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Das 14. Achtung Berlin Filmfestival 2018 – Einige Beiträge aus dem Spielfilmwettbewerb

Freitag, April 20th, 2018

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Berlin als Kulisse und Protagonist von Spielfilmen steht wieder im Fokus des 14. ACHTUNG BERLIN-Filmfestivals, das in diesem Jahr über die Grenzen der Stadt bis ins brandenburgische Beeskow expandiert ist. Aber auch vermehrt international ist das Festival in den letzten Jahren geworden. Filme von in Berlin lebenden RegisseurInnen oder Expats laufen hier ganz selbstverständlich. Ebenfalls erfreulich ist, dass es auch in diesem Jahr wieder einen deutlichen Überhang an Regisseurinnen gab. Im Folgenden stellen wir einige Beiträge aus dem Spielfilmwettbewerb vor.

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To go for a nigth out heißt so viel wie nachts ausgehen oder einen drauf machen. Neun Menschen unterschiedlicher Herkunft verirren sich in einer sommerlichen Samstagnacht bei einem gemeinsamen Abenteuer im Berliner Nachtleben, wie Nigth Out, der neue Spielfilm des in Berlin lebenden griechischen Regisseurs Stratos Tzitzis auch im Untertitel heißt. Man spricht Englisch, die mittlerweile vorherrschende Sprache der Berliner Nacht, wo in wilden Techno-Clubs bis in die frühen Morgenstunden getanzt und gefeiert wird. Alles scheint hier möglich und erlaubt, unabhängig von sexuellen Vorlieben und Ausrichtungen. Ein Fest für hetero- und homosexuellen Singles, Paare und Polyamore, die Spaß, Zerstreuung, Sex oder den totalen Kick suchen.

 

NightoutFoto (c) George Lavantsiotis

 

Ausgehend vom Christopher Street Day, bei dem die jungen Syrer Amir und Farouk (Spyros Markopoulos, Bejean Banner) zunächst Anschluss an Frauen suchen, folgt der sich von seinem Freund trennende Amir den Mädchen Ingrid (Sulaika Lindemann) und Lena (Julia Thomas) durch verschiedene Berliner Konzert-Locations. Amir ist fasziniert von den beiden selbstbewussten jungen Frauen, die sich aber bald mehr für sich als für den liebeshungrigen Syrer interessieren. Im legendären Kit Kat Club stoßen die drei schließlich auf eine weitere Gruppe von Nachtschwärmern. Von der Vernissage einer Ausstellung, die der schwule Gallerist Felix (Thomas Kellner) für den Londoner Künstler Michael (Martin Moeller) ausrichtet, beschließen die beiden mit Michaels Frau Sarah (Alexandra Zoe) und dem Paar Martha und Sebastian (Mara Scherzing, Jens Weber), die fast verzweifelt Sarah für die Finanzierung ihres Projekts einer Wohninsel in der Spree gewinnen wollen, noch durch die Berliner Nacht zu ziehen. In einem dritten Strang sucht die schwangere Layla (Katerina-Martha Clark) nach dem Erzeuger ihres Kindes.

Abgehobener Jetset, Kunstbetrieb und Kreativ-Business treffen im sexuell freizügigen Kit Kat Club auf ungezwungene Lebenslust, deren Reizen sie auf unterschiedlicher Weise ausgeliefert sind und sich dem faszinierenden Treiben nacheinander hingeben. Stratos Tzitzis feiert in seinem Film Berlin als Ort der nächtlichen Freiheit, des Hedonismus und eines schwul-lesbischen Selbstverständnisses, das sich nicht nur in der Vater-Vater-Kind-Familie von Felix und dessen Freund Max (Jörn Linnenbröker) manifestiert, und auch die materiellen Probleme und Lebensnöte der ProtagonistInnen nicht ausblendet. Der treibende Soundtrack und das durchweg spielfreudige Ensemble tun ihr Übriges.

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Nigth Out
Regie und Buch: Stratos Tzitzis
Kamera: Patrick Jasim
Mit: Mara Scherzinger, Jens Weber, Martin Moeller, Thomas Kellner, Alexandra Zoe, Spyros Markopoulos, Sulaika Lindemann, Julia Thomas, Katerina Martha Clark u.a.

Infos: http://www.nightoutmovie.com/

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Filme wie Nigth Out sind natürlich weitab der normalen Wahrnehmung. Selbst im neuen deutschen Film geht es vorwiegend immer noch um die Beziehungsprobleme deutscher Normalbürger. Zwei davon sind in der Beziehungskomödie Zwei im falschen Film von Laura Lackmann zu sehen. Der Film eröffnete am 11. April das Filmfestival im Kino International. Die Regisseurin konnte 2016 mit der Verfilmung des Romans Mängelexemplar von Sarah Kuttner schon einen ersten Erfolg verbuchen. Mit Laura Tonke und Marc Hosemann besetzte Laura Lackmann nun zwei echte Berliner Sympathieträger für die Hauptrollen des Paars Hans und Heinz, wie Hans seine Freundin nennt. Das mutet schon mal etwas komisch an. Merkwürdig auch, dass die beiden in den Büroräumen des Copyshops, den Hans mit einem Partner (David Bredin) betreibt, wohnen und am liebsten vor dem Fernseher sitzend Videogames spielen. Die Luft scheint etwas raus aus der Beziehung. Es stottert wie das altersschwache Auto der beiden. Nicht nur Inspiration und Romantik sind den beiden abhandengekommen, sie haben es sich auch im Mittelmaß bequem gemacht. Bezeichnender Weise hat Heinz ihre Schauspielkarriere für einen Synchronjob als Verkehrsampel aufgeben.

 

Zwei im falschen Film
Foto © Friede Clausz, Studio.TV.Film GmbH

 

Zu Beginn sehen sich die beiden in einem Kinofilm selbst auf der Leinwand als romantisches Paar bei einem Happy End am Meer. Zu unrealistisch, zu kitschig lauten ihre kritischen Reaktionen. Wer braucht das schon? Für Hans besteht das größte Glück aus Ruhe. Um nicht ganz einzuschlafen, beschließen die zwei nach einem tristen Essen zum achtjährigen Beziehungsjubiläum eine Liste mit liebeserweckenden Dingen abzuarbeiten. Das gerät allerdings schon beim nachgestellten Kennenlernen in einer leeren Diskothek zur Farce. Erst der plötzlich auftauchende Exfreund (Hans Longo) von Heinz kann für etwas Durcheinander in der eingerosteten Beziehung sorgen. Lachmanns Plot entwickelt sich dabei zwar recht behäbig aber auch nicht ganz unkomisch. Als mehr oder minder gut funktionierende Gegenpaare sieht man Rolf Becker als Hans‘ Vater und Christine Schorn als demente Mutter, seinen schwulen Bruder (Sebastian Schwarz) und dessen Freund (David Ruland), einen früheren Schulkameraden (Arnd Klawitter) und dessen frustrierte Frau (Josefine Voss) oder Heinz‘ pedantische Schwester (Kathrin Wichmann) und ihren unter der Fuchtel stehenden Mann (Felix Goeser). Da fällt die Einsicht nicht schwer, es vielleicht doch nicht ganz verkehrt zu machen. Ein Singing in the Rain ist der Film nicht gerade, aber mit ganz witzigen Mitteln versucht Laura Lackmann auch eher solche Hollywoodklischees von der großen Liebe auf die Schippe zu nehmen. Die Spielfilmjury verlieh ihr dafür immerhin den Preis für das beste Drehbuch.

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Zwei im falschen Film (D, 2017)
Regie: und Buch: Laura Lackmann
Kamera: Friede Clusz
Mit: Laura Tonke, Marc Hosemann, David Bredin, Katrin Wichmann, Christine Schorn, Hans Longo, Josefine Voss, Sebastian Schwarz, David Ruland, Felix Goeser, Rolf Becker, Marie Meinzenbach, Romina Maria Ostermann, Arnd Klawitter
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart 31.05.2018

Infos: http://www.farbfilm-verleih.de/filme/zwei-im-falschen-film/

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39 Jahre, Single und momentan arbeitslos, so beschreibt sich die freie Texterin und Onlineredakteurin Alice (Eva Löbau). Auch sie könnte man im falschen Film vermuten. Sie verfügt über mehrjährige Berufserfahrungen und viele Qualifikationen, aber im Moment will einfach nichts gelingen. Mit kleinen Jobs bei Produkttestaktionen von Marktforschern, bei denen sie allerdings meist nur Gutscheine erhält, versucht sie sich halbwegs über Wasser zu halten und futtert sich hin und wieder bei den Eltern (Veronika Nowag-Jones und Axel Werner) durch, ist aber auch zu stolz, diese um Geld zu bitten. Alice fühlt sich wie beim Spiel Reise nach Jerusalem [so auch der Filmtitel], immer im falschen Moment am falschen Ort. Dazu kommt noch jede Menge Pech. Ein abgebrochener Zahn kurz vor einem Bewerbungsgespräch wird da zum verzweifelten Run nach dem fehlenden Geld für den Zahnarzt. An Einfallsreichtum mangelt es Alice nicht, nur an etwas Glück, dass ihr hier scheinbar nur eine frech verfasste Onlinebewerbung unter Alkoholeinfluss bringt.

 

Reise nach JerusalemFoto (c) Ralf Noack

 

Regisseurin Lucia Chiarla erzählt von den kleinen, andauernden Demütigungen des Alltags, denen Menschen ohne Job und Perspektive in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Das geht von der Bevormundung des Jobcenters, das einem immer neue Bewerbungsschulungen und andere Maßnahmen aufdrückt, über kleine Lügen bei Freunden, die die Beschäftigungslosigkeit und den Geldmangel kaschieren sollen, bis zu existenziellen Problemen, wenn die Miete oder das Essen nicht mehr bezahlt werden können. Mit einem lachenden und weinenden Auge zeigt Reise nach Jerusalem auch ganz gut die Nöte des Berliner Kreativprekariats. Eva Löbau brilliert in der Rolle der nie aufgebenden Alice, die in ihrem gewitzten Nachbarn (Beniamino Brogi), einem Musiker und Gelegenheitsstripper, nicht nur einen dringend benötigten Freund, sondern auch einen kreativen Antreiber findet.

Der Film Lucia Chiarla gehört zu den Abräumern des achtung berlin new berlin film awards. Neben dem Preis für den besten Film, einer lobenden Erwähnung für das Drehbuch, das Lucia Chiarla selbst verfasst hat, und dem Preis des englischsprachigen Stadtmagazins The Exberliner konnte Eva Löbau auch den Preis für die beste Schauspielerin einheimsen.

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Reise nach Jerusalem (D, 2018)
Regie, Buch: Lucia Chiarla
Kamera: Ralf Noack
Mit: Eva Löbau, Beniamino Brogi, Veronika Nowag-Jones, Axel Werner, Julia Sophie Mink, Constanze Priester, Christian Schmidt, Nils Schulz, und als Gäste Jan Henrik Stahlberg, Antonio Wannek

Infos: https://filmreisenachjerusalem.com/

 

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Im kreativen Künstlermilieu spielt auch der erste Film von Schauspieler und Theaterregisseur Cornelius Schwalm. Er führte Regie, schrieb mit am Drehbuch und spielt auch selbst die Hauptrolle, einen deutschen Theaterregisseur, der mitten in den Proben zum Stück Die Ermittlung von Peter Weiss mit Teilen seines Teams nach Polen fährt, um sich vor Ort in Auschwitz inspirieren zu lassen. Wenn man Schwalm kennt, dann weiß man, dass das kein langweilig korrekter Film zur deutschen Vergangenheitsbewältigung werden konnte. Schwalm drehte eine schwarzhumorige Satire als Kommentar zur auch unter Intellektuellen verbreiteten recht verlogenen Gedenkkultur und den immer noch vorherrschenden Ressentiments vieler Deutscher, Relativierung des Holocausts inbegriffen.

 

Hotel AusschwitzFoto (c) CollaboratorsFilms/MariaKron

 

Was der sich auf dem Karrieresprung nach Hamburg befindende, recht erfolgreiche Theaterregisseur Martin für ein Typ ist, zeigen schon die Proben zu Beginn des Films. Hier soll ganz große Kunst entstehen. Man hat als Ort dafür das Haus der Berliner Festspiele nutzen können. Martin ist einerseits cholerischer Künstler und macht sich zudem noch an seine Hauptdarstellerin Sabine (Franziska Petri) ran. Die hat allerdings ein Verhältnis mit dem Hauptdarsteller Holger (Patrick von Blume), was zu einigen Komplikationen in der kleinen Reisegruppe führt. Zu der gehören weiterhin Martins Assistent Matti (Jörg Kleemann), der eigene künstlerische Ambitionen hegt, und der recht unsensible Fahrer Bronski (Oliver Bigalke). Weitere Reibungen sind da vorprogrammiert und treten auch nachdem eine polnische Darstellerin (Katharina Bellena) mit jüdischer Großmutter zum Team stößt auf.

Hotel Auschwitz karikiert den künstlerischen Gestaltungswillen des Regisseurs, der die geschichtlichen Dimensionen mit zweifelhaften Mitteln erreichen will. In vor Ort zu drehenden Videotrailern werden SS-Uniformen, KZ-Kleidung und Walter Benjamins Engel der Geschichte zu einem kulturhistorischen Klischeebrei verrührt. Die unkonventionelle Herangehensweise des polnischen Filmteams, das einen Nazitrash-Actionfilm dreht, imponiert dem Regisseur, der merklich in einer kreativen Schaffenskrise steckt und nur noch Augen für Sabine hat. Nach einer durchzechten Nacht prallen dann schließlich die aufgestaute Wut des gedemütigten Assistenten und jede Menge Egos ungebremst aufeinander. Schwalm nimmt auf ironische Weise das deutsche Theatersystem auf die Schippe und liefert ein ganz treffendes Bild für hierarchische Abhängigkeiten. Auffällig sind auch die recht bemerkenswerte Kameraführung von Birgit Möller und Florian Lampersberger sowie die eigens für den Film komponierte Musik von David Scheler.

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Hotel Auschwitz (D, 2018)
Regie: Cornelius Schwalm
Buch: Cornelius Schwalm, Christiane Lilge
Kamera: Birgit Möller, Florian Lampersberger
Mit: Cornelius Schwalm, Franziska Petri, Patrick von Blume, Jörg Kleemann, Katharina Bellena, Oliver Bigalke, Harald Siebler, Verena Unbehaun

Infos: http://www.collaboratorsfilms.com/

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Sehr wenig mit Berlin hat der Wettbewerbsbeitrag Sarah joue un loup garou (Sarah spielt einen Werwolf) der Schweizer Regisseurin Katharina Wyss zu tun. Sie studierte in Berlin an der UdK Filmregie. Die Hochschule hat ihr die Finanzierung ihres lange geplanten Erstlings mit ermöglicht. Angesiedelt ist er im schweizerischen Freiburg, der Heimatstadt der Regisseurin, wo gleichsam schweizerdeutsch und französisch gesprochen wird. So auch im Film, der die Geschichte der 17jährigen Schülerin Sarah (Loane Balthasar) erzählt. Sahra ist eher introvertiert und romantisch veranlagt und versucht ihre diffusen Gefühle in einer Jugendtheatergruppe auszuleben. Die Liebe zur Kunst und Musik hat sie von den Eltern. Der Vater liebt Wagneropern, die Mutter ist Musiklehrerin.

 

Sarah joue un loup garouFoto (c) Interemezzo Films

 

Allerdings ist das Elternhaus auch mit Sarahs größtes Problem. Der Vater scheint eine für den Zuschauer recht undurchsichtige, durchaus auch sexuell übergriffige Machtrolle zu spielen, der sich Sarahs älterer Bruder wohl auch durch ein Studium in Heidelberg entzogen hat. Allein gelassen hängt Sarah in Romeo-und-Julia-Rollenspielen ihren morbiden Tagträumen nach. Zudem erfindet sie einen imaginären Freund, der gestorben sein soll. Sarah fühlt sich von ihren Mitschülern unverstanden und isoliert sich immer mehr. Auch die Freundschaft zum Mädchen Alice aus der Theatergruppe, die Georges Batailles Das obszöne Werk liest, hält nicht lange an. Manifestiert Sarah ihre sexuellen Verstörungen in einem von der christlichen Märtyrerin Barbara inspirierten Folterspiel für die Theatergruppe, flieht Alice zu einer echten Beziehung mit einem Jungen.

Katharina Wyss‘ Film ist keine leichte Kost, taucht er doch tief in die Psyche eines heranwachsenden Mädchens ein, das sich zunehmend mit Selbstmordgedanken trägt. In teilweise fast surreal wirkenden Bildern wird der Plot fast ausschließlich aus der Sichte des Mädchens erzählt. Sarah blendet die Realität immer mehr aus, was recht verstörend wirkt, wenn sie an für die anderen nicht mehr nachvollziehbaren hysterischen Wahnvorstellungen leidet. Auch hier trägt eine exzellente Kameraführung zur ästhetischen Versinnbildlichung der inneren Probleme der Hauptdarstellerin bei. Der eindrucksvolle Film empfahl sich durchaus für einige der ausgelobten Preiskategorien, Der eindrucksvolle Film empfahl sich durchaus für einige der ausgelobten Preiskategorien. Katharina Wyss erhielt neben dem Preis für die beste Spielfilmregie auch noch eine lobende Erwähnung des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFK).

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Sarah joue un loup garou (D, 2017)
Regie: Katharina Wyss
Buch: Katharina Wyss, Josa Sesink
Kamera: Armin Dierolf
Mit: Loane Balthasar, Manuela Biedermann, Simon Bonvi, Monica Budde, Sabine Timoteo, Michel Voïta, Annina Walt

Infos: http://sarahjoueunloupgarou.ch/

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Der undotierte Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFK) in der Kategorie Bester Spielfilm ging dann an Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? von Regisseurin Kerstin Polte. Die Tragikomödie beschäftigt sich mit der Liebe, dem Leben und dem Tod, also alles, was man gerne so aufschiebt oder auch verdrängt. Und so fragt sich die 60jährige Charlotte (Corinna Harfouch) nach 38 Ehejahren an der Seite ihres Mannes Paul (Karl Kranzkowski) und einer Alzheimerdiagnose: „Warum muss ich eigentlich verschwinden, wenn ich noch gar nicht richtig da war.“ Diese Frage ist eigentlich an eine höhere Instanz gerichtet, die hier in der Gestalt des melancholischen Gottes Horster (Bruno Cathomas) auf einer kleinen Insel residiert und sich ebenfalls ein paar Fragen zur eigenen Existenz und seinem schöpferischen Wirken stellt, die Frage nach dem Grund für die Liebe aber ebenso wenig schlüssig beantworten kann, wie die nach dem Tod. Letztendlich sind es die Schmetterlinge im Bauch, die auch mit den Jahren nicht wieder heraus kommen wollen, und die die ProtagonistInnen dieses kleinen poetischen Meisterwerks in ihrem Handeln bestimmen.

 

Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? – Foto (c) AlamodeFilm

 

Nichts mehr auf die lange Banken schieben möchte Charlotte und lässt Mann Paul kurzentschlossen auf einer Autobahnraststätte stehen. Statt wie immer in die Berge will sie nun endlich mal ans Meer. Begleitet von ihrer Enkelin Jo (Annalee Ranft) trifft sie dort besagten Gott Horster, der, wie er gesteht, in einer depressiven Phase, einiges falsch gepolt hat. Mit viel Witz und Situationskomik schlägt sich das Filmpersonal durch die norddeutsche Landschaft bis an die Küste, wo das Verfolgertrio bestehend aus dem verzweifelten Paul, der chaotischer Tochter und gefeuerter Fahrlehrerin Alex (Meret Becker) sowie der feinfühligen Fernfahrerin Marion (Sabine Timoteo) schließlich mit ein paar Erkenntnissen mehr auf Charlotte und ihr Traumeiland treffen. Ob es hier unbedingt der eingeschobenen Metaebene eines menschgewordenen Gottes bedurft hätte, sei einmal dahingestellt. Begleitet wird das Ganze jedenfalls von einem tollen, zum Teil live eingespielten Soundtrack von Johannes Gwisdek (Sohn von Corinna Harfouch und Käptn-Peng-Musiker) und Meret Becker. Bereits vor sieben Jahren hatte Kerstin Polte erste Ideen zum Film und dann viel Überzeugungsarbeit zu dessen Finanzierung zu leisten, es dann aber auf Anraten ihrer Hauptdarstellerin einfach ohne versucht. Eine Mühe, die sich letztendlich gelohnt hat.

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Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? (D, 2017)
Regie und Drehbuch: Kerstin Polte
Kamera: Anina Gmuer
Mit: Corinna Harfouch, Karl Kranzkowski, Meret Becker, Sabine Timoteo, Annalee Ranft, Bruno Cathomas, Nagmeh Alaei, Jonas Müller-Liljeström, David Hugo Schmitz
Kinostart: 03.05.2018

Infos: http://www.alamodefilm.de/kino/detail/wer-hat-eigentlich-die-liebe-erfunden.html

Achtung Berlin new berlin film award
11.04. – 18.04.2018

Infos: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 16.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Der Schauplatz Berlin als sozialer und poltischer Brennpunkt in zwei Inszenierungen im Theaterdiscounter Mitte und der Volksbühne am Rosa-Luxenburg-Platz

Mittwoch, Januar 28th, 2015

„Gierig? Dann sind sie verloren.“ – Im Theaterdiscounter übertragen MARIAKRON Jean Giraudoux‘ Pariser Spekulanten-Komödie Die Irre von Chaillot ins gentrifizierte Berlin der Gegenwart

Carl von Ossietzky bescheinigte in den 1920er Jahren dem französischen Diplomaten und Schriftsteller Jean Giraudoux (1882-1944) in einer Romanrezension „ein Meister der feinsten epigrammatischen Spitze“ zu sein, „was ihn nicht hindert, gelegentlich statt des Floretts den Stock zu führen“. Das trifft im Groben wohl auch auf seine 1943 geschriebene Komödie La Folle de Chaillot (dt.: Die Irre von Chaillot) zu – eine bissige Satire auf das Pariser Spekulantentum im von den Deutschen besetzten Paris.

Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter - Foto (c) Mariacron

Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter
Foto (c) Mariacron

Der eigentlich recht germanophile Giraudoux hatte sich schon in der Zeit von 1924-28 als Pressechef im französischen Außenministerium und von 1939-40 gar als französischer Propagandaminister seine Meriten in puncto politischer Agitation verdient. Während des Krieges schwang er dann für das Radio sein scharfes, satirisches Florett gegen die deutschen Besatzer. Er ist diesbezüglich allerdings auch nicht ganz unumstritten. Eine gute Ausgangsposition also für das künstlerische Gemeinschaftsprojekt MARIAKRON um Regisseur Cornelius Schwalm, Schauspielerin Verena Unbehaun sowie Dramaturgin und Autorin Sophie Nikolitsch, ihrerseits satirisch, agitatorisch mit dem Stoff zu experimentieren.

Banker, Makler, Grundstückspekulanten gibt es ja auch im schönen Berlin in Hülle und Fülle, nur mit den Erdölvorkommen hapert es hier ein wenig. In Giraudoux‘ Stück wird nämlich einer Gesellschaft von Geschäftsleuten – bestehend aus einem Präsidenten, Baron, Börsenmakler und Prospektor (Fachmann für die Suche nach Rohstoffvorkommen) – die Gier nach dem schwarzen Gold zum Verhängnis. In einem Pariser Café haben sie zuvor die Sprengung alter Gebäude beschlossen, um an den erhofften Bodenschatz zu kommen. Eine Gruppe Einheimischer um die alte, kauzige Dame Aurélie, genannt die Irre von Chaillot, vereitelt den Plan der Spekulanten und lockt nach einem Schauprozess in Abwesenheit der Delinquenten die gesamte Blase mit einem Trick in die unterirdische, sich labyrinthisch verzweigende Pariser Kloake. Der Geschmack des mit einem in Öl getränkten Wattebauschs versetzten Leitungswassers soll suggerieren, dass sich im Keller eines Hauses die gesuchte Quelle befände. Die frohe Botschaft verbreitet sich in Windeseile unter den Pariser Gierschlünden aller Couleur, was zum vollkommenen Erfolg für die Verteidiger des Viertels beiträgt.

Sicher, ein schönes Märchen, aber: „Ist es nicht recht und billig, die Schlechten zu richten?“, wie es im Stück heißt. Eine Frage, an der sich sicher nicht sofort die Geister scheiden werden. Eher an der, wie sich das heute anstellen ließe, wenn es denn tatsächlich dazu käme. Darauf hat dann aber das Kollektiv MARIACRON auch keine adäquate Antwort gefunden. Man hält sich im Großen und Ganzen an den vorgegebenen Plot. Soviel zur politischen Wirksamkeit von Kunst.

Als treffende Gesellschaftsbetrachtung inklusive kritischer Innenschau der Berliner Kunstszene taugt die phantastisch anmutende Komödie aber allemal, denkt sich das Team und lässt die betuchten Gauner als städtisches Konglomerat aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft auftreten. Das gesättigte Geld-Bürgertum, emporgekommen durch verschiedenartige Betrügereien, schaut von oben herab auf die Berliner Bohème aus lauter Borderlinern, einem Kunstprekariat, das sich mit Kellnerdiensten, Tellerwaschen oder Vorgaukeln ominöser Kunstziele über Wasser hält.

Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter Foto (c) Mariacron

Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter
Foto (c) Mariacron

Berlin soll schöner werden, hat sich die neu gegründete Gesellschaft (Silvina Buchbauer, Mareile Metzner, Anne Retzlaff, Matthias Rheinheimer und Verena Unbehaun) im Dienste des Schönen und der Kaufkraft auf die Fahnen geschrieben. Ihr neuer Klassizismus orientiert sich dabei an den Linien von Townhäusern. Kunst im öffentlichen Raum ist den Snobs wie Analficken ohne Gleitmittel. Das Unkraut aus dem Wildwuchs diverser Projekte und Stückentwicklungen gehört ausgemerzt. Als nicht ganz freiwilliger Vollstrecker der Ziele des schürfwütigen Konsortiums findet sich der Kleinganove Pierre (Musiker Robert Rating, Mitglied bei The Incredible Herrengedeck) wieder. Hier ein gut gepamperter Staatskünstler, der die Obrigkeit mit kleinen Kunststückchen bei Laune hält und auch sonst erpressbar ist. Die herrschenden Förderstrukturen haben den Künstler gezähmt. Rilkes Panther im Käfig aus tausend Stäben, und hinter tausend Stäben keine Welt. Pierre soll nun also die erste Bombe an die alten Strukturen legen. Was dem gescheiterten Konzeptkünstler einiges Unwohlsein bereitet, und ihn schließlich an den Rand des Selbstmords treibt.

Das entbehrt nicht einer gewissen Selbstironie, wenn auch im Weiteren nicht viel mehr als eine schmale Sozial-Klamotte mit Musik herausspringt. Die Schauspieler wechseln schnell Kleider wie Rollen und verkörpern nun die Pariser/Berliner Alteingesessenen, die es bestens verstehen, den abtrünnigen Lebensmüden alsbald wieder in die eigenen Reihen einzugliedern. Man gibt sich kämpferisch, reckt die Faust und stimmt die Solidarity-Hymne der britischen Anarcho-Oi-Punk-Band Angelic Upstarts an. Das Zeitalter der Sklaven und Peiniger ist vorbei.

Würde man sich jetzt vielleicht etwas mehr an freier Bearbeitung wünschen, hängt die Inszenierung trotz einiger Kürzungen doch wieder an Giraudoux‘ Textvorlage vom schon beschrieben Plan, die Übeltäter verschwinden zu lassen und einer vorangehenden abstrusen Gerichtsshow. Die von Aurelie (Silvina Buchbauer) angeführte Gemeinschaft der angeblich Irren, Lumpensammler, Tellerwäscher und Kloakenreiniger setzt ihr Vorhaben minutiös in die Tat um. „Wenn man vernichtet, muss man im Großen vernichten.“ Die Welt soll aus den Händen der Macker befreit werden. Die kleine Liebesstory zwischen der Geschirrwäscherin Irma (Anne Retzlaff) und Pierre geht dabei völlig in akrobatischen Körperübungen unter.

Nachdem die sich nun auch namentlich outende Neuberliner Szene des Prenzlauer Bergs in den rauchenden Schlünden der Kloake verschwunden ist, werden Tür und Fenster aufgerissen und frische Luft in den verqualmten kleinen Saal des Theaterdiscounters gelassen. Das Vorlesen der Namen der plötzlich Verstorbenen wie Steuersünder Uli Hoeneß, die Samwer-Brüder, als bekannte Aasgeier des globalen Internethandels, und andere Promis aus Wirtschaft, Politik und Boulevard durch die Dramaturgin des Abends ist dann aber weder Florett noch Stock, sondern mehr der gute alte Holzhammer, mit dem man bekanntlich alles platt kriegt. The Power of Love richtet die am Boden liegenden dann schon wieder auf. Aber wenn schon die 80er, dann doch passender zum Stück mit den Fun boy Three im Tunnel of Love. Get down on your knees!

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DIE IRRE VON CHAILLOT / eine Lynchkomödie
in einer freien Bearbeitung des Lustspiels La Folle de Chaillot von Jean Giraudoux
Text / Regie: Cornelius Schwalm
Dramaturgie / Text: Sophie Nikolitsch
Bühne: Hovi-M
Kostüm: Andrea Göttert
Produktion: Theaterdiscounter & Mariakron
Mit: Silvina Buchbauer, Mareile Metzner, Robert Rating, Anne Retzlaff , Matthias Rheinheimer und Verena Unbehaun
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere im Theaterdiscounter vom 22.01.2015
Termine: 24., 25., 28., 29. und 30.01.2015 sowie 06., 07. und 08.03.2015

Infos: http://www.theaterdiscounter.de/stuecke/die-irre-von-chaillot

Zuerst erschienen am 25.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Blutsbrüder, der Berliner Cliquenroman von Ernst Haffner, inszeniert von Sebastian Klink im 3. Stock der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

„Acht Jungens, sechzehn bis neunzehn Jahre alt. Einige sind aus der Führsorgeanstalt geflohen. Ihre Geburt, ihre früheste Jugend fiel in die Zeit des Krieges und Nachkrieges.“ So stellt uns Ernst Haffner (1900-1938) die Blutsbrüder aus seinem 1932, ein Jahr vor der Machtergreifung der Nazis erschienen Roman Jugend auf der Landstraße Berlin vor. Berlin ist da längst schon Brennpunkt der Straßenkämpfe zwischen militanten linken und rechten Gruppierungen. Das klammert der Autor in seinem einzigen und wie eine Reportage gestalteten Roman völlig aus. Trotzdem wird der (wie auch das wesentlich bekanntere Werk Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin) 1933 von den Nazis verbrannt. Haffner ist zwar kein Döblin oder Fallada, aber auch er beschreibt in ebenso sachlichem Stil aus erlebten Rede und innerem Monolog ganz ähnliche Situationen aus dem Berlin von unten.

Der Journalist und Sozialarbeiter Haffner, dessen Spur sich in der Zeit vor dem Krieg verliert, schildert recht detailreich die Kunst des Überlebens in der Hauptstadt eines durch die Weltwirtschaftskrise arg geschüttelten Deutschlands mit seinen 5 Millionen Arbeits- und Hunderttausenden von Obdachlosen. Er beschreibt die brutalen Erziehungsmethoden in den Führsorgeheimen genauso wie die elenden Bedingungen in Obdachlosenasylen, Wärmhallen und Hinterhofwohnungen. Der tägliche Kampf um Brot, Zigaretten und einen Platz zum Schlafen zwischen Bettelei, Kleindiebstählen und Prostitution steht neben der Schilderung echter Freundschaften einzelner Blutsbrüder und ihren ersten zaghaften Liebeleien. 2013 brachte der Aufbau-Verlags-Ableger Metrolit Haffners Buch (Blutsbrüder – Ein Cliquenroman) als „sensationelle Wiederentdeckung“ neu heraus.

Volksbühne - Foto: St. B.

Foto: St. B.

In der Inszenierung der Bühnenfassung Blutsbrüder von Thomas Martin im 3. Stock der Volksbühne unterstreicht Jungregisseur Sebastian Klink am Beginn den titelgebenden Akt der Bruderschaft aus jugendlichen Landstreichern auch ganz bildlich mit Messer und Theaterblut, das die 8 Darsteller hier mit Bier vermischt aus einem Eimer saufen müssen. Einen Cliquenturbo frei nach Ernst Haffner will Klink hier mit Absolventen der Schauspielschule Ernst Busch, Mitgliedern des Volksbühnenensembles und freien Darstellern anwerfen. Was aber zunächst anspringt ist der Videoapparat, einmal in Form einer alten Röhrenkiste, auf der wie im Stummfilm die Zwischenüberschriften der Spielhandlungen angezeigt werden und dann an der Rückwand der Bühne, wo in guter alter Castorf-Manier, Szenen aus den Stammkneipen der Bande wie der „Rückerklause“ und dem „Mexico am Alex“ oder dem „Schmidt in der Linienstraße“ ablaufen, was hier wie eine Endlos-Liveübertragung aus der Volksbühnenkantine wirkt.

Das gut halbstündige Schwarzweiß-Filmintermezzo wird von einem Erzähler kommentiert, ansonsten gibt es viel Geschrei und auf die Fresse. Die Berliner Schnauze sitzt hier auf dem rechten Fleck. Höhepunkt ist der Bericht des jungen Wilhelm, der, aus der Erziehungsanstalt geflohen, seine Reise unter dem D-Zug von Köln nach Berlin wie in einer für diese Jahre typischen Radioreportagen erzählt. Die Dokumentation durch Film und Radio ist eine wichtige Referenz für Regisseur Klink, um das nötige soziale wie kulturelle Zeitkolorit einzufangen. Die auf der mit schwarzem Feinsplitt bestreuten Bühne aufgestellte drehbare Sperrholzplatte hat seitliche Löcher wie ein Filmstreifen und dient als einfache Wand, waagerechte Spielplattform oder Schiffsschaukel auf dem Rummel. Und die Blutsbrüder gehen natürlich auch gern ins Kino. Man spielt dabei nicht nur Haffner, sondern auch kurze Szenen aus Professor Unrat und M – Eine Stadt sucht einen Mörder nach.

Nun surrt auch endlich der Turbo, und Klink gibt mit seiner Inszenierung richtig Gas. Im Mittelpunkt stehen auch hier wie im Roman die beiden getürmten Führsorgezöglinge Ludwig und Wilhelm (herausragend Patrick Güldenberg und Gabriel Schneider). Um ihre Geschichte herum entspinnt sich ein schneller Reigen von Spielszenen aus dem täglichen Cliquenleben. Mal geht es um die buchstäbliche Wurst, dann sitzt man in der U-Haft, ist auf der Flucht oder feiert im Schnapsdunst bis zur Besinnungslosigkeit. Bei der kindlichen Rummelprostituierten Elli (Isabel Thierauch) holt sich Willi seinen ersten Tripper, und bei der schlesischen Olga (Franziska Hayner) gibt es für 5 Groschen eine Matratze mit Wanzen.

Blutsbrüder (c) Metrolit

Arbeitslose Jugendliche in Berlin – Bildquelle: http://www.metrolit.de

Ansonsten reißt man ordentlich Witze, drischt anzügliche Trinksprüche und singt Lieder der Zeit. Das ist durchaus witzig gemacht und durch die Busch-Absolventen auch hingebungsvoll gespielt. Der zugegebenermaßen etwas belehrende Ton der Vorlage wird allerdings gnadenlos vor allem vom altgedienten Volksbühnenmimen Axel Wandtke (in verschiedenen Rollen) wegberlinert oder auch mal im feinen Wienerdialekt eines schnöseligen Ku’damm-Freiers (Alexander Ebeert) karikiert.

Das Abrutschen der Clique ins kriminelle Milieu ist vorgezeichnet und wird auch hier kurz anskizziert. Wer es genauer wissen will, muss allerdings das Buch lesen. Wo Klink Haffner nicht mehr ausreicht, streicht er, ergänzt mit Fremdtexten oder spinnt die Story einfach in die nahe und ferne Zukunft weiter inkl. Ausflug in den Schützengraben. Franz Biberkopf grüßt vom Alexanderplatz, der Name Erich Mielke taucht auf, und Fred, der Stellvertreter (Rouven Stöhr) des „Cliquenbullen“ Johnny (Sebastian Schneider), trägt irgendwann Hakenkreuzbinde und träumt vom Führer. Und während die beiden abtrünnigen Blutsbrüder Friedrich und Wilhelm noch über ihre Zukunft sinnieren, steht der ehemalige Cliquenführer in KZ-Kleidung schon hinten an der Wand.

Wenn auch nicht gerade sehr politisch, so wendet sich Ernst Haffner in seinem recht detailgetreuen Tatsachenbericht auch immer wieder indirekt mit ganz konkreten Fragen an die Leser seiner Zeit, wie etwa: „Gibt es Trostloseres als diese Wärmehalle im ausrangierten Straßenbahnschuppen?“ Trostlos ist auch im heutigen Berlin noch so manches. Nur Fragen stellt sich hier kaum noch jemand.

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BLUTSBRÜDER (3. Stock, 24.01.2015)
Cliquenturbo nach Ernst Haffner. In der Fassung von Thomas Martin
Regie: Sebastian Klink
Bühne und Kostüme: Gregor Sturm
Licht: Hans-Hermann Schulze
Ton: Christopher von Nathusius
Video: Konstantin Hapke
Kamera: Mathias Klütz, Adrien Lamande
Mitarbeit Dramaturgie: Thilo Fischer
Mit: Alexander Ebeert, Patrick Güldenberg, Franziska Hayner, Gabriel Schneider, Sebastian Schneider, Rouven Stöhr, Axel Wandtke und Isabel Thierauch
Dauer: ca. 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause
Premiere war am 22. Januar 2015
Weitere Termine: 29., 30. 1. / 13. – 15. 2. 2015

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/blutsbrueder/?id_datum=8571

Blutsbrüder (c) Metrolit

Blutsbrüder (c) Metrolit

Literarturhinweis:

Ernst Haffner
Blutsbrüder
Ein Berliner Cliquenroman
Gebunden, mit SU, 240 S. 19,99 Euro
Metrolit Verlag, Berlin 2013

Zuerst erschienen am 26.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Dreimal explosive Dreierkonstellation – „X Freunde“ von Felicia Zeller, „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ nach Harold Pinter im Theater unter Dach und „Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe“ im Ballhaus Ost

Freitag, Juni 28th, 2013

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X Freunde – Stephan Thiel inszeniert Felicia Zellers neues Stück am Theater unterm Dach Berlin

„Stress soll ja auch positiv, obwohl, positiver Stress, diesen Begriff hat sich auch mal wieder jemand ausgedacht, dessen Job es ist, diese Welt für uns Unglückliche und Verzweifelte POSITIVER STRESS! Gestresst zu sein, ist nichts weiter als ein modischer Euphemismus für einen schlecht gelaunten, müden und aggressiven Menschen WIR WARTEN! HALLO!“ Peter Pilz in „X Freunde“ von Felicia Zeller

X Freunde von Felicia Zeller im Theater unterm Dach - Foto: St. B.

X Freunde von Felicia Zeller im Theater unterm Dach.
Foto: St. B.

Felicia Zellers Figuren stehen ständig unter Strom. Es scheint, als müssten die Schauspieler bei einem Schnellsprechwettbewerb reüssieren, und nicht am Theater, für das Zeller ihre Charaktere aus dem prallen Leben immer wieder direkt auf die Bühne katapultiert. Da tummeln sich dann biertrinkende Frauen, gestresste Mütter wollen ihre Au-pairs heiraten oder drei überforderte Sozialarbeiterinnen verzetteln sich in groteskem Sozialamtsdeutsch. Am liebsten nimmt sich die in Stuttgart geborene und seit einigen Jahren in Neukölln lebende Autorin aber die alltäglichen Klischees aus dem eigenen Umfeld vor und verwurstet diese in anarchisch komischen Kolumnen wie „Einsam lehnen am Bekannten“. Eine Auswahl daraus gab es 2011 am Ort ihres Entstehens im Heimathafen Neukölln zu sehen.

Zellers Stücke sind im wahrsten Sinne des Wortes dreidimensionale Gebilde, wie sie selbst es formuliert. Bühneraum, Körper und Sprache ergeben dabei im besten Falle eine untrennbare Einheit, was den Schauspielern auch immer einiges an Körperbeherrschung abverlangt. Anfang Oktober 2012 wurde Felicia Zellers vom Schauspiel Frankfurt/M in Auftrag gegebenes Stück „X Freunde“ ebenda uraufgeführt. Wieder ein extrem schnelles Sprachgebilde über eine typisch deutsche Sozialkrankheit, der schier unheilbaren Sucht nach Arbeit, befördert durch einen ständigen Kreativzwang und unbegrenzt freiwillige Selbstausbeutung. Eine Mischung aus der Explosivität einer Dreierkonstellation unter Freunden und situationsbedingter Sprachkomik.

Das Stück wurde außerdem in der Inszenierung von Bettina Bruinier zu den im Mai stattfindenden Mülheimer Theatertagen eingeladen. Die Regisseurin stellt die drei notorisch nervösen Zellerfiguren als Zappler und Schaumschläger in einen mit Papierwänden ausstaffierten Raum der mit Matratzen ausgepolstert ist. Geschlafen wird, wenn überhaupt, nur im Stehen. Man kann dies auch als eine Kreativzelle des beginnenden Wahsinns deuten. Die Figuren bewegen sich im Dauerbetrieb und fallen nur hin und wieder in einen kurzen Standby. Aus diesem festumzirkelten Ring gibt es kein Entrinnen, geht keiner als Sieger hervor. Man kann den Darstellern vergnügt fast 2 Stunden beim Frasieren, Jammern oder ihre Hymnen an den Laptop singend zusehen. Aber nachdem die Papierfassaden abgerissen sind und die Gerippe ihrer Existenzen zum Vorschein kommen, ist die Luft auch ziemlich raus aus dem bunten Treiben auf der Bühne.

Allen, die nicht nach Frankfurt oder Mülheim fahren konnten und auch das Gastspiel bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater Berlin verpasst haben, sei das Berliner Theater unterm Dach wärmstens empfohlen. Dort hat Regisseur Stephan Thiel nach seiner gefeierten Inszenierung von „Kaspar Häuser Meer“ Anfang April auch das neueste Stück von Felicia Zeller auf die kleine Bühne unter dem Dach des kommunalen Kulturzentrums an der Danziger Straße gebracht.

Mit von der Partie ist wie schon in „Kaspar Häuser Meer“ die quirlige Tilla Kratochwil als Unternehmensberaterin Anne, die nach der Kündigung ihr eigene Agentur „Private Aid“ gegründet hat, und nun die Politik mit neuen Ideen für „Wege aus der Gleichgültigkeitskrise“ versorgen will. An ihrer Seite hat Christoph Schüchner als Ehemann Holger und ehemaligem Betreiber eines Pleite gegangen Cateringservice keinen leichten Stand. Als beider Freund und Bildhauer Peter hadert Jaron Löwenberg mit sich und dem fordernden Kunstbetrieb. Seinem Projekt „X-Freunde“ fehlt der krönende Abschluss für die bevorstehende Ausstellung in Schwaden-Schwaden. Ein riesiger Stein-Monolith steht in seinem Atelier und wartet auf die finale Idee des Künstlers, den ultimativen letzten Freund.

X-Feunde_TuD

X Feunde im Theater unterm Dach.
Foto: (c) Produktion

Diese drei Charaktere stehen stellvertretend für ein zum ständigen Erfolg verurteiltes Kreativprekariat, very busy und immer auf dem Sprung. Keine Zeit mehr für eine Pause, man ist ja schließlich kein Schokoriegel aus der Werbung und schon gar nicht in einer dieser Komm-doch-mal-auf-einen-Espresso-vorbei-Ich-bin-schon-da-Agenturen. Für ein Bier oder einen Kaffee unter Freunden bleibt da kaum noch Zeit. Das ehemalige Trio Cappuccino aus dem Café Tasse, schwärmt sentimental in Erinnerungen an alte Zeiten. Längst lebt man nur noch für die Arbeit, oder sucht verzweifelt nach Auswegen aus der Schaffenskrise. Da droht bei einer Freundschaft unter Dreien immer der Schwächste auf der Strecke zu bleiben.

Während sich Anne in ihrem wichtigen Projekt mehr und mehr zum völligen Kontrollfreak entwickelt, lenkt sich Peter mit Internet, Twitter und anderen „privatberuflichen“ Dingen ab. peter.pilz@pilzpeter.de, immer präsent und aktiv um Aufmerksamkeit heischend. Ständige Nachfragen der Kuratorin, jeder Anruf und jede noch so kleine Störung reißen ihn immer wieder aus dem Kreativprozess. Geradezu an Aufmerksamkeitsdefiziten leidet der unterbeschäftigte Holger. Unfähig mit der neuen Freiheit umzugehen, bekocht er seine Frau und sieht ihren Erfolg mangels eigener Ideen als sein Projekt. Verzweifelt trägt er sogar Baumarktbesuche als Geschäftstermine ein. Ein ertrotzter gemeinsamer Urlaub mit Anne auf einer Sonneninsel wird zur Katastrophe.

Felicia Zellers hyperventilierenden Text setzen die drei Schauspieler im Theater unterm Dach in kongeniale Bewegung um. Sie treiben zum Beat der Sprache den Wahnsinn auf die Spitze. In gekonnten Soloeinlagen wird der biegsame, flexible Mensch beim Meistern der alltäglichen Stresssituationen performt. Das Bühnenbild von Halina Kratochwil mit dem unendlich variablen Stapelregal lässt sich wunderbar den einzelnen Spielszenen anpassen. Es ist hippes Wohnaccessoire, Weinregal und Skulptur, zeigt den in sich gefangenen Künstler Peter und ist Bahre für Holger. Zur Untermalung gibt es passender Weise wunderbare A-cappella-Versionen der Kraftwerk-Songs „Computerliebe“ und „Autobahn“.

Gestresste Zeitgenossen auf Abruf - CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG und TILLA KRATOCHWIL als Holger, Peter und Anne in Felicia Zellers „X Freunde" am TuD - Foto: (c) Produktion

Gestresste Zeitgenossen auf Abruf – CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG und TILLA KRATOCHWIL als Holger, Peter und Anne in Felicia Zellers X Freunde am TuD – Foto: (c) Produktion

Laptop und das allgegenwärtige Smartphon werden zum handlichen Dauerslapstick. Tilla Kratochwil trägt einen großen Telefonhörer wie angekettet mit sich herum. Der gefeierte Neubeginn gerät letztendlich für alle immer mehr zum Fluch. Die anfängliche Erfolgstrunkenheit weicht schnell allgemeiner Ernüchterung. Die „Generation Beißschiene“, eine wunderbar doppeldeutige Bezeichnung, hat bald ihre Bissigkeit verloren und leidet an Zahn-, Kopf- und Rückenschmerzen. Trotzdem scheint allen die Suche nach der entscheidenden „Idee, die es nicht gibt“ als alternativlos. Selbst der verordnete Ausgleich durch Laufen wird für Anne gleich wieder zum Projekt.

Wie in einem Albtraum trifft man sich irgendwann bei den anonymen Workaholics. An ein Aufhören ist aber nicht mehr zu denken. Für den Erfolg macht Anne einfach immer weiter und bezahlt den Preis dafür. Einen Tod muss man schließlich sterben. Das es gerade Holger trifft, verwundert dabei nicht, sind doch Angehörige von Süchtigen aller Art selbst akut gefährdet. Für Anne geschieht auch das wie immer gerade jetzt zur unpassenden Zeit. Es fällt ihr sogar erst nach 36 Stunden wirklich auf. Das ehemalige Trio schrumpft zum Duo Infernale.

Von Peters X-Freunde-Projekt bleibt schließlich nur mehr der Staub der Steine, zugleich Grabmahl und Asche seiner auf der Strecke gebliebenen Freundschaft zu Holger. Und selbst diese Niederlage lässt sich in einem nach immer Ausgefallenerem süchtigen Kunstbetrieb wie ein Erfolg feiern. Die Laudatorin des 2009 an Felicia Zeller verliehenen Clemens-Brentano-Preises, Katja Lange-Müller, attestierte der Autorin im wahrsten Sinne des Wortes, aus Scheiße Bonbons machen zu können. Das Team um Stephan Thiel verarbeitet diese neue Steilvorlage nach allen Regeln der Kunst zu geradezu süchtigmachenden Pralinés. Bitte unbedingt weiter machen, denn auch wir zahlen gerne den Preis dafür.

Felicia Zeller bei der Preisverleihung im DT - Foto: St. B.

Felicia Zeller bei der Preisverleihung
im DT – Foto: St. B.

Einen weiteren Preis heimste Felicia Zeller am 7. Juni 2013 bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater ein. Nach der Aufführung ihres Stückes „X Freunde“ in der Frankfurter Inszenierung von Bettina Bruinier wurde ihr der mit 5.000 € dotierten Hermann-Sudermann-Preis für herausragende Leistungen im Bereich der deutschen Dramatik verliehen. Laudator Gerhard Jörder, Theaterkritiker und Zeit-Autor, würdigte den Mut der Autorin, uns die „Banalität unserer alltäglichen Lebensnot noch einmal aufzutischen“. Sie schreibe aber keine Sozialdramen sondern Sprachfarcen und wolle uns damit zeigen, wie „Menschen beim Sprechen scheitern“. Dabei sei für Jörder der zentrale Satz des Stücks „Der Wahnsinn ist, dass der Wahnsinn für alle schon Normalität ist“. Er plädierte für mehr Empathie und Mitleidensfähigkeit. Jörder stimmte weiterhin auch ein Loblied auf den heute angeblich so unterbewerteten Theater-Autor an. „Stücke, die so viel Eigen- und Hintersinn, Wahrheitswillen und Witz atmen wie die Ihren – auf sie wollen wir unter gar keinen Umständen verzichten.“ Dem ist, was Felicia Zeller betrifft, nichts weiter hinzuzufügen.

Außer, dass die Produktion X FREUNDE in der Regie von Stephan Thiel für den Friedrich-Luft-Preis 2013 nominiert ist.

Weitere Termine:

X FREUNDE von Felicia Zeller im Theater unterm Dach Berlin
mit TILLA KRATOCHWIL, CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG
Ausstattung HALINA KRATOCHWIL
Assistenz JULIA OTTEN

  • Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
  • So 30.06.13, 20:00 Uhr
  • Sa 28.09.13, 20:00 Uhr
  • So 29.09.13, 20:00 Uhr

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Flokati-Boulevard der Lügen – Mit „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ inszeniert Schauspieler Cornelius Schwalm im Theater unter Dach eine Berlin-Mitte-Ménage-à-trois nach Harold Pinters Stück „Betrogen“

„Eine Verständigung der Menschen untereinander ist etwas so Schreckliches, dass sie lieber dauernd aneinander vorbeireden, ständig über etwas anderes sprechen, als über das, was ihren Beziehungen zugrunde liegt“ Harold Pinter

Der Titel ist doppeldeutig und führt eigentlich auf eine falsche Fährte. Der irische, romantisch-symbolistische Dichter William Butler Yeats legte sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts den Titel „Daemon est deus inversus“ als Mitglied einer esoterischen Loge zu. Harold Pinter drehte in seinem bösen Boulevard-Albtraum „Betrayal“ (Betrogen) aus dem Jahr 1978 über die Beziehungslügen zwischen drei Freunden lediglich die Handlung um. Er begann mit dem Ende, bei dem das Lügengebäude langsam einzustürzen beginnt, und arbeitete sich langsam zum Beginn der Geschichte mit der Hochzeit des Paares Emma und Robert vor. Zwischen beiden steht Roberts Freund Jerry, der gleich nach der Heirat ein Verhältnis mit Emma beginnt, das über sieben Jahre andauert, in denen die drei sich aber weiterhin wie Freunde begegnen und sich dabei eiskalt und gekonnt etwas vormachen.

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott_TuD_Promo

Verena Unbehaun, Katja Uffelmann und Merle Wasmuth in „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ am Theater unterm Dach – Foto: Promo

Regisseur und Schauspieler Cornelius Schwalm (MARIAKRON) dreht noch ein wenig weiter, und besetzt die beiden Männerrollen auch mit Frauen. Bei ihm heißt Jerry nun Arndt, ist Literaturagent und wird von der bekannten Berliner Wengenroth-Darstellerin Verena Unbehaun gespielt. Seinen Freund, den Verleger Robert, gibt Katja Uffelmann, Merle Wasmuth ist seine Frau und Galeristin Emma. Schwalm reichert dieses sogenannte „amourösitäre Beziehungsbestinarium“ noch mit weiteren Motiven nach August Strindberg, Henry Rollins, Franz Xaver Kroetz und David Foster Wallace an, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, sieht man mal davon ab, dass man William Butler Yeats und David Foster Wallace vermutlich auch als Brüder im Geiste bezeichnen könnte. Das Grundmotiv ist und bleibt der umgedrehte Gott, und der ist hier der janusköpfige Dämon der Lüge, der einem trügerischen Geflecht aus Liebe, Sex und Eifersüchteleien entspringt. Man findet ihn natürlich auch in den anderen angegeben Quellen wieder.

Wir befinden uns hier wie bei Felicias Zeller wieder im kreativen Intellektuellen-Milieu. Die Story siedelt Schwalm dabei im hippen Berlin Mitte an und spult den retrospektiven Boulevard der Lügen auf weißem Retro-Flokati (Bühne: Hovi-M) ab. Eine Frau zwischen zwei Männern, die dazu noch beste Freunde sind, eine nicht ganz ungewöhnliche Konstellation, der man wohl nicht mehr allzu viel Neues entlocken kann. In mehreren Spielszenen, die durch Schwarzblende von einander getrennt werden, breiten die Drei ihr Spiel aus feinen Lügen, Eitelkeiten und Psychospielchen aus. Solange der Schein gewahrt bleibt, ist für Robert halbwegs alles in Ordnung und auch Arndt scheut die Enthüllung der Affäre und die daraus entstehenden Konsequenzen. Außenwirkung und die Beibehaltung des Status Quo sind ihnen wichtiger, als klare Verhältnisse. Und dabei geht es ihnen nur ganz am Rande um eine Freundschaft oder die Fortsetzung einer bereits gescheiterten Ehe. Nur der Erfolg zählt, Scheitern ist im Lebensplan der beiden Männer nicht vorgesehen.

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott am TuD

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott am TuD
Foto: Promo

Katja Uffelmann und Verena Unbehaun spielen ihre Hosenrollen ziemlich überzeugend, lassen aber auch kein Männerklischee ungenutzt, um es köstlich bloßzustellen. So überdreht die Story an manchen Stellen etwas. Regisseur Schwalm setzt noch einen drauf, und lässt es sich nicht nehmen, als Szeneautor Wadim Bolotkowski, eine immer wieder erwähnte Randfigur des Stücks, im Foyer in einer auf Spontanwirkung zielenden ironischen Startsequenz in den Abend einzuführen. Durch die entscheidende Kraft von Merle Wasmuths Emma, ein als Einzige zu so etwas wie echten Gefühlen fähiges Wesen und Frau, wird schließlich die anscheinend so festgefügte Fassade der Männerfallance ins Wanken gebracht und das übertriebene Spiel der anderen wieder wohltuend geerdet. Ein in vielerlei Hinsicht ähnlich angelegtes Stück wie Felicitas Zellers „X Freunde“, was vor allem das Karikaturhafte der Charaktere angeht. Regisseur Schwalm siedelt das Ganze aber noch näher am Boulevard an. Das Bittere der Lebenslügen in Pinters böser Psychofarce schlägt hier nicht angemessen ernst genug auf die Figuren zurück. So funktioniert das Stück nicht mehr unbedingt als psychologische Beziehungsstudie der Zielgruppe Mitte-Boheme, aber als sarkastischer Independent-Boulevard doch allemal noch sehr gut.

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott
Ein Beziehungsbestinarium nach Harold Pinter, Franz Xaver Kroetz, David Foster Wallace, Henry Rollins und August Strindberg. Eine Produktion von MARIAKRON
Regie: Cornelius Schwalm
Dramaturgie: Sophie Nikolitsch
Bühne: Hovi-M
Kostüm: Andrea Göttert
Spiel: Katja Uffelmann, Verena Unbehaun, Merle Wasmuth

  • Zurzeit keine weiteren Termine im Theater unterm Dach.

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Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. Ein Schauspiel zwischen medialem Kult, schwarzer Boulevardkomödie und deutscher Geschichte am Ballhaus Ost.

Eine explosive Dreierkonstellation der ganz anderen Art gibt es im Ballhaus Ost zu sehen. Da steht er vor uns, der nackte blanke Wahnsinn, gekleidet in einen frotteeweichen, weißen Bademantel der häuslichen Normalität. Und das gleich mal drei. Das Ballhaus zeigt „Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe“. Der Leipziger Schauspielers Andrej Kaminsky ist Beate. Eva Bay und Gina Henkel geben die beiden Uwes. Regisseurin Mareike Mikat und Autorin Olivia Wenzel haben ein Theaterstück erarbeitet über die Zwickauer Terrorzelle, die gemeinsam sieben Jahre lang den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) bildete und seit dem spektakulären Doppelselbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Schlagzeilen durch die bundesdeutsche Presse geistert. Übrig geblieben ist der weibliche Teil des Trios, Beate Zschäpe, die gerade im Begriff ist, im Zuge des NSU-Prozesses ihre zweite Medienkarriere zu beginnen. Der Teufel im Look einer Beate Mona Lisa.

Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost. - Foto: Marie Roth

Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe.
im Ballhaus Ost. – Foto: Marie Roth

Die von der Presse kreierte Bezeichnung „Döner-Morde“ schaffte es 2011 sogar zum Unwort des Jahres. Für den halbwegs vernunftbegabten Mensch wird es da schwierig Hintergründe zu deuten und Begriffe richtig einzuordnen oder gar die Wahrheit hinter all den Schlagzeilen, Spekulationen und angeblichen Fakten zu erfassen, die hier noch einmal auf uns niederprasseln. Die drei Täter fläzen dabei auf einem bequemen Sofa und werfen dem Publikum ihre ganze Verachtung entgegen. Sie haben gehandelt, während wir in unserer verkackten Mittelmäßigkeit allabendlich vor dem Laptop sitzen. Ihre Botschaften sind so simpel wie gefährlich. Was letztlich im Spiegel der Medienberichte davon übrig bleibt, ist ein von jeglichen Inhalten befreiter, medial aufbereiteter Brei aus schwarzem Boulevard und sexueller Fantasie. Wie geschaffen für die theatrale Verwurstung. Sieg geil!

Die Hasstiraden der drei werden mit einem fast spießigen Familienleben zu dritt konterkariert. Beate kocht für ihre Jungs. Hm, ganz köstlich. Und Böni, der noch beim Kaffeetrinken mit der Großmutter von „Negerschweiß“ redet, zieht daheim OP-Überzieher über seine Springerstiefel. Jährlich fährt das Trio in den Sommerurlaub nach Fehmarn und täuscht unter den Namen Lisa, Max und Garry für Wochen ein normales Leben vor. Auf der Videowand sieht man Meer und Strand, die Darsteller wiegen sich im Wind und amen Möwen nach. An den Wänden hängen gehäkelte Verballhornungen dieser deutschen Gemütlichkeit. Auch Goethe kommt zu Wort und Adorno. Sein „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ bekommt hier noch mal eine ganz andere Dimension. Oder sogar die einzig richtige.

Das Stück lässt nichts aus. Es greift viele, vielleicht zu viele Themen auf, stellt aber auch unbequeme Fragen. Was ist eigentlich los mit den Ostdeutschen, was wollen die und wer sind die? Der unbekannte Osten als Keimzelle des Rechtsradikalismus? Der ewige Ossi mit dem viel zu kleinen Pimmel, der gegenüber dem dicken Schwanz des Wessis immer den Kürzeren zieht und sich über den Mustafa im BMW wundert. Der Türke im „Baader Meinhoff Wagen“ hat einen Schwanz mit Vanillegeschmack, die Skorpiens singen „Wind of Change“ und Moral ist die kollektive Wahnvorstellung einer Mehrheitsgesellschaft. Das ist der Theaterstoff für viele Jahre und ganz großes Kino mit Moritz Bleibtreu, Daniel Brühl und Nora Tschirner in ihrer ersten ernsthaften Rolle. Die Tränen von Iris Berben sind ihnen gewiss. Der Rest ist das Schweigen der Beate Z, der stolzen Nazi-Witwe.

Obwohl die Truppe mit Uwe Mundlos, der trotz der langen Haare sogar Meese mag, so etwas wie einen gebildeten Kopf besitzt, gibt es eigentlich keinen wirklich intellektuellen Hintergrund. Genau wie bei Anders Breivik werden nur die altbekannten Vorurteile einer faschistisch chauvinistischen Ideologie reproduziert. Und das ist bei allen schrecklichen Gemeinsamkeiten wohl der große Unterschied zum anderen Terrortrio der bundesdeutschen Geschichte. Im Gegensatz zur Baader-Meinhoff-Gruppe fehlt es ihnen an einer echten Utopie. Dass die finsteren Gedanken aber direkt aus unserer Mitte entspringen, lässt noch einmal eine der früheren Bekannten des Trios erkennen, die klar zwischen guten Ausländern, die wie Deutsche grillen und ackern, und schlechten in Asylbewerberheimen unterscheidet. Für sie wird Beate Zschäpe immer ihre Lisa bleiben, dieser herzensgute Mensch.

Unter Drei. Beate Uwe und Uwe im Ballhaus Ost - Foto: Marcus Lieberenz

Unter Drei. Beate Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost
Foto: Marcus Lieberenz

Die Opfer erscheinen zunächst nur als geisterhafte Schattenrisse hinter einer Wand aus Pergament. Als Slapstick-Spiel des Unvorstellbaren beleuchten Eva Bay und Gina Henkel nun als Süleyman, Mehmet oder Halit die verwirkten Leben der sogenannten Kanaken, die das Mord-Trio wie nebenbei aus ihrer Lebensmitte geschossen hat. Sie ringen hier in verzweifelt komischer Gestalt um Kontur und ihre verblassende Geschichte. Selbst die ermordete Polizistin Michéle Kiesewetter a.D. liefert sich mit dem in seinem Internetcafé in Kassel praktisch vor den Augen eines Verfassungsschutzmitarbeiters mit dem Spitznamen „Klein Adolf“ erschossenen Halit Yozgat einen wahnwitzigen Dialog über Zuständigkeiten und eine katastrophale Polizeiarbeit.

Am Ende aber wird die diffuse Wand rissig und die Gestalten verlassen ihr Schattendasein für kurze Zeit. Sie treten ins Rampenlicht und übernehmen die ihnen bisher vorenthaltene Deutungshoheit. Ein fiktiv utopisches Gedankenspiel um Mitleid, Rache und Vergebung. Man träumt von einer neuen Mordserie gegen Nazis und will den NMU (Neuer Migrantischer Untergrund) gründen. Letztendlich wird mit den gesammelten Nägeln niemand ans Kreuz geschlagen. Verziehen werden kann nicht, einer Rache bedarf es aber ebenso wenig. Die Diskussion darüber wird weitergehen. Die im Premierenpublikum sitzende Schauspielerin Sascha Ö. Soydan, Darstellerin in Milo Raus „Breiviks Erklärung“, machte später im Hof des Ballhaus Ost schon mal einen Anfang.

Weitere Vorstellungen von Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. am Ballhaus Ost

  • Fr 28.06.13, 20:00 Uhr
  • Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
  • So 30.06.13, 20:00 Uhr

mit EVA BAY, GINA HENKEL, ANDREJ KAMINSKY
Regie MAREIKE MIKAT Dramaturgie SOPHIE NIKOLITSCH Ausstattung MARIE ROTH Musik FRANCESCO WILKING Regieassistenz JOHANNES AMBROSIUS Ausstattungsassistenz CLARA AURICH Technische Leitung RALF ARNDT Produktionsleitung DANIEL SCHRADER / BALLHAUS OST; UNTER VERWENDUNG VON TEXTEN AUS „WEISSES MÄUSCHEN, WARME PISTOLE“ VON OLIVIA WENZEL
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