Archive for the ‘Marianna Salzmann’ Category

Wenn alt und jung sich radikalisieren – Katja Brunners „geister sind auch nur menschen“ am Schauspiel Leipzig und Sasha Marianna Salzmanns „Zucken“ am Maxim Gorki Theater Berlin

Dienstag, März 28th, 2017

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SPRECHEN OHNE ZUKUNFT – In Katja Brunners außergewöhnlichem Stück geister sind auch nur menschen verschaffen sich die verstummten Alten Gehör. Claudia Bauer hat die Deutsche Erstaufführung in der Diskothek des Schauspiels Leipzig inszeniert

geister sind auch nur menschen am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

„Die Alten sind unter den Lebenden wie die Geister überall.“ heißt es zu Beginn des 2015 in Luzern uraufgeführten Stücks der jungen Schweizer Dramatikerin Katja Brunner, das nun am Schauspiel Leipzig in der Regie von Claudia Bauer seine deutsche Erstaufführung erlebte. In geister sind auch nur menschen geht es um die professionell betriebene Ausgrenzung der Alten in einer Gesellschaft, die sich über Leistung definiert, und das sogar noch im Pflegedienst der Heime, in denen die einst selbst in dieser Gesellschaft Tätigen nun auf das Hinübergleiten in den Tod warten. Den Stummen, nicht mehr Gehörten will die Autorin ihre Stimmen zurückgeben. Kein versöhnliches Sprechen, eher eine Art verwundertes, verwundetes Wutgeheul, das die 2013 für von den beinen zu kurz mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnete Brunner trotzdem in einen fast poetischen Sprachfluss bringt.

„Sie sind angealtert, sie sind angekrankt von der Zeit, sie können sich kaum wehren, sie sind in die Gebrechlichkeit und ins Alter hineingefallen wie eine Wespe in einen Honigtopf.“ Sprachgewaltig ist der Text, voll von Metaphern, die das Unsagbare, das unausweichliche Gefühl des Alterns in eine literarische Form zu bringen versuchen. Claudia Bauer, die mit ihrer letzten Inszenierung 89/90 nach dem Roman von Peter Richter zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, findet für diese Sprache die richtige Verpackung. Das sechsköpfige Ensemble betritt die Spielfläche in der Leipziger Diskothek mit Pilzkopffrisuren, in farbigen Jungmädchenkleidern und spricht die ersten Textpassagen über das Altwerden, das Verschwinden aus dem Alltag mit großem staunenden Fragezeichen, bis der erste Fremdkörper in fleischfarbenem Fett-Faltensuite auf dem Boden des sich beständig wie ein Karussell drehenden Bühnenrondells liegt und von den anderen argwöhnisch beäugt wird.

„Ein Körper, der meiner nicht mehr ist. (…) Zu wem gehörst du?“ Die geistige Abspaltung vom nicht mehr funktionierenden Körper, in den man oben hineinschiebt und unten alles wieder herausfällt. Ein letzter Kampf um Autonomie und Eigenverantwortung in einer Umgebung, die mit vollautomatisierter Navigationsstimme die Regeln des Heims diktiert. Nach und nach sondern sich die SpielerInnen aus dem Jungmädchenkreis ab und übernehmen die Rollen der Alten in der monströsen Kostümierung, die mit ihrer Gebrechlichkeit und den überdeutlichen Genitalteilen die Reduzierung der Alten auf ihren Körper verdeutlicht und dabei auch als Verfremdungseffekt dient, um rührseligen Einfühlungskitsch zu vermeiden. Trotz allem wirken die DarstellerInnen, die hier mit langem Haar und teilweise gendermäßig gegen den Strich besetzt sind, auch wie verlorene Engel, ihrer Flügel beraubt.

 

geister sind auch nur menschen am Schauspiel Leipzig
Foto (c) Rolf Arnold

 

Sie bezeichnen sich selbst als „dem Sozialstaat auf den Möglichkeitstaschen herumfläzende, gerade noch durchblutete Skelette“. Hier wird der Text oft sehr explizit. Los geht ein „SPRECHEN OHNE ZUKUNFT“ – wie es im Stück heißt – „Zukunft, diese kompromittierende Sau – daher freier als manch anderes Sprechen.“ Und sie sprechen von ihren Wünschen, noch einmal „ohne den Geschmack von Funktionalität“ berührt zu werden, dem Traum von Sexualität, von ihrem früheren Leben und ihren jetzigen Gebrechen. Nichts wird ausgelassen, weder Demenz, Krebs noch das unkontrollierte Koten.

Es gibt keine klaren Rollenzuschreibungen, nur Namen wie Frau Heisinger, Herr Metzler oder Frau Simplon. Man beschwert sich über das Heimpersonal, das man um Bier anbetteln muss, oder über den Raucher-Glaskasten im Foyer. Eine verqualmte Vorhölle mit geregelten Öffnungszeiten. Die Alten erfahren die tagtägliche Erniedrigung, die von der Heimleitung als Kooperation bezeichnet wird. Claudia Bauer lässt das an einer Geburtstagstafel mit Tee, Saft und Kuchen spielen. Mal kommt ein Fernsehgerät, mal eine Zinkwanne oder ein Servierwagen dazu. Der Pfleger ist ein Zwitterwesen, das man Pferdeschwanzfachkraft nennt, und dem der Herr mit dem langen Genital gern an den Hintern fasst. Dafür stellt der den Insassen für eine extra gebückte Haltung die Rollatoren tiefer. Die lieben Alten sind in seinen Augen ziemlich aufmüpfig, klingeln ohne Grund und schimpfen auf die gähnende Jugend und ihre Mütter, die lieber Karriere machen, als sich um ihre Kinder zu kümmern.

Zu diesem unvermittelten Kindergeburtstags-Tohuwabohu, das die Alten schließlich anrichten, gesellt sich natürlich auch irgendwann der Tod, der „dazugehört wie das Atmen zum Leben“. Und ob man nun nicht loslassen kann oder den Tod sehnsüchtig als Erlöser erwartet, hier tritt er am Ende als Conférencier im Glitzeranzug auf, der versucht so etwas wie eine Ahnung vom Danach zu vermitteln. Ein Wegziehen wie ein warmer Lufthauch aus einer unerlösten Umarmung. Beruhigen kann das nicht.

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geister sind auch nur menschen (DE) – (Diskothek, 17.03.2017)
von Katja Brunner
Deutsche Erstaufführung
Regie: Claudia Bauer
Bühne & Kostüme: Andreas Auerbach
Musik: Smoking Joe
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Andreas Dyszewski, Timo Fakhravar, Sophie Hottinger, Julia Preuß, Katharina Schmidt, Florian Steffens
Premiere war am 17. März 2017 in der Diskothek des Schauspiels Leipzig
Termine: 13., 19., 28.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 18.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Zucken – Sebastian Nübling übersetzt am Maxim Gorki Theater Sasha Marianna Salzmanns Stück über die Radikalisierung Jugendlicher in ein körperbetontes Spiel

Zucken am Maxim Gorki Theater
Foto © Esra Rotthoff

Die wachsende Radikalisierung unter Jugendlichen ist das große Thema dieser Theatersaison. Meist ideologisch beeinflusst unter dem Deckmantel des Glaubens an einen Gott oder an ein bestimmtes politisches Ideal ziehen viele europäische Jugendliche in die verschiedensten Kriegsgebiete oder laufen bereits in ihrer Heimat Amok. Worauf bereits Stücke wie Inside IS von Yüksel Yolcu am Grips Theater oder Kuffar. Die Gottesleugner von Nuran David Calis am DT versuchten, eine Antwort zu finden; das hat nun auch Sasha Marianna Salzmann zu ihrem neuen Theaterstück Zucken angeregt.

Eigentlich heißt Salzmanns Stück vollständig Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten! (Zucken). Für die Koproduktion des Maxim Gorki Theater mit dem jungen theater basel unter der Leitung von Sebastian Nübling wurde aber eine verkürzte Spielfassung erarbeitet, die nun mit sieben jugendlichen LaiendarstellerInnen [Namen s.u.] zuerst in Berlin zur Uraufführung kam. Die Erwartung, die Jugendliche von der Welt haben, ist für die Autorin wie ein Nerv, der zuckt. So heißt es jedenfalls in einem der chorisch vorgetragenen Textpassagen. Dieses impulsive Zucken übersetzt Regisseur Nübling, wie schon des Öfteren, in choreografierte Bewegung und Tanz. Bestandteil der Inszenierung ist auch von Beginn an Musik, die die Jugendlichen zumeist direkt von ihren Smartphones einspielen oder diese gar selbst als Sound- und Geräuschmaschinen benutzen.

In mehreren Kapiteln mit Zwischenüberschriften wie „Wann, Was, Wohin“ oder „Wüste, Wir, Wind“ werden drei Beispiele für den Radikalisierungsweg von Jugendlichen vorgespielt. Dazwischen gibt es Rap- und Tanzeinlagen, gepaart mit schon besagten Passagen, die die Stimmen der Radikalisierten zu einem Wut-Chor, der die vom gesellschaftlichen Mainstream der pazifistischen Wegducker, die Lösungen nur durch Reden erreichen wollen, Enttäuschten sammelt. Der Ausbruch aus der Normalität wird zum neuen Wir-Gefühl einer für die westlichen Werte verlorenen Generation.

Die Reibung mit der Welt, in der sich die Jugendlichen nicht verstanden fühlen, beginnt bekanntlich im unmittelbaren Freundeskreis, der Schule oder dem Elternhaus. So auch bei einem Mädchen, das im breitesten Schwyzerdütsch mit einem unbekannten Dschihadisten chattet, der (statt wie in sozialen Netzwerken üblich) nicht in Emojis kommunizieren will, sondern Worte für Gefühle einsetzt und mit „Ja“ oder „Nein“ und nie mit „Ich weiß nicht“ antwortet. Diese klare Ansprache gefällt dem Mädchen, und es will zu dem Jungen, der plötzlich abtaucht, nach Syrien. Dennoch bleibt es relativ rätselhaft, warum sich die Enttäuschte danach mit Messern im Rucksack zum Bahnhof aufmacht.

Die zweite Geschichte beschreibt das Schwanken eines ukrainischen Jungen zwischen seinen unklaren Gefühlen für einen Schulfreund und dem vom Vater geschürten Nationalismus gegen alles Russische. Gruppendruck und die Angst nicht dazuzugehören, lassen ihn schließlich in den Krieg in die Ostukraine ziehen.  Schon gefestigter scheint dagegen das mit den Handykameras gefilmte Statement einer Tochter in einem Abschiedsvideo an ihren Vater. Sie übermittelt ihm ihre Gründe, warum sie gemeinsam mit jungen Menschen aus ganz Europa in Kurdistan eine neue Welt aufbauen will, für die sie auch bereit ist zu sterben. Das Warum versuchen Text und Spiel mehr dynamisch zu umkreisen.

Doch nach der ersten Geschichte scheinen die Macher des Abends ihren aufgeworfen Thesen selbst nicht so recht getraut zu haben. Zu unterkomplex, heißt es da. Sie gehen auf Anfang und lassen doch die Maschinerie aus Text, Sound und Bewegung umso stärker wieder einsetzen. Dem straffen Durchboxen, auch wenn man sich immer wieder auf vier große, schwarze Ledersofas zurückwirft, fehlt dann doch so etwas wie eine kleine Ruhephase der Reflexion. Am Ende stöpseln sich die Jugendlichen einfach aus. „Wir brauchen euch nicht.“ rufen sie trotzig. Und das ist die eigentliche Gefahr. Das Stück spricht da nicht nur junge Menschen an. Ob‘s ankommt, wird die Zukunft zeigen.

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Zucken (UA) – (Maxim Gorki Theater, 19.03.2017)
Von Sasha Marianna Salzmann
Regie: Sebastian Nübling
Ausstattung: Ursula Leuenberger
Sound: Lukas Stäuble
Dramaturgie: Ludwig Haugk, Uwe Heinrich
Mit: Martha Benedict, Yusuf Çelik, Doğan Çoban, Elif Karci, Timo Muttenzer, Helena Simon, Cara Stauffenegger
Eine Produktion des jungen theater basel und des Maxim Gorki Theater Berlin
Premiere war am 17. März 2017 im Maxim Gorki Theater
Dauer: ca. 70 Minuten
Termine: 03. und 04.06. / 03. und 04.07.2017

Infos: http://gorki.de/  bzw.  http://www.jungestheaterbasel.ch

Zuerst erschienen am 22.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Falk Richter und Sascha Marianna Salzmann erzählen im Maxim Groki Theater von queerer Identität

Samstag, Juni 25th, 2016

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Città del Vaticano – Der neue Theaterabend von Falk Richter und Nir de Volff als Gastspiel der Wiener Festwochen

Vor dem Maxim Gorki Theater hat das Zentrum für politische Schönheit einen großen Tigerkäfig aufgebaut. Mit ihrer Aktion Flüchtlinge fressen – Not und Spiele protestiert die Künstlergruppe um Philipp Ruch gegen den Paragrafen 63, Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Nach fruchtlosem Ablauf eines Ultimatums an das Auswertige Amt sollen aus Syrien nach Deutschland eingeflogene Flüchtlinge drei lybischen Tigern aus dem Zirkus zum Fraß vorgeworfen werden. Man kann für ihren Flug spenden und sie in den Käfig rein wählen. Eine zynische Abwandlung antiker römischer Volksbelustigung sowie die Umkehrung einer ehemaligen Aktion von Christoph Schlingensief, der im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen Asylbewerber aus einem Container neben der Wiener Staatoper zur Abschiebung rauswählen ließ.

 

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

Während draußen also drei eingesperrte, müde Tiger gähnen und auf Futter warten, gastiert im Saal der Dramatiker und Regisseur Falk Richter mit seiner neuen Text- und Tanz-Performance Città del Vaticano, die der Autor gemeinsam mit dem Choreografen Nir de Volff sowie bei der Biennale in Venedig gecasteten Performern und dem Ensemble des Schauspielhauses Wien entwickelt hat. Es ist ein Gastspiel der Wiener Festwochen 2016, und so schließt sich ein historischer Kreis. Schlingensiefs Aktion entstand nach der Bildung eines Regierungsbündnisses der ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ. Richters Premiere in Wien fand einen Abend vor dem denkwürdigen zweiten Wahlgang der durch die Flüchtlingskrise angeheizten österreichischen Präsidentschaftswahlen statt. Der ehemalige Grünenvorsitzende Alexander Van der Bellen konnte sich knapp gegen den FPÖ-Mann Norbert Hofer durchsetzen. Ein Sieg in letzter Minute für die Vertreter einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Genau wie bei Schlingensief wird die Flüchtlings-Aktion des Zentrums für politische Schönheit von Gesprächen mit Künstlern und Politikern flankiert. An diesem Abend ist die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt, ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu Gast. Sie ist wie Falk Richter selbst schon zur Zielscheibe rechtpopulistischer und unverholen faschistischer Anfeindungen geworden. „Linksgrün-versifft“ ist eines der Lieblingsattribute in den einschlägigen Hasskommentaren. Und wie schon in seinem Pegida-Abend Fear an der Berliner Schaubühne bedient sich Richter auch in Città del Vaticano wieder reichlich aus dem Vokabular der Rechten.

 

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del Vaticano – Foto © Matthias Heschl

 

Zunächst aber bekommt der im Stück-Titel erwähnte katholische Kirchenstaat sein Fett weg. Das Zentrum der christlichen Werte ist ein durch Finanzkrisen der Vatikanbank, Korruption und Kindesmissbrauch geschütteltes „Bad Empire“. Hier regieren alte Männer mit Vorliebe für Schmuck und Frauenkleider, wurde nie ein Kind geboren, und die Vatikan-Wächter der Schweizer Garde werden ironisch mit Toy Boys verglichen. Das Abkanzeln der christlichen Moralapostel erfolgt bei einem Frontalmeeting, bei der die sieben Performer auf Stühlen an der Rampe, munter zwischen Deutsch und Englisch wechselnd, ihre Ansichten zum Vatikan-Staat vortragen. Das sitzt zunächst, gibt aber nicht die weitere Richtung des Abends vor. Es geht mehr um den Einfluss und die Gültigkeit der moralischen Werte, die durch den Papst und die katholische Kirche vorgegeben werden. „Who cares?“ Die Ansichten des Vatikans haben nichts mit unserem Leben zu tun, ist die überwiegende Meinung der fünf offen schwulen Performer und beiden jungen Frauen im Team.

Damit könnte der Abend auch schon zu Ende sein. Falk Richter legt seinen Performern aber nicht nur seinen Text in den Mund, es sind auch die persönlichen Erfahrungen jedes Einzelnen, die in diesem als „Work in Progress“ bezeichneten Projekt zum Ausdruck kommen. Hier überzeugen vor allem die Schilderungen des Wiener Schauspielers Steffen Link, der von seiner Kindheit in einer freikirchlichen Gemeinschaft erzählt. Ein Anhalten zu einem ewigen Arbeiten an sich selbst, das durch Schuldgefühle, verklemmte Sexualität und Scham vor dem eigenen Körper geprägt war. Man wird das nicht los, gesteht Link. Dazu flimmern passende Videobilder von Predigten vor Kindern über die Rückwand der sonst bis auf die Stühle leergeräumten Bühne. Ein Videobild ist aber besonders eindrücklich. Francis Bacons Studie nach Velázquez‘ Portrait Papst Innozenz` X. Der Mund des Papstes ist zum stummen Schrei geöffnet. Ein Symbol für das lange Schweigen der Kirche.

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del VaticanoFoto © Matthias Heschl

 

Es geht aber auch weg vom Katholizismus-Bashing hin zu einer gesamteuropäischen Bestandsaufnahme. Wieder auf Stühlen werden Bekenntnisse eines allegorischen Europas aufgesagt, das von linker Utopie, Krieg, Auschwitz, Eroberungen und Kolonisation bis zur Hochkultur des Theaters alles in sich birgt. Vassilissa Reznikoff steigert sich in die Verzweiflung eines europäischen Bürgers, der die Unübersichtlichkeit der globalen Welt nicht mehr versteht und über den Kontrollverlust über das eigene Leben klagt. „Ich will mich nur noch mit Dingen beschäftigen, die ich wirklich verstehe. Und ich will keine Verantwortung übernehmen müssen für Dinge, die ich nicht verstehe.“ Eine klare Absage an die Verantwortung Europas für das Leid der anderen, was nicht zuletzt auch das „Zentrum für politische Schönheit“ in seinen Aktionen anprangert.

Neben den Hieben auf dumpf-dumme Pegida-Anhänger, die hier bevorzugt wieder im ländlichen Osten verortet werden, die „Karrierefrauen“ der AfD und das rechtskonservative Bündnis „Demo für Alle“ wird natürlich auch noch ein wenig getanzt, was sich in schön umschlungen Gruppen- und Einzelszenen zeigt. Eine eindrucksvolle Bewegungsperformance zum Thema Sexualität und Entdeckung des eigenen Körpers. Dazu werden von Tatjana Pessoa immer wieder passende Fragen an alle zu Liebe, Partnerschaft, oder Familie gestellt. Höhepunkt ist sicher der Traum von einer Boy-Group, die für den Vatikan den Eurovision Songcontest gewinnt, was auch göttlich performt wird.

Ein Abend für frei gewählte und gelebte Sexualität, die das internationale und durchweg großartig agierende Ensemble nicht nur zu Lebensbeichten, sondern auch zu einigen glühenden Bekenntnissen treibt, unter anderem zu einer Botschaft an ein ungeborenes Kind, das sich Gabriel da Costa zusammen mit seiner ehemaligen Partnerin und seinem jetzigen Partner wünscht. Ein Wunsch auch nach einem selbstbestimmten Leben in einem Europa ohne Grenzen. Das lässt den doch etwas plakativ einfachen Erzählabend, der sich aber gut in die offene Ästhetik der letzten Arbeiten von Falk Richter oder Yael Ronen am Gorki Theaters einfügt, ganz versöhnlich ausklingen.

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Città del Vaticano (Maxim Gorki Theater, 17.06.2016)
von Falk Richter und Nir de Volff
Regie: Falk Richter
Choreografie: Nir de Volff
Ausstattung: Falk Richter, Nir de Volff
Dramaturgie: Tobias Schuster
Mit: Telmo Branco, Gabriel da Costa, Johannes Frick, Steffen Link, Tatjana Pessoa, Vassilissa Reznikoff, Christian Wagner
Uraufführung bei den Wiener Festwochen im Schauspielhaus Wien am 20.05.2016
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.schauspielhaus.at/
http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 19.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Queere Berliner auf Identitätssuche – METEORITEN von Marianna Salzmann, inszeniert von Hakan Savaş Mican

Meteroiten am MGT_Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Kompliziert hatte es Marianna Salzmann schon in ihrem letzten Stück Wir Zöpfe schwierige Identitätsprobleme in einer russisch-jüdischen Familie in Berlin, die sich an Weihnachten noch weiter internationalisierten. Ganz ähnlich geht es in ihrem neuen Stück Meteoriten, das diesmal im Berliner Sommer angesiedelt ist, was die Story nicht unbedingt entspannt. Wir treffen zunächst auf zwei Paare: Udi (Thomas Wodianka) aus Israel, der den Syrer Roy (Mehmet Ateşçi) liebt, der wiederum betont nicht wegen des Krieges, sondern wegen der Liebe in Berlin zu sein. Sie sind befreundet mit der schwarzen Türkin Üzüm (Thelma Buabeng), die eine lesbische Beziehung zur transsexuellen Cato (Mareike Beykirch) hat. Das ist für eine deutsche Otto-Normal-Hete für den Anfang schon recht viel.

Marianna Salzmann, die sich als Ausdruck ihrer männlichen Seite den Vornamen ihres Großvaters Sasha dazugewählt hat, schickt vier queere Berliner mit verschiedensten Migrationshintergründen los, als Pioniere die Welt zu retten, indem sie beschließen als zukünftige Großfamilie Kinder in selbige zu setzen. Soweit der Plan und die Abmachung. Vor der schon nicht ganz einfachen Weltenrettung setzt aber nun die Autorin zwecks Drama erst noch eine viel kompliziertere Ich-Werdung, die sich bei den einzelnen Figuren ganz unterschiedlich vollzieht. Titelgebende Meteoriten sind sie alle irgendwie, und sei es nur als schöner, verglühender Stern kurz vor dem Aufschlag in der Realität. Einige katastrophale Verheerungen in der Gefühlswelt der anderen richtet zumindest der Einschlag von Serösha (Dimitrij Schaad) in die Phalanx der zwei scheinbar glücklichen Paare an.

Zumindest möchte Serösha so cool sein wie jemand, der beim Einschlag des Meteors von Tscheljabinsk nur kurz die Scheibenwischer anstellt und weiterfährt. Wegen des Wehrdienstes aus Russland nach Berlin geflohen, hat er Angst zur Beerdigung seines Vaters, eines hohen russischen Militärs, zu fahren und bittet Cato ihn zu begleiten, allerdings nicht als Freund, sondern als seine Frau, so wie Serösha Cato auch gerne sähe. Das stürzt den gerade voll mit seiner „Transition“ Beschäftigten in eine zusätzliche Identitätskrise. Und auch Serösha hat arge Probleme. Er kann sich nämlich seine latente Homosexualität nicht eingestehen, was sich ziemlich aggressiv auch in Schüben von Homophobie äußert. In eine Schwulenbar läuft er Roy und Udi über den Weg, die sich ihren Traum vom eigenen Heim mit dem Abziehen von Touristen erfüllen wollen. In einer schönen Schattenchoreografie zu Musik und Videoeinspielung wird Serösha von beiden im Darkroom verführt.

Wenn es verworren und kompliziert sein soll, hat es sich in letzter Zeit als sehr effizient gezeigt, ein vertikales Schachtelbühnenbild zu bauen. Im Gorki Theater schraubt Magda Willi ein Gerüst aus Metallleitern mit betonfarbenen Ebenen zwischen zwei Wände, auf dem es sich herrlich herumklettern lässt. Das Ensemble ist hier die ganze Zeit auf der Bühne, macht live Musik und filmt sich beim Spielen. Auf die Rückwände der Wohnzellen projiziert Videofilmer Guillaume Cailleau zusätzlich die reale Welt mit Syrien-Krieg, Maidan und Krim-Annexion, die die Fünf gerne ausblenden, aber immer wieder von ihr eingeholt werden. Als aktueller deutscher Hintergrund dient die Fußballweltmeisterschaft 2014. Was zumindest für Üzüm von Bedeutung ist, die sich voll integriert mit Deutschland-Makeup von ihrer kriselnden Beziehung zu Cato ablenken will.

Die anderen stoßen die nationalen Gesänge eher ab, oder sie klopfen wie Roy und Udi ironische Sprüche zum Holocaust-Denkmal und ihrer für deutsche Verhältnisse unklaren Identität. Roy macht Dienst beim schwulen Überfalltelefon und berichtet von homophober Gewalt, vor deren Auswüchsen in Russland auch Serösha Angst hat. Viel mehr Politisches ist nicht im Stück, es dreht sich mehr oder weniger um die Beziehungsprobleme der Figuren, die sich immer mehr auseinanderleben, je mehr Autonomie sie vom anderen für sich einfordern. Das betrifft vor allem Roy, dem seine Freiheit lieber ist als der Plan vom Eigenheim mit Kind und Udi. Was den armen Kerl in eine herrlich schräge Liebeskummerszene stürzt. Während er sich anhänglich bei Serösha ausheult, liefern sich Üzüm und Cato ein paar Eifersuchtsszenen. Man wirft sich gegenseitig den Verrat an der gemeinsamen Idee vor.

Als zusätzliche gedankliche Metaebene zu den Geschlechter-Irrungen und Beziehungs-Wirrungen zieht Sasha Marianna Salzmann monologisch vorgetragene Episoden ein, die von den Metamorphosen des Ovid angeregt sind. Das geht von der entführten, nun rachsüchtigen Europa über den Seher Teiresias, der in beiden Geschlechtern lebte, bis zur Vereinigung der Nymphe Salmakis mit dem Hermaphroditos, von der am Ende Cato berichtet. Da ist er/sie wahrscheinlich schon tot, durch einen homophoben Übergriff ums Leben gekommen, und beschwört noch einmal die Vollkommenheit und die Liebe als schmerzhafte Suche nach dem einst verlorenen zweiten Geschlecht.

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert das mit gewohnt leichter Hand. Man schaut den SchauspielerInnen gerne zu, auch wenn mit der Zeit der allgemein boulevardeske Stil am Gorki fast jedes Stück irgendwie gleich aussehen lässt. Man läuft hier Gefahr das bereits als Gorki-Boulevard Betitelte zur neuen Norm zu erklären. Berühren tut das hier schon, auch wenn nicht jeder Charakter gleichermaßen überzeugt. Man möchte den manchmal verbissen mit sich ringenden ProtagonistInnen gerne zurufen: Seid doch einfach alle, wie ihr seid – ganz normal!

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METEORITEN (Maxim Gorki Theater, 15.04.2016)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Michelle Gurevich
Video: Guillaume Cailleau
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Jens Hillje
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Thelma Buabeng, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 15. April 2016

Weitere Termine: 24.06. / 20.09. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 17.04.2016 auf Kultura-Extra.

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THEATER IST ENDLICH IST THEATER – Eine Runde stagediving im Studio Я zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Maxim Gorki Theater (Teil 2)

Mittwoch, September 17th, 2014

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Das beliebte Konzept des sogenannten stagedivings aus der ersten Spielzeit des Studios Я unter der Leitung der Dramatikerin Marianna Salzmann fand am Sonntag eine viel umjubelte Neuauflage. Noch während der Premierenfeier von Erotic Crisis trafen sich am Samstagabend junge AutorInnen und RegisseurInnen und heckten gemeinsam mit DarstellerInnen des Maxim Gorki Theaters und Theaterinteressierten an der Bar des Studios Themen für 8 kleine Dramolette aus. Über Nacht geschrieben und tags darauf geprobt, erlebten sie dann schon am Sonntagabend ihre Premiere im überfüllten Studio Я.

Maxim-Gorki-Studio Я  - Foto: St. B.

stagediving im Maxim-Gorki-Studio ЯFoto: St. B.

Kurz überschreiben könnte man diesen Abend vielleicht mit dem Motto: Was will, was kann, wie geht Theater? Und vor allem, geht es uns noch etwas an, was da auf der Bühne passiert? Dabei geht es dann in erster Linie vielleicht nicht nur um relevantes Theater, sondern auch um den Spaß am Ausprobieren neuer Formen und Inhalte, was man allen 8 kleinen Stückentwicklungen durchaus anmerken konnte. Was sich aber wie ein roter Faden durch die aufgeführten Mini-Dramen zog, ist der Hang zum Surrealen, mitunter fast Skurrilen, gepaart mit einem Faible für die Tierfabel.

Bereits in der ersten Inszenierung eines Textes von Mehdi Moradpour durch Katharina Kummer treten sinnbildlich für Gefühle von Sehnsucht und Geborgenheit, aber auch Nacktheit, Verunsicherung und Verletzbarkeit Fabelwesen mit Tierköpfen auf. Ich bin das Tier, das dich beschützt ist der Versuch sich aus einer Art geschütztem Raum heraus zu artikulieren, denn „die Worte müssen raus, dahin, wo sie herkommen.“

Tierfiguren auch in dem aberwitzigen Stück Hermelin & Fuchs von Akin E. Şipal. Ein Text über den ganz normalen Wahnsinn unserer Zeit. In der Inszenierung von Rico Wagner reisen das lüsterne Hermelin (Mehmet Yılmaz) und der eher einfach gestrickte Fuchs (Falilou Seck) zu einem Kongress über die Strategien der Weltrettung. Erzählend begleitet wird das Ganze durch eine altklug philosophierende Grille (Paul Wollin). Rückbesinnung auf die Kräfte der Natur oder wissenschaftlicher Fortschritt? Dass das in dieser Konstellation im totalen Chaos endet, ist fast klar.

Programmheft der Veranstaltung (c) Maxim Gorki Theater

Programmheft der Veranstaltung
Foto (c) Esra Rotthoff

Wie man das schwierige Thema Asylverfahren in leicht poetischer Art darstellen kann, zeigen Ilknur Bahadir und Mareike Beikirch in Olga Grjasnowas Stück mit dem bezeichnenden Titel Liebe in der szenischen Einrichtung von Nurkan Erpulat. Asylsuchende und Sachbearbeiterin in einem wechselnden Dialog aus realer Bürokratie und surrealem Gefühlschaos, was sich schließlich ähnlich Kafkas Käferparabel in einem Liebes- und Todestanz zweier Insekten auflöst.

In Der Nabel der Welt von Luna Ali, eingerichtet von Wera Mahne, spielen Eva Bey und Till Porath ein religiösen Paar in ihrer Hochzeitsnacht, das vorher wohl noch keinen Sex hatte. Ob es sich um eine Zwangsheirat oder wahre religiöse Keuschheit handelt, bleibt ungeklärt. Man versucht sich kennenzulernen und Geheimnisse auszuloten. Das ist ungemein komisch aber auch beklemmend, wie sich die beiden unsicher zu nähern versuchen und dann doch immer wieder voreinander zurückschrecken. Und auch in dieser merkwürdigen Paarkonstellation schwingt etwas Surreales mit.

Jakob Nolte erzählt in Hallo eine phantastische Geschichte von einem Zirkusbrand, traurigen Elefanten, die nie vergessen und einer sprechenden Schreibtischlampe. Johannes Maria Schmit hat sie mit den SchauspielerInnen Elizabeth Blonzen, Gregor Loebel und Mateja Meded eingerichtet.

Das Spielen mit Identitäten, ist mit Sicherheit eines der Hauptthemen des neuen Maxim Gorki Theaters. In dem Stück Im Herzen des Herzens eines anderen Menschen von Jayrôme C. Robinet plaudern die queeren Schauspielerinnen ingoe.deltraut und Fatma Souad sehr humorvoll über Identitäten mit Risiken und Nebenwirkungen sowie die männliche Vagina mit Variationshintergrund. Fazit: Es braucht neue Worte keine Identitäten als Hammer.

Vor die Säue. Verdauungsgeräusche vor Mitternacht von Tucké Royale ist ein kleines Diskursstückchen, das sich in losen Gedankenfäden um das Schweinchen Babe, den Tierschutz, das Anderssein und in fast schon Pollesch’scher Manier um die Identifikation und Repräsentation am Theater dreht, dass sich einem die Textlappen nur so um die Ohren wickeln. Dazu performt eine in Trance versetzte Darstellertruppe bestehend aus Alicia Agustín, Daniel Cremer, Marcues und Antje Prust in direkter Kontaktaufnahme mit dem Publikum. Die vierte Wand ist hier aufgehoben und man liest sich die Texte gegenseitig vor. Was zwar recht charmant, aber auch etwas chaotisch wirkte und nicht für alle durchweg verständlich war. Wer nichts mitbekam, konnte sich zumindest an den Klängen der Elektroharfe von Hans Unstern berauschen.

Happy Angie von Robert Lucander (2014)

Happy Angie von Robert Lucander (2014)

Wer in der Pause ging verpasste dann noch eine echt gespielte Geiselnahme. Das ganze Studio mit seinen ungefähr 200 ZuschauerInnen war plötzlich in der Hand der Schauspieler Hassan Tasgin und Till Wonka, die in der Polizeizentrale Mitte anriefen und verlangten, dass endlich die Am Kupfergraben um die Ecke wohnende Kanzlerin das Maxim Gorki Theater besuchen solle. Necati Öziri hat den beiden einen urwitzigen Text auf den Leib geschrieben, voller Gags und Anspielungen, in dessen kuriosen Verlauf auch irgendwann Regisseur Michael Ronen mit hineingezogen wird. Das Stück Theater ist endlich ist Theater, was dem Abend auch den Namen gab, ist Persiflage und Liebeserklärung auf das Metier zugleich.

Ob letztendlich die Forderung nach Abschaffung der Geldwertschöpfung oder das Braten größerer Schnitzel in der Kantine, der Weltfrieden oder doch ein Besuch der Kanzlerin wichtig für die neue Spielzeit des Maxim Gorki Theater sind, wird sich bald zeigen. Zu sehen war an diesem Abend auf jeden Fall eine große Lust am Fabulieren und Ausprobieren, wofür das Studio Я die besten Voraussetzungen bietet.

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theater_ist_endlich_ist_theater_ (c) MGT

THEATER IST ENDLICH IST THEATER
stagediving im Studio Я am 14.09.2014
Autor*innen: Luna Ali / Olga Grjasnowa / Mehdi Moradpour / Necati Öziri / Tucké Royale / Jayrôme C. Robinet / Akin E. Şipal / Jakob Nolte
Regisseur*innen: Daniel Cremer / Nurkan Erpulat / Katharina Kummer / Wera Mahne / Michael Ronen / Johannes Maria Schmit / Rico Wagner / Julia Wissert
Mit: Alicia Agustín / Ilknur Bahadir / Elmira Bahrami / Eva Bay / Mareike Beykirch / Elizabeth Blonzen / ingoe.deltraut / Gregor Loebel / Mateja Meded / Cynthia Micas / Jasmina Musić / Tim Porath / Antje Prust / Falilou Seck / Fatma Souad / Volkan Türeli / Hasan Taşgin / Hans Unstern / Till Wonka / Paul Wollin / Mehmet Yılmaz

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/theater-ist-endlich-ist-theater/

Zuerst erschienen am 16.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater mit dynamischem Antiaggressionstraining, Sextalk und viel Improvisiertem (Teil 1)

Dienstag, September 16th, 2014

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Der Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater, frisch gekürt zum Theater des Jahres, wurde am letzten Wochenende mit gleich drei Premieren gefeiert. Den Anfang machte am Freitag Sebastian Nübling mit FALLEN, einem Tanztheaterprojekt, das er zusammen mit dem belgischen Choreographen Ives Thuwis entwickelt hat. Auf einer Bühne aus 70 Tonnen Sand vor dem Maxim Gorki Theater befragen 10 junge Darsteller Formen von Gewalt im öffentlichen Raum. Am Samstag lotete Hausregisseurin Yael Ronen in Erotic Crisis mit ihrem Ensemble Grenzen von Liebe, Beziehungen und verschiedensten Formen der Sexualität in der Großstadt Berlin aus. Als Zugabe konnte man am Sonntag im Studio Я mit Theater ist endlich ist Theater noch einen Abend Kurzgeschriebenes sehen, das erst einen Tag vorher gemeinsam erarbeitet wurde.

Spielzeitauftakt mit Tanz und Sextalk vor und im Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Spielzeitauftakt mit Tanz und Sextalk vor und im Maxim Gorki TheaterFoto: St. B.

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FALLEN – Die Tanztheaterproduktion von Sebastian Nübling und Ives Thuwis beschäftigt sich mit der Gewalt im öffentlichen Raum

Für die erste Premiere der Spielzeit wurde auf dem Platz vor dem Gorki extra eine kleine Arena errichtet – die Simulation eines öffentlichen Raums, wie es ihn bereits zu den Sportwettkämpfen im antiken Griechenland oder aber auch für populäre Vergnügungen in Form von blutigen Kampfspielen im alten Rom gab. Der Hintergrund für diese bauliche Idee (Bühne von Muriel Gerstner) ist ein nicht minder fürchterlicher: Körperliche Gewalt – meist ausgehend von Gruppen junger Männer, die sich ihre Opfer immer wieder scheinbar willkürlich aussuchen. Auch wenn Statistiken belegen, dass Berlin nicht die Hauptstadt der Jugendkriminalität ist, erschrecken doch die Meldungen von der Brutalität, mit der solche Taten begangen werden.

FALLEN vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: Esra Rotthoff

im Sand vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: Esra Rotthoff

Bekannte Beispiele dafür sind ein 2011 auf einem Berliner U-Bahnhof von Jugendlichen zusammengetretener 29jähriger Mann und der 2012 auf dem Alexanderplatz erstochene 21jährige Jonny K. Die Gründe dafür mögen verschiedenster Natur sein. Soziale Ungleichheit, Ausländerhass, Mangel an entsprechenden Freizeitangeboten, der bloße Kick etc. etc. Alles läuft aber immer auf eine Spaltung der Gesellschaft hinaus, in Arm und Reich oder Stark und Schwach. Alkohol, gewaltverherrlichende Videospiele oder Filme dienen meist nur noch als Verstärker der eh schon latent vorhandenen Gewaltbereitschaft. Da übertönt der Ruf nach mehr Sicherheit in der Gesellschaft schnell den nach ausgleichender Gerechtigkeit.

Der Abend beginnt mit der szenischen Darstellung einer solchen Tat, indem einer der jungen Spieler von drei anderen zu Boden gerissen und getreten wird. Dazu hört man undeutlich die Stimmen aus einer U-Bahnstation. Danach ist Stille. Die zehn ganz in Schwarz gekleideten jungen Männer beginnen nun in aller Seelenruhen, als wenn nichts geschehen wäre, ein ausgedehntes Lauftraining. Aber der Lauf wird langsam immer schneller, bis alle bei dröhnenden Geräuschen zu gehetzten Sprints ansetzen und sich dann im vollen Lauf immer wieder gegenseitig rempeln, umstoßen, grätschen und mit größtem Körpereinsatz ineinander rennen. Das ganze Spiel wird sich zum Ende hin wiederholen. Wohl ein Ausdruck dafür, dass sich solche Taten jederzeit wieder ereignen können. Ein schier auswegloser, ermüdender Automatismus aus nicht enden wollender Gewalt.

Das ist im Grunde genommen kein herkömmliches Tanztheater. Es wirkt zuweilen wie ein äußerst dynamisches Anti-Aggressionstraining, wenn sich die Spieler gegenseitig schleppen, auch mal umarmen, auffangen oder wieder wegstoßen. Entwickelt sich daraus auch keine echte dramatische Spannung, bleibt alles immer in Bewegung. Die Spannung erzeugen hier im wahrsten Sinne des Wortes die Körper der jungen Männer selbst. Es geht natürlich auch um die Ästhetik und Erotik der Gewalt. Dem Kick beim Fight Mann gegen Mann. Mit Muskelspielen, Breakdance-Solos und beim gemeinsamen Posen (was bei den Zuschauern doch eher für Erheiterung sorgt) provozieren die Männer, demonstrieren ihre Macht, Reizbarkeit und Gewaltbereitschaft. Ausdruck eines gruppendynamischen Prozesses. Echte Tanzeinlagen sind da selten und sorgen für kurze Entspannung.

Premierenbeifall für FALLEN vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Premierenbeifall für FALLEN in der Arena vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

Der Kampf erzeugt immer auch einen Unterlegenen, das Opfer der Gewalt, das man billigend in Kauf nimmt. Auch das wird hier gezeigt. Demütigung, Umherzerren des Opfers, flehende Schreie, verzweifeltes Eingraben und Boxen in den Sand. Das sind die starken, eindrucksvollen Szenen der Performance. Das titelgebende FALLEN ist hier auch mehrdeutig zu verstehen – als bloßes Umfallen, ohnmächtiges Fallen oder auch Sich-selbst-wieder-Fallenlassenkönnen, als herbeigesehnter Ausweg aus der Gewaltspirale. Ein hilfesuchender Blick der Männer geht hier in Richtung Abendhimmel. Trotz der großen körperlichen Verausgabung aller Spieler glückt es der Inszenierung nur bedingt Gewaltentstehung zu erklären. Sie bleibt ein darstellerischer Versuch, der immerhin ansehenswert ist.

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Eine weitere Inszenierung von Sebastian Nübling wird es bereits im Oktober geben. Der Regisseur wagt sich dann an Hebbels Nibelungenstoff. Mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge erforscht der Regisseur „die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“, wie man in der Ankündigung lesen kann. Mit Gewalt und Rache scheint Nübling sein Thema für die Spielzeit gefunden zu haben. Da ist es gut, dass andere Produktionen für den nötigen emotionalen Ausgleich sorgen werden.

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FALLEN
Inszenierung: Sebastian Nübling / Ives Thuwis,
Bühne: Muriel Gerstner
Kostüme: Ursula Leuenberger
Musik: Tobias Koch
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Besetzungsliste: Hassan Akkouch / Tamer Arslan / Mehmet Ateşçi / Jan Bluthardt / Jerry Hoffmann / Taner Şahintürk / Dimitrij Schaad / Aram Tafreshian / Hasan Taşgin / Paul Wollin

Premiere in der Arena vor dem MGT: 12.09.2014

Dauer: ca. 60 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/fallen/

Termine:
Di 16.09., Mi 17.09., Fr 19.09., Sa 20.09., So 21.09., Mi 24.09., Do 25.09., So 28.09., Mo 29.09.2014

Zuerst erschien am 13.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Let’s talk about Sex – Yael Ronen und ihr Ensemble loten die „Erotic Crisis“ geplagter Großstädtern aus.

Die israelische Theaterregisseurin Yael Ronen war bisher vor allem dafür bekannt, die Probleme von Jugendlichen aus Krisenregionen dieser Welt (Die dritte Generation, Common Ground) oder sogar einen Abend über Gott und die Welt (The Day before the last Day) auf die Bühne zu bringen. Ihre neue Produktion am Maxim Gorki Theater verortet sie dagegen in der privaten Kampfzone der zwischenmenschlichen Paarbeziehungen. Die Darsteller gehen diesmal auf der Bühne frontal die Schwierigkeiten eines gemeinsamen erfüllten Sexlebens und des Schamgefühls an, offen darüber zu reden. Über Sex spricht man nicht. Sex hat man, oder eben nicht.

EROTIC CRISIS am Maxim Gorki Theater - Foto: Esra Rotthoff

Sextalks am Maxim Gorki Theater – Foto: Esra Rotthoff

Am Beginn steht dann auch ein Bild, was wohl symptomatisch für die Schlafzimmer geplagten Großstädter sein soll. Ein sich unruhig im Bett wälzendes Paar, das wie in einem Alptraum den Koitus-Geräuschen aus der Nachbarwohnung lauschen muss. Beim ersten Paar, Maya und Jan (Orit Nahmias und Thomas Wodianka), läuft im Bett schon lange nichts mehr. Man steckt tief in der Sex-Krise. Das andere, Kumari und Rafael (Anastasia Gubareva und Aleksandar Radenković), mit einem, wie zu hören, wohl ganz erfüllten Sexleben, wird sich erst noch in die Krise hineinmanövrieren. Es geht um die oftmals sehr weit auseinandergehenden Auffassungen, was denn nun wirklich guten Sex ausmacht und wie man, im durchaus doppelten Wortsinn, gemeinsam dahin kommt. Die eine Beziehung wird daran zerbrechen, die andere über Umwege vielleicht zu einer neuen Art Sexualität finden.

Der gesellschaftliche wie persönliche Druck diesbezüglich scheint enorm. Das will uns jedenfalls dieser Abend vermitteln. Das Fernsehen lebt es vor. Serien wie Sex and the City, Masters of Sex, Wahre Liebe oder Sex-Talks und Reportagen aus dem Rotlichtmilieu sind der Renner auf allen Kanälen. Guten Sex haben, gehört zum A und O einer Liebesbeziehung. Und die Sex-Branche weiß mit entsprechenden Hilfsmittelchen und visuellem Anschauungsmaterial dem Abflauen der sexuellen Begierde entgegenzusteuern. Stress im Alltag und Job oder zu große Erwartungen an das Projekt Partnerschaft und Familie, all das kann einer andauernden Libido mitunter abträglich sein. Missverständnisse und eine steigende Sex-Müdigkeit führen zu Problemen und münden oft in Streit. Und so wird man auch am Anfang nicht müde, einige dieser Klischees über den Sex in der Paarbeziehung von der Rampe aus ins Publikum zu werfen.

Zwischen allen Stühlen bzw. Betten sitzt da Singlefrau Susan (Mareike Baykirch), die sich nach außen über den Job definiert und als sexuelles Neutrum behauptet: „Ich bin mein größtes Projekt.“ oder „Wer braucht schon eine Beziehung?“ Die Computerspezialistin hackt sich lieber heimlich in das Lebend der Anderen ein, und holt sich so die Befriedigung ihrer uneingestandenen Bedürfnisse. Ihre Figur wirkt schon sehr spleenig gezeichnet, und später auch etwas freakig, wenn Susan sich dann mit Rafael, der aus seiner zu kompliziert gewordenen Liebesbeziehung ausbrechen will und bei ihr den reinen Sex sucht, über die verschiedenen Levels beim Spielen von Porno-Games austauchen.

Vorurteile gegenüber Singles spielen dann ebenso eine Rolle wie das gegenseitige Erzählen von sexuellen Fantasien und die Probleme, diese zu artikulieren, ohne gleich für pervers gehalten zu werden. In fantasievollen Leder- und Latex-klamotten posen die Vier zu Jimi Hendrix‘ Foxy Lady wie bei einer Fetischparty oder schrägen Paartherapie und drucksen mehr oder weniger verschämt herum. Das mündet in einige Szenen von großer Situationskomik, wenn etwa Orit Nahmias‘ Maya ihre Fantasie in Hebräisch zum Besten gibt, und man als der Sprache nicht Mächtiger nur Hamas, CIA und Hotel in Abu Dhabi versteht.

Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

Ärger trifft es da den Rafael von Aleksandar Radenković, der durch die Konditionierung mittels der Pornovideos seines Vaters als Jugendlicher ein etwas verqueres Frauenbild vermittelt bekam, und nun ziemlich hardcore von seinem ersten Mal im Auto erzählt. Diese Erfahrung hat ihn damals etwas verunsichert zurückgelassen und sich prägend auf sein weiteres Sexualleben übertragen. Der angelernte Automatismus ist sein Problem, den Freundin Kumari auch mal so beschreibt: „Du bearbeitest mich, als wäre ich eine kaputte Waschmaschine.“

Natürlich geht es nicht nur allein um die Erotik oder Mechanik beim Sex, auch wenn man damit hie und da ein wenig übers Ziel des Abends hinaus schießt. Dass das alles nicht zu einer Aneinanderreihung von ironischen Kabarettnummern wird, verdankt die Inszenierung den hervorragenden Darstellern, die bereits in Produktionen von Yael Ronen und Falk Richter aus der letzten Spielzeit zu sehen waren. Und vor allem der Tatsache, dass die Textfassung, die Yael Ronen zusammen mit ihrem Ensemble erarbeitet hat, irgendwann auch dahin geht, wo es sehr persönlich wird und anfängt wirklich weh zu tun.

In mehreren Monolog- und Dialogszenen sprechen die Protagonisten offen über ihre Zweifel, Ängste und Wünsche. Man stellt fest, den Partner nicht wirklich zu kennen, oder dringt erst gar nicht zu ihm durch. Immer wieder mündet der Dialog in das Schweigen eines der Partner, bis es nicht mehr geht. Der verzweifelte Jan kann und will nicht über seine Unlust am Sex reden. Was Maya schließlich veranlasst zu gehen. „It’s finished. There ist no us.“ Und Kumari singt ihrem untreuen Rafael mit Where did you sleep, last night ein paar Zeilen Curt Cobain nach. Trotz allem wirkt die gezeigte Emotionalität nie übertrieben gespielt oder gar peinlich. Kein Wohlfühlabend also, aber einer der Mut machen soll.

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Erotic Crisis (UA)
von Yael Ronen & Ensemble
Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Amit Epstein
Musik: Nils Ostendorf
Licht: Jens Krüger
Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Mareike Baykirch, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Aleksandar Radenković, Thomas Wodianka.

Premiere im MGT: 13.09.2014

Dauer: ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: www.gorki.de

Termine:
19.09., 20.09., 28.09. und 08.10., 10.10., 14.10.2014

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Zum Start der neuen Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 4 und Schluss: Das Maxim Gorki Theater

Mittwoch, September 10th, 2014

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Zum Schluss der kleinen Spielzeitrückschau inklusive Ausblick auf Neues an den fünf Stadttheatern Berlins gibt es dann noch etwas Positives zu berichten. Groß dürfte die Freude schon seit Tagen am Maxim Gorki Theater sein, dem kleinen immer unterschätzten Haus am Festungsgraben in Berlins schönster Mitte. Das unter der neuen Intendanz von Shermin Langhoff mit dem Anspruch eines interkulturellen Theaters mit multiethnischem Ensemble in die Spielzeit 2013/14 gestartete kleinste Stadttheater Berlins ist nun nicht nur beim Fachblatt Deutsche Bühne, sondern auch bei der höher bewerteten Kritikerwahl in der Zeitschrift Theater heute zum Theater des Jahres gekürt worden.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater BerlinFoto: St. B.

Hinzu kommt die Wahl von Sibylle Bergs Es sagt mir nichts das sogenannte Draußen zum Stück des Jahres. Eine in ironischem Grundton verfasste Beschreibung einer verstörten, orientierungslosen Jugend, die sich wütend am Bild der vorherrschenden Konsumgesellschaft, des Körperkults und der Popkultur abarbeitet. Durchaus auch zu verstehen als ein „Wüten der Affekte“ (wie es Hans-Thies Lehmann in seiner Theorie der Tragödie nennt), an den Auswirkungen der neoliberalen Gesellschaft. Das sagt so Einiges und Einigen doch weiterhin nicht viel. Wenn man so will, im Titel auch eine symptomatische Beschreibung für die momentane Verfasstheit der deutschen Stadttheaterlandschaft insgesamt.

Was zum Beginn der letzten Spielzeit noch kaum jemand wirklich für möglich hielt, ist nun Dank eines in weiten Teilen überzeugend umgesetzten Konzepts anerkannte Realität geworden und hoffentlich auch bald allgemeine Normalität. Das ureigenste Interesse einer gewachsenen, sich im stetigen Wandel befindlichen Gesellschaft an einem Theater, das die Lebenswirklichkeit aller Bereiche der Gesellschaft auch bis in den kleinsten Winkel des Theaters hinein abbildet. Dieses noch vorherrschende Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich das neue Maxim Gorki Theater nun erfolgreich etabliert hat, gilt es aber nicht einfach nur zur neuen Marke zu stilisieren oder gar auf Dauer zu konservieren, sondern stetig weiterzuentwickeln, als echte Reibungsfläche zur bürgerlich normierten Gesellschaft, deren Werte in Frage stellend, gleichzeitig verstörend und aufklärend wirksam.

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Nach durchwachsenem Start mit dem Kirschgarten in der Regie von Nurkan Erpulat, der Tschechows tragikomischen Figuren ein zu starres Korsett interkultureller Differenz überstülpte, haben sich letztendlich Mut und Durchhaltevermögen ausgezahlt. Man hat viele neue Baustellen aufgemacht und einige aktuelle Themenfelder beackert. Falk Richter zeigte in seinem Projekt Small Town Boy die Lebenswirklichkeit von Schwulen und Lesben in Deutschland und Yael Ronen führte in Common Ground die Kinder ehemaliger Feinde des Jugoslawienkriegs zusammen, um nur zwei der starken Uraufführungen und Stückentwicklungen am Maxim Gorki Theater zu nennen. Da verschmerzt man schon mal Ausfälle wie Lucas Langhoffs ärgerliche Inszenierung der Übergangsgesellschaft von Volker Braun oder das völlig überambitionierte Woyzeck III-Projekt von Mirko Borscht.

Studio Я - Foto: St. B.

Studio ЯFoto: St. B.

Auch das Gorki Studio, jetzt kurz Studio Я genannt, hat unter der Leitung von Marianna Salzmann Akzente gesetzt und ein eigenes Profil entwickelt. Hoch in der Gunst des Publikums standen z.B. Hakan Savaş Micans Inszenierung von Marianna Salzmanns Schwimmen lernen. Ein Lovesong oder die Stagediving-Abende wie RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE. Eines dieser jungen Stückentwicklungen mitten aus dem Herzen der diversen Gesellschaft kommt nun auch vollends zur Aufführung. Zöpfe (Arbeitstitel) von Marianna Salzmann hat am 13. Dezember Premiere. Man hofft da auf weitere Uraufführung im Laufe der Spielzeit.

Das Erreichte ist nicht nur Ausdruck der guten Strategie der Leitung des Hauses, von Regie und Dramaturgie, sondern vor allem auch Verdienst eines großartig motivierten, spielfreudigen Ensembles, das sich hier gefunden hat. Dazu passt auch wunderbar, dass einer der neuen Publikumslieblinge am Maxim Gorki Theater, der unglaublich vielseitige Dimitrij Schad, in der Jahresumfrage von Theater heute zum Nachwuchsschauspieler des Jahres gewählt wurde. Man darf hier auf Neues gespannt sein.

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Der Start der neuen Spielzeit wird an einem ganzen Wochenende mit drei Premieren begangen. Den Anfang macht am 12. September Sebastian Nübling mit FALLEN, einem Tanztheaterprojekt zusammen mit dem belgischen Choreographen Ives Thuwis. Auf einer Bühne aus 70 Tonnen Sand vor dem Maxim Gorki Theater befragen 10 junge Darsteller Formen von Gewalt im öffentlichen Raum. Wieder eine Koproduktion mit dem Jungen Theater Basel. Einen Tag später wird Hausregisseurin Yael Ronen in Erotic Crisis mit ihrem Ensemble Grenzen von Liebe, Beziehungen und verschiedensten Formen der Sexualität in der Großstadt Berlin ausloten. Als Zugabe gibt es dann am Sonntag im Studio Я mit Theater ist endlich ist Theater noch einen Abend Kurzgeschriebenes, das erst einen Tag vorher gemeinsam erarbeitet wurde.

Auch Nurkan Erpulat wird im November wieder eine neue Inszenierung vorlegen. Er hat sich die bitterböse Farce Seid nett zu Mr. Sloane des britischen Dramatikers Joe Orton ausgesucht. Ob sich diese etwas außergewöhnliche Ménage-à-trois mit einer Art umgekehrtem Tartuffe unter interkulturellen Vorzeichen nacherzählen lässt, wird sich zeigen. Es geht jedenfalls um Doppelleben und Scheinmoral der ach so normalen Kleinbürger, ein ewiges Thema auch außerhalb des sogenannten postmigrantischen Theaters. Da tritt dann also schon so etwas wie Normalität ein, wenn sich Erpulat nun um die allgemeine Moralkritik kümmert, auch wenn die Stückauswahl dazu etwas schräg erscheint. Fakt ist, Orton ist kein Unbekannter in der hiesigen Theaterszene. René Pollesch hat ihn übersetzt, Komödienspezialist Herbert Fritsch dessen Stück Beute 2009 in Oberhausen aufgeführt. Die Kritiker von Ortons Erstling Seid nett zu Mr. Sloane aus dem Jahr 1964 bescheinigtem dem Stück jedenfalls eine „Komik des Perversen“, was auch immer damit gemeint ist.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Mit Sicherheit nicht komisch gemeint ist Heiner Müllers Bearbeitung des russischen Revolutionsromans Zement von Fjodor Gladkow. Fleißigen Theatergängern dürfte noch Dimiter Gotscheffs Inszenierung vom Residenztheater München in Erinnerung sein, die im Mai das Theatertreffen in Berlin eröffnete. Regisseur Sebastian Baumgarten, seit Langem mal wieder zu Gast am Maxim Gorki Theater, wird sich jedenfalls im Januar 2015mit seiner Arbeit an der des großen, jüngst verstorbenen Kollegen messen lassen müssen. Eine weitere Inszenierung von Sebastian Nübling wird es bereits im Oktober geben. Nübling wagt sich dann an Hebbels Nibelungenstoff. Mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge erforscht der Regisseur „die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“, wie man in der Ankündigung lesen kann.

Was das nächste Jahr sonst noch bringen wird, steht sicher nicht mehr nur in den Sternen, sondern harrt hoffentlich schon seiner Realisation. Auf jeden Fall bleibt es spannend. Liebe, Lust und Sexualität einerseits sowie Gewalt, Rache, Ideologie und Doppelmoral andererseits. Alles in allem eine Menge an wichtigen aber auch unbequemen Stoffen, denen sich das Maxim Gorki Theater in der neuen Spielzeit widmen wird. Und auch über neue Regiearbeiten von Hakan Savaş Mican würde man sich freuen. Mit seiner Inszenierung des Fassbinder-Klassikers Angst essen Seele auf gab er der letzten Spielzeit einen hoffnungsvoll versöhnlichen Abschluss. Trotz all der im Stück so treffend dargestellten und karikierten Ausländerfeindlichkeit, die vieler Orten noch gängige Praxis ist, kann es nur gemeinsam weiter gehen, auch im Theater. Ob nun mit Drama, Romanadaption, Komödie oder Tragödie, spielt dabei kaum eine Rolle.

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„Heimat, das ist nicht nur dort, woher wir kommen, sondern auch, wohin wir gehen.“ Helmut Schödel, Dramaturg, Regisseur und Theaterkritiker. Quelle: DIE ZEIT, 31.8.1990, Nr. 36

Infos zur neuen Spielzeit im MGT: http://www.gorki.de/spielplan/premiere-2014-2015/ 

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Ungarische Theaterschaffende präsentieren sich auf Berliner Bühnen – Kornél Mundruczó und Csaba Polgár bei „Leaving is not an option?“ im HAU und András Dömötör mit „Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen“ von Marianna Salzmann im Gorki-Studio

Freitag, März 14th, 2014

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Das Ungarn-Festival „Leaving is not an option?“ mit Theater-Gastspielen im Berliner HAU

Schon seit dem 9. März bevölkern für eine ganze Woche lang ungarische Theater- und Performancekünstler mit ihren Produktionen die drei Spielstätten des Berliner Hebbel am Ufer. Mittels Theater, Tanz, Film und Diskussionen untersuchen sie hier die Optionen von Bleiben oder Emigration aus ihrem gewohnten Lebensumfeld. Die Frage dabei ist vor allem: Wie haben sich die politischen Veränderungen in Ungarn auf ihr künstlerisches Schaffen ausgewirkt, und kann man mit Kunst überhaupt darauf reagieren? Im obersten Geschoss des HAU2 hat die Performance-Gruppe Little Warsaw zur Vernissage ihrer Installation text war pic geladen. Das Künstlerduo lädt noch bis zum 15. März zu Workshops rund um die Frage nach den Mitteln der Kunst zum Zweck der Überzeugung und Agitation. Lassen sich dadurch überhaupt politische Effekte auslösen?

Vor dem Foyer des Theatersaals im 1. OG steht ein Fernsehgerät, in dem in einer Art filmischen Retrospektive Beiträge zu den Projekten des freien Budapester Theater Krétakör (Kreidekreis) um den Regisseur Arpád Schilling laufen. Der umtriebige Ungar ist leider mit keiner neuen Produktion beim Festival vertreten. Dafür sind vor allem im kleineren HAU3 Inszenierungen junger Regisseure und unabhängiger Theatergruppen aus Ungarn zu sehen, die es noch zu entdecken gilt. Bis zum Sonntag kann man hier also täglich auf Tour gehen.

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Kornél Mundruczó und das Budapester Proton Theatre zeigen im HAU 2  das Stück Dementia, or the Day of My Great Happiness

Dementia, or the Day of My Great Happiness im HAU 2 - Foto: St. B.

Dementia, or the Day of My Great Happiness
im HAU 2 – Foto: St. B.

Der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó ist dagegen in Deutschland, vor allem durch Theaterarbeiten wie Eis nach dem Roman von Wladimir Sorokin oder dem Frankenstein-Projekt, bereits gut bekannt. Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet ihn auch mit den Wiener Festwochen, wo er zuletzt 2012 seine Adaption von J. M. Coetzees Roman Schande zeigte. Die Inszenierung lief auch zur Wiedereröffnung des Berliner HAU unter Annemie Vanackere. Nun ist Mondruczó gemeinsam mit dem Budapester Proton Theatre und seiner neuer Produktion Dementia, or the Day of My Great Happiness beim Festival „Leaving is not an option?“ wieder zu Gast in Berlin.

Mit seinen unkonventionellen Methoden verstört und verzaubert Mundruczó das Publikum gleichermaßen. Sein Theater ist vor allem ein Theater der Überforderung. Lust, Albernheit, Gewalt und Pathos kennzeichnen alle seine zum größten Teil international koproduzierten Werke, in denen er aber immer auch Stellung zur aktuellen politischen Lage in Ungarn bezieht. So nun auch in seinem vielgelobten Stück Dementia, das nach Stationen beim Spielartfestival in München und im Festspielhaus Hellerau jetzt im HAU2 zu sehen war.

In einer abgewrackten Demenzstation in Budapest (großartige Bühne von Márton Ágh) ist Tag der offenen Tür, was schon an sich ein Witz ist, sind doch dort die Ausgänge meist versperrt und alarmgesichert. Chefarzt Dr. Szatmáry (Roland Rába) ist sein bester Patient, und nachdem er schnell ein paar Pillen eingeworfen hat, erklärt er ganz Ungarn zur Demenzklinik. Bei der Demenz, so der aufgekratzte Neurologe, wird das Gehirn vom Nichts gefressen. Das sei so wie in Ungarn: „keine Vergangenheit, keine Zukunft“. Der Befund ist zynisch und doppelsinnig zugleich, bedeutet dies doch auch, wer kann, haut ab. Wer dazu nicht mehr in der Lage ist, dämmert hier weiter vor sich hin. Deswegen hat Dr. Szatmáry seinen verbliebenen vier Patienten auch etwas Aufheiterung verordnet, und mit Hilfe seiner rechten Hand, Schwester Dóra (Kata Wéber), die Dementia-Band gegründet.

Dementia, or the Day of My Great Happiness von Kórnel Mundruczó - Foto: Márton ÁGH

Dementia, or the Day of My Great Happiness von Kórnel Mundruczó – Foto: Márton ÁGH

Die therapeutische Wirkung von Musik ist bekanntermaßen erwiesen, und so regen sich beim gemeinsamen Musizieren auch wieder die Lebensgeister der zuvor in ihren Betten vor sich hin Dämmernden mit mehr oder minder starker Erinnerungsleistung. Kunst als Widerstand also, der zusammenschweißt und den die Insassen auch bitter nötig haben. Steht doch der Investor Bartonek (Ervin Nagy) vor der offenen Tür, der mit einem Scheck für den Chefarzt winkt und die Patienten zwecks Eigenbedarf vor die selbige setzen möchte. Der schmierige, zu schmalziger Popmusik die Hüften schwingende Investor, der sein Geld neben Immobilien auch noch mit erotischen Welten in digital gemacht hat, setzt nun alles daran, die Belegschaft zu korrumpieren und den Patienten Unterschriften für ihre Einwilligung zur Entlassung abzunötigen.

Mundruczó inszeniert das Ganze als schwarzhumorige Farce. Eine überdrehte Bühnenshow als bös-ironischer Seitenhieb auf die gesellschaftlichen Zustände im postkapitalistischen Ungarn, mit liebevollem Seitenblick auf die Insassen der Demenzstation, die alle einen besonderen Tick kultiviert haben. So beginnen bei der ehemaligen Operndiva Mercédesz (Lili Monori) jedes Mal bei einer ganz bestimmten Melodie die Augen zu leuchten und erwachen verschüttete Liebeskräfte. Computerfachmann Lukács (Gergő Bánki) hängt in einer Erinnerungsschleife fest, in der es um eine frische Brise und das Segeln auf dem Balaton geht, die schüchterne Oci (Orsi Tóth) geht nachts immer an den Kühlschrank, aus dem Beethovens Neunte erklingt, und der Zahnarzt Elöd (László Katona), dem man 25 Jahre lang gesagt hat, was man machen muss, trägt nun Windeln und kann das Zähneziehen nicht lassen.

Es wird gesungen und getanzt, geschachert, eine Zunge abgeschnitten und wieder angenäht. Die Diva Mercédesz erzählt aus ihrem Leben, eine Gebrauchsanweisung für die demente Merci Sápy, in der sie sarkastisch mit der Männerwelt und der dementen Unterhaltungsgesellschaft abrechnet. Nachdem Arzt und Schwester mehrmals die Seiten gewechselt haben, kulminiert der Kampf der Insassen im nun geschlossenen Horror-Haus schließlich in einem regelrechten Gewalttrip und Amoklauf des Investors, der mit Kamera schemenhaft nach außen übertragen wird. Die endgültige Befreiung sieht die Gruppe dann nur noch im kollektiven Selbstmord. Dafür liegt auch schon für jeden das finale Suicide-Kit unterm Weihnachtsbaum. Die bittere Erkenntnis einer Gesellschaft, die sich hier per Tüte überm Kopf selbst die Luft abschnürt. Zum Finale singt man dann zusammen ein versöhnliches „We’ll Meet Again“. Es geht gegen die verordnete Auslöschung von Erinnerungen. Erinnern, das Wort, das der Dentist mit Kreide an die Außentür schreibt, als essenziell wichtige Fähigkeit einer Gesellschaft, ohne die sie auf Dauer auch nicht überlebensfähig ist.

Dementia, or the Day of My Great Happiness
Ungarisch mit deutschen Übertiteln
Regie: Kornél Mundruczó
Bühne und Kostüme: Márton Ágh
Dramaturgie: Viktória Petrányi und Gábor Thury
Musikalische Konzeption: János Szemenyei
Produktion: Dóra Büki
Technische Leitung und Lichtdesign: András Éltetö
Ton: Zoltán Belényesi
Requisiten: Gergely Nagy
Video: Zoltán Gyorgyovics
Garderobier: Melinda Domán
Regieassistent: Zsófia Csató
Produktions-assistenz: Ágota Kiss
Besetzung:
Bartonek … Ervin Nagy
Dr. Szatmáry …. Roland Rába
nurse Dóra … Kata Wéber
Mercédesz Sápi … Lili Monori
Henrik Holényi …. Balázs Temesvári
Lady Oci … Orsi Tóth
Lukács … Gergő Bánki
Dentist … László Katona

Produktion: Proton Theatre. Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer, Theatre National de Bordeaux Aquitaine, Trafó – House of Contemporary Arts (Budapest), HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste (Dresden), Festival De Keuze / Rotterdamse Schouwburg, Noorderzon Performing Arts Festival (Groningen), SPIELART Festival (München), Festival Automne en Normandie (Rouen), Maria Matos Teatro Municipal (Lissabon), Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt am Main), Kunstenfestivaldesarts (Brüssel). 

Dauer: ca. 130 min

Zuerst erschienen am 14.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Korijolánusz – Eine Shakespeare-Bearbeitung des Ungarn Csaba Polgár im HAU 1

Die Shakespeare-Tragödie des römischen Feldherrn Caius Marcius genannt Coriolanus aus dem Jahre 1607 hat schon einige moderne Bearbeitungen erfahren. Die bekannteste stammt wohl von Bertolt Brecht, der den aufmüpfigen Volkstribunen noch mehr Macht gab. Er ließ sie den nationalen Befreiungskampf gegen den abtrünnigen Kriegshelden Coriolan führen und endete das Stück mit einer römischen Bodenreform. Zwar nicht allein dagegen mokierte sich das DDR-Volk 1953, aber es stand nur kurze Zeit nach den Proben in Berlin auf der Straße. Brecht nötigte das einen flotten Spruch von der Regierung, die sich einfach ein anderes Volk wählen solle, ab. Der Blechtrommler Günter Grass sah sich daraufhin bemüßigt Brecht fortzuschreiben und ließ seinerseits einfach die Plebejer einen Aufstand gegen den Theatermacher proben.

Das HAU 1 - Foto: St. B.

Das HAU 1 – Foto: St. B.

Vom 17. Juni 1953 in der DDR ist es nicht mehr weit bis zum ebenfalls gescheiterten Ungarnaufstand 1956. Das Rad der Geschichte drehte sich unaufhörlich weiter, der Ostblock ist zerfallen, Deutschland wiedervereinigt. Aber auch heute geht es immer noch um die Frage Demokratie oder Diktatur. Und gerade angesichts des viel kritisierten politischen Rechtsrucks in Ungarn, den seit vier Jahren eine populistische, national gesinnte Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán zu verantworten hat, beschäftigt sich die Budapester HOPPart Company unter dem Regisseur Csaba Polgár wieder mit dem alten Shakespeare-Stoff über politischen Machtwillen und demokratische Gepflogenheiten, denen sich der Konsul Coriolanus nicht beugen will. Im Rahmen eines Festivals ungarischer Theatergruppen gastierte die Inszenierung nun an zwei Abenden im Hebbel am Ufer.

Dazu ist der Zuschauersaal leergeräumt worden, und das Publikum nimmt auf einer kleinen Tribüne vor dem Bühnenportal Platz. In Anzügen oder heutiger Freizeitbekleidung steht das Schauspielensemble im Raum und wartet, bis auch der letzte Hereinströmende seinen Platz gefunden hat. Dann beginnt das Volk wegen der steigenden Kornpreise zu klagen. „Es geht um uns, Römer.“ Dabei rückt man dicht gedrängt unter einer alten Stehleuchte zusammen. Wer nicht mit einstimmen will, bleibt außen vor. Der gemeine Plebejer, der hier recht vollmundig seinen Aufstand probt, kommt aber bei Polgár nicht besonders gut weg. Dagegen lässt er den zuvor auf einem Sockel stehenden Patrizier Agrippa als eloquenten Politiker die Parabel vom Magen und den anderen Körperteilen vortragen. So bereitet der geschickt die Einsicht in die Notwendigkeit des Staatswesens vor, dem sich das Volk unterzuordnen habe. Als freundliche Zugabe darf es weitere zwei Tribune wählen.

Der Auftritt des Caius Marcius erfolgt im Unterhemd und mit Scheinwerfer in der Hand. Er pöbelt gegen das Volk und stilisiert sich zum Hauptdarsteller. Die nationale Bedrohung durch die Volsker, die auch mal kurz als Slowaken bezeichnet werden, schweißt die Meute aber zusammen. Man zieht gegen Corioles, das hier einfach eine leere Kühltruhe ist, die Caius Marcius im Alleingang nimmt, während der Plebs lieber zurückbleibt und mit Faschingströten Beifall zollt. Der Titel Coriolanus ist ihm so sicher, und Volsker-Chef Aufidius wird zum Watschenonkel degradiert. Die anschließenden Demütigungen vor dem Volk bei der Wahl zum Konsul lässt der Kriegsheld widerwillig über sich ergehen und die Hosen auf Anraten seiner Mutter Volumnia schließlich runter. Wahlkampfreden sind nicht sein Ding, und dass ihm das aus dem Maul stinkende Volk zuwider ist, daraus macht Coriolanus mit Tritten keinen Hehl. Aus Wut und verletztem Stolz läuft der Entmachtete schließlich zum Feind über.

Man wird hier nicht ständig mit der Nase auf die aktuellen ungarischen Verhältnisse gestoßen. Polgár streut nur gelegentlich wie nebenbei etwas ein, was sicher auch nicht immer verständlich ist. Trotzdem funktioniert die Darstellung der Manipulation des Volkes mit Versprechungen und nationalen Parolen schon sehr gut. Tribune wie Patrizier halten schöne Reden und kaufen Stimmen. In der Szene, in der sich ein römischer und volskischer Handwerker zum Schwätzchen treffen, kommt auch noch ein bisschen Brecht ins Spiel. Man jammert gemeinsam, dass sich nicht viel geändert habe. „Man ißt, schläft und zahlt Steuern.“ Begrüßt aber die Verbannung des Coriolan. Der kleine Frieden ist wichtiger für gute Geschäfte in Rom wie auch in Antium. Ironisch karikiert Polgár hier den Willen des Volkes zur Revolte. Das lässt sich lieber weiter für dumm verkaufen und dreht sich zu „Alle meine Entchen“ im Kreis.

Korijolánusz von Csaba Polgár und HOPPart Company - Foto: Dániel Borovi

Korijolánusz von Csaba Polgár und HOPPart Company
Foto: Dániel Borovi

Immer wieder stellen sich auch die Schauspieler zusammen und singen Choräle wie In Pace oder Sanctus aus Mozarts Requiem. Da mutet das Ganze schon wegen des morbiden Charmes des Hebbel-Theaters manchmal wie eine kleine, schräge Marthalerei an. Aber auch Poppiges wird geboten. Die großartige Nóra Diána Takács darf als Muttertier ihrem Kriegersohn Coriolanus ein herzzerreißendes „The Winner Takes It All hinterhersingen, und die Politikergilde ruft sich ein „Give A Bit Of Hmm To Me And I Give A Bit of Hmm To You“ zu oder klebt sich ein Hitlerbärtchen an. Zeit für Populisten. Die Devise lautet: Eine Hand wäscht die andere. Politik verkommt zum Showprogramm mit lauter Selbstdarstellern. Wen man nicht mehr braucht, entsorgt man einfach.

Nachdem Coriolanus ermordet ist, geht man wieder zum Alltag über, verspricht den Volskern die Rückgabe von Corioles und stellt einen Antrag zur Reparatur der Wasserleitung. Bis dahin wird einfach ein Eimer unter das marode Dach gestellt. Auch ein Sinnbild für die ungarische Krise, unter der vor allem die unbotmäßige freie Kunstszene zu leiden hat. Wer sich nicht in den gleichgeschalteten Chor der Nationalisten einreiht, wird es auch in Zukunft in Ungarn schwer haben. Die Gelder werden längst schon von regierungskonformen Gremien verteilt. An eine Änderung dieser Verhältnisse ist wohl auch nach den bevorstehenden Wahlen nicht zu denken. Da wird denen, die nicht gewillt sind, mit den Wölfen zu heulen, letztendlich nur der Weg ins Ausland bleiben, den schon sehr viele ungarische Künstler gegangen sind.

Korijolánusz
Ungarisch mit deutschen Übertiteln
Regie: Csaba Polgár
Text: Ildikó Gáspár, Gergely Bánki
Licht und Ton: János Rembeczki
Bühne und Kostüm: Lili Izsák
Musikalische Konzeption: Tamás Matkó
Produktion: HOPPart Company
mit: Imre Baksa, Richárd Barabás, Gergely Bánki, Diána Drága, Zoltán Friedenthál, Tamás Herczeg, Tamás Keresztény, Diána Magdolna Kiss, Zsolt Máthé, Katalin Szilágyi, Nóra Diána Takács, Sándor Terhes

Dauer: ca. 100 min

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weitere Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Infos zum Festival: http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/leaving-is-not-an-option/

Zuerst erschienen am 12.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen von Marianna Salzmann, András Dömötör und Ádám Fekete als Szenische Einrichtung im Gorki-Studio

Nicht beim Ungarn-Festival im HAU, aber thematisch in die gleiche Kerbe hauend, beschäftigt sich der ungarische Nachwuchsregisseur András Dömötör in einer szenischen Inszenierung, die er bereits im Februar für das Maxim Gorki Theater eingerichtet hat, mit den derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnissen in seinem Heimatland. Er transportiert diese inklusive der eigenen Erfahrungen in ein Stück der Gorki-Autorin Marianna Salzmann. Am 7. und 8. März wurden seine „Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen“ wieder im Studio Я aufgeführt.

Ein Schusterjunge muss unten im Keller arbeiten, ein Hurenkind steht oben verloren auf der Straße. Ein Hurenkind weiß nicht, wo es herkommt, ein Schusterjunge nicht, wo er hingeht. (Quelle: Wikipedia)

Diese Merksprüche für typografische Satzfehler, die das Erscheinungsbild eines Schriftsatzes negativ beeinflussen, passen auch ziemlich genau auf die Konstellation der Protagonisten aus dem Stück „Hurenkinder Schusterjungen“ von Marianna Salzmann, das im Januar in Mannheim uraufgeführt wurde. Genau verorten lassen sich die drei nämlich weder in Herkunft noch im Hier und Jetzt. Und was sie antreibt, was sie wollen, bleibt ebenso unklar. Sie bilden lediglich so etwas wie eine zufällige Schicksalsgemeinschaft auf Zeit.

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen im STUDIO Я - © 2014 Maxim Gorki Theater

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen
im STUDIO Я – © 2014 Maxim Gorki Theater

Während im Haus von Vermieter Tschech (Till Wonka) die Uhren irgendwann stehen geblieben zu sein scheinen, ist die Zeit draußen geprägt von Kämpfen. In einem nahe gelegenen Park treffen sich immer wieder Leute und protestieren. Den jungen Buchs (Mehmet Ateşçi) zieht es aber nicht hinaus. Er sitzt lieber in seiner im Keller befindlichen Dunkelkammer und entwickelt Fotos, über die er nicht näher Auskunft gibt. Das Interesse der beiden so unterschiedlichen Männer fokussiert sich auf Ali (Lina Krüger), die ihre Miete mit dem Verkauf von Kaffee, Bier und Schokoriegeln in Zügen verdient. Es ist eine der typischen Dreierkonstellationen aus Salzmanns Stücken, in denen jeder nach seinem Platz sucht und immer mindestens einer dabei auf der Strecke bleibt.

Durch den Garten (Eden?) neben dem Haus führt eine Eisenbahnstrecke. Auch eine Art Metapher für das Ankommen und wieder Gehen. Zumindest haben alle drei diese Möglichkeit andauernd vor Augen. Der Weggang oder die Vertreibung scheinen dann auch nur eine Frage der Zeit. Derweil richtet man es sich gemütlich ein und spielt sexuell motivierte Frage-Antwort-Spielchen. Ein verbales und körperliches Abtasten, in dem jeder mal oben oder unten zu liegen kommt. Was stellenweise wie eine verschärfte Familienaufstellung wirkt, ist ein Kampf um Dominanz, der Unentschlossenheit und Schwäche kaschieren soll. Ein idyllisches Familienglück wird sich so aber nicht wirklich einstellen.

András Dömötör inszeniert die Geschichte im Foyer des Studios recht dynamisch auf und neben der Bar (Bühne: Moïra Gilliéron). Mit Hilfe von Playmobilfiguren, Legohäuschen, Kamera und Mikros werden einige der Szenen spielerisch verstärkt und an die Rückwand der Bar projiziert. Zum dramatischen Ende am Bahndamm kommt noch eine Ketchupflasche zum Einsatz. Um dem Ganzen mehr zeitliche Aktualität und eine gewisse Verortung zu geben, hat Regisseur Dömötör eigene Gedanken und Reflexionen über die allgemeine politische Situation in Ungarn und im Speziellen zu den Zuständen am Theater hinzugefügt. Schauspieler Aram Tafreshian trägt diesen Text als Alter Ego des Regisseurs in kleinen, eingeschobenen Szenen vor. Diktatur oder Demokratie, Nationalismus, Staat oder Gottvertrauen? Es läuft auch für ihn auf die ewige Frage hinaus: Bleiben oder gehen? Bis zu 5% der Bevölkerung Ungarns haben das für sich bereits mit dem Gang ins Ausland beantwortet.

Diese Notizen Dömöters, die dem Stück den Beinamen geben, berichten von den ganz persönlichen Eindrücken jenes jungen Regisseurs, der seit kurzem selbst in Berlin lebt, und rückblickend über seine Biografie, den Unmut über das herrschende System und die Resignation, die viele dabei befallen hat, räsoniert. In seinen Überlegungen spielen Aussagen ungarischer Intellektueller wie die des Literaturnobelpreisträger Imre Kertész oder des Friedenspreisträger Péter Esterházy ebenso eine Rolle, wie seine eigenen Zweifel und Überlegungen, ob und wie man etwas ändern kann. Es bleibt mithin eine fast schizophrene Erkenntnis, ein Ungar in Berlin ohne eigene Geschichte zu sein. Das sind konkrete Parallelen zum Stück, dessen Figuren ähnliche Fragen quälen. Ali wird sich schließlich den Protesten anschließen und auch Buchs denkt in einem Telefonat mit seinem Vater daran, den Keller endlich zu verlassen. Ein erster Versuch des Aufbegehrens gegen das eigene innere Koma.

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen
im Studio Я (Premiere war am 13.02.2014)
von Marianna Salzmann, András Dömötör und Ádám Fekete
Szenische Einrichtung
Regie: András Dömötör
Regieassistenz: Chantal Kohler
Bühne: Moïra Gilliéron
Mit: Mehmet Ateşçi , Lina Krüger, Aram Tafreshian und Till Wonka

weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/hurenkinder-schusterjungen/

Zuerst erschienen am 11.03.2014 auf livekritik.de

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Russen, Tussen, Türken, Birken – Kunst, Culture Clash und Klischees. Hoch her ging‘s beim GOЯKI-Neustart in Berlin.

Freitag, Dezember 20th, 2013

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Es schlug wie eine Bombe ein, als kurz vor Ende des Berliner Theatertreffens im Mai 2012 bekannt wurde, dass Shermin Langhoff, langjährige Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg, die Nachfolge des nach Stuttgart wechselnden Armin Petras am Maxim Gorki Theater antreten würde. Der regierende Bürgermeister, Kultur- und Partysenator Klaus Wowereit hatte die deutsche Theatermacherin mit türkischen Wurzeln kurz vor den Toren Wiens abgefangen. Jetzt könnte man sich in dem Witz ergehen, dass die Türken bereits 1529 und 1683 vor Wien gescheitert sind. Was allerdings die Tatsache negieren hieße, dass sie mittlerweile längst in der Mitte Europas leben, und mit ihnen so manch andere Nationalität. Shermin Langhoffs Entscheidung für Berlin und das Maxim Gorki Theater war letztendlich eine ganz persönliche und bescherte der deutschen Hauptstadt dazu nun endlich auch das erste interkulturelle Schauspielensemble im deutschsprachigen Raum. Die Wiener Festwochen müssen sich mit der Belgierin Frie Leysen begnügen, die bereits das Festival Theater der Welt und 2012 das Berliner Theaterfestival Foreign Affaires kuratierte. Einer weiteren Internationalisierung der Festwochen werden also auch die Wiener nicht entgehen können.

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Der Kirschgarten von Anton Tschechow in einer Inszenierung von Nurkan Erpulat

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Zurück nach Berlin. Mit einem Herbstsalon der Kunst eröffnete Shermin Langhoff Anfang November ihre Intendanz am Maxim Gorki Theater. Für zwei Wochen wurde das angrenzende Palais am Kupfergraben mit Objekten, Installationen und Performances in Berlin lebender Künstler von internationaler Couleur bespielt. Ein gelungener Einstieg und Vorgeschmack auf den eigentlichen Start, der vom 17. bis 19. November mit drei Premieren gefeiert wurde. Mit Anton Tschechows Kirschgarten und zwei Inszenierungen von Gegenwartsstoffen der jungen Schriftstellerin Olga Grjasnowas und der jungen Dramatikerin Marianna Salzmann fiel das erste Wochenende im neuen GOЯKI recht russischlastig aus. Was natürlich nur auf den ersten Blick über die eigentliche Intension dieses vielbeachteten Neustarts hinwegtäuschte. Zum Auftakt präsentierte sich nämlich der nicht nur in Berlin bereits recht bekannte deutsch-türkische Theaterregisseur Nurkan Erpulat, der mit Verrücktes Blut gemeinsam mit dem neuen Gorki Chefdramaturgen Jens Hillje bereits einen Achtungserfolg für das postmigrantische Theater auf dem Berliner Theatertreffen 2011 feiern konnte. Die Inszenierung des Ballhaus Naunynstraße wurde übrigens auch ins Programm des Maxim Gorki Theaters übernommen.

Tschechows Kirschgarten interpretierte Erpulat nicht als Widerspruch Alt gegen Neu, Oben gegen Unten, sondern, ganz im Sinne des Leitmotivs des neuen Gorki, als Kampf der mittlerweile in der dritten Generation im Lande lebenden Migranten gegen die Alteingesessenen. Da wird der alte Sehnsuchtsort Kirschgarten, der ja schon bei Tschechow in jeder Enzyklopädie stand, zu einer Art überkommenen Leitkultur, die der junge Migrant Lopachin (Taner Sahintürk), dessen Vater noch als Leibeigener für die Familie der Ranjewskaja (Ruth Reinicke als letzte Verbliebene – im doppelten Sinne – des alten Gorki-Ensembles) ackern musste, am liebsten abholzen möchte. Er will Parzellen mit Ferienhäusern statt schöne Phrasen der deutschen Aufklärung, für die sich heute eh keiner mehr etwas kaufen kann. Taner Sahintürk liest aus Immanuel Kants Was ist Aufklärung? und lässt das Buch wie einst Tschechows Lopachin verständnislos sinken.

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Das neue GOЯKI. – Foto: St. B.

Die Unterschiede zur verrottenden und schwafelnden Intelligenzija der Ranjewskaja, ihres Bruders Gajew (Falilou Seck, noch bekannt aus Lukas Langhoffs Volksfeind-Inszenierung beim Theatertreffen 2012) oder dem Studenten Trofimow (Aram Tafreshian) werden hier an rein kulturellen Differenzen festgemacht. Da geht doch einiges verloren. Anja (Marleen Lohse), Warja (Sesede Terziyan), oder gar die Ranjewskaja selbst bleiben hier bei allem darstellerischen Können relativ vage. Den Nebenfiguren bzw. Bediensteten bei Tschechow wird in Erpulats Kirschgarten dagegen klar ihre Entsprechung in der heutigen deutschen Einwanderungsgesellschaft zugewiesen. Neben Lopachin trifft das vor allem auf Charlotta, Dunjascha, Firs und Jascha zu. Allen scheint irgendetwas zu fehlen. Sei es die Identität, Liebe, Zugehörigkeit oder gar so etwas wie Heimat.

Während Lopachin zumindest ein Ziel verfolgt, wirken die anderen doch recht orientierungslos. Çetin İpekkaya als Firs verfällt immer wieder in die türkische Sprache und wird von den anderen nicht ernst genommen. Der ersten Generation fehlt der Zugang zur neuen Gesellschaft, in der auch die anderen kaum ihren Platz finden oder nur mit Mühe behaupten können. Tamer Arslan als Jascha spielt den coolen Macho im Trainingsanzug. Pitschick (Mehmet Yilmaz) und Dunjascha (Mareike Beykirch) sind Karikaturen der Anpassung im deutschen Trachtenlook. Die Travestiekünstlerin Fatma Souad bringt als Charlotta mit ihrer ganz speziellen Geschichte (schwul, lesbisch, türkisch, berlinerisch) etwas Kreuzberger Lokalkolorit nach Mitte. Die schon bei Tschechow alters- und heimatlose Gouvernante als transidentisch darzustellen, ist natürlich schlüssig, aber auch nicht ganz neu.

Tschechows differenzierte Figurenzeichnung tritt hier hinter die klare Absicht des Regisseurs zurück. Die Widersprüche im Kirschgarten sollen so einen aktuellen Anstrich erhalten. Nur das dieser bisweilen etwas zu plakativ ausgemalt erscheint. Immer wieder werden deutsche Volkslieder gesungen und eine Musikerin (Sinem Altan) im schwarzen Hidschab spielt Klavier. Spätestens wenn Lopachin sich seine neue Heimat gekauft hat und beginnt die alten Tapeten abzureißen, schlägt auch bei ihm die unaufgearbeitete Vergangenheit durch. Tradition und Moderne geben sich auf der Bühne die Hand. Man tanzt zu türkischer Musik und spricht vom Aufbruch in eine neue Zeit. Zumindest tut man so. Und da ist man wieder ganz bei der Sehnsucht der Tschechow‘schen Figuren.

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Ob der gute Vorsatz nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sei dahingestellt, genau wie die These, dass die deutsche Gesellschaft wie das Gut der Ranjewskaja am Ende ist, wenn sie sich nicht den Problemen der Migration, wie auch den Vorzügen der kulturellen Diversität öffnet. Dass Hochkulturen zur Dekadenz und Fäulnis neigen, wenn sie sich allzu lang um sich selbst gedreht haben, dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte. Ein neuer Pfropf wirkt da mitunter Wunder. In der Beziehung funktioniert die Metapher des alten Kirschgartens, mit dessen Früchten niemand mehr etwas anfangen kann, doch sehr gut. Am neuen Gorki wird man jedenfalls weiter darauf hinweisen, dass die Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund hierhergekommen sind, um einen Anspruch auf Mitgestaltung einzufordern. Und bereits im Januar bringt dann Nurkan Erpulat seine vielbeachtete Wiener Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne neu auf die Bühne des Gorki Theaters. Man darf weiterhin gespannt sein.

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Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt, inszeniert von Yael Ronen und Schwimmen lernen von Marianna Salzmann – Ein Lovesong am neuen Studio Я, inszeniert von Hakan Savaş Mican

In den anderen beiden Inszenierungen ist man dann doch etwas näher dran, an der Lebenswirklichkeit junger Migranten in Deutschland. Die junge Jüdin Mascha (Anastasia Gubareva) aus Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt ist Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan. Sie ist kriegstraumatisiert und daher nicht gerade auskunftsfreudig, was ihre Vergangenheit angeht, die sich ihr deutscher Freund Elias (Knut Berger), mit Hang zum Zuschreibungswahn, entsprechend zusammenreimt. Da gibt es dann genug Platz für altbekannte Klischees und Missverständnisse. Zwischen die beiden schiebt sich der in Deutschland gestrandete und auf ein Visum für die USA wartende Palästinenser Sami (Thomas Wodianka). Er ist einer, der keine Milch von Kühen im Kaffee mag und auch ansonsten nicht viel auf Traditionen gibt. Cem (Dimitrij Schad) ist Türke, schwul, spielt Gitarre und mimt den Conférencier.

Armes Deutschland, kann da Elias Vater Horst (Tim Porath) nur noch von sich geben. Der Deutsche ist hier entweder provinziell verknöchert und stink konservativ oder hyperaktiv um Verständnis heuchelnd. Zumindest muss alles seine Ordnung haben und sich entsprechend einsortieren lassen. Elias kommt mit seinen Fragen allerdings nicht mehr weit. Er erliegt nach der Hälfte des Stücks den Folgen eines blöden Sportunfalls, und mit ihm auch die Lebenslust Maschas. Nach einem traumatischen Besuch in der ostdeutschen Provinz bei Elias Vater, der den Sinn des Lebens darin sieht, die vielen Kuckucksuhren seines Vaters aufzuziehen, über den er sonst auch nicht viel mehr weiß, als über seinen Sohn Elias, verkriecht sich Mascha erstmal für Wochen mit dessen Spotshirt ins Bett. Dass sie da nicht ranzig wird, hat sie Cems Hartnäckigkeit und seinem Sinn für aufbauende Geschichten zu verdanken.

Über schlüpfrige Umwege kommt die sprach- und anderweitig begabte Mascha an ein Auslandsstipendium und damit schließlich nach Israel. Neues Land, neue Liebe, neues Leben. Erinnerungen an früher und allzu feste Wurzeln sind da nur noch hinderlich. Grjasnowas Roman ist ein schöne Beschreibung der bindungsarmen, zwischen den Welten switchenden Jugendlichen, die sich eigentlich nicht viel Gedanken über ihre eigentliche Identität und Heimat machen, diese aber trotzdem immer im Hintergrund mit sich herumschleppen und auch von der Gesellschaft hinterfragt bekommen. Die Inszenierung von Yael Ronen ist frisch, witzig, mit viel Situationskomik und macht definitiv Lust auf mehr.

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Gorki-Studio

Gorki-Studio Я

Ganz ähnlich geht es der jungen Protagonistin im Stück Schwimmen lernen der Dramatikerin Marianna Salzmann. Die Russin Lil (Marina Frenk) fühlt sich einsam in Deutschland. Sie träumt vom Meer in ihrer Heimat. Feli (Anastasia Gubareva) und Pep (Dimitrij Schad) dagegen sind ein Paar und halten sich für die beste Idee. Diese will aber auf Dauer nicht so recht zünden. Feli lernt Lil kennen und lieben. Angesteckt von Lils Idee vom Meer gehen beide schließlich nach Russland. Aber das Leben dort birgt andere Schwierigkeiten. Lil ist schnell genervt von den Kuchennachmittagen und Fragen der Verwandten und Feli fügt sich schwer in ihren neuen Job ein. Der Alltag ist Gift für die junge Liebe und das Meer nur eine ferne Projektion.

Wieder ein schönes Stück über Sehnsüchte Jugendlicher nach Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen. Vereinbar scheinen beide auf Dauer nicht zu sein. Irgendwann ist Feli wieder weg und Lil im fremden Land auf sich allein gestellt. Hakan Savaş Mican inszeniert diesen zwischen Aufruhr der Gefühle und Melancholie schwankenden Lovesong auch als solchen. Die Darsteller singen immer wieder von Heimweh, Liebe und Liebesleid. Sie spielen dazu begnadet auf der Gitarre, dem Klavier, oder trommeln sich die Seele aus dem Leib. Heiß her geht es, bis zum Schluss die Fenster geöffnet werden und die jungen Leute auf die Straße ausbrechen. Ganz großes Theater im kleinen neuen Studio Я, das in Zukunft auch unter der Leitung von Marianna Salzmann stehen wird.

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Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen – Sebastian Nübling inszeniert Sibylle Berg

Sibylle Berg im Oktober 2013, Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia commons

Sibylle Berg im Okt. 2013
Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia

Ganz ohne Migrationshintergrund kommt dagegen das extra fürs neue Gorki geschriebene Stück der Schriftstellerin, Dramatikerin und Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg aus. Jugendlich sind die Protagonistinnen des lockeren Fünfundsiebzig-Minüters Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen aber schon. Regisseur Sebastian Nübling, den Shermin Langhoff überraschender Weise fürs Gorki verpflichten konnte, besetzt das Stück für eine Person und mehrere Stimmen dann auch mit den vier jungen Schauspielerinnen Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas. Deren vierstimmigen Wutschwall, von Berg als ununterbrochener Fließtext geschrieben, inszeniert Nübling als stampfendes, dampfendes Körperballett auf ansonsten leerer Bühne. In Schlabberlook und Nerdbrille zieht das Quartett dabei chorisch und unkorrekt über den heutigen Zeitgeist mit seinem Jugend-, Mode- und Körperwahn her.

Aus der Sicht der namenlosen Hauptprotagonistin hört dieses Rumgeleide aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationdruck wahrscheinlich nie auf. Aber ob da einfach nur Älterwerden die Lösung bringt, darf bezweifelt werden. Vorerst bedient frau noch weiter bestens alle möglichen Ziel- und Randgruppen-Klischees. Dass es hier vor allem immer wieder die heteronormative Männlichkeit trifft ist durchaus beabsichtigt. „Schräger Pony, verdeckt beginnende Geheimratsecken, enge Hose, korrekter BMI, Nerd-Brille … und tschüss!“ Aber auch trendige Fitness-Beautys bekommen ihr Fett weg. „Wie werde ich überflüssige Pfunde am schnellsten los?“ Zuviel Hormone oder überhaupt Gefühle sind da einfach nur zum Kotzen. Zwischendurch rufen immer mal wieder die Schwestern Minna und Gemma oder die angehimmelte Freundin Lina an, während Stiefpapa Paul, das Opfer, im imaginierten Kellerverließ sitzt.

So trampeln sich die vier Darstellerinnen den Frust vom Leib und übertragen mit viel Coolness ihren We don’t give a shit-Storm aufs mehrheitlich jugendliche Publikum. Nur, wer die Radikalität der Bücher von Sibylle Berg kennt und weiß mit welcher oft auch moralischen Keule sie die Leser ihrer S.P.O.N.-Kolumnen traktieren kann, wird hier an manchen Stellen auch schon mal verstohlen gähnen. Ihre sonst recht böse Ironie kommt zuweilen doch recht nett daher. Und während Frau sich noch so ihren Teil denkt, schläft Mann vielleicht schon fest.

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Gorkilogo

Der Kirschgarten
eine Komödie von Anton Tschechow

Mit:
Jascha: Tamer Arslan
Dunjascha: Mareike Beykirch
Firs: Çetin İpekkaya
Anja: Marleen Lohse
Ranewskaya: Ruth Reinecke
Lopachin: Taner Şahintürk
Gajew: Falilou Seck
Trofimov: Aram Tafreshian
Warja: Sesede Terziyan
Simeonow-Pischtschik: Mehmet Yılmaz
Charlotta: Fatma Souad
Musiker: Özgür Ersoy
Musikerin: Sinem Altan

Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Sinem Altan / Tobias Schwencke
Licht: Norman Plathe
Dramaturgie: Daniel Richter

Weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/der-kirschgarten/

Der Russe ist einer, der Birken liebt (UA)
von Olga Grjasnowa in einer Bühnenfassung von Yael Ronen

Mit: Mehmet Ateşçí, Knut Berger, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Esther Krapiwnikow
Video: Benjamin Krieg
Musik: Yaniv Fridel / Dimitrij Schaad
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/

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Schwimmen lernen. Ein Lovesong
von Marianna Salzmann

Mit: Marina Frenk, Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.

Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger
Musik: Enik
Video: Benjamin Krieger
Licht: Daniel Krawietz
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/schwimmen-lernen/

Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (UA)
von Sibylle Berg

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.

Regie: Sebastian Nübling
Choreographie: Tabea Martin
Raum: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger
Mitarbeit Raum/Kostüme: Moïra Gilliéron
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Katja Hagedorn.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/es-sagt-mir-nichts-das-sogenannte-draussen/

siehe auch Kultura-Extra vom 12.12.2013

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RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE – Drei szenische Lesungen im neuen STUDIO Я am Maxim Gorki Theater

Dienstag, Dezember 3rd, 2013

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Süß findet die junge Prostituierte Bibi (Lina Krüger) Adems andauernde, ungelenke Annäherungsversuche. Süß und teuer sind auch die Baklava, die Adems Mutter Meryem (Sema Poyraz) aus der Türkei mit nach Berlin gebracht hat. Allerdings zeigt Adem (Jerry Hoffmann) mehr Interesse für Bibis Po, als für die lästigen Fragen und alten Geschichten seiner besorgten Mutter Meryem. Und dann gibt es da noch Adems Freundin Joelle (Katja Nesytowa), die Jüdin ist, und das leidige Problem: Wie bringe ich es meiner Mutter bei?

Das neue STUDIO Я am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Das neue STUDIO Я am Maxim Gorki Theater.
Foto: St. B.

Um derlei Probleme, Mutter-Sohn-, Mutter-Tochter- und/oder Tochter-Vaterbeziehungen sowie dass die jungen Protagonisten immer noch mindestens ein weiteres Land mitdenken müssen, obwohl sie doch in Deutschland geboren sind und hier ihren Lebensmittelpunkt haben, drehen sich die drei Stückentwicklungen, die das neue Gorki-Studio Я nun als szenische Lesungen herausgebracht hat. Die jungen Leute besitzen alle einen ganz bestimmten Hintergrund, der ihnen zu schaffen macht, ob sie nun wollen oder nicht. Ihre Eltern oder Großeltern sind irgendwann mal aus der Türkei, Afrika oder Russland nach Deutschland ausgewandert. Und wo wären ihre Geschichten besser aufgehoben, als am neuen Gorki Theater, das sich seit dieser Spielzeit mit neuer Intendanz und multiethnisch gemischtem Ensemble verstärkt den Themen der Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund widmen will.

Adem wird im Lauf des von Hakan Savaş Mican geschrieben Stücks Du weißt ich muss gehen erfahren, dass es besser ist, sich den Problemen zu stellen, als vor ihnen davon zu laufen, auch wenn das Schmerzen auf allen Seiten zur Folge haben kann. Mutter Meryem erweist sich trotz Kopftuch als weitaus weltoffener als vermutet, und auch Joelle muss im Gespräch mit der Schwiegermutter in Spe einige ihrer Vorurteile revidieren. Regisseur Michael Ronen hat die Lesung auf einem großen Bett eingerichtet, was ein wunderbares Sinnbild für Unter-einer-Decke-Stecken bzw. etwas unter der selbigen halten wollen darstellt. Ins gemachte Bett kann sich hier jedenfalls keiner legen. Hakan Savaş Micans Stück, das zu ca. zwei Dritteln zur Aufführung kam, sprüht nur so vor Wortwitz, und man möchte gern erfahren, wie sich Adem nun entscheiden wird und ob es doch noch Hoffnungen auf das türkisch-israelische Wunder gibt, oder ganz andere Wunder auf die Protagonisten warten.

Am liebsten auf den Mond schießen möchte Noah (Ernest Allan Hausmann), der Protagonist aus mais in deutschland und anderen galaxien von Olivia Wenzel, seine Mutter Susanne. Sie, einst siebzehnjährige Punkerin in der DDR, hat sich nie sonderlich für Noah interessiert. Susanne, in allen Lebenssituationen unglaublich präsent von Gorki-Schauspielerin Ruth Reinicke dargestellt, wollte immer nur ganz weit weg und hätte ihn gern zu seinem Vater nach Angola gebracht, um dann weiter zu fliehen. Das hat sie allerdings damals nur bis in die Psychiatrie gebracht. Noah wuchs die meiste Zeit bei seinen von Susanne wegen ihrer spießigen Angepasstheit gehassten Großeltern auf. Das Stück verfolgt Noahs Leben vom dreijährigen Jungen bis zum 50jährigen Mann, der immer noch auf der Suche nach sich selbst und seinen eigentlichen Talenten ist.

Noahs Problem ist nicht so sehr seine dunkle Hautfarbe, obwohl er sich auch mal gegen eine Bande von Skinheads verteidigen muss. Wie seine Mutter kann er in seinen Beziehungen nie wirkliche emotionale Nähe aufbauen. Als Zwanzigjähriger, nachdem er endgültig bei Susanne ausgezogen ist, beginnt er seine Hassliebe zur Mutter in einem Comic zu reflektieren. Und der beinhaltet jenen finalen Wunsch, Susanne so weit weg wie möglich in die Galaxie zu schießen. Auf der Reise zum (bei einem Preisausschreiben gewonnen) Mondflug begegnet den beiden das wunderliche Mädchen Lila (Elmira Bahrami), das mit seinen konkreten Fragen die nie ganz ausgesprochenen wunden Punkte zwischen Noah und Susanne wieder aufbrechen lässt. Die bekannte deutsch-türkische Schauspielerin İdil Üner hat den Text, der beständig zwischen Realität und Märchen changiert, mittels South-Park-Puppen und phantastischen Kostümen wunderbar eingerichtet. Olivia Wenzels Text, der am weitesten fortgeschritten war, hat durchaus das Zeug zum Publikumsrenner.

raus_neue_deutsche_stuecke_Foto Esra Rotthoff _gorki Studio

RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE
Foto: Esra Rotthoff

Zu bereits fortgeschrittener Stunde kam dann noch das Stück Zöpfe – Вера, Надежда, Любовь (Wera, Nadeshda, Ljubow) von der Dramatikerin und Studio-Я-Leiterin Marianna Salzmann zur szenischen Aufführung. Hier geht es beileibe nicht nur um alte Zöpfe, die abgeschnitten gehören. Die Haare dienen auch als generationsübergreifendes Sinnbild für die Sehnsüchte der Protagonisten zwischen Tradition und dem eigenen Kopf, den es durchzusetzen gilt. Die recht komplexe Handlung dreht sich um die Ärztin Wera, ihre Tochter Nadeshda und den russisch jüdischen Großvater Konstantin, früher Held der Roten Armee, jetzt krebskrank ans Bett gefesselt. Nadeshda wünscht ihre Haare loszuwerden. Konstantin, der das für eine Ersatzhandlung zur jüdischen Beschneidung hält, wünscht sich seine einstige Haarpracht zurück. Dazwischen steht die alleinstehende Wera, die zwischen dem türkischen Blumenhändler Imran und dem Amerikaner John schwankt.

Dass auch Nadeshda zu John eine rein sexuelle Beziehung pflegte, verkompliziert das Ganze zusätzlich. Sie hat beider Frucht abgetrieben. Nun verfolgt sie dieses Kind vergangener Liebe (Ljubow) in Gedanken und erzählt makabre Witze. Wera, Nadeshda, sind nicht nur einfach drei russische Frauennamen, sondern stehen auch für die drei christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Trotz dass Marianna Salzmann, die bereits mit Muttersprache Mameloschn am DT und Schwimmen lernen jüngst hier im Studio Я glänzte, ihr Stück dermaßen symbolisch auflädt, hebt es nicht total ab. Diese multikulturell zusammengewürfelte und religiös so verschiedene Gruppe von Menschen kommt ausgerechnet zu Weihnachten am Bett Konstantins zusammen und tut, was alle Familien an Heilig Abend so tun. Sie lieben und sie streiten sich.

In der von Babett Grube eingerichteten szenischen Lesung sitzt das bestens aufgelegt Ensemble wie bei einer Familienaufstellung auf Stühlen beisammen. Die Gorki-Truppe mit Marina Frenk (Ljubow), Dimitrij Schaad, Mehmet Yılmaz und ihre Gäste Katja Nesytowa (Nadeshda), Daniel Kahn und Adriana Metzlaff sowie die beiden DT-Schauspieler Anita Vulescia und Bernd Stempel als Wera und Konstantin spielen sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes in einen Rausch und bekommen dann noch nacheinander die Haare geschnitten. Nicht zuletzt hier zeigt sich, dass die Themen dieser Stücke direkt aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen. Um die Zukunft des neuen Gorki-Studios unter der Leitung von Marianna Salzmann muss man sich so keine Sorgen mehr machen.

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Gorki-StudioDie insgesamt sieben Stücke der Reihe RAUŞ – Neue deutsche Stücke werden im Januar 2014 noch einmal im koproduzierenden Ballhaus Naunynstraße zu sehen sein. Die Texte und Portraits der Autoren kann man im Gesellschaftsmagazin freitext, Heft 22 (10 €) nachlesen.

Premiere vom ersten Abend war am 29. 11.2013 im Studio Я.

RAUŞ – Neue deutsche Stücke

Stagediving

Eine Kooperation vom Maxim Gorki Theater mit dem Ballhaus Naunynstraße und dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext, gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

Du weißt ich muss gehen
Von Hakan Savaş Mican
Szenische Einrichtung: Michael Ronen
Mit Jerry Hoffmann, Katja Nesytowa, Sema Poyraz, Lina Krüger

mais in deutschland und anderen galaxien
Von Olivia Wenzel
Szenische Einrichtung: İdil Üner
Mit Ernest Allan Hausmann, Ruth Reinecke, Heide Simon, Peter von Strombeck, Prodromos Tsinikoris, Katharina Alf, Elmira Bahrami

Zöpfe – Вера, Надежда, Любовь
Von Marianna Salzmann
Szenische Einrichtung: Babett Grube
Mit Anita Vulescia, Katja Nesytowa, Marina Frenk, Bernd Stempel, Daniel Kahn, Mehmet Yılmaz, Dimitrij Schaad, Adriana Metzlaff

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/raus-neue-deutsche-stuecke-29-11-13/

zuerst erschienen am 02.12.2013 auf Kultura-Extra

siehe auch Beitrag auf Freitag-Community

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Brandung – Das mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnete Stück von Maria Milisavljevic feierte in der Regie von Christopher Rüping am 10. Oktober seine Berlin-Premiere in der Box des Deutschen Theaters.

Donnerstag, Oktober 31st, 2013

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„Ein Schrei durch die Brandung! Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut. Ein Wrack auf der Sandbank, noch wiegt es die Flut; Gleich holt sich‘s der Abgrund.“ Otto Ernst, aus: Nis Randers, verwendet in Brandung von Maria Milisavljevic

Diese und noch einige andere poetische Einlassungen im sonst recht epischen Text von Maria Milisavljevic geben ihrem Stück Namen und Richtung. Und noch von anderer Seite ist poetisch Hochtrabendes in den Text geflossen. Regisseur Christopher Rüping stellt den Musiker des Abends, Christoph Hart, als bebildertes Zitat an den Anfang. Er, oben Mensch und unten Fisch, spricht einen Auszug aus Hermann Hesses Demian. Bei Hesse heißt es in der Einleitung zum Roman weiter: „Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“ Maria Milisavljevic geht es um die Rückkehr zu den Wurzeln der Kindheit, um die Herkunft und Heimat des Menschen.

Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin – Foto: St. B.

Im Stück, dass im Juni bereits bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zur Uraufführung kam, sind es zunächst drei, Milisavljevic nennt sie ICH, ER, SIE, die einen weiteren, namens Karla, suchen. Karla ist von einem schnellen Ausflug zum Supermarkt um die Ecke nicht mehr zurückgekehrt. Die Freunde melden sie als vermisst und beginnen ihrerseits mit einer groß angelegten Suchaktion. Was wie ein spannend inszenierter Krimi daherkommt, hat im zweiten Hinsehen aber wesentlich tiefere Ursachen. Ungeklärte Freundschafts- und Liebesbeziehungen quälen die Protagonisten und lassen sie schließlich auf eine Reise zurück bis zu ihren familiären Wurzeln gehen.

Die von Natalia Belitski gespielte Ich-Erzählerin ist mit Vlado, dem ER, zusammen, zeigt aber auch Interesse an den Annäherungsversuchen von Jo, was sie Vlado natürlich verschweigt. Der neu aus Leipzig zum Ensemble des DT gestoßene Benjamin Lillie spielt die beiden erst nichts voneinander wissenden und dann sich beargwöhnenden Kontrahenten. SIE (Barbara Heynen) heißt eigentlich Martina und ist die Schwester der Ich-Erzählerin. Als Mitbewohnerin Karlas und einzig scheinbar unbelastete Figur wirft sie sich pflichtschuldig in die Suche nach ihr, organisiert das Erstellen von Webseiten und Handzettel, macht Druck bei der örtlichen Presse und Polizei.

Die anderen beiden bergen weiter ihr Geheimnis, werden aber von einem inneren Gefühl, wie einem schlechten Gewissen angetrieben, die Verschwundene zu finden. In wechselnden Monolog- und Dialogpassagen forschen sie einander aus, suchen nach Ursachen des plötzlichen Verschwindens. Ihre einst innige Beziehung ist an einem gewissen Kältepunkt angelangt, was sich im Text in der Metapher des gefrorenen Sees, der erst später die Leiche der jungen Karla freigeben wird, wiederfindet und sich auf der Bühne in Form einer Wand voller quadratischer, schmelzender Eisscheiben spiegelt.

Je weiter die Protagonisten in die Tiefen ihres Beziehungsgeflechts und ungeklärte Vergangenheit vordringen, je schneller das Eis in der Wand schmilzt, umso näher kommen sie sich wieder bei der gemeinsamen Suche nach Karla. Für den nötigen Spannungsbogen sorgt die Autorin mittels einiger Krimibezüge und kolportagereifen Szenen, die der Regisseur auch in entsprechend spritzige Bilder übersetzt. Da will ein zwielichtiger Deutscher die Tasche Karlas in der Nähe eines barackenartigen Russenviertels am Fluss gefunden haben, wo dann auch noch ein roter Gummistiefel mit aufgemaltem Herzen entdeckt wird.

Die drei Schauspieler laufen dabei mit Taschenlampen bewaffnet durch die Zuschauerreihen und treiben das skurrile Spiel mit der Spannung auf die Spitze. Der Musiker Christoph Hart hinter der Wand liefert je nach Stimmung den passenden Keyboardsound dazu. Da schreien mal die Darsteller wie Möwen, ist unablässig tropfendes Wasser zu hören oder später auch feinfühliges Harfenspiel.

Nachdem Karlas Tod Gewissheit wird, flieht das Paar schließlich zu Vlados Großeltern nach Kroatien. Ob es Mord oder Selbstmord war, untersucht die Polizei, während das Paar zur Ruhe zu kommen versucht und sich unter dem Druck von Schuldgefühlen ihre Geheimnisse gesteht. So birgt nicht nur ICH ein Geheimnis, auch Vlado hat Karla die Wahrheit über seine Beziehung zur Ich-Erzählerin verschwiegen.

Mit Einsprengseln über die Geschichte von ICHs und Vlados Familie versucht Maria Milisavljevic die Verlustängste der beiden zu erklären und gibt den beiden dadurch wieder Halt. So können sie ihre Luftwurzeln wieder erden, und aus imaginären Sehnsuchtsorten mit Sonne und Meer werden echte gemeinsame Erlebnisorte. Hier verarbeitet die Autorin mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien durchaus auch eigene Erfahrungen. Nicht alle Rätsel über das Verschwinden Karlas können hier gelöst werden. Aber eines ist den beiden Zurückgebliebenen klar: „Wer nicht erzählt, braucht das Schweigen.“ Und das zu brechen, ist manchmal wie Löcher in eine Eiswand schlagen.

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Ein bemerkenswerter Achtungserfolg und neben Marianna Salzmanns Muttersprache Mameloschn weiterer gelungener Beitrag des Deutschen Theaters zum Thema Heimat und Familie. Salzmanns berührendes Familienstück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland wird durch die DT-Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und ein weiteres Mal großartige Natalia Belitski mittels viel Witz und Hilfe einer frischen, lockeren Regie hervorragend in Szene gesetzt. Das mit reichlich Mutter- und Sprachwitz ausgestattete Stück war ganz zu Recht für den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis 2013 nominiert. Muttersprache Mameloschn in der von Regie von Brit Bartkowiak ist ebenfalls wieder in der Box des DT zu sehen.

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Brandung (UA)
von Maria Milisavljevic
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Dramaturgie: Meike Schmitz.
Mit: Natalia Belitski (Ich), Benjamin Lillie (Er), Barbara Heynen (Sie), Christoph Hart (Musiker).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine in der Box des Deutschen Theaters:

01. November 2013, 19.30 – 21.00 Uhr
17. November 2013, 19.30 – 21.00 Uhr
30. November 2013, 18.00 – 19.30 Uhr

Muttersprache Mameloschn wieder am 15., 16., 17. Okt. und 14. Nov. um 20:00 Uhr sowie 29. Nov. und 25. Dez. um 19:30 Uhr

Der Beitrag ist zuerst auf Livekritik erschienen.

siehe auch: http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/brandung-in-der-box-des-dt-berlin

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Heute startet die neue Spielzeit am DT – Wo bleibt der große Wurf? Das Deutsche Theater Berlin zwischen deutscher Geschichte und Tradition, Kunstanspruch und Klamotte. Ein Rückblick nicht nur auf die letzte Spielzeit.

Freitag, August 30th, 2013

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„Die republikanische Verfassung eines Theaters ist wohl möglich und für seinen Bestand nicht nur ohne Gefahr, sondern vielmehr von großem Vorteil. (…) Die Tatsache aber ist nicht zu verschweigen, dass, um breiteste Wirkungen im edelsten Sinne auszulösen, nicht der Einfluß eines Theaters genügt, nicht eines oder mehrerer Hoftheater, sondern alle Theater dürften letzten Endes nur dem einen Ziele dienen, dem Ziele der Wohlfahrt und des höchsten Gedeihen des Volkes, wie es von den Besten erkannt und angestrebt wird. Man braucht nur einen Blick auf die Mehrzahl deutscher Bühnen zu werfen, um das betrübende Bewusstsein zu haben, wie wenig von diesen für die Kultur des Volkes geleistet wird, geleistet werden kann!“
Zitat Siegwart Friedemann, Vertrauliche Theaterbriefe. Schlussbetrachtung. 1909, aus: Alexander Weigel: Das Deutsche Theater – Eine Geschichte in Bildern, Propyläen 1999

DT-LogoGeschichte und Tradition am Deutschen Theater Berlin

Bereits in den Jahren vor 1848 bis in die Zeit der Märzrevolution in Deutschland führt in einem alten Casino an der Schumannstraße 14 der Restaurateur und damalige Direktor Friedrich Wilhelm Deichmann kleine revolutionskritische Possen mit „höchst zeitgemäßen Couplets“ wie „Die Nacht der Barrikaden, oder der Engel im Dachstübchen“ und „Eigentum ist Diebstahl oder Der Traum eines roten Republikaners“ auf. Es folgen weitere derlei „komische Genrebilder mit Gesang“ wie „Der deutsche Michel“, „Keine Arbeit mehr!“ oder „Eine Leipziger Barrikade“. Das kleinbürgerlich Verharmlosende dieser mehr spaßig gedachten Bühnenstücke hat Kurt Tucholsky 1919 in „Was darf Satire“ so beschrieben: „Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten.“

Trotzdem strömt das Publikum begeistert ins Wilhelmstädtische Theater bis dann gerade die Aufführung Johann Nestroys „Freiheit im Krähwinkel“ Direktor Deichmann doch noch die befürchtete „permanente Überwachung“ durch das Berliner Polizeipräsidium einbringt. Erst der Errichtung eines Prachtbaus des von ihm beauftragten Architekten Eduard Titz in den Jahren 1849/50 holt das Theater aus der volksnahen Schmuddelecke. Deichmann will von nun an ein Theater für die „bessere Gesellschaft“ leiten. Aber die Aufführungen von Singspielen und komischen Opern, ernste Sachen sind dem Königlichen Theater vorbehalten, finden wenig Anklang beim vergnügungssüchtigen Volk. Erst um 1859 treffen „französische Frivolitäten“ wie die Operetten von Jacques Offenbach wieder den Geschmack auch eines breiteren Publikums. In den folgenden Jahren etabliert sich das Theater immer mehr als gutgehende Operettenbühne und zieht vor allem das durch die deutsche Reichsgründung erstarkte und zahlungskräftige Bürgertum in die Schumannstraße.

Außenfassade des Friedrich-Wilhelmstädtischen-Theaters um 1850 (http://www.deutschestheater.de/dt-freunde/)

Außenfassade des Friedrich-Wilhelmstädtischen-Theaters um 1850 (http://www.deutschestheater.de/dt-freunde/)

Dieses national wie finanziell erstarkte Bürgertum gibt sich aber nicht lange nur dem Frohsinn hin. Es verlangt immer mehr auch nach höherer Erbauung. Entsprechende Aufführungen von Shakespeare-Dramen und nicht zuletzt Kleists „Prinz von Homburg“ entfachen dann in den 1870er Jahren auch regelrechte vaterländische Begeisterungsstürme im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater. Die alte Idee eines „Deutschen Nationaltheaters“ verwirklichen dann Theaterleute um den Kritiker Adolph L’Arronge und Schauspieler Siegwart Friedemann mit der Gründung einer deutschen Schauspieler-Sozietät. Sie kaufen sich in das Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater ein und übernehmen es ab 1883 ganz. Dies ist dann auch die Geburtsstunde des „Deutschen Theaters“, das damit in diesem Jahr auf eine nunmehr 130jährige Tradition unter diesem Namen zurückblicken kann.

DT_Adolph L’Arronge   DT_Otto Brahm

Adolph L’Arronge (1838 – 1908) und Otto Brahm (1856 – 1912) (http://www.berliner-schauspielschule.de/)

Max Reinhardt - Portrait von Emil Orlik

Max Reinhardt – Portrait von Emil Orlik

Mit dem Namenswechsel geht natürlich auch ein entsprechend programmatischer Wechsel vonstatten. Das Haus eröffnet mit Schillers „Kabale und Liebe“. Es folgen Lessings „Minna von Barnhelm“ und Goethes „Iphigenie“. Das nationale Selbstverständnis des deutschen Bürgertums manifestiert sich in einer klassisch deutschen Dramatik. Schillers „Don Carlos“ wird am Deutschen Theater an zwei Tagen komplett aufgeführt und auch der Klassiker Shakespeare verschafft den einzelnen Schauspielstars große Rollen. An deren großem Ego scheitert allerdings auch der erste Versuch eines demokratischen Schauspielertheaters. Ein Traum, den auch bis heute immer wieder mal Theaterregisseure wie Peter Stein oder Peter Zadek an der Schaubühne oder dem Berliner Ensemble zu verwirklichen suchten. Unter dem Intendanten Otto Brahm gehen nach 1894 die Klassikerinszenierungen immer weiter zurück und der Naturalismus mit Ibsen, Hauptmann, Schnitzler und Tolstoi ist auch am Deutschen Theater auf dem Vormarsch. Was sich unter dem großen Schauspielerregisseur Max Reinhardt (1873 – 1943) ab 1905 auch fortsetzt. Neben der legendären Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ von 1903 führt Reinhardt vor allem Hauptmann, Ibsen, Strindberg und Tschechow auf. Neben Shakespeare greift Reinhardt aber in seinem „Deutschen Zyklus“ auch wieder zu Dichtern wie Lessing, Kleist, Lenz und Büchner.

Max Reinhardt: „Ein Traum ohne Wirklichkeit bedeutet mir ebenso wenig als eine Wirklichkeit ohne Traum. Und das Theater besteht ja nur aus verwirklichten Träumen.“

Deutsches Theater und Kammerspiele - Postkarte um 1903

Deutsches Theater und Kammerspiele
Postkarte um 1903

Nach dem 1. Weltkrieg geht Reinhardt nach Salzburg und übergibt seinem Dramaturgen Felix Hollaender die Intendanz des Deutsche Theaters. Die Zeit der Weimarer Republik ist zunächst eher durch künstlerische Stagnation geprägt. Bis die Gruppe um den jungen Brecht mit den Uraufführungen von „Trommeln in der Nacht“ und „Im Dickicht der Städte“ für Aufsehen sorgt. Reinhardt kehrt nach Berlin zurück und setzt seine erfolgreiche Arbeit fort. Die Dramatiker Bruckner, Zuckmayer und Horvath arbeiten nun am DT. Bis schließlich die Machtergreifung der Nazis dieser Ära ein jähes Ende setzt. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten gelingt es dem Intendanten Heinz Hilpert sich weitestgehend aus dem Propagandarummel herauszuhalten. Unter Wolfgang Langhoff  (1901 – 1966) gelangt das Deutsche Theater ab 1946 wieder zu neuer Geltung im deutschsprachigen Raum. Brecht gastiert hier nach seiner Rückkehr aus dem Exil bis 1954 mit seinem Berliner Ensemble. Auch nach dem unrühmlichen Abgang Langhoffs beansprucht das DT weiterhin eine führende Rolle im bürgerlichen Sprechtheater der DDR, was auch im Westen Deutschlands anerkennend bemerkt wird. 1989 wird das DT zum ersten Mal mit Heiner Müllers „Der Lohndrücker“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Diese Tradition setzt sich auch nach der Wende erst unter Thomas Langhoff und ab 2001 unter Bernd Wilms fort. In den Jahren 1992, 1998 (DT-Baracke), 2005 und 2008 wird das DT zum Theater des Jahres gewählt.

Foto: Wolfgang Langhoff (sitzend) mit Dramaturg Heinar Kipphardt und Chefbühnenbildner Heinrich Kilger, Sept. 1953 – Bundesarchiv, Bild 183-21621-0003 / Kemlein, Eva / CC-BY-SA

Große Namen allein sind keine Garantie für den dauerhaften Erfolg

Berlin, 80. Geburtstag Wolfgang Heinz

Foto: 80. Geburtstag von Wolfgang Heinz mit Katja Paryla (m.) Simone von Zglinicki (r.) 19.05.1980 – Bundesarchiv, Bild 183-W0519-0028 / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

gespenster

Ibsens Gespenster (1983)

Das DT war und ist auch stets ein Theater der großen Namen und Traditionen geblieben. Im Ensemble standen Schauspieler wie Louise Dumont, Gertrud Eysoldt, Tilla Durieux, Adele Sandrock, Elisabeth Bergner, Josef Kainz, Oscar Sauer, Max Reinhardt, Curt Bois, Alexander Moissi, Ernst Deutsch, Peter Lorre, Fritz Kortner, Erich Ponto, Hans Moser, Hans Albers, Inge Keller, Erika Pelikowsky, Elsa Grube-Deister, Käthe Reichel, Gudrun Ritter, Bärbel Bolle, Jutta Wachowiak, Johanna Schall, Katja Paryla, Christine Schorn, Herwart Grosse, Rolf Ludwig, Fred Düren, Dieter Franke, Eberhard Esche, Kurt Böwe, Otto Mellies, Dieter Mann, Christian Grashof, Jörg Gudzuhn, Dagmar Manzel, Ulrich Mühe u.v.a.m. Solch bekannte Regisseure wie Emil Lessing, Cord Hachmann, Felix Hollaender, Max Reinhardt, Oskar Kokoschka, Otto Falckenberg, Erich Engel, Heinz Hilpert, Wolfgang Heinz, Benno Besson, Adolf Dresen, Friedo Solter, Thomas Langhoff, Alexander Lang, Frank Castorf, Heiner Müller, Jürgen Gosch, und kurzzeitig in der Baracke auch Thomas Ostermeier gaben dem Haus mit ihren Inszenierungen ein vielschichtiges Gepräge.

Foto: Ulrich Mühe mit Inge Keller (l.) und Simone von Zglinicki (r) bei einer Aufführung von Ibsens Gespenster, 18. November 1983 – Hartmut Reiche, Bundesarchiv, Bild 183-1983-1118-005 / CC-BY-SA

Auch heute verfügt kaum ein Theater im deutschsprachigen Raum außer der Wiener Burg, den Münchner Kammerspielen oder dem Thalia Theater in Hamburg noch über ein solch großes und auserlesenes Schauspielensemble wie das Deutsche Theater in Berlin. Neben Ausnahmeschauspielern wie Corinna Harfouch, Almut Zilcher, Nina Hoss, Meike Droste, Ulrich Matthes, Samuel Finzi, Wolfram Koch und dem bedauerlicher Weise in diesem Jahr verstorbenen Sven Lehmann stehen die Mitglieder des alten DT-Ensembles wie Margit Bendokat, Gabriele Heinz, Barbara Schnitzler, Simone von Zglinicki, Christian Grashof, Michael Gerber, Michael Schweighöfer und Bernd Stempel neben den Neuzugängen Maren Eggert, Susanne Wolff, Judith Hofmann, Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Felix Goeser, Peter Moltzen, Andreas Döhler u.a., die mit Intendant Ulrich Kuhon zur Spielzeit 2009/2010 aus Hamburg nach Berlin gewechselt sind. Die derzeitigen Regiestars heißen Dimiter Gotscheff, Michael Thalheimer, Stefan Pucher, Nicolas Stemann, Jürgen Kuttner und die Hausregisseure Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig. Die junge Garde ist mit Jette Steckel, Bastian Kraft, Simon Solberg, Rafael Sanchez oder Roger Vontobel bestens vertreten.

Dantons Tod von Georg Büchner (1981)

Foto: „Dantons Tod“ in der Regie von Alexander Lang. Inge Keller (l), Margit Bendokat (3.v.l.), Christian Grashof (2.v.l.) und Günter Sonnenberg (4.v.l.) 20.04.1981 – Bundesarchiv, Bild 183-Z0420-027 / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

Das alles scheint eigentlich Garant für andauernde Qualität und entsprechende Erfolge für das Deutsche Theater zu sein. Allein diese, wenn man die Einladungen zum Berliner Theatertreffen als Maßstab der Dinge nehmen möchte, lassen seit dem Beginn der Intendanz Ulrich Khuons auf sich warten. Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierungen „Onkel Wanja“ (2008) und „Die Möwe“ (2009) sowie Michael Thalheimers „Orestie“ (2007) von Aischylos oder „Die Ratten“ (2008) von Gerhart Hauptmann sind nach wie vor unerreicht. Andreas Kriegenburgs Dea-Loher-Trommel-des-Lebens-Inszenierung „Diebe“ (2010) war das Bemerkenswerteste, was das DT im Leistungsvergleich mit den anderen deutschsprachigen Bühnen seither zu bieten hatte. Seit nunmehr drei Jahren herrscht leider nur noch eine gut gehandwerkelte Beliebigkeit am DT. Und das bei geradezu hausintern künstlich hochgehaltenem schauspielerischem Glamourfaktor. Während die großen Konkurrenten Burgtheater Wien, Münchner Kammerspiele und das Thalia Theater Hamburg beinahe schon auf das Theatertreffen abonniert zu sein scheinen, war auch zu dessen 50. Jubiläum das Deutsche Theater im mittlerweile zur gesamtdeutschen Theaterhauptstadt gewordenen Berlin nicht vertreten. Fast schon demütigend dürfte dabei noch die Tatsache hinzukommen, dass dem DT seither durch den Quereinsteiger Herbert Fritsch, der die ebenso in Agonie verfallene Volksbühne erweckt hat, immer wieder der Witz abgekauft wird. Reizt Fritsch mittlerweile sogar Regiealtmeister Frank Castorf zu neuen Höhenflügen, lieferten das DT-Hausregieduo Kimmig und Kriegenburg dagegen in letzter Zeit eher gefälliges Mittelmaß ab.

Deutsches Theater und Kammerspiele im Jahr 2013 - Foto: st. B.

Deutsches Theater und Kammerspiele
im Jahr 2013 – Foto: St. B.

Höhen und Tiefen der Spielzeit 2012-13

In der Spielzeit 2010-11 und auch 2011-12 gab es wenig Herausragendes zu berichten. Bei weitgehend hohem Premierenoutput verzettelte sich das Deutsche Theater dabei immer mehr zwischen angestrebtem gesellschaftlichen Anspruch und guter Unterhaltung. Erst in dieser Saison war erstmals überhaupt ein durchgängiges künstlerisches Konzept erkennbar. In Zeiten von Krise, Politikverdrossenheit und breiter Empörung gab man sich mit dem Motto „Macht Gewalt Demokratie“ wieder explizit politisch und sogar bisweilen kämpferisch. Herausgekommen ist aber dennoch wieder eine Spielzeit mit eher durchwachsenen Leistungen. Auch Dimiter Gotscheffs mit Spannung erwartete Collage zum Thema Macht und Gewalt „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige” geriet eher zum Heiner-Müller-Gedächtnis-Spezial als zu einem wirklich überragenden Beitrag zum mächtig gewaltigen Themenkomplex. Halbwegs überzeugen konnten die Kritiker des DT nur das Antikendigest „Ödipus Stadt“ um Thebens Herrschergeschlecht der Labdakiden oder die Dramatisierung von Eugen Ruges DDR-Nomenklaturasaga „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, beides durch Vielarbeiter Stephan Kimmig inszeniert. Kimmig konnte hier zumindest teilweise sein feines Gespür für interessante Familienstoffe ausspielen. Trotz einiger schauspielerischer Glanzleistungen vermochten beide Inszenierung aber nicht wirklich zu packen.

Regie-Neuzugang Andres Veiel brachte dem DT mit seinem Doku-Recherche-Stück „Das Himbeerreich“ zumindest einiges an Medienaufmerksamkeit. In einer Art fiktiven Dialogmontage plaudern abgehalfterte Banker aus dem Nähkästchen, träumen von alter Größe und versuchen sich, mehr oder weniger einsichtig, zu rechtfertigen. Das besitzt leider weder einen besonders informativen Gehalt noch dramatischen Reiz und verflacht zusehends bis auf kleine wütende Rampenausflüge von Ulrich Matthes. Fast schon zu einem peinlichen Dauerausfall ist mittlerweile Chefregisseur Andreas Kriegenburg geworden. Weder seine Hebbel-Inszenierung „Judith“, die „Winterreise“ von Elfriede Jelinek oder das Kleistdebakel mit dem sechsfachen „Käthchen von Heilbronn“, noch das neue Dea Loher Stück „Am schwarzen See“ in seiner Regie konnten in der jüngsten Vergangenheit annähernd überzeugen. Im Spielplan stehen überhaupt nur noch zwei von Kriegenburgs Dea-Loher-Arbeiten. Feiern konnte man lediglich die Rückkehr des Regisseurs Michael Thalheimer zu alter Größe. Seine Inszenierung von Horvaths Klassiker „Geschichten aus dem Wiener Wald“ riss das DT kurz vor Ende der Spielzeit noch einmal aus der sich breitmachenden Lethargie. Wie kurzzeitig Verlorengegangene bewegen sich die Protagonisten immer wieder aus dem Dunkel der Bühne nach vorn an die Rampe und erstarren dort nach kurzem Aufbegehren wieder in Eiseskälte hinter Pappmasken. Thalheimer hat seine Liebe zur geschundenen, von den gesellschaftlichen Verhältnissen gebeugten Kreatur in der Gestalt der Marianne (Katrin Wichmann) wiederentdeckt und lässt sie bei aller ungeschützten Nacktheit doch traumzauberisch würdevoll im allen falschen Donau-Walzerkitsch überdeckenden Konfettiregen stehen. Ein wahrhaft großartiger Theaterabend.

Programmzettel der Uraufführung am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin

Programmzettel der Uraufführung am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin

„Eine stärkste Kraft unter den Jungen, Horváth, umspannt hier größere Teile des Lebens als zuvor. (…) Unter den Jungen ein Wer; ein Geblüt; ein Bestand. Ansonst ist hier kein Zurückschrauben in die Fibeldummheit; sondern ein Saft. Und ein Reichtum.“ Alfred Kerr 1931 im Berliner Tagblatt zur Berliner Uraufführung von „Geschichten aus dem Wiener Wald“ unter der Regie von Heinz Hilpert am Deutschen Theater

Gelungenes und weniger Gelungenes in der Box und den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin 

Wenn es im großen Haus floppt, konnte man sich am DT bisher wenigstens noch auf kleinere Inszenierungen in den Kammerspielen und der Box verlassen. Waren das in den letzten Jahren vor allem Inszenierungen wie Kafkas „Schloss“ von Nurkan Erpulat, „Jochen Schanotta“ von Ulrich Seidel in der Regie von Frank Abt, die Dauerbrenner „Die Sorgen und die Macht“ von Peter Hacks vom Regie-Duo Kühnel/Kuttner oder „Tschick“ nach dem Roman des gerade verstorbenen Wolfgang Herrndorf in der Regie von Alexander Riemenschneider, so fällt in diesem Jahr die Auswahl wesentlich schwerer. Als kleine Achtungserfolge können auf jeden Fall die Uraufführung von „Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann in der von Regie von Brit Bartkowiak und „Antwort aus der Stille“ nach der Erzählung von Max Frisch in der Regie von Frank Abt in der Box gelten. Neuer wie auch älterer Text werden hier jeweils nur mit drei glänzend aufgelegten Schauspieler_innen zum Leuchten gebracht.

„Manchmal wünsche ich mir einfach eine Bombe im Auto und keine Bremse im Kopf.“ Rahels Monolog aus: „Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann

Marianna Salzmanns berührendes Familienstück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland wird durch die DT-Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und Natalia Belitski mittels viel Witz und Hilfe einer frischen, lockeren Regie hervorragend in Szene gesetzt. Das mit reichlich Mutter- und Sprachwitz ausgestattete Stück ist ganz zu Recht auch für den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis nominiert worden. Max Frischs frühe Erzählung „Antwort aus der Stille“ über eigene Ansprüche, verfehlte Jugendträume und Menschen auf der Identitätssuche zwischen Extrem und Anpassung wird aus der Perspektive der gealterten Charaktere neu erzählt. Gabriele Heinz, Katharina Matz und Markwart Müller-Elmau brillieren in souveräner Weise in der im Gegensatz zum Boulevard-Karussell von Bastian Krafts Frisch-Inszenierung „Biografie: Ein Spiel“ aus dem Vorjahr wohltuend unaufgeregten Dramatisierung von Frank Abt und Meike Schmitz.

Weniger Glück hatte Frank Abt mit seiner recht stilisierten Regie zu Franz Xaver Kroetz’ Missbrauchs- und Emanzipationsdrama „Stallerhof“ aus dem Jahr 1971. Die Geschichte der jungen, geistig behinderten Beppi, gerät in den Kammerspielen des DT zum gut gemeinten integrativen Versuch. Der Blick konzentriert sich in dem klinisch weißen Bühnen-Guckkasten auf die ebenfalls behinderte Schauspielerin Mereika Schulz vom Ensemble des integrativen Theaters Thikwa aus Kreuzberg. Die bei Kroetz sogenannte Randexistenz rückt Abt so bewusst in den Mittelpunkt. Die falsche Moral und Scham der Eltern (Matthias Neukirch und Isabel Schosnig) über die Zurückgebliebenheit ihrer Tochter, die sich in Worten und auch Schlägen äußert, steht neben der Unfähigkeit des Knechts Sepp (Markwart Müller-Elmau) zu sozialem Verhalten, sein Begehren auch entsprechend auszudrücken. In dieser Kette aus Unterdrückung ist Beppi schließlich das schwächste Glied. Da sich zu Gunsten von Mereika Schulz alle anderen Darsteller weitestgehend zurückhalten, entstehen zwar eindringliche Momente, die einen ob der drastischen Sprache des Stücks beklommen machen, aber auch Leerstellen, die weitestgehend darstellerisch ungenutzt bleiben. Die unterstützende Führung durch den Text mit dem Schauspieler Thorsten Hierse als Erzähler, erweist sich nicht als der starke Kunstgriff, wie von Frank Abt gedacht. Textliche Unsicherheiten lassen sich zwar so geschickt kaschieren, dem Stück fehlt aber die spielerische Wucht, wie sie erst im letzten Jahr beim Gastspiel der Wiener Inszenierung von David Bösch mit Sarah Viktoria Frick in der Hauptrolle am BE zu erleben war. Dennoch kann Frank Abts Inszenierung als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters - Foto: St. B.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters
Foto: St. B.

Ebenfalls recht zwiespältig fiel die Inszenierung von Wajdi Mouawads düsterem Bürgerkriegsstück „Verbrennungen“ aus. Das ewige Regietalent Tilmann Köhler hat in Berlin nicht das glückliche Händchen wie am Staatsschauspiel Dresden, wo er seit 2009 als Hausregisseur tätig ist. Man sieht in den Kammerspielen von zwei Seiten auf eine kleine Plattform, auf, unter und neben der die Darsteller die Reise der kanadischen Zwillinge Jeanne (Kathleen Morgeneyer) und Simon (Christoph Franken) mit libanesischen Wurzeln auf den Spuren der Geschichte ihrer Mutter im ehemaligen Bürgerkriegsland, die auch die ihre ist, performen. Die mit vielen Rückblenden versehene komplizierte Handlung kann sich bei ständigen Rollenwechseln, nur Maren Eggert bleibt in der Rolle der Mutter Nawal (Die Frau, die singt) kaum richtig entfalten. Wer die Kraft gelungener Inszenierungen von Tilmann Köhler sehen will, muss weiterhin nach Dresden fahren, was sich auch in jedem Fall lohnt. Leider lohnt sich ein Besuch der Kammerspiele des DT in dieser Spielzeit nur bedingt. Auch ein weiterer gut gemeinter Versuch reale Probleme mittels eines Klassikers auf die Bühne zu bringen, steht mit Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“ in der ersten Regie Simon Solbergs am DT von Anfang an auf verlorenem Posten. Trotz spielfreudigem Ensemble gerät Schillers Story des Kneiperssohns Christian Wolf vom Wilddieb über den verschmähten Liebhaber zum Verbrecher zur wüst kalauernden Klamotte. Das am Ende noch zwei echte ehemalige Knackis auftreten, die bereits zwischen den Szenen in Videoeinspielungen von ihrem Werdegang erzählten, und nun mit dem Ensemble von einem selbstbestimmten freien Vollzug auf einer Musterknastinsel träumen, verkitscht völlig die wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gesellschaft und humaner Strafvollzug.

Humor und Gesellschaftskritik – Neue Inszenierungen von Milan Peschel und Andreas Kriegenburg in den Kammerspielen

„Die Welt, ist eine Bühne und die meisten von uns, sind hoffnunglos unerprobt.“ Seán O´Casey (1880 – 1964)

Nach den schweren Themen zu Beginn der Spielzeit, versuchte man seit Januar an den Kammerspielen auch soziale Themen mit Humor anzugehen. Der irische Dramatiker und Freiheitsaktivist Seán O`Casey sowie der mit jeder Menge absurdem Witz ausgestattete französische Satiriker Georges Courteline scheinen dafür bestens geeignet. Nach seiner recht erfolgreichen Zeit als Schauspieler wie Regisseur an der Volksbühne und am Maxim Gorki Theater, wollte Komödienspezialist Milan Peschel in dieser Spielzeit überraschender Weise ausgerechnet auch am sonst eher humorarmen DT reüssieren. Das Unterfangen dürfte ihm mit seiner Brachial-Inszenierung von O`Caseys irischem Bürgerkriegsdrama „Juno und der Pfau“ gründlich danebengegangen sein. Er bullerte den kleinen Klamottenofen auf der Bühne ordentlich an und ließ das DT-Ensemble, allen voran Michael Schweighöfer als „Käptn“ Jack Boyle, der sich seinerseits schon am DT und MGT in Komödienregie versucht hatte, weitestgehend freien Lauf. Und Schweighöfer nutzt das auch genüsslich, um sich wie ein Pfau zu spreizen und dem Affen ordentlich Zucker zu geben. Ihm zur Seite steht Moritz Grove als Jacks prekärer Saufkumpel Joxer, immer eine Lidl-Tüte und ein paar bauernschlaue Weisheiten parat habend. So liebenswert verhuscht die beiden entschluss- und arbeitsscheuen Trinkkumpane auch durch den Abend schlurfen, grölen und grimassieren, es täuscht nicht über eine Regie hinweg, der nichts weiter zu O`Caseys sozialkritischem Stoff einfällt, als sie zur Farce und die anderen Darsteller zu Randfiguren und Stichwortgebern zu degradieren. Der ernste Hintergrund bei all dem Spaß verschwindet schnell hinter den Brettern, mit der Boyles Klein-Häuschen und kurzzeitig zusammengeborgter Reichtum nach der Pause vernagelt wird. Und wie sich die Verheißung vom Erbe und schnellen Reichtum alsbald in Rauch auflöst, so fällt auch die über dreistündige Story trotz lustiger irischer Pogues-Tanzmusik nach und nach wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Nicht viel besser erging es dem Versuch von Andreas Kriegenburg mit den Einaktern des absurden Dramatikers Courteline den zwanghaften Individualismus unserer Zeit aufs Korn zu nehmen und als neuen kreativen Uniformismus zu entlarven. In Fantasiekostümen, ziemlich dicht an die genderirritierenden Kreationen des australischen Performancekünstlers und Modedesigners Leigh Bowery angelehnt, trashen sich die Schauspieler durch fünf absurde Kurzdramen des französischen Satirikers und Bürgerschrecks des ausgehenden 19. Jahrhunderts. XTRAVAGANZA war das Motto des Stars der Londoner und New Yorker Club- und Modeszene der 80er Jahre, extravagant und gewollt exhibitionistisch ist auch das Auftreten der Darsteller in Kriegenburgs Courteline-Inszenierung „Sklaven“. Alles Sklaven ihres eigenen Strebens nach unbedingter Einzigartigkeit. Leigh Bowery unterlief mit viel schrägem Humor gesellschaftliche Konventionen ebenso wie die Erwartungen der Szene, die gierig jeden neuen individuellen Kick aufsog. Die Diktatur der angepassten Masse, wie die Diktatur der Fashion Victims. Kriegenburg versucht dies mit der absurden Handlungsdramatik Courtelines kurzzuschließen. Weiterer Szeneneinfall des Regisseurs ist die Nachbildung eines der bekanntesten Banksy-Graffitis, ein Blumenstrauß werfender Autonomer, am Bühnenhintergrund. Während sich die Protagonisten zunächst noch subversiv den Weg aus einer mit Zivilisationsmüll gefüllten Hinterbühne freischießen, werden anschließend vorn an der Rampe brav die „Szenen aus der bürgerlichen Hölle“ Courtelines repetiert. Bei aller schauspielerischen Raffinesse, ein Unterfangen, das kaum jemandem im Publikum eine Reaktion abnötigte. Beredtes Treiben auf der Bühne und Totenstille im Saal. Eine wahrlich beängstigende Szenerie der Gleichgültigkeit. Man riecht förmlich den angestrengten Denkschweiß von Kriegenburgs Arbeit. Er macht sich somit selbst zum Sklaven eines zu hoch geschraubten Kunstanspruchs.

"Sklaven" in der Regie von Andreas Kriegenburg - Foto: St. B.

„Sklaven“ in der Regie von Andreas Kriegenburg – Foto: St. B.

„Es gibt im Leben keine bessere Waffe als den Humor.“ Georges Courteline (1858 – 1929)

Shakespeare, Ibsen und Fallada – klassische Stücke in modernem Regiegewand

Den Kunstanspruch der Regisseure in allen Ehren. Zeichnet doch nicht zuletzt das Ausprobieren immer neuer Regiehandschriften ein experimentierfreudiges Theater aus. Wenn sich diese allerdings in möglichst originellen Regieeinfällen, übermäßigem Einsatz von Musik und Video sowie möglichst aufwendigen Bühnenaufbauten erschöpfen, wird Theater vollends zum billigen Pop Event. All das trifft leider auch auf die letzten Regiearbeiten von Rafael Sanchez, Roger Vontobel und Stefan Pucher zu. Dem Motto Macht und Demokratie geschuldet, hat sich Rafael Sanchez an den Shakespeare-Klassiker des römischen Heerführers „Coreolanus“ gemacht. Nur widerwillig beugt sich der Kriegsheld den pseudodemokratischen Gepflogenheiten des Pöbels, den er verachtet, um politische Karriere zu machen. Gekränkt durch des Volkes Wankelmut, das sich von den Volkstribunen aufhetzen lässt, schlägt er sich schließlich auf die Seite der Feinde Roms, fällt dann aber auch hier seinem ungezügelten Zorn zum Opfer. Sanchez hat alle Rollen weiblich besetzt, woraus sich aber im Folgenden kaum ein sichtbarer Gewinn ersehen lässt. Ausgestattet mit Perücken, Fettsuites und martialischen Rocker-Attitüden hangeln sich die fünf Darstellerinnen an einer Wand mit stufenförmig ausfahrbaren Kästchen durch alle Rollen des Stücks. Das lässt sich zunächst gut an und scheint auch recht symmetrisch choreografiert, wirkt aber auf Dauer eher beliebig und unfreiwillig komisch. Wem hier die Sympathie des Regisseurs tatsächlich gehört, will nicht so recht klar werden. Neben Judith Hofmann in der Hauptrolle, Susanne Wolff, Natalia Belitski und Barbara Heynen ist nach langer Abwesenheit mal wieder Jutta Wachowiak in einer Rolle am Deutschen Theater zu sehen und zeigt, dass sie auch mit unausgegorenen Regiekonzepten ganz gut fertig werden kann.

Dass Theatermacher immer häufiger mit Livemusikern zusammenarbeiten, ist nicht mehr grundsätzlich erwähnenswert. Auf den Berliner Bühnen wirkt dieser Einsatz aber mittlerweile fast schon inflationär. Das hat sich wohl auch Roger Vontobel gedacht. Nach seinem Hamlet in Pop in Dresden hat er sich für das Deutsche Theater gleich eine ganze „Inflationsrevue“ ausgedacht. Dazu adaptierte er den Berliner 20er-Jahre-Roman „Wolf unter Wölfen“ von Hans Fallada. Der junge Protagonist Wolfgang Pagel (Ole Lagerpusch cool in Lederjacke) lässt sich durch das fiebrige, alkoholgeschwängerte Berlin der Inflationszeit treiben. Dazu dreht sich die als Roulettetrichter ausgestaltete Bühne, fliegen Geldscheine und Goldflitter durch die Luft und eine ganze Band spielt den jazzigen Sound jener Zeit dazu. Mit Meike Droste, Peter Jordan, Matthias Neukirch, Isabel Schosnig, Christoph Franken und Katharina Marie Schubert bestens besetzt, kommt die Inszenierung, selbst im zweiten Teil auf dem Lande, nicht über ein aufgeregtes Umhertollen und -albern hinaus. Fallada scheint nur noch zum ironischen Klamauk zu taugen. Die Digestdramatisierung dafür lieferte wie immer am DT Hausdramaturg John von Düffel. Groß geklotzt wird in der Revue bei Bühne und Kostümen, da bleibt für Falladas Romanhandlung kaum mehr Platz. Selbst in dreieinhalb Stunden lässt sich seine Geschichte um den Verfall des gesellschaftlichen und politischen Sittenbilds in der Weimarer Republik nicht annähernd abbilden. Anklänge an die heutige Zeit werden dem schnellen Witz geopfert.

Falladas Wolf unter Wölfen, Regie: Roger Vontobel - Foto: St. B.

Falladas Wolf unter Wölfen, Regie: Roger Vontobel – Foto: St. B.

Die Krönung des unsinnig übertriebenen Einsatzes von Bühne, Kostüm und Musik ist allerdings die letzte Inszenierung der Spielzeit. Stefan Pucher hat sich für eine seiner berühmten Breitwandadaptionen alter Theaterklassiker ausgerechnet Ibsens „Hedda Gabler“ ausgesucht. Es scheint wie dessen Volksfeind, den es ausnahmsweise am DT nicht gab, ein Stück der Stunde zu sein. Man wird nicht müde, die vielen unterschiedlichen Versionen und großen Theaterdiven aufzuzählen, die sich schon in der Figur der vom unspektakulären bürgerlichen Leben ihres Wissenschaftlergatten Jögen Tesman gelangweilten Hedda versucht haben. Nun also Nina Hoss, und man fragt sich, wem hier nun die Stunde geschlagen hat. Hedda, ihrem erfolglosen Gatten Tesman (Felix Goeser) oder dem im provozierten Alkoholexzess abgestürzten Eilert Lövborg, dessen Manuskript sie vernichtet, um ihn zu einer letzten großen Tat zu anzutreiben. Pucher zeigt allerdings wenig Interesse an Psychospielchen und dreht die Protagonisten, ausgehend von einer ironisch rustikal anmutenden Blockhütte mit steifem Kragen, über ein elegantes, amerikanisches 30er Jahre Filmset, bis zu einem lässigen Siebzigerambiente im Plastikdesign, durch eine filmreifen Kulisse nach der anderen. Während sich die Szenen langsam auflösen und die Akteure immer mal wieder zur Gitarre greifen, gleitet das Geschehen an Nina Hoss und ihren eng gefassten Teflonkleidern ab, in denen sie, von all dem bemerkenswert unberührt, wie in ihrem eigenen Traum steckt. Auf der Strecke bleibt letztendlich das Stück und mit ihm die letzte Chance auf den großen Wurf. Auch wenn dann noch ein Videoshowdown im Westernstil über die Leinwand flimmert, hat man die Duellpistolen eigentlich schon vergessen und interessiert sich auch nicht mehr für den moralischen Zeigefinger den Margit Bendokat als Tante Tesmans zum Schluss noch einmal herausholt.

Hoffnungsträger Stephan Kimmig, Michael Thalheimer und eine Aussicht auf die neue Spielzeit

Es scheint so, als müsse es in der neuen Spielzeit wieder einmal Vielinszenierer und Hausregisseur Stephan Kimmig richten. Er arbeitet mittlerweile an fast allen großen, renommierten Häusern in Frankfurt, Stuttgart, Hamburg, München oder Wien. Zwei dieser Arbeiten konnte man im Juni bei den Autorentheatertagen am DT sehen. Trotz dieser Mehrfachbelastung bringt er immer mal wieder, wenn auch nicht gerade mit Ewald Palmetshofers verschwiemeltem jüngst am Akademietheater Wien uraufgeführtem Generationendrama „räuber. schuldengenital“, dann doch mit dem Stuttgarter Kroetz-Kaluza-Doppelschlag „Stallerhof / 3 D“, durchaus Bemerkenswertes zustande. Die Ergänzung dieses schon etwas betagten Missbrauchsdramas durch den frischen Text eines jüngeren Autors zum gleichen Thema ist ihm durchaus geglückt und diese Methode scheint auch zukünftig ein ergiebiges Experimentierfeld für Kimmig zu sein. Heute wird er wieder mit einer Doppelarbeit den Premierenreigen am Deutschen Theater eröffnen. Er überblendet Friedrich Schillers spätes Fragment „Demetrius“ mit dem neuen Stück „Hieron. Vollkommene Welt“ des jungen Berliner Dramatikers Mario Salazar. Es geht wie schon in der letzten Spielzeit um Macht und Machterhalt. Ob er damit wieder solche Funken schlagen kann, wie mit seiner aufrührerischen Antigone in „Ödipus Stadt“, bleibt abzuwarten.

Mit den Autorentheatertage wollte das DT 2013 das Weite suchen. Wie wird es in der neuen Spielzeit? - Foto: St. B.

Mit den Autorentheatertage wollte das DT 2013 das Weite suchen. Wie wird es in der neuen Spielzeit? – Foto: St. B.

Am Sonntag greift dann das Regieduo Kuttner/Kühnel an den Kammerspielen in das Geschehen ein. Passend zum Demetriusstoff von Schiller werden die beiden mit „Agonie“ ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows zur Aufführung bringen. Nach ihrem seichten Willi-Brandt-Schlagerabend „Demokratie“ bleibt zu hoffen, dass das DT nicht schon zum Spielzeitstart im „Todeskampf“ liegt. Noch einmal Schiller wird es Ende September geben, wenn Michael Thalheimers bereits in Salzburg gezeigte „Jungfrau von Orleans“ Berlin-Premiere feiert. Neben den alteingesessen Strategen Dimiter Gotscheff (Becketts „Warten auf Godot“) und Andreas Kriegenburg („Aus der Zeit fallen“ von David Grossman) werden auch wieder jüngere Regisseure wie Bastian Kraft, Tilmann Köhler, Rafael Sanchez und Daniela Löffner am Start sein. Nach Ibsens „Hedda Gabler“ versucht sich Stefan Pucher nun an Sophokles` „Elektra“. Ob er mit Michael Thalheimers archaischer Burgtheater-Inszenierung mithalten kann, ist fraglich. Nina Hoss, die bekanntlich in Richtung Schaubühne abgewandert ist, wird ihm jedenfalls nicht mehr zur Verfügung stehen.

Auch bringt diese Spielzeit einige Überraschungen und Wiedersehen. Mit „Der Löwe im Winter” von James Goldman gibt der in Leipzig gescheiterte Sebastian Hartmann, der bisher nur am Maxim Gorki Theater inszenierte, seinen Einstand am DT. Nuran David Calis geht in seiner zweiten DT-Arbeit mit „Tee im Harem des Archimedes“ nach dem Roman von Mehdi Charef in die Banlieues von Paris. Und nach der Babypause wird auch wieder eine Regiearbeit von Jette Steckel zu sehen sein. Nach Hauptmanns „Ratten“ am Thalia Theater in Hamburg, bringt sie im März 2014 eine neue Inszenierung auf die Bühne des DT (ursprünglich geplant war „In Zeiten des Aufruhrs“ nach dem Roman von Richard Yates). Ob das endlich der ganz große Wurf für Ulrich Khuons DT ist, wie noch vor einem Jahr Steckels fulminanter „Dantons Tod“ in Hamburg, wird sich zeigen. Wir bleiben zuversichtlich am Ball.

DT_Juni 2013

Noch herrschen sonnige Tage zum Spielzeitbeginn am Deutschen Theater Berlin. – Foto: St. B.

„Dramatiker und Rausschmeißer träumen immer von einem großen Wurf.“ Joachim Ringelnatz (07.08.1883 – 17.11.1934)

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Alle besprochenen Inszenierungen stehen weiterhin im Spielplan des DT.

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