Archive for the ‘Exil Ensemble’ Category

Der Künstler in der Diktatur – Das Exil Ensemble spielt im Maxim Gorki Theater „Die Hamletmachine“ von Heiner Müller und „Elizaveta Bam“ von Daniil Charms

Montag, April 30th, 2018

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Die Hamletmaschine – Sebastian Nübling und das Exil Ensemble benutzen Heiner Müllers persönliche Abrechnung mit dem zaudernden Intellektuellen in der DDR als Folie für die kürzlich gescheiterten Revolutionsversuche im arabischen Raum

Die Hamletmaschine am Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

„Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa.“ sind die vielleicht meistzitierten Textzeilen aus dem Werk von Heiner Müller. Die Hamletmaschine, 1977 geschrieben und 1979 im Théatre Gérard Philipe in Saint Denis bei Paris uraufgeführt, konnte erst 1990 in der untergehenden DDR gezeigt werden – vom Autor am Deutschen Theater Berlin selbst inszeniert. Es ist neben Der Auftrag sicher eines der Schlüsselwerke Müllers als seinem dramatischen Vermächtnis zur Aufarbeitung ostdeutscher Geschichte. Im Angesicht der politischen Wende und deutschen Wiedervereinigung hatte Müller dann eine Schreibblockade befallen. Über Nacht war ihm sein Thema – die Abarbeitung an der DDR und den Kinderkrankheiten des Kommunismus wie dem Stalinismus und der real existierenden sozialistischen Staatsbürokratie – abhanden gekommen. Was blieb, war der Blick auf den im Westen aufgehenden Mercedesstern. „Ich Dinosaurier nicht von Spielberg sitze / Nachdenkend über die Möglichkeit / Eine Tragödie zu schreiben Heilige Einfalt“ dichtet Müller 1995 in Ajax zum Beispiel und reflektiert damit sein künstlerisches Versagen.

Auch die Die Hamletmaschine ist eine große, wenn auch nur 9seitige intertextuelle Reflexion, die sich anhand von Shakespeares Tragödie Hamlet mit dem für Müller eigenen „konstruktiven Defaitismus“ mit der deutschen Tragödie des Zweiten Weltkriegs, dem sich anschließenden Stalinismus und dem Ungarnaufstand, der eigenen Biografie, der Rolle des zögerlichen Intellektuellen in der DDR im Allgemeinen und der Rolle der Frau im Speziellen beschäftigt. Eine wilde Collage aus Zitaten, Monologen und Prosapassagen als Symbol für das Ende des Dialogs und repräsentativen Theaters.

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Nun hat am Maxim Gorki Theater der für seine recht körperbetonten Inszenierungen bekannte Regisseur Sebastian Nübling gemeinsam mit dem Exil-Ensemble eine Spielfassung entwickelt, die Müllers Stücktext um Texte des syrischen Autors und Exil-Ensemble-Mitglieds Ayham Majid Agha ergänzt. Die Rezeption Heiner Müllers in den arabischen Staaten ist nicht unbedeutend. Auch die Hamletmaschine gibt es in arabischer Übersetzung. Sie flimmert an diesem Abend immer wieder über den Gazevorhang auf der leeren, in Schwarz gehaltenen Bühne. Schon zur 2016er Inszenierung von Heiner Müllers Stück Der Auftrag. Erinnerungen an eine Revolution am Gorki schrieb Ayham Majid Agha im Spielzeitheft: „Heiner Müller war in der arabischen Welt ein Held, noch bevor seine Stücke übersetzt waren. (…) Der Auftrag schien für mich geschrieben worden zu sein. Ich suchte nach einem Weg, am Stück teilzuhaben. Das war in Syrien vor der Revolution im Jahr 2011.“

Was seitdem geschah, ist weitestgehend bekannt. Die syrischen Mitglieder des Exil-Ensembles sind infolge des Bürgerkriegs, der seit der Niederschlagung des Arabischen Frühlings in ihrem Heimatland tobt, nach Deutschland geflohen. Vermutlich hätte es sich Heiner Müller nicht träumen lassen, dass seine Reflexionen zum Ungarnaufstand 1956 im 5. Abschnitt der Hamletmaschine einen syrischen Autor 40 Jahre nach Entstehung des Stücks aus aktuellem Anlass zu einem Prosakommentar inspirieren würden. Insgesamt drei dieser Kommentare hat Ayham Majid Agha zur Inszenierung beigesteuert. Ein weiterer behandelt die Geschichte der Hauptstadt Damaskus aus Sicht der biblischen Legende von Kain, der seinen Bruder Abel erschlug. Hier ist Damaskus eine Abel von Gott versprochene Frau, die ihm der Bruder neidet. Im übertragenen Sinn ist sie eine Metapher für das immer größer werdende Grab, „das Naher Osten heißt“.

Eingebettet sind diese in Arabisch vorgetragenen Texte in eine Performance von meist pantomimisch agierenden Horrorclowns in farbigen, vorn geknöpften Unterwäsche-Bodys und grellen Masken, die schon zu Beginn unter eingespielten Lachern kleine Kunststückchen vollführen. Den oben zitierten Eingangsmonolog quäkt Mazen Aljubbeh mit verstellter Stimme ins Mikro, während er wie beiläufig geräuschvoll einen Bleistift anspitzt. Kenda Hmeidan bläst mit einer Pumpe Luftballonschlangen auf und lässt sie mit lautem Knall zerplatzen. Tahera Hashemi zieht einen großen Hammer hinter sich her. Die im Text beschriebene Gewalt wird hier nur pantomimisch angedeutet. Wenn vom zu engen Hals die Rede ist, würgt man sich in Schleife im Hintergrund. Auch die zynische Äußerung Hamlets „Man sollte die Weiber zunähen, eine Welt ohne Mütter“ wird entsprechend bebildert.

Selbstbewusst zeigen sich die Frauen im Ophelia-Monologteil, wenn sie Müllers Frauenbild kritisch hinterfragen. Dass der Selbstmord einer Frau am Anfang einer Revolution stehen soll, will ihnen nicht einleuchten. Zu Beginn des SCHERZO-Teils spielt Kenda Hmeidan eine ironische Penisnummer mit einer Luftballonschlange, bis sie von einem der Männer verdrängt wird. Zu wilden Ethnobeats entwickelt sich dann ein wildes Tänzchen. Aus Müllers zweitem Clown im kommunistischen Frühling wird in Ayham Majid Aghas Kommentar schließlich der dritte Clown im Arabischen Frühling.

In seinem dritten Kommentar zum Ungarn-Teil „Pest in Buda…“ schlägt Agha dann die direkte Brücke, wenn er von Berlin als Hafenstadt „in einem Meer von Blut, das bis nach Damaskus reicht“ spricht. Es werden die Hamlets und Ophelias unserer Tage aus Syrien, dem Iran, Libanon oder Jemen aufgezählt. Eine Geschichte von Verfolgung, Gefängnis, Folter und Flucht, die bis nach Kanada oder Deutschland führt. Und auch in Tahera Hashemis abschließendem Elektra-Monolog bekommen die Worte aus dem „Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter“ „Im Namen der Opfer“ eine ganz aktuelle Bedeutung. Hier wird Heiner Müller als Chronist gescheiterter Revolutionen durch die Erfahrungen des Exil-Ensembles direkt aus der Vergangenheit in die Gegenwart katapultiert.

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Die Hamletmaschine (MGT, 26.04.2018)
Von Heiner Müller
Ein Projekt des Exil Ensemble
Unter Verwendung von Texten von Ayham Majid Agha
Regie: Sebastian Nübling
Ausstattung: Eva-Maria Bauer
Musik: Tobias Koch
Dramaturgie: Ludwig Haugk
Mit: Maryam Abu Khaled, Mazen Aljubbeh, Hussein AL Shatheli, Karim Daoud, Tahera Hashemi, Kenda Hmeidan, Ayham Majid Agha
Die Premiere war  24.02.2018 im Maxim Gorki Theater
Dauer: 1:15 h, keine Pause
Termine: 12., 26.05.2018

Infos: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 27.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Elizaveta Bam – Im Studio Я bringt Christian Weise gemeinsam mit dem Exil Ensemble das absurde Theaterstück des in der Sowjetunion verfemten russischen Avantgarde-Dichters Daniil Charms auf die Bühne

Elizaveta BamFoto (c) Esra Rotthoff

Die absurden Theaterstücke des russischen Avantgarde-Dichters Daniil Charms (1905-1942) werden heute eher selten gespielt. Als 2011 eine vierbändige Werkausgabe erschien, wurde der Autor, dessen Texte bis in die 1980er Jahre in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden konnten, plötzlich wiederentdeckt. Die Berliner Volkbühne widmete Daniil Charms 2012 einen Poetry-Slam Showcase und Andrea Breth gemeinsam mit den französischen Schriftstellern Georges Courteline und Pierre Henri Cami einen Abend mit absurden Miniaturen am Wiener Burgtheater namens Zwischenfälle. Gleichnamigen Textband gibt es bereits seit 1992 auf Deutsch. Damals inszenierte auch Herbert Fritsch ein Stück von Charms für ein Beckett-Spektakel an der Volksbühne. Die Nähe zu Beckett ist unverkennbar. Charms gilt als Vorläufer des absurden Theaters und war Mitbegründer der von 1927-30 existierenden avantgardistischen Künstlervereinigung OBERIU (Vereinigung der realen Kunst).

Dass Charms durchaus auch als russischer Kafka durchgehen könnte, beweist sein Theaterstück Elizaveta Bam, das Regisseur Christian Weise mit Mitgliedern des Exil Ensembles des Maxim Gorki Theaters im dortigen Studio Я inszeniert hat. Die deutsche Erstaufführung des 1928 von Charms im damaligen Leningrad selbst uraufgeführten Stücks fand 1983 bei den Berliner Festspielen statt. Es besteht aus 19 Einzelszenen, die Charms mit Gattungsbezeichnungen wie „Realistisches Melodram“, „Realistisch komödiantisches Genre“, „Absurd komisch-naives Genre“ oder auch „Realistisches Genre milieukomödiantisch“ usw. überschrieben hat. Freundlicherweise liegt die Szenenabfolge auf den Sitzplätzen aus. Man kann so ganz gut verfolgen, warum das da auf der Bühne gerade so oder so gespielt wird. Charms beabsichtigte damit allerdings nur eine ironische Parodie der aus der Sicht der Oberiuten überkommenen Gattungsbegriffe des bürgerlichen Theaters.

Aber nicht nur Dekonstruktion, Parodie oder purer Klamauk sind die vorrangigen Themen des Stücks, sondern vor allem ist hier die Angst das treibende Element. Besagte Titelfigur Elizaveta Bam bekommt daheim Besuch von zwei geheimnisvollen Schergen, die sie wegen eines angeblich „abscheulichen Verbrechens“ verhaften wollen. Eine nähere Begründung dafür gibt es nicht. Im Folgenden entspinnt sich ein absurdes Katz-und-Maus-Spiel, das in Schleifen irgendwann wieder beim Anfang anlangt. Der kafkaesk anmutende Grundplot verbindet sich aber auch mit grellem Vaudeville, Elementen des russischen Bauerntheaters, dadaistischer Nonsens-Poesie und diversen Liedern zu einer grotesk-absurden Spielhandlung, die keinen herkömmlich Handlungsverlauf mehr aufweist, sondern in besagte Einzelstücke zersplittert. Eine bewusste Demonstration von Identitätschaos und absurder Sprachakrobatik bis zur vollkommenen Auflösung der Identität der Figuren und der Sprache selbst.

Auch Charms war in jenen Jahren ständig von Verhaftung durch den Geheimdienst NKWD bedroht. 1941 kam es dann auch unter dem Vorwurf der Verbreitung defätistischer Propaganda dazu. Charms verhungerte 1942 unter ungeklärten Umständen in der Gefängnispsychiatrie. Regisseur Weise trägt dem Rechnung, indem er in einem kurzen Prolog Gorki-Schauspieler Aram Tafreshian als Daniil Charms auftreten lässt, der in der Ich-Form einige kurze Auszüge aus dessen Biografie vorträgt. Zusätzlichen Reiz bekommt das Spiel im Gorki-Studio durch die Mitwirkung des Exil Ensembles, deren Mitglieder mit derlei bedrohlich absurden Konstellationen in ihren teilweise diktatorischen Herkunftsländern durchaus vertraut sein dürften. Damit ist zur Aktualität eigentlich schon alles gesagt.

Was nun auf der recht expressionistisch anmutenden, kleinen Guckkastenbühne, die Julia Oschatz völlig windschief ins Studio gebaut hat, passiert, ist absurde Komödie in Rein- und Höchstform. Kenda Hmeidan betritt ganz in Grün als Elisaveta ihr kleines Heim, das recht naturalistisch auf die Wände aufgemalt ist, einen Tisch, eine Sitzbank, einen kleinen Kochherd und diverse Türen zum Treppenhaus, der Toilette, einem Kühlschrank und einem Wandschrank besitzt. Angesichts der beiden Fremden, die Einlass verlangen, gestikuliert, grimassiert und barmt sie, wo sie sich denn nun verstecken könne. Erster Höhepunkt ist nach dem Absturz der beiden schrägen Typen (gespielt von Mazen Aljubbeh und Karim Daoud), die nun mit Bandagen und Rollator Einlass bekommen, ein minutenlanger Rollator-Slapstick an der Wohnungstür, in den auch noch im wahrsten Sinne des Wortes Elisavetas Eltern (Maryam Abu Khaled und Aram Tafreshian) verwickelt sind.

Auf der kleinen Zimmerbühne entspinnt sich nun ein munteres verrücktes Treiben. Es wird gekocht, Suppe gelöffelt, die Kostüme gewechselt und mit Wörtern jongliert. Weise hält sich da ziemlich genau an Charms Text und überschreibende Spielanweisungen. Ein ständiges Kommen und Gehen durch Türen, Wandschrank und Bodenklappe. Ein Wolf wird von Rotkäppchen mit einem Stück Fleisch geködert. Dann taucht auch noch Tahera Hashemi als schnorrende Babuschka auf. Man singt russische, arabische und andere Lieder, begleitet vom Livemusiker Jens Dohle, der wie immer bei Christian Weise am Rand sitzt, knarrende Tür- und Bodenklappengeräusche macht und den begleitenden Soundtrack auf Klavier, Schlagzeug und Schreibmaschine einspielt. Dazu tanzen Mazen Aljubbeh und Karim Daoud mit umgehängten roten Bärten ein absurdes Schergenballett.

Irgendwann verteilen die beiden Horrorclowns Theaterpistolen an das Publikum und fordern es auf, sich wie auf dem Rummel an Schießübungen auf die in einer sich nach hinten öffnenden Landschaft mit alten Gemäuern laufenden Mitspieler zu beteiligen. Eine Projektion im Hintergrund zeigt tatsächlich die alte Kreuzritterburg Krak des Chevaliers in der Nähe der im syrischen Bürgerkrieg stark umkämpften Stadt Homs. Hier springt nun die Familie Bam wie Schießbudenfiguren mit erhobenen Händen durchs Gelände und wird von den beiden Bewaffneten immer wieder zur Strecke gebracht. Ein finaler Fechtkampf des als osmanischer Recke ausstaffierten Vater Bam mit einem der Schergen lässt diesen wiederum zu Boden gehen. So zieht sich das groteske Treiben bis die Story tatsächlich wieder bei ihrem Anfang angekommen ist und Elizaveta von den beiden nun als Feuerwehrmänner verkleideten Fremden verhaftet wird. Der Irrwitz kennt hier keine Grenzen. Ein rundum gelungenes Stück existentialistischen Theaterwahnsinns. Ganz große Klasse!

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Elizaveta Bam (Studio Я, 15.04.2018)
Von Daniil Charms
Ein Projekt des Exil Ensemble
Regie: Christian Weise
Bühne: Julia Oschatz
Livemusik: Jens Dohle
Dramaturgie: Mazlum Nergiz
Kostüme: Pina Starke
Fechtchoreographie: Klaus Figge
Fechttraining: Jan Krauter
Mit: Maryam Abu Khaled, Mazen Aljubbeh, Aram Tafreshian, Karim Daoud, Tahera Hashemi, Kenda Hmeidan
Die Premiere war am 14.04.2018 im Studio Я des Maxim Gorki Theaters
Termine: 28.04. / 05., 06.05.2018

Infos: http://www.gorki.de/de/elizaveta-bam

Zuerst erschienen am 17.04. 2018 auf Kultura-Extra.

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Eine „Winterreise“ mit dem Exil Ensemble und Falk Richters „Verräter – Die letzten Tage“ – Das Maxim Gorki Theater Berlin zeigt zwei bedenkliche deutsche Bestandsaufnahmen

Freitag, Mai 5th, 2017

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Winterreise – Yael Ronen organisiert mit dem Exil Ensemble des Maxim Gorki Theaters eine theatrale Busfahrt durch Deutschland

Winterreise am Maxim Gorki Theater
Foto (c) Esra Rotthoff

Die Winterreise ist der Klassiker der deutschen Romantik schlechthin. Das Maxim Gorki Theater hat mit Get lost in November bereits einen Abend zum Fremdsein in Deutschland und wehmütigen Heimatgefühlen nach Schuberts Liederzyklus im Programm. Eine orientalische Variante mit multiethnischem Ensemble wohlgemerkt. Warum also noch einmal eine solche Produktion? Die Antwort ist: Das Gorki verfügt seit November 2016 auch über das erste Exil Ensemble an deutschen Theatern. Es besteht aus „professionellen Neuberliner Schauspieler*innen aus Afghanistan, Syrien und Palästina“, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflüchtet sind.

Zusammen mit der Gorki-Hausregisseurin Yael Ronen haben sich im Januar Ayham Majid Agha, Maryam Abu Khaled, Hussein Al Shatheli, Karim Daoud, Mazen Aljubbeh, Kenda Hmeidan und – als ihr deutscher Guide – Niels Bormann von Berlin aus zu einer Recherche-Bustour quer durch Deutschland mit kleinem Abstecher in die Schweiz aufgemacht. Kein genaues Ziel vor Augen, sind es eher ein paar Fragen, die das Team um Yael Ronen beim Blick auf ihr Exil-Land aufwerfen. Etwa: „Wie nehmen sie das Zusammensein mit den Eingeborenen war? Welche gegenseitigen Annäherungsversuche gibt es, wie werden die zwischenmenschlichen Beziehungen ausgelotet?“ Das Ergebnis dieser Winterreise, wie das Exil Ensemble dann auch seine erste Produktion genannt hat, ist seit Anfang April im Maxim Gorki Theater zu erleben.

Apropos deutsche Klassik und Romantik: Für den deutschen Bildungsbürger sind diese Begriffe ja selbst immer auch ein großes Klischee über Deutschland mit seinen großen Dichtersöhnen aus einer Vielzahl von selbsternannten Kulturstädten mit ihren darin reichlich vorhanden Kultstätten. Was läge also näher, als die 12tägige Deutschlandreise gerade in Dresden und Weimar beginnen zu lassen. Zunächst aber gibt es auch hier Musik, nicht von Schubert, aber ebenso klangvoll melancholisch gestimmte arabische Klänge. Das Ensemble steht mit gepackten Koffern frierend in seinen Winterklamotten und wartet auf den Guide Niels. Soviel zum ersten und häufigsten Klischee – der deutschen Pünktlichkeit. Das dieser Abend noch weitere in Petto hat, ist nicht unbedingt sein Manko. Worüber, was ließe sich wohl ein Land für Fremde besser erschließen, als über seine Stereotypen.

Und das bedeutet hier nur nicht allzu viel Persönliches von sich selbst preiszugeben, immer ein bisschen auf Abstand zu sein, keine Gefühle zu zeigen. German Angst und German Rules, die der deutsche Busfahrer (den Bormann gleich noch mit mimen muss) den Exil-Reisenden zu Beginn recht plastisch zu schildern weiß. Ein Erklärertyp ohne die geringsten Selbstzweifel. Für die ist der Intellektuelle Niels zuständig, der sich ständig reflektiert, Angst hat seine Schützlinge zu überfordern und angesichts einer Pegida-Montagsdemo bei der Ankunft in Dresden um den heißen Brei relativiert.

Freiheit und Toleranz, einst Projekte der europäischen Aufklärung, geraten hier unmittelbar auf den Prüfstand. Der Abend geht das locker an, indem er sich angesichts des geballten Fremdenhasses zunächst in die Ironie flüchtet, wenn zwei der arabischen Reisenden über die merkwürdigen Plakate der „Patriotischen Europäer“ rätseln, auf denen Angela Merkel ein Kopftuch trägt und Fatima genannt wird, oder „Sachsen bleibt deutsch“ steht. Aber es geht auch um den unmittelbaren Vergleich. Und da wird der Abend schon etwas ernster. Denn vieles vom Gesehenen und Gehörtem (nicht nur Dresdener Bombenächte und das Konzentrationslager Buchenwald) erinnert die Mitglieder vom Exil Ensemble auch an die eigene Heimat, die in ihren nachdenklichen Monologen immer präsent ist.

Den Syrer Mazen Aljubbeh plagen Albträume nach dem Besuch von Buchenwald. Er will nichts mehr von Tod und Zerstörung wissen, nicht mehr auf Beerdigungen gehen. Niels führt sie zu einem anderen Ort deutscher Selbstvergewisserung, der Münchner Allianz-Arena, die aber wegen der Abwesenheit der Bayernelf auch nur einem riesigen Raum der Kontemplation gleicht und damit wieder nur melancholische Gefühle statt, wie bei Niels, heimatliche Geborgenheit befördert. So räsoniert Ayham Majid Agha angesichts einer im Abriss befindlichen ehemaligen Siedlung für US-amerikanische Armeeangehörige in Mannheim über seine zerstörte Heimatstadt Damaskus und einen Taubenzüchter, der sie wegen seiner Tauben nicht verlassen will. Und auch Kenda Hmeidan plagt die Sehnsucht nach ihrem Ex-Freund, den sie hofft in Hamburg wieder zu sehen. Hussein Al Shatheli erzählt von seinem schwierigen Status als syrische Palästinenser und seiner Flucht über den europäischen Kontinent. In diesen Berichten spiegelt der Abend durchaus Schuberts Winterreise, aus der alle noch das Lied Der Wegweiser singen. Ein sehnsüchtiges Statement des unbehausten Wanderers. Ästhetisch verstärkt wird das durch Fotos und Zeichnungen von Esra Rotthoff, die auf drei Videoleinwände geworfen werden.

So etwas wie Flüchtlingsromantik oder Betroffenheit soll dabei allerdings gar nicht erst aufkommen. Eine weitere Klammer bildet das Gedicht Über die Bezeichnung Emigranten von Bertolt Brecht, das der Palästinenser Karim Daoud vorträgt. „Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten. / Daß heißt doch Auswanderer. Aber wir / Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluß / Wählend ein anderes Land.“ heißt es darin. Nur ein Exil soll dieses Land, in das sie flüchteten, sein. Und dennoch will man dieses Deutschland auch verstehen, in dem die Palästinenserin Maryam Abu Khaled sogar eine neue Liebe fand, das einem aber doch mit seinen Verhaltensregeln wie einer kuriosen App, die deutsche Sexualpraktiken erklärt, fremd bleibt. Eine Heimat, in der sie sich sicher fühlen, haben sie aber bereits gefunden, wie es Ayham Majid Agha am Ende erklärt. Die Theaterbühne, auf der das Exil Ensemble sicher noch weitere Produktionen präsentieren wird.

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WINTERREISE (Maxim Gorki Theater, 26.04.2017)
Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Sophie Du Vinage
Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi
Video: Benjamin Krieg, Patrícia Bateira (Station Mannheim)
Puppenspiel: Ariel Doron
Zeichnungen: Esra Rotthoff
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Ayham Majid Agha, Maryam Abu Khaled, Hussein Al Shatheli, Niels Bormann, Karim Daoud, Mazen Aljubbeh und Kenda Hmeidan
Uraufführung war am 8. April 2017
Weitere Termine: 19., 24.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://gorki.de

Zuerst erschienen am 02.05.2017 auf Kultura-Extra.

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„Wo sind wir hier?“Falk Richter und Ensemble verirren sich mit Verräter – Die letzten Tage im immer dunkler werdenden deutsch-nationalen Sprachwald

Verräter – Die letzten Tage am Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Ähnlich wie Yael Ronen mit dem Exil Ensemble spielt auch Falk Richter in seiner neuen Gorki-Produktion Verräter – Die letzten Tage mit den Biografien der mitwirkenden SchauspielerInnen. Allerdings geht Richter in seinen Stücken bei weitem weniger subtil vor. Seine Texte greifen in letzter Zeit oft direkt Personen des rechtsnationalen Spektrums um AfD und Pegida an. Der Autor und Regisseur benutzt dabei ganz bewusst deren Hass-Rhetorik gegen Minderheiten wie Homosexuelle oder Ausländer. Das hat ihm im Fall seines Stücks Fear an der Berliner Schaubühne bereits eine Klage der AfD-Politikerin Beatrix von Storch eingebracht, die allerdings zugunsten Richters abgewehrt wurde. Auch in Small Town Boy am Maxim Gorki Theater redete sich der Schauspieler Thomas Wodianka gegen die neuen Rechten, CDU-Politikerinnen und Wladimir Putin in Rage.

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Sein neues Stück behandelt den von den Rechten immer wieder ins Spiel gebrachten Begriff des Verräters am Volk oder den von rechts proklamierten abendländischen Werten. Richters Befürchtung geht dahin, dass die Tage der freien Welt gezählt scheinen und „der ‚freien Westen‘ immer tiefer in ein Phantasma der gesellschaftlichen Restauration von autoritärer Stärke und altväterlicher Macht“ driftet. Die explizite und patriarchale Rhetorik eines Trump, Erdogan oder Putin liefern ihm dafür den Beweis. Richter hat für seine Recherche auch den französischen Philosophen Didier Eribon und dessen autobiografische und politische Analyse Rückkehr nach Reims gelesen. Darin erklärt der aus einer Arbeiterfamilie stammende schwule Autor das Erstarken der nationalen Rechten auch aus der Abwehr einer sexuellen und sozialen Scham sowie des ins gesellschaftliche Unterbewusstsein verdrängten Klassenkampfs, der nun von rechts als Kulturkampf zurückgekehrt ist.

Dazu lässt Richter sein Ensemble zum Beginn des Abends von der eigenen Scham und dem Verrat an der sozialen Herkunft, der Familie oder dem Stehen zur eigenen sexuellen Orientierung erzählen. So berichtet z.B. Mareike Beykirch von ihrer Kindheit in einem kleinen Ort im Harz, in dem nach der Wende Arbeitslosigkeit und Hartz IV Einzug hielten, wodurch die sozialen und familiären Strukturen nachhaltig zerstört wurden. Sich ihrer Mutter zu schämen, ihre Entfremdung von dem Ort mit seinen leeren, braunen Feldern und der harten anhaltinischen Sprache, empfindet sie auch ein wenig als Verrat. Mehmet Ateşçi schämt sich während eines Türkeiurlaubs mit seinem Freund in der Istanbuler Putschnacht aus Angst vor Entdeckung nicht klar zu seiner Sexualität gestanden zu haben. Und auch der Schauspieler Knut Berger, der mit einem Mann zusammenlebt, mit dem er zwei Kinder erzieht, erzählt, dass seine Ruhrpolnische Familie, um als deutsch zu gelten, einst den Namen geändert hatte.

 

Foto: St. B.

 

Soweit ist Richters Stück mit den biografischen Splittern seiner MitspielerInnen auch künstlerisch nah am politischen Thema dran. Es untersucht die Sprache als Transportmittel von Hass und Vorurteilen oder was sich mit ihr beschreiben lässt und was nicht. Wie sie bewusst ausgrenzt und verfälscht. Dazu spielt das Ensemble passende Live-Musik wie etwa Mareike Beykirchs Punksong Wer hat uns verraten? Christdemokraten oder bekannte Popsongs wie In a Manner of Speaking von Tuxedomoon und Enjoy the Silence von Depeche Mode mit den Liedzeilen „Words like violence / Break the silence oder Words are very unnecessary“. Knut Berger vermisst eine Sprache, in der er vorkommt. Vieles unterliege einem Sprechverbot, was er auch als „Verrat an der Poesie“ empfindet.

Dass die Inszenierung dann doch auch wieder in die aufgesetzte Attitüde des Hate-Speech und der bewussten Provokation verfällt, dabei aber immer auch wieder Gesagtes zurücknimmt oder zur Diskussion stellt, tut dem anfänglichen Fluss des Abends nicht besonders gut. Selbstironische Einsprengsler wie die Sing-Sang-Nummer des Hamburger Thalia-Schauspielers Daniel Lommatzsch, der als Witzfigur eines deutschen Theatermachers die so anderen Biografien seiner MitspielerInnen so interessant findet, dass er z.B. ein LaLaLand-Musical mit der Israelin Orit Nahmias über jüdische Kollaborateure in deutschen KZs machen will, wirken gar schon etwas grenzwertig. Çiğdem Teke wartet noch mit dem ironisch gemeinten Wunsch auf, nicht allein nur als lesbische Schauspielerin auf sich selbst festgelegt zu werden, sondern auch mal eine Liebesszene mit einem Mann zu spielen.

Der Dialog als gesellschaftliche Art der Auseinandersetzung hat nach Falk Richters Meinung ausgedient und ist in die anonymen Kommentarzeilen der sozialen Netzwerke verlegt worden. Auf düster- apokalyptischer Bühne mit einer Art verkohltem Waldboden, wohl als Sinnbild der verirrten deutschen Seele gemeint, machen sich nun finstere Gestalten ans Holzhacken. Daniel Lommatzsch referiert dazu als Götz-Kubitschek-Verschnitt über den Weg des Mannes und die angestammte Rolle der Frau, in die er sie wieder zurückdrängen will. Dieser Art der „neuen Terminologie“, die doch das Alte meint, will der Abend den Kampf ansagen, verzettelt sich dann aber doch in kabarettistischen Solonummern und bietet am Ende wieder nur das Idyll als Alternative, wie es Falk Richter beispielsweise mit der Utopie des Urban Gardening bereits in Fear proklamiert hat. Hier ist es die Hoffnung, dass wie in Angkor Wat die Natur alte Herrscherreiche wieder überwuchern wird, oder die polyamoröse Lebensart, eine Art von kollektiver Identität, der man mit gemeinsamem Kuscheln in einer Videoprojektion frönt und I „wanna dance with somebody / With somebody who loves me“ singt.

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VERRÄTER – DIE LETZTEN TAGE (Maxim Gorki Theater, 28.04.2017)
Regie: Falk Richter
Bühne/Kostüme: Katrin Hoffmann
Musik: Nils Ostendorf
Video: Aliocha Van Der Avoort
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Jens Hillje, Mazlum Nergiz
Mit: Mehmet Ateşçi, Knut Berger, Mareike Beykirch, Daniel Lommatzsch, Orit Nahmias und Çiğdem Teke
Uraufführung war am 28. April 2017
Weitere Termine: 11., 13.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://gorki.de/

Zuerst erschienen am 02.05.2017 auf Kultura-Extra.

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