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Zwischen Tragik und Komik, Quatsch und Langeweile – Zweimal Tschechows IWANOW in Wien und München

Dienstag, Juni 14th, 2016

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Iwanow_Volkstheater Wien

(c) Volkstheater Wien

Anton Tschechows Stück Iwanow stellt die typische Frage des Theaters nach Komödie oder Tragödie des Lebens. Der Autor konnte sich damals irgendwie selbst nicht recht entscheiden und hat seinen ersten Komödienentwurf, dessen Uraufführung 1887 eher floppte, zwei Jahre später zur Tragödie umgeschrieben. Wie die Episode um den tief melancholischen, depressiv die eigene Nutzlosigkeit beklagenden Mitdreißigers Nikolai Alexejewitsch lwanow, der alles um sich her mit einem Mehltau aus Misslaunigkeit und Langeweile überzieht, zu deuten ist, daran scheiden sich auch heute noch die Geister, sprich Regisseure. An der Volksbühne hatte 2005 Dimiter Gotscheff die Ödnis der müßigen Tschechow-Figuren im ländlichen Russland auf leerem Bühnenrund in viel Nebel aufgehen lassen.

Zum anschaulichen Vergleich bieten sich nun zwei relativ neue Interpretationen an. Zum einen die Inszenierung des vielgelobten ungarischen Regisseurs Victor Bodo am Volkstheater Wien und zum anderen die des Intendanten des Münchner Residenztheaters Martin Kušej:

Die Grundstimmung und szenische Atmosphäre ist in beiden Fällen zumindest sehr ähnlich. Dazu kommt, dass man sich im Bühnenbild für das etwas heruntergekommene Heim des Gutsbesitzers Iwanow und das wesentlich luxuriösere der Lebedews, wo Iwanow, die Leere seines Alltags fliehend, die Abende verbringt, in beiden Inszenierungen mit leicht abgewandelten Kopien ein und desselben Raums bedient. Während im Wiener Volkstheater immer wieder leicht umdekoriert wird, bewegt sich im Münchner Residenztheater einfach die Drehbühne weiter.

Leer ist die Bühne also keineswegs. In Wien ist sie ein Raum mit sich auflösendem Fischgrätparkett, einer Reihe Sesseln und Nebenräumen mit Veranda, Bad und Küchenzeile, die in den Lebedew-Akten mit einem Regal voll Gläsern der legendären Konfitüre der geizigen Hausherrin ergänzt wird. In München sitzt man auf lose gestellten Stühlen, die bei Iwanow dick mit Staub überzogen sind. Hier kauert er bei schwerer Lektüre und will nicht gestört werden. Martin Kušej hat ihm als Prolog ein paar existentielle Gedanken des düsteren Philosophen Søren Kierkegaard in den Mund gelegt. „Wer bin ich? Wie bin ich in die Welt hineingekommen…“ Er kann sich für seine Klagen allerdings an keinen „Verhandlungsleiter“ wenden und muss sich mit dem vorhandenen Personal zufrieden geben.

 

Iwanow im Residenztheater München - Foto (c) Matthias Horn

Iwanow im Residenztheater München – Foto (c) Matthias Horn

 

Thomas Loibl gibt den Münchner Iwanow als personifiziertes Fragezeichen mit hängenden Schultern, immer schon kurz vorm Äußersten, zu dem es aber erst am bitteren Ende kommt, dass Kušej auch bis zum nämlichen mit Duellfarce und anschließendem Selbstmord Iwanows ausspielt. „Iwanow ist erschöpft, er begreift sich selbst nicht, aber das Leben geht das nichts an.“ schrieb Tschechow in einem Brief an seinen Verleger. Man hält ihn für einen Schuft und Betrüger, der seine an Typhus erkrankte Frau Anna sterben lässt, die für ihn den Glauben und Namen gewechselt hat und dafür von den jüdischen Eltern enterbt wurde. Iwanow plagen Schulden und Schuldgefühle, aber er kann sich weder zu Anna bekennen, noch glaubt er an die „tätige Liebe“ Saschas. Nadine Quittner und Genija Rykova überbieten sich in der Rolle der Tochter der Lebedews an jugendlicher Naivität.

Iwanow fühlt sich unverstanden, von den Leuten verleumdet und den Alltagssorgen aufgefressen. Das ist das ganze Dilemma des „nutzlosen Menschen“, dass sich nun in beiden Inszenierungen über drei Stunden hinwälzt ohne tatsächlichen Erkenntnisgewinn. Gibt sich Victor Bodo in Wien noch ein wenig Mühe, das Publikum mit Livemusik, ein paar Gags und feucht fröhlichen Slapsticks bei Laune und der Stange zu halten, so sackt das Tempo des Münchner Iwanows schon zu Beginn erschreckend gegen Null. Krönung ist die wie eingefroren auf ihre Spielkarten schauende Gesellschaft bei den Lebedews. Heute würde man sie wohl Smartphone-Zombies nennen. Sie brabbeln nur hin und wieder leise von Langeweile und ernten dafür vom Publikum entsprechende Unmutsbekundungen.

 

Iwanow - Foto © www.lupispuma.com / Volkstheater

IwanowFoto © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Einzig Oliver Nägele als stämmiger Lebedjew kann in München noch ein paar wortgewaltige Akzente setzen. Und Spaßkanone Mischa Borkin (gleichermaßen ranschmeißerisch Thomas Frank in Wien wie Marcel Heuperman in München) sorgt für etwas Auflockerung. Ein kurzes Tänzchen in Wien steht gegen ein Totalbesäufnis in München. Nach der Entdeckung der Liebelei Iwanows mit Sascha durch seine ihm zu den Lebedews nachgefahrene Frau folgt die Pause, nach der sich in beiden Theatern die Sitzreihen etwas lichten.

Verpassen würde man in München nicht mehr viel – und in Wien immerhin ein versoffenes Dreigestirn (Günter Franzmeier als Lebedew, Stefan Suske als Graf Schabelskij und Thomas Frank als Borkin), das sich an Wodka-Mix und Kochrezepten berauscht. Der moralisch überkorrekte Arzt Lwow (Gábor Biedermann in Wien und Till Firit in München) stellt Iwanow wegen dessen Frau zur Rede, und der sichtlich Genervte eröffnet wiederrum Anna, dass sie bald sterben wird. In der Rolle der Kranken überzeugt vor allem die von der Wiener Burg ans Volkstheater gewechselte Stefanie Reinsperger, die noch als gespenstische Heimsuchung auf Iwanows verpatzter Hochzeit mit Sascha auftaucht, während in München sich Sophie von Kessel mit tief dunklem Kajal durchs Stück hüstelt.

Höhepunkt ist in Wien wie in München der berühmte Monolog des depressionsgeschüttelten Iwanow, in dem er über sich selbst Gericht hält. Dabei steigt ein zitternder Jan Thümer in Wien aus der Eiswanne, reißt das Parkett aus dem Boden und kotzt sein Leben buchstäblich aus, während Thomas Loibl in München nur in Selbstmittleid auf dem Stuhl zerfließt. Der Rest ist hier wie dort konventionelles, zuweilen etwas rührseliges Konversationstheater. Lediglich Victor Bodo kann stellenweise mit ein paar interessanten Bildern überzeugen und stellt die Komik gleichberechtigt neben die Tragik des Iwanows. Martin Kušej scheint dagegen jegliche Idee, was die Haltung zum Stück und seinem Titelhelden betrifft, abhandengekommen zu sein.

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IWANOW (Volkstheater Wien, 30.05.2016)
Regie: Victor Bodo
Bühne: Lőrinc Boros
Kostüme: Fruzsina Nagy
Musik: Klaus von Heydenaber
Sound- und Tondesign: Gábor Keresztes
Licht: Tamás Bányai
Dramaturgie Angela Heide, Anna Veress
Mit: Gábor Biedermann (Jewgenij Konstantinowitsch Lwow), Thomas Frank (Michail Michajlowitsch Borkin), Günter Franzmeier (Pawel Kirillytsch Lebedew), Steffi Krautz (Sinaida Sawischna), Nadine Quittner (Sascha), Stefanie Reinsperger (Anna Petrowna), Claudia Sabitzer (Marfa Jegorowna Babakina), Martina Spitzer (Awdotja Nasarowna), Stefan Suske (Matwej Semjonitsch Schabelskij), Jan Thümer (Nikolaj Alexejewitsch Iwanow), Luka Vlatkovic (Jegoruschka), Günther Wiederschwinger (Dmitrij Nikitsch Kossych), Klaus von Heydenaber (Musiker) und Loukia Loulaki/Maria Probst (Musikerinnen)
Premiere im Volkstheater Wien war am 18. März 2016
Weitere Termine: 15., 23. 6. 2016

Infos: http://www.volkstheater.at

IWANOW (Residenztheater München, 08.06.2016)
Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede
Licht: Tobias Löffler
Dramaturgie: Götz Leineweber
Mit: Thomas Loibl (Nikolai Alexejewitsch lwanow), Sophie von Kessel (Anna Petrowna), René Dumont Matwej (Semjonowitsch Schabjelski), Oliver Nägele (Pawel Kiriljitsch Lebedjew), Juliane Köhler (Sinaida Sawischna), Genija Rykova (Sascha), Till Firit (Jewgeni Konstantinowitsch Lwow), Hanna Scheibe (Marfa Jegorowna Babakina), Paul Wolff-Plottegg (Dmitri Nikititsch Kosich), Marcel Heuperman (Michail Michailowitsch Borkin), Ulrike Willenbacher (Awdotja Nasarowna), Arnulf Schumache (Jegoruschka), Alfred Kleinheinz (Gawrila/Piotr), Max Koch (Erster Gast), Jeff Wilbusch (Dritter Gast) und Pauline Fusban (Erstes Fräulein)
Premiere war am 4. Juni 2016
Weitere Termine: 21., 30. 6. / 5., 16., 20. 7. 2016

Infos: http://www.residenztheater.de

Zuerst erschienen am 13.06.2016 auf Kultura-Extra.

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