitzt doch ein ums andere Mal bei der Geliebten des Bruders ab.

Trotzdem gehört ihm der erste Teil des Abends. Die Räuber mit ihren Greul-Geschichten vom Morden, Vergewaltigen und Brandschatzen geraten da trotz kräftigem Einsatz von Theaterblut und Windmaschine fast zur Nebensache. Die Lunte ans Fass legt Franz, der mit seinem Vater als Marionette „Father and Son“ von Cat Stevens singt und den Alten mit der fingierten Todesnachricht von Karl schon im Leichensack hat, als dieser wieder aufersteht und in klammernder Umarmung seinen Sohn fast zu erdrücken droht.

 

DIE RÄUBER am BE - Foto (c) Monika Rittershaus

DIE RÄUBER am BE – Foto (c) Monika Rittershaus

 

Auf der Bühne von Achim Freyer, die seitlich mit Transparentresten verhängt und mit Revolutionskitsch zugemüllt wie eine Matratzengruft der 68er wirkt, mühen sich die Brüder mit ihrem schweren Erbe. Vereint stehen sie schließlich kurz vor der Pause an der Rampe zu Schillers dröhnender Ode an die Freude (von Beethoven vertont). Brüder werden die beiden nur darin, dass sie in ihrer unterschiedlichen Art der Rebellion gegen den Vater letztendlich zu ganz ähnlichen Mitteln greifen. Der eine, indem er an dessen Stelle gelangt, das System fortsetzt, und der andere, indem er aus Idealismus die alten Verhältnisse radikal bekämpft und dabei neue noch grausamere errichtet.

Nach der Pause gehen dem Romantiker Haußmann etwas die Theaterpferde durch und die Ideen aus. Er montiert den Rest der wilden Story um Franzens Intrige mit Waterboarding und Karls Rückkehr mit viel Pathos, Weltschmerz und Schattenbilderspielen parallel, so dass sich die Ereignisse überschneiden und ineinander verschränken. Der Selbstmord von Franz und die Aufopferung Karls für Räuberehre und Ideal führen in die Tragödie. Die beiden stehen vor den Trümmern ihrer Entwürfe.

Leander Haußmann hat seine Inszenierung nach den ersten Kritiken im zweiten Teil um etwa 15 Minuten gekürzt. Das scheint sich trotz aller Räuber-Depression bezahlt gemacht zu haben. In einigen schönen Nebenrollen ist hier noch Uwe Dag Berlin, ein alter Haußmann-Mitstreiter, zu sehen. Insgesamt vor allem im ersten Teil eine ganz unterhaltsame Räuberpartie, die zum Schluss in eine Rauferei des abgehenden Karl mit seinem untoten Bruder Franz mündet. Eine Neverending Story.

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DIE RÄUBER (Berliner Ensemble, 04.09.2016)
Regie: Leander Haußmann
Bühne: Achim Freyer
Kostüme: Janina Brinkmann
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh, Achim Freyer
Video und Soundbearbeitung: Jakob Klaffs und Hugo Reis
Mitarbeit Bühne: Nora Willy
Mit: Roman Kaminski (Maximilian, regierender Graf von Moor), Felix Tittel (Karl, sein Sohn), Matthias Mosbach (Franz, sein Sohn), Antonia Bill (Amalia von Edelreich), Luca Schaub (Spiegelberg), Raphael Dwinger (Schweizer), Felix Strobel (Razmann), Sven Scheele (Schufterle), Anatol Käbisch (Roller), Jaime Ferkic (Kosinsky), Fabian Stromberger (Schwarz), Uwe Dag Berlin (Hermann, Bastard von einem Edelmann), Peter Luppa (Daniel, Hausknecht des Grafen Moor) und Michael Kinkel (Ein Pater)
Premiere war am 27. Mai 2016
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

Weitere Termine: 9., 19. 9. / 4., 10. 10. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 06.09.2016 auf Kultura-Extra.

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Drei Schwestern am Berliner Ensemble – Leander Haußmann fällt nicht viel ein in seiner sentimentalen, historisierenden Inszenierung von Anton Tschechows Tragikomödie

Freitag, Januar 8th, 2016

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Die Figuren aus Anton Tschechows Tragikomödie Drei Schwestern sind, obwohl sie ständig über die Zukunft reden, hoffnungslose Nostalgiker. So hängen die Schwestern Olga, Mascha und Irina an ihrer schönen Kindheit in Moskau und wünschen sich ständig wieder dahin zurück, da die Gegenwart auf dem Land, wohin der jüngst verstorbene Vater und Brigadegeneral Prosorow vor elf Jahren versetzt wurde, alles andere als Glück verheißt. Und Glücklichsein ist das, was hier alle um jeden Preis wollen, aber einfach nicht können. Dass das trotz allem auch komisch sein kann, liegt wohl gerade auch in der Tragik des Unabänderlichen und an der Diskrepanz von dem, was die Figuren sagen und dem, was sie tatsächlich tun. Ansonsten schaut man ihnen nur beim schmerzvollen Vergehen von Zeit zu. Der sehnsüchtige Blick in eine bessere Zukunft bleibt da immer auch ein Rückblick in die Vergangenheit.

Und so inszeniert denn Leander Haußmann seinen ersten Tschechow fürs Berliner Ensemble auch in einem stark historisierenden Bühnenbild (von Lothar Holler), in dem der Putz abblättert. Das erinnert etwas an die sehr naturalistische Platonov-Inszenierung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, dem Haußmann jüngst in einem Artikel in der WELT beisprang, als man ihn im deutschen Feuilleton für seine ablehnenden Äußerungen zum Umgang mit Flüchtlingen an hiesigen Theatern geißelte. Wohlgemerkt stellte sich Leander Haußmann nicht inhaltlich an die Seite von Hermanis. Er nutzte seine solidarische Note aber für eine Philippika auf das gute alte Theater als Ort, „an dem die Gegenwart auch mal Hausverbot hat“. Nun ja, so in etwa wird am Haus von Claus Peymann schon seit Längerem inszeniert. Nur hatte man nach den letzten Regiearbeiten Haußmanns nicht unbedingt den Eindruck, dass er sich stilistisch da einreihen wollte. Das ist ihm nun aber, muss man konstatieren, mit seiner Inszenierung der Drei Schwestern [Premiere war am 17. Dezember 2015] bestens gelungen.

Tatsächlich gibt es sogar mal wieder einen Vorhang. Nur dass der hier nicht, wie Haußmann eigentlich meint, „den Blick für das andere, das Abgehobene, das Undenkbare freigibt“, sondern eher auf eine Welt von gestern, auf die der Regisseur mit heutigem Wissen, viel Verständnis und milder Ironie schaut. Man fühlt sich zu Beginn in den Namenstag-Szenen sogar wie in eine Schaubühnen-Inszenierung von Peter Stein versetzt, in der es noch nach Birken riechen durfte und man den SchauspielerInnen die Gefühle buchstäblich von den Lippen ablesen konnte. Nur übertreiben es hier am BE die Damen ein wenig mit der Gestik und scheinen die Herren Offiziere allesamt einen Stock verschluckt zu haben. Es wird angestrengt geplaudert, die Uhr schlägt laut, und ein Kreisel brummt, während die Gesellschaft kurz erstarrend zuschaut. Über allem hängt eine künstliche Melancholie.

 

Drei Schwestern am BE - Foto (C) Lucie Jansch

Drei Schwestern am BE – Foto (C) Lucie Jansch

 

Nun muss man der Fairness halber noch erwähnen, dass es in der rezensierten Vorstellung eine nicht unerhebliche Umbesetzung gab. Für den kurzfristig erkrankten Uwe Bohm (Darsteller des Oberstleutnant Werschinin) sprang mutig in voller Montur der Regisseur selbst ein. Leander Haußmann gibt den neuen Batteriechef zunächst ein wenig nachdenklich zurückhaltend. Dessen vollmundige Sätze von der Zeit in 200 bis 300 Jahren wirken da so, als wenn er selbst nicht wirklich daran glauben würde. Den zerknirschten Ehemann hat er dann wieder ganz gut drauf. Und in den schließlich recht leidenschaftlichen Szenen mit Mascha (Antonia Bill), in denen auch mal das Bild des Generals von der Wand fällt, scheint er dann endlich in die Figur hinein gefunden zu haben. Ob es Uwe Bohm anders oder gar besser machen würde, ist da reine Spekulation.

Haußmanns Interesse als Regisseurs liegt dann auch eher bei den Schwestern. Das Dreigestirn ist in Schwarz für die beiden Älteren und Weiß für die Jüngste (Irina) geteilt. Während die Männer schwadronierende (Matthias Mosbach als Baron Tusenbach), dumpfe (Georgios Tsivanoglou als Hauptmann Soljony) oder komische (Raphael Dwinger und Luca Schaub als Unterleutnants Fedotik und Rode) Staffage bleiben, bekommen Irina (Karla Sengteller), Mascha und Olga (Laura Tratnik) immer wieder ein paar kurze Ausbruchsszenen aus der allgemeinen Lethargie. Wobei Olga viel am Jammern ist und Irina zwischen Trotzköpfchen und Heulsuse schwankt. Minutenlang muss sie ins Publikum starren. Mascha neigt dagegen zu besonders spontanen Gefühlsregungen und küsst dabei auch mal leidenschaftlich ihren Mann, den langweiligen Lehrer Kulygin (Boris Jacoby). Als Haußmanns Werschinin zum Abschied wie John Wayne mit dem Sattel in der Hand auftaucht, beginnt Mascha verzweifelt zu klammern. Der Blick der drei Frauen geht am Ende wieder zurück. Ein Kinderkarussell dreht sich mit ihnen. Ein Klavier klimpert sanft.

 

Drei Schwestern am BE - Foto (C) Lucie Jansch

Drei Schwestern am BE – Foto (C) Lucie Jansch

 

Der aufkommende Sturm der Zukunft, den der Hobbyphilosoph Werschinin herbeireden will, kommt hier nur zwischen den Akten durch die Seitentüren mit der Windmaschine und ein paar frischen russischen Akkordeonklängen von Musiker Atanas Georgiev. Der Rest bleibt laues Lüftchen – wie auch die darstellerischen Leistungen des Ensembles, das man noch nie so verloren gesehen hat. Besonders auffällig ist das bei Peter Miklusz als Bruder Andrej und Anna Graenzer als seine Frau Natascha, die hier reine Witzfiguren geben müssen. Sehr eindimensional auch der Doktor Tschebutykin von Axel Werner, dem nur ein kurzer Verzweiflungsausbruch im Suff gegönnt ist. Geradezu verschenkt sind Gudrun Ritter als alte Kinderfrau Anfissa und Martin Seifert als schwerhöriger Bote Ferapont. Leander Haußmann ist erstaunlich wenig eingefallen. Er ist so unentschlossen wie seine Tschechow-Figuren. Der Abend fällt, wohl auch gewollt, weit hinter andere heutige Inszenierungen des Stücks zurück. Da kommt doch leider auch viel Langeweile auf.

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DREI SCHWESTERN (Berliner Ensemble, 04.01.2016)
von Anton Tschechow
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Leander Haußmann
Bühne: Lothar Holler
Kostüme: Janina Brinkmann
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Mit: Peter Miklusz (Andrej Sergejewitsch Prosorow), Anna Graenzer (Natalja Iwanowna, seine Verlobte, später seine Frau), Laura Tratnik (Olga, seine Schwester), Antonia Bill (Mascha, seine Schwester), Karla Sengteller (Irina, seine Schwester), Boris Jacoby (Fjodor Iljitsch Kulygin, Lehrer, Maschas Mann), Uwe Bohm (Alexander Ignatjewitsch Werschinin, Oberstleutnant, Batteriechef), Matthias Mosbach (Nikolai Lwowitsch Tusenbach, Baron, Leutnant), Georgios Tsivanoglou (Wassili Wassiljewitsch Soljony, Hauptmann des Stabes), Axel Werner (Iwan Romanowitsch Tschebutykin, Armeearzt), Raphael Dwinger (Alexej Petrowitsch Fedotik, Unterleutnant), Luca Schaub (Wladimir Karlowitsch Rode, Unterleutnant), Martin Seifert (Ferapont, Bote der Landverwaltung, ein alter Mann), Gudrun Ritter (Anfissa, Kinderfrau, 80 Jahre alt)
Atanas Georgiev (Akkordeon)
Premiere war am 17.12.2015
Dauer: ca. 3h 30 Min (eine Pause)

Termine: 14., 20., 27.01 und 07.02.2016

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

Zuerst erschienen am 07.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Brecht (1) ohne Dialektik – Leander Haußmanns denkfaule Inszenierung des Parabelstücks „Der gute Mensch von Sezuan“ am Berliner Ensemble

Freitag, September 25th, 2015

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Brecht am BE - Foto: St. B.

Brecht am BE – Foto: St. B.

Leander Haußmann ist nicht der Mensch für den wohldosierten, feinsinnigen Humor. Die Ironie des Film- und Theaterregisseurs darf in seinen Inszenierungen immer auch etwas derber ausfallen. Zudem hat Haußmann keine Angst vor Kitsch, Pathos und Überlänge. Mit seinen Inszenierungen von Klassikern wie Shakespeares Hamlet und Büchners Woyzeck hat er das vor sich hin dümpelnde Berliner Ensemble ordentlich durchgerüttelt. Dass er das auch mit dem Hausheiligen Bertolt Brecht tun könnte, wäre also durchaus erwartbar und auch äußerst wünschenswert. Allerdings übertreibt es Leander Haußmann in seiner dritten Inszenierung für die Peymann-Bühne am Schiffbauerdamm mal wieder mit all dem etwas zu sehr.

Der gute Mensch von Sezuan fehlte dem Hausherrn noch in seiner Sammlung von Brechtstücken. Nun also musste der auf einer Erfolgswelle schwimmente Leander Haußmann an Brechts dialektisches Parabelstück ran. Leider eignet es sich nur bedingt für moderne Regietheatermätzchen, was 2010 bereits Friederike Heller an der Schaubühne erfahren musste. Dass sich Brecht allerdings für assoziative, weiterführende Denk-Modelle eignet, bewies z.B. Frank Castorf mit seiner Münchner Baal-Inszenierung. Nach dem Denk- bzw. Aufführungsverbot durch die Brechterben und den sie vertretenden Suhrkamp-Verlag hatte Leander Haußmann unter dem Motto „Lass uns in Ruhe, Brecht!“ in der Tageszeitung Die Welt noch getönt: „Warum darf der Autor nicht tot sein, da auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, und warum darf er auf der Bühne nicht leben, indem er sich ständig erneuern und befragen lässt?“ Bei Haußmann ist der Brecht aber so tot und der Dorotheenstädtische Friedhof so weit weg, dass der Autor nicht mal mehr für einen Gag auf der Bühne taugt.

Das einzige, was bleibt, ist der Text, und den inszeniert Haußmann in seiner knapp 4stündigen Inszenierung fast ungekürzt. Und wo er Brecht gestrichen hat, ersetzt ihn der Regisseur durch albernen Slapstick und altbackene, langatmige Szenenauspinselungen. So etwa das Kennenlernen der Hauptprotagonistin Shen Te (Antonia Bill) mit ihrem Geliebten Yang Sun (Matthias Mosbach), das kurz vor der Pause so einige im Parkett auf die Uhr schauen lässt. Im mit fahrbaren Peitschenlaternen ausstaffierten Bühnenbild des bildenden Künstlers Via Lewandowsky will sich zunächst der arbeitslose Flieger Sun erhängen und landet schließlich nach mehreren vergeblichen Versuchen und etlichen Schlucken aus dem Flachmann mit der gutmütigen Hure Shen Te unter einem Berg von Plastikgartenstühlen.

 

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN am BE - Fot (c) Lucie Jansch

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN am BE
Foto (c) Lucie Jansch

 

Via Lewandowskys Ausflug ins Bühnenbildfach kann man ansonsten als durchaus akzeptabel bezeichnen. Mit seinen meist recht ironisch provokanten Installationen, wie etwa einer Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Muezzingesang namens Brutkasten, wäre er eine gute Ergänzung zu Haußmanns wildem Regiestil gewesen. Hier lässt er nun den Tabakladen als Geschenk der Götter an Shen Te als kleinen gläsernen Kiosk am Kranhaken vom Bühnenhimmel schweben. Ein schöner V-Effekt, der sich allerdings nur in den angehängten langen Fusselbärten der Götter/innen (Traute Hoess, Swetlana Schönfeld und Ursula Höpfner-Tabori) und einer nicht fehlen dürfenden asiatischen Glückswinkekatze fortsetzt. Die Kostüme von Janina Brinkmann sind ansonsten im recht einfallslosen Prekariatsschick gestaltet.

Bei Haußmann kommen die Götter dann, nicht gerade neu, aber immer wieder aktuell, zunächst als Flüchtlinge daher, an denen die Bewohner der chinesischen Stadt Sezuan abwinkend vorbeieilen. Der abgerissene Wasserverkäufer Wang (Norbert Stöß) sucht in einem Papierkorb nach Plastikflaschen und bleibt ansonsten auch eher blass und unterwürfig. Hinter einem hohen Wellblechzaun findet er dann aber doch noch den einzig würdigen und uneingeschränkt gütigen Menschen, der den vom Himmel Heruntergestiegenen ein Obdach gibt. Die Hure Shen Tei ist ein „Engel der Vorstädte“ in roter Strumpfhose und kann niemanden etwas abschlagen. Selbst als sich die gesamte krumme Verwandtschaft in ihr kleines Lädchen zwängt, bleibt sie weiter zuversichtlich. Antonia Bill gibt sie als gänzlich Naive mit jeder Menge Sympathiepotential. Gegen den dauerklampfenden Überflieger Sun kann sie sich nur schwer erwehren. Ein auch ansonsten eher unkritisches Frauenbild mit Bart.

 

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN am BE Foto (c) Lucie Jansch

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN am BE
Foto (c) Lucie Jansch

 

Als verkleideter Vetter Shui Ta in Hemd, Hosen und besagtem angeklebtem Bart ist Antonia Bill nur die Karikatur eines harten Mannes und Kleinkapitalisten, der sich albern in den Schritt greifen muss und auch mal vom bigotten Barbier Shu Fu (Boris Jacoby) eingeseift wird. Altbackene Stilmittel und Karikaturen, die sich auch in den anderen Figurenzeichnungen fortsetzten. Stark ist die Figur der Shen Te nur in den Szenen mit klarer Ansprache („Euerm Bruder wird Gewalt angetan, und ihr kneift die Augen zu!“) und den gesungenen Zwischenspielen. Paul Dessaus Musik wird dabei vom Ensemble wie nebenbei auf Gitarre, Klavier und Trompete mitperformt. Chinesische Schlager und rote Lampions lassen dafür aber das Kitschpotential wieder enorm steigen. Die Liebe als Ware in Zeiten des Kapitalismus ist auch Haußmanns großes Thema, was mit viel Gefühl gespielt wird, aber zuweilen auch mächtig auf die Tränendrüsen und Brechts Appelle an den Geist eher beiseite drückt.

Haußmann lässt nur von Szene zu Szene spielen, und schließlich erklingt auch das Lied vom achten Elefanten wie ein weiterer Hit einer Best-Off-LP von Brecht-Songs. „Etwas muß falsch sein in eurer Welt“ stellt die zwischen Gut und Böse zerrissene Shen Te vor den als Kleiderpuppen über die Bühne fahrenden Göttern fest. Brecht spielt in seiner 1938 bis 1940 entstandenen Parabel alle möglichen Verhaltensmerkmale von Menschen in prekären und ausbeuterischen Verhältnissen durch. Diese zu ändern bedarf es natürlich mehr als einen guten Menschen. Wie es geht, gut zu sein und sich gleichzeitig in einer falschen, kalten Welt zu behaupten, bleibt auch hier die offene Frage. Dafür darf Märchenonkel Gerd Kunath zum Vergnügen des Publikums noch den entschuldigend fragenden Epilog Brechts an der Rampe sprechen. Zum guten Schluss muss man sich da nicht nur auf der Bühne am Kopf kratzen.

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DER GUTE MENSCH VON SEZUAN
von Bertolt Brecht
Mitarbeit: Ruth Berlau, Margarete Steffin
Musik von Paul Dessau
Premiere am Berliner Ensemble: 12. September 2014
Inszenierung: Leander Haußmann
Bühnenbild: Via Lewandowsky
Kostüme: Janina Brinkmann
Musikalische Leitung: Tobias Schwencke
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Mit: Antonia Bill (Shen Te / Shui Ta), Norbert Stöß (Wang, ein Wasserverkäufer), Traute Hoess (Erster Gott, Die Witwe Shin), Swetlana Schönfeld (Zweiter Gott, Frau Yang Mutter des Fliegers), Ursula Höpfner-Tabori (Dritter Gott, Die Hausbesitzerin Mi Tzü), Matthias Mosbach (Yang Sun, ein stellungsloser Flieger), Anke Engelsmann (Die Frau), Detlef Lutz (Der Mann), Luca Schaub (Der Neffe), Marko Schmidt (Der Bruder), Karla Sengteller (Die Schwägerin), Roman Kaminski (Der Großvater), Peter Luppa (Der Junge), Felix Tittel (Der Schreiner Lin To), Michael Kinkel (Der Polizist), Axel Werner (Der Teppichhändler), Claudia Burckhardt (Die Teppichhändlerin), Boris Jacoby (Der Barbier Shu Fu), Gerd Kunath (Der Bonze), Marvin Schulze (Der Arbeitslose)

Termine: 29.09., 10. und 11.10.2015

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/115/der-gute-mensch-von-sezuan

Zuerst erschienen am 13.09.2015 auf Kultura-Extra.

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Hirnwütig und hirnrissig – Zweimal Georg Büchner zum Spielzeitauftakt im Berliner Ensemble und der Schaubühne

Dienstag, September 9th, 2014

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Strammgestanden! – Leander Haußmann inszeniert Georg Büchners WOYZECK-Fragment am Berliner Ensemble

Woyzeck_ BE_ Plakat

Foto: St. B.

Man kann Büchners getriebenen Soldaten und irren Frauenmörder Franz Woyzeck als Titelheld einer Mörderballade oder eines wirren Mörderreigens darstellen, ihn mit den Zuschauern in einen Käfig auf der Bühne sperren (alles Inszenierungsversuche der letzten Jahre in Berlin), oder man kann ihm auch ein paar Leidensgenossen in wüstenfarbenen Camouflageuniformen an die Seite stellen. So nun Leander Haußmann am Berliner Ensemble. Ein ganzer Trupp Bewaffneter stampft hier unter strengem Kommandoton mit den Stiefeln über die Bühne. Erste zarte Worte Woyzecks (Peter Miklusz) mit seiner Marie (Johanna Griebel) werden dadurch jäh unterbrochen, und der Wehrmann, Füsilier im 2. Regiment, 2. Bataillon, 4. Compagnie rückt wieder ein zum Dienst.

Den hirnlosen militärischen Drill mit seinem Gleichschritt und den gegenseitigen Demütigungen hatte Leander Haußmann schon in seinem mit eigenen Erlebnissen angereicherten Spielfilm NVA (2005) karikierend vorgeführt. Mit dem Woyzeck von Georg Büchner macht er ihn auch zum Thema seiner neuen Inszenierung am BE und stellt nach seinem fulminanten Hamlet aus dem letzten Jahr eine weitere unruhige, von Gedanken gebeutelte Männerfigur der Dramengeschichte auf die Bühne.

Zeigte Katie Mitchell in The Forbidden Zone an der Berliner Schaubühne noch den Krieg aus der Perspektive der ohnmächtigen Frau, so fügt Leander Haußmann die des zum Töten gedrillten Soldaten hinzu. Er macht aus Büchners Woyzeck nicht einfach nur das Drama eines armen, irren Menschen, der im Eifersuchtswahn seine Geliebte Marie ersticht, Haußmann sieht im Woyzeck auch das Drama einer Zurichtung des menschlichen Individuums zur willenlosen Kampf- und Tötungsmaschine. Und er zeigt das mit echten Theaterbildern von Menschen, um mit Büchner zu sprechen, aus „Fleisch und Blut“ bestehend.

Woyzeck am BE - Foto (c) Lucie Jansch

Woyzeck am BE – Foto (c) Lucie Jansch

Erst durch die Zurichtung mit der vom Doktor (Traute Hoess) verordneten Erbsensuppe, die der Proband hier löffelweise eingetrichtert bekommt, und dem Drill in der Truppe wird Woyzeck zum willenlosen Objekt degradiert. Liegestütze, Exerzieren, Feudeln. Hier steht einer in der Hierarchie auf der untersten Stufe, was er auch immer wieder zu spüren bekommt. Den Irrsinn der Dressur vervollkommnet eine Slapsticknummer mit Affe, Klappstuhl, Bier und Banane. Traute Höss als stotternder Jahrmarktsausrufer, dem das Wort Potentat nicht über die Lippen kommen will und Peter Luppa, der vom Affen auf dem Stuhl direkt zum Soldaten mutiert. Die Truppe kreist dabei zum Peitschenknall als astronomische Zirkuspferdchen.

Die Eliten halten Woyzeck für moralisch verkommen und dumm. Selbst versinken sie in lähmende Agonie und Melancholie vor dem alternativlosen Gang der Welt. Diese Welt, wie sie ist, dreht sich, und dem Hauptmann (Boris Jacoby) schwindelt nur beim Gedanken daran. Es ist gut philosophieren, wenn andere die Suppe im wahrsten Sinne des Wortes auslöffeln müssen. Haußmann bricht die Lanze für den armen Landser Woyzeck und lässt ihn seinen Hauptmann chaplinesk einseifen. In einem Anflug von eigenem Größenwahn schneidet er ihm zur Figaro-Arie Rossinis den Hals durch.

Woyzeck am BE -

Woyzeck am BE – Foto (c) Lucie Jansch

Leander Haußmanns Inszenierung ist genauso wundersam getrieben und hirnwütig wie der großartige Woyzeck des Peter Miklusz, der direkt von seiner Rolle als Brechts Hans im Glück von der Probenbühne auf die großen Bretter des BE gewechselt zu haben scheint. Es schwingen hier Albernheit, Spielwut und die Musik aus so manchem Vietnamkriegsfilm wie etwa Full Metall Jacket mit. Von My Wild Love Went Ridin‘ bis This Boots Are Made For Walking, Haußmanns GIs marschieren zur Flower-Power-Musik von Joan Baez, Canned Heat, The Doors oder Nancy Sinatra.

Es bleibt aber auch das Drama der Marie. Im roten Kleid steht Johanna Griebel auf die Bühne immer zwischen dem großen Schatten des Kinderwagens am Bühnenhintergrund und der großen Lust zum Leben. Und dazu fehlt es nicht nur am nötigen Kleingeld. Melanie singt vom Nickel und Dollar, Dollie Parton Love Is Like a Butterfly. Und so fliegt Marie in die Hände des Tambourmajors (Luca Schaub), einem langen schönen Schlacks mit Federhut und wüstem Schläger. Die Sünde lockt sie in ein Zelt mit Leuchtaugen.

Die Truppe ist ein Branndewein saufender, lallender Haufen, der das „Bedürfnis totzuschlagen“ als von Gott gegeben bezeichnet. Der zur Eifersucht getriebene Woyzeck hetzt über die Bühne, den Tod im Schlepptau, der ihm als irr kichernder Waffenhändler sein Arsenal vorführt. Das letzte Liebes- und Totenbett der Marie wird ein Moosgeflecht aus getarnten Soldaten, die ihn auch noch anfeuern. Dem Publikum ruft der zum wahnsinnigen Vergewaltiger und Mörder gewordene Woyzeck wütend zu: „Was gafft ihr. Guckt Euch selbst an.“

Woyzeck am BE Premierenapplaus für Leander Haußmann - Foto: St. B.

Woyzeck am BE. Premierenapplaus für Leander Haußmann – Foto: St. B.

Haußmann mixt Büchners lose Szenenfragmente neu zusammen und stellt sie in logische Folge. Damit, dass er die Parabel des traurigen Mädchens nach dem Grimm’schen Sterntalermärchen an den Schluss stellt, gelingt ihm ein weiterer wundersamer Coup. Auf einem ausgerollten blauen Teppich mit lauter glitzernden Sternen versammeln sich noch einmal alle wie in einem schönen melancholischen Traum. Die Welt ist ein umgestürzter Hafen oder Nachttopp, und das BE wieder ein Theater. Man kann das sehen wie man will. Großer Beifall für Leander Haußmann und sein Ensemble.

WOYZECK
von Georg Büchner
Berliner Ensemble Premiere vom 06.09.2014
Regie und Bühne: Leander Haußmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Ausbilder der Soldaten: Rainer Clemens
Mit: Peter Miklusz (Woyzeck), Johanna Griebel (Marie), Luca Schaub (Tambourmajor), Raphael Dwinger (Andres), Antonia Bill (Margreth), Traute Hoess (Narr), Peter Luppa (Kind), Boris Jacoby (Hauptmann), Marko Schmidt (Unteroffizier), Matthias Mosbach (Unteroffizier), Marvin Schulze (Unteroffizier), Felix Lüke (Unteroffizier), Hannes Lindenblatt (Unteroffizier)
und: Sharon Joy Liedke, Carmen Romero Velasco, Heidrun Schug; Rainer Clemens, Riccardo Drews, Mario Erbherr, Oliver Gabbert, Thomas Göhing, Marcus Hahn, Raik Hampel, Bjoern Jarkowski, Franz Jarkowski, Carsten Kaltner, Robert Landschek, Marc Lippert, Paul Marwitz, Detlef Matthes, Haiko Neumann, Valentin Olbrich, David Pino Moraga, Alexander Petau, Michel Podwojski, Nils Rech, Benjamin Schwarweit, Thomas Schenk, Mathias Schlicht, Ralf Tempel, Christian Tiedge, Dietmar Lukas Treiber, Jan Wirdeier

Termine:
19., 23. und 27.09.2014
20., 26. und 27.10.2014

weitere Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/101/woyzeck

Zuerst erschienen am 07.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Welch Ironie – Patrick Wengenroth langweilt mit Büchners melancholischem Lustspiel Leonce und Lena an der Berliner Schaubühne

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Leonce und Lena  an der Schaubühne - Foto: St. B.

Leonce und Lena an der Schaubühne – Foto: St. B.

Die Welt ist eine Scheibe, und an der Berliner Schaubühne eine ganz besonders schöne. Sie ist rund, schräg und dreht sich, und man kann nicht von ihr abrutschen, da es schon Mühe bereitet, überhaupt auf sie hinaufzukommen. Sie kann auch Nebel und Musik, und ein schräges Stück von Georg Büchner kann man auch auf ihr spielen. Das alles muss aber vorher erst noch erklärt werden. Wir wollen ja nicht dumm sterben oder gar aus lauter lange Weile, weil man nichts versteht vor lauter Pipi und Popo. Das hat sich sicher auch Patrick Wengenroth, der Mann fürs Komische an der Schaubühne, gedacht. Und schickt darum Ulrich Hoppe auf die Scheibe, der, nach dem er sich mit einiger Mühe hochgezogen hat, auch noch erwartungsvoll angestarrt wird.

„Was wollen Sie von mir? Ich habe alle Hände voll zu tun.“ beginnt dieser als Leonce, Prinz von Popo, seinen Vortrag über den melancholischen Müßiggang und weitere brennende Fragen wie den ganzen, blöden Sau-Sack-Sinn und andere Peinsäcke. Aber das ist nicht etwa schon Büchners Lustspiel Leonce und Lena, sondern Rainald Goetz‘ bitterböser Klagenfurt-Monolog, den Wengenroth nicht zum ersten Mal bemüht – lässt sich damit doch so schön die beschissene Kunst- und Literaturszene ironisieren. Wo oben und wo unten ist und wie das scheiß Leben geht, wird aber auch heute Abend niemand erfahren. Der Schnitt ins Hirn bleibt aus, dafür gibt es die Prinzenrolle.

Leonce und Lena in der Schaubühne Foto (c) Gianmarco Bresadola

Leonce und Lena in der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

Popliterat Goetz trifft auf Popregisseur Wengenroth, der sich auch diesmal nicht zu schade ist, in Netzstrümpfen und mit Elvistolle sein Debut als Peter, König von Scheißegalien, zu geben. Ein Udo-Lindenberg-Lookalike wird aber nicht mehr aus ihm werden, wenngleich er auch schon ganz erfolgreich eine Lindenberg-Revue im Studio der Schaubühne inszeniert hat. Wetten, dass? Das zumindest bietet Popo-Prinz Leonce dem lustigen Kerl Valerio an, der hier gar nicht so lustig ist und auch nicht so genannt werden möchte. Jule Böwe krabbelt mit auf die Scheibe und spielt abwechselnd den Narren mit Hütchen oder Rosetta, die Angebetete des melancholischen Prinzen.

Aus lauter Langeweile und der Liebe überdrüssig, gibt der Prinz Rosetta den Laufpass und läuft dann mit Valerio vor der Aussicht, nun selbst König von Popo bzw. Scheißegalien zu werden, genItalien. Und so werfen Wengenroths Spieler weiter den selbst schon ironischen Texten Büchners noch jede Menge faule Witze hinterher. Wie war das noch gleich mit der grünen Langeweile? Dazu sinniert Ulrich Hoppe als Kermit der Frosch über die Schwierigkeit grün zu sein. Aha.

Leonce und Lena in der Schaubühne Foto (c) Gianmarco Bresadola

Leonce und Lena in der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

Ironie des Schicksals, dass Prinz Popo gerade das, was er eigentlich fliehen möchte, auf der sich unablässig drehenden Glücksscheibe wiederfinden muss. Auftritt Lena, Prinzessin von Pipi (Iris Becher), die auch nur irgendein weiteres It- und Covergirl der Pop(o)Historie im Klunkerlook ist. Beide liegen dann ein wenig auf dem Scheibenrasen rum, singen was von der Melancholie und so, und Jule Böwe stellt noch ein paar Hasenattrappen dazu. Bis Musiker Matze Kloppe schließlich ein Einsehen hat, den Discoladen dicht macht und die zwei Schmusehasen doch noch beschließen, Hochzeit zu machen.

Bei Büchners Automatenhochzeit bekommt dann noch das Theater sein Fett weg. Nichts als Kunst und Mechanismus. Scheiß Spiel. Und das ist der Unterschied zu Leander Haußmann. Sein Woyzeck wird erst zur Maschine gemacht, während Wengenrohts Büchner-Imitate von Beginn an Musikboxen sind, in die man nur Geld hineinwerfen muss, damit Kunst rauskommt. Für die Erkenntnis braucht es allerdings geschlagene zwei Stunden. Der Rest ist Hobby. Die Welt als Scheibe ist dann wohl doch kein so weitläufiges Gebäude, wie der Narr Valerio meint. Immerhin bekommt er endlich eine Hose und einen Ministerposten. Wengenroths König Peter gibt die Regie-rung ab und dem Prinzen eine zerknitterte Papp-Krone. „Geht einfach nochmal euren Text durch. Bis später, euer Party-Peter.“ Melancholie, du kriegst mich nie klein, tönt es mit Gisbert zu Knyphausen. Ein klarer Fall von Denkste.

Leonce und Lena in der Schaubühne - Foto: St. B.

Leonce und Lena in der Schaubühne
Foto: St. B.

Leonce und Lena
Ein Lustspiel von Georg Büchner
Schaubühne am Lehniner Platz (06.09.2014)
Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Matze Kloppe
Licht: Erich Schneider
Mit: Iris Becher, Jule Böwe, Ulrich Hoppe, Patrick Wengenroth

Premiere war am 4. September 2014.

Termine:
19.09.2014, 20.30 Uhr
20.09.2014, 20.30 Uhr
06.10.2014, 20.00 Uhr
07.10.2014, 20.00 Uhr
10.10.2014, 20.00 Uhr
12.10.2014, 19.30 Uhr

weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/leonce-undlena.html/m=221

Zuerst erschienen am 08.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

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Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

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Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

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Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

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Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

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Tragödie als Spektakel – Elektra und Hamlet, zwei Getriebene einer heiligen, selbstauferlegten Pflicht (be)geistern auf Berliner Bühnen.

Montag, Dezember 9th, 2013

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„In meinem Kopf der Krieg hört nicht mehr auf.“ Heiner Müller, aus: Wolokolamsker Chaussee

Flüche, göttliche Eingebungen und Erscheinungen der anderen Art treiben Elektra, Tochter aus dem antiken Herrschergeschlecht der Atriden und Hamlet, Prinz von Dänemark an und um. Zwei Sprosse von höchstem Geblüt sind im heiligen Auftrag unterwegs. Angetreten mit ganz ähnlichen Motiven der Rache sind sie berufen und verdammt zugleich. Sind Kinder der immer gleichen Tragödie aus schicksalhafter Verstrickung, hehrem Pflichtgefühl und großen Selbstzweifeln. Ob sie es nun vermögen ihren Auftrag auszuführen, oder nicht,  sie werden dabei doch auch mitschuldig am Kreislauf der Gewalt und scheitern schließlich am eigenen hohen Anspruch. Eine entschlossene Rachefurie aus einem verfluchten Königsgeschlecht und ein schwermütiger, zaudernder Renaissanceprinz, am Deutschen Theater und Berliner Ensemble stehen sie nun beide in ganz unterschiedlichen Inszenierungen auf der Bühne. Gemeinsam ist ihnen dabei nur der Hang zu Glamour, Trash und dem ganz hohen Ton.

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Hamlet, oder Rache ist Blutwurst – Leander Haußmann dreht am Berliner Ensemble Shakespeare durch den Theaterwolf.

„Es gab vorher immer dieses Hin und Her um die Rache oder nicht Rache. Und das erste Mal, wo er etwas tut, ist es eigentlich was Blindes und was Unkalkuliertes. Es ist kein Plan mehr, es ist nur noch blinde Praxis.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge über seine Hamlet-Inszenierung 1990 am DT (Garather Gespräch)

HAMLET am Berliner Ensemble - Foto: St. B.

HAMLET am Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Paralyse, Parabellum, Panoptikum. So sind sie, die Theatermörderkinder. Erst abwartend und dann umso entschlossener in der Tat. Und ist keine Schusswaffe zur Hand machen es auch Beil, Messer oder Schwert. Bereite dich für den Krieg, denn bereit sein ist alles. Das macht das Morden im Gedanken. Da spuken sie herum, die Theatergeister der Vergangenheit und wollen wieder gegenwärtig werden. Doch zuvor muss man ihnen erst noch gehörig den Gar ausmachen. Das muss alles irgendwann mal raus aus dem Hirn. Da sind die Bühnengeschöpfe wie ihre meist schon verstorbenen Autoren oder die heutzutage an deren Stelle getretenen Regisseure. Was denen durch die Rübe rauscht, wie es ein bekannter Großkritiker verächtlich beschreibt, wird grausame Gestalt annehmen.

Und während Elektra am DT im Nadelstreifen noch wartet, auf einen der die Drecksarbeit macht, wühlt sich Prinz Hamlet am BE höchst selbst durchs blutige Gedärm. Alles muss raus! Raus, raus, raus aus dem verfaulenden Inneren dieser aus den Fugen geraten Welt. Dass er auf diese kam, um sie wieder einzurenken, will dem melancholischen Intellektuellen zunächst nicht recht schmecken. So haben wir es jedenfalls über die Jahrhunderte deutscher Aufführungspraxis gelernt. Ihm fehlt’s an Galle. Doch nun am BE in der Neuinszenierung von Leander Haußmann wühlt sich sein Hamlet tief in die Innereien dieser Welt hinein, vor der ihm eigentlich doch ekelt, um nachzuschauen, was ihm da so stinkt, und mistet bzw. weidet dann den Saustall nach Herzenslust aus. Stellvertretend dafür nimmt er hier die Innereien des frisch geschlachteten, beim Guck und Horch überraschten Polonius. Denn so was kommt von so was. Und renken nach Ränken. Rache ist Blutwurst und nur dem Wurst, der seinen Machiavelli nicht richtig gelesen hat. Vom richtigen Gebrauch der Grausamkeiten ist dem jungen Helden aber weder an der Wiege gesungen noch an der Uni im deutschen Wittenberg gelesen worden.

Doch er lernt schnell. Sein oder nicht sein. Obs edler im Gemüt, Geblüt, oder mehr Inhalt mit weniger Kunstblut zu machen wäre, ist hier die Frage nicht. Und auch des Gedankens Blässe kränkelt Hamlet nicht mehr an. Hirn gibt’s am Stück. Es setzt es Nadelstiche satt. Erst Polonius, dann ein Zuschauer und sogar Hamlets Mutter bekommt ein paar Schläge ab. Später dann noch die verhinderten Flötenspieler Rosenkranz und Güldenstern und so weiter und so fort. Hamlet versucht die Geister in seinem Kopf zu töten. Komödie oder Tragödie wie heißt dies Genre? Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode? Einen Theatertot muss man immer sterben. Und Leander Haußmann stirbt sie alle zugleich. Er tanzt vergnügt auf den Ruinen und Gräbern der Altvordern. Ganz verleugnen kann er sie nicht. „Kommunismus ist die Zeit, wo Shakespeare verstanden wird.“ prophezeite Peter Hacks. Da sei Stalin vor und Heiner Müller. Dem Intellektuellen ekelt vor der Welt, und dieser Ekel „ist ein Privileg / Beschirmt mit Mauer / Stacheldraht Gefängnis“, sagt Müllers Hamlet. Hamlet ist nur ein feister Spießbürger auf Urlaub, ruft da Brecht von der anderen Seite der Schulter. Ein Rückfall in die Barbarei. Kein Humanismus nirgends.

HAMLET am BE - Christopher Nell, Peter Luppa - Foto: Lucie Jansch

HAMLET am BE – Christopher Nell, Peter Luppa
Foto: Lucie Jansch

Doch Haußmann versucht erst gar nicht Shakespeare zu verstehen. Sein Hamlet bleibt Geheimnis, ist Theater satt. Der will nur spielen und lässt dabei die alten Geister aus dem Sack. Sie feiern hier fröhliche Urständ. Man muss ihnen mit der Schaufel an die Kinnbacken schlagen. Von Privilegien sprechen da nur die Totengräber. Und mit ideologischen Totengräbern ist seit jeher schlecht philosophieren. Ihr erdiger Überbau hält bis zum jüngsten Tag. Haußmanns Dänemark ist ein dunkler Knast mit hohen Wänden. Ein sich beständig drehendes Labyrinth, in dem man sich auf dem Weg ins Rampenlicht schon mal verrennen kann. Hamlet tut dies zunächst mit eingezogenem Kopf und hängenden Schultern gegen die Wand. Der kleine Christopher Nell ist dieser Hamlet. Alles überragt ihn um mindestens einen Kopf, falls dieser zu Beginn nicht schon gerollt ist. Ein Leichtgewicht zunächst, läuft er doch mit der Zeit zu wahnhaft großer Form auf. Angestachelt durch einen nackten, bärtigen Vater-Geist (Joachim Nimtz), der ihm das Gebot der Rache anträgt, entledigt er sich schließlich selbst der schwarzen Kluft und läuft im weißen Büßerhemd Amok.

Der Rest des faulen Staates rekrutiert sich aus einem Panoptikum der Theaterchargen. Eine Komparserie der Macht, die Hamlet vereinnahmen will und ihm, als das nicht gelingt, nach dem Leben trachtet. Roman Kaminski und Traute Hoess als Claudius und Gertrude erledigen hier mit viel Verve ihrer Rollen als zweckgebundenes Duo in Royale. Während Traute Hoess das besorgte Muttertier gibt, entwickelt Roman Kaminski regelrecht diabolische Kräfte. Ein Spiel der Muskeln und Masken. Mausefallen überall. Norbert Stöß ist Oberkämmerer Polonius und speichelleckender Buchhalter der Mächtigen. Der reüssiert als talentarmer Kleindarsteller und Schwadroneur moralisierender Benimmfloskeln. Seine Tochter Ophelia erlaubt sich in seiner Anwesenheit schon mal ein Nickerchen. Ganz hinweg zu schnarchen vermag sie das ihr zugedachte Schicksal allerdings nicht. Anna Graenzer gelingt eine berückende Ophelia. In unbeschwerter jugendlicher Schwärmerei, wie in großer Verzweiflung und selbst noch im blumenbekränztem Wahn verleiht sie ihr Würde und fehlende Autonomie.

BE_Leander Haußmann

Leander Hausmann auf der öffentlichen Probe am BE.
Foto: St. B.

Und überhaupt hat man das BE-Ensemble selten so voller Spielfreude erlebt. Wo andere Regisseure die bleierne Schwere der Handlung betonen, kitzelt Leander Haußmann selbst noch in der Tragik die komischen Momente heraus. Sein Hamlet ist ein romantischer Moralist, dem der Sinn für das Gute und Schöne abhandengekommen ist. „So long, my Love, my Killer“ singt das Duo Apples in Space (Julie Mehlum und Haußmannsohn Philipp) in Ophelias Song. Zwischen „The Carneval is over” und „The Death is not the End” begleiten die beiden in engelsgleicher Kostümierung Haußmanns lustvolles Totentänzchen mit viel düsterer Rockmusik von Nick Cave bis Bob Dylan. Und während Hamlet noch seiner persönlichen Rache frönt, ist Fortinbras schon auf dem Weg zur großen Koalition. Nur im Vorübergehen zu besetzen ein Fleckchen Land, „nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagnen nur zu verbergen.“ Die tanzen weiter, im Rücken die Ruinen von Europa. Im Haus von Übervater Brecht fokussiert Haußmann den Hamlet durch das Brennglas der Müllerbrille, bis das intellektuelle Bollwerk einen Sprung bekommt. Was von Heiner Müller einst als Riss zwischen zwei Epochen postuliert wurde, geht heute mitten durch die Gesellschaft. Der Rest ist wie immer Schweigen.

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Elektra, oder Rache als Event – Stefan Pucher lässt am Deutschen Theater die Tragödie des Sophokles singen.

Der Engel der Verzweiflung

Ich bin der Engel der Verzweiflung
Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus,
die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber.
Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei.
Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken.
Meine Hoffnung ist der letzte Atem.
Meine Hoffnung ist die erste Schlacht.
Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt.
Ich bin der sein wird.
Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.

(Heiner Müller, aus: Der Auftrag)

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So ein Engel der Verzweiflung könnte die Elektra der Katharina Marie Schubert am DT sein. Ganz in schwarz und mit fettem Kajal um die Augenhöhlen beklagt sie die Toten und klagt die Lebenden dafür an. Ein schwarzer Racheengel, Erinnye von Apolls Gnaden. Denn ihr Auftrag heißt nun mal einzig Rache zu nehmen. Für den Mord am aus Troja zurückgekehrten Vater Agamemnon soll die mit dem Mörder Aigisthos in Blutschande lebende Mutter Klytaimnestra ebenfalls mit dem Leben büßen. Was Sophokles einst als antikes Drama über Schicksal, Schuld und der Unmöglichkeit, sich anders entscheiden zu können schrieb, reduziert Regisseur Stefan Pucher auf einen reinen Krimiplot mit passenden Videotrailern und Soundtrack. Schuldfrage XY ungeklärt.

Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT_Promobild filmstarts.de

Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT.
Promobild filmstarts.de

Aber Elektra wirkt hier im schwarzen Nadelstreifenanzug als Mann verkleidet, wie eine verhinderte Comic-Heldin. Anstatt selbst wie Black Mamba aus Tarantinos Kill Bill zur Tat zu schreiten, ist sie auf die Rückkehr des Vollstreckers angewiesen. Aus ihr kann keine emanzipierte Emma Peel mehr werden. Für Heiner Müller liegt die Tragik der Elektra dann auch im Warten müssen auf den Bruder, als Werkzeug der Rache. Müller deutet die Elektra als Sinnbild weiblicher Rebellion, als „Metapher für Verweigerung, für Verweigerung von Anpassung“. Darin sind sich die Figuren Hamlet und Elektra ähnlich. Aber während Hamlets anfängliches Zögern vor dem väterlichen Mordauftrag noch intellektueller Natur ist, stützt sich Elektras unbedingter Wille zur Rache auf ein göttliches Gebot, das keinen Aufschub duldet.

Pucher bringt Sophokles Plot komplett, hier in neuer Übersetzung von Peter Krumme. Er interessiert den Regisseur aber einzig als Aufhänger für eine Rock’n’Pop-Show auf großer Revuebühne. Und da scheinbar schon alles über Elektra gesagt ist, lässt Pucher nun singen. Das Drama findet nicht mehr statt, wie Müller sagen würde. Auf den Brettern die die Welt bedeuten reproduziert es sich nun als Allerweltsgeschichte aus dem TV-Vorabendprogramm. Untermalt mit eingängigen Rock- und Popballaden von den Musikern Michael Mühlhaus und Masha Qrella. Elektra schiebt den Blues, und der Chor swingt dazu mit den Hüften. Sie greint und wartet auf den Mann mit der Axt. Susanne Wolff als Mutter Klytaimnestra dominiert im kurzen, schrillen Soloaufritt. Schwester Chrysothemis (Tabea Bettin) fürchtet um ihre soziale Stellung und möchte sich lieber nicht zu Elektra ins Abseits stellen. Während Bruder Orest wie ein abgehalfterter Grungerocker völlig paralysiert vom Rachegebot über die Bühne schlurft. Er und sein Begleiter sind fette, schlaffe, langhaarige Männer im Rock.

Pucher will den ollen schwarz-weißen Kintopp-Streifen des Sophokles rocken und poppt ihn zusätzlich mit bunten Video-Bildern von Chris Kondek in Breitwandästhetik auf. Der von Michael Schweighöfer reißerisch vorgetragene Bericht des alten Dieners über den angeblichen Wagenrennen-Unfall des Orest wird mit Videos von ebenso gefakten Stock-Car-Rennen untermalt. Im Stile eines Bondgirls schwebt eine dunkle weibliche Gestalt auf einer Axt durchs Bild. Nur ist Orest kein James Bond und Aigisthos kein wirklicher Dr. No. Andreas Döhler spielt ihn als gelangweilten Anzugträger, der, sich seiner Macht ganz sicher, eher erstaunt dem jungen Orest zur Abschlachtung ins Haus folgt. Helter Scalter! Aber auch die Nacht der langen Messer bleibt Behauptung. Felix Goesers Orest schlägt im Video mit der Axt auf Pappmacheköpfe ein. Alles nur Show. And The Show Must Go On will uns Stefan Pucher sagen.

Deutsches Theater Berlin - Foto: St. B.

Deutsches Theater Berlin – Foto: St. B.

Drei Akkorde Aschenputtel, zwei Takte Rockpalast, ein Schuss Denver Clan und fertig ist Puchers neuer Atriden-Cocktail namens Elektravue. Eine aufgeblasene Soap Opera zerplatzt auf Sitcom-Niveau. Elektra erscheint dann nach getaner Arbeit ebenfalls im Showkostüm und reiht sich in den Chor der Angepassten ein. Mit dem Massenmörder Charles Manon singt man nun gemeinsam „Your home is where you’re happy / It’s not where you’re not free”. Was wie ein ironischer Abgesang auf die einstige Rebellion und ein selbstbestimmtes Leben klingen soll, ist hier nichts weiter als Just Another Popsong. Wenn man ein Stück als altbacken und überkommen erkannt hat, dann hilft ihm das einfache Überstülpen neuer ironischer Kleider auch nicht weiter. Stefan Pucher entsorgt die wahre Tragödie der Elektra in der Altkleidersammlung und befördert sie damit von der Theater-Wunderkammer direkt ins Kuriositätenkabinett der Regieeinfälle, einem Panoptikum der blutleeren Theatertoten.


Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer. Ich stoße allen Samen aus, den ich empfangen habe. Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift. Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe. Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln. Ich begrabe sie in meiner Scham. Nieder mit dem Glück der Unterwerfung. Es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand der Tod. Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“ Heiner Müller, aus: Hamletmaschine

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HAMLET
PRINZ VON DÄNEMARK
von William Shakespeare, übersetzt von August Wilhelm Schlegel

Mit: Roman Kaminski, Traute Hoess, Christopher Nell, Norbert Stöß, Anna Graenzer, Felix Tittel, Luca Schaub, Peter Miklusz, Georgios Tsivanoglou, Boris Jacoby, Joachim Nimtz, Peter Luppa, Martin Seifert, Marcus Hahn, Rayk Hampel, René Haßfurther, Franz Jarkowski, Ulrike Just, Carsten Kaltner, Marc Lippert, Haiko Neumann, Apples in Space (Philipp Haußmann, Julie Mehlum).

Hamlet_BE-ÖP 20.11.13 (4)Regie: Leander Haußmann
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Komposition: Apples In Space
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Kämpfe: Rainer Werner

Dauer: 3h 30 Min (eine Pause)

Weitere Informationen: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/95

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ELEKTRA
von Sophokles, Deutsch von Peter Krumme

Mit: Katharina Marie Schubert, Susanne Wolff, Anita Vulesica, Tabea Bettin, Felix Goeser, Michael Schweighöfer, Andreas Döhler; Musiker: Masha Qrella, Michael Mühlhaus; im Video: Damian Fink, Karolin Wiegers.
Regie: Stefan Pucher

Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Chris Kondek
Licht: Matthias Vogel
Ton: Matthias Lunow
Dramaturgie: Claus Caesar

Dauer: 1 h 30 Min (keine Pause)

Weitere Informationen: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/elektra/

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Am Rosa-Luxemburg-Platz schmilzt still ein Eisberg. Ibsen ±0 – Von zweierlei Theaterschlaf

Dienstag, September 20th, 2011

Im Pavillon neben der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht ein Eisklumpen aus Grönland. Und während er dort so vor sich hin schmilzt, macht derweil Christoph Marthaler in der Volksbühne das Vergehen von Zeit erlebbar. „±0 Ein subpolares Basislager“ heißt seine neue Produktion, die bereits in Grönland selbst und bei den Wiener Festwochen zu sehen war. Der Mensch scheint gefangen in dieser Basis, der Basis seiner Gedanken und Empfindungen. Und so sind auch wir ganz allgemein gefangen oder befangen in unserer Erwartung dieses Abends. Denken ist immer wie ein „Déja-vu“. Als ein „dilettantisches Unterfangen“ beschreibt es der Literaturwissenschaftler Georg Steiner in seinem Essay „Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe“, einer Beschreibung des menschlichen Scheiterns. Marthaler zitiert daraus und es schwebt wie ein pessimistisches Fatum über dieser Inszenierung. Die Menschheit als Tausendfüssler, der vorwärts strebt ohne an den nächsten Schritt zu denken, um nicht in einer selbstzerstörerischen Blockade ins Stolpern zu geraten. „Ein Gedanke, der einen frösteln lässt.“ wie es Steiner formuliert.
Diese Blockade führt uns Marthaler nun mit diesem Abend über Grönland, schmelzende Gletscher und die Zerstörung der Natur vor. Die Hybris des zivilisierten Menschen, Fortschrittsglauben gegen Tradition, Ignoranz der westlichen Kultur gegenüber den Naturvölkern usw. Es ist auch ein Abend über Vergeblichkeit, die Erkenntnis nichts ausrichten zu können. Man ist in der eigenen antrainierten Gedankenwelt gefangen. Anna Viebrocks Bühnenbild ist so ein Gedankengefängnis, ausgekleidet mit Matratzen, so dass man sich beim vergeblichen Ausbruchsversuch nicht weh tun kann. Und dennoch versucht man es immer wieder, muss es versuchen. Ein Anheben der Stimmen, ein Innehalten, ein Verstummen und wieder Ansetzen zu einem neuen Choral. Es erklingen Beethoven, Mozart, eine Arie aus Puccinis „Madam Butterfly“ im Hundekäfig, Brahms „Deutsches Requiem“ mit „Denn wir haben hie keine bleibende Statt“, Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ und schließlich Procol Harums Song „A wither Shade of Pail“, welcher sich einer eindeutigen Interpretation genauso entzieht wie das Geschehen auf der Bühne.
Eine bisweilen traurig melancholische Langsamkeit, ganz in bewährter Marthaler-Art, nur dass der Meister der theatralen Entschleunigung diesmal noch einen Gang weiter runter geschalten hat. Und trotz all dem fällt dieser Abend nicht in eine totale Froststarre, sondern hebt sich immer wieder aus der Enge des Raums und erwärmt sich an den großartigen Darstellern, die alles mit einer gewissen Leichtigkeit versehen, die über die volle Distanz der gut zwei Stunden trägt. Man singt, tanzt und spielt Eisstockschießen mit Handys. Es werden Sagen über stürzende Schweizer Gletscher und Texte aus Jorge Luis Borges´ „Sandbuch“ vorgetragen, man lauscht dabei einer knarzenden Stimme aus einem Lautsprecher: „Aber, aber … Es muss doch weiter gehen.“ Oft Stillstand und Wiederholung, aber nie sinnloser Leerlauf auf der Bühne. Ein sanftes Hinüberdämmern in die Marthaler´sche Traumwelt breitet sich im Publikum aus, wobei die einen in den Schlaf der gerechten Ignoranz verfallen, während die anderen hineingesogen werden in den Strudel der eigenen Gedanken und Assoziationen. Der Gletscher tropft hörbar und draußen rollt der Donner eines vorbeiziehenden Gewitters. Oder ist es doch nur der starke Beifall der Erwachten?

0.JPG Schmelzendes Eis, Herkunft: Grönland. Pavillon der Volksbühne am Rosa-Luxenburg-Platz – Foto: St.B.

Weitere Vorstellungen vom 14. bis 17. Dezember 2011 sowie vom 28. Februar bis 2. März 2012.

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Ruhig und bedenkenlos weiterschlafen kann man bei Leander Haußmanns „Suspense“-Veruch über Henrik Ibsen mit dessen psychologisierendem Schuld-und-Sühne-Drama „Rosmersholm“. Ibsens 1887 geschriebenes Drama über den ehemaligen Pfarrer Rosmer und seine verhinderte Liebe zur fortschrittlichen aber geheimnisvollen Rebekka West, leitete sein düster symbolbeladenes Spätwerk ein. Rosmer schwankt zwischen Tradition und modernem Gedankengut. Die Gespräche mit Rebekka geben ihm die Gewissheit mit seinem bisherigen Leben zu brechen. Aber durch Intrigen der verfeindeten Gegenspieler im Ort, Enthüllungen um Rebekkas Vergangenheit und die Tatsache, dass Rosmers verstorbene Frau Beate sich nicht in vermuteter geistiger Umnachtung in den Mühlbach gestürzt hat, sondern durch Rebekka bewußt dazu gedrängt wurde, wird die Beziehung wieder zerstört. Rosmer gibt sich schließlich selbst die Schuld dafür und geht mit Rebekka gemeinsam in den Tod. Diese teilweise recht verquaste Story spannend wie einen Krimi zu erzählen, hatte sich Leander Haußmann für seine Rückkehr an die Theaterbühne vorgenommen.
Nachdem Haußmann Anfang der 90er Jahre nicht an der Volksbühnen-Wiedererweckung mit seinem alten Kumpel Frank Castorf teilnehmen durfte, tingelte er durch die Theaterprovinz und ging 1995 für fünf Jahre als Intendant ans Schauspielhaus Bochum. Nebenbei drehte er auch einige Kinofilme, wie den mittlerweile zum Kult gewordenen Ostalgiestreifen „Sonnenallee“ und der Westvariante „Herr Lehmann“ nach dem erfolgreichem Roman von Sven Regener. 2000 kam Haußmann schließlich doch noch an die Berliner Volksbühne und inszenierte dort den DDR-Filmklassiker „Paul und Paula“. Mit dem damals debütierenden Fabian Hinrichs in der Hauptrolle, verbreitete er eine fröhliche Lagerfeuerstimmung inklusive Gitarre und jeder Menge Hippieflair. Hinrichs hat sich seither glücklicherweise zu einem gefragten Bühnen- und Filmschauspieler entwickelt. Haußmann zog weiter ans Berliner Ensemble und wuchtete dort zweimal optisch gewaltig Shakespeare auf die Bühne. Im „Sommernachtstraum“ jagte er die verirrten Athener Pärchen durch einen riesigen Märchenwald und im „Sturm“, mit seinem Vater Edzard Haußmann als Prospero, strandete ein riesiger Schiffsbug auf der Bühne. Große Ausstattungen und popige Bühnenshows waren von jeher Haußmanns Markenzeichen.
Davon ist nun an der Volksbühne nur noch die Ausstattung übrig geblieben. Ein historisierendes Gründerzeitambiente mit Sesseln, Couch und Schrank hat ihm der Filmbühnenbildner Uli Hanisch gebaut. Der Vorhang gibt später den Blick auf eine gewaltige, drehbare Treppenanlage frei. Davor spielt sich das Drama dann auch über drei lange Stunden ab. Der Filmschauspieler Peter Lohmeier, als vom Kinderglauben abgefallener Pfarrer Rosmer, bewegt sich darin als hätte er einen Stock verschluckt. Annika Mauers freidenkende Rebekka West mit Kurzfrisur wurde von Schwiegermutter Doris Haußmann erst in eine rotseidene Robe und später etwas unvorteilhafter in Reformklamotten eingekleidet. So sitzt sie nun die meiste Zeit mit den anderen Beteiligten, wie dem von Ralf Dittrich verkörperten konservativen Eiferer Rektor Kroll, auf der Couch und gibt erst die mitfühlende Naive, bis dann endlich, zäh entrungen, die ganze schlimme Wahrheit über ihre Vergangenheit, Motivation und Triebe ans Tageslicht gezerrt werden.
Die erste Konversationsrunde zu Beginn hätte durchaus auch im für gediegene Langeweile eigentlich zuständigen Berliner Ensemble stattfinden können, bis dann irgendwann Uwe Dag Berlin als philosophierender Pinkelpenner auftaucht und sich seiner Klamotten entledigt. Ist Rosmers alter Hauslehrer Ulrik Brendel bei Ibsen noch eine tragisch gescheiterte Randfigur, ähnlich einem Dr. Rank in „Nora“, wird er hier zum Running Gag, indem er zum Schluss, nun sichtlich derangiert, noch mal auftaucht, um seinen Trolligen Hampel-Sketch zuende zu spielen. Komplettiert wird der Schrundkrimi noch vom Volksbühnenmimen Axel Wandke, als schmierigem Zeitungsverleger Mortensgárd, der einen Kurzauftritt mit Keksen und Piepsstimme hat und Margit Carstensen als Haushälterin Helseth, die wie ein Gespenst durch die Kulissen geistert und dadurch wenigstens etwas für geheimnisumwitterte Spannung sorgt. Eine große Überraschung ist die Auflösung der Story dann aber zum Schluss nicht mehr. Wie ein Vogel auf dünnen Draht, wie ein Betrunkener in mitternächtlichem Chor stürzt Haußmanns müde Dramaturgie langsam ab. Leonard Cohen säuselt aus den Lautsprechern und Dr. Kroll greift zum Akkordeon und singt Tom Waits. Das unheilvolle Paar steigt schließlich zum Schluss die Stufen zum Steg über den Mühlbach hinauf, dann sind wir endlich frei.
Leander Haußmann hat die gesamte bürgerliche Ibsenrezeption von Strindberg, Hofmannsthal, über die Psychoanalyse der Rebekka von Freud, bis zum schimpfenden Nietzsche aufgesogen und das Ganze, mit einigen Anleihen beim Krimi, vermischt als lahme Satire, angereichert mit etwas Trash, auf die Bühne gespuckt. Ein Hitchkok oder Chandler wird es trotzdem nicht, fesselnder Suspense sieht anders aus. Hier gerät es zu einer nicht enden wollende Folter. Die stocksteife Teeparty wird zum spannungslosen Ibsen-Exorzismus und Annika Mauer windet sich dazu filmreif auf der Couch. Auf die Couch möchte man nun ebenfalls sinken, hat aber über die gesamten drei Stunden nur den, trotz neuem Bezug, noch immer sehr unbequemen Volksbühnentheatersessel. Es staubt zusehends bei all der Lümmelei und Dümmelei auf der Bühne. Nur Kekse und Tee? Nee!
Familienprojekte an der Volksbühne stehen, nach dem ebenfalls missglückten Versuch von Clemens Schönborn Dumas „Kameliendame“ mit Verdis Oper „La Traviata“ zu vermischen, unter einem schlechten Stern. Selbst Sophie Rois und Zazie de Paris konnten die lahme Produktion um Suppenwürfel und Brie nicht retten. Die Frage ist, was Frank Castorf mit dieser aus der Not geborenen Idee von vor einem Jahr erreichen wollte. Leander Haußmann hat sich damit sicher keinen großen Gefallen getan und sollte zukünftig besser beim Kino bleiben. Sein nächster Film „Hotel Lux“ wurde übrigens auch schon als sehr verstörendes Tanztheater von Johann Kresnik an der Volksbühne aufgeführt. Bleibt zu konstatieren, dass es schon wesentlich bedeutendere Ibsen-Interpretationen an diesem Hause gab. Von Castorf selbst und von einem ehemaligen Apologeten des großen Meisters. Dieser hat gerade in Leipzig die Flinte ins Korn geworfen und dürfte nun sicher bald in Berlin aufschlagen, um am Portal und dem Theaterschlaf der Volksbühne zu rütteln. Unvergessen zumindest ist Sophie Rois als Helene Alving mit Turmfrisur in Sebastian Hartmanns Gespenster-Inszenierung. Dagegen war Leander Haußmanns Veralberungsversuch von Ibsens „Rosmersholm“ ein Nullsummenspiel. Der Eisberg im Pavillon ist abgeschmolzen, nichts ist davon übrig geblieben und ±0 geht dann auch die erste Runde in der neuen Volksbühnenspielzeit aus.

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