Archive for the ‘Marius von Mayenburg’ Category

Die Putzfrau als Soziale Plastik – Die Farce Stück Plastik in der Uraufführung von Autor Marius von Mayenburg im Rahmen des F.I.N.D. 2015

Montag, April 27th, 2015

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Nach Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Künstler, der durch kreatives Handeln auf die Gesellschaft einwirkt. Beuys sprach von der Theorie der „Sozialen Plastik“. Im neuen Theaterstück von Schaubühnen-Hausautor Marius von Mayenburg soll der Zuschauer auch Teil einer komplexen Videoinstallation werden, sagt zumindest die Stimme des Schauspielers Sebastian Schwarz beim Einlass aus dem Off. Er spielt in Mayenburgs Stück Plastik, das der Autor nun selbst im Rahmen des F.I.N.D. # 15 zur Uraufführung brachte, den zynischen, nihilistischen Künstler mit sexistischen Allmachtphantasien Serge, der nach Depressionen – er spricht vom selbst herbeigeführten Burnout durch den künstlerischen Sieg des Körpers über die Psyche – in der Putzfrau Jessica seine Muse und Rettung findet. Jessica (Jenny König) arbeitet bei dem schwer berufstätigen Ehepaar Ulrike (Marie Burchard) und Michael (Robert Beyer), die fürs Putzen keine Zeit mehr finden. Die junge Jessica aus Halle ersetzt die gefeuerte Danuta aus Polen. Allerdings zielt Mayenburg nicht vordergründig auf den Ost-West-Konflikt, sondern auf die Borniertheit und vorurteilsbehaftete Wahrnehmung des bürgerlichen Mittelstands gegenüber Menschen in sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Auf der Bühne, die das Globe-Setting der Richard III.-Inszenierung von Thomas Ostermeier nutzt, hat Nina Wetzel eine an Seilen hängende, erhöhte Wohnküche gebaut, die man nach Bedarf heben und senken kann. An den Seiten sind Bildschirme montiert, auf denen besagte Videoinstallationen von Sébastien Dupouey in Dauerschleife laufen. Wände und Boden sind mit weißer Plastikplane ausgelegt und bilden so einen regelrecht aseptischen Raum, den Jessica mit Putzwagen und Feudel bearbeitet. Dazu singt Jenny König, die sonst eher sparsam mit Text bedacht ist, immer wieder Pop- und Rockhymnen wie „Rolling in the Deep“ von Adele, „Final Countdown“ von Europe oder „Sweet dreams“ von den Eurythmics in ihr Microport. Sie ist in ihrer Rolle als Jessica geradezu großartig. Mal gleichmütig, mal verständnisvoll und in jedem Fall immer souverän reagiert die „Putzperle“ auf die Zwangsneurosen ihrer bildungsbürgerlichen Arbeitgeber. Neben ihrem Putzjob fungiert Jessica nämlich noch als geduldiger Kummerkasten für die Ängste und Sex-Probleme der Familie.

Und diese Familie zeichnet Marius von Mayenburg als einen einzigen Albtraum. Ulrike hat wegen Erfolglosigkeit ihre eigenen künstlerischen Ambitionen aufgegeben und dient nun Serge als inspirierende Assistentin. Ehemann Michael ist Chirurg und bemüht sich seit Jahren um ein Engagement bei Ärzte ohne Grenzen. Da in Sachen Sex nicht mehr viel passiert, versucht Michael, obwohl er gar nicht wirklich will, so die Achtung von Jessica zurückzuerobern, die ihm aber immer wieder nur vorwirft, sich aus der Verantwortung zu flüchten. Ihr verkorkstes Leben überträgt sich auch auf den 12jährigen Sohn Vincent (Laurenz Laufenberg), der in der Schule gemobbt wird und jede Menge Komplexe mit sich rumschleppt. Sein Lieblingsspielzeug ist die Handykamera, mit der er auch schon mal Jessica beim Duschen filmt. Als Erziehungsberechtigte haben die sich ständig zoffenden Eltern jedenfalls komplett versagt.

stueck_plastik-5524_Foto (c) Arno Declair

Stück Plastik an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Das Stück erinnert in seinen verrückten Dialogen an die überdrehten, schwarzhumorigen Gesellschafts-Farcen von Felicia Zeller (Gespräche mit Astronauten und X-Freunde) oder Oliver Bukowski (Ich habe Bryan Adams geschreddert). Mayenburg schließt hier aber auch wieder an seine früheren Stücke Feuergesicht und Das kalte Kind an. Allerdings fehlt Stück Plastik etwas von deren verstörender Wucht. Dafür brilliert der Autor mit einer äußerst komischen Dramaturgie des Missverstehens. Das treibt dann durch das komödiantische Talent der Schauspieler immer wieder herrlichste Blüten, wenn etwa Michael Jessica zu erklären versucht, dass Ulrike ihr Schweißgeruch stört, oder die Eltern ihren pubertierenden Sohn über seine erwachende Sexualität aufklären wollen. Die fehlende soziale Kompetenz der Beiden verstrickt sie jedenfalls immer wieder in herrliche Widersprüche zu dem, was sie sagen wollen und was letztendlich dabei wirklich rüber kommt.

Die herablassenden Demütigungen, mit der sie Jessica behandeln, schlagen schließlich selbst auf das Paar zurück, als Serge die Küche der Familie für sein neues Kunstprojekt okkupiert. Im Putzen und Kochen hat er sein neues authentisches Thema gefunden. Die Putzfrau Jessica als Soziale Skulptur. Nach dem Motto ‚Wo ich bin, ist Kunst, und Kunst ist öffentlich‘ zerrt Serge das letzte bisschen Privatleben auf seine Bühne. Ein paar nette Seitenhiebe ans Theater gibt es da auch noch. Ab jetzt kippt Mayenburg die Farce ins vollkommen Absurde. Eine bitterböse Abrechnung mit der verlogenen kleinbürgerlichen Selbstherrlichkeit, bestehend aus Spießigkeit, gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnissen und Standesdünkeln. Ultimative Kunst, die sich selbst betrachtet und nebenbei den schönsten Suppenkasper-Slapstick hervorbringt, bis alles in sich zusammenbricht.

Stück Plastik an der Schaubühne - Foto (c) Arno Declair

Stück Plastik an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Es bieten sich aber noch jede Menge andere Analogien. Das ergibt sich teilweise erst aus dem Schluss, der in eine Art Umkehr der Putzfrauenfarce Die Präsidentinnen von Werner Schwab mündet. Die Mariedl hatte Mayenburg bereits in seiner philosophischen Satire Perplex drin. Damals zeigte er auch schon einen Hang zu Nietzsche. Passend dazu die Videobilder mit den Gemälden Der Wanderer über dem Nebelmeer, in der Schwarz wie ein Zarathustra vom Berge posiert und Eismeer von Caspar David Friedrich, ein romantisches Bild für das Scheitern der Gesellschaft. Ansonsten scheint Mayenburg viel Byung-Chul Han gelesen zu haben. Zumindest sind dessen Theorien von der Selbstoptimierung durch Dauerstress, Müdigkeit und den Versagensängsten und Depressionen im Stück erkennbar. Mit seiner Komödie in der Hochburg der bürgerlichen Wohnhölle am Kudamm stellt Mayenburg der kapitalistischen Gesellschaft ein ziemlich gepfeffertes Armutszeugnis aus. Nach dem Lachen muss allerdings noch der Rückschluss zu den Ursachen erfolgen.

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Stück Plastik
von Marius von Mayenburg
Uraufführung am 25.04.2015 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Regie: Marius von Mayenburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Matthias Grübel
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Darsteller:
Ulrike: Marie Burchard
Michael: Robert Beyer
Vincent: Laurenz Laufenberg
Serge Haulupa: Sebastian Schwarz
Jessica Schmitt: Jenny König

Dauer: 2 h 15 Min. (ohne Pause)

Termine:
20.05.2015
23.05.2015
24.05.2015
25.05.2015

Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/stueck-plastik.html/ID_Vorstellung=1185

Zuerst erschienen am 26.04.2015 auf Kultura-Extra.

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Zum Start der neuen Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 3: Die Schaubühne

Freitag, September 5th, 2014

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„In unserer digitalisierten Welt, die meist vor zweidimensionalen Bildschirmen stattfindet, ist dieser unmittelbare Moment, virtuell glaubwürdig zu agieren, ohne sich in einer virtuellen Realität zu befinden, Auftrag und Herausforderung des Theaters.“ Thomas Ostermeier in: Zukunft des Theaters. (Veröffentlicht in: TEXT + KRITIK. Zeitschrift für Literatur. Sonderband. Zukunft der Literatur. München 2013) – Text (c) Schaubühne

Die Berliner Schaubühne in der Spielzeit 2014/15 Foto: St. B.

Die Berliner Schaubühne in der Spielzeit 2014/15
Foto: St. B.

Entgegen der Ost-Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht die Schaubühne am Lehniner-Platz, tief im alten Westen gelegen, nach der letzten Spielzeit nicht so gut, wie zu Anfang noch erwartet. Anders kann man den stark verminderten Premierenoutput sein Anfang des Jahres nicht deuten. Es ging nach einem sommerlichen, leider leicht verregneten Ausflug Ende August 2013 mit Constanza Macras (Forest: The Nature of Crisis) in den Berliner Müggelwald noch relativ locker mit einer Shakespeares-Inszenierung von Marius von Mayenburg (Viel Lärm um Nichts) und Patrick Wengenroths Fassbinder-Adaption Die bitteren Tränen der Petra von Kant in die Spielzeit 2013/14. Die erreichte ihren Höhenpunkt dann allerdings bereits im Dezember mit Michael Thalheimers außergewöhnlicher Inszenierung von Molières Tartuffe mit Lars Eidinger in der Hauptrolle. Ein Jesusdouble mit strähnigem Langhaar und Hassprediger von Gottes Gnaden.

Der Intendant der Schaubühne, Thomas Ostermeier, wollte mit Überraschungs-Neuzugang Nina Hoss und Rückkehrer Mark Waschke im Januar gleichziehen. Seine Little Foxes, ein alter Broadway-Klassiker von Lillian Hellman, waren aber zu handzahm und glatt inszeniert, als dass sie wirklich überraschen konnten. Statt harscher Kritik an Gier und Neoliberalismus nur wenig wirklich „elaboriertes Vokabular für unsere politischen Wirklichkeiten“ (Originalzitat Ostermeier). Eher musikalisch aufgepeppter Mainstream, zur allgemeinen Massenverwertung freigegeben. Danach herrschte große Leere und Ratlosigkeit an der Schaubühne. Friederike Hellers Inszenierung von Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti musste im März abgesagt werden. Dagegen stehen kleinere Achtungserfolge für die Schauspielstudierenden im Studio mit Brechts Heiliger Johanna der Schlachthöfe sowie Video-Ästhetin Katie Mitchel und Duncan Macmillan mit Atmen, der einzigen Uraufführung der Schaubühnensaison. Eine weitere Inszenierung von Thomas Ostermeier kam nicht mehr zu Stande.

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Foto: St. B.

Auch das Festival Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. im April mit der letzten Premiere der Spielzeit, 2666 von Roberto Bolaño in der Regie des Spaniers Àlex Rigola, geriet da allgemein zu brav. Das scheint zu wenig für eine rundum gelungene Spielzeit, wenn man sich derlei hohe Ansprüche an politische wie ästhetische Wirkung gleichermaßen setzt, wie es Thomas Ostermeier in seinem Beitrag zur Zukunft desTheaters für die Zeitschrift TEXT + KRITIK formuliert. Oder Dramaturg Bernd Stegemann in seiner Streitschrift Kritik des Theaters, in der er für ein neues Künstlertheater plädiert, befreit von Zwängen bürokratischer Natur und finanziell bedingten Rechtfertigungen. Für die Umsetzung dieser Überlegungen scheinen sich die Schaubühnenmacher nun eine Art kreative Auszeit genommen zu haben.

Die Institution des Stadttheaters mit dem allgemeinen deutschen System der öffentlichen Subventionierung scheint sich für den renommierten Theaterwissenschaftler Hans-Thieß Lehmann allerdings auf Dauer überlebt zu haben, wenn sie auch nicht gleich von heute auf morgen verschwinden wird. In seinen Ausführungen übers Tragische (Tragödie und dramatisches Theater) betont Lehmann, dass das Tragische Theater „nicht selbst bloß ein ästhetischer Effekt sein“ sollte, sondern sich die Institution Theater immer wieder selbst in Frage stellen muss. „Politisch ist das Theater, wenn es unsere Kategorien verunsichert. (…) Es geht um die Überschreitung, um den Exzess.“ stellte Lehmann Ende August in einem Interview mit der Berliner Zeitung fest. Das deckt sich, selbst wenn man es an der Schaubühne nicht immer sieht, in etwa auch mit den Aussagen des Intendanten Ostermeier und seines Dramaturgen Stegemann.

Die neue Spielzeit an der Schaubühne - Foto: St. B.

Die neue Spielzeit an der Schaubühne – Foto: St. B.

Man kann nicht wirklich sagen, dass die Schaubühne vor den Problemen der Realität die Augen verschließt. Anregende Podiumsdiskussionen zu politischen und ästhetischen Fragen im Rahmen des sogenannten Streitraums prägen das Selbstverständnis des Hauses am Lehniner Platz, wie es auch die eigentlichen Bühnen-Inszenierungen sollten. Der Streitraum 2014/15 wird sich auf  die Suche  nach  der  Demokratie begeben. Öffentlichkeit in Zeiten sozialer Netzwerke und das Misstrauen gegenüber Politik und totaler Überwachung. Die Krise der Demokratie als doppelte Krise der Repräsentation in Gesellschaft und auf dem Theater. Ein Interessantes Thema. Was die neue Spielzeit in dieser Hinsicht bringt, wird man dann ja sehen.

Geplant sind jedenfalls Drama, Tragödie und Komödie gleichermaßen. Wobei das Hauptaugenmerk in der neuen Spielzeit tatsächlich mehr auf dem ernsten Sektor liegen dürfte. Nach einem Ausflug ins Komische mit Patrick Wengenroth und Büchners Leonce und Lena, stehen u.a. Richard III. von William Shakespeare, inszeniert von Thomas Ostermeier, und die Tragödie Ödipus der Tyrann (Sophokles/Hölderlin) in der Regie von Romeo Castellucci auf dem Programm. Castellucci hatte schon mit seiner Hölderlin-Interpretation des Hyperion Ästhetik und Gewalt miteinander verbunden. In Shakespeares Königsdrama geht es für Thomas Ostermeier um Macht, Moral und den Verfall von politischen Eliten.

Gewalt und Ästhetik an der Schaubühne Foto: St. B.

Gewalt und Ästhetik an der Schaubühne
Foto: St. B.

Weiter auf dem Programm stehen Prosawerke von Thomas Bernhard und Christa Wolf. Regisseur Philipp Preuss gestaltet im Studio mit Das Kalkwerk einen Soloabend für den Schauspieler Felix Römer in den Fußstampfen des Holz fällenden Sepp Bierbichler. Für die Inszenierung des Romans Der geteilte Himmel aus den 1960er Jahren der DDR kehrt Armin Petras im Januar 2015 aus Stuttgart nach Berlin zurück. Bereits im November inszeniert Jan Philipp Gloger Ödön von Horváths Theaterstück Kasimir und Karoline und Zeitgenössisches gibt es noch mit den an der Schaubühne bereits gut bekannten Autoren Falk Richter, Rafael Spregelburd und Lars Norén. Zusammen mit der Choreografin Nir de Volff stellt Falk Richter erneut einen Mix aus eigenen Texten und Tanz auf die Bühne. Premiere von NEVER FOREVER, einem Stück über untote Online-Großstadt-Krieger, ist am 9. September. Hausautor Marius von Mayenburg führt im März 2015 mal wieder Regie bei der Deutschen Erstaufführung von Spregelburds Stück Luzid. Die zweite Inszenierung von Thomas Ostermeier im Mai 2015 ist mit Nachtwache eine Fortsetzung von Noréns Drama Dämonen. Die Spielzeit schließt im Juni Michael Thalheimer mit einem Klassiker Maxim Gorkis, dem Sozialdrama Nachtasyl.

Fortsetzung folgt…

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Katie Mitchel inszeniert an der Berliner Schaubühne mit The Forbidden Zone ein feministisch-pazifistisches Statement zum Krieg der Männer in ästhetisch schönen Bildern.

Abschließend gilt es noch von der ersten Premiere der neuen Spielzeit an der Schaubühne zu berichten. Das bereits bei den Salzburger Festspielen Ende Juli uraufgeführte Stück The Forbidden Zone von Duncan MacMillan unter Verwendung von Zitaten von Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Mary Borden, Emma Goldman und Virginia Woolf inszenierte Regisseurin Katie Mitchell in ihrem gewohnten Stil als live gedrehtes Bühnenfilmdrama. Eine eindrucksvolle Demonstration der Kraft der Bilder und Sieg der Ästhetik über das Thema. Die Kunst dominiert hier in einer Weise das Drama, dass die eigentlich erwünschte Verunsicherung der Sehgewohnheiten des Publikums, mittels der Verfremdung durch eine Sichtbarmachung des Schaffensprozesses der Kunst, einer gut funktionierenden Gefühlsmaschinerie aus perfekten Bildern und dramatischen Elementen weicht.

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The Forbidden Zone Foto: Stephen Cummiskey

Im Grunde geht es um die Kriegsgreuel die im Laufe der Weltgeschichte immer wieder von Männern geplant und verübt werden. An denen Frauen aber weder einen direkten noch geistigen Anteil haben. Die ausgewählten Zitate der genannten Künstlerinnen und Frauenrechtlerinnen bezeugen dies in eingesprochenen Passagen. In der Zeit des Ersten Weltkriegs waren Frauen noch von den meisten Entscheidungsprozessen ausgeschlossen, durften weder wählen, noch hatten sie politische oder wirtschaftliche Macht. Das Drama um die Folgen der Erfindung des Giftgases für den Kriegseinsatz durch den jüdisch-deutschen Chemiker Fritz Haber gipfelt hier schließlich in einer doppelten menschlichen Tragödie. Habers Frau Clara Immerwahr, eine ebenfalls promovierte Wissenschaftlerin, kann sich nicht gegen ihren Mann durchsetzen, der die Treue zum Vaterland über die Menschlichkeit und die Verantwortung des Wissenschaftlers stellt. Auch Rolf Hochhuth benutzte diese Geschichte bereits 1990 für sein Drama Sommer 14 – Ein Totentanz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg forscht Claire, die Enkelin Habers, in den USA an einem Gegenmittel. Sie sieht sich hier in der direkten Verantwortung. Nachdem die Gelder zu Gunsten der Atomwaffenforschung abgezogen werden und sie aus der Zeitung erfährt, dass das Giftgas des Großvaters Grundlage für Zyklon B und somit für die Vernichtung der Juden war, gerät sie in eine tiefe persönliche Krise. Beide Frauen nehmen sich aus Ohnmacht gegenüber der Tatsache, nicht eingreifen zu können, das Leben. Das verdichtet Katie Mitchel in einem minutenlangen psychischen Kampf der beiden Frauen, deren Schicksale sich auf der Leinwand immer wieder überschneiden. Die Spielszenen werden direkt in dafür originalgetreu nachgebauten Kulissen auf der hinteren Bühne und einem auseinanderschiebbaren Eisenbahnwagon im Vordergrund gedreht.

The Forbidden Zone an der Schaubühne Foto: St. B.

The Forbidden Zone an der Schaubühne
Foto: St. B.

Ein weiteres Bindeglied bildet die Liebesgeschichte eines französischen Soldaten, der durch einen Giftgasangriff schwer verwundet wird, und einer Krankenschwester. Hier diente das Buch The Forbidden Zone der anglo-amerikanischen Schriftstellerin Mary Borden als Vorbild, aus dem auch Luk Perceval für seine Weltkriegspolyfonie FRONT am Thalia Theater Hamburg zitierte. Zusammen ergibt das ein Geflecht aus pazifistischen und feministischen Statements, angedeuteter Feindseligkeit und Übergriffigkeit in den Szenen zwischen Claire und einem amerikanischen Soldaten im Zug sowie einer filmisch erzeugten dramatischer Spannung. Letztendlich tritt die eigentlich gewünschte „affektive und mentale Erschütterung“ der Tragödie (gemäß Hans Thies Lehmann) wieder hinter einen gezielt erzeugten ästhetischen Effekt zurück. Das Stück erzeugt zwar ein gewisses Unwohlsein (und das ist durchaus gut so), fügt aber in seiner schaurig schöne Art dem üblichen, normierten Weltkriegsgedenken nicht allzu viel hinzu.

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The Forbidden Zone
von Duncan MacMillan
Regie Katie Mitchell
Videoregie Leo Warner
Bühne Lizzie Clachan
Kostüme Sussie Juhlin-Wallen
Video Design Finn Ross
Sound Design Gareth Fry, Melanie Wilson
Übersetzung Vera Neuroth
Dramaturgie Nils Haarmann, David Tushingham
Licht Jack Knowles
Mit:
Ruth Marie Kröger… Clara Haber
Felix Römer… Fritz Haber
Jenny König… Claire Haber
Andreas Schröders… Wissenschaftler
Laurenz Laufenberg / Giorgio Spiegelfeld… Soldat
Cathlen Gawlich / Kate Duchêne… Krankenschwester, Wissenschaftlerin
Sebastian Pircher… Amerikanischer Soldat

Kamera Andreas Hartmann, Stefan Kessissoglou, Sebastian Pircher

Die nächsten Termine:

  • 25.10.2014, 20.00 Uhr
  • 27.10.2014, 20.00 Uhr

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/the-forbidden-zone.html/m=221

Infos zur Spielzeit 2014/15: http://www.schaubuehne.de/de/spielzeit/index.html

zu Teil 1: DT und BE

zu Teil 2: Volksbühne

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„Viel Lärm um Nichts“ und „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ – Ein musikalischer Spielzeitauftakt an der Berliner SHOW-bühne.

Montag, Oktober 7th, 2013

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Verkehrte Welt an der Berliner Schaubühne. Hausautor und Regisseur Marius von Mayenburg, sonst ein feiner Sezierer der bürgerlichen Gesellschaft und Beziehungshölle (Parasiten, Das kalte Kind, Der Stein), macht aus Shakespeares Komödie Viel Lärm um Nichts eine Film-Klamotte und Patrick Wengenroth, an der Schaubühne eher der Mann fürs Grobe und Trashige, überträgt Fassbinders kammerspielartiges Filmset zu dessen sadomasochistisch angehauchtem Beziehungshorrorstück Die bitteren Tränen der Petra von Kant fast werkgetreu wieder zurück auf die Bühne. Und man weiß zunächst nicht, ob man staunen, sich ärgern oder einfach nur befreit auflachen soll. So viel nur, wer verbissen nach einem Sinn sucht, wird in beiden Fällen bitter enttäuscht werden. Die Sache liegt, so einfach wie kompliziert, im Auge des jeweiligen Betrachters selbst. Zu konstatieren bleibt im Vorfeld lediglich, dass die Schaubühne auch in der neuen Spielzeit wieder verstärkt auf musikalische Showelemente setzt.

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Viel Lärm um nichts? Die Schaubühne am Lehniner Platz, ein unvergesslicher (H)Ort der Feude. – Foto: St. B.

„Teach me tiger” – Marius von Mayenburg geht mit Shakespeare ins Kino. Man sieht und hört: Viel Lärm um Nichts 

Den Anfang machte bereits Ende August Marius von Mayenburg mit einer Revuevariante von Shakespeares romantischer Komödie Viel Lärm um Nichts. Dass man sein Publikum nicht gleich zu Beginn der Spielzeit mit schweren Klassikern überfordern sollte, hat das Deutsche Theater einen Tag vorher bitter erfahren müssen. Unterfordern muss man es aber auch nicht gleich. Das Mayenburg Sinn für schrägen Humor besitzt, hat er schon mit der Inszenierung seiner eigenen Komödie Perplex bewiesen. Ein philosophierendes Well-made-Play über den Zufall und das Spiel mit Rollen und Identitäten, das sich aus den Tiefen des Klamauks in ungeahnte geistige Höhen erhob. Und auch bei Shakespeares lärmig beredtem Geschlechterkampfszenario geht es neben den verschiedenen Spielarten der Liebe und Intrige vor allem auch um Sein und Schein, was wiederum wunderbar an Mayenburgs Stück Perplex andockt.

Mit Eva Meckbach und Sebastian Schwarz stehen ihm als Paar wider Willen, Beatrice und Benedick, hier auch wieder zwei begnadete Komödianten zur Verfügung. Der Rest der spielfreudigen Bande scheint geradewegs aus Lars Eidingers knalliger Romeo und Julia-Inszenierung entsprungen zu sein. Zumindest für Moritz Gottwald, Bernardo Arias Porras und Kay Bartholomäus Schulze trifft das definitiv zu. Und nachdem sie bereits bei Eidinger dem Komödien-Affen reichlich Zucker geben durften, kommt auch bei Mayenburg die Gaudi nicht zu kurz. Fucked up with Shakespeare. Aber bei aller Liebe und Frivolität, der Alte ist nicht unterzukriegen und hat schon wesentlich Schlimmeres als ein paar schräge Riffs auf der Akustikgitarre und verschwitzt hüftkreisende Liebeschwüre überlebt.

It's Showtime. - Foto: St. B.

It’s Showtime. – Foto: St. B.

Während Eidinger mit der Live Band The Echo Vamper die wesentlich coolere Rockmusik am Start hatte, wartet Mayenburg mit einem größeren Bühnenportal auf. Der Drang zur ganz großen Show ist unübersehbar und geht mit einem noch größeren Hang zur bloßen Behauptung einher. Es weiß spätestens seit René Pollesch eh jeder, dass am Theater gelogen wird, dass sich die dünnen Bretter biegen. Passend dazu intoniert Conférencier Kai Bartholomäus Schulze, eigentlich als Leonato, Gouverneur von Messina besetzt, auf der goldenen Showtreppe Leonard Cohens „Everybody knows“. Später darf er dann noch eine veritable Travestie als Kammerfrau Margaret hinlegen. Aufs gnadenlose Chargieren scheint er seit seinem Schluckspecht-Slapstick als notgeiler Bruder Lorenzo abonniert zu sein.

„That’s how it goes“ heißt es weiter bei Cohen. Vom blutigen Kreuz auf der Spitze des Kalvarienbergs bis zum Strand von Malibu ist alles absehbar. Drum nimm einen letzten Blick auf die heilige Liebe, bevor sie verweht. Und da das Paradies eh futsch ist, feiert es sich umso ungenierter. Das nutzt nun Mayenburg, um ein szenisches Feuerwerk der Verkleidungskunst zu entzünden und bläst zur großen Zitatschlacht in Videobildern. Da wehen Palmen in der Südsee, während Männer in GI-Kluft aus dem Krieg heimkehren um sich zu vergnügen und im Hintergrund eine Atombombe hochgeht. Aber allzu hoch will man das dann natürlich auch nicht gehängt wissen. Auf geht’s zum Maskenball der einsamen Seelen. Man nennt das hierzulande auch manchmal Fisch sucht Fahrrad. Und wenn das Fahrrad dazu noch eine goldene Kette trägt, will der Fisch auch kein Frosch sein.

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Das Ensemble beim Applaus. – Foto: St. B.

„Teach me tiger, how to kiss you.“ säuselt Beatrice und Benedick entdeckt den Tiger im flauschigen Bettvorleger in sich. Darf aber auch mal Elvis the Pelvis sein. „I can’t help falling in love with you.“ Ein trefflich necken ohne anzuecken. Man sieht Claudio (Moritz Gottwald) und seine keusche Hero (Jenny König) als Tarzan und Jane und bei anderen Gladiatorenspielen. Die falsche Hero wird von Borachio (Bernardo Arias Porras) im Kingkong-Kostüm erst verführt und dann über die Dächer New Yorks entführt. Die Männer balzen und spielen Zombietennis, während die Frauen visuell viel und akustisch noch weit mehr zu bieten haben. In einer begnadeten Doppelrolle darf Robert Beyer den Prinzen Don Pedro und dessen halbseidenen Halbbruder Don John (Juan) mit Fledermausohren geben. Als Kinski-look-alike sieht man den intriganten Strippenzieher auf der Videoleinwand über einen Friedhof wandeln.

Eine Handlung hat das Stück natürlich auch noch, was hier aber nicht weiter stört, da eh alles aufs große Showfinale hinläuft. Nur so viel: Die Ehre der heroisch allen männlichen Tücken zum Trotz standhaltende Hero („Sometimes I feel like a motherless child“) wird mit List wieder hergestellt und der sich um die Jungfräulichkeit der Braut betrogen geglaubte Bräutigam Claudio kann nun die seine dazutun. Die Männlichkeit bekommt ihr Fett weg und gereimte Liebesbekenntnisse werden ausgetauscht. Jeder Topf kriegt seinen Deckel in passender Größe, und die Welt, wie wir sie kennen, dreht sich einfach weiter. Es singt und swingt so schön wie ehedem. Denn das ist eisernes Gesetz nicht nur am Theater: The Show must go on!

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Die bitteren Tränen der Petra von Kant – Patrick Wengenroth nimmt Fassbinders legendäres Kammerspiel unerwartet bitter ernst.

Während im großen Saal Hedda Gabler in Ostermeiers Ibsenhölle noch mit Duellpistolen spielt, lädt auch Patrick Wengenroth nebenan im Saal C zur Schlacht auf dem Fassbinder-Flokati unter einem großen dreiteiligen mit Rüschen besetzten Showportal. Hierhin ist er nach der vorgezogen grell-bunten Fassbinder-Kür Angst essen Deutschland auf im Studio der Schaubühne zur weitaus schwierigeren Pflicht umgezogen. Fassbinders psychologisches Kammerspiel aus dem Jahr 1972 mit Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Irm Hermann und Eva Mattes ist legendär. Die Latte liegt demnach hoch, ist doch auch Martin Kušej am Residenztheater München vor kurzem eine vielbeachtete Inszenierung gelungen. Ein komplettes Stück vom Blatt zu inszenieren, ist nicht der übliche Regiestil von Patrick Wengenroth. Mit Die bitteren Tränen der Petra von Kant macht er die Ausnahme zur Regel, und dennoch scheint zunächst alles wie gewohnt. In bunten Katzenkostümen treten er und sein langjähriger Mitstreiter, der Musiker Matze Kloppe, vor den Vorhang, auf den der Schatten einer großen Frauensilhouette geworfen ist, und intonieren Lovecats von The Cure. Das ist natürlich Ironie satt.

Schaubühne_Petra von Kant_Sept. 2013 (16)

Patrick Wengenroth als Marlene.
Foto: St. B.

Man ist sich auch im Folgenden nicht ganz sicher, ob das nicht doch eine Parodie werden soll. Und wenn ja, ist es zumindest eine sehr bittere. Wengenroth hat die ausschließlich weibliche Besetzung des Originals fast vollständig übernommen, nur die Mutter ist gestrichen. Jule Böwe spielt die mondäne Modedesignerin Petra von Kant. In einem Traum von Kleid mit langer Schleppe steht sie dort auf der Bühne, es fehlt lediglich noch die Zigarettenspitze, um an einen noch bekannteren Film zu erinnern. Lucy Wirth gibt im Wechsel das Frauchenklischee Sidonie von Grasenabb und das eigentliche Objekt der Begierde Karin Thimm. Patrick Wengenroth lässt es sich aber nicht nehmen, die stumme Rolle der Sekretärin Marlene im devoten Gouvernanten-Look selbst zu mimen. Die Kostüme sind mit Korsetts, Seidenstrümpfen und Strapsen zusätzlich sexuell aufgeladen. Wie schon Fassbinder spielt auch Wengenroth mit diesem Klischee.

Er liefert die stilgenaue Kopie des Films. Die Inszenierung atmet von den Kostümen bis zu den Frisuren das 70er-Jahre-Flair des Originals. Die eiskalten Worte mit denen die Protagonistinnen aus ihren kaputten Beziehungen berichten, lassen einem auch heute noch die Haare zu Berge stehen. Rasiermesserscharf schneiden sie die Luft. Als schmieriger Barpianist sitzt Matze Kloppe am Rand der Bühne und klimpert den Soundtrack zum fiesen Spiel. Es geht bei Fassbinder vordergründig um die Unmöglichkeit der bedingungslose Liebe auf Augenhöhe und emotionale, wie monetäre Abhängigkeitsverhältnisse, in die seine Figuren mehr oder minder freiwillig geraten. „Weil man leben muss, Petra. Und weil man arbeiten muss, wenn man Geld verdienen will, und weil man Geld braucht, wenn man lebt.“ sagt Sidonie. Nach Aktualität in der postmodernen kapitalistischen Gesellschaft muss man da eigentlich nicht mehr fragen.

Während Petra von Kant ein unklares Herrschaftsverhältnis zu ihrer Bediensteten Marlene pflegt, Wengenroth und Böwe tanzen wie im Film zu Smoke Gets in Your Eyes von den Platters, geht sie relativ bedingungslos in die Beziehung zur jungen, aufstiegswilligen Karin und beginnt so ein gefährliches Spiel, das sie nicht gewinnen kann. Immer mehr rutscht Petra, die eigentlich besitzen will, selbst in eine emotionale Abhängigkeit. Mit großem Einsatz geben Jule Böwe und Lucy Wirth das ungleiche Liebespaar, stöckeln, albern und rollen dabei ausgelassen über den rutschigen Untergrund. But Every Thing Must Change“ weiß ein weiterer Song. Der Mensch ist letztendlich austauschbar, „das muss man lernen.“ Als Karin bei der ersten Gelegenheit fremdgeht und sogar wieder zu ihrem Mann zurückkehrt, erfolgt nicht ganz unerwartet der Absturz aus dem siebten Himmel, auch wenn er vom Flokati noch relativ weich abgefangen wird.

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Das Ensemble beim Premieren-Applaus. Foto: St. B.

Kein Telefon, keine Puppen, nichts woran sich Jules Böwes Petra von Kant festhalten könnte, außer an ihrer Ginflasche. Daneben dient als einziges Requisit lediglich noch ein Tablett mit zwei Gläsern. Wenn das Telefon klingelt oder die Post zu holen ist, serviert Marlene immer wieder untertänig frisch gefüllte Gläser. Als Wiedergängerin des ganzen Beziehungselends schneit schließlich noch die Tochter Gabriele (Iris Becher) in züchtigem Gelb herein und berichtet der emotional am Boden liegenden Mutter Petra von ihrer banalen Teenagerliebe. Jule Böwes Gin-geschwängerte Schrei- und Heulorgie auf dem weißen Flokati, sie hat die Schnapsdrossel schon mehrfach an der Schaubühne geübt, ist dann ganz großes Kino oder auch Theater. Je nachdem, wie man‘s nehmen will. Sie kämpft sich tapfer durch die bitteren Tränen der Verzweiflung, was auch leicht in übertrieben, sentimentalen Kitsch abgleiten könnte. Denn Liebe ist kälter als der Tod.

Dass das bei Fassbinders völlig ernster, ironiefreier Vorlage nicht passiert, liegt wohl vor allem an der großartigen Frauenriege, die sich trotz strengem Korsett, ihre Freiräume erspielen kann. Auch Wengenroth geht diesmal wesentlich subtiler vor, drängt den Klamauk nicht in den Vordergrund. Allerdings emanzipiert er sich nur recht mühsam vom übermächtigen Vorbild. Wahrscheinlich sind sich die beiden Regisseure nicht nur im Aussehen sehr ähnlich. Schlussendlich ist es das Weggehen, das Ausbrechen aus der Enge des bürgerlichen Gefängnisses, was Fassbinder als Lösung anbietet. Selbst mit der Gefahr, direkt in die nächste Abhängigkeit zu schlittern. Auch die treue Dienerin Marlene verlässt Petra von Kant, als diese ihre Stärke aufgibt, Schwäche eingesteht und somit Marlene nicht mehr das bieten kann und will, was diese benötigt. Das sind natürlich ganz persönliche, autobiografisch gefärbte Eindrücke Fassbinders, nah am Klischee und nicht frei von bourgeoisem Dünkel. An Thomas Ostermeiers Schaubühne am Kudamm ist er damit jedenfalls bestens aufgehoben.

Einen Aufbruch ganz anderer Art gibt es dann auch bei Patrick Wengenroth. Anstatt ihren Koffer packt seine Marlene allerdings nur den Flokati und macht erst mal die Bühne frei. Wohin könnte man auch gehen? Stumm wird Marlene hier jedenfalls nicht bleiben. Was Wengenroth zu sagen bzw. singen hat, sollte man sich nicht entgehen lassen. „Jippie-Ya-Yeah“, Schweinebacke Fassbinder. Oder siegt bei Wengenroth etwa doch die Wa(h)re Liebe?

Der Text ist zuerst am 09.09.13 auf Kultura-Extra erschienen.

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... und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. - Foto: St. B.

… und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. – Foto: St. B.

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Viel Lärm um Nichts
von William Shakespeare
Deutsch von Marius von Mayenburg

Regie: Marius von Mayenburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Claus Erbskorn, Thomas Witte
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider

Pedro/John: Robert Beyer
Claudio: Moritz Gottwald
Benedick: Sebastian Schwarz
Beatrice: Eva Meckbach
Hero: Jenny König
Leonato/Margaret: Kay Bartholomäus Schulze
Borachio/Francis: Bernardo Arias Porras

Dauer: ca. 135 Minuten (keine Pause)

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Die bitteren Tränen der Petra von Kant
von Rainer Werner Fassbinder

Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Andy Besuch
Musik: Matze Kloppe
Licht: Erich Schneider

Mit: Jule Böwe, Lucy Wirth, Iris Becher, Patrick Wengenroth
Musiker: Matze Kloppe

Dauer: ca. 105 Minuten (keine Pause)

Termine unter: www.schaubuehne.de

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F.I.N.D. 2012 an der Schaubühne (Teil 1) – In „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg bringt ein junger religiöser Fanatiker unser vermeintlich festes Toleranzverständnis ins Wanken

Donnerstag, März 8th, 2012

„Ein Fanatiker ist ein Mensch, der so handelt, wie er glaubt, daß Gott handeln würde, wenn Er ausreichend informiert wäre.“ Finley Peter Dunne, Humorist (1867 – 1936)

find-2012.JPG Foto: St. B.

Im Gegensatz zum Festival Internationale Neue Dramatik 2011 fällt die Anzahl der Neuproduktionen in diesem Jahr aus Mangel an entsprechender Finanzierung etwas schmaler aus. In dieser Woche sind daher vorwiegend Wiederholungen von Inszenierungen aus dem letzten Jahr zu sehen. Als einzige größere Uraufführung der Schaubühne ging schon letzte Woche das neue Stück „Märtyrer“ von Hausdramatiker Marius von Mayenburg ins Rennen, bei dem der Autor wie schon bei „Perplex“ (2010) auch selbst Regie führte. Mit „Märtyrer“ hat sich der Autor Mayenburg nach langer Zeit wieder einem Jugendstück gewidmet. In „Feuergesicht“ aus dem Jahre (1998) ging es um einen Jungen, der auf der Suche nach seiner Identität, in totaler Abgrenzung zu seiner Umwelt und den hilflosen Eltern, zu drastischen Mitteln greift und sich schließlich selbst anzündet. Die Hauptrollen in dem 2000 von Thomas Ostermeier an der Schaubühne inszenierten Stück spielten damals Robert Beyer und Judith Engel. Zwölf Jahre später stehen sie nun auf der Seite der Erwachsenengeneration und spielen einen saturierten, opportunistischen Schuldirektor und eine zwar übermäßig tolerante aber völlig überforderte Mutter eines Schülers, der aus heiteren Himmel religiöse Gefühle entwickelt und diese bis zum Wahn treibt, indem er sich erst als Eiferer geriert und dann schließlich sogar prophetische Ambitionen an den Tag legt.

Benjamin Südel (Bernardo Arias Porras), ein erst völlig normal Pubertierender, steigert sich durch die übergenaue Lektüre der Bibel und deren wortwörtliche Auslegung in eine Art fanatische Religiosität hinein und lehnt alles in seinen Augen Unmoralische strikt ab. Der Einzelgänger aus Passion, isoliert sich damit um so mehr und kann nur einen körperlich behinderten Mitschüler als Anhänger und Jünger rekrutieren, der eigentlich nur verklemmt homosexuelle Gefühle für seinen „Guru“ empfindet. Bei einem vergeblichen Heilungsversuch des zu kurzen Beins von „Jünger“ Georg (Moritz Gottwald) kippt die Story sogar etwas ins Komische ab. Seine Umgebung nervt der selbsternannte christliche Retter mit exakten Bibelzitaten und explizit frauenfeindlichen, homophoben und antisemitischen Äußerungen. Wie er dazu gekommen ist und was ihn tatsächlich treibt, lässt Mayenburg im Unklaren. Im Programmbuch werden dafür die genauen Psychogramme von aller Arten Fanatikern erklärt und deren Verhaltensmuster analysiert. Nun will uns Mayenburg sicher nicht mit psychopathologischen Befunden langweilen, die Intention des Autors zielt tiefer, es ist die Reaktion der Umgebung auf diesen „Fall Benjamin“ die ihn interessiert.

Und da ist zunächst der Sport- und Geschichtslehrer Dörflinger (Sebastian Schwarz), der das alles als jugendlichen Protest und reine Provokation abtut, was sich mit der Zeit schon geben wird, wie er sich selbst ja auch angepasst hat. Er reagiert nicht weiter auf Benjamin, knickt aber gegenüber den Anweisungen des Direktors ein, der Ruhe an seiner Schule für das einzig erstrebenswerte Ziel hält und die Schuld für das Verhalten von Benjamin eher bei seinen Lehrern sucht, als sich ernsthaft für den wahren Grund dahinter zu interessieren. Die Mutter kann mit der plötzlichen Vergeistigung ihres Sohnes ebenso wenig umgehen, wie sie in der Lage ist einzuschätzen, wo die Ursachen dafür zu suchen wären. Sie übergibt die ganze Verantwortung den studierten Pädagogen. Einzig Religionslehrer Pfarrer Menrath (Urs Jucker) sieht in Benjamin ein großes Potential und will ihn für die Kirche gewinnen, prallt aber an dessen fundamentalistischen Glaubensauslegungen ab. Er vermag den jungen Eiferer nicht mehr zu formen und sieht sein Heil nur noch im Gebet, wozu er auch Benjamins Mutter rät.

An all diesen Einstellungen gleitet die Biologie- und Vertrauenslehrerin Roth (Eva Meckbach) mit ihrer Null-Toleranz-Offensive ab. Wo sich alle nach und nach hinter wohlfeilen Toleranzfloskeln verstecken, geht Frau Roth zum Gegenangriff über, in dem sie Benjamin mit seinen eigenen Mitteln schlagen will. Sie beginnt die Bibel zu lesen, um darin nach Gegenargumenten zu suchen. Letztlich versteigt sie sich dabei aber in eine Art Vernunftwahn und treibt den selbsternannten Propheten dermaßen in die Enge, dass dieser zur radikalen Mitteln greifen will, um seinen erkannten Feind aus dem Weg zu räumen. Alle Erwachsenen scheitern hier in Mayenburgs Versuchsanordnung über Toleranzverhalten und fanatische Denkmuster. Schließlich verliert die Verfechterin des unbedingten wissenschaftlichen Fortschritts nach sexuellen Anschuldigungen Benjamins völlig die Contenance und nagelt sich zum Zeichen ihrer unverrückbaren Ansichten an den Bühnenboden. Wer hier der wahre Märtyrer ist, wird so noch mal ironisch hinterfragt. Man kann Mayenburg eigentlich nur dazu gratulieren, sich in seinem Stück einem christlichen Fanatiker gewidmet zu haben und nicht einem islamistischen. Das so etwas auch in unserem Kulturkreis nichts Ungewöhnliches ist, weiß man spätestens seit Anders Behring Breivik.

Auch in Yael Ronens Stück „The Day before the last Day“ wurde schon religiöser Fanatismus auf ironische Weise auf die Schippe genommen. Er ist vor allem auch Ausdruck von latent vorhandenem Fremdenhass und stetigen Ressentiments gegenüber Andersdenkenden. Insgesamt ist Mayenburgs Regie passabel. Er bricht seine harte Story immer wieder mit passenden Musikeinlagen, lässt Choräle singen oder alle mit Affenmasken Darwins Evolutionstheorie austesten. Nur kann sich Mayenburg nicht so recht entscheiden, ob er sein Stück als ernsthaftes Drama oder als Farce verstanden sehen will. Die Figuren sind insgesamt etwas zu flach angelegt, bieten aber eigentlich jede Menge komödiantisches Potential, das aber keiner wirklich auszuschöpfen vermag. So liegt die Last auf den Schultern von Bernardo Arias Porras als jungem Fanatiker Benjamin Südel, der in dieser Rolle über sich hinauswächst. Für Jugendliche ist das Stück durchaus zu empfehlen, da es nicht vordergründig moralisiert und offen bleibt für eigene Gedanken. Am Fehlen von klaren Bezügen zu vermeintlichen Ursachen oder zur Sehnsucht nach Transzendenz in unserer säkularen Gesellschaft sollte sich aber das erwachsene Berliner Bildungsbürgertum nicht stören. Letztendlich ist das Suchen nach persönlicher Spiritualität in einer aufgeklärten Welt auch ein Ausdruck von selbst errungener religiöser Freiheit, bedeutet aber auch die Möglichkeit der Befreiung von der Religion.

„Mit Fanatikern zu diskutieren, heißt mit einer gegnerischen Mannschaft Tauziehen spielen, die ihr Seilende um einen dicken Baum geschlungen hat.“ Hans Kasper (1919-1990), Hörspielautor, Lyriker u. Satiriker

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Tatort Komödie – Zwei Stücke in der Schaubühne und in den Kammerspielen des DT versuchen sich in Satire und sind dabei mehr oder minder erfolgreich.

Dienstag, November 30th, 2010

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Nach den eher unfreiwillig oder derb komischen Inszenierungen von Roland Schimmelpfennigs „Peggy Pickit“ am DT und Walter Mehrings „Kaufmann von Berlin“ an der Volksbühne haben es nun mit Marius von Mayenburgs „Perplex“ und Sibylle Bergs „Nur nachts“ wieder zwei Komödien auf die Berliner Bühnen geschafft. Ist das Thema auch noch so schwer, der Zuschauer will unterhalten werden. Wenn der Inhalt zu dünn ist, muss die Verpackung, sprich Inszenierung nachhelfen und der Regisseur Versäumnisse des Autors wettmachen. Das das nur bedingt funktioniert, hat Martin Kušej mit seiner Version von Peggy Picket bewiesen. Frank Castorf hat seine Inszenierung von Walter Mehring so mit Klamauk und zusätzlichem Inhalt überfrachtet, dass es einfach nur noch ermüdend war.

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Was ist aber, wenn das Stück gar keinen Inhalt oder Sinn transportieren will, also einfach nur komisch sein möchte? So geschehen bei Marius von Mayenburgs neuem Stück „Perplex“, das er gleich noch selbst in der Schaubühne inszenierte. Zwei Paare treffen hier in immer wieder wechselnden Konstellationen aufeinander und kosten die Verwirrung und Komik, die aus diesen teilweise absurden Situationen und Identitätswechseln entseht, mit sehr viel Spielfreude aus oder sind einfach wie der Titel schon sagt perplex. Mayenburg nutzt einige philosophische (Platons Höhlengleichnis) und wissenschaftliche (Darwins Entstehung der Arten) Grundweisheiten und stellt diese in seiner Farce über den schönen Schein des Theaters einfach genüsslich aus.

Ausgangspunkt ist ein aus dem Urlaub zurückkehrendes Paar, das sich in seiner Wohnung nicht mehr zurecht findet und von den Freunden, die eigentlich nur die Blumen gießen sollen, vor die Tür gesetzt wird. In einem Reigen aus Maskerade, Rollenspiel und böser Satire wird der Wahnsinn des Alltags persifliert. Merkwürdige Nazis und freche Au-pair-Mädchen treten auf, es gibt eine herrliche Kostümparade mit isländischem Vulkan und ein Liebesspiel im Elchkostüm sowie eine Parodie auf das Putz-Mariedl aus Schwabs Präsidentinnen. Eva Meckbach, Judith Engel, Robert Beyer und Sebastian Schwarz können hier alle Register ihres schauspielerischen Könnens ziehen, das ist mehr als nur ein Well-Made Play. In einer Wohnlandschaft vor einem großen Terrassenfenster schlüpfen die vier immer wieder in neue Identitäten, selbst erst darüber verblüfft, finden sie sich schließlich schnell darin zurecht und lassen den Faden nie abreißen. Irgendwann wird aber alles als Spiel im Spiel entlarvt und das Bühnebild und die schöne Illusion demontiert. Der Regisseur erweist sich als abwesend und Sebastian Schwarz gibt ihn flüchtend als Nietzsche-Karikatur mit dem „Gott ist tot“-Monolog. Das Stück schafft sich selbst ab und lässt trotz großem Vergnügen die Protagonisten und auch den Zuschauer etwas ratlos zurück.

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Eher gemäßigtes Vergnügen hatten einige Kritiker zur Inszenierung des Stückes „Nur nachts“ von Sibylle Berg, das bereits im Februar in Wien uraufgeführt und nun an den Kammerspielen des Deutschen Theaters gezeigt wurde signalisiert. Ja was soll man auch sonst bei diesem mittelmäßigem Stück mit seiner mittelmäßigen Regie bezeugen. Gediegene Langeweile macht sich bei dieser gefälligen Rocky-Horror-Aging-Show breit. Man konnte sich schon vom satirischen Talent der Sibylle Berg bei den DT-Autorentheatertagen überzeugen. Bei „Hauptsache Arbeit“ machen sich eben solche mittelmäßigen Menschen wie in „Nur nachts“ für ihre mittelmäßigen Jobs vor ihrem fiesen Chef zum Affen. Dabei werden sie immer wieder von zwei Ratten auf einem sinkenden Schiff motiviert. Als Schluss-Pointe befördern sich dann aber wenigstens alle selbst ins Jenseits. Das war noch konsequent böse aber leider auch nur eine mäßig witzige Revue, von einigen halbwegs gelungenen Showeinlagen mal abgesehen.

Die Ratten haben sich in „Nur nachts“ vermehrt und sind zu Geistern mutiert, die nun demotivieren und das allgemeine Glück verhindern sollen. Aber wer braucht schon solche Geister, wenn er bereits über einen riesigen inneren Schweinhund verfügt, wie die beiden Mitvierziger Petra und Peter, bewusst ständig aufgeregt und hilflos gespielt von Judith Hofmann und Peter Moltzen. Die Geister, die ich nicht rief, hier sind sie da, weil sich das angehende Paar selbst in seiner Mittelmäßigkeit bequem eingerichtet hat. Die Einsicht kommt spät, sie müssen bis dahin einen Parcour des Schreckens vom Kinderkriegen und Erziehen der störenden Brut, über Verse schmieden bis zum gemeinsamen alt werden durchlaufen. Gekalauert darf auch werden, bis Peter sogar die Hand abhanden kommt. Der Traum ein sinnvolles Leben zu führen, gerät hier zum Albtraum, zu einer Parade des Grauens, das uns Regisseur Rafael Sanchez allerdings so angenehm wie möglich machen will.

Berg legt die Figuren im Klischee an, Sanchez kleistert kräftig mit Kitsch nach, mit albernen Ganzkörperanzügen von Tatortspurensicherern und Masken mit Ohren für die Geister, unsäglichen Liebessongs u.a. „Flugzeuge im Bauch“ von Herbert Grönemeyer, gegenseitigem Windeln anlegen und schließlich dem Dahindämmern im Altersheim. Irgendwann schlafen da sogar die Geister ein und dem zu verhindernden Paar gelingt die Flucht in den Tod, nur noch Schatten ihrer selbst, oder vielleicht doch mit dem Möbelwagen in eine neue Zukunft? Man will es aber eigentlich gar nicht so genau wissen. Der Weg von den antrainierten Bindungsängsten bei Mitvierzigern bis zur persönlichen Freiheit, wie sie Sibylle Berg vorschwebt, ist hier nicht nur mit selbst gelegten Steinen versperrt, sondern auch noch mit lauter Banalitäten gepflastert und so gerinnt der ganze Schmalz wieder nur zur gefälligen Revue.