Archive for the ‘Lessing’ Category

Lessing, bitte!? – Andreas Kriegenburg inszeniert den NATHAN am Deutschen Theater Berlin als Toleranz-Comic mit Matsch und Lattenzaun.

Donnerstag, September 3rd, 2015

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Der Mensch hat im Lauf der Weltgeschichte nach unzähligen Kriegen, Revolutionen, der Aufklärung, fortschreitender Säkularisierung und Kommerzialisierung seinen Glauben verloren. Spätestens seit Nietzsche ist Gott tot und der Himmel leer. So nennt sich dann auch das neue Spielzeitmotto am Deutschen Theater „Der leere Himmel“. Was an die Stelle Gottes getreten ist, werden nun die von der Berliner Traditionsbühne des guten Bildungsbürgertums beauftragten Theaterschaffenden eine Spielzeit lang in über 20 neuen Inszenierungen untersuchen. Stück der Stunde dürfte dabei zweifellos das von Gotthold Ephraim Lessing 1779 geschriebene Dramatische Gedicht Nathan der Weise sein, das immer dann auf den Spielplänen steht, wenn Vernunft, Toleranz und Humanismus in einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft in Gefahr geraten. Der Streit um die richtige Religion vermischt sich auch heute angesichts von Terror, Flucht und Verfolgung wieder mit jeder Menge Populismus, nationalistischen Ressentiments und blankem Fremdenhass.

 

Der Himmel ist leer in der neuen Spielzeit am DT - Foto: St. B.

Der Himmel ist leer in der neuen Spielzeit am DT – Foto: St. B.

 

Lessings verbarg seine Religionskritik im Gewand eines utopisch anmutenden Lehrstücks über Toleranz. Der Jude Nathan, dessen Familie in der Zeit der Jerusalemer Kreuzzüge von Christen ermordet wurde, zieht ein christliches Mädchen auf, das wiederum bei einem Brand von einem deutschen Tempelherrn gerettet wird. Dieser war vom Sultan Saladin wegen einer Ähnlichkeit zu dessen verschollenem Bruder begnadigt worden. Nach einigen Irrungen und Wirrungen liegen sich am Ende alle mehr oder weniger miteinander verwandt in den Armen. Herzstück von Lessings Nathan ist die Ringparabel, deren Interpretation zum heiligen Bildungskanon des deutschen Literaturunterrichts gehört. Nur kurz zum allbekannten Fazit: So wie sich ein Ring dem anderen gleicht, lässt sich auch keine der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam der anderen vorziehen. „Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!“ – was im Grunde genommen den Kern von jedweder Toleranz ausmacht.

„Der eingeforderte interkulturelle Dialog zwischen Christentum, Islam und Judentum, basierend auf Vernunft und Humanität, lässt sich heute im Kontext fortschreitender fundamentalistischer Konflikte wie bereits zu Lessings Zeiten, nur wie ein Märchen lesen. Ein Märchen, das dem Strukturprinzip der Komödie folgt.“ So gelesen im Programmheft des Stücks. Regisseur Andreas Kriegenburg will also die Komödie aus dem Nathan kitzeln, und (wie es im Programmheft weiter heißt) „als archaischen Comic“ aufführen, „an dessen Anfang der aus Erde erschaffene Mensch steht.“ Das lässt sich dann so an, dass zu Beginn des Stücks ein von oben bis unten mit Schlamm beschmiertes Adam-und-Eva-Paar in inniger Umarmung liegt, bis es von vier weiteren „Erdmännchen“ getrennt wird. Es beginnt ein zirzensisches Merry-Go-Round-Spiel im Stummfilm-Watschelgang vom unschuldigen Erdenanfang bis in die Konsumgesellschaft mit Marken-Boutiquen-Tüten um einen großen Latten-Kubus, der wohl die einzig gültige Wahrheit zu bergen scheint. Am Ende des kleinen Vorspiels starren dann alle gen Bühnenhimmel und rufen vergeblich nach ihrem Gott. Nur – siehe Motto – der Himmel ist leer.

So weit, so gut und schlüssig. Nur: „Lessing, bitte!“ Gesagt, getan. Zur Brecht‘schen Verfremdung gesellen sich nun noch einige Kleider sowie religiöse Symbole wie Schläfenlocken und Hut, und schon ist Jud. „Is Jud jetzt“ kalauert sich also das Erdmännchen-Sextett in seine Rollenzuschreibungen, die bis auf den Nathan von Jörg Pose auch immer mal gewechselt werden. Distanz, ja. Zweifel, na ja. Schon Nicolas Stemann hat in seiner Nathan-Inszenierung, die vor ein paar Jahren hier als Gastspiel des Hamburger Thalia Theaters lief, ironisch mit Rollenklischees und religiösen Symbolen gespielt, sich den Nathan aber weitestgehend vom Hals gehalten und immer wieder den auf religiösen Terror, Märtyrertum, Pappmaschee-Köpfe der Weltpolitik und den österreichischen Fritzl-Keller eingehenden Text Abraumhalde von Elfriede Jelinek eingeflochten. Kriegenburg belässt es bei ein paar modernisierenden Wortspielereien und Andeutungen wie brennenden Flüchtlingsheimen oder einer Front nationaler Europäer.

Nathan der Weise_DT-SchaukastenWenn der junge Tempelherr (Elias Arens) sein Kreuz beklagt, trägt man ihm sogleich ein selbiges aus Latten an, inklusive Inri-Schild. Nathans Tochter Recha (Nina Gummich) himmelt ihren engelsgleichen Retter wie ein verliebter Teenager an. Das Schachspiel des Sultans Saladin (Bernd Moss) – auch mal Satan Sultanin genannt – mit seiner Schwester Sittha (Julia Nachtmann) wird wie in einer Al Jazeera Sportreportage kommentiert. Und wenn der Patriarch von Jerusalem sein „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“ von sich gibt, sitzt Natalie Selig im übergroßen Fettsuite auf dem Klo und wühlt in braunen Exkrementen. Grüß Gott, Schalom und Salem aleikum. Das Jerusalem der Kreuzzüge als lustiges „Grußbabel“ mit einer Lattenzaun-Klagemauer, die sich aus dem aufgefächerten Kubus bilden lässt, der auf der Rückseite das Haus des Nathan darstellt. In einer einzigen ernsten und wohl auch ernst gemeinten Szene hat der als guter Märchenonkel vom Kubus herunter dann seinen Ringparabel-Auftritt.

Ansonsten witzelt und kalauert die Inszenierung weiter vor sich hin und bringt in gut 2 ¾ Stunden fast den gesamten Nathan, ohne dass sie wirklich an den Kern des Lessing-Stoffs käme. Das will die Regie wohl auch gar nicht und gibt sich mit der Zurschaustellung von oberflächlicher Symbolik und Klamauk zufrieden. Der Text scheint für Andreas Kriegenburg nur Anlass für Wortwitze, comicartige Bilder und ulkige Figurenzeichnungen geboten zu haben. Eine Hinterfragung des Stücks oder möglicherweise sogar seine kritische zeithistorische Einordnung als Schablone für unsere Gegenwart findet nicht statt. Toleranz als gute Abendunterhaltung. Das ist soweit ganz lustig, tut aber auch mit Sicherheit niemandem weh.

Schon Lessing selbst hielt seinen allzu märchenhaften Plot auf dem Theater für wenig wirksam. Bei Kriegenburg erfolgt nun der Versuch einer Überrumpelung des Publikums mit Spaß und Comedy. Ein ironisch spitzbübisches Wachkitzeln sozusagen, was per se ja nicht total falsch ist, da ein erhobener Zeigefinger in Sachen Aufklärung nur einmal mehr in die Totalermüdung und Schlafstarre führen würde. Davor ist allerdings auch Kriegenburgs andauernde Attacke auf die Lachmuskeln der Zuschauer nicht ganz gefeit. Der treffsichere Humor hält sich auf Dauer in Grenzen und der Erkenntnisgewinn bleibt trotz hinreißendem Schauspiel des sechsköpfigen Ensembles wie immer recht gering. Zum Schluss gibt es auch hier wie in Lessings Original ein wie von Gotteshand gefügtes, wundersames Happy End. Die Kiste zu und alle Fragen offen. Anschließend fordern die Schauspieler in einer wohl von Herbert Fritsch entlehnten Applausordnung mit hochgehaltenem Schild nach Free Hugs. Sie ihnen zu gewähren, wäre wohl eine Spielart von Toleranz.

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Nathan der Weise
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Andreas Kriegenburg
Bühne: Harald Thor
Kostüme: Andrea Schraad, Cornelia Gloth
Licht: Cornelia Gloth
Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Bernd Moss, Julia Nachtmann, Natali Seelig, Elias Arens, Nina Gummich, Jörg Pose.
Premiere am Deutsches Theater Berlin: 30.08.2015
Dauer: ca. 2 Stunden, 50 Minuten, eine Pause
Weitere Termine: 7., 11., 18. + 21. 9. 2015

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 01.09.2015 auf Kultur-Extra.

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Was hat uns Emilia Galotti heute zu sagen? Lessings bürgerliches Trauerspiel in einer Inszenierung des neuen Intendanten Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig

Dienstag, Oktober 15th, 2013

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Das bürgerliche Mädchen Emilia Galotti liebt den jungen Grafen Appiani und kann diesen auch noch aus freien Stücken ehelichen. Zumindest darf man das annehmen, gegenteiliges wird in Lessings Trauerspiel nicht angedeutet. Und dennoch will sie durch die Hand des Vaters sterben, um frei zu sein, da es für sie aus den Fängen eines liebestollen, besitzergreifenden Prinzen kein Entrinnen zu geben scheint. Ist das noch zeitgemäß? Würde, wie etwa in Schillers Kabale, dem einen oder anderen Teil des Brautpaares die Verbindung elterlicherseits vorgeschrieben, es sich also um eine Zwangsheirat handeln, man könnte Bände mit der Beantwortung der Frage füllen, was uns diese Emilia Galotti heute noch zu sagen hat.

 

Das Schauspiel Leipzig mit neuer Intendanz - Foto: St. B.

Das Schauspiel Leipzig mit neuer Intendanz – Foto: St. B.

 

Bei Lessing sagt sie zum Beispiel folgende Sätze: „Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.“ Und tatsächlich gerät diese junge Frau ungewollt in einen bedrohlichen Sog aus Verführung und höherer Gewalt, dem sie sich nicht mehr selbst zu entziehen weiß. Weiter heißt es aber auch: „Ich habe Blut, mein Vater, so jugendliches, so warmes Blut als eine. Auch meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut.“ Worte, die heute immer noch erschüttern, erkennt sich doch hier eine junge Frau als verführbares und selbst verführendes Wesen, was den damaligen Moralvorstellungen sehr zuwiderläuft. Gleichzeitig kann sie sich aber noch nicht als selbstbestimmt Handelnde verstehen. Kant lässt grüßen, und neben dem Konflikt Bürgertum versus Adel, ist das hier der entscheidende Punkt.

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Um die Frage der selbstbestimmten Liebe geht es dem neuen Intendanten des Schauspiels Leipzig  Enrico Lübbe aber in erster Linie nicht. Es geht um Menschen, die in schwierigen Stresssituationen die falschen Entscheidungen treffen. So erklärt vom neuen Leipziger Chefdramaturgen Torsten Buß, bei einer Stückeinführung anlässlich der zweiten Vorstellung am vergangenen Samstagabend. Und das ist dann natürlich schon sehr gegenwärtig gedacht. Nur von übermäßigem Stress kann dann auf der Bühne kaum die Rede sein, sieht man mal davon ab, dass Lübbe seine Inszenierung in ca. 80 Minuten abhandelt, dabei ständig gezappelt bzw. getänzelt werden muss und dem sonst steifen Marinelli (Michael Pempelforth) irgendwann der Atem über den Verheerungen seiner Intrigen ausgeht. Er reißt sich das Hemd auf und ringt würgend nach Luft.

 

Emilia Galotti am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Emilia Galotti am Schauspiel Leipzig – Foto © Rolf Arnold

 

Und das ist schon das einzig Bemerkenswerte, wie sich dieses Netz aus Intrigen schließlich selbst um seinen eigenen Initiator windet. Schuld an seiner plötzlich auftretenden Atemnot ist die Tatsache, dass ihm hier eine andere Dame über ist. Gräfin Orsina (Bettina Schmidt) ist der Lichtblick der Leipziger Inszenierung. Im blauen Kleid der Hoffnung betritt sie die Bühne, sorgt als einzig Sehende für Aufklärung und bringt dann doch das Corpus Delicti ins böse Spiel. Und hätte es Dramaturg Buß nicht selbst vorher explizit erwähnt, man hätte es eigentlich nur in dieser einen Person wirklich erkennen können. Die Ambivalenz zwischen der enttäuschten Liebe einer betrogenen Verlassenen und dem letzten Aufbäumen einer nach Rache Verlangenden.

Alle anderen Figuren bleiben dagegen entweder völlig blass oder sind bis zur vollen Kenntlichkeit gezeichnet. Vater Galotti (Denis Petkovic) ist zunächst noch mit Worten oben auf, bevor ihm Tochter und Haltung abhandenkommen. Und auch die erst sorglose Mutter (Henriette Cejpek) wird irgendwann verzweifelt ihre Unschuld beteuernd in die Knie gehen. Die Vernachlässigung des Kindeswohls kann man beiden hier aber einzig aus ihrer mangelnden Präsenz auf der Bühne vorwerfen. Graf Appiani (Jonas Fürstenau) ist ganz der Musterschwiegersohn und erlaubt sich nur ein kurzes Nachdenken, als er durch Marinelli vom Ansinnen des Prinzen hört, ihn zum Gesandten zu berufen. Warum Appiani dem nach erfolgter Duellandrohung feige zurückrudernden Marinelli einen leidenschaftlichen Kuss geben muss, bleibt willkürlicher Regieeinfall. Der verführerische Kuss der Macht? Als Marinelli in der Umklammerung des Grafen diesen schließlich erwidern will, wird er nur rüde von Appiani zu Boden gestoßen. Das sich hier zwei in tief empfundener Abscheu gegenüberstehen, bedarf kaum einer näheren Bebilderung.

Der Prinz von Guastalla (Ulrich Brandhoff) wirkt wie ein verzogenes Herrensöhnchen, das es gewohnt ist, unter allen Umständen seine Willen zu bekommen. Barfuß und in legerer Kleidung gibt sich dieser entscheidungsschwache Narziss seine Launen und den falschen Versprechungen Marinellis nur zu gerne hin. Ein Todesurteil tut er mit einem kurzen „Recht gern. – Nur her! geschwind.“ ab. Ein kleines Verbrechen ist für ihn nichts, die größeren überlässt er Marinelli, damit indirekt auch den Mord am Grafen Appiani billigend. Des Prinzen Verführungskunst besteht im Scharwenzeln und Grimassieren. Anna Keil als Emilia im zarten Blütenkleidchen (Kostüme: Michaela Barth) kann dagegen kaum ein Wässerchen trüben. Sie ist als eigentliche Hauptperson die große Fehlstelle einer Inszenierung, die glauben machen will, dass es sich hier um eine in ihren Gefühlen Schwankende handele, die wie um das zu bekräftigen, sehnsüchtig ihr Arme hinter sich streckt und, wie über sich erschreckend, schnell wieder zurückzieht.

Lübbes Inszenierung ist schnell und routiniert hingetuscht. Einen prägenden Stempel vermag er ihr damit jedoch nicht aufzudrücken. 80 Minuten perfekt designtes Theater können auch sehr lang werden. Die Bühne von Hugo Gretler füllt ein anthrazitfarbenes und viel Platz zum Haschen und für Schattenspiele bietendes, eckiges Säulengebilde, das sich fast unaufhörlich dreht. Dazu klingt ungewohnt Klassisches aus der Feder des sonst wummernden Gitarrenspezialisten Bert Wrede. Irgendwann fragt man sich nur noch: „Who kills Bambi?“ Und so blickt hier Emilien auch ziemlich rehäugig ihrem Schicksal entgegen. Allein, zu berühren vermag das nicht. Als einzige freie Tat nimmt sie dem Vater die Waffe aus der Hand und flüchtet sich gefolgt vom Prinzen ins Halbdunkel der hohen Säulen. Odoardo Galotti ist hier entschuldet. In einer angedeuteten Vergewaltigung Emilias durch den Prinzen löst sich im Halbdunkel der Bühne schließlich der erlösende Schuss.

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Emilia Galotti (12.10.2013)
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Michaela Barth
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Torsten Buß, Christin Ihle
Mit:
Ulrich Brandhoff,  Henriette Cejpek, Jonas Fürstenau, Anna Keil, Maximilian Pekrul, Michael Pempelforth, Denis Petković, Bettina Schmidt und Jonas Steglich

Premiere im Schauspiel Leipzig war am 05.10.2015

Weitere Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/index.php?id=4131

Zuerst erschienen am 14.10.2013 auf Kultura-Extra.

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Das Haus brennt – – Nicolas Stemann entsorgt Lessings Nathan auf Elfriede Jelineks „„Abraumhalde“

Freitag, Oktober 29th, 2010

„Nathan der Weise“ vom Thalia Theater Hamburg als Gastspiel am DT in Berlin

Am Anfang eine leere Bühne im Deutschen Theater. Ein großer Lautsprecher senkt sich vom Schnürboden. Durch ihn hört man den Text von Lessings Nathan. Nachdem sich ein Gazevorhang im Hintergrund hebt, sieht man die Schauspieler in Sprecherboxen wie in einem Tonstudio. Das gibt eine sehr intime Stimmung, man kann sich ohne Bild zwangsläufig nur auf das gesprochene Wort konzentrieren. Das hat etwas klaustrophobisch Bedrohliches, was durchaus zur Situation in Lessing Stück passt. Der alte Text, wie wir ihn kennen, wird konserviert, als würde man ihn auf Band einsprechen. Nathan (Sebastian Rudolph) und Daja (Patrycia Ziolkowska) unterhalten sich über den Brand und die wundersame Errettung der Ziehtochter Recha durch den Tempelherren. Nach und nach bewegen sich die Darsteller, alle in Alltagskleidung, auch auf die Bühne, Rollenzuschreibungen werden erkennbar, ihre Mikrofone und Textpulte nehmen sie aber mit. Nathan ist zuerst sicher und gefestigt, wenn er den Tempelherren (Philipp Hochmair), den seine Recha (Maja Schöne) für einen Engel hält, zu sich einladen will, wird aber sichtlich unruhiger, wenn er zum Sultan Saladin (Felix Knopp) gerufen wird, weiß er doch, das da für ihn nicht viel Gutes kommen kann. Bis hierhin lässt Regisseur Nicolas Stemann alles getreu nach Lessing spielen, trotzdem wirkt es gestellt und künstlich.

Stemann traut dem Text Lessings nicht, Rudolf druckst auch mehr die Ringparabel heraus. Unsicher blickt er sich immer wieder um. Dann kommt aus dem Bühnenhintergrund ein alter Nathan (Christoph Bantzer) im Kaftan und fängt an, ihn immer wieder mit dem Text von Elfriede Jelineks Sekundärdrama Abraumhalde zu unterbrechen. Er wird dabei von zwei weiteren Figuren in historischen Kostümen unterstützt, der christlichen Daja (Barbara Nüsse) und der Recha (Birte Schnöink), die eigentlich die Tochter des Bruders von Sultan Saladin ist. Die drei Religionen teilen sich den Text von Elfriede Jelinek. Stemann wollte der alten aufklärerischen Versöhnungsgeschichte dadurch den Hass zurückgeben, der ihm fehlte, um überhaut versöhnen zu können.

Jelineks wie immer monologisierender Endlostext handelt vom brennenden Haus, immer wieder knistert es bedeutungsvoll, von religiösem Wahn, Märtyrern, den 72 Jungfrauen, der Verdrängung einer Wahrheit die niemandem gehört, die keiner einstreifen kann wie Geld und von Kellern, dem Fall des Hauses Fritzl. Das Unterirdische der Seele des Menschen gegen eine Parabel über die Gleichheit aller Religionen. Elfriede Jelinek führt die aufklärerische Moral Lessings mit Beispielen aus der heutigen Zeit ad absurdum. Eine Versöhnung schein so in weite Ferne gerückt.

Jetzt wird es zunehmend bunter auf der Bühne. Die Symbole der Religionen schweben von der Decke und werden von den Schauspielern in Posen vor sich hergetragen. Der Tempelritter als Selbstmordattentäter, das ist schon eine witzige Idee, zieht aber auch den Nathan Lessings konsequent ins Lächerliche. Was einst als Religionskrieg begann, hat sich längst verselbstständigt und eine eigene ganz andere Dynamik bekommen. Die Schauspieler stülpen sich große Köpfe aus Pappmaché über, Papst Benedikt, Osama Bin Laden und Alan Greenspan als Geldjude, Goldbarren werden demonstrativ aufeinander geschlagen. Stemann hält sich hier sehr genau an die Regieanweisungen von Elfriede Jelinek. Ein bisschen zu viel Symbolik, die da von der Decke hängt und über die Bühne tobt. Der Inszenierung fehlt irgendwie der klare Standpunkt, außer dass religiöser Wahn und Vorurteile tödlich sein können. Das andererseits nimmt dem Stück auch den überstrapazierten Anspruch von Allgemeingültigkeit. Es hat ausgedient als Versöhnungsarie. Trotzdem bleibt Lessings Text immer noch deutlich und fassbar.

Zum Schluss fängt sich die Inszenierung wieder, die Verbrüder- und Verschwesterung findet in den Tonboxen statt, auf der Bühne liegt der historische Nathan umgeben von Recha und Daja. Er hat ausgedient als Versöhner, wird nicht mehr gebraucht. Das ist ja auch bei Lessing so, wenn er zum Schluss ganz abseits steht. Er hat da seine Schuldigkeit getan. Jelinek hat ihn als Sinnbild der noch nicht erreichten Versöhnung entheiligt und auf Halde gelegt, aber nicht für immer, sondern als heimatlose oder verschüttete Utopie die wieder aufkeimen kann.