Archive for the ‘Matthias Hartmann’ Category

„Der Spieler“ in München und „Der Idiot“ in Dresden – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Adaptionen von Dostojewski-Romanen

Mittwoch, April 6th, 2016

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Christopher Rüping inszeniert an den Münchner Kammerspielen unter neuer Intendanz eine verspielte Adaption des Romans Der Spieler

Die Überraschung war groß, als im September 2013 bekannt wurde, dass Matthias Lilienthal, der ehemalige Leiter des Berliner Hebbel am Ufer, die Nachfolge von Johan Simons als Intendant der Münchner Kammerspiele antreten würde. Lilienthal steht programmatisch eher für interdisziplinäre Kunst und ein genreübergreifendes Theater. Und obwohl er versprach, dass drei Viertel des Programms ganz normales Ensemble- und Repertoiretheater sei, werden nun auch Musik, Architektur, bildende Kunst und Performance im Traditionshaus an der schicken Shoppingmeile Maximilianstraße Einzug halten. Neben den an deutschsprachigen Stadttheatern bereits gut bekannten Regisseuren wie Nicolas Stemann, Stefan Pucher, David Marton oder Simon Stone werden weitere internationale Künstler wie Rabih Mroué, Philippe Quesne und Boris Nikitin sowie freie Theaterkollektive wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop an den Kammerspielen arbeiten.

 

Dostojewski in der Kammer 1 - Foto: St. B.

Dostojewski in der Kammer 1 – Foto: St. B.

 

Ein weiterer Neuzugang als junger Hausregisseur ist Christopher Rüping, der bereits mit seiner Stuttgarter Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest zum letzten Theatertreffen eingeladen wurde und u.a. auch für das Deutsche Theater Berlin inszeniert. Das hoffnungsvolle Regietalent hat sich mit einer Adaption des Romans Der Spieler von Fjodor Dostojewski gleich einen Brocken Weltliteratur als Einstand ausgesucht. Wobei Der Spieler mit seinen nur etwas über 200 Seiten eher als Leichtgewicht unter den immer wieder gern für die Bühne adaptierten Werken des russischen Schriftstellers zählt. Auch Frank Castorf hat ihn schon an der Volksbühne inszeniert. Dostojewski – selbst an permanenter Geldnot leidend – diktierte die Story um eine illustre Gesellschaft, die im fiktiven Ort Roulettenburg ihrer Spielsucht frönt, innerhalb von nur einem Monat seiner Frau, um wegen der Schulden gegenüber seinem Verleger nicht die Rechte an seinen Romanen zu verlieren. Die Geschichte des jungen Aleksej, Hauslehrer im Dienste des Generals Sagorjanski, der in seiner Liebe zu dessen Stieftochter Polina der Spielsucht verfällt, trägt auch autobiografische Züge.

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Passend zum Thema geht Christopher Rüping seine Inszenierung, die am 17. Dezember 2015 Premiere hatte, auch ganz spielerisch an. Als Art Katalysatoren dienen ihm dabei die beiden jüngeren Kinder des Generals Mischa und Nadja, die verdoppelt in der Gestalt der 9-12-jährigen Kinder Kaspar Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen und Marlene Witzigmann zu Anfang im Bühnenbild aus lauter aufgestapelten Umzugskisten auftreten, dem Souffleur Joachim Wörmsdorf (der nebenbei noch einen eher wortlosen Mr. Astley gibt) das Textbuch wegnehmen und eben wie im Spiel die ersten Seiten des Romans mit der Vorstellung aller handelnden Personen bei einer Gesellschaft im Haus des Generals szenisch lesend performen. Zu launiger Klaviermusik arbeiten sie sich besonders schön an der recht bildlichen Darstellung der Charaktere ab und stupsen nach und nach die noch etwas lethargisch wirkenden SchauspielerInnen des Ensembles in ihre Rollen.

Es hat durchaus seinen Witz, das Spiel hier buchstäblich wörtlich zu nehmen, was sich dann auch in den weiteren Romanszenen fortsetzt, die Christopher Rüping recht chronologisch abhandelt. Hie und da läuft dem jungen Regisseur sein performativer Grundgedanke, das Ganze wie eine improvisierte Stellprobe aussehen zu lassen, in der jeder noch nach der Haltung zu seiner Figur sucht, aber etwas aus dem Ruder. Der hochverschuldete General (Gundars Āboliņš) tritt irgendwann als tapsiger russischer Bär auf, der den alle finanziell in der Hand habenden Franzosen Marquis de Grieux ständig angrunzt. Niels Bormann spielt ihn näselnd im Rokokokostüm mit Perücke. Mademoiselle Blanche, die Geliebte des Generals, ist bei Ivana Uhlířová eine rätselhafte Frau mit Vergangenheit, die ihre Kostüme wie die Namen wechselt. Halbwegs normal wirkt da noch die Polina der Anna Drexler, die sich allerdings mit Thomas Schmauser, dem Darsteller der Hauptfigur Alexej, ein paar schöne dann auch wieder recht eigenwillige Rededuelle liefert. Mit diesen beiden steht und fällt die gesamte Inszenierung.

 

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen - Foto (C) David Baltzer

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen
Foto (C) David Baltzer

 

Einerseits macht Rüping im intensiven Zusammenspiel von Polina und Alexej sehr schön die zerstörerischen Wechselwirkungen des Spiels um Geld und/oder Liebe deutlich, andererseits übertreibt es der Regisseur auch ein wenig, wenn Schmauser immer wieder aus der Inszenierung aussteigt und auch noch mit Pieps-Stimme die plötzlich in Roulettenburg auftauchende Tante des Generals spielen muss. Die Babuschka, an deren Rockzipfel die Kinder hängen, haut nun das Erbe, auf das die ganze Blase eigentlich wartet, bei einem Kasinobesuch auf den Kopf, während die anderen hilflos über die gesamte Pause in Schaukelseilen hängend dem finanziellen Crash zusehen müssen. Zero, nichts geht mehr. Das Spiel im Spiel ufert nun in wildem Tanz, Schlagen mit Schaumstoffschlangen sowie ständigem Umstapeln und Einstürzenlassen der Kisten aus. Der Einsatz von Mikrofonen, das Projizieren von Live-Videos auf die Kisten und laute Sounds vom Band verstärken noch die etwas zu infantil geratene Dekonstruktion, ohne wirklich den Spielzwang als Ausbruchsversuch zu erklären.

Ein bisschen Ernüchterung ob all des Spaßes am Spiel macht sich dann auch gegen Ende des gut dreistündigen Abends breit. Die Hinterbühne öffnet sich, und die Figuren, nun in Paris angekommen, irrlichtern verloren in den Kulissen herum. Niels Bormanns erzählt in aller Ruhe Alexej das Ende der Geschichte und dass Polina nun bei Mr. Astley in der Schweiz sei, ihn aber gerne noch einmal wiedersehen würde. Allein Schmausers Alexej hat sich nun vollends seiner Sucht ergeben und findet wie ein völlig überdrehtes aber erschöpftes Kind nicht mehr raus aus dem Spielmodus. Wie zu Beginn wieder an der Rampe stehend deklamieren die Kinder: „Das sind alles nur Worte und wieder Worte, und hier sind Taten nötig!“ Rüpings assoziatives Spiel-Experiment zeigt sich da selbst etwas ratlos.

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Der Spieler (Kammer 1, 30.12.2015)
von Fjodor Dostojewski
in der Übersetzung von Swetlana Geier
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Video: Bert Zander, Licht: Christian Schweig, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg
Mit: Gundars Āboliņš, Niels Bormann, Anna Drexler, Thomas Schmauser, Ivana Uhlířová, Kaspar Huber, Nikolai Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen, Marlene Witzigmann, Joachim Wörmsdorf

Premiere an den Münchner Kammerspielen war am 17.12.2015
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Termine: 14.05.2016

Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 07.01.2015 auf Kultura-Extra.


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Der Idiot – Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann lässt am Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman nacherzählen

Auch Der Idiot hat wie schon der zwei Jahre zuvor entstandene Roman Der Spieler autobiografische Bezüge. Fjodor Dostojewski litt wie seine Hauptfigur, Fürst Myschkin, an Epilepsie. Die Anfälle verursachten bei ihm tagelange Dämmerzustände und Depressionen. Die Augenblicke kurz davor empfand Dostojewski allerdings als „solches Glück, wie es in gewöhnlichem Zustand nicht möglich ist…“. „Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses Gefühl ist so stark und so süß, dass man für einige Sekunden dieser Seligkeit, zehn Jahre seines Lebens, ja, meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.“ Über solche „Lichtblitze“, oder „Augenblicke höheren Bewusstseins“ berichtet auch Lew Nikolajewitsch Myschkin. Er betrachtet diese Empfindungen aber auch ganz nüchtern als eine „Unterbrechung des normalen Zustandes, eben als seine Krankheit“.

 

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

 

Dostojewski hat mit dem jungen Fürsten Myschkin, der nach einem längeren Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium nach St. Petersburg zurückkehrt, eine große idealistische Außenseitergestalt geschaffen, einen „vollkommen guten und schönen Menschen“, der von den anderen nur als unschuldiger „armer Ritter“, oder auch „Christus-Narr“ bezeichnet wird. Und dennoch verfallen alle seiner grundehrlichen, einnehmenden Art und beginnen völlig irrational gegen ihren eigenen Vorteil zu handeln. So wie im Spieler der Protagonist Aleksej Iwanowitsch das Geld als Voraussetzung für das Glück in der Liebe ansieht und damit der Spielsucht verfällt, sind die Figuren im Roman Der Idiot bereit für die Leidenschaft ihren Reichtum bedingungslos hinzugeben. Aber auch sonst gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen den Personen beider Romane. Hier wie da geht es um Geld oder Liebe.

Und natürlich endet auch Der Idiot tragisch. Einerseits steht Myschkin zwischen zwei Frauen, der Geliebten des Großgrundbesitzer Totzkij, Nastassja Filippowna Baraschkowa, und der Generalstochter Aglaja Iwanowna Jepantschina, anderseits bilden der Fürst und der Kaufmann Rogoschin eine weitere verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit Nastassja. Myschkin will die als junges Mädchen von Totzkij missbrauchte Nastassja aus Mitleid heiraten, was diese allerdings in letzter Minute ablehnt und später vom eifersüchtigen Rogoschin erstochen wird. Daraufhin verfällt Myschkin wieder in seinen alten Krankheitszustand und kehrt ins Schweizer Sanatorium zurück.

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Legendär ist sicher die knapp sechsstündige Adaption von Frank Castorf im Neustadt-Bühnenbild von Bert Neumann an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke in der Hauptrolle. Ganz so wild treibt es Matthias Hartmann in seiner ersten Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden nach dem schmählichen Rauswurf am Burgtheater Wien, dessen juristische Folgen für ihn immer noch nicht gänzlich absehbar sind, nicht. Ist dadurch Hartmanns Ansehen als Intendant mit Sicherheit etwas ramponiert, so hat er sich zumindest seinen doch teils ironisch boulevardesken Regiestil bewahrt. Und noch etwas Bewährtes hat der Ex-Burgdirektor mitgebracht. Johannes Schütz recycelt sein Türen-Bühnenbild aus Hartmanns Wiener Inszenierung von Schillers Der Parasit. Diesmal sogar mit herausziehbaren Wänden. Und ganz im Stile seiner Krieg und Frieden-Stückentwicklung am Kasino Wien lässt der Regisseur auch in Dresden das Ensemble an die Rampe treten und alle tragenden Rollen erzählender Weise vorstellen.

Doch zunächst hat der junge Dresdner Schauspieler André Kaczmarczyk in einer Art Prolog seinen großen Auftritt als Fürst Myschkin mit besagten Lichtblitzen, Störgeräuschen und einem Monolog über die höchste Harmonie und Schönheit gegen die Störung des Normalzustands durch die Krankheit. Im ersten Teil des Abends entwickelt sich nun Stück für Stück und Szene für Szene die Handlung von der Ankunft des Fürsten im Zug, der Begegnung mit Rokoschin (auftrumpfend Christian Erdmann) und dem Beamten Lebedjew (fast hündisch auf Knien rutschend Philipp Lux) über den Antrittsbesuch im Haus des Generals Jepanschin (Holger Hübner) und der Vorstellung bei Gattin (mit viel trockenem Humor Rosa Enskat) und Töchtern (Lieke Hoppe als Aglaja und Cathleen Baumann im Kopftuchwechsel die beiden anderen) bis hin zur bildhaften Erscheinung von Nastassja (Yohanna Schwertfeger), die von Totzkij (Rainer Philippi) mit Ganja Iwolgin (Kilian Land) mitgiftschwer verkuppelt werden soll. Das ist viel Stoff und daher braucht das Publikum auch eine erste Pause.

 

Der Idiot - Foto (c) Matthias Horn

Der Idiot Foto (c) Matthias Horn

 

Bis ist hierher das höchst lebendig gestaltet, nebst Nebel, Geräuschen und Myschkins wundersamen Geschichten über ein schwindsüchtigen Mädchen in der Schweiz, Hinrichtungen mit der Guillotine in Frankreich und die Mysterien der menschlichen Seele. Der naive, gute „Fürst Christus“ presst sein Bündelchen an sich und wagt seine ersten erstaunten Schritte in der St. Petersburger Gesellschaft, die entweder von ihm fasziniert ist, ihn nicht ganz ernst nimmt, oder für erste kleine Intrigen einspannen will. Hartmann versucht dabei etwas zu sehr die Komödie aus dem schweren Stoff zu kitzeln. Ein paar schöne Szenen mit Gesang hathier vor allem Rosa Enskat als Generalin Jepanschina. Allerdings schafft das auch nicht viel mehr als eine leicht ironisch aufgelockerte Atmosphäre.

Der zweite Teil beginnt bei der Familie Gawrila (Ganja) Iwolgins mit dessen besoffenen Vater (Jan Maak), lässt sich noch mit großem Video-Kaminfeuer etwas länger bei der Geburtstagparty von Nastassja aus mit der Versuchung Ganjas, sich für die 100.000 Rubel Rogoschins die Finger zu verbrennen. Der Rest bis zur zweiten Pause wird nur kurz erzählt, einer der Nachteile dieser Art zu inszenieren. Es folgen kurze Gesprächs- und Briefszenen auf dem Landgut zwischen Rogoschin, dem Fürsten, Aglaja und Nastassja. Der Spannungsbogen steigert sich zum Ende hin vor dem Zusammenbruch noch einmal in ein fast mystisch dunkles Spiel vom Leiden und einer unter Schleiern aufgebarten Braut Nastassja. Herausfahrende Wände verdeutlichen immer wieder die Isolation der Figuren und Myschkin ist am Ende wieder der Ausgestoßene, ganz in seiner Krankheit Gefangene.

Die geistige Spannung des Anfangs lässt sich über den zweiten und dritten Teil des Abends nicht ganz halten. Um eine echte philosophische oder höhere, transzendente Problematik scheint es Matthias Hartman in seiner kollektiven Nacherzählung des Romans nicht zu gehen. Er hält sich im Großen und Ganzen an die eher einfach zu fassenden Dinge, wie die Verwirrnisse aus Geldangelegenheiten und Liebesgeflechten, die sich bei Dostojewski zwischen den einzelnen Figuren entspinnen. Hartmann hat den weitläufigen Personenkreis auf die zentralen Gestalten hin ausgedünnt. Der ideologische Gegenpart Myschkins, Ippolit Terentjew, fehlt gar völlig. Überfordert wird hier sicher niemand. Man kann sich also ganz auf die recht unterhaltsame Erzähldramaturgie einlassen, ohne Angst haben zu müssen, den Faden zu verlieren. Was das Ganze allerdings auch ein wenig zu einfach und gefällig macht.

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Der Idiot (25.03.2016, Staatsschauspiel Dresden)
nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewskij
Bühnenfassung auf der Basis der Übersetzung von Swetlana Geier von Matthias Hartmann, Janine Ortiz und dem Ensemble
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Johannes Schütz, Kostüm: Tina Kloempken, Musik: Parviz Mir-Ali, Video: Moritz Grewenig, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Janine Ortiz, Dramaturgische Mitarbeit: Nora Otte
Mit: André Kaczmarczyk, Christian Erdmann, Yohanna Schwertfeger, Holger Hübner, Rosa Enskat, Cathleen Baumann, Lieke Hoppe, Jan Maak, Kilian Land, Rainer Philippi, Philipp Lux.
Dauer: 4 Stunden, zwei Pausen
Premiere war 16.01.2016 im Schauspielhaus
Termine: 08., 13. und 26.04. / 05. und 16.05. / 04.06.2016

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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Die letzten Zeugen – Ein Projekt des Burgtheaters Wien von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann beim 51. Theatertreffen 2014

Freitag, Mai 16th, 2014

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Die Wirklichkeit bricht ins Theater ein. Wahrer konnten die Worte Alexander Kluges zur Eröffnung des Theatertreffens nicht mehr werden, als mit der Einladung des Projekts Die letzten Zeugen vom Burgtheater Wien. Der österreichische Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici und der deutsche Regisseur und ehemalige Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann hatten 2013 anlässlich des 75. Jahrestages des Novemberpogroms in Wien 1938 sieben Zeitzeugen ausgesucht, um deren Geschichte auf die Bühne zu bringen. Die Texte, in einer Lesung von den Burgtheaterschauspielern Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knaack und Daniel Sträßer vorgetragen, basieren zum größten Teil auf bereits erschienen Büchern der Zeitzeugen. Ergänzt wurden die Aufführungen durch anschließende Podiumsdiskussionen. In Wien fand das Projekt bisher sehr großen Zuspruch, die 12 Vorstellungen waren alle ausverkauft.

Die letzten Zeugen - von l. o. nach r. u. Doron Rabinovici, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Ari Rath, Lucia Heilman, Matthias Hartmann, Vilma Neuwirth und Rudolf Gelbard

Die letzten Zeugen – von l. o. nach r. u. Doron Rabinovici (Organisiator), Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Ari Rath, Lucia Heilman, Matthias Hartmann (Regisseur), Vilma Neuwirth und Rudolf Gelbard – Fotos: St. B.

Nun sitzen sechs der Zeitzeugen, Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici (Mutter von Doron Rabinovici), Marko Feingold, Rudolf Gelbard und Ari Rath hinter einem großen Gazevorhang auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele. Ein Stuhl bleibt leer, ein buntes Tuch hängt über der Lehne. Die siebte, Ceija Stojka, ist bereits während der Vorbereitungen zum Projekt gestorben. Die Schriftstellerin stammte aus einer in Österreich sehr bekannten Roma-Künstlerfamilie, zu der u.a. auch der Jazzgitarrist Harri Stojka gehört. Alle hier Versammelten sind über 80 Jahre alt. Marko Feingold hat sogar schon die magische 100 überschritten. Er hat die Gräuel von vier Konzentrationslagern erlebt und war bei der Befreiung Buchenwalds dabei. Information ist Abwehr. Rudolf Gelbard spricht als Seismograf, der die Gefahr früher als die anderen wittere.

Die letzten Zeugen. Lucia Heilman © Reinhard Werner / Burgtheater

Die letzten Zeugen. Lucia Heilman
© Reinhard Werner / Burgtheater

Es ist den Zeugen darum ein besonderes Bedürfnis, noch einmal in diesem Rahmen Zeugnis ablegen zu können, von ihrer Kindheit, dem Einbruch der Gewalt gegen die Juden in Österreich und ihrer Leidens- und Überlebensgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus. Es sind Geschichten von einer zunächst fast unbeschwerten Kindheit, in die plötzlich der Anschluss Österreichs an Nazideutschland dringt und alles verändert, was sie bisher kannten. Nachbarn werden zu Monstern in Uniform, Heil-Schreiern und Schlägern. Sie beschimpfen, demütigen und spucken ihren Opfern den Lohn für erzwungene Dienste vor die Füße. Alle Zeugen haben ähnliche Erfahrungen gemacht, ihre Angehörigen und Bekannte Straßen putzen oder dem Wahnsinn anheimfallen sehen. Die Juden Wiens verloren erst ihre Würde, dann Hab und Gut und schließlich auch noch ihre Wohnungen. Am Ende stehen für einige Emigration oder Versteck, für die meisten Deportation und Tod.

Die Schauspieler treten immer wieder im Wechsel ans Pult und lesen fast emotionslos diese schier unfassbaren Geschichten. Die Wirkung wird hier v.a. durch die dramaturgische Bearbeitung erzielt. Die einzelnen Berichte sind sehr geschickt zu einem dramatischen Ganzen verwoben. Das funktioniert inhaltlich wie künstlerisch über weite Strecken sehr gut. Das Projekt besticht dabei durch seinen sehr dezenten Einsatz von Theatermitteln. Das Licht ist die ganze Zeit im Saal abgedunkelt und nur auf der Bühne fokussiert. Die Videoprojektionen von persönlichen Fotos jener Zeit und Material aus dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands werden mit den Bildern der Zeugen in Close-ups immer wieder überschnitten. Es wird an einer langen Papierrolle geschrieben. Was wie eine endlose Thorarolle wirkt, könnte ein Verweis für die unendliche Geschichte sein, an der die Zeitzeugen als Chronisten mitgeschrieben haben und die nun als Lehre an die Zuschauer für die Zukunft übergeben wird.

Die Zeitzeugen bei der Preisverleihung, sitzend v. l. Ari Rath, Vilma Neuwirth, Rudolf Gelbard, Marko Feingold, Lucia Heilman und Suzanne-Lucienne Rabinovici

Die Zeitzeugen bei der Preisverleihung, sitzend v. l. Ari Rath, Vilma Neuwirth, Rudolf Gelbard, Marko Feingold, Lucia Heilman und Suzanne-Lucienne Rabinovici – Foto: St. B.

Nach gut zwei Stunden führen die Schauspieler die Zeugen einzeln nach vorn, und jeder von ihnen richtet noch mal eine persönliche Botschaft an das bisher andächtig stille Publikum. Die Worte gelten den Toten wie den Lebenden, sind Danksagungen an Helfer in Zeiten der Mörder und Ehrungen für die Mütter, die wie im Fall von Vilma Neuwirth mit ihrem couragierten Auftreten das Leid milderten, oder wie die Mutter von Suzanne-Lucienne Rabinovici, die ihrer in einem Sack versteckten Tochter bei der Räumung des Ghettos in Wilna das Leben rettete. Ceija Stojka ist mit einem Roma-Lied vom Band zu hören. Sie setzt auf die Wahrung der Tradition und ihre Enkel. Das Überleben sei ein Privileg, das verpflichtet, betont Rudolf Gelbard, der damals mit seinen Eltern nach Theresienstadt deportiert wurde. Er will das Sprachrohr der Toten sein, damit sie in der Erinnerung weiterleben. Er liest aus einem Brief von Simon Wiesenthal. Dafür gab es viel Beifall und am Ende Standing Ovations im Saal.

Für dieses Projekt ist der Inhalt wesentlich wichtiger als die Form. Was es dann schließlich rund macht, ist die anschließende Diskussion mit den Zeugen in drei verschiedenen Gesprächsrunden. Man erlebt dort kluge, witzige, politisch wache und engagierte Menschen, die ihre Erfahrungen gerne weitergeben. Umso peinlicher der Auftritt des geschassten Burgdirektors Michael Hartmann bei der Preisverleihung. Seine ersten Worte galten sich selbst, als er verkündete, dass es ihm „nach dem Horror der letzten Wochen“ jetzt so vorkomme, „als mache es Klick, und alles sei nur ein böser Traum gewesen“. Da zitiere ich gern noch einmal den israelischen Journalisten Ari Rath, der davon sprach, wie wenig Reue viele der Österreicher bis heute zeigen. „Die Gefahr ist noch nicht gebannt, wir müssen immer noch wachsam sein.“

Doron Rabinovici, Andreas Erdmann (Dramaturg), Yvonne Büdenhölzer (TT-Leitung), Matthias Hartmann (v. l.) bei der Preisverleihung - Foto: St. B.

Doron Rabinovici, Andreas Erdmann (Dramaturg), Yvonne Büdenhölzer (TT-Leitung), Matthias Hartmann (v. l.) bei der Preisverleihung – Foto: St. B.

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Die letzten Zeugen
Ein Projekt von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann
Burgtheater Wien, Premiere war am 20.10.2013

Einrichtung: Matthias Hartmann
Bühne: Volker Hintermeier
Kostüme: Lejla Ganic
Licht: Peter Bandl
Video: Moritz Grewenig, Anna Bertsch, Florian Gruber, Markus Lubej
Dramaturgie: Andreas Erdmann

Mit:
Lucia Heilman
Vilma Neuwirth
Suzanne-Lucienne Rabinovici
Marko Feingold
Rudolf Gelbard
Ari Rath
sowie
Mavie Hörbiger
Dörte Lyssewski
Peter Knaack
Daniel Sträßer

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Termine:

DI 13.05.2014
MI 14.05.2014
DO 15.05.2014
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne

SA 17.05.2014
Staatsschauspiel Dresden im Rahmen des Bürgertheaterfestivals

DO 05.06.2014
wieder am Burgtheater Wien

Dauer: 2 Stunden 15 Min., Pause, anschließend ca. 1 Stunde moderierte Podiumsdiskussionen

Infos: www.burgtheater.at

Zuerst erschienen am 15.05.2014 auf Kultura-Extra.

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„Krieg und Frieden“ nach Tolstoi und „mein faust“ ohne viel Worte – Sebastian Hartmanns letzte Spielzeit am Centraltheater Leipzig neigt sich bildgewaltig dem Ende zu.

Sonntag, Dezember 16th, 2012

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Seine Art zu inszenieren wird man in der westsächsischen Helden-Stadt und wohl auch im übrigen Theaterbetrieb der Republik noch lange einfach mit dem Label „Leipziger Handschrift“ abkürzen. Dabei hat Sebastian Hartmann dem Centraltheater Leipzig nicht nur einen neuen Namen und Regiestil geschenkt, sondern mit seinen ungewöhnlichen und freien Stückentwicklungen auch ein ganz neues Verständnis von Theaterkunst geschaffen, und damit Leipzigs Ruf als Avantgarde in der deutschsprachigen Theaterlandschaft nachhaltig geprägt. Er hat das Bild des kompromisslosen Künstlers, des Bohemiens unter den deutschen Stadttheaterintendanten, gegen eine ignorante Kulturpolitik verteidigt und sich nicht nur Freunde damit gemacht. Im letzten Jahr hat er nun endgültig das Handtuch geworfen. Zu tief waren die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern seines stark performativ assoziativen Bildertheaters aufgerissen und wurden Kürzungen im Etat zum unüberwindlichen Hindernis bei der Verwirklichung seiner für die Stadtväter doch etwas zu innovativ anmutenden Pläne. Zum Schluss lässt es Hartmann aber noch einmal richtig krachen. In Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen bringt er nichts geringeres als Lew Tolstois monumentalen, russischen Gesellschafts-Roman „Krieg und Frieden“ auf die Bühne. Premiere in Recklinghausen war im Mai diesen Jahres. Die Leipziger Premiere folgte nun im September.

„Krieg und Frieden“ in Wien und Leipzig.

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Fotos: St. B.

Nun ist Sebastian Hartmann beileibe nicht der erste, der sich diesem großen Geschichts- und Gesellschaftsbildnis Russlands zur Zeit der Napoleonischen Kriege von 1805 bis 1812 widmet. Auch der Hausherr der Wiener Burg Matthias Hartmann hat vor einem Jahr eine ca. 4-½-stündige Bühnenfassung für das Kasino des Burgtheaters vorgelegt. In einem als Experiment deklarierten, langwierigen Probenprozess wurde versucht 1.000 der ca. 1.600 Seiten des Romans szenisch umzusetzen. Ganze 14 Schauspieler, 2 Musiker, Videofilmer und eine Souffleuse bevölkern hier das Kasino, sitzen an einer langen Tafel, die als Setting für die St. Petersburger Salons, Paläste und Offizierskasinos gleichermaßen wie für diverse Schlachtfelder dient. Wie im Roman nimmt die Vorstellung der einzelnen, ausgewählten Charaktere aus den Häusern Bolkonskij und Besuchow sowie den zahlreichen Nebenfiguren eine gewisse Zeit in Anspruch und brachte bezüglich deren meandernder Entwicklung oder plötzlichem Verschwinden im Laufe der Erzählung einige mühsame Erklärungsversuche mit sich. Nach und nach entspinnt sich daraus aber doch noch ein zumindest unterhaltsamer Schauspielreigen um die lange Tafel mit viel Rauch, Stühlerücken, Videoeinspielungen, Duell- und sonstige Dialogszenen. Selbst Napoleon erscheint schemenhaft mit seiner typischen Silhouette im Trockeneisvernebelten Schlachtgetümmel. Matthias Hartmann lässt seine durchweg guten Schauspieler an der langen Leine und versucht mit schnellen Rollenwechseln und so manchem Slapstick die Spannung aufrecht zu erhalten. Irgendwann rennt ihm aber die Zeit davon und die Schauspieler müssen in einer Art angeklebtem Epilog, den es ja auch im Roman gibt, über ihr weiteres Schicksal berichten.

„Aber was immer wir auch tun mögen, wir können uns weder eine Vorstellung von vollständiger Freiheit noch von vollständiger Notwendigkeit machen.“ Lew Tolstoi, „Krieg und Frieden“

Das Szenenhafte zeichnet auch die Leipziger Adaption aus. Sebastian Hartmann legt hierbei aber weniger Wert auf die Erkennbarkeit der einzelnen Figuren des Romans, sondern löst immer wieder einzelne Episoden aus der komplexen Handlung heraus und lässt das Ensemble in wechselnden Rollen unkommentiert durch epische Einsprengsler relativ frei agieren. Ihm sind dabei die immer wiederkehrenden Überlegungen der Protagonisten bei ihrer Suche nach Glück, Gott und dem Sinn ihres Lebens wichtiger als die Wiedererkennung des einzelnen Charakters und das persönliche Schicksal der Personen. Trotzdem sind natürlich vordergründig die menschlichen Schicksale das bestimmende Element jeder Spielszene, nur das diese eben als Beispiel für das universelle Erleben von Leid und Fatalismus oder Liebe und Hoffnung stehen und somit auch direkt den Bogen aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart schlagen. Der Determinismus Tolstois aus der Verzweifelung an der Unvernunft der Menschheit als großes Panoptikum traumhafter Sequenzen, starker Chöre (angeleitet durch die Pollescherprobte Christine Groß) und solistischer Einlagen mit viel Komik, etwas Pathos sowie bildgewaltigem Spiel. Es fällt schwer jemanden aus dem großartigen Ensemble hervor zu heben. Die Bühnenmaschinerie, bestehend aus zwei horizontal übereinander stehenden Ebenen, die sich in alle Richtungen kippen lassen, stellen das wackelige Gefüge unserer Welt dar. Und darauf, zwischen Himmel und Erde, der kleine Mensch, immer in Gefahr, zwischen diesen beiden Polen zermalen zu werden.

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Krieg und Frieden [Szene]
© R.Arnold/Centraltheater

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, ewiger Frieden, oder kriegerische Auseinandersetzung. Der Leitspruch der Französischen Revolution kollidiert mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten genauso wie mit den individuellen Glücksansprüchen der Protagonisten, die zwischen Vernunft und Notwendigkeit oder Fatalismus und Gottvertrauen oszillieren. Hartmann findet dazu die passenden Bilder, die Zweifel und Verzweifelung am Leben, die Unabänderlichkeit dessen und die Angst des in sein Schicksal geworfenen Menschen ausdrücken sollen. Die Schlacht in Borodino als Albtraum, wie ihn der schwer verwundete Andrej Bolkonskij erlebt, einer Geburt eines nackten, schutzbedürftigen Wesens, das sich schließlich zum personifizierten Schrecken manifestiert. Die groteske Ansprache Napoleons, in der Figur der großartigen kleinwüchsigen Darstellerin Jana Zöll, ist so ein starkes Bild. Ansonsten gibt es bei Hartmann natürlich auch jede Menge Klamauk, mit er die Schwere des Stoffes kontert und die verzweifelte Sinnsuche des Pierre Besuchow als Klamotte darstellt, zwischen zwei von Frauen dargestellten trinkenden Russen, die über Religion und Freimaurertum philosophieren. Auch gibt es einen deutlichen Bruch im Verlauf des dreigeteilten, 6-stündigen Abends, weg von den klaren, verständlicheren Spielszenen und Aussagen der Protagonisten hin zu einem freieren, verschlüsselten Assoziieren, was in einer der typischen Hartmann-Clownerien mit Ballerina und Narr mit überdimensionaler Narrenkappe kulminiert, die auch vor Kalauern nicht halt macht. Diese Risslinie wird mit dem Wechsel der Kostümfarbe von weiß auf schwarz gezogen und signalisiert so zusätzlich bildhaft den Determinismus Tolstois bei der Darstellung seiner Romanfiguren.

„Sobald man annimmt, das Leben der Menschheit könne durch Vernunft gelenkt und geleitet werden, macht man das Leben als solches unmöglich.“ Lew Tolstoi, „Krieg und Frieden“, Epilog

Und natürlich steht, anknüpfend an Hartmanns bisherigen Inszenierungen, auch immer der Künstler in der Welt, die er sich mit seinen Mitteln zu erklären versucht, im Mittelpunkt. „Ich, Kunst, Gott (бог)“ sind die Koordinaten des Hartmann’schen Bühnenkosmos. Über die mit Leuchten bestückte obere Ebene laufen diese Schlagworte im dritten Teil als Lichtbänder immer wieder ab und geben den Figuren ihre Richtung. Getrieben von der pulsierenden Musik der Band „Aparat“ entfachen die Darsteller ein Feuerwerk der Assoziation, das als gewaltiger Bilderrausch der Sinne in ein Video vom bildenden Künstler Tilo Baumgärtel mündet, mittels dessen sich das Ensemble förmlich vom Boden löst und in die Weite des Raumes zu fliegen scheint. Nicht ohne vorher, wie schon öfter bei Hartmann, das Publikum direkt mit einzubeziehen. Das Ensemble löst sich aus seinen Rollen und versucht im Parkett die Diskussion über vollständige Freiheit oder zwanghafte Notwendigkeit zu führen. Wenn man nun diese an Bildern und performativem Spiel reiche Version/Vision Sebastian Hartmanns mit der seines Namensvetters aus Wien vergleichen will, so ist wohl Matthias Hartmanns Versuch eine Mischung aus erzählendem und darstellendem Theater, der mit einem ebenso spielfreudigen Ensemble auch den Zauber des Roman abbilden kann. Letztendlich kommt Matthias Hartmann aber nicht über eine Nachbildung des Geschehens hinaus und verzettelt sich im Detail. Während Sebastian Hartmann mit seiner universalen Herangehensweise in den Kern der Geschichte vordringt und die Wurzeln des Tolstoi’schen Denkens freilegen kann. Das sich wiederum auch um nichts anderes dreht, als die ewige Suche nach dem, was die Welt im Inneren zusammenhält.

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 Foto: St. B. centraltheater-leipzig_mein-faust.jpg

Womit wir natürlich gleich beim nächsten Streich Sebastian Hartmanns in Leipzig angekommen sind. Einer ganz speziellen Art sich des großen Lebensstoffes und -elixiers des führenden Dichters der Weimarer Klassik Johann Wolfgang Goethe zu nähern. „mein faust“ heißt dann auch das letzte Projekt des scheidenden Leipziger Intendanten. Obwohl kleingeschrieben, klingt das erst einmal ziemlich anmaßend. Schließt aber an die Versuche einer Vielzahl von Autoren, Dichtern und Theaterschaffenden an, die sich aus diesem allumfassenden Klassikermassiv ihre Brocken für eine ganz persönliche Selbstversicherung oder Gegenwartsverortung herausschlagen wollten. Bei Sebastian Hartmann wird das zu einer 2-½-stündigen Reminiszenz seiner immerhin 5 Spielzeiten währenden Leipziger Schaffensphase. Ein Rückblick in Bildern, der ohne Worte daherkommt und noch einmal alle Höhen und Tiefen dieser Zeit revuepassiveren lässt. Was bleibt, wenn die Sprache am Theater verstummt und der Künstler eines seiner wichtigsten Mittel beraubt um Ausdruck ringt? Der Stummfilm wusste sich mangels Sprache mit Zwischentiteln zu helfen. Alles Weitere war der körperlichen und mimischen Darstellungskraft der Performers überlassen. Das Verstummen der Körper; Hartmann nimmt dies als Ausgangspunkt seiner Inszenierung. So, seiner evolutionär erworben Fähigkeit des Sprechen beraubt, ist das Individuum wieder allein auf Zeichen und Gesten beschränkt.

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ludwig Wittgenstein (1889-1951), österreichischen Sprachphilosoph.

Den Philosophen der Aufklärung war die menschliche Fähigkeit der Sprache nicht nur das Unterscheidungsmerkmal zum Tier, sondern auch das Merkmal, das dem Körper erst die Seele gibt und den denkenden Geist von seiner reinen Körperlichkeit zu trennen vermag. Und der Abend beginnt dann auch mit einem nach Sprache ringendem Bild, bei dem sich zwei Darsteller im Bewusstsein des Verlustes dieser Fähigkeit an einer erlöschenden Fackel die Hände zu wärmen versuchen. Das Licht der Aufklärung verlischt schließlich und markiert so die Sprachlosigkeit in finsteren Zeiten. Sebastian Hartmann hat in seinen Inszenierungen stets Zweifel an der aufklärerischen Wirkung von Theater geäußert. So wird bei ihm der Mensch als selbständig denkendes, vernunftbegabtes Wesen in seinem Ringen um Wahrheit immer wieder auch als Narr personifiziert. Und letztendlich ist in Goethes Faust genau dieser Zwiespalt zwischen Geist und Körper das treibende Thema. Manuel Harder verweist darauf in einem verzweifelten Veitstanz, indem er immer wieder auf seinen Kopf und sein Geschlecht zeigt. Barocke Kostüme und Hochfrisuren hat Sebastian Hartmann bereits in verschieden Inszenierungen wie der Adaption von Thomas Manns „Zauberberg“ verwendet. Auch das ein Zeichen der Aufklärung, das er stets mit opulenten Bildern körperlicher Ausschweifung kombiniert.

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mein faust [Szene mit Heike Makatsch]
© R.Arnold/Centraltheater  

Aber auch die Verzweiflung des in die Welt geworfenen Menschen ist Thema dieser letzten Inszenierung. Immer wieder werden einzelne Darsteller auf die Bühne gestoßen, müssen sich präsentieren, werden in die Gruppe aufgenommen, wieder verstoßen oder gar verlacht. Auf sich zurückgeworfen sein bedeutet auch schutzlos und verletzbar zu sein. Mehrfach ziehen sich die Protagonisten aus (Cordelia Wege, Artemis Chalkidou), stehen nackt vor dem Publikum, erheischen Anerkennung oder suchen verzweifelt Liebe und Geborgenheit. In einem eindrücklichen Bild stechen sich Sina Martens und Ingolf-Müller-Beck als Paar immer wieder gegenseitig ein Theatermesser in den Leib. Wie in „Krieg und Frieden“ gibt es hier ebenfalls keine genauen Rollenzuschreibungen. Verlangen, Sex, Geburt, Tod kennzeichnen die Abläufe des menschlichen Daseins und bestimmen die Handlungen der Akteure. Auf klare Bezüge zur Fausthandlung wird weitestgehend verzichtet. Alles basiert wieder auf einer rein assoziativen Wahrnehmung. Hartmann stellt die Konstellation Faust-Mephisto-Gretchen ironisch in einem Spiel übergroßer Kasperle-Puppen dar. Der Autor Goethe wird symbolisch in Form eines großen Pappkopfs beerdigt, auch wenn einzelne Darsteller immer wieder versuchen in ihm Schutz zu suchen.

Musikalisch begleitet wird das Ganze an Klavier, Sitar und anderen Instrumenten von einem Künstler namens „Nackt“, der auch genau so den Abend bestreitet. Nach ca. 2 Stunden schickt sich Peter René Lüdicke schließlich zu einer letzten, grotesken Gähnattacke an, und erlöst damit die anderen Mitspieler und das Publikum aus der großen Rätselei. Er zieht sich noch einmal die sprichwörtlichen Narrenschuhe an und tauscht sie schließlich gegen viel zu kleine Pumps. Der verzweifelt schluchzende Faust (Benjamin Lillie) wird am Ende von eine Gruppe geistig Behinderter in Engelskostümen mit Kerzen erlöst. Leider vermag Hartmanns Inszenierung  diesmal trotz assoziativer Gedankenflüge in Dauerschleife nicht wirklich durchgängig abzuheben. Man sollte sich aber dennoch diesen, unseren Faust nicht eingehen lassen. Noch einmal ist „mein faust“ beim großen Abspielen im Januar 2013 zu sehen. Dann wird das Centraltheater zur Agora umgebaut und dem Leipziger Volk noch einmal bis zum Ende der Spielzeit als Festspiel- und Politarena präsentiert.

Letzte Termine im Januarspielplan des Centraltheaters Leipzig.

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Hinter Leipziger Türen.

In jeder Stadt ein Haus. Ein Monolith der Kunst, der Kunst am Leben. Lebenskunst, gesetzt auf hauchdünnes Parkett. Oft viel zu dünn, die Kunst zu tragen. Ein Haus als Sitz der Kunst. Bestuhlt fürs Volk, gestiftet durch die Bürger selbst. Gesetzt den Fall, zu halten diesen Sitz. Doch wo sind sie, die Stifter dieser Stühle? Anstatt eines Namens steht dort Freund oder Freundin des Centraltheaters. Ein ganzer Saal voller Freunde. Jedoch so mancher Platzt bleibt leer. Bis auf ein paar Gesichter, die man immer sieht, sind Premieren in Leipzig doch eher Insiderpartys geworden. Und der Dichter Clemens Meyer veröffentlicht seinen Bericht darüber eben nicht in der Leipziger Volkszeitung, sondern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das Leipziger Volk tobt hier nicht gerade in Massen durch die angrenzende Gottschedstraße. Obwohl in den vielen Clubs und Kneipen gegen 2 Uhr morgens immer noch reges Treiben herrscht. Die Centraltheaterkantine als Insel der Seligen in einem Meer der öffentlichen Ignoranz. Grüppchen Vereinzelter stehen noch eine Weile diskutierend im Foyer des Theaters oder laben sich nach 5 ½ Stunden exzessivstem Theatergenusses  am fleißig ausgeschenkten Freibier, bis man sich entschließt, entweder den Heimweg anzutreten, oder sich dem Eskapismus der Feierwütigen anzuschließen. „Los, aufs Eis! Aufs Eis! Los! Hörst du nicht!“ Der Spiegel der Gesellschaft ist glatt und brüchig geworden, er trägt nicht mehr. Doch der Ballsaal tobt. … woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind? Als wir noch träumten: Ich – бог – Kunst! Leuchtturm oder Elfenbeinturm? Sobald die Lichter der Nacht verloschen sind und die Wolken des Alltags wieder über diesen Monolithen der Kunst irgendwo zwischen Moskau und Paris ziehen, wird man es schon nicht mehr wissen. Was uns bleibt, sind die Bilder und Träume.

Foto: St. B. centraltheater-leipzig_sept-2012.jpg

Das Centraltheater Leipzig in der Bosestraße 1.

 

„Erkühne dich, weise zu sein.“
Friedrich Schiller im 8. Brief seiner Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1794) nach dem Zitat „sapere aude“ aus den „Episteln“ des lateinischen Dichters Horaz (65-8 v. Chr.)

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Schillers „Der Parasit“ und Shakespeares „Was ihr wollt“ – Ein Matthias-Hartmann-Doppel am Wiener Burgtheater

Donnerstag, Januar 13th, 2011

Da hat es dann doch noch geklappt, mit einem kurzen Wien-Besuch am Ende diesen Jahres. Es geht mit Flyniki in gut einer Stunde aus dem tief verschneiten Verkehrschaos Berlins ins ÖPNV-Paradies Wien, wo die Bahn mit an Wunder grenzender Selbstverständlichkeit alle 5 min. fährt und man immer wieder in nettem Dialekt gebeten wird, seinen Sitzplatz anderen Bedürftigen zu überlassen. Neben den größten Schnitzeln und den besten Mehlspeisen der Welt, gibt es in Wien auch die älteste Kaffeehauskultur und so bekommt man eben nicht einfach nur einen Kaffee, sondern so merkwürdige Dinge wie Einspänner, Verlängerte und kleine oder große Braune. Diese besondere Melange aus traditioneller k.u.k. Beschaulichkeit und ein liebenswerter weltmännischer Größenwahn machen den besonderen Charme von Wien aus. Das konsequente Ignorieren aller moderner Einflüsse in Kultur und Sprache sowie eine gewisse Hassliebe zur eigenen Geschichte zeichnen den Wiener (Lebens)Künstler aus. Allerdings ist die Zeit der Kaffeehausliteraten wie Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Robert Musil, Franz Werfel oder Joseph Roth lange vorbei und man kann die meisten Protagonisten nur noch auf dem Zentralfriedhof besuchen.
Die Ruhe dieser morbiden Weihestätte hat Wien am Silvesterabend komplett abgelegt und gibt sich in der Innenstadt der Feierlaune der Touristen hin. Am Graben ist kaum noch ein Durchkommen und das Wiener Bildungsbürgertum hat sich in der Burg verschanzt. Der Burgdirektor Matthias Hartmann lädt zur traditionellen Silvesterpremiere. Ich lasse aber die Burg links liegen und begebe mich lieber zu einem köstlichen Silvestermenü und einer anschließenden Party in der roten Bar des Volkstheaters. So habe ich zwar den jährlichen Witz des Burgdirektors verpasst aber auch eine an einen solchen erinnernde Inszenierung. Dennoch siegt schließlich die Neugier und am Neujahrsabend habe ich mir doch noch ein Last-Minute-Ticket für den Parasiten geholt.

Tür auf, Tür zu, Matthias Hartmann rutscht auf der Schleimspur des Schillerschen Parasiten aus

Der Burgdirektor hat zum Jahreswechsel alles aufgeboten was Rang und Namen am Burgtheater hat. Udo Samel als leicht beeinflussbarer Minister Narbonne, Kirsten Dene als dessen dominante Mutter und Johann Adam Oest als braver Beamter Firmin, aber natürlich darf einer nicht fehlen und so wanzt sich Michael Maertens als Selicour nicht nur mit aller Macht an alle die sein Fortkommen befördern können, sondern auch ans Wiener Publikum ran. Auf einer riesigen Schleimspur schliddert er in Schillers Komödienübersetzung des Franzosen Louis-Benoît Picard durch die Inszenierung von Matthias Hartmann.
Was Hartmann nach Inszenierung des Parasiten in Bochum und Zürich immer noch an dieser moralisierenden Parabel vom mediokren nach oben buckelnden und nach unten tretenden Emporkömmlings interessiert, kann er hier trotz seines Kniffs mit dem dreifachen Ende, in dem alle als Intriganten und Kriecher entlarvt werden, nicht wirklich deutlich machen. Die Inszenierung bleibt so mittelmäßig wie es der französische Originaltitel „Médiocre et rampantes“ verheißt. Schon Regiekollege Philip Tiedemann ist vor gut einem Jahr mit einer Kasperletheaterversion am BE gescheitert, trotzdem setzt Hartmann auf Altbewährtes und die Kunst seiner Darsteller. Zur Klamotte taugt der Stoff allemal und so geben sich alle redlich Mühe, um den Wienern Mittelmäßigkeit und Verlogenheit par excellence vorzuführen. Am besten gelingt das noch Oliver Stokowski als von Sellicour geschasstem Schreiber La Roche. Er spinnt gekonnt die Gegenintrige. Immer wieder hat er nur beim bloßen Nennen des Namens seines Widersachers reinste Säurespritzer im Auge.
Die Jungen, Gerrit Jansen als verhinderter Dichter Karl Firmin und Yohanna Schwertfeger als seine Angebetete Charlotte, bleiben eher blass, der Rest spielt brav und kocht das durchaus vorhandene komödiantische Talent auf Sparflamme. Der Klamauk überwiegt und Maertens chargiert, näselt und grimassiert, dass das Wiener Publikum in wahre Begeisterungsräusche verfällt. Das Beste bleibt allerdings das Bühnenbild von Johannes Schütz, mit einer hohen weißen Faltwand mit verschieden großen Türen, durch die kleinste zwängt sich der niedere genügsame Beamte Fermin und an die Klinke der größten reicht Udo Samels Narbonne fast nur auf Zehenspitzen. Leider verläppert sich der Witz zunehmend und der Herr neben mir verfällt in einen seligen Theaterschlaf, der Glückliche. Die übrigen Wiener können dann nach den obligatorischen Pausenschnittchen beruhigt der Moral von der Geschicht beiwohnen und sich vergnügt auf den Heimweg machen. Wirkliches Mobbing geht anders.

Was ihr wollt (nicht) lachen !? Matthias Hartmann lässt den Schalksnarren von der Leine

Schalksnarren sind ein unnütz Hofgesind. – Friedrich Petri (1549-1617)

Das wusste auch schon William Shakespeare und so gab er seinen eh schon maladen Figuren meist noch einen lustigen Gesellen an die Seite, der zum Hohn der Herrschaft noch für kräftig Spott sorgte. König Lear musste sich mit so einem Schalksnarren herumplagen und als er dann dem Wahnsinn nahe ans Wüten ging, ging auch der Narr, nicht nur von der Leine, sondern lieber gleich stiften. Der Narr und der Mächtige, ein sich stets in Frage stellendes Paar, das die Ambivalenz von Macht symbolisiert.
Auch die hoch melancholische Fürstin Olivia aus Illyrien besitzt eben so ein Exemplar. Ihr Narr liegt vorzugsweise auf der faulen Haut und gibt gescholten nur patzige Antworten: „Weg mit der Lady!“. Den Schalk im Nacken, die Hand stets offen, gibt ihn Sven-Eric Bechtolf als abgehalfterten Entertainer, der schon bessere Tage gesehen hat, im abgewetzten Anzug und ohne Schuh. Immer auf der Reise zwischen zwei knauserigen Herren, zieht er einen Verstärker wie einen Rollkoffer auf dem Flughafen hinter sich her und kann gar wunderlich Geräusche damit machen, Lieder singen, die keiner hören will und zu Anfang weiß er sogar einen Schiffsuntergang damit zu bewerkstelligen.
Die Bühne ist ganz leer, nichts außer einem Klavier, um sich im Sturm daran festzuhalten. So entspinnt sich die Shakespearsche Story vom Stranden der jungen Viola, erst unsicher dann selbstbewusst und forsch hier Katharina Lorenz. Sie weiß ihrer Rolle am besten unterschiedliche Facetten abzugewinnen und die Zerrissenheit überzeugend darzustellen. Alle anderen üben sich in Narretei und selbstverliebtem Spiel. Dörte Lyssewski wirft ihr blondes Haar und schmachtet ihre Olivia nur so hin, Fabian Krüger als Fürst Orsino scheint sich vor lauter Langeweile in diese Frau verliebt zu haben, er weiß eigentlich irgendwann nicht mehr so genau warum und beharrt aus lauter Trotz, obwohl doch vor seiner Nase die als Cesario verkleidete Olivia von Liebe stammelt. Den Vogel schießen aber Nicholas Ofczarek und Michael Maertens als total verblödetes Ritterduo ab. Ofcarek hat man einen Stock ins Kreuz gesteckt eine Glatze verpasst und ein Glas in die Hand gedrückt. So stakst er dauerbesoffen über den auf die Bühne geschobenen Teppich und es fehlt tatsächlich nur noch der Tigerkopf, um darüber zu stolpern. Maertens spielt mit Lust den begriffsstutzigen Vollkoffer Bleichwang und das gelingt ihm auch in Rüstung ohne viel Mühe. Fehlt nur noch der Malvolio, und auch Joachim Meyerhoff reiht sich in den Reigen der Narren ein. Er grimassiert, gibt sich anzüglich und steht den anderen beim Slapstick in nichts nach. Das ist vorhersehbar und reizt zu so manchem Schenkelklopfer, das Publikum nimmt es dankbar auf.
Ein Teppich muss natürlich auch gesaugt werden und so hat Maria Happel als Zofe Maria wieder einen ihrer unnachahmlichen Auftritte, ein weiterer mit nicht enden wollendem Lachanfall wird folgen, wenn die List gelungen ist und Malvolio wie zu erwarten in gelben Strümpfen mit kreuzweis geschnürten Bändern auftritt. So stehen dann alle Spielarten des Narren nach Hans Sachs auf der Bühne und versuchen sich gegenseitig zu übertreffen. „Halt`s maul, Du dumme Sau“ wird zur Hymne des Abends. Die von Karsten Riedel auf Gitarre oder Klavier gespielten und wunderbar gesungen Sonette werden so an den Rand gedrängt. Matthias Hartmann lässt alle Narren an der langen Leine agieren, allein am Ende geht ihnen die Luft aus, Malvolio sitzt in der dunklen Kiste unter der Bühne und ewig lang gibt es eine Liveschaltung aus dem Untergrund auf Video übertragen. Dafür nimmt er uns dann alle zur Strafe in Sippenhaft. Nach 3,5 Stunden ist der Narrenspuk dann vorbei, die von Stéphane Laimè, der schon in Hamburg Jan Bosses Was-ihr-wollt-Version ausgestattet hat, mit Kitsch und Tand nach und nach zugemüllte Bühne wird wieder geleert. Aber alle sanfte Melancholie kommt zu spät, der Narr kann es nicht mehr richten, der Wiener hat sich bereits totgelacht. Illyrien wird so zum Billigausflugziel für Partygänger mit After Hour und Kulinarischen Schmankerln. Den Reiseführer gibt es im Programmheft dazu. Diese Süßspeise ist all zu deftig, aber passt scho!

Schalksnarren, Fliegen und Hunde finden sich zum Essen zu jeder Stunde. – Joseph Eiselein (1791-1856)