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Saisonabschluss an der Berliner Volksbühne mit René Pollesch und Herbert Fritsch

Dienstag, Juli 12th, 2011

Mitten hinein in den ausgelassenen Saisonabschluss, zu dem sich gut gelaunte Besucher am Freitag in der Volksbühne zu Herbert Fritschs Inszenierung „Die (s)panische Fliege“ eingefunden hatten, kam dann am Abend die furchtbare Nachricht, dass bereits am 4. Juli die erst 26 Jahre junge Volksbühnenschauspielerin Maria Kwiatkowsky unerwartet an einem Herzstillstand in ihrer Berliner Wohnung gestorben war. Freud und Leid liegen oft dicht beieinander, besonders in der Theaterbranche, das wirklich Tragische an dieser traurigen Nachricht ist, dass das auch gerade auf das kurze Leben dieser jungen Schauspielerin zutraf. Es stimmt einen schon nachdenklich, wenn so ein junges Leben dann fast unbemerkt verlischt.
Ihre große Lust am Schauspiel hatte sie bereits als Mitglied des P14-Jugendclubs an der Volksbühne gezeigt und als Filmschauspielerin Preise für ihre Rollen in „Engarde“ (2004) und „Liebe Amelie“ (2005) erhalten. Seit 2009 spielte Maria Kwiatkowsky als festen Ensemblemitglied wieder an der Volksbühne und hatte u.a. Rollen in den Castorf-Inszenierungen „Ozean“, „Nach Moskau! Nach Moskau!“, „Lehrstück“ und „Der Kaufmann von Berlin“ sowie in „Quai West“ unter der Regie von Werner Schroeter. Wer sie in diesen Produktionen gesehen hat, konnte eine wache, körperlich zwar fragile aber dennoch starke Person bewundern. Das ist sie im wahren Leben anscheinend nicht gewesen, warum lässt sich als Außenstehender nur vermuten. Welch großes Talent ist hier wohl an sich und auch inneren Zweifeln verglüht. Nicht nur ihre eindrückliche Stimme wird in Erinnerung bleiben.

Es fällt schwer sich nun sofort wieder den fröhlichen Seiten des Theaters zu widmen und so passt es ganz gut, dass am Donnerstag auch zum letzten mal in dieser Saison René Polleschs neues Stück „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“ an der Volksbühne lief. Denn genau hier hat sich Pollesch wieder mal dem Thema des Künstlers im Widerspruch zwischen Rolle und Wirklichkeit gewidmet.

Foto: St. B. dsc03275.JPG

Das macht er nun mit schöner Regelmäßigkeit seit einigen Jahren. Angefangen bei den Identifikationsproblemen des Individuums bei der sich Sophie Rois einem ganzen Chor gegenübersah (Ein Chor irrt sich gewaltig) und schließlich gegen den Zwang zur ständigen Selbstverwirklichung in einer entpolitisierten Welt ankämpfen musste (Mädchen in Uniform), über die Problematik der Interpassivität im Theater, die den Zuschauer von allem befreit, sogar von dem was er liebt, (Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!), bis hin zur Lüge und Illusion, dem Versprechen des perfekten Tags. Im gleichnamigen Stück „Der perfekte Tag“ zählte der grandiose Fabian Hinrichs die 100 wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte in aller Ausführlichkeit auf und entlarvte anschließend alles als bloße Täuschung. Wir verlassen uns auf die reinen Begrifflichkeiten wie auf das Rad. In „Schmeiß dein Ego weg!“ wird letztendlich sogar die Beziehung Körper und Seele in Frage gestellt. Wir ordnen einer Oberfläche einen inneren Wert zu. Zitat Pollesch: „Die Seele ist eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst.“ (oder anderes Bsp. Geldschein und tatsächlicher Wert) In einem Raum zwischen Hinterbühne und Zuschauersaal ist der Schauspieler gefangen, bis die „vierte Wand“ fällt. Wir sehen etwas, was wir für unser Leben halten, was es natürlich nicht ist, weil es nur eine Projektion davon darstellt. Das Stellvertreterproblem des alten Repräsentationstheaters ist es, das Pollesch mit seinen Theorieuntersuchungen umgehen will.
In seinem neuen Stück fasst nun René Pollesch das alles noch mal zusammen, erweitert um den Seinskonflikt und das ist wirklich neu. Womit sich ganze Künstlergenerationen abgekämpft haben, wird hier fast nebenbei verhandelt. Und doch scheint es Pollesch damit tatsächlich ernst zu sein. Zu Beginn singt Silvia Rieger als Operndiva, vor der Nachbildung einer naturalistischen Bühnenkulisse aus dem Theatermuseum Meiningen (Das Bühnenbild einer Hamletinszenierung aus dem Jahre 1866), eine Callasarie vom Band, Prospekte werden hoch und runtergefahren, auf denen wahlweise noch ein Kino oder einfach nur „Don`t look back“ geschrieben steht. Was früher war zählt heute nicht mehr. Eine Gruppe Operndiven in langen Kleidern (Marlen Dieckhoff, Christine Groß und Catrin Striebeck) müssen sich gegen einen Regisseur (Marc Hosemann) behaupten, der selbst auch noch Opernsänger ist, da er die Rolle des erkrankten Volker Spengler mit bekleiden muss. Es ist nichts so wie es scheint, erfährt man, wo draußen Bowlingaufsteller gesucht werden, erwartet man drinnen einen Opernsänger. Der Mensch muss sich ständig neu erfinden, nur die Kreativität zählt.
Es wird der Zwang zur ständigen Attraktivität beklagt und das man auch zu Hause performen muss. Wir können nicht mehr „…zwischen Rolle und dem wahren Selbst“ unterscheiden. Diese Theorie stammt aus einem Aufsatz von Diedrich Diedrichsen aus dem Buch „Prater Saga“ zum Theater René Polleschs. Dem Menschen in der durchkapitalisierten Welt heutzutage fehlt das Rückzugsgebiet, die Hinterbühne des privaten Heims ist mit zum Hauptschauplatz geworden. Die Rolle weicht dem Zwang zur ewigen Authentizität. Ein Fluch dem die Theater heute regelrecht hinterherhecheln. Daraus ergeben sich für Pollesch neue Widersprüche. Zum Beispiel zwischen Körper und Sprache. Wo bildet sich die Sprache? Wo sitzt das Selbst? Dieses Innen- Außenproblem performen nun die Schauspieler sehr anschaulich und hetzen dabei über die Bühne, allen voran Marc Hosemann, der auch noch über den Schmerz referiert und „…dass der Schmerz der nicht chloroformiert werden kann, immer da ist, immer in den Körpern ist,…“ auch wenn sie tot sind und man ihnen die Organe entnimmt. Dabei kullern dann alle übereinander. Hosemann jagt die Striebeck durch den leeren Orchestergraben und würgt sie vermutlich zum Zeichen seiner Körperlichkeit und Unfähigkeit sich anders auszudrücken.
Silvia Rieger bekommt dann noch ein unerwartetes Solo, indem sie, anhand eines Berichts einer Tochter vom Sterben der Mutter, den Tod als völlig undramatisch und eher langweiliges Ereignis beschreibt. Das Sterben dauert ewig und die Existenz ist unwiderruflich, „….einmal geboren, hört das nie auf“. Das erscheint alles sehr persönlich und es klingt zum ersten mal eine Art von Resignation mit, so etwas von Gescheitert sein. Da glaubt man nun auch bei Pollesch etwas Heiddeger im Hintergrund zu hören, eine tiefe innere Melancholie und Seinskrise etwa? Aber das ist schnell vorbei und in einer wirren Gesten-Pantomime von Marc Hosemann werden dann zum Schluss von Catrin Striebeck noch mal Begriffe geraten.
Dieser Polleschabend wirkt nicht zum ersten mal wie eine unfertige Kopie des Originals, die Diskursschleifen haben sich mittlerweile in der schönen Illusion der Bühnenbilder und der Repräsentation, die sie eigentlich zerstören wollten, selbst verfangen. Pollesch ist an einem Punkt angekommen, wo es so nicht mehr weiter geht. Die Vorzüge der großen Bühne haben sich in ihr Gegenteil verkehrt und man sehnt sich an die alten Zeiten am Prater zurück, als der Künstler noch nicht um sich selbst, sondern die Zuschauer auf Drehstühlen inmitten des Geschehens um die eigenen Achse gekreiselt sind. Doch „Don`t look back!“ Oder sollte es nicht eher heißen: „Schmeiß deine Kreativität weg!“ ? Davon kann nun wieder bei Herbert Fritsch und seiner ersten Volksbühneninszenierung überhaupt nicht die Rede sein.

Es springt, es (Sch)wankt, und legt sich lang, das grandiose Volksbühnenensemble in Herbert Fritschs Inszenierung „Die (s)panische Fliege“ von Franz Arnold und Ernst Bach

Foto: St. B. dsc04389.JPG

Und langgelegt wird sich viel in dieser Aufführung, im wahrsten Sinne des Wortes. Wolfram Koch kostet den Lieblingsausspruch „Ich leg` mich lang!“ des Senffabrikanten Ludwig Klinke geradezu als Running Gag aus. Es gibt lange Auftritte und Abgänge, die mit viel Szenenapplaus bedacht werden. Wann gab es das schon mal an der Volksbühne? Auch die anderen Darsteller allen voran Sophie Rois als sittenstrenge Gattin Emma Klinke im goldgelben Gouvernantenlook, oder Christoph Letkowski als schmieriger Rechtsanwalt Gerlach mit Frack und Zylinder stehen Koch im Grimassieren und Chargieren in nichts nach. Es ist zum Niederknien, was Hans Schenker auch sofort macht, als dauermeckernder Reichstagsabgeordneter Eduard Burwig wirft er sich gleich einem Muezzin auf den Teppich und stößt sein Moralgebet in den Bühnenhimmel, ansonsten stolziert er wie ein Hahn über den Teppich. Dieser Teppich, der den Bühnenboden ausfüllt und im hinteren Teil große Faltenberge wirft, ist das Gelände auf dem sich die durchweg grandiosen Schauspieler tummeln und Schwung und Sprungkraft aus einem versteckten Trampolin für ihre nie enden wollenden Kapriolen ziehen.
Hier springen die Väter der Klamotte aus der Trickkiste und in ungeahnte Höhen des Slapsticks, die man an der Volksbühne nicht mehr für möglich gehalten hatte. Nun hat Frank Castorf es ja auch schon mal in den 90ern mit einem Schwank an der Volksbühne versucht. In seiner Version der „Pension Schöller“ von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs suchte er den ewigen deutschen Kleinbürger in seinen tiefen Abgründen und bemühte dazu noch Heiner Müllers „Schlacht“, während Herbert Fritsch sich mit großer Sinnsuche nicht abgeben mag, den moralisierenden Spießbürger einfach als gegeben nimmt und daraus mit bübischer Lust urkomische Figuren entwickelt. Das befreiende Lachen ist ihm Subversion genug. Eine kleine Hommage auf die Castorf-Inszenierung kann sich der damals noch mit auf der Bühne gestandene Fritsch aber nicht verkneifen, anstatt eines mächtigen Rohrs schleppt Wolfram Koch ein langes Holzbrett mit sich rum und konstatiert dann ganz nebenbei: „Jetzt habe ich die ganze Zeit mit einer riesen Latte gespielt.“ Das ist beileibe nicht der einzigste Kalauer, auch Sophie Rois verheddert sich zu Beginn in einem wunderschönen freudschen Versprecher, beim dem aus dem Knüpfen einer Herrenbekanntschaft, das Beglücken einer ganze Herrrenmannschaft wird. Die personifizierte spießbürgerliche Scheinmoral hinter frisch gestärktem Faltenwurf.
Kartoffelsalat fliegt nicht an diesem Abend, es zieht sich auch keiner zu nackten Schlangentänzen aus, aber Verrenkungen und Verknäuelungen gibt es jede Menge und natürlich auch das, was dem Stück den Titel gibt, ein feuriges spanisches Tänzchen. Denn was die Komik dieses Verwirrspiels ausmacht, ist die Tatsache, dass sich die honorigen Herren der Familie Klinke in ihrer Jugend zu einer Varietetänzerin mit dem Künstlernamen „Die spanische Fliege“ hingezogen fühlten und nun die Konsequenzen fürchten, denn aus ihrer kurzen Liaison ist ein Bub hervorgegangen, der sich nun in ihr bürgerliches Leben drängt in Form eines Fotos und Akten, die Klinke nicht schnell genug loswerden kann und die dabei dennoch in die falschen Hände geraten. Eine der besten Slapsticknummern des Abends entspinnt sich dabei zwischen Wolfram Koch und Harald Warmbrunn, der den biederen und herrlich begriffsstutzigen Onkel Anton gibt. Schuld an der Misere ist also nur Röschen Zippel aus Bautzen und die Herrenriege komplettiert durch den Vorsitzenden des Sittlichkeitsvereins der Stadt und Schwager Alois Wimmer (Werner Eng) läuft zu Höchstform auf, um den ganzen Schlamassel unter den besagten Teppich zu kehren. Ihr schlechtes Gewissen ist ihnen förmlich ins Gesicht geschminkt und sie verwickeln sich durch ihre wirren Ausreden in immer absurdere Widersprüche, ständig im Gegenüber einen heimlichen Mitwisser vermutend.
Der zweite Strang der unglaublichen Story betrifft die nächste Generation, die das Prinzip von Scheinmoral und Lügen der Alten schon bestens verinnerlicht hat. Nach außen ganz tugendhaft, will man sich eigentlich lieber hemmungslos der Liebe hingeben. Klinke-Tochter Paula (Mandy Rudski) ist dem Frauenschwarm Dr. Gerlach verfallen, natürlich erregt das den mütterlichen Unmut und ein sittlich akzeptabler Bräutigam ist auch schon in dem jungen und in Liebesdingen unerfahrenen Heinrich Meisel (Bastian Reiber) aus gut bürgerlichem Hause gefunden. Der verliebt sich aber leider fälschlicher Weise in die Cousine Wally (Inka Löwendorf) und tritt nun, von Klinke für den unerwünschten Spross seiner Jugendsünde gehalten, zum Vergnügen des Publikums von einem Fettnapf in den nächsten. So nimmt das Verwechslungsspiel seinen Lauf, bis die vermeintliche Spanische Fliege in der Person Heinrichs Mutter und Frau des Chemnitzer Stadtrates Meisel (Stefan Staudinger) auftaucht. Hier ist Fritsch mit der als Alberich aus dem Münsteraner Tatort bekannten Christine Urspruch ein regelrechter Besetzungcoup gelungen. Mit turmhoher Perücke und langem schwarzen Flamencokleid reizt sie die Männer dazu, ihre angeblich guten Manieren endgültig abzulegen. Nur dass sich die von ihnen frech Diskreditierte schließlich doch nur als biedere Dame ganz ohne exotische Vergangenheit entpuppt. Fritsch lässt alle in einer herrlichen Schlusschoreografie noch einmal übereinander stolpern.

Mit dieser knallbunten Klamotte hat Herbert Fritsch sein Theater der gnadenlosen Übertreibung und expressiven Spielwut gegenüber den beim Berliner Theatertreffen gezeigten Inszenierungen aus Schwerin und Oberhausen nochmals getoppt. Ein versöhnlicher Abschluss einer an Höhepunkten armen Spielzeit an der Volksbühne, die nur mit Castorfs Tschechowinszenierung „Nach Moskau! Nach Moskau!“, oder einiger kleiner Produktionen aus dem 3. Stock, wie der herrlichen Komödie „1-2-3 Berlin“ in der Regie des Polen Wojtek Klemm, mit der auf der großen Bühne des Hauses leider nur selten zu sehenden Anne Ratte-Polle, glänzen konnte. Was die neue Spielzeit bringen wird, ist noch nicht bekannt. Für September stehen nur Castorfs Inszenierung von Dostojewskis „Der Spieler“, die bereits bei den Wiener Festwochen Premiere hatte und ein Gastspiel der ebenfalss in Wien gelaufenen Marthaler-Produktion „±0 – Ein subpolares Basislager“ fest. Eine Überraschung hat Frank Castorf dann doch noch parat, wie bereits in einem Tagesspiegel-Interview aus dem letzen Jahr angedeutet, kehrt Regisseur Leander Haussmann mit Ibsens „Rosmersholm“ an die Volksbühne zurück.

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