Archive for the ‘Markus Öhrn und Institutet Nya Rampen’ Category

Beim Berliner Festival „Foreign Affairs“ befassen sich drei Performance-Produktionen auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Afrika und Kolonialismus aus Sicht der westlichen Welt.

Samstag, Oktober 20th, 2012

„Die Welt ist komplex.
Und was komplex ist, kann nicht vereinfacht werden.
Doch es gilt sich in ein Verhältnis zur Welt zu setzen, denn –
was ist unser europäisch-imperialistich geprägtes Verhältnis zu nicht-westlichen Kulturen und Künsten?“
Frie Leysen in der Festivalzeitung „Foreign Affairs“, Berliner Festspiele, Juli 2012

foreign-affairs_ende-sept-2012.jpg Foto: St. B.

Auf diese Frage der Leiterin des Festivals „Foreign Affairs“, das die Berliner Festspiele unter Thomas Oberender anstelle der „spielzeit’europa“ neu installiert haben, will das von ihr kuratierte Programm zwar keine konkreten Antworten geben. Es läd aber alle Besucher zu einem „Clash von Visionen“, zu einer fremden Affäre „mit unserer Zeit und unserer Welt, in Ihrer Stadt“ ein. Das Festival befasst sich verdichtet auf die Zeit eines Monats im gesamten Stadtraum mit ganz speziellen Angelegenheiten wie z.B. Kolonialismus, Konsumismus, Rassismus und noch vielem mehr. 19 Künstler wollten in 22 Produktionen vorwiegend performativer Art sehr differenziert eigene Ansichten zu diesen Themen vorstellen. Zu Beginn des Festivals lag der Schwerpunkt auf dem Verhältnis der westlichen Welt zum afrikanischen Kontinent. Der weiße Südafrikaner Brett Bailey wollte dabei die vorwiegend europäischen Besucher seiner Ausstellungsperformance „Exhibit B“ mit dem Blick auf ihre eigene koloniale Vergangenheit konfrontieren. Die Performer von andcompany&Co. gingen das selbe Thema in ihrem Beitrag „BLACK BISMARCK previsited“ mit ganz anderen Mitteln an. Sie berichteten in einer Art musikalischem Lichtbildervortrag über die speziell deutsche Geschichte des Kolonialismus und deren Fortbestand in unserem täglichen Leben. Die beiden radikalen Performancegruppen Institutet und Nya Rampen um den Regisseur Markus Öhrn versuchten dagegen das Publikum in „We love Africa and Africa loves us“ mit ihren freud’schen Erlöser-Fantasien zu falsch verstandener Entwicklungshilfe zu verstörten. Die Reaktionen auf die einzelnen Produktionen waren sehr verschieden und nicht immer wurden sie wohlwollend aufgenommen. Eins ist ihnen aber bei aller Diversität gemeinsam, der Wille zur Aufklärung und das Angebot weiter darüber im Gespräch zu bleiben.

EXHIBIT B – Theatrale Begegnungen in einer begehbaren Installation von Brett Bailey im Kleinen Wasserspeicher Prenzlauer Berg.

Ausgehend von den ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika veranstalteten Völkerschauen will der südafrikanische Regisseur Brett Bailey den kolonialen Blick der Schaulustigen von damals in seiner begehbaren Installation mit ebenfalls lebenden „Exponaten“ umdrehen und Parallelen zur postkolonialen Gegenwart herstellen. Bailey hat dazu schwarze Performer aus Afrika nach Berlin gebracht und lässt sie in konkret arrangierten „Tableau Vivants“ Szenen der Versklavung und Gewalt im sogenannten Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) darstellen und kombiniert das mit Bildern heutiger Kategorisierung von Asylbewerbern und der unmenschlichen Abschiebepraxis. Der Besucher wird hier einerseits mit der grausamen kolonialen Geschichte Deutschlands konfrontiert und anderseits auf Parallelen in der gegenwärtigen Behandlung von Flüchtlingen in Europa gestoßen. Das soll aufrütteln und ein Bewusstsein für das begangene Unrecht schaffen, wirkt aber in erster Linie beschämend auf den Betrachter. Anscheinend sind die Fotos aus der Kolonialzeit Deutschlands von 1884 bis 1915 immer noch nicht jedem bekannt. Zumindest von der blutigen Niederschlagung des Aufstands der Nama und Herero 1904 könnte der interessierte Europäer aber schon einmal gehört haben. Bailey stellt dann auch deren Leid in den Vordergrund seiner Installation.

Regisseur Brett Bailey brett-bailey_-koen-cobbaert.jpg © Koen Cobbaert

Und so läuft man in den Räumen des kleinen Wasserspeichers dann z.B. an einer Hererofrau vorbei, die hinter Stacheldraht sitzend eine Scherbe in der Hand hält und an die Praxis in deutschen Gefangenenlagern erinnert, in denen toten Afrikanern für wissenschaftliche Untersuchungen die Köpfe abgeschlagen, ausgekocht und mit Scherben ausgeschabt wurden. Ein anderes Bild zeigt eine schwarze Frau an ein Bett gefesselt, die die Besucher durch einen Spiegel anblickt. Andere Afrikaner stehen tatsächlich wie Ausstellungstücke in Museums-Vitrinen. Aufsteller erklären das Dargestellte. Es ist aber immer der eindringliche Blick der Performer, der den weißen Betrachter verunsichern soll und ihn daran erinnert, dass er es wie vor hundert Jahren in den kolonialen „Menschenzoos“ eben mit lebendigen Menschen zu tun hat. Neben der Kolonialgeschichte geht es Bailey aber auch um die heutige Praxis der Behandlung von Flüchtlingen aus Afrika. Und so stehen in der Ausstellung auch sogenannte Readymades mit Schwarzen in heutiger Alltagskleidung, über die man wie in entwürdigenden Fragebögen, Persönliches wie Geschlecht, Alter, Herkunft und Krankheiten erfährt. Ein an einen Flugzeugsitz gefesselt und geknebelter Afrikaner soll an die vielen bei der Abschiebung umgekommenen Asylbewerber erinnern. Der Besucher geht nun die ganze Zeit mit halb gesenktem Kopf und einem Klos im Hals durch die „Ausstellung“ und weiß sich nicht konkret dazu zu verhalten. Man soll sich als Teil der Installation begreifen, bleibt aber eigentümlich hilflos außen vor. Letztendlich sucht man entweder schnell wieder das Weite oder lässt seinen Gefühlen freien Lauf.

So ist Brett Baileys Installation doch wieder nur für rein weiße Betrachter gemacht, um sie zu beschämen. Und das tut sie dann auch sehr effizient, aber eben auch auf sehr einseitige Art und Weise. Ich sah eine junge Frau herzergreifend weinen. Aber was ist damit gekonnt? Man kann das natürlich als den klassisch kathartischen Moment begreifen. Nur worin liegt nun die Schuld dieser Frau? Die Amerikaner haben nach dem zweiten Weltkrieg Bürgern von Weimar (vorrangig NSDAP-Mitglieder) durch das KZ Buchenwald geführt, damit sie sich die Leichenberge selbst vor Ort ansehen können. Das lässt natürlich nicht vergleichen und bei Baileys Installation hat man es auch immer noch mit Kunst zu tun. Auch der Holocaust ist auf verschiedenste Art künstlerisch verarbeitet worden. Trotzdem wirkt er immer noch sehr unterschiedlich in der Wahrnehmung der Menschen nach. Betroffen, und nicht nur im emotionalen Bereich, bleiben davon aber immer alle. Wie stellt sich nun aber der schwarze Mensch in Baileys Installation dar? Doch eben auch wieder nur als Opfer. Im Tableau Vivant kann er seine Geschichte nicht selbst erzählen, er stellt sie lediglich aus. Er ist mit seiner rein körperlichen Anwesenheit nur bedingt gestaltend beteiligt. Das ist vermutlich das Problem, das schwarze Menschen damit haben dürften, dass hier schwarze Afrikaner als Ausstellungsstücke fungieren.

Die von Bailey beabsichtigte Vermischung oder sogar die Umkehr von Objekt und Betrachter kann so nicht wirklich stattfinden. Es fehlt ein diskursives Feedback, eine wirkliche Interaktion zwischen Performer und Betrachter. Es gelingt Bailey eigentlich nur in einem Bild eine scheinbare Interaktion herzustellen. Und zwar in der Installation Dr. Fischers (Eugen Fischer, ein deutscher Mediziner, Anthropologe und „Rassenhygieniker“) Wunderkabinett. Vier schwarze Sänger, deren Köpfe aus Kisten ragen und an abgeschlagene Nama-Häupter erinnern sollen, singen traditionelle Klagelieder, die wie christliche Choräle durch die Räume des Wasserspeichers klingen. Hier erlangen trotz aller Drastik der Darstellung die Opfer ihre Stimme zurück und wirken dadurch stärker als die stummen Mementos. Einige Besucher nehmen vor diesem Bild sogar auf den bereitgestellten Stühlen Platz. Aber auch hier läuft alles wieder auf einer rein emotionalen Ebene ab. Bailey ist für seine Installation aus lebenden „Exponaten“ von schwarzen Aktivisten auf dem Symposium „Stages of Colonialism/Stages of Discomfort“ im Haus der Berliner Festspiele deswegen stark kritisiert worden. Letztendlich ist die Performance zwar gut gemeint und soll im eigentlichen Sinne ja auch aufklärerisch wirken. Baileys Anstoß bleibt aber auf halbem Weg stehen. Zur Aufarbeitung und zum Umgang mit der kolonialen Geschichte aus postkolonialer Sicht genügt das Gezeigte noch nicht.

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BLACK BISMARCK previsited – Ein Lecture-Konzert von und mit andcompany&Co. im Foyer des Hauses der Berliner Festspiele.

Black Bismarck black-bismarck-_-jan-brokofco.jpg © Jan Brokof & Co.

Als Ergänzung zur Installation „Exhibit B“ von Brett Bailey, empfahl es sich die Lese-Performance mit Musik der Gruppe andcompany&Co. im Cinema im oberen Foyer des Festspielhauses in der Schaperstraße zu besuchen. Die Avantgardeperformer, die sich beim Studium der Theaterwissenschaften in Frankfurt/M kennen gelernt haben, plündern hier wie immer den theater- und literaturwissenschaftlichen Fundus und bringen ihre Ergebnisse mit theatralisch-humorvollen Mitteln dem allseits interessierten Publikum nahe. Als besserwisserisch und staubtrocken kann man ihre Performances nicht gerade bezeichnen. Und so wird dann auch in dieser Produktion irgendwann Geistiges in flüssiger Form verabreicht. Ein Tablett mit Gläsern voll Fürst Bismarck Doppelkorn kreist im Publikum. Aufs Korn genommen haben die andco-Performer aber nicht nur den sogenannten „Weißen Revolutionär“ Bismarck, sondern auch das Erbe der deutschen Kolonialzeit, angefangen bei den Kolonialwarenläden über verrückte Afro-Perücken bis zu den obligaten Bismarcktürmen in deutschen Städten und Gemeinden. Die Kolonialbegeisterung in Deutschland kannte seinerzeit keine Grenzen. Der „dunkle Kontinent“ Afrika strahlte eine exotische Faszination auf die Deutschen aus, man konnte sogar in Afrikadörfern in der brandenburgischen Provinz Urlaub machen. Alte Postkarten zeugen bis heute davon.

Zu Beginn ist die Projektionswand hinter den vortragenden andco-Gründern Alexander Karschnia und Sascha Sulimma sowie ihrem belgischen Kollege Joachim Robbrecht noch weiß, wie das unbeschrieben Blatt, das Afrika für die europäischen Kolonialstaaten noch Ende des 19. Jahrhunderts war, bevor sie den Kontinent bei der „Kongo-Konferenz“ 1884-85 in Berlin unter sich aufteilten. Hier dockt die Veranstaltung nahtlos an Brett Baileys „Exhibit B“ an, dessen Bilder ja auch von der Unterdrückung der Nama und Hereros berichten. Wie weit Deutschland aber bis heute diese Zeit verdrängt hat, zeigen die Performer anhand des Suchens nach einem passenden Datum für den Tag der Deutschen Einheit. Das konnte natürlich nicht der 09. November (Reichskristallnacht) sein. Aber auch der 3. Oktober ist belastet als Beginn des Nama-Aufstands in Deutsch-Südwestafrika, oder dem Tag des ersten Starts einer V2 Rakete 1942. Andcompany&Co ziehen so gekonnt einen Bogen von der deutschen Kolonialgeschichte mit Bismarck an der Spitze über den 2. Weltkrieg bis zur deutschen Einheit unter Helmut Kohl. Das Bewusstsein für diese Zusammenhänge und den Kolonialismus überhaupt ist in Deutschland aber immer noch sehr gering. Den Missing Link zur postkolonialen Gegenwart haben andco nun im Begriff der „Critical Whiteness“ ausgemacht, die schon länger wie ein „Gespenst“ in Europa umgeht. Wir „überprivilegierten Unterpigmentierten“ empfinden unser Weissein eben immer noch als unmarkierte Normalität. Darauf aufbauend hauen andco uns alle möglichen schwarz-weiß-Begrifflichkeiten um die Ohren. Dazu werden jede Menge Afrika-Klischees und Voodoozauber mit Phantasiehelmen vorgeführt, eine an Belgisch-Kongo erinnernde Europaflagge gehisst und die passenden Schlagermelodien vom Band a la „Afrika“ von Ingrid Peters gespielt.

andcompany1.jpg Foto: St. B.
Joachim Robbrecht, Alexander Karschnia und Sascha Sulimma zu Beginn ihres Lecture-Konzert vor noch „weißer“ Leinwand. Bühne: Jan Brokof&Co.

Besonders aber in der Literatur spielt „Weiߓ als Symbol eine große Rolle. So zündet der Held in Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow (1973, dt. Die Enden der Parabel) Weissmann eine V2-Rakete oder im Film „Ghostbusters“ läuft das riesige Marshmallow-Männchen Stay Puft als „Kolonialer Albtraum“ aus Zucker und Gummi durch New York. Vor allem schöpfen und zitieren die Performer aber auch aus dem bemerkenswerten Essayband „Playing in the Dark. Whiteness and Literary Imagination“ (1992, auf deutsch „Im Dunkeln Spielen“, 1994 bei Rowohlt) der schwarzen amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Tony Morrison, deren Theaterstück „Desdemona“ Peter Sellars im November 2011 bei der spielzeit’europa in Berlin aufführte. Anhand bekannter Romane von Edgar Allan Poe, Herman Melville, Nathaniel Hawthorne (alles Vertreter der „amerikanischen dunklen Romantik“) oder auch Mark Twain und Ernest Hemingway untersuchte sie die weiße amerikanische Literatur auf ihren romantisierenden „Afrikanismus“ und die benutzte Symbolik. Besonders Melvilles „Moby Dick“ (Der weiße Wal) und Poes „The Narrative of Arthur Gordon Pym“ (Der Bericht des Arthur Gordon Pym) beziehen ihre faszinierenden Imaginationen aus der Beschreibung des Unterschieds von weiß und schwarz, hell und dunkel. So fährt Pym mit seinem Kameraden Peters und dem gefangenen schwarzen Eingeborenen Nu-Nu am Ende des Romans auf einem Kanu über einen milchigen Ozean in eine weiße Wand, hinter der eine Gestalt eines Mannes, mit einer Hautfarbe von makellosem Weiß wie Schnee, vor ihnen auftaucht.

Die Black-Bismarck-previsited-Vorstellung von andcompany&Co will auf eine ganz andere Art als Brett Baileys „Exhibit B“ aufklären. Sie vermittelt nicht nur Wissen, sondern verarbeitet dieses auch in der Performance. Das ist sicherlich künstlerisch noch nicht im Detail ausgereift. Die Macher arbeiten ja noch daran. Aber das Ganze kann theatral und politisch auch als ein interessanter Beitrag zur momentanen Blackface-Debatte gesehen werden, weil hier der Brückenschlag aus der Geschichte ins postkoloniale Heute nachvollziehbar gelingt, auch ohne krasse Schockbilder. Das Publikum fühlt sich hier mitgenommen und nicht abgeschreckt, was leider auch noch oft genug, wie im Fall Baileys durch die wenig differenzierten und damit nicht besonders hilfreichen Anfeindungen der Bühnenwatch-Aktivisten verstärkt wird. Die fertige Produktion von „Black Bismarck“ soll 2013 im HAU gezeigt werden.

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We love Africa and Africa loves us – Ein postkolonialer Albtraum mit Institutet und Nya Rampen im Ballhaus Ost. Regie und Bühne: Marcus Öhrn

Wieder ganz anders gehen die skandinavischen Performer von Institutet und Nya Rampen um den schwedischen Künstler Marcus Öhrn mit dem Thema Postkolonialismus um. Obwohl auch Schweden eine koloniale Vergangenheit in Afrika und Amerika hat, die allerdings bereits im 19. Jahrhundert endete, zeigen sich die Performer in ihrer Produktion „We love Africa and Africa loves us“ davon eher unbelastet. Ihnen geht es auch mehr um den alltäglichen Rassismus, der sich hier wie selbstverständlich aus der eigenen Psyche entwickelt. Zu Beginn sitzen die vier Mitglieder der Familie Fritzl, die wir bereits 2010 am Ballhaus Ost im preisgekrönten „Conte d’Amour“ kennen gelernt haben, friedlich auf dem häuslichen Sofa in einer Pose, die Normalität heischen will. Aber der Keller hat seine tiefenpsychologischen Spuren hinterlassen. Zum Teil nervtötende Störgeräusche und pure Langeweile künden von den schlummernden Trieben. Die Performance spielt sich wieder in einem großen Kasten mit vorgelagertem Gartenzaun ab. Die Bilder aus dem Inneren werden auf die Vorderseite des Kastens übertragen. Mit viel Trockeneisnebel und düsterer Musik kündigt sich das kommende Geschehen an. Aus dem Keller entronnen, hat sich die Familie dem Oberhaupt mehr und mehr entfremdet, obwohl Daddy weiterhin versucht die Vormachtstellung zu behaupten. Es gelingt ihm aber nurmehr mittels der Erniedrigung seines Sohnes und einem vorgeschnallten Penis. Die Familie vom Jüngsten bis zum Familienvorstand macht hier wieder die verschieden Phasen der Freudschen Fixierungen durch. Anus privat, Phallus öffentlich. „Mein Körper gehört mir.“ versucht der Sohn sich zu positionieren. Es werden ungelöste Vater-Sohn-Konflikte, Macht- und Rollenspiele ausgelebt. Analphilosophisches wechselt sich mit sexistischem und schwulenfeindlichem Vokabular ab.

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Noch ist der Familie Fritzl fad. Die Performer Elmer Bäck, Anders Carlsson, Jakob Öhrman und Rasmus Slätis auf dem Familiensofa. © Markus Öhrn

Die Allmachtsphantasien der europäischen Kernfamilie wenden sich aber bald einem anderen Thema zu. Der „dunkle Kontinent“ regt die Phantasien des Vaters neu an und er verschwindet wieder im Keller. Familie Fritzl projiziert ihre eigenen ungelösten Konflikte auf eine neue, alte Ebene. Der hilfsbedürftige Afrikaner, reduziert auf Puppenkörperteile und exotische Masken, ist nun das Ziel. Dass das so nicht funktionieren kann, ist schnell klar. Der Vater ergeht sich in einem regelrechten Kunstblutrausch der wiedergefundenen Potenz, während die restliche Familie andächtig in Popsongs schwelgt. Die Nachahmungsversuche des Sohns enden wie oberhalb des Kellers wieder am dominanten Vater, der ihm sein Schwulsein vorwirft und mit den Worten: „Weist Du, was die mit Schwulen in Afrika machen?“ die Sache erledigt. Es wird hier ausgiebig das europäische Helfersyndrom vorgeführt, das sich in Form der Familie Fritzl in verzweifelten Ersatzhandlungen regelrecht pervertiert. Die schwere Musik dient hier einerseits der konkreten Untermalung, anderseits ist sie Mittel zur Kompensation der überbordenden Handlungen. Im abschließenden Song der schwedischen Kultband Broder Daniel „Happy People Never Fantasize“ wird die ausufernde Performance dann mental verarbeitet und wieder auf die trügerische Ebene vermeintlicher Normalität zurückgeführt. Schließlich winden sich die Figuren noch einmal in einem zeitlupenartigen Tempo in verzweifelten Posen, bis sich wieder alles zum Anfang hin zurücknivelliert hat. Was natürlich einerseits das Scheitern des Ausbruchsversuchs zeigt und andererseits aber auch das utopische Unvermögen der Kleinfamilie recht pessimistisch konstatiert.

Zugegeben, der erste Teil über dem Keller zerrt vielleicht etwas an den Nerven. Wer Conte d’Amour gesehen hat, musste sich hier wohl auch zwangsläufig etwas gelangweilt fühlen, bei all der Redundanz der zur Schau gestellten sexuellen Obsessionen und Machtspielchen. Die Entwicklung des einen aus dem anderen Stück heraus erschließt sich aber tatsächlich erst im zweiten Teil im Keller. Da haben aber einige Zuschauer bereits entnervt aufgegeben. Vielleicht haben sie aber auch die ästhetisch etwas ansprechenderen Bilder von Conte d’Amour vermisst. Das Thema war da auch einfach näher an uns dran. Die Performance hatte sogar, wenn es einem nicht all zu abartig vorkam, einen gewissen erlösenden Moment am Ende. Man konnte sich bedingt einfühlen. Es ist natürlich auch der voyeuristische, pornografische Blick jedes Einzelnen, der hier geprüft wird. Die Performer dekonstruieren aber vor allem das zwischenmenschliche Verhalten aus der Sicht der Sexualität heraus – Freud´sche Verhaltensmuster eben – und projizieren das auf die sogenannte Kernfamilie. Es bedarf dazu vielleicht nicht einmal Freud oder Fritzl, um das nachvollziehen zu können. Alles in allem gerät der zweite Teil im Keller etwas zu pathetisch. Man hat tatsächlich das Gefühl, hier sind den Performern nicht mehr genug Bilder eingefallen, für das, was sie eigentlich zeigen wollen und was sich auch, wenn man das Interview im Programmheft liest, ganz gut nachvollziehen lässt. Es wirkt aber zum Thema Afrika leider wie eine etwas verkrampfte Auftragsarbeit, die den Adressaten nicht ganz erreicht. Künstlerisch ist der Abend dennoch ein Erlebnis. Das perfekte Zusammenspiel der Masken und Körper mit dem Bühnenbild und der Musik fasziniert schon. Vor allem ist das Können der Performer einfach große Klasse. Man sieht schon, dass sie es ernst meinen und nicht nur sinnlos provozieren wollen.

Natürlich bleibt das alles weißes Theater für weißes Publikum. Es gibt kaum einen Beitrag, außer besagtem von Brett Bailey, der direkt aus Afrika kommt und somit auch ein schwarzes Publikum ansprechen würde. Das dieses Publikum sich unterrepräsentiert und falsch dargestellt fühlt, obwohl bekannt ist, dass auch in Europa die Zahl der schwarzen Bürger nicht nur aufgrund der kolonialen Geschichte wächst, bleibt ein Problem des etablierten, vorherrschend weißen Theaters in Europa. Nun ist Kolonialismus, abgesehen von der Sklaverei, kein rein afrikanisches Phänomen. Asien und Amerika sind genauso betroffen. Die Festivalleitung muss sich aber dennoch vorwerfen lassen, wenn sie Kolonialismus als Thema setzt und vorher behauptet, Europa ist nicht mehr genug, dass schwarze Positionen hier einfach fehlen. Da besteht dann leider auch die Gefahr, dass das Ganze eher zu einer weißen Nabelschau wird.

„Wenn ich mich mit anderen Gegenständen und Betrachtungen befassen will, dann muß ich mindestens darauf achten, daß ich dabei keinem anderen auf dem Rücken sitze.“
Henry David Thoreau (12.07.1817 – 06.051862) in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“, deutsch von Walter E. Richartz, Zürich 2004

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foreign-affairs_mobile-house.jpg Foto: St. B.

Marino Formentis 24-Stunden-Klavierperformance „nowhere“ fand vom 28.09. bis  20.10.12 in Kyohei Sakaguchis „Mobile House“ vor dem Haus der Berliner Festspiele statt. Wer wollte, konnte sich nach dem thematisch zum Teil schweren Programm hier wieder erden lassen.

Das Programm von „Foreign Affairs läuft noch bis zum 26.10.2012.

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