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WIR SIND 70! – Das Fest zum Theater-Jubiläum an der Neuen Bühne Senftenberg

Samstag, Oktober 8th, 2016

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wir-sind-70_logoSeit 1946 gibt es nun schon das Theater in Senftenberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg durch sowjetischen Kommandantenbefehl erst in einer alten Schulturnhalle eingerichtet, dann in einen eigenen Neubau umgezogen. Vom Theater der Bergarbeiter zur Neuen Bühne Senftenberg. Diese 70-järige Geschichte von Hoch und Tiefs, von Kunst für die Region will gefeiert werden. Die Neue Bühne Senftenberg tut das sieben Wochen lang mit dem Theaterfest WIR SIND 70! Und wie in jedem Jahr besteht dieses Spektakel aus einem Hauptstück für alle, einem Stück eigener Wahl aus einem Angebot von drei weiteren Inszenierungen sowie einem abschließenden Musikteil, der in diesem Jahr ein zünftiger Jubiläumsball ist. Also wie immer Theater ganz im Dienste des Publikums. „Denn schwer ist die Kunst, vergänglich ist ihr Preis“ und muss der Mime, (wie es Intendant Manuel Soubeyrand im Grußwort der Neuen Bühne mit Schiller sagt, „seiner Mitwelt mächtig sich versichern, / Und im Gefühl der Würdigsten und Besten / Ein lebend Denkmal sich erbaun.“

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Um einen Befehl geht es auch im ersten Stück bzw. um einen, der nicht kommt, was letztendlich durch Eigenentscheidung ein Grenzregime und ein ganzes politisches System ins Wanken und schließlich zum Einsturz bringen lässt. Nach dem Drehbuch zum Film Bornholmer Straße von Rainer und Heide Schwochow haben Rainer Schwochow und der Autor, Regisseur und Schauspieler Jörg Steinberg eine Bühnenfassung für das Neue Theater Senftenberg geschrieben. Ein betongrauer Wachturm steht auf der Bühne, daneben ein rot-weißer Schlagbaum. Zur Einführung bekommt das Publikum einen Polylux-Vortrag zur DDR-Grenzsicherung inklusive sinnvoller Erklärungen zu sinnlosen Abkürzungen aus dem Grenzjargon wie GÜST (Grenzübergangsstelle) PKE (Passkontrolleinheit) oder OLZ (Operative Leitzentrale).

 

Bornholmer Straße in der Neuen Bühne Senftenberg - Foto (c) Steffen Rasche Als Schabowski vor 26 Jahren vor laufenden Kameras etwas verdutzt einen Zettel vorliest, hält die Welt den Atem an. Nach wochenlangen „Wir sind das Volk“-Rufen, soll den Bürgern der DDR nun ab sofort und ohne Einschränkungen gestattet sein, aus der DDR auszureisen. Nicht weniger verdutzt dürfte Harald Jäger gewesen sein, als er am Grenzübergang der Bornholmer Straße in der Kantine sitzt und diese Meldung am Bildschirm verfolgt. Der Oberst- leutnant glaubt, die Nachricht missverstanden zu haben und muss ab jetzt die immer größer werdende Menschen- menge hinter dem Schlagbaum beschwichtigen. Und keiner der SED-Funktionäre scheint über Telefon zu begreifen, in welcher Lage er sich befindet. Jäger muss eine Entscheidung treffen und schreibt damit Geschichte... 2014 verfilmte der Regisseur und Grimme-Preisträger Rainer Schwochow die unglaubliche, aber wahre Geschichte des Oberstleutnant Harald Schäfer: „Bornholmer Straße“. Es ist nicht nur eine spannende wie skurrile Geschichte, die erzählt wird, sondern ein Moment, der das Leben aller Deutschen verändert hat. PREMIERE: 24.09.2016 Regie - Sonja Hilberger Bühne - Ulrike Reinhard Kostüm - Jenny Schall Dramaturgie - Maren Simoneit Regieassistenz - Vivian Schmidt Inspizienz - Mirko Warnatz Soufflage - Heidrun Gork Es spielen: Harald Schäfer, Oberstleutnant - Friedrich Rößiger Ulrich Rotermund, Oberleutnant - Tom Bartels Peter Arndt, Major - Robert Eder Burkhard Schönhammer, Hauptmann - Daniel Borgwardt Michael Krüger, Zollrat - Wolfgang Tegel Ilona Krüger, Zollsekretär - Sybille Böversen Heinz Wachholz, Oberleutnant, Lageroffizier - Jan Schönberg Monika, DDR-Bürgerin - Catharina Struwe Jens Rambold, Feldwebel - Sebastian Volk Hartmut Kummer, Oberst - Heinz Klevenow Achim Zartmann, Oberleutnant - Simon Elias Ines, DDR-Bürgerin - Eva Geiler Manfred, DDR-Bürger - Ingo Zeising

Bornholmer Straße in der Neuen Bühne Senftenberg
Foto (c) Steffen Rasche

Vorschriften sind hier alles, und so wird auch der illegale Grenzübertritt eines Hundes (leibhaftig auf der Bühne) penibel protokolliert. Die Herren in Uniformen der Grenztruppen und des Zolls machen ihren Dienst oder sitzen in der Kantine, die die Drehbühne hinter dem Wachturm freigibt. Hier ereilt sie auch der berühmte Schabowski-Spruch auf der Pressekonferenz am 9. November 1989, der den Stein und anschließenden Fall der Mauer ins Rollen bringt. Kommen anfangs nur einzelne Berliner zum Grenzübergang an der Bornholmer Brücke, die man noch barsch wegschicken kann, werden es bald mehr, und die Stimmung vor wie hinter dem Schlagbaum eskaliert zusehends. Animositäten zwischen Parteisekretär, Sicherheitsoffizier und diensthabendem Leiter der GÜST machen die Lage der Offiziere, die auf Order von oben warten und sichtlich mit den Ereignissen überfordert sind, nicht einfacher.

Parteihörige und Hardliner, die zur Waffe greifen wollen („Das haben wir doch hier alles aufgebaut.“) gegen Zweifler und Besonnene wie den Oberstleutnant Harald Schäfer (Friedrich Rößinger), der sich eine telefonische Abfuhr nach der anderen beim Oberst der Leitzentrale (Heinz Klevenow) abholt. Dieser sitzt trinkend am Rand der Bühne vor einem Krenz-Portrait an der Wand wie der bürokratische und mit seinem Schreibtisch verwachsene Kentaur aus Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee. Die Befehlskette ist abgerissen, das Vertrauen in die Führung erschüttert. Letztendlich ist die Maueröffnung hier lediglich eine Verzweiflungstat eines von seinen Befehlshabern alleingelassenen Mannes, der sich von ganz menschlichen Skrupeln geleitetet der übermächtigen Stimme des Volkes und somit dem Lauf der Geschichte ergibt.

Das Stück spielt den Film so gut es geht nach mit witzigen Nebenhandlungen zwischen den Offizieren innerhalb des Kantinentrakts und dramatischen Szenen vor dem Schlagbaum. Das Volk ruft aus dem Zuschauerraum „Wir wollen raus!“, und die bewaffneten Organe hinterm Schlagbaum schieben sich die Verantwortungen gegenseitig zu. Das zumindest kann die recht einfach gestrickte Inszenierung von Sonja Hilberger nachvollziehbar vermitteln. Wirklich ergreifend wird es nur, wenn unter den vor der Grenze Wartenden eine Mutter (Catharina Struwe), die zu ihrer Tochter nach West-Berlin will, den Uniformträgern ihr Herz und ihren Frust über die Zustände ausschüttet.

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Von der gesamtdeutschen Geschichtsstunde zur regionalen geht es im zweiten Teil des Abends, wo man neben der von Esther Undisz zusammengestellten Textcollage Der Senftenberger Weg und dem Flüchtlingsdrama Phantom (Ein Spiel) von Lutz Hübner noch ein Auftragswerk für die Neue Bühne des aus der Lausitz stammenden Dramatikers sehen kann. Birkenbiegen handelt von einer Senftenberger Familie mit der verwitweten Mutter Ruth (Sybille Böversen) und ihren beiden Töchtern Sabine (Eva Geiler) und Vera (Nicole Haase). Die eine ist nach der Wende mit ihrem Mann in den Westen gegangen und hat Karriere als IT-Spezialistin gemacht, die andere ist daheim (oder ostdeutsch: zuhause) auf der Scholle geblieben und durchlief mit ihrem Mann nach der Entlassung über eine Vielzahl von Jobs und Geschäftsideen alle Tiefen der neuen kapitalistischen Grundordnung. Nun soll ein gemeinsames Generationenprojekt auf eigenem Seegrundstück neuen Auftrieb für die Zukunft geben. Dazu kehrt das Westpaar mit Tochter Ruby (Katrin Flüs) aus dem Schwabenländle in den Osten zurück.

 

Birkenbiegen in der Neuen Bühne Senftenberg Foto (c) Steffen Rasche

Birkenbiegen in der Neuen Bühne Senftenberg
Foto (c) Steffen Rasche

Oliver Bukowski, 1994 mit dem derben Mundart-Schwank Londn-L.Ä.-Lübbenau bekannt geworden, hat eine, wieder im regionalen Dialekt gehaltene und für ihn typische schwarze Komödie geschrieben, in der es bei sich zuspitzender Dramatik nicht nur verbal zur Sache geht. Dementsprechend lebendig inszeniert auch Regisseurin Samia Chancrin auf der länglichen Bühne des Studios. Ein kleiner Podest, der wie eine Tagebaulore auf Rädern über die Bühne geschoben werden kann, trägt Umzugskisten, wird zur Autofahrt in den Osten oder einer Floßfahrt auf dem See umgerüstet. Immer mit Handyfilmbegleitung der 17jährigen Tochter, die die Rückkehr in den Osten wie in einem Abenteuerfilm dokumentieren will.

Sabine und ihr Mann Volker (Daniel Borkwardt) sind im Westen nicht wirklich angekommen. Diffuse Ängste stören die „Life-Work-Ballance“, also entschließt man sich für ein Reset und wirft den angehäuften Wohlstands-Müll wie einen „guten Schiss am Morgen“ in den Container. Aber im Osten stößt man neben der zurückgebliebenen Familie auch auf die unverarbeitete Vergangenheit. Da prallt nun westliche „Powerpoint-Mentalität“ auf die des „Еbay-Powersellers“ Ost. Auch bei Vera und ihrem Mann Peter (herrlich original: Gastschauspieler Michael Kind), der nach jedem Bier eine neue Idee rülpst, wie die taffe Großmutter Ruth sagt, läuft die Beziehung nicht mehr besonders gut. Vera hat Haus und Grund für Hypotheken an die Bank verpfändet, und das gemeinsame Seeufer-Projekt scheitert am Schild „Вetreten verboten“.

Man schwankt zwischen Nostalgie und Bewegung, erstarrt aber im eigenen Unvermögen, sich den Problemen zu stellen. Sogar Sabines Kindheitserinnerung – die sich biegenden aber nicht brechenden Birken – hat Paul abgeholzt. Ganz anders da Tochter Ruby, für die hinter Verboten erst die Zukunft anfängt. Gemeinsam mit Karl (Sebastian Volk), dem schwulen Sohn der Ostfamilie, erkundet sie die neue Umgebung und geht die aktuellen Probleme wie provinzielle Dumpfheit und prügelnde Nazis ganz offensiv an. Im Soundmix aus Original-Stimmen einer Pegida-Demo rollt sie provokant mit einer Deutschlandfahne als Burka über die Bühne. Das geht natürlich nicht gut. Erst im Krankenhaus findet die heillos nach mehreren Besäufnissen zerstrittene Familie wieder zusammen.

 

Die Neue Bühne Senftenberg lädt zum Fest - Foto: St. B,

Die Neue Bühne Senftenberg lädt zum Fest – Foto: St. B.

 

Was ist Heimat, und wo ist man zuhause? Das sind die Fragen, die Oliver Bukowski in diesem Stück stellt. Mit der Großmutter Ruth schafft er eine Figur, die unbeirrt mit ungeschönten Sprüchen den Finger in die offenen Wunden der anderen legt. Haltung ist ihr Credo und das ihres verstorbenen Mannes, dem sie schon mal im Zwiegespräch am Grab „noch ne Kanne“ aus dem Flachmann gönnt. Ruth nimmt hier im wahrsten Sinne des Wortes kein Blatt vor den Mund. Die Hoffnung sind die Kinder, die am Ende eine Utopie eines geschützten Lebens im Natur-Biotop einer Insel in der neuen Seenlandschaft suchen. Zu Recht sehr viel Beifall und Bravo-Rufe für das Ensemble und die gelungene Inszenierung.

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Foto: St. B.

WIR SIND 70! Das Fest.
(Neue Bühne Senftenberg, 01.10.2016)

Bornholmer Straße
Regie: Sonja Hilberger
Bühne: Ulrike Reinhard
Kostüm: Jenny Schall
Dramaturgie: Maren Simoneit
Besetzung:
Harald Schäfer, Oberstleutnant … Friedrich Rößiger
Ulrich Rotermund, Oberleutnant …
Tom Bartels
Peter Arndt, Major … Robert Eder
Burkhard Schönhammer, Hauptmann … Daniel Borgwardt
Michael Krüger, Zollrat … Wolfgang Tegel
Ilona Krüger, Zollsekretär …
Sybille Böversen
Heinz Wachholz, Oberleutnant, Lageroffizier … Jan Schönberg
Monika, DDR-Bürgerin … Catharina Struwe
Jens Rambold, Feldwebel … Sebastian Volk
Hartmut Kummer, Oberst … Heinz Klevenow
Achim Zartmann, Oberleutnant … Simon Elias
Ines, DDR-Bürgerin … Eva Geiler
Manfred, DDR-Bürger … Ingo Zeising
Ursula, DDR-Bürgerin … Nadine Ehrenreich
Greta, Haralds Frau … Marianne Helene Jordan

Birkenbiegen (UA)
Regie: Samia Chancrin
Bühne: Ulrike Reinhard
Kostüm: Jenny Schall
Dramaturgie: Igor Holland-Moritz
Besetzung:
Sabine Michel … Eva Geiler
Volker Michel, ihr Mann … Daniel Borgwardt
Ruby Michel, ihre Tochter … Katrin Flüs
Ruth Michel, ihre Mutter … Sybille Böversen
Vera Böttcher, ihre Schwester … Nicole Haase
Karl Böttcher, Veras Sohn … Sebastian Volk
Peter Böttcher, Veras Mann … Michael Kind

Die waren am 24. September 2016.
Weitere Termine: 08., 14., 15., 22., 29., 30. 10. / 04., 05., 12. 11. 2016

Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/wir-sind-70-das-fest.html

Zuerst erschienen am 02.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Clownerien mit Brecht (2) – Manuel Soubeyrand macht mit seinem Brecht-Auf!-Fest in Senftenberg den Augsburger Dramatiker zum Jahrmarkts-Spektakel

Sonntag, September 27th, 2015

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logo_brecht-auf_2015„Glotzt nicht so romantisch!“ steht an der Wand auf dem Podium, in dem zur Next-Whisky-Bar umgestalteten Rangfoyer der Neuen Bühne Senftenberg, das am vergangenen Samstag zur Premiere von BRECHT AUF! DAS FEST. geladen hatte. Nach Heiner Müller im letzten Jahr steht diesmal der nach Meinung des Intendanten Manuel Soubeyrand bedeutendste und wichtigste Künstler des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt des alljährlichen Spielzeitauftakt-Spektakels, das noch bis Ende Oktober stattfindet. Bertolt Brecht hat mehr Stücke als Shakespeare und mehr Gedichte als Goethe geschrieben, war zeitlebens politisch, da gesellschaftskritisch und dazu noch Universalist. Einmal um die ganze Welt gekommen, gilt der Autor, der über mehrere Jahre vor Nationalsozialismus und Krieg auf der Flucht war, auch als Experte in Sachen Asyl. Ein Grund mehr ihn aktuell zu spielen! Zudem hat das Theater in Senftenberg untergebrachte Kriegsflüchtlinge aus Syrien und Afghanistan gebeten, im Rangfoyer aus Brechts Flüchtlingsgesprächen zu lesen.

Im unteren Foyer sitzt ein Papp-Brecht-Kamerad vor einer echten Brechtgardine, hinter der im Laufe des Abends ein kleiner Flohzirkus zum Vorschein kommen wird, es gibt Brecht-Balladen, -Gedichte sowie jede Menge Sprüche des Dichters und hinter dem Garderobentresen spielen drei Schauspieler noch eine Art kleine Baal-Clownerie. Das Brecht-Stück des Jahres wird an diesem Abend auch noch zu sehen sein. Man hat an der Neuen Bühne mal wieder den jungen, komischen Autor Brecht entdeckt, der um 1919 begann, unter dem Einfluss von Karl Valentin erste komödiantische Einakter zu schreiben. Dem trägt man nun in Senftenberg mit einem ganzen Jahrmarkt vor dem Theater Rechnung. Neben einem Hau-den-Lukas, einer Geisterbahn und Schießbuden stehen dort auch ein Zelt für Kapitalanlagen und eine Orakelbude für die großen Wahrheiten.

 

Jahrmarktreiben beim Brecht Auf! - Spektakel vor der Neuen Bühne Senftenberg - Foto: St. B.

Jahrmarktreiben beim Brecht Auf! – Spektakel vor der Neuen Bühne Senftenberg – Foto: St. B.

 

Wahr ist auch, dass jeder Satz des Abends originaler Brecht ist, wie Manuel Soubeyrand beteuert. Eine kleine Verbeugung vor der jüngst verstorbenen Barbara Brecht-Schall und den beiden anwesenden Brecht-Enkelinnen. Jenny Schall lieferte alle Kostüme und die Regisseurin Johanna Schall die Stückfassung zu Brechts szenischer Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg Mutter Courage und ihre Kinder, die Manuel Soubeyrand als Einstieg in den Abend inszeniert hat. Ein immer noch gültiger Kommentar zur Auswirkung von Kriegen auf die unmittelbar betroffenen Menschen. Eine weitere Truppe von Senftenberger Schauspielern versucht auf dem Jahrmarkt draußen lautstark die Karten dafür an das potentielle Publikum zu bringen. Zur Auswahl stehen außerdem noch die Einakter Die Kleinbürgerhochzeit und Lux in Tenebris sowie das Hannibal-Fragment als Puppenspiel. Den langen Abend beschließen mit Tränen, Schnee und gestern Abend noch ein paar szenisch dargebotene Brecht-Lieder. Der Mond über Senftenberg ist da leider schon von ein paar Regenwolken verdeckt, was dem Ensemble allerdings nicht die Lust auf einige Drei-Groschen-Songs, frivole Brechtverse und die bereits erwähnte Next-Whisky-Bar nimmt.

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Bunte Clownerie und grelles Jahrmarkttreiben dann zumeist auch auf der Bühne. Bei den Stücken Die Kleinbürgerhochzeit und Lux in Tenebris bietet sich das ja geradezu an. Die beiden Einakter hatte 1969 Dieter Dorn in Essen schon einmal am Stück auf die Bühne gebracht. Für Lux in Tenebris war es die späte Uraufführung. Als szenischer Choreograf wirkte damals der Pantomime Jean Soubeyran, der Vater des jetzigen Senftenberger Intendanten. Die Inszenierung von Lux in Tenebris wurde hier als illustre Angelegenheit zwischen Komödie und Philosophie angekündigt. Regisseurin Ulrike Müller lässt dazu vor geteiltem Publikum noch einen weiteren Einakter Brechts spielen, bei dem sich auf der Treppe zum Rangfoyer und der Hinterbühne ein höchst philosophischer Disput zwischen Kaiser und Bettler entspinnt. In Der Bettler oder Der tote Hund, ebenfalls im Jahr 1919 entstanden, entpuppt sich ein blinder Bettler als wahrhaft Sehender, der die Gewissheiten des Kaisers mit seinen provokanten und verwirrenden Geschichten über Macht und Mächtige ins Wanken bringt. Auch ein Stück über die Wahrnehmung und Erinnerung von Geschichte, in die hier wie nebenbei auch kurz mal ein Schuhputzer namens Paduk gerät…

 

Lux in Tenebris in der Neuen Bühne Senftenberg - Foto (C) Steffen Rasche

Lux in Tenebris in der Neuen Bühne Senftenberg
Foto (C) Steffen Rasche

 

Jener Herr Paduk ist aber eigentlich schon die Hauptfigur des Einakters Lux in Tenebris, der im Anschluss auf der Hinterbühne gegeben wird. Einst Stammkunde im Bordell von Frau Hogge hat Paduk, nachdem er dort hinausgeworfen wurde, weil er nicht zahlen konnte, gegenüber dem Etablissement ein Zelt mit medizinischen Exponaten über Geschlechtskrankheiten eröffnet. Er will „Licht in die Finsternis“ bringen, wie die deutsche Übersetzung des titelgebenden Bibelzitats aus der Offenbarung des Johannes lautet. Seine vermeintlich moralischen Aufklärungsvorträge lässt sich Herr Paduk allerdings auch bezahlen. „Weicher Schanker eine Mark! Tripper eine Mark sechszig! Syphilis zwei Mark fünfzig!“ Wer nicht zahlen kann, kommt nicht hinein.

Aber Paduk hat die Rechnung ohne Frau Hogge gemacht, und sich außerdem noch zu einer salbungsvollen Rede an ihre Mädchen als die wahren Opfer der Prostitution hinreißen lassen. Mit dem Appell an die Prostituierten gräbt sich Paduk nämlich das eigene Geschäft ab, das nur mit dem Überleben der Prostitution auch weiter florieren kann. Frau Hogge rechnet ihm nun genauestens vor: „Mein Geschäft fängt zwei Wochen nach Ihrem Bankrott wieder an.“ Daraufhin macht Paduk dann auch ohne viel Skrupel den Laden dicht und wird mit dem verdienten Geld Teilhaber bei Frau Hogge. Brecht zeigt hier an einem nicht nur für die damaligen Zustände recht typischen Beispiel die Wirkungsweise von kapitalistischen Marktgesetzen und die bestehenden Widersprüche zwischen Vernunft und Lust sowie Idealismus und Ausbeutung.

Ulrike Müller hat Brechts satirisches Lehrstück als kleine, spielerische Verführung inszeniert. Dem ahnungslosen Paduk (Robert Eder) müssen hier von den anderen vier DarstellerInnen (Angelika Sauter, Eva Geiler, Mirko Warnatz und Simon Elias) die Worte zunächst noch souffliert werden, bis er sie selbst sprechen kann. Anschließend kleiden sie ihn als Geschäftsmann ein und schlüpfen selbst in die übrigen Rollen einer sensationslüsternen Reporterin, eines bigotten Kaplans, der Frau Hogge und des Gehilfen des Paduks. Geleuchtet wird mit einem Scheinwerfer an die Tür des Eisernen Vorhangs, es gibt Musik, ein wenig Firlefanz mit Luftballons als christkatholischen Gesellenverein, Seifenblasen und Einwickelfolie. Der Schluss ist dann aber wieder recht eindrucksvoll gelungen, wenn der Chor der Mädchen hinter dem geöffneten Vorhang mit Schrubbern zum Großreinemachen ansetzt und dabei den Brecht/Weill-Song von Mandalay singt. Herr Paduk geht nun ganz in seiner neuen Rolle als Moralist, Kapitalist und Bordellbesitzer auf.

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Ganz Geschäftsfrau ist auch die Marketenderin Anna Fierling, genannt Mutter Courage, aus Brechts Modellstück des epischen Theaters Mutter Courage und ihre Kinder. Sie schlägt sich mit Planwagen und drei Kindern durch den Dreißigjährigen Krieg, wobei sie in den zwölf aufeinanderfolgenden Szenen des Stücks eines nach dem anderen verliert. Ihren Sohn Eilif an einen Soldaten-Werber, während sie mit einem Feldwebel handelt, den zweiten Sohn Schweizerkas, der als Zahlmeister die Regimentskasse vor dem Feind versteckt hält und um dessen Leben sie zu lange feilscht, und die stumme Kattrin, die von Soldaten erschossen wird, als sie die Bewohner der Stadt Halle vor den Angreifern mit eine Trommel warnt. Nach kurzer Trauer muss es aber weiter gehen, denn der Krieg ist schließlich die Geschäftsbasis der Courage, wie sie glaubt.

 

Mutter Courage und ihre Kinder in der Neuen Bühne Senftenberg - Foto (C) Steffen Rasche

Mutter Courage und ihre Kinder in der Neuen Bühne Senftenberg – Foto (C) Steffen Rasche

 

Das dem nicht so ist und die kleinen Leute unter dem Krieg zu leiden haben, während ganz andere daran profitieren, ist die Binsenweisheit des Stücks, das trotz seiner Zeigefingerdramaturgie auch heute in Zeiten, da wieder für Glauben und Rohstoffmärkte gestorben wird, noch einige Denkanstöße zu geben vermag. Die einfache Botschaft einigermaßen zeitgemäß über die Rampe zu bringen, liegt dann ganz im Geschick der Inszenierenden. Und Manuel Soubeyrand entscheidet sich für die ganz großen Gesten sowie weiß geschminkte Clowns-Gesichter und Wende-Camouflage-Jacken bei den Soldaten, während die Courage und ihr Gefolge in heutigem, abgerissen Obdachlosen-Schick einen alten VW-Bully über die Bühne mit einer, in den Horizont ragender, blutroter Landstraße zieht.

Das ist natürlich nicht zwingend neu, auch Claus Peymann am BE kann nicht von weiß getünchten Gesichtern lassen. Nur haben die Figuren bei Manuel Soubeyrand einen unerklärlichen Drang zum mimischen Chargieren, Zappeln und Kreischen, dass es die sonst taffe Courage relativ schwer hat, sich dagegen zu behaupten. Anita Iselin gewinnt ihrer Figur dennoch einige sehr intensive Verzweiflungsmomente ab, während drei komische Conférenciers, die ansonsten alle Soldatenrollen übernehmen, jedes Szenenbild mit einer neuen Art der lustigen Inhaltsangabe an der Rampe einführen. Den vermeintlich epischen Ballast wird man so allerdings nicht wirklich los.

Und wenn die Lieder des Stücks von Alexander Suckel recht ungewöhnlich zwischen Blues, Ballade und Rock-Song eingerichtet sind, die Courage das Lied ihres unsteten Lebens „Von Ulm nach Metz“ sogar wie die Punk-Diva Nina Hagen vom Bullydach schmettert, ist alles andere doch genauso überdeutlich und plakativ von A bis Z bebildert. Immer ein wenig zu grell, zu schrill – besonders die kreischbunte Yvette der Marianne Helene Jordan – oder auch mal rührig, wenn die Courage ihre tote Tochter Kattrin im Schoß hält, auch wenn das Eiapopeia nur zur Seite weggesprochen wird. Marlene Hoffmann als mitleidender Gegenpol zur pragmatisch geschäftstüchtigen Mutter vermag sich in ihrer stummen Rolle da nicht wirklich einzubringen.

 

Tränen, Schnee und gestern Abend - Brechtlieder - Foto (C) Steffen Rasche

Tränen, Schnee und gestern Abend – Brechtlieder
Foto (C) Steffen Rasche

 

Erst im letzten Teil des Abends wird sich zeigen, dass sie auch wunderbar steppen und noch besser singen kann. Bis nach Mitternacht zeigt das Ensemble, das nun wie sangesfreudige Hippies aus dem Peace-Bully steigt, was es sonst so drauf hat. Die Arrangements der Lieder sind jetzt etwas eingängiger, und auch mit den rockigen Soli des Gitarristen Scotti Gottwald ist der Wiedererkennungswert recht hoch. Es erklingt ein durchweg ansprechendes Best Of von Brecht/Weill/Eisler-Songs. Als allerletzte Zugabe lässt es sich dann Manuel Soubeyrand nicht nehmen, höchst selbst Brechts Ballade von den Seeräubern zu singen, was die Stimmung nochmal merklich hebt und den Abend insgesamt versöhnlich ausklingen lässt. Es ist sicher schwer die Spannung einen ganzen langen Abend über so aufrecht zu halten. Die Cottbuser Zonenrandermutigung von Christoph Schroth unter dem Motto „In der Nacht ist Brecht nicht gern allein“ hatt da vor nunmehr bereits zwanzig Jahren auch schon so ihre Schwierigkeiten. Freude und Erleichterung ist dann am Ende auch allen Beteiligten in Senftenberg deutlich anzumerken.

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Brecht Auf! - Das Fest an der Neuen Bühne Senftenberg - Foto: St. B.

Brecht Auf! – Das Fest an der Neuen Bühne Senftenberg
Foto: St. B.

Mutter Courage und ihre Kinder
Regie: Manuel Soubeyrand
Musikalische Leitung: Alexander Suckel
Bühne: Gundula Martin
Kostüm: Jenny Schall
Ausstattungsassistenz: Saskia Wunsch
Es spielen:
Mutter Courage… Anita Iselin
Kattrin, ihre stumme Tochter… Marlene Hoffmann
Eilif, der ältere Sohn und andere… Sebastian Volk
Schweizerkas, der jüngere Sohn und andere… Tom Bartels
Der Koch… Heinz Klevenow
Der Feldprediger… Roland Kurzweg
Yvette Portier… Marianne Helene Jordan
Der Werber und andere… Johannes May
Der Feldwebel und andere… Wolfgang Tegel
Der mit der Binde und andere… Alrun Herbing
Band: Preliminary Injunction
Piano und Keyboard: Alexander Suckel
Gitarre: Scotti Gottwald
Drums, Percussion und Keyboard: Jürgen Kober

theater-senftenberg-logo_startLux in Tenebris
Regie: Ulrike Müller
Bühne: Gundula Martin
Kostüm: Jenny Schall
Ausstattungsassistenz: Saskia Wunsch
Es spielen:
Frau Hogge … Angelika Sauter
Paduk… Robert Eder
Reporterin… Eva Geiler
Kaplan… Mirko Warnatz
Gehilfe … Simon Elias
Leute / Mädchen der Frau Hogge… Ensemble/Statisten der Musicalgruppe und des Seniorenclubs „Jugendclub 60+“

Tränen, Schnee und gestern Abend
Brecht-Lieder und Texte um Liebe und Geld
Regie – Manuel Soubeyrand
Musikalische Leitung: Alexander Suckel
Bühne: Gundula Martin
Kostüm: Jenny Schall
Ausstattungsassistenz: Saskia Wunsch
Mit: Sybille Böversen, Eva Geiler, Marlene Hoffmann, Marianne Helene Jordan, Hanka Mark, Robert Eder, Simon Elias, Friedrich Rößiger, Wolfgang Tegel, Mirko Warnatz

Termine: 26.09., 03.,09., 10., 17., 24., 25. und 31.10.2015

Infos: http://www.theater-senftenberg.de

zum Brecht-Spezial 2015-16 Teil 1

Zuerst erschienen am 23.09.2015 auf Kultura-Extra.

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Ein Reigen Deutscher Geschichte von Heiner Müller bis Ton Steine Scherben – Manuel Soubeyrand eröffnet seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit einem Jahr100Spektakel.

Donnerstag, Oktober 2nd, 2014

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Angeblich soll man ihn für verrückt erklärt haben, als in Theaterkreisen bekannt wurde, dass Manuel Soubeyrand, aus Esslingen kommend, seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit Heiner Müller eröffnen wolle. Und dann auch noch mit GERMANIA 3 – Gespenster am toten Mann, Müllers 1996 von Leander Haußmann in Bochum uraufgeführter Abgesang nicht nur auf den deutschen Sozialismus, begraben in einem Mausoleum aus Stacheldraht. Es ist vor allem auch ein Text-Monument, das aus Fragmenten gesamtdeutscher Geschichte besteht. Soubeyrand stellt es in eigener Regie einem ganzen Jahr100Spektakel voran, bestehend aus fünf Stücken und einer abschließenden Live-Radio-Show. Eine Tradition, die der neue Intendant vom alten übernommen hat. Sewan Latchinian (der vor einer Woche an neuer Wirkungsstätte in Rostock seinen 1. Stapellauf mit immerhin drei Premieren hatte) lässt nach zehn Jahren das Feld gut bestellt zurück. Den Senftenbergern ist ihr Theater lieb geworden. Da müsste Soubeyrand schon einiges in den Lausitzer Sand setzen, um sich hier dauerhaft die Ernte zu vermiesen.

Neue Bühne Senftenberg - Foto: St. B.

Neue Bühne Senftenberg – Foto: St. B.

Heiner Müller ist entgegen Erwin Strittmatter, dem das benachbarte Staatstheater Cottbus vor kurzem noch zum Hundertsten gratulierte, beileibe nicht nur ein regionaler Ost-Dramatiker, wie Soubeyrand zur Einführung bemerkte. Der Regisseur vergleicht ihn sogar mit Friedrich Schiller, dem deutschen Nationaldichter und Verfechter einer „Universalgeschichte“, mit dem Müller nicht nur die letzten vier Buchstaben gemein habe. Strittmatter und Müller stehen aber beide auch in der Tradition von Bertolt Brecht. Von dem einem konnte man aus seinen Tagebüchern gerade neueste Anekdoten über den proletarischen Dichter lesen. Der andere verkündete „Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat“. Und auch das ist Thema dieses Mammut-Abends, an dem Brecht und Müller nicht nur einmal um die Ecke winken werden. Das klingt nach schwerer Kost. Aber an ein wenig Überforderung mit deutscher Geschichte ist noch keiner gestorben, eher am Totschweigen selbiger.

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Manuel Soubeyrand Foto: St. B.

Manuel Soubeyrand
Foto: St. B.

Zunächst lässt sich feststellen, dass das Team um Intendant und Regisseur Manuel Soubeyrand nicht in Schieflage von der Müller’schen Gegenschräge, auf der bekanntlich die Toten warten, gerutscht ist. Man hält sich bodenständig aufrecht, zunächst noch ganz in Schwarz im Zuschauerraum vor der Rampe. Das Ensemble berichtet hier chorisch vom babylonischen Turmbau. Der Text ist nicht von Heiner Müller, sondern aus der Erzählung Das Stadtwappen von Franz Kafka. Es ist einer der typischen Kafka-Texte, in denen man viel will, aber nichts wirklich gelingt. In diesem Fall wird sogar das Chaos von Generation zu Generation größer, lediglich durch Kriege unterbrochen, an deren Ende die Nachfolgenden auf den Ruinen der Alten viel schöner und moderner aufbauen wollen. Als Wappen wählen sich die Bürger der Stadt eine Faust, die Faust der Zerstörung. Soubeyrand benutzt Kafkas Parabel des Scheiterns als Gleichnis für den Verlauf der Geschichte im Allgemeinen.

Die Menschheit hat nichts aus der Geschichte gelernt. Und damit ist man dann schon mitten drin, in Heiner Müllers Historiendrama GERMANIA 3. Er gräbt die Schlächter und ihre bekannten und namenlosen Toten wieder aus. Ein Streifzug durch deutsche Geschichte von Preußen über Weimar nach Stalingrad und wieder zurück. Ein Exerzitium der Gespenster am toten Mann. Da stehen Teddy Thälmann und Walter Ulbricht an der Berliner Mauer auf Wacht, Stalin als wahnsinniger Macbeth sieht überall die Leichen seiner getöteten Gegner, und Hitler bläst im Führerbunker zur letzten Reise nach Walhall. Dazu erklingt Wagners Walkürenritt. Soubeyrand packt Müllers Texte in möglichst expressive Bilder, in denen die blutigen Führer des Volkes zwar erkennbar bleiben, aber wie überzeichnete Faschingsfiguren in Kostüm und Lametta chargieren.

Rosa Luxemburg hinkt vor ihren Mördern zum Klang von „Es blies eine Jäger wohl in sein Horn“ über die Bühne, deutsche Soldaten nagen geräuschvoll an den Knochen ihrer toten Kameraden, und russische Soldaten lesen Hölderlin aus dem Buch eines toten Deutschen, der ein Foto gehängter Partisanen bei sich trägt. Drei deutsche Offizierswitwen lassen sich von einem kroatischen SS-Mann mit der Axt umbringen, und russische Soldaten vergewaltigen die Frau eines KZ-Häftlings auf dem Tisch. Für die Rache des Heimkehrers gibt es Sibirien. „Willkommen in der Heimat Bolschewik“. Soubeyrand erspart dem Zuschauer nichts, wenn er Müllers in den Zeiten springendes Stück leicht gekürzt als Reigen makabrer ineinander übergehender Szenenfolgen inszeniert. Auf der Rückwand flimmern immer wieder Aufnahmen historischer Ereignisse, vom Band kommen bekannten Stimmen aus der Vergangenheit.

Das Jahr100Spektakel - GERMANIA 3 - Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – GERMANIA 3 Foto (C) Steffen Rasche

Die Reise geht weiter von den Nibelungen über die DDR bis zum Mauerfall im Bühnenbild einer abgeranzt grün gekachelten Küche, in der Rächerin Kriemhild und Mörder Hagen, im Kettenhemd auf sein Schwert gestützt, stehen, die DDR-Nomenklatura Karneval feiert, und ein abtrünniger Sohn wird von seinem Funktionärsvater verraten. Soubeyrand bedient sich hier bei Müllers Wolokolamsker Chaussee. Er streicht dafür die drei Brechtwitwen und mit dem Rosa Riesen einen bekannten Nachwendemörder. Die Westerben übernehmen schließlich wieder den alten Besitz, ein Spukschloss mit dunkler Vergangenheit. „Dunkel Genossen ist der Weltraum sehr dunkel“ – mit dem Gagarin-Zitat schließt dann auch das Stück recht pessimistisch. Als Hoffnungsschimmer schiebt Soubeyrand das wieder chorisch an der Rampe vorgetragene Brechtgedicht An die Nachgeborenen hinterher. Die anwesende Brecht/Schall-Familie und Ziehvater Wolf Biermann wirds gefreut haben.

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Während Manuel Soubeyrand bei Müller das Theaterblut noch weitestgehend in der Tube lässt, kommt es im zweiten Teil des Abends umso häufiger zum Einsatz. „Ich rieche Menschenfleisch“, ein Märchenzitat aus Müllers GERMANIA 3 könnte gut auch aus WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger von Werner Buhss stammen. Die einzige Uraufführung des Abends stand neben dem Fritz-Kater-Stück Vineta, Jan Neumanns Fundament und dem wortlosen Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz nach der ersten Pause zur Wahl. Neben Blut aus der Tube steht in WolfsWelt aber vor allem Menschenfleisch auf dem Speiseplan, gern auch mal roh durch den Wolf gedreht.

Autor und Übersetzer Werner Buhss, 1949 in Magdeburg geboren, veröffentlicht seit den 1980er Jahren regelmäßig Theaterstücke mit Bezug zur deutschen Geschichte der Vor- und Nachwendezeit. Als nach der Wende Heiner Müllers Wortquell weitestgehend versiegte, war Buhss einer seiner Nachfolger in Sachen Geschichtsaufarbeitung. Für Bevor wir Greise wurden, ein Volksstück nach Barlachscher Manier (1995 in Magdeburg uraufgeführt) erhielt er den Mühlheimer Dramatikerpreis. Auch da wabert Stalin (1953 gestorben) als untoter Geist durch die Fünfziger der jungen DDR. WolfsWelt ist dagegen ein Stück aus der Gegenwart, in die der Geist der Vergangenheit aber deutlich seine Spuren hineindrückt.

Das Jahr100Spektakel - WolsWelt - Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – WolfsWeltFoto (C) Steffen Rasche

Ort der Handlung ist eine Art versteinerter Wald, fast wie in einer Endzeitstimmung, die aber geistig an Tendenzen der Gewalt, des Fremdenhasses und humanistischen Werteverfalls unserer Zeit erinnern soll. Buhss packt das in die Form eines zynischen Märchens angelehnt an das Rotkäppchen der Gebrüdern Grimm. Der böse Wolf ist hier ein Vater, der seine beiden Söhne im Geiste des Paukbodens erzieht. Zucht durch Körperertüchtigung, Denksport und sonntägliches Spielen als Strategieübung. Ist der Alte bei Buhss noch klar als Burschenschaftler zu erkennen, lässt die junge Regisseurin Samia Chancrin die Schauspieler gleich als menschliches Wolfsrudel auftreten, denen Kostümbildnerin Jenny Schall Fellfetzen an die Anzüge geklebt hat. Reviermarkierung und -reinigung als Verteidigung der abendländischen Kultur mit Zähnen und Klauen. Für alle reicht es nicht.

Das moderne „Rotkäppchen mit den abgebissenen Fingernägeln“ heißt Hilde im roten Samtumhang. Ihre Geschichte der Befreiung aus dem Wolfsbauch wird zur chorisch durchchoreografierten Meisterleistung. Mit Hilde bricht der Trieb und die Eifersucht als neue Komponente in das Rudels ein, und somit die klare Hierarchie auf. Die Liebe überkommt erst den jungen Zweifler Götz, dann den älteren Bruder Hasso. „Die Liebe ist ein Verzehr des anderen.“ Die Saat des Zorns trägt bald ihre Früchte. Bevor die Brüder das Rotkäppchen zum Mord am verhassten Rudelführer bringen können, kommt der Brudermord. Als Anschauungsunterricht in kulinarischem Sexismus gibt es noch eine eingespielte TV-Kochshow.

WolfsWelt ist ein Stück wie aus Zitaten, Sprichwörtern und sozialdarwinistischem Vokabular zusammengeklebt. Nietzsche, Jünger, Hindenburg usw., Stahlgewitter, Verdun als Badekur – „Was mich nicht umbringt, macht uns stärker!“ Dazu müllert es an allen Ecken und Enden. „Der Boden muss mit Blut gedünkt werden.“ (siehe Stalin in GERMANIA 3) Man müsste das Stück aus dem strengen Korsett seiner abgegrenzten Spielszenen und pseudophilosophisch eingeschobenen Lyrik befreien, was Regisseurin Chancrin auch stellenweise gelingt. Sie findet immer wieder passende Bilder für den beschriebenen Gewaltkreislauf, in dem sich das Rudel schließlich in den eigenen Schwanz beißt. Ihn zu brechen, bedarf es sicherlich mehr als einer vegetarischen Diät. Mahlzeit. Buletten und Würstchen gabs in der Pause vom Barrikadengrill im Hof der Neuen Bühne.

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Brecht und Müller ziehen sich also wie ein roter Faden durch den Abend. Und auch im letzten Teil, der Live-Radio-Show zum Thema Politik, Widerstand und Hoffnung, wandelt Müllers Glückloser Engel mit weiten Schwingen über die Bühne und singt man Bertolt Brechts Legende vom toten Soldaten. In Form von Kalenderblättern erinnert das Ensemble an bedeutende Personen und Ereignisse sowie die beiden Weltkriege und Konflikte der letzten hundert Jahre wie in Irland, Vietnam oder Chile. Man gedenkt den Leitfiguren des Widerstands und der Hoffnung wie Georg Elser, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela, Salvador Allende und Víctor Jara. Dazu werden Songs über Revolte und Revolution von den Neville Brothers, The Cranberries, Tracy Chapman oder Ton Steine Scherben gesungen, aber auch das Lied der Moorsoldaten. Wie schon in GERMANIA 3 eine überzeugende Ensembleleistung.

Das Jahr100Spektakel - Keine Macht für Niemand Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – Keine Macht für Niemand
Foto (C) Steffen Rasche

Die Eckleuchten, oder besser Grubenlampen an der Neuen Bühne Senftenberg, die sich einst noch Theater der Bergarbeiter nannte, sind somit gesetzt. Mögen sie ein Licht aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft hinübersenden. Dafür steht mit „Der Traum ist aus“ auch ein weiterer Ton-Steine-Scherben-Song in der Radio-Show. Der lange Weg der Hoffnung führt hier am Ende Schritt für Schritt ins Paradies. Allerdings dachten Sänger Rio Reiser und Band wohl eher nicht an jenes, aus dem der Sturm des Fortschritts Walter Benjamins Engel der Geschichte unaufhaltsam in die Zukunft treibt, die aufgeschichteten Trümmer unserer Katastrophen hinter sich im Blick.

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Heiner Müller
Germania 3. Gespenster am toten Mann
Regie – Manuel Soubeyrand
Bühne – Gundula Martin
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit: Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Marianne Helene Jordan, Simon Elias, Jan Schönberg, Heinz Klevenow, Wolfgang Tegel, Robert Eder, Johannes May, Eva Kammigan, Eva Geiler, Sybille Böversen, Catharina Struwe

Werner Buhss
WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger (UA)
Regie – Samia Chancrin
Bühne – Saskia Wunsch
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit:
Götz – Tom Bartels
Hasso – Friedrich Rößiger
Hilde, Wolfgang, Hausfrau – Marlene Hoffmann
Vater, Koch – Franz Sodann
Kind – Dae Enn Rößiger
Kinderstimme – Emilia Heimburger
Kinderstimme – Jessie Thieme
Kinderstimme – Lenie Thieme

Heiner Kondschak
Keine Macht für Niemand
Lieder über Politik, Widerstand und Hoffnung
Musikalische Leitung/Regie – Alexander Suckel
Bühne – Gundula Martin
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit: Tom Bartels, Alrun Herbing, Marlene Hoffmann, Marianne Helene Jordan, Roland Kurzweg, Hanka Mark, Friedrich Rößiger, Catharina Struwe, Wolfgang Tegel

Weitere Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/das-jahr100spektakel.html

Zuerst erschienen am 01.10.2014 auf Kultura-Extra.

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