Archive for the ‘Michel Houellebecq’ Category

Unterwerfung – Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Stephan Kimmig eine weitestgehend harmlose Bühnenfassung des Skandal-Romans von Michel Houellebecq

Mittwoch, April 27th, 2016

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Anfang Februar, ungefähr ein Jahr nach dem Erscheinen des Romans Unterwerfung von Michel Houellebecq und den islamistischen Attentaten auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo, inszenierte Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg die erste Bühnenfassung mit dem bekannten deutschen Fernseh- und Theatermimen Edgar Selge in der Rolle des windelweichen, opportunistischen Literaturprofessors François, der nach dem Wahlsieg einer gemäßigt-muslimischen Partei im Jahr 2022 in Frankreich zum Islam konvertiert. Ein großer Erfolg für Beier und Selge und ein ebensolcher Gewinn fürs Theater. Bühnen in Dresden und Wien folgten. Der Stoff ist nach wie vor brisant. Nun hat Hausregisseur Stephan Kimmig gemeinsam mit seinem Dramaturgen David Heiligers eine eigene Adaption des Romans für das Deutsche Theater Berlin geschaffen.

 

Unterwerfung nach Michel Houellebecq am DT - Foto: St. B.

Unterwerfung nach Michel Houellebecq am DT – Foto: St. B.

 

In der aseptischen Krankenhaus-Bühnenwelt von Katja Haß ist François ein leidender Patient und Sinnbild einer an ihrer Saturiertheit und zunehmenden Orientierungslosigkeit krankenden, westlichen Gesellschaft, deren Wertedecke dünn und papieren ist – wie die Lichtdecke, die über François Kopf schwebt. Er wird sie später, wenn sie sich auf ihn niedersenkt, mühelos durchstoßen können. Das ist für den Anfang und das Ende eine starke Metapher als Rahmen, die allerdings nicht die Kraft besitzt, den ganzen Abend zu tragen.

Houellebecq seziert nicht zum ersten Mal, aber in diesem Roman auf besonders intelligente und auch perfide Weise die französische Gesellschaft und beschwört den Untergang der westlichen Kultur. Hier in Gestalt eines französischen Jedermann, den der Schauspieler Steven Scharff in Kimmigs Inszenierung mal jovial, sich ans Publikum ranwanzend, mal hibbelig über die Bühne tänzelnd, bis weinerlich klagend im Bett liegend darstellt. Dass er dabei auch ein wenig irre wirkt und von Pflegern umsorgt wird, nimmt man zunächst als netten Gag mit. Die breit angelegte Innenschau des Roman-François wird dadurch allerdings zur pathologischen Diagnose eines komatösen Hypochonders, der sich aus dem realen Leben zurückgezogen hat und es nur in homöopathischen Dosen an sich ran lässt.

Diese an die Romanhandlung anknüpfenden Kurzbesuche, die von Lorna Ishema, Camill Jammal, Marcel Kohler und Wolfgang Pregler in verschiedenen Romanrollen absolviert werden, sollen dann auf Dauer auch nicht ihre Wirkung verfehlen. Kimmigs Prinzip des homöopathischen Verdünnens, sprich das Herauslösen und Aufteilen des Textes, der im Roman von François selbst als Reflexionen seines Lebens, aus Beobachtung seiner Umgebung heraus oder beim Ansehen von Fernsehdebatten erzählt wird, auf mehrere Personen, läuft dabei allerdings Gefahr, dass größere Unschärfen entstehen und letztendlich in eine völlig falsche Richtung fokussiert wird.

 

Foto (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Auch wird die Rolle der bürgerlichen Parteien, die um den Sieg des Front National bei der Präsidentschaftswahl zu verhindern nur kurz am Rande erwähnt. In Videoeinspielungen von jungen National-Identitären kommt ein wenig Volkes Stimme zu Geltung. Die allgemeine Situation im Land und wie der Islam nach dem Wahlsieg des Muslimbruders Mohammed Ben Abbes in die Welt des Protagonisten einbricht, lässt Kimmig dann als Nummernrevue aus gespielten TV- Reportagen, Politikerreden und Gesprächsszenen mit François‘ Kollegen, einem geschassten Geheimdienstmann, und seiner Geliebten Myriam vorbeischnurren. Die schwarze Schauspielerin Lorna Ishema gibt hier alle Frauenfiguren, was ihr erstaunlich gut gelingt. Die Verkörperung von Marine Le Pen mit Blondhaarperücke vor Tricolore ist aber ein ebenso stark ironisierender Verfremdungseffekt wie die Darstellung als hereingefahrene schwarze Jungfrau von Rocamadour kitschig wirkt.

Die religiöse Sinnsuche des Literaturprofessors und Huysmans-Spezialisten François endet abrupt auf der einbrechenden papierenen Himmelsleiter. Weinerlich sucht er Trost in den Armen der Jungfrau. „Ich bin für nichts.“ sagt er einmal zu Myriam. Das weiche, unpolitische Handtuch reagiert relativ apathisch auf das Treiben um ihn. Und sogar die Einflüsterungen der politischen Ziele des neuen muslimischen Präsidenten, die Camill Jammal als Ben Abbes minutenlang zelebriert und sich schließlich zu François ins Bett legt, lässt er ungerührt über sich ergehen.

Die Hauptfigur verliert dabei zusehends an Kontur, was bei einem politisch desinteressierten, des eigenen Lebens überdrüssig gewordenen Niemand ja durchaus stimmig wäre. Unterwerfung als Auslöschung des Individuums und Aufgehen in etwas Größerem. Den handelnden Part übernehmen die anderen für ihn. Er bekommt Anweisungen vom Klinikpersonal, wird gewaschen, macht Hüpfballtherapie und windet sich schmerzverzerrt wegen des juckenden Ausschlags an seinen Füßen.

Für den Vergleich mit einem kranken, handlungsunfähigen Europa reicht das allerdings nicht aus. Es verfälscht zudem die Vorlage, die eigentlich auf provokante Art die innere Leere François‘ mit etwas füllt, das potentiell schon immer da war und es der Figur ohne große Mühe gestattet, wie das Wechseln der Garderobe in eine neue Identität zu schlüpfen. Andockpunkt in der Wertegeschichte des Abendlandes, für die Houellebecq in seinem Roman auch viele Beispiele bringt, gibt es genug. Da ist von linker Kapitalismuskritik über den Katholizismus und seine patriarchalen Familienstrukturen bis hin zu rechtem Nationalismus alles dabei.

Bei Kimmigs François vollzieht sich der Wandel recht schnell und fast wie nebenbei, als der neue Präsident der nun islamischen Sorbonne Rediger, ein gewendeter Nietzsche im Gewand eines Mufti (Wolfgang Pregler im seidenen Morgenmantel), bei ihm die richtigen Knöpfe drückt. Dreimal mehr Gehalt als seine Pension und die daraus resultierende Anzahl von Frauen. Das reicht schon für den Macho im Mann, der sich wie Kimmigs Inszenierung durch die Hintertür aus der Geschichte stiehlt.

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Unterwerfung
nach dem Roman von Michel Houellebecq
Fassung von David Heiligers und Stephan Kimmig
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Sigi Colpe, Musik: Michael Verhovec, Video: Julian Krubasik, Licht: Robert Grauel, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Lorna Ishema, Camill Jammal, Marcel Kohler, Wolfgang Pregler, Steven Scharf.
Premiere am Deutschen Theater Berlin war am 22.04.2016
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 27.04. / 11., 21. und 31.04.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 24.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Unterwerfung – Edgar Selge turnt Michel Houellebecqs Roman am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in der Regie von Intendantin Karin Beier

Mittwoch, Februar 10th, 2016

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Konnte man es schon für einen Coup halten, dass Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung gerade am Tag der islamistischen Attentate auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo erschien, so ist seine Adaptierung für das Theater ein Jahr später, auch wegen der erneuten Terroranschläge, nicht minder brisant. Mit seinen Romanen polarisiert Houellebecq seit jeher nicht nur Frankreich. Ganz bewusst schocken wollte er mit dem Gedankenspiel seines letzten Romans, in dem es im laizistischen Frankreich zum Wahlsieg eines gemäßigten Muslimführers kommt, der die Übernahme der Macht dem breiten Bündnis der liberal-bürgerlichen Parteien von mitte-links bis mitte-rechts verdankt, um eine Präsidentschaft Mariene Le Pens vom rechtsextremen Front National zu verhindern.

Obwohl der Roman lediglich ein recht provokantes Gedankenspiel ist, erntete Houellebecq für seine dystopische Zukunftsvision eines islamischen Frankreichs im Jahr 2022 Kritik aus allen gemäßigten politischen Lagern und leider auch Zustimmung vom rechten Rand. Selbst das bürgerliche Feuilleton war sich nicht einig, ob Unterwerfung eine radikale politische Gesellschaftsanalyse ist oder einfach nur islamophob. Dass der Roman vor allem mit sehr Frankreich-spezifischen Bezügen arbeitet, machen Houellbecqs literarische Überlegungen für Deutschland aber nicht uninteressanter.

 

Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto (c) Klaus Lefebvre

Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Foto (c) Klaus Lefebvre

 

Der Romanheld François ist ein typischer Vertreter der liberalen republikanischen Gesellschaft. Der 43jährige Literaturwissenschaftler und Professor an der Pariser Sorbonne verdankt seine akademische Karriere jenem System aus Resten von sozialdemokratischen Werten und gewissen sozialen Vergünstigungen. Trotzdem ist er weitestgehend unpolitisch und steht allem eher desinteressiert gegenüber. Houellebecq beschreibt hier sehr pointiert die herrschende Agonie in der französischen Gesellschaft und Politik, die nun aber durch das Erstarken der Rechten, offen ausgetragene ethnische Spannungen und das Auftauchen der gemäßigten Muslim-Bruderschaft neue Impulse erhält.

François ist einer der typischen, männlichen Charaktere, wie sie Houellebecq zu Hauf in seinen Romanen beschrieben hat. Er ist opportunistisch, sexuell frustriert und pflegt keine nennenswerten sozialen Kontakte außer den wechselnden Semesterliebschaften mit seinen Studentinnen. Nur die Literatur und seine enge Verbundenheit zu dem Schriftsteller Joris Karl Huysmans, einem Vertreter der Epoche der sogenannten Décadence, haben ihm bisher Halt gegeben. In einer Phase der Enttäuschung und Orientierungslosigkeit hatte dieser sich dem Katholizismus zugewandt. François spirituelle Sinnsuche im Kloster scheitert aber an seiner inneren Leere und lässt ihn schließlich aus ganz materiellen und körperlichen Beweggründen zum Islam konvertieren.

Auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses Hamburg spielt in der Regie von Intendantin Karin Beier der bekannte Film- und Theaterschauspieler Edgar Selge diesen innerlich abgestumpften und äußerst widersprüchlichen Charakter. Seine Verwahrlosung macht sich schon allein äußerlich bemerkbar. Selge trägt zunächst Parker zu wirrem Haarschopf und einen nichtssagenden, beigen Anzug. Die Ähnlichkeiten zum Autor Houellebecq sind hier sicher nicht rein zufällig. Er spielt vor dem durch eine Sperrholzwand geschlossen Bühnenraum, in die Olaf Altmann eine drehbare Trommel mit kreuzförmiger Öffnung gebaut hat. Das sich beständig drehende Symbol des christlichen Glaubens wird von Selge immer wieder beklettert. Hier macht er es sich bequem. Ändert das Kreuz die Lage, passt sich der Schauspieler an oder verlässt den einengenden Raum.

 

Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto (c) Klaus Lefebvre

Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Foto (c) Klaus Lefebvre

 

Edgar Selge bestreitet den Abend solo, was kein Problem ist, da Houellebecqs Roman ein eloquent erzählter Strom aus François‘ Gedanken und einigen wenigen Dialogen ist. Seine Gesprächspartner mimt Selge mit teils verstellter Stimme oder einer Änderung der Körperhaltung, die das Gegenüber charakterisieren soll. Das funktioniert über weite Strecken des gut zweieinhalbstündigen Abends, auch wenn Selges Vortrag oft ein wenig zu sehr in den ironischen Plauderton kippt. Er stellt die Figur aus, gibt sie vielleicht sogar ein wenig der Lächerlichkeit Preis. Die zeitweise recht sarkastischen Äußerungen François‘ z.B. zum Patriarchat oder seine Pseudophilosophien über Kochtopffrauen und Dirnen geben dazu allerdings auch jeden erdenklichen Anlass.

François ist der Sklave seiner sexuellen Phantasien und allen erdenklichen erotischen Reizen zugetan. Die expliziten Sexschilderungen mit seiner jüdischen Ex-Freundin Miryam und etlichen Escort-Damen erspart uns Selge nicht. Ansonsten ergeht sich der sehr ich-bezogene Mann seinem Selbstmitleid, alltäglichen Lebensplagen wie seinem verhassten Lehr-Job an der Uni, der Angst vorm Älterwerden ohne Partner und kleineren körperlichen Gebrechen wie Hämorriden und Ausschlag an den Füßen. Selge schmiert sich Salbe an die Füße und ins Gesicht und gibt damit eine grotesk clowneske Figur ab. Er schleppt Einkaufstüten in sein Kreuzverließ, isst, trinkt Wein und verfolgt den sich vollziehenden Wandel als passiver Teilnehmer am Fernseher oder in Gesprächen mit Kollegen.

Bei all dem sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass es außer um die Lebenskrise eines mittelmäßigen westlichen Mannes ohne besondere Eigenschaften, sieht man mal von seinen intellektuell verbrämten Machismen ab, auch um einen gesellschaftlichen Wandel geht. Der vollzieht sich im Roman wie auf der Bühne nach der großen Koalition aller Parteien mit dem neuen Staatspräsidenten Ben Abbés ohne große Aufregung. Etwas, das vor allem François auffällt: Die Frauen verschwinden aus dem öffentlichen Leben. Aus der Uni ausgeschieden begegnet er dem Präsidenten der jetzt islamischen Sorbonne, Robert Rediger, einem ehemals konservativen Katholiken und Nietzscheaner, der ihm schmeichelt und ihn bei seinem Ego packt. Die Aussicht auf Geld und ein unkompliziertes, patriarchal organisiertes Eheleben mit drei Frauen machen es François leicht, sich einem Gott zu unterwerfen. Echte spirituelle Gedanken spielen bei der Abwendung vom Laizismus allerdings kaum eine Rolle.

Selge legt nach und nach seine Kleider ab, ein Prozess des inneren wie äußeren Verfalls und der Auferstehung im reinen Weiß eines unbeschriebenen Blattes. François hat nichts zu bereuen und sieht in der Konversion eine zweite Chance für sein verkorkstes Leben. Das Trommelkreuz fährt nach hinten weg und lässt ein großes Loch. Dass nun auch noch die vorher schon desöfteren erwähnten Burka-Mädchen auftauchen und die Bühne leer räumen, ist nur ein Verweis auf Kommendes, das zu diskutieren die Regisseurin allerdings unterlässt und sich ganz auf die Kunst ihres Mimen verlässt.

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Unterwerfung (SchauSpielHaus, 06.02.2016)
von Michel Houellebecq
Ein Monolog mit Edgar Selge
Regie: Karin Beier, Bühne: Olaf Altmann, Licht: Rebekka Dahnke, Kostüm: Hannah Petersen, Dramaturgie: Rita Thiele
Deutschsprachige Erstaufführung am 06.02.2016 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Dauer: Zwei Stunden, vierzig Minuten, eine Pause

Termine: 17.02. / 03., 16., 26.03.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.de

Zuerst erschienen am 08.02.2016 auf Kultura-Extra.

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„Les Particules élélmentaires“ nach Michel Houellebecq inszeniert vom französischen Nachwuchsregisseur Julien Gosselin und ein kleines Fazit der FOREIGN AFFAIRS 2014.

Donnerstag, Juli 17th, 2014

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20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz Fotos: St. Bock

20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz –
Fotos: St. Bock

Nach einem leicht verkorksten Start mit Ende einer Liebe von Pascal Rambert und Van den vos von FC Bergman, konnte sich das Theater-, Tanz- und Performance-Festival FOREIGN AFFAIRS unter dem Dach der Berliner Festspiele doch noch zu einigen wenigen Höhepunkten aufschwingen. Vor allem der Fokus „Musée de la danse“ um den Choreografen Boris Charmatz (u.a. 20 Dancers for the XX Century) und andere Tanzperformances wussten letztendlich das Publikum zu begeistern. Interessant wird Theater immer dann, wenn es ausgetretene Pfade, sprich die Bühne, verlässt und sich ein neues Terrain, im besten Fall den es umgebenden Stadtraum erobert. Das wusste schon Ex-HAU-Chef Matthias Lilienthal, und Boris Charmatz machte es ihm nun nach.

20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz - Fotos: St. Bock

20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz –
Fotos: St. Bock

Beim Flanieren auf dem geschichtsträchtigen Areal des Sowjetischen Ehrenmals in Berlin-Treptow konnte man seinen Tänzer dabei zusehen, wie sie allein oder in kleinen Gruppen über das weitläufige Gelände verteilt kurze Ausschnitte aus einhundert Jahren modernem Tanz performten. Von Strawinskys Sacre du Printemps über Choreografien von Pina Bausch und Merce Cunningham bis hin zu Hip-Hop und Breakdance, die Tanzgeschichte des Zwanzigsten Jahrhundert erfüllte zwei Tage lang den sonst so martialischen wie gleichermaßen sterilen Ort. Sehr passend dazu auch Reinhild Hoffmanns Performance aus den 1980ern vor in Stein gemeißeltem Stalinspruch zur Stimme Heiner Müllers, der vom Band seinen Horatier deklamierte.

Chto Delat - Our Paper Soldier bei den Wiener Festwochen - Foto: St. B.

Chto Delat, Our Paper Soldier bei den Wiener Festwochen – Foto: St. B.

So viel Ahnenverklärung an steinernen Denkmälern ist die Sache des russischen Künstlerkollektivs Chto Delat nicht. Sie praktizieren lieber den modernen geistigen Denkmalsturm mittels der Hinterfragung des Sinns von Monumenten zur Erinnerung an denkwürdige Ereignisse der Geschichte. Nur dumm, dass ihr großer „Paper Soldier“ von den WIENER FESTWOCHEN herübergerettet und als Anschauungsobjekt vor das Haus der Berliner Festspiele gestellt, bereits vor dem Start der Foreign Affairs nächtens abgefackelt wurde. Das gab zumindest genügend Stoff für ihre als Symposion getarnte Gesprächsperformance What is monumental today? Die Frage, wer den Brand gelegt haben könnte, stand allerdings auch etwas hinderlich vor der eigentlich wichtigeren Erörterung, wie sich eine kollektive und meistenteils vorbestimmte Erinnerungskultur in der heutigen demokratischen Gesellschaft in den Köpfen der Menschen auswirkt.

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Ein weiteres Achtungszeichen setzte das Festival dann fast am Ende mit der Vorstellung der französischen Theater-Produktion Les Particules élélmentaires. Der 1998 erschienene Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq ist in Deutschland einer breiteren Masse nicht nur durch die recht erfolgreiche Verfilmung Elementarteilchen (2006) von Oskar Roehler mit einem kleinen Starensemble (u.a. Martina Gedeck, Nina Hoss, Franka Potente, Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen) bekannt. Auch auf den Theaterbühnen des Landes ist Houellebecq kein Unbekannter. Von Frank Castorf, der bereits im Jahre 2000 kurz nach Erscheinen des Romans eine Version an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke und Herbert Fritsch in den Hauptrollen inszenierte, bis zu Johan Simons, der 2004 am Schauspielhaus Zürich (Theatertreffen 2005) Regie führte, erfreuen sich die Elementarteilchen auch weiterhin großer Beliebtheit. Nun wurden wir mit einer französischen Variante des Stoffs beglückt.

Der 27 Jahre junge Regisseur Julien Gosselin inszenierte Houellebecqs viel diskutierten Gesellschaftsroman tatsächlich als Erster in dessen Heimatland. Das liegt sicherlich auch daran, dass Romanadaptionen eher ein Phänomen der deutschen Theaterlandschaft sind. Die Premiere fand beim großen französischen Festival d’Avignon 2013 statt. Seitdem gilt Gosselin als Shooting Star der internationalen Theaterszene und wurde mit seiner Inszenierung auch zum Festival RADIKAL JUNG 2014 nach München eingeladen. Dort gab es dann fast erwartungsgemäß den Publikumspreis. Gosselin scheint mit seiner frischen, unkonventionellen Art zeitgenössische Stoffe zu inszenieren einen Nerv getroffen zu haben. Er gibt dafür u.a. Nicolas Stemann, Jan Lauwers und Romeo Castellucci als Vorbilder an. Ersterer scheint es dem Absolventen der EPSAD in Lille in diesem Fall besonders angetan zu haben.

Les Particules élémentaires - Foto (C) Simon Gosselin

Les Particules élémentairesFoto (C) Simon Gosselin

Auf mit grünem Kunstrasen ausgelegter Bühne sitzen auf Podesten am Rand Livemusiker und unterlegen die Inszenierung mit einem dichten Elektrosoundteppich. Genau wie bei Stemanns Theaterperformances sind hier alle Darsteller ständig anwesend und übernehmen wechselnd die Rollen der Romanfiguren. Im ersten Teil vor der Pause überwiegt dabei ein munteres Erzählen. In Solo- und Gruppenspielszenen werden die beiden Hauptfiguren und ungleichen Halbbrüder Michel (Antoine Ferron) und Bruno (Alexandre Lecroc) vorgestellt. Dabei fällt v.a. der in jeder Hinsicht sexuell immer zu kurz gekommene, vollkommen schwanzgesteuerte und tittenorientierte Bruno mit Sonnenbrille und Cowboyhut auf. Ein männliches Heteroklischee schlechthin. Ein Großteil nimmt sein verzweifelter Ausflug in ein esoterisch angehauchtes New-Age-Camp zwecks sexuell ungezügelter Beziehungsanbahnung ein.

Der zwischenmenschlich und psychisch gescheiterte Bruno findet sein kurzes Glück mit der in jeder Beziehung offenherzigen Christiane, die das Komplizierte in ihren vorherigen Beziehungen dem reinen uneingeschränkten Genuss vorzieht. Dem gegenüber steht Michel als großer Grübler in der verkorksten Familie. Die Inszenierung lässt nichts aus, um die vielen Liebschaften und Egotrips der dem uneingeschränkten Individualismus und sexuellen Selbstverwirklichungstrieb frönenden Mutter Jane inklusive ihrer komplizierten Beziehungszusammenhänge per Videoeinblendung zu beschreiben. Michel ist sexuell eher desinteressiert und widmet sich ganz der wissenschaftlich technischen Weiterentwicklung der Gesellschaft. Sein verspäteter sexueller Ankerpunkt wird die Freundin aus Kindertagen, Annabell, eine vom Leben frustrierte Frau, die im ganz rational denkenden Michel ihre letzte Chance auf ein Glück mit erfülltem Kinderwunsch sieht.

Den Brüdern und ihren beiden Geliebten wird dieses Glück dann aber nicht vergönnt. Der vergängliche Körper schlägt ihnen ein Schnippchen. Anstatt sich wie Bruno in den Wahnsinn zu flüchten, geht Michel das Problem frontal didaktisch an. Wo Frank Castorf lustvoll dekonstruierte und auch spielerisch völlig überagierte, führte Johan Simons feinstes Debattier-Theater auf. Gosselins Elementarteilchen bewegen sich hier irgendwo dazwischen. Ähnlich wie die flüchtigen Bauteile der Materie zerfällt seine Inszenierung auch auffällig in zwei sehr unterschiedliche Teile. Erst ausgelassener Spaß mit Rockmusik und Slapstick, dann wieder längere Erzählpassagen mit erklärender Videounterstützung. Anders lassen sich Houellebecqs zuweilen zynische, ausufernde Gedankenschleifen wohl auch nicht bändigen. Houellebecq schlägt z.B. in einem weitschweifigen Kapitel die gedankliche Brücke vom Wiener Aktionismus über die sexuell befreiten 68er und spirituelle Atmosphäre der Hippies bis ins Zeitalter der brutalen nihilistischen Serienkiller. Gott ist tot, alles ist erlaubt. Das ist sicher schwer auf der Bühne darstellbar. Hier intoniert der verhinderte Rockstar und satanische Ritualmörder David Di Meola ein herzzerreißendes „Nights in White Satin“.

Les Particules élémentaires - Foto (C) Simon Gosselin

Les Particules élémentairesFoto (C) Simon Gosselin

Dagegen wendet sich nun die Idee Michels, Liebe, Sex und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Der Mensch erhebt sich selbst zum Gott. Im Video spricht eine kettenrauchende Reporterfigur im Parker wie ein Houellebecq-Look-Alike mit einer ehemaligen Mitarbeiterin des Molekularbiologen. Das ist dann aber auch schon fast alles, was hier an den Wissenschafts- und Gesellschaftsdiskurs erinnert, den Houellebecq mit seinem Roman anstoßen wollte. Eine echte philosophische Auseinandersetzung wie zum Beispiel mit Aldous Huxleys Roman Schöne Neue Welt scheint Gosselin dann eher doch zu scheuen. Was das nun mit der Neoliberalisierung und Ökonomisierung der menschlichen Gefühle und Beziehungen zu tun hat, erfährt man u.a. bei René Pollesch. Elend lang gerät die erzählerische Passage, die Michel nach dem Freitod der an Unterleibskrebs erkrankten Annabell nach Irland führt und dort an einem Forschungsinstitut die Grundlagen für den neuen Menschen finden lässt. Sein spurloses Verschwinden und die späteren Diskussionen beim Aufgreifen seiner Theorien werden im Schnelldurchlauf und wieder per Videoeinspielung abgehandelt.

Das Problem an Gosselins Inszenierung ist aber, dass es Houellebecq durchaus ernst meint, mit seiner These eines geklonten Menschen ohne Liebesproblemchen und Sinnkrisen. Das scheint auch Gosselin zu wissen und schiebt daher einen Epilog nach, in dem die den Göttern gleichen neuen Menschen 2076 von der Bühne der immer noch stattfindenden FOREIGN AFFAIRS mildtätig auf die Art dem Affen ähnlichen Menschen, die sie bereits hinter sich gebracht haben, herunter blicken und uns zuprosten. „Dieses Bühnenstück ist dem Menschen gewidmet.“ kann man dazu auf der Videoleinwand lesen. Wie schön zu wissen. Aber leider kommt dadurch auch alles Vorangegangene doch wieder einem lustigen Kindergeburtstag näher als einer ernst zu nehmenden Auseinandersetzung mit Houellebecqs Roman. Und dennoch ist das darstellerisch bei Weitem noch das Beste, was die FOREIGN AFFAIRS von Matthias von Hartz in diesem Jahr in Sachen Schauspiel zu bieten hatten.

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Alles in allem ein auserlesenes und sicher auch aufwendig arrangiertes Programm, das leider zwischen dem Ende der langen Theatersaison und dem bald anstehenden TANZ IM AUGUST etwas ungünstig terminiert wirkt. Und warum das Ganze überhaupt eines eigenen Festivals bedarf, weiß nach drei Jahren FOREIGN AFFAIRS, zwei davon kuratierte bisher Matthias von Hartz, so recht auch immer noch keiner. Der Performance-Wanderzirkus der immer gleichen Gesichter gastiert immerhin auch jährlich am Berliner HAU. Da bedarf es wohl noch einiger guter Argumente und Optimierungsvorschläge mehr, um die FOREIGN AFFAIRS endgültig dauerhaft im Berliner Kulturkalender und dem Gedächtnis sowie in der Wahrnehmung  eines breiteren Publikums zu etablieren.

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Elementarteilchen / Les Particules élélmentaires
nach Michel Houellebecq
Eine Produktion von Si vou pouviez lécher mon coeur
Regie und Bühnenbild: Julien Gosselin, Licht: Nicolas Joubert, Video: Pierre Martin, Ton: Julien Feryn, Musik: Guillaume Bachelé, Kostüm: Caroline Tavernier.
Mit: Guillaume Bachelé, Joseph Drouet, Denis Eyriey, Antoine Ferron, Noémie Gantier, Carine Goron, Alexandre Lecroc, Caroline Mounier, Victoria Quesnel, Tiphaine Raffier.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/ueber_festival_fa/aktuell_fa/start.php

Zuerst erschienen am 15.07.2014 auf Kultura-Extra.

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