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Na Pfiat di! Erst Loriot und nun auch noch die Biermösl Blosn – Ein Abgesang auf den Deutschen Humor

Freitag, August 26th, 2011

„Den fünf Genres Horror, Porno, Melodram, Spannung und Komik entsprechen fünf Körperausscheidungen: Erbrochenes, Sperma, Tränen, Schweiß und Urin. Und jedes Genre will eine dieser Ausscheidungen herbeiführen: Das Melodram will Tränen, der Porno Sperma, der Horror das Erbrechen, die Spannung den Schweißausbruch. Die Komik will zweierlei: Entweder soll sich der Mensch vor Lachen bepissen oder Tränen lachen. Das ist der Unterschied zur Hochkunst: Alle fünf Genres wollen den Konsumenten eindeutig außer Gefecht setzen.“ Robert Gernhardt – Interview im Spiegel, 2006; Quelle: Wikiquote

Alle diese fünf Genres beherrschte Vicco von Bülow alias Loriot in perfekter Vollendung. Nur das mit den Ausscheidungen hat er nicht genau so im Detail hinbekommen, wie es der auch schon im Komikerhimmel weilende Autor Robert Gernhardt beschrieben hat. Vor Lachen außer Gefecht gesetzt hat er aber den deutschen Michel auch ohne dem und der Porno bezog sich mehr auf das explizite Entblößen der verklemmten deutschen Seele in all ihrer Peinlichkeit. Nackt war man bei Loriot nur in der vermeintlich eigenen Badewanne. Geliebt hat er ihn trotzdem, seinen knollennasigen Deutschen, der von einem Fettnäpfchen ins nächste patschte oder die guten Tischsitten vergessend und jede Contenance verlierend aus dem schiefen Rahmen fiel.
Ob Vicco von Bülow das Bayernland, wo er seit den 60er Jahren lebte, je so geliebt hat, wie die drei Well-Buam aus Günzlhofen, einem Dorf zwischen München und Augsburg, ist nicht bekannt. Wohl gefühlt hat er sich in der Ruhe des Starnberger Sees aber mit Sicherheit. Der Meister des preußisch korrekten Humors ist noch nicht unter der Erde, man streitet sich noch zwischen Brandenburg an der Havel und Münsing am Starnberger See um die sterblichen Überreste, da kommt schon die nächste Hiobsbotschaft aus jenem Bayernland. Wie die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 26.08. bekannt gibt, wollen die Brüder Well, besser bekannt unter ihrem Bandnamen die Biermösl Blosn, nicht mehr zusammen auftreten. Ja, wo samma denn? Sans narrisch worn? Die letzten aufrechten Bayern ziehen sich aufs Altenteil ins Biermoos zurück? Das kann es doch nicht sein, oder?

loriot_herren_im_bad.jpg  biermosl-blosn.jpg

Loriot hat es sogar bis auf eine Briefmarke geschafft. Das steht den Biermösl Blosn noch bevor. Fotos: Wikipedia und Band-Website

Die Biermoos-Blase scheint also tatsächlich geplatzt. Das wird mit Sicherheit allein in der CSU-Zentrale und Staatskanzlei in München für großes Aufatmen gesorgt haben, ansonsten wehen die Rautenfähnchen wohl allerorts eher auf Halbmast. Seit 35 Jahren sitzen die drei der schwarzen Übermacht als schlechtes Gewissen im Nacken und treiben dabei munter ihren Schabernack mit so manchem volkstümelnden Lederhosen- bzw. Anzugträger. Ganz subversiv unterlaufen sie dabei ein ums andere Mal das allgemeine Mia-san-Mia-Gefühl der Bayern. Für den Volksmusik-Wahnsinn a la Marianne und Michael sind sie bei aller Gaudi aber nicht zu haben.

Hollaradiri, hollaradiho, das ist die Jodelhorrormonstershow!
10000 Zombis klatschn, a Bloskapoin marschiert,
mei Opa und mei Oma san total hypnotisiert,
die Schrankwand fangt zum Schunkeln o, es is ein Höllengraus!
Vom Fernseher do kriacht jetz da Musikantenstadl raus.

Sie brachten die Hamburger Hafenstraße, den Vatikan und die CSU in einem Song unter und reimten sich dabei multikulturell, multifinanziell und multikriminell zusammen. Oder sie legten sich via Briefverkehr mit einer großen Brauerei an, weil für sie deren Bier nur mit Aspirin zusammengehört. Trotzdem haben es die Biermösl Blosn mit ihrem Lied „Gott mit Dir, du Land der BayWa“ immerhin kurzzeitig in die bayrischen Schulbücher hinein, aber auch gleich wieder hinaus geschafft. Das beschäftigte sogar den Bayrischen Landtag. Was haben also diese drei Spottskanonen mit dem allseits geliebten Loriot gemein. Nun, es ist der angeborene Hang zur Anarchie, der sich bei den Biermösl Blosn immer derb und direkt, aber auch voller Hintersinn Bahn bricht, während er bei Loriot eher schüchtern durch die Hintertür hereinschaut, bis er wie aus heiterem Himmel von den Figuren Besitz ergreift.
Subversives Lachen steckt an und verbindet, nur das diese Kunst jetzt immer mehr von Stadienfüllern beansprucht wird. Auf den bayrischen Bierbänken und deutschen Sofas wird es nicht gerade leerer aber wieder etwas biederer werden. Es bleibt zu hoffen, dass der gesamtdeutsche Humorist Loriot, der er immer war, seine wohl verdiente Ruhe findet und sein Andenken nicht zur Touristenattraktion verkommt, indem er künftig neben Fritze Bollmann über die Havel oder als Trachtenonkel über den Starnberger See schippern muss. Die Biermösl Blosn werden ihrem Ruhm in Bayern auch nicht mehr entkommen, aber sie können zumindest noch Neues schaffen. Hans Well will Solo weiter machen und der Rest der Well-Familie plant einen Liederabend mit Franz Wittenbrink an den Münchner Kammerspielen. Bis dahin halten wir es einfach mit dem weiblichen Teil der Familie, den Wellküren und sagen: „Jetz schau ma mal, na seng’ ma’s scho.“
Aber was soll nun nach Loriot noch kommen? Damit sind wir wieder beim Eingangszitat von Robert Gernhardt, siehe Genre eins bis vier. Sagen Sie jetzt bitte nichts. Oder vielleicht eines noch: Adieu, Loriot! Tschüß, Bayernland! Vergäll`s, Deutscher Humor! Oder, um mit dem Dichter Lothar Frohwein zu sprechen:

Krawehl, krawehl!
Taubtrüber Ginst am Musenhain
trübtauber Hain am Musenginst
Krawehl, krawehl!

Besser wird’s nicht mehr.

Loriot-Website loriot.jpg

Für alle unverbesserlichen Freunde der weißen Weihnacht, hier noch mal das Adventsgedicht, vom Meister persönlich gelesen. Und übrigens, es ist nie zu spät für mehr Lametta.

Die Biermösl Blosn sind bis Ende des Jahres weiter auf Tour. In Berlin treten sie vom  vom 08.11. bis 10.11. zusammen mit Gerhard Polt im Berliner Ensemble auf, am 11.11. im Centraltheater Leipzig.

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Was ist Kunst
von Robert Gernhardt

Hab’n Sie was mit Kunst am Hut?
Gut.
Denn ich möchte Ihnen allen
etwas auf den Wecker fallen.
Kunst ist was?
Das:
Kunst, das meint vor allen Dingen
andren Menschen Freude bringen
und aus vollen Schöpferhänden
Spaß bereiten, Frohsinn spenden,
denn die Kunst ist eins und zwar
heiter. Und sonst gar nichts. Klar?
Ob das klar ist? Sie ist heiter!
Heiter und sonst gar nichts weiter!
Heiter ist sie! Wird es bald?
Heiter! Hab’n Sie das geschnallt?
Ja? Dann folgt das Resümee;
bitte sehr:
Obenstehendes ist zwar
alles Lüge, gar nicht wahr,
und ich meinte es auch bloß
irgendwie als Denkanstoß –
aber wenn es jemand glaubt:
ist erlaubt.
Mag ja sein, daß wer das mag.
Guten Tag.

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