Archive for the ‘Milo Rau’ Category

„Real Magic“ und „Five Easy Pieces“ – Vermeintlich kleine Off-Theater-Produktionen von Forced Entertainment und Milo Rau begeistern beim 54. Theatertreffens in Berlin

Mittwoch, Mai 17th, 2017

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„No, you are wrong, Jerry. Swap!” – Forced Entertainment vollführen mit Real Magic einen Loop des Lebens im HAU 2

Am vierten Tag wurde das 54. Theatertreffens der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum mal wieder international. Die Jury hat die britische Experimentaltheatertruppe Forced Entertainment mit ihrer europa- und amerikaweiten Koproduktion Real Magic nach Berlin eingeladen. Mitproduziert hat auch das Hebbel am Ufer, wo diese kleine Perle der Performancekunst, die im Mai 2016 im PACT Zollverein Essen Premiere hatte, schon im letzten Juni zu sehen war. Sie ist natürlich in englischer Sprache. Eine sonst übliche Übertitelung würde sich hier verbieten, da das Spiel der 1984 in Sheffield gegründet Künstlergruppe unter der Leitung von Tim Etchells ähnlich wie Monty Python von ihrem britischen Mutterwitz lebt.

Forced Entertainment verbinden Schauspiel mit Installation, Performance, digitaler Medienkunst und Film, passen also bestens ins Programm der diesjährigen 10er-Auswahl, die nach Abzug der aus schon erwähnten Gründen nicht beim Theatertreffen gezeigten Räuber– und Schimmelreiter-Inszenierungen aus München und Hamburg zum größten Teil multimedial oder anderweitig Genre-übergreifend daherkommt. Selbst die dröge Glashaus-Assemblage Drei Schwestern von Simon Stone aus Basel ist mehr Mikroport-tönende Bild-Klang-Installation als herkömmliches Sprechtheater.

Gesprochen wird bei Real Magic eigentlich auch recht viel, aber eben auch pausenlose 90 Minuten in Schleife. Der Plot ist schnell erzählt. Die drei Akteure Jerry Killick, Richard Lowdon und Claire Marshall performen eine absurde Game-Show, in der ein Spieler mit verbundenen Augen erraten muss, an was für ein Wort ein zweiter Spieler gerade denkt und auf einem beschriebenen Schild sichtbar hochhält. Vom Spielleiter, der an einem Mikrofonständer zwischen den beiden steht, bekommt der Rater dafür drei Versuche. Im Wechsel werden Schilder mit den Worten „Caravan“, „Algebra“ oder „Sausage“ hochgehalten. Natürlich geht dabei die Wahrscheinlichkeit, dass der eine Spieler die Gedanken des anderen errät, gegen Null. Mit an Irrsinn grenzender Penetranz wird erst „Electricity“, dann „Hole“ und schließlich „Money“ als Lösung angeboten.

 

Real Magic von Forced Entertainment
Foto (c) Hugo Glendinning

 

Und so scheitern dann auch alle drei immer wieder im ständigen Wechsel, ein ums andere Mal. Dass dies nicht langweilig wird, liegt am virtuosen Spiel der Performer, die alle Register ihres Könnens ziehen. Es entspinnt sich ein irrwitziger Reigen aus Rollen-, Kostüm- und Tempowechseln, gemischt mit Slapstick, Elementen der TV-Comedy und des schräges Kabaretts mit von der Konserve eingespielten Lachern. Eine Persiflage auf die Unterhaltungsindustrie mit ihren billigen Rate- und fragwürdigen Zauber-Shows, aber auch eine Kritik am Sinn und Unsinn eines Lebens im Loop.

Natürlich ist in erster Linie Samuel Beckett, der Meister des theatralischen Scheiterns, ein Vater des Gedankens, das moderne Leben auf eine sinnlose Gameshow zu reduzieren. Die drei ziehen sich immer wieder gelbe Hühnerkostüme über, vollführen einen albernen Chicken-Dance als Pauseneinlage und beginnen ihr sinnloses Tun trotzt beständigem Scheitern immer wieder von vorn. Aber so sehr sich der eine auch anstrengt und der andere ihm das Schild schon vor die mittlerweile nicht mehr verbunden Augen hält, die Anweisung des Showmasters „Think harder!“ führt nur zu komischen Verrenkungen. Selbst mehrmaliges Nachfragen und schließlich Einflüstern hilft nicht.

Letztendlich bleibt die Antwort immer die falsche. Scheitern, Wechsel und Neubeginn sind vorprogrammiert. Tiefer führende Gedanken an politische Verkrustung, ans ständige Wegschauen und alternativlose Weitermachen werden dem Spiel im Programmheft impliziert. Sogar Grenzschließungen und Brexit angeführt. Wer mag, kann in den pantomimischen Einlagen und Wortspielen wie „Hole in the Pocket“ oder „The whole World“ danach suchen. In Real Magic spiegelt sich die Tragik des Lebens in der Komödie. Und diese gibt es hier satt und relativ unverkopft, was für einen frischen Wind auf dem Theatertreffen sorgt und in seiner unverkrampften Leichtigkeit eine durchaus bemerkenswerte Magie ausstrahlt.

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Real Magic (HAU 2, 09.05.2017)
Idee und Konzept: Forced Entertainment
Künstlerische Leitung: Tim Etchells
Lichtdesign: Jim Harrison
Design: Richard Lowdon
Produktionsmanagement: Jim Harrison
Mit: Claire Marshall, Richard Lowdon, Jerry Killick
Koproduktion: PACT Zollverein, Essen / HAU Hebbel am Ufer, Berlin / Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt / Tanzquartier Wien / ACCA Attenborough Centre for the Creative Arts, University of Sussex / Spalding Gray Consortium – On the Boards, Seattle / PS122 NYC / Walker Art Center, Minneapolis / Warhol Museum, Pittsburgh
Die Uraufführung war am 04.05.2016 im PACT Zollverein Essen
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.pact-zollverein.de
http://www.hebbel-am-ufer.de

Zuerst erschienen am 10.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Der Schweizer Theatermacher Milo Rau erhält für sein Theaterstück Five Easy Pieces über den belgischen Kindermörder Dutroux den 3sat-Preis des 54. Theatertreffens

Mit Five Easy Pieces vom Schweizer Theatermachers Milo Rau gab es auf dem an performativen Formaten nicht armen 54. Theatertreffen eine weitere ziemlich bemerkenswerte Inszenierung. Rau hat dabei (wie sooft in seinen Stücken) zu einer wahren Begebenheit, hier zum Fall des belgischen Kindermörders Marc Dutroux, recherchiert und lässt das Material in einer Form des reflektierenden Reenactment szenisch performen. Die Besonderheit ist diesmal, dass er dafür sieben belgische Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren besetzt hat, die angeleitet vom Schauspieler Peter Seynaeve den Stoff in einer Art gespieltem Probenprozess erarbeiten.

 

Five Easy Pieces beim 54. Berliner Theatertreffen
Foto (c) Phile Deprez

 

Wie immer geht es Rau dabei natürlich auch um das Medium Theater selbst. Schon mit dem vorangestellten nachgespielten Casting befragt der Regisseur – hier stellvertretend durch Peter Seynaeve – seine Methode der Darstellung. So sollen die Kinder, die dabei nacheinander vorgestellt werden, erzählen, was sie am Theaterspielen interessiert, welche Rollen sie gern übernehmen wollen, oder sie führen kleine Kostproben ihres Können wie Klavier- und Akkordeonspiel oder Tanz- und Gesangseinlagen vor. Immer dabei ist die obligatorische Livekamera, deren Bilder auf einen großen Videoscreen übertragen werden. Die Kinder und ihre Vorstellungen bleiben so im direkten Fokus.

Man merkt sofort, dass den Kindern Theaterspielen nicht fremd ist. Milo Rau kooperiert für Five Easy Pieces mit dem Theater CAMPO Gent, das schon seit Jahren mit Kindern Theater für Erwachsene macht. Die Frage steht trotzdem im Raum und wird auch diskutiert, ob der Regisseur hier nicht Kinder für seine Ziele ausbeutet. Eine moralische Frage, der man sich nicht ganz entziehen kann, und die in den einzelnen Spielszenen auch immer mitschwingt. Eine weitere Gedankenebene zieht Rau mit der Thematisierung der belgischen Kolonialvergangenheit ein. In einem ersten Video wird von erwachsenen Schauspielern die Feier zur Entlassung des Kongo in die Unabhängigkeit gespielt. Die Szene wird von den Kindern in Kostümen parallel reenactet und gesprochen. Rau nutzt die Parallelität der geschichtlichen Ereignisse zur Kindheit Dutroux‘, der im Kongo als Sohn eines Soldaten aufwuchs, um zwei Geschichten unaufgearbeiteter Vergangenheit zu beleuchten.

 

Five Easy Pieces beim 54. Berliner Theatertreffen
Foto (c) Phile Deprez

 

Rede und Ermordung des ersten Ministerpräsidenten des Kongo, Patrice Lumumba, sowie die Ereignisse um die späteren Kindermorde Marc Dutroux‘ sind für Rau doppeltes Trauma eines Landes, in dem die Bilder beider Männer jedem Kind präsent sind. In einem vor Livekamera nachgespieltem Interview erzählt Maurice Leerman, der unbedingt geschminkt einen alten Mann darstellen wollte, als Dutroux‘ Vater dessen Geschichte. Und so steigen die Kinder immer wieder in die Rollen von Polizisten, die den Tatort begehen und vor der Kamera über die Ermittlungen und deren politische Pannen berichten, oder die der Eltern eines der entführten Kinder, wenn sie davon erzählen, wie sie die Nachricht des Todes ihrer Tochter erfahren haben.

Das sind natürlich hochemotionale Momente, die allerdings dadurch gebrochen werden, dass (wie am Filmset) Takes wiederholt werden oder gar ein Tränenstift zum Einsatz kommt. In kleinen Runden zwischendurch reflektieren die Kinder zusammen mit ihrem Regisseur über den Tod, das Töten oder die Trauer. An seine Grenzen gerät das Format, wenn die erst 8jährige Rachel Dedain den Brief eines entführten Mädchens aus ihrem Kellerverlies vorliest und Peter Seynaeve die sich schämende Rachel auffordert, sich wie verabredet bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Die Problematik von Macht und Ohnmacht bleibt hier immer präsent. Letztendlich zeigt aber die Souveränität, mit der die Kinder ihre Rollen ausfüllen, dass ihnen die Konfrontation mit der Wahrheit zumutbar ist.

Den Titel Five Easy Pieces hat Milo Rau den Klavierstücken für Kinder von Igor Strawinsky entlehnt. Thematisch umkreist er sein Rechercheobjekt Dutroux in fünf als Proben angesetzten Übungen für Theater mit den Überschriften: Vater und Sohn, Wunschtraum Schauspieler, Versuch über die Unterwerfung, Allein in der Nacht und Was sind Wolken. Im letzten Kapitel erzählt Polly Persyn die Geschichte eines Marionettentheaters, deren Puppen noch nie Wolken gesehen haben und erst nach der Pleite des Theaters ohne ihre Fäden auf der Müllkippe erstmals den Himmel sehen. Eine schöne Parabel auf die Ambivalenz von Abhängigkeit und Freiheit. Raus Theater verbindet hier auf wundersame Weise das kathartische Spiel mit dem epischen Theater Brechts, indem es die Kinder ihre Sicht der Dinge und die Darstellbarkeit des vermeintlich nicht Darstellbaren vorführen lässt. Man bleibt davon nicht unberührt. Milo Rau bekam nach der Premiere auf dem Festival für seine Inszenierung den 3sat-Preis überreicht. Eine durchaus vertretbare Entscheidung.

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Five Easy Pieces (Sophiensæle, 13.05.2017)
von Milo Rau und Ensemble
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüm: Anton Lukas
Video und Sound: Sam Verhaert
Dramaturgie: Stefan Bläske
Von und mit: Rachel Dedain, Maurice Leerman, Pepijn Loobuyck, Willem Loobuyck, Polly Persyn, Peter Seynaeve, Elle Liza Tayou, Winne Vanacker
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Die Uraufführung beim Kunstenfestivaldesartes Brüssel war am 14. Mai 2016
Die Berlin-Premiere in den Sophiensælen war am 1. Juli 2016
Weitere Termine auf dem Theatertreffen: 20. und 21. Mai 2017 im Haus der Berliner Festspiele

Infos: http://www.campo.nu ; http://www.kfda.be

http://international-institute.de/

Zuerst erschienen am 15.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Spielzeitbeginn an der Berliner Schaubühne und dem Maxim Gorki Theater mit Recherchestücken von Milo Rau und Yael Ronen

Mittwoch, September 14th, 2016

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Im Fluss der Geschichten – Empire von Milo Rau verhandelt die tragische Verquickung von europäischen mit außereuropäischen Schicksalen.

Der Fluss als Metapher für das Vergehen von Zeit, verflossenes Leben, vergangene Schicksale und als Transporteur von Geschichte. Alles hängt mit allem zusammen, nichts bleibt wie es ist oder: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. So ähnlich steht es schon beim griechischen Philosophen Heraklit. Alles ist im Fluss und nichts bleibt. Damit etwas bleibt, muss es erzählt und dokumentiert werden. Denn auch das sagt der alte Philosoph: „Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.“ Ein Sammelsurium an verschiedenen Geschichten.

Nichts anderes sammelte auch der Dokumentartheatermacher Milo Rau für seine Europa-Trilogie, die nach The Civil Wars (2014) und The Dark Ages (2015) nun mit dem Stück Empire zu Ende geht. Der Abend ist nach der Uraufführung vor einer Woche beim Theaterspektakel Zürich in der mitproduzierenden Berliner Schaubühne angekommen…

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Die Donau ist so ein geschichtsträchtiger Strom, der im Herzen Europas entspringt und an dessen Grenze ins Mittelmeer fließt. In der Antike von den Römern mare nostrum (unser Meer) genannt, hat es durch Fluchtbewegungen, die sich infolge des syrischen Bürgerkriegs noch verstärkt haben, eine traurige Bedeutung erlangt. Ein anderer Fluss ist der Tigris in Vorderasien, der aus dem kurdischen Teil der Türkei kommend einen Teil der Grenze zu Syrien bildet und nach seinem Weg durch den Irak im Persischen Golf mündet. Dort, im sogenannten Zweistromland, das der Tigris mit dem Euphrat bildet, entwickelte sich noch vor der Antike, die erste Hochkultur der Menschheitsgeschichte.

Hochkulturen kommen und gehen. Deren Geschichten und Mythen rund um die großen Flüsse bleiben. Der griechische Filmregisseur Theo Angelopoulos beschreibt in seinem 1995 gedrehten Film Der Blick des Odysseus die Odyssee eines Regisseurs auf der Suche nach alten Filmrollen durch die von Krieg und politischem Wandel gezeichneten Staaten des Balkans, die auch schon Thema in Teil 2 von Milo Raus‘ Europa-Trilogie waren. Die persönlichen Geschichten seiner aus ihrem Leben berichtenden ProtagonistInnen bewegten sich aus der Mitte Europas über dessen Ränder bis in den sogenannten Nahen Osten. Auch eine dramatische Reise von Tschechows Kirschgarten über Shakespeares Hamlet bis zu Medea, der griechischen Tragödie des Euripides.

Die tragische Verquickung von europäischen mit außereuropäischen Schicksalen. Die nicht immer glücklichen Wechselwirkungen dieser Geschichte wirken bis heute nach. Milo Rau nennt hier in einem Interview im Programmheft u.a. das Sykes-Picot-Abkommen von 1916, in dem Frankreich und Großbritannien ihre Einflusssphären im untergehenden Osmanischen Reich festschrieben. Die Kurden wurden durch die willkürlich gezogenen Grenzen auf drei Länder (Irak, Syrien, Türkei) verteilt, in denen sie bis heute eine ungeliebte Minderheit bilden. Auch der bis heute schwelende Nahostkonflikt ist nicht unwesentlich auf die westeuropäische Einflussnahme zurückzuführen.

 

Empire von Milo Rau in der Berliner Schaubühne - Foto (c) Marc Stephan

Empire von Milo Rau in der Berliner Schaubühne
Foto (c) Marc Stephan

 

All das kommt in Empire nur am Rande vor in den Erzählungen des Syrers Rami Khalaf und des syrischen Kurden Ramo Ali. Beide sind sie auch Schauspieler, spielen hier aber keine Rollen, sondern tragen ihre eigenen Familiengeschichten vor, die auch Generationenkonflikte beschreiben und sich schicksalhaft mit den politischen und religiösen Verwerfungen in ihrem Land verknüpfen. Sie wurden nach der Teilnahme an Demonstrationen gegen das Assad-Regime während der syrischen Revolution inhaftiert. Rami Khalaf konnte nach Paris fliehen, wo er einige Zeit bei einem arabischen Radiosender arbeitete. Später suchte er unter 12.000 Fotos von Folteropfern das Gesicht seines vermissten Bruders.

Ramo Ali durchlitt im Gefängnis von Palmyra die Folter. Die Gespräche mit einem der Verhörer sieht er im Nachgang wie eine Psychotherapie, bei der er sich erst richtig kennengelernt hat. Nach der Flucht nach Deutschland reiste er wieder zurück über die Türkei und den Grenzfluss Tigris nach Nordsyrien, wo er mit 13 Geschwistern aufwuchs, um das Grab seines Vaters zu besuchen. Ein Vater, der ihn schlug, um einen starken Mann aus ihm zu machen. Das hat ihn geprägt.

Übrigens ist der gut behütete Talisman des Muslim Ramo Ali ein Kettchen mit dem Bildnis der Jungfrau Maria. Die hat die rumänische Schauspielerin Maia Morgenstern in Mel Gibsons als antisemitisch verschrienen Film The Passion of Christ verkörpert. Das hat der Jüdin, deren Familie von den Nazis aus Weißrussland vertrieben wurde und deren Großvater Im KZ war, viel unschöne Kritik eingetragen. Heute leitet sie das Jüdische Theater in Bukarest. Sie erzählt vom schwierigen Leben in der Ceaușescu-Diktatur und der Trennung von ihren Kindern, wegen der langen Arbeit mit dem Regisseur Angelopoulos am Dreh von Der Blick des Odysseus, dessen Filmkomponistin Eleni Karaindrou auch den getragenen Soundtrack der Aufführung geschaffen hat und dessen starkes Bild mit einem abgebauten Lenindenkmal auf einem Donaukahn lange nachwirkt.

Eine lange Odyssee von Odessa über Wladiwostok auf der Flucht vor den Bolschewiki nach Thessaloniki haben auch die Großeltern des griechischen Schauspielers Akillas Karazissis hinter sich. Nun kann auch er von seiner Exil-Geschichte nach der Flucht vor den griechischen Militärputschisten berichten. Fast wie in einem Fassbinderfilm erlebte er im Deutschland der 1960er Jahre die erste Freiheit ebenso wie den Ausländerhass. Als Grieche vom Dienst machte er Erfahrungen am deutschen Stadttheater und ist heute ein gefragter Tragödiendarsteller am Theater von Epidauros.

Was die vor Live-Kamera und spartanischer Wohnküche, die zuvor auf der Vorderseite noch eine zerschossene Hausfassade zeigte, vorgetragenen Geschichten verbindet, ist ihre unspektakuläre und doch emotional dichte Erzähldramaturgie, die die Erfahrungen von Krieg, Leid, Flucht und Leben im Exil auch einem westeuropäischen Publikum eindrucksvoll nahezubringen vermag. Eine Kraft, die sich allein mit schnellen, medialen Bildern von Menschentragödien nicht vermitteln lässt.

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EMPIRE (Schaubühne, 08.09.2016)
Eine Produktion von Milo Rau / International Institute of Political Murder (IIPM)
Premiere war am 01.09.2016 beim Zürcher Theater Spektakel
Berlin-Premiere war am 08.09.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Konzept, Text und Regie: Milo Rau
Musik: Eleni Karaindrou
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Video: Marc Stephan
Dramaturgie und Recherche: Stefan Bläske, Mirjam Knapp
Sounddesign: Jens Baudisch
Technik: Aymrik Pech
Produktionsleitung: Mascha Euchner-Martinez, Eva-Karen Tittmann
Text und Performance: Ramo Ali, Akillas Karazissis, Rami Khalaf, Maia Morgenstern
Eine Produktion des IIPM – International Institute of Political Murder. In Koproduktion mit dem Zürcher Theater Spektakel, der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin und dem steirischen herbst festival Graz
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Sprache: Arabisch, Griechisch, Kurdisch, Rumänisch mit deutschen Untertiteln

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 09.09.2016 auf Kultur-Extra.

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Denial – Yael Ronen und Ensemble versuchen sich in ihrem neuen Recherchestück am sehr verbreiteten Phänomen der Verneinung, Verdrängung oder Verleugnung von unbequemen Tatsachen

Denial - Foto (c) Esra Rotthoff

DenialFoto (c) Esra Rotthoff

Einen Tag nach Milo Rau’s Empire an der Berliner Schaubühne geht auch das gerade zum Theater des Jahres gewählte Maxim Gorki Theater mit einem Recherchestück an den Spielzeitstart. Die ebenfalls preisgekrönte israelische Regisseurin Yael Ronen (Ihr zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladenes Stück The Situation ist Stück des Jahres) hat mit ihrem Ensemble einen Psychiater, eine Historikerin, eine Juristin, eine Energie-Therapeutin und einen Hypnotiseur zum weitverbreiteten Phänomen der Verneinung, Verdrängung oder Verleugnung befragt. Herausgekommen ist eine lose Abfolge von einzelnen Spielszenen zum Thema Denial.

Geht es in Empire um das Teilen von persönlichen Erinnerungen und Tragödien, versucht man in Denial diese eher zu beschönigen oder ganz zu negieren. So international wie das Ensemble sind auch die Gründe für die Realitätsflucht der dargestellten fiktiven Charaktere. Verdrängt, ignoriert und geleugnet wird in allen Kulturen und Nationen – sei es aus Scham, wegen der Konventionen oder auch aus politischen Gründen. Wobei das Thema der kollektiven, nationalen Geschichtsverdrängung hier leider etwas zu kurz kommt. Zum Nahostkonflikt, Syrien- oder Balkankrieg hat man am Gorki und gerade von Yael Ronen schon wesentlich schärfere Abende gesehen.

Und so geht es auch zunächst ganz lustig los. Zum Song „Billie Jean“ von Michal Jackson tanzend beteuern alle fünf Ensemblemitglieder (Orit Nahmias, Oscar Olivo, Dimitrij Schaad, Çigdem Teke und Maryam Zaree) eine garantiert glückliche Kindheit gehabt zu haben. Aber schon mit der Songauswahl wird diese Aussage konterkariert, was auch bald in noch ganz unbewussten, kleinen Einschränkungen der SchauspielerInnen zum Ausdruck kommt. Trotzdem gab es nie Streit mit den Eltern, keine Geheimnisse oder Probleme. Nichts, wonach man hätte fragen müssen außer vielleicht, wo eigentlich der Vater war. Und so hat man sich mit der Zeit eigene Wahrheiten zurecht gelegt und die bestehende Verdrängung noch perfektioniert.

Psychologie mag hier sicher eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben, allerdings verzettelt man sich zu Beginn in ein paar netten Kabaretteinlagen aus schrägen Kindheitserinnerungen. Beispielhaft dafür ein verdrängtes schwules Coming out eines mexikanischen Jungen im Fatsuite. Eine komische Nummer mit Livevideo über heimliche Anrufe bei einer teuren Gay-Hotline auf den Bahamas über das Telefon des Onkels, der lieber die Kosten begleicht als einen schwulen Neffen zu haben.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Etwa in der in Berlin offen lebenden, queeren Community mit Migrationshintergrund, wo ein verheiratetes lesbisches Paar einen gemeinsamen Sohn hat, aber zur türkischen Hochzeit die iranische Partnerin verleugnet und mit Verhaltensregeln eingedeckt wird – aus Angst vor den Problemen daheim. Kultur oder angelernter Verdrängungsmechanismus, die Lügen und Ausreden für die Partnerin oder die Eltern daheim lassen sich nicht so leicht ausblenden.

Der Abend behandelt noch weitere Problem-Themen wie Krankheit, Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt oder auch mal ganz banale Dinge wie zum Beispiel die konsequente Ausblendung finanzieller Schieflagen. Nie erreicht dabei das Spiel aber die Tiefe wie in dem einseitigen Gesprächsversuch einer Tochter mit ihrer Mutter vor laufender Kamera. Eine hochemotionale Rede über nie gestellte Fragen an die Mutter, die ihre Tochter im iranischen Gefängnis bekam und nie über die Folter und den ebenfalls inhaftierten Vater sprechen konnte.

Und das macht den Unterschied zu den anderen Spielszenen und zum Stück von Milo Rau: die gelungene Verdichtung des Recherchematerials zu wirkungsvollem Theater, das hier nur dank eines engagiert spielenden Ensembles nicht zu sehr ins Gestellte oder am Ende albern Esoterische kippt.

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DENIAL (Maxim Gorki Theater Berlin, 09.09.2016)
Regie: Yael Ronen
Bühnenbild: Magda Willi
Kostüme: Amit Epstein
Musik: Nils Ostendorf
Video: Hanna Slak
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Orit Nahmias (Dorit), Oscar Olivo (Olivio), Dimitrij Schaad (Jimmy), Çigdem Teke (Shaydem) und Maryam Zaree (Marian)
Dauer 1:45 h, keine Pause
Uraufführung war am 9. September 2016
Weitere Termine: 14., 18. 9. / 1. 10. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 10.09.2016 auf Kultur-Extra.

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The Dark Ages von Milo Rau beim FIND #16 in der Berliner Schaubühne

Mittwoch, April 20th, 2016

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The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages am Residenztheater München – Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages heißt der zweite Teil der Europa-Trilogie des Schweizer Recherchetheatermachers Milo Rau. Der Abend hatte vor einem Jahr am Residenztheater in München Premiere und war nun beim 16. FIND-Festival in der Berliner Schaubühne zu sehen. Wie schon im ersten Teil The Civil Wars (der 2015 ebenfalls zu FIND gastierte) geht es um den Mechanismus des Erinnerns aus der ganz persönlichen Sicht von Schauspielern und Betroffenen zu einem bestimmten Thema europäischer Geschichte. Ein Theaterabend, der wieder tief in persönliche Geschichten eintaucht und sehr nachdenklich stimmt.

Bühnenbild und szenischer Aufbau sind ganz ähnlich dem beim Züricher Theater Spektakel 2014 uraufgeführten Stück, in dem es um die Entstehung von Extremismus in der bürgerlichen Gesellschaft ging. Wir schauen zunächst auf ein historisches Bild einer antiken Bühnenempore, die sich dreht und das Bild auf den Nachbau des NGO-Büros des bosnischen Menschenrechtsaktivisten Sudbin Musić freigibt. In der als Fünfakter angelegten Inszenierung The Dark Ages erzählen die fünf beteiligten DarstellerInnen, während sie sich mit einer Videokamera gegenseitig filmen, über ihre Erlebnisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. den Balkan-Kriegen in den 1990er Jahren. Nach dem eher aktiv spielerischen Rechercheprojekt Common Ground von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater eine ganz andere Art der Vergangenheitsbewältigung.

Viele Familienmitglieder, Freunde und Bekannte aus dem Dorf von Sudbin Musić wurden während des Bosnienkrieges von serbischen Freischärlern umgebracht. Musić selbst überlebte ein serbisches KZ, öffnet heute Massengräber und spricht mit den Hinterbliebenen. „Im Identifizieren sind wir Bosnier weltführend“, sagt er. Für ihn ist der Krieg nicht vorbei, bevor es Gerechtigkeit für die Opfer gibt. Daran zu erinnern, in einer Welt, die schnell vergisst, ist sein Lebensinhalt. Musić zeigt ein Video einer Hochzeitsgesellschaft, spricht vom Tag, als der frühere Serbenführer Radovan Karadzic nicht vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal erschien, weil er es nicht anerkennt und zählt die noch Verbliebenen aus seinem Dorf auf. Er fühlt sich dabei tatsächlich wie der letzte der Mohikaner.

Vedrana Seksan blieb während der serbischen Belagerung Sarajevos mit der Mutter und dem jüngeren Bruder in der Stadt. In der Kälte des Winters, ohne Kohle, oder Brot; und in der Gefahr vor Scharfschützen und Granatenbeschuss ging es immer ums tägliche Überleben. Vedrana leistete schon früh ihren Beitrag als 16jährige TV-Moderatorin und beschämte sogar den damaligen Uno-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali auf einer Silvesterparty mit unbequemen Fragen.

 

The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages am Residenztheater München
Foto (c) Thomas Dashuber

 

Auch die serbische Schauspielerin Sanja Mitrović war Teenager während des Ausbruchs des Krieges. Sie erinnert sich daran, wie plötzlich Bücher von kroatischen Schriftstellern aus dem Unterricht verschwanden und die Eltern ihr das Spielen mit Kindern anderer Nationalitäten verboten. Trotzdem empfindet sie selbst die Zeit des späteren Nato-Bombardements 1999 als die beste Zeit ihres Lebens. Vor allem an die Aufbruchsstimmung nach dem Fall der Milošević-Regierung erinnert sie sich gern. Heute sind die meisten Bekannten im Ausland. Sie selbst spielt nun Theater in Belgien.

Mehr oder weniger gerahmt wird das Ganze durch die an Theaterdramen erinnernde Aktüberschriften „Die Schutzflehenden“, „Die dunkle Zeit“, „Versuch über das Böse“, „Die Lebenden und die Toten“ und „Schöne neue Welt“ sowie die extra für die Produktion komponierte Musik der bekannten slowenischen Rockband Laibach. Sanja und Vedrana berichten gleichermaßen enthusiastisch über Konzertbesuche in Belgrad und Sarajewo nach dem Krieg. Die Musik der Band, die immer wieder Themen und Symbole des Totalitarismus ironisch benutzt und überhöht, hat gerade für die Menschen in den Ländern Ex-Jugoslawiens eine ganz besondere Bedeutung.

Ergänzt werden die Berichte der drei direkt Betroffenen von Erzählungen zweier Ensemblemitglieder des Münchner Residenztheaters. Manfred Zapatka berichtet von den letzten Kriegswochen, in denen er und seine Mutter in Bremen zweimal ausgebombt wurden. Er spricht von seiner schweren Nachkriegskindheit und der sehr engen Beziehung zu seinen Eltern bis zu deren Tod, der noch zusätzlich durch eine Erbstreitigkeit mit dem Bruder überschattet wurde.

Das sich wie ein roter Faden durch den Abend ziehende Thema ist auch eines der persönlichen Verluste. Das wird vor allem in den Berichten der Schauspielerin Valery Tscheplanowa deutlich, die nach der Trennung der Eltern mit ihrer Mutter aus dem russischen Kasan nach Deutschland kam, es anfänglich recht schwer hatte und wenig sprach. Eine Eigenschaft, die sie auch in ihren Schauspielberuf einbrachte, was sich auch in der Arbeit mit Regisseur Dimiter Gotscheff niedergeschlagen hat. Sie erzählt von der gemeinsamen Inszenierung von Heiner Müllers Hamletmaschine, die sie lange am Deutschen Theater Berlin spielten. Und selbst noch kurz nach dem Tod des Regisseurs war sie damit in Kuba, wo Gotscheff als Videoprojektion eingespielt wurde.

Teure Tote im Video sieht man öfter an dieser Aufführung, und trotzdem ist das in erster Linie kein sentimentaler, eher ein nachdenklich stimmender Abend über die Kraft der Erinnerung, wofür auch das Theater einen Beitrag leisten kann. So sprechen dann auch Valery Tscheplanowa und Sudbin Musić, der ähnlich wie Hamlet den Schädel seines exhumierten Vaters in Händen halten musste, Texte aus der Hamletmaschine Heiner Müllers, dem Meister der geschichtlichen Totenbeschwörung. „Each Man kills the Thing he loves“ singt die Band Laibach. Ein Jeanne-Moreau-Cover nach The Ballad of Reading Gaol von Oscar Wilde. Ob das die letzte Erklärung für das Böse in der Welt ist, bleibt fraglich.

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(c) Schaubühne

(c) Schaubühne

THE DARK AGES 
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Musik: Laibach
Licht: Uwe Grünewald
Video: Marc Stephan
Dramaturgie: Sebastian Huber und Stefan Bläske
Mit: Valery Tscheplanowa, Manfred Zapatka, Sanja Mitrović, Vedrana Seksan und Sudbin Musić
Uraufführung im Residenztheater München war am 11. April 2015
Gastspiel beim FIND #16 an der Schaubühne am Lehniner Platz, 16.04.2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.residenztheater.de/

Zuerst erschienen am 18.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs – Milo Rau inszeniert an der Schaubühne am Lehniner Platz einen ziemlich ungemütlichen Theaterabend

Donnerstag, Februar 4th, 2016

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Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Daniel Seiffert

Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto (C) Daniel Seiffert

In seinem Fünf-Punkte-Aufruf gegen den „zynischen Humanismus oder wie man anfängt, die Welt zu retten“ in der Züricher Sonntagszeitung hatte Milo Rau schon vorab den Rahmen seiner neuen Inszenierung an der Berliner Schaubühne abgesteckt. Der Vorwurf des bekannten Schweizer Recherche-Theatermachers (u.a. Hate Radio, Breiviks Erklärung, The Civil Wars oder Das Kongo-Tribunal) richtet sich vor allem gegen die Ignoranz der westlichen Welt, die es sich beim Unterschreiben von Online-Petitionen in einer Art „Wohlfühl-Ethik“ bequem macht. Und so lautet dann auch das für uns wohl eher etwas unerfreuliche Motto des Theaterstücks Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs: „Alle sind Arschlöcher“.

Hinzufügen sollte man noch, dass es Rau auch um den aufklärerischen Aspekt von Theater geht. Im Programmheft äußert sich der Regisseur zur westlichen Selbstgerechtigkeit wie folgt: „2015 war ein heilsames Jahr: Es war das Jahr, in dem sich auf Grund der sogenannten Flüchtlingskrise die Nebelwand auflöste, die uns bis dahin vor dem Anblick der Folgen unserer Wirtschaftspolitik im Nahen Osten und in Zentralafrika geschützt hatte.“ Eine Auffassung, die auch in den Aktionen des Zentrums für politischen Schönheit um Philipp Ruch vertreten wird, damit niemand mehr behaupten könne, er hätte von den Folgen der Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik des Westens nichts gewusst.

Allerdings richtet sich Raus Stück nun vor allem gegen den aufkommenden „Charity-Diskurs“, der die vorgenannte Nebelwand wieder aufgezogen habe. „Wer sieht uns, wenn wir leiden?“ ist dann auch die zentrale Fragestellung des Abends, der in drei Teile gegliedert ist. Zentral steht der von Ursina Lardi an einem Rednerpult auf zugemüllter Bühne vorgetragene Bericht einer ehemaligen Entwicklungshelferin, die noch einmal zu Recherchezwecken für ein Theaterstück in den Kongo gereist ist und mit etwas Nostalgie in der Stimme auf ihre Zeit als Mitglied einer NGO-Organisation namens „Teachers in Trouble“ zurückblickt. Das ist natürlich ein aus Berichten mehrerer NGO-Mitarbeiter zusammengeschnittener Vortrag, der auch ganz bewusst etwas Künstliches, Belehrendes an sich hat. „Rette die Welt. Du dies, tu jenes nicht.“ So kokettiert Lardi mit ihrer eigenen Erfahrungen als Schauspielerin und den erlernten Mitteln der Darstellung. Übungen, abgestuft von leicht bis schwer, mit denen man die Botschaft zum Publikum rüberbringt. Mitleid zu erregen fällt nicht schwer, vor allem unterstützt durch das richtige Bildmaterial wie etwa das Foto des vor der Küste der Türkei ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan, das Lardi in die Kamera hält.

 

Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Daniel Seiffert

Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (C) Daniel Seiffert

 

Der leicht ironischen Kritik am vorherrschenden Theater, dass das Elend der Welt noch einmal für die eigenen Zwecke instrumentalisiert, folgt die Beschreibung des Werdegangs einer angehenden Entwicklungshelferin, dem Drang folgend, im Leben etwas Sinnvolles zu tun, das sich dann auch noch gut im Lebenslauf und auf Partys macht. Lardis Erzählungen aus dem Leben in einem Flüchtlingslager im kongolesischen Goma an der Grenze zu Ruanda sind teilweise an Zynismus nicht zu überbieten. Um die Schreie der von den Hutus umgebrachten Tutsi nicht hören zu müssen, dreht sie Beethovens 7. Sinfonie immer lauter. Als sie später die aus Ruanda geflohenen Täter in einem Workshop betreuen muss, entlädt sich ihr ganzer Ekel über deren Verhalten. Aber auch nach dem Einmarsch der Tutsi-Befreiungsarmee in Goma nimmt das Töten kein Ende, das nun auch die einheimischen Mitarbeiter betrifft. In einer Art metaphorischem Albtraum beschreibt Lardi die Demütigung einer Frau und pinkelt dabei auf die Bühne. Theatralisch umschreibt sie das zwiespältige Wesen der NGOs mit Ödipus, der schon vorher weiß, dass er an der Pest in Theben Schuld ist und dennoch weiter sucht.

Umrahmt wird dieser recht zynische Bericht mit der Lebensgeschichte der in Burundi geborenen Schauspielerin Consolate Sipérius. Sehr frisch und im Gegensatz zu Lardis gespieltem Duktus zwischen Belehrung und zeitweiliger Empörung vermag diese Erzählung wirklich zu berühren. Mit viel Ironie und einiger Verwunderung über ihr neues Leben im Westen Europas, in das Sie nach der Adoption durch eine belgische Pflegefamilie kam, legt sie den Finger noch einmal in die richtige Wunde. Consolate Sipérius hat als Kind den Genozid 1993 in Burundi überlebt. Sie ist eine Zeugin, wie sie selbst betont. Jedoch inszeniert sie sich bewusst nicht, und wird auch von Rau nicht als Opfer inszeniert, sondern als selbst denkendes, empfindendes und handelndes Wesen.

Das verdeutlicht sich auch im Vergleich zweier Kinofilme, die sich um Gewalt und Rache drehen. Ursina Lardi erzählt die Geschichte von Grace aus Lars von Triers Parabel Dogville, bei der die quälenden Dorfbewohner am Ende mit Maschinengewehren erschossen werden. Consolate Sipérius schildert die Szene aus Quentin Tarantinos Inglouries Bastards, in der von französischen Widerstandskämpfern in ein Kino eingesperrte Nazis durch die Jüdin Shosanna, deren Familie sie umgebracht hatten, von der Leinwand herunter von ihrem nahen Tod erfahren. Am Ende kommt es darauf an, wer die Maschinengewehre hat, ist das Fazit von Lardi mit der Kalaschnikow in der Hand, während Sipérius sich für eine Soundcollage mit lachenden Kindern aus Burundi entscheidet. Ein Schuss Hoffnung am Ende eines nicht nur wegen des Mülls auf der Bühne recht ungemütlichen Theaterabends, der, mal ganz abgesehen von einer Katharsis, sicher noch länger nachwirken wird.

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Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs (Schaubühne, 29.01.2016)
von Milo Rau
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Video und Sound: Marc Stephan
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Mitarbeit Recherche/Dramaturgie: Mirjam Knapp, Stefan Bläske
Licht: Erich Schneider
Mit: Ursina Lardi und Consolate Sipérius
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere war am 16.01.2016 an der Schaubühne am Lehniner Platz

Termine: 10., 11., und 14.02. / 31.03.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 31.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Distanz zur eigenen Vergangenheit – Milo Rau eröffnet mit seinem Doku-Theaterabend The Civil Wars das 15. F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne

Montag, April 20th, 2015

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Foto: Aus dem Archiv von Jacques Bourlanges / www.theskyisontheearth.com

Foto: Aus dem Archiv von
Jacques Bourlanges / www.theskyisontheearth.com

Seit dem 17. April läuft an der Berliner Schaubühne wieder F.I.N.D. – das Festival für Internationale Neue Dramatik. Es ist die mittlerweile 15. Ausgabe der von Intendant Thomas Ostermeier ins Leben gerufen Werkschau zeitgenössischer Autoren, Theaterschaffender und Performancekünstler aus aller Welt. In diesem Jahr gibt es neues Theater aus Argentinien, Belgien, Chile, Frankreich/Kanada, Großbritannien, Israel, der Schweiz, Spanien und den USA zu sehen. Einen kleinen Schwerpunkt bilden dabei Projekte, die sich u.a. mit Dschihadismus, Migration und der aktuellen Flüchtlingsproblematik in Europa beschäftigen.

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Eröffnet wurde das Festival vom Schweizer Doku-Theatermacher und Reenactment-Spezialist Milo Rau (Hate Radio, Breiviks Erklärung). Seine neue, beim Zürcher Theater Spektakel 2014 uraufgeführte Produktion The Civil Wars bezieht sich in einer rahmenbildende Klammer auf den jungen Belgier Joris, der als internationaler Dschihadkämpfer nach Syrien zog, um dort für den Aufbau einen islamischen Kalifats zu kämpfen. Sein Vater hat ihn unter abenteuerlichen Bedingungen dort gesucht und schließlich auch nach Jahren wieder nach Hause bringen können. Die Frage, die den Abend eröffnet heißt dann auch: „Was treibt Jugendliche, die hier geboren, die unter uns groß geworden sind, dazu, forzugehen und an den Schrecken eines Bürgerkriegs teilzunehmen, der mit ihnen nichts zu tun hat?“

Milo Rau hat einige Interviews mit jungen Belgiern und ihren Angehörigen geführt, sich dann aber entschlossen, nicht ausschließlich deren Geschichten auf die Bühne zu bringen, sondern die Erinnerungen von vier Schauspielern an ihre Kindheit und Jugend, die alle durch relativ problematische Vaterfiguren gekennzeichnet sind. Die Parallele, die Rau bei seinen Gesprächen aufgefallen ist, führt hier zu einer theatralen Bestandsaufnahme europäischer Geschichte mit ihren verschiedenen Kämpfen und Umbrüchen. Herausgekommen ist ein sehr persönlicher, reflektierender Blick zurück, der zwar keine exemplarischen Erkenntnisse zum eigentlichen Thema zu Tage fördert, aber einige Aufschlüsse über die Radikalisierung und ihrer Folgen auch in unserer westlichen Zivilgesellschaft bringt.

The Civil Wars von Milo Rau Foto (C) Marc Stephan

The Civil Wars von Milo Rau
Foto (C) Marc Stephan

Die belgische Schauspielerin Sara De Bosschere, die französische Akteure Sébastien Foucault und Karim Bel Kacem sowie der belgische Schauspieler Johan Leysen (zuletzt 2012 mit einem eindrucksvollen Heiner-Müller-Abend am Berliner HAU zu sehen) sitzen in einer kleinen Wohnkulisse, die sich zu Beginn als Rückseite einer barocken Theaterloge nach vorne dreht, und berichten, während sie sich abwechselnd dabei filmen, von ihren Vätern. Ihre Gesichter sind dabei als schwarz-weiße Projektion auf einer großen Videoleinwand zu sehen. Das einzelne Schicksal tritt heraus aus der Anonymität des ganz normalen Wahnsinns bürgerlicher Existenz.

So könnte man es zumindest für Sara De Bosschere und Sébastien Foucault behaupten. De Bosscheres Vater, aus trotzkistischen Kreisen kommend, verfällt mit der Zeit, am Elend der Welt laborierend, in eine tiefe Depression. Foucaults Vater, wie der große Philosoph Michel heißend, wird in die Tradition eines französischen Familienunternehmens gepresst und zerbricht ebenso psychisch am Niedergang der Firma infolge des globalen Kapitalismus neoliberaler Prägung. Die Leidtragenden dieses Zerfalls waren natürlich in erster Linie die Familienmitglieder. Die Krise der Väter und der gesamten westlichen Welt haben die Jugend der beiden Schauspieler geprägt. „Ich werde in einer Welt aufgewachsen sein, in ihr gelebt haben und in ihr sterben, ohne an einer einzigen kollektiven Aktion teilgenommen zu haben, um sie zu verbessern.“ fasst es Sébastien Foucault für sich zusammen.

Ebenso Bekanntschaft mit familiärer Gewalt hat der in einem typischen Pariser Banlieue aufgewachsene Karim Bel Kacem gemacht. Sein aus Marokko stammender Vater ergibt sich nach langer Krankheit und Arbeitslosigkeit dem Alkohol und tyrannisiert die Familie. Bel Casem hat sich damals auf der Suche nach Werten einer salafistischen Gruppe angeschlossen und auch eine Waffe besorgt, um den Vater zu töten. Er berichtet sehr freimütig von seinen Gewaltfantasien. Umgestimmt hat ihn schließlich die Hinwendung zum Schauspiel, wohl auch eine Reaktion darauf, dass er aus einem Viertel mit Oper-Straßen-Namen stammt, wie er leicht ironisch bekennt.

The Civil Wars von Milo Rau - Foto (C) Marc Stephan

The Civil Wars von Milo Rau – Foto (C) Marc Stephan

Johann Leysen hat dagegen seinen Vater recht früh durch einen Autounfall verloren, aber auch diese Leerstelle hat das Schicksal seiner Familie bestimmt. Er berichtet auch aus seiner Sicht als Vater, der zwei Kinder schon nach der Geburt verlor. Auflockern und sehr erfrischend im Gegensatz zum schweren Thema wirken seine Anekdoten von Filmarbeiten mit dem großen französischen Regisseur Jean Luc Godard. Reflektionen über ihren Schauspielberuf sind auch für Sara De Bosschere sehr wichtig. In zwei kleinen Szenen lässt Milo Rau sie und Leysen Passagen aus Tschechows Kirschgarten sprechen. Der Dialog des Studenten Trofimow mit der jungen Anja, die über die verloren Liebe zum Kirschgarten und dem Fehlen von Visionen für die Zukunft spricht.

Rau verdeutlich hier sehr gut, worum es ihm geht. Uns fehlen Bezug und die nötige Distanz zur eigenen Vergangenheit. „Um wirklich und lebendig mit der Gegenwart zu leben, müssen wir erst mit der Vergangenheit abschließen und sie abbüßen“, wie es der Student Trofimow im Kirschgarten feststellt. Rau übertreibt es aber ein wenig damit und will sein Projekt mit fünf Kapiteln, deren Überschriften u.a. Die großen Bewegungen, Die Auserkorenen, oder Apokalypse lauten, gar in den Rang einer griechischen Tragödie erheben. Dafür ist der Abend aber doch etwas undramatisch, besitzt aber in den interessanten Erzählungen der vier Darsteller durchaus einige erhellende Momente.

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THE CIVIL WARS
Text und Regie: Milo Rau
Recherche und Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy
Ausstattung: Anton Lukas
Video: Marc Stephan
Licht: Abdeltife Mouhssin und Bruno Gilbert
Ton: Jens Baudisch
Mit: Karim Bel Kacem, Sara De Bosschere, Sébastien Foucault und Johan Leysen
Uraufführung beim Theaterspektakel Zürich war am 27. August 2014
Premiere bei F.I.N.D. #15: 17. 4. 2015
Koproduktion mit dem International Institute of Political Murder (Schweiz/Deutschland)

Infos: http://www.international-institute.de/

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 18.04.2015 auf Kultura-Extra.

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Am 27.10.12 gastierte Milo Raus szenische Lesung von „Breiviks Erklärung“ im Berliner Theaterdiscounter – Ein gedanklicher Rückblick.

Mittwoch, November 7th, 2012

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„Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlicher ist, das sind die normalen Menschen.“ Primo Levi, italienischer Chemiker, Schriftsteller und Holocaustüberlebender (Ist das ein Mensch? – Fischer, Frankfurt/M 1961)

Womöglich kennt der Schweizer Dokumentartheatermacher und Regisseur Milo Rau sogar dieses Zitat von Primo Levi, dass immer wieder gern herangezogen wird, um die unfassbaren Verbrechen, die auch von sogenannten deutschen Normalbürgern im Zweiten Weltkrieg an der jüdischen Bevölkerung Europas begangen wurden, zu erklären. Vielleicht hatte er aber auch nur einfach zu deutlich die Stimme des deutschen oder auch schweizerischen Stammtischs vernommen, als er die Verteidigungsrede las, die der norwegische Rechtsextremist und Massenmörder Anders Behring Breivik am 17.04.12 vor dem Osloer Amtsgericht hielt. Wie dem auch sei, im Rahmen des Monologfestivals im Berliner Theaterdiscounter fand nun jeden Falls am 27.10.12 eine Lesung von „Breiviks Erklärung“ statt, die Milo Rau szenisch eingerichtet hatte. Sie wurde von der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan vorgetragen.

Berlin war nach Weimar der zweite Aufführungsort dieses sogenannten Reenactments. Dort lief die Lesung am 19.10.12 am Rande des dreitägigen Szenischen Kongresses „Power and Dissent“, der von Milo Rau am Deutschen Nationaltheater mitkuratiert wurde. Die Rede ist Teil des Projekt „You will not like what comes after America“, das Milo Rau mit dem von ihm gegründeten International Institute of Political Murder (IIPM) durchführt. Nachdem das DNT Weimar kurzfristig die Aufführung in der Spielstätte eWerk stoppte, da der Geschäftsführer des Theaters, Thomas Schmidt, den Argumenten des Massenmörders Breivik kein Podium geben wollte, musste die Lesung in einem benachbarten Kino stattfinden. Bereits seit Bekanntwerden des Projekts wurde die geplante Vertheaterung der Rede Breviks durch Milo Rau in den Medien und Feuilletons kontrovers diskutiert.

Der Theaterdiscounter td.jpg
befindet sich in der Klosterstraße 44, 10179 Berlin-Mitte

Die Erwartungen und das Interesse an der Lesung in Berlin waren dementsprechend hoch und die Vertreter von Presse und Berliner Off-Theaterszene zahlreich erschienen. Wie bereits schon aus den Kritiken der Weimarer Aufführung zu erfahren, war die eigentliche Performance dann allerdings tatsächlich relativ unspektakulär. Sascha Ö. Soydan stand ganz normal in Sportjacke und Jeans gekleidet an einem einfachen Holzpult. Ihr Gesicht wurde durch einen überdimensionierten, tiefhängenden Scheinwerfer stark ausgeleuchtet und per Video auf eine große Leinwand übertragen. Mit ruhiger Stimme aber bestimmten Ton verlas sie die Einlassungen des 77-fachen Mörders von Oslo und der Insel Utøya, mit denen dieser vorgab, die Motivationen seiner verheerenden Tat erklären zu wollen. Seine Worte wurden aufgezeichnet, die Veröffentlichung in Norwegen aber durch die Regierung untersagt. Dennoch kursieren mittlerweile sogar ziemlich exakte deutsche Übersetzungen auf zweifelhaften Seiten im Internet.

Wenn man eine Weile Sascha Ö. Soydans Vortrag konzentriert folgte, konnte man sehr deutlich die altbekannten Parolen einer stetig anwachsenden, tendenziell rechtspopulistischen und ausländerfeindlichen Stimmung innerhalb Europas wahrnehmen. Mit einer Redundanz sonder Gleichen ergeht sich Breivik in nicht enden wollenden Hasstiraden gegen eine, in seinen Augen durch kulturmarxistische Politiker begünstigte multikulturelle Gesellschaft, was für die Teilnehmer des Prozesses und vor allem die Opfervertreter zu einer wahren Geduldsprobe geraten sein dürfte. Nicht ohne Grund wurde er vor Gericht während seinen Ausführungen seitens der Richterin und der Staatsanwaltschaft immer wieder unterbrochen. Breiviks Rede ist stark durchsetzt von nationalistischem Vokabular und rechtspolitisch motivierten Verschwörungstheorien einer medialen Gehirnwäsche. Die allgemein herrschende Politikverdrossenheit und ein gefühlter Mangel an gelebter Demokratie dürften ihm dabei natürlich vordergründig in die Hände spielen. Parallelen zu ganz legalem Politiker- und Stammtischsprech lassen sich hier fast nach Belieben ziehen und drängen sich einem auch immer wieder unverhohlen auf.

Breivik versucht sein Handeln natürlich ganz rational zu begründen. Er untermauert seine Ausführungen mit jeder Menge Statistiken, zieht Parallelen in der Geschichte, führt den Kampf indigener Völker Nord- und Südamerikas sowie des Tibetischen Volkes an, und überträgt das Ganze schließlich auf die heutige Situation Norwegens und ganz Europas. Er benennt die Zuwanderung islamischer Bevölkerungsgruppen als Gefahr für die eigene Kultur und beschwört einen regelrechten Kulturkampf inklusive eines „Menschenrechts auf militärische Verteidigung“. Was natürlich auch brutale Gewalt und „Ströme von Blut“ rechtfertigen soll. Dieser pseudophilosophisch grundierte Patriotismus braucht natürlich auch einen fundierten Hintergrund. Breivik hat dazu verschiedenste Quellen und Statistiken akribisch gesammelt und förmlich in sich aufgesaugt. Alles ist ja auch im Internet unbegrenzt verfügbar. Er stilisiert sich schließlich zum Patrioten und Retter der abendländischen, christlichen Kultur gegen eine „Dekonstruktion“ der Gesellschaft durch wirtschaftsliberale und kulturmarxistische Ideologien.

Das trägt Sascha Ö. Soydan Kaugummi kauend nun über eine Stunde lang in aller Seelenruhe vor. Hin und wieder sieht sie dabei bedeutungsvoll ernst und lange ins Publikum. Große Überraschungen birgt die Rede Breiviks tatsächlich nicht. Sie beinhaltet jede Menge bekannte Vorurteile und rassistische Allgemeinplätze, die in dieser, im Copy-und-Paste-Verfahren zusammengestoppelten Art und Weise, natürlich erst einmal ein unglaubliches Potential suggerieren. Inwieweit es das von Breivik heraufgeschworene „Wir“ tatsächlich gibt, oder nur die Wunschvorstellung einiger lonesome Internetcowboys wiederspiegelt, lässt sich natürlich nur schwer einschätzen. Obwohl durchaus bekannt ist, dass es nicht nur in Skandinavien etliche rechtsradikale und gewaltbereite Gruppierungen gibt. Was man ein Jahr nach Bekanntwerden der Morde des NSU auch in Deutschland so langsam begreift.

Um Aufmerksamkeit für ihre Thesen zu erlangen, brauchen narzisstisch veranlagte Typen wie Breivik natürlich die Öffentlichkeit. Furchtbares Ergebnis dieses Aufmerksamkeitsdefizits sind dann solche Wahnsinnstaten wie die Attentate in Norwegen. Auf dem Podium der anschließenden Publikumsdiskussion versuchte man das auf eine fast fahrlässige Weise zu relativieren, indem Milo Rau die schon bekannte These der Trennung von Text und Person zur besseren Verständnis der Hintergründe anführte. Er stützte sich hier auf die allgemeine Konsensfähigkeit des Textes in der Gesellschaft und brachte den hysterisch geführten Minarettstreit und das daraus resultierende Verbot in der Schweiz als Beispiel. Leider birgt Raus’ Verfahren auch automatisch die Gefahr einer Verharmlosung der Tat und die zwangsweise Marginalisierung der Opfer.

Wie man diesem Widerspruch beikommen könnte, war dann allerdings kaum noch Inhalt der bisweilen heftig geführten Diskussion im Theaterdiscounter, die dann auch nicht wirklich zur allgemeinen Erhellung beitragen konnte. Im Gegenteil, sie geriet sogar zu einer extrem negativen Sternstunde der deutschen Debattenkultur. Nachdem die Schauspielerin Sascha Ö. Soydan ihre anfängliche Verwunderung über den so wenig skandalösen Text damit begründete, dass er so banal und anschlussfähig sei, und etwas über ihr Herangehen an die Rolle berichtet hatte, riss der Kunsttheoretiker, ehemalige Professor für Ästhetik und Begründer der Kreuzberger Denkerei Bazon Brock die Diskussion an sich. Nun wurde es hoch wissenschaftlich. Nachdem sogar in der FAZ stünde, dass Amerika keine Demokratie mehr sei, birgt Breiviks Text für Bazon Brock nichts Neues mehr. Die Topoi des Kulturmarxismus und Multikulturalismus wären zu wenig. Er widerlegte schnell das angebliche Streben des Islams im Westen nach Souveränität und einer eigener Gesetzgebung. Einen Kampf der Kulturen in Europa gäbe es nicht, der Begriff von Multikulti sei idiotisch und höchstens Multifolklore.

Breivik ist für Brock eine tragische Figur, da er um Gehör zu finden, eine solche Tat begehen musste. Eine Brillanz oder Intelligenz sieht er nicht in Breiviks Rede. Weiter referierte Bazon Brock über das Vorurteil als tradierten Erfahrungswert. „Wir sind der Text.“ stellte er nüchtern fest. Man müsse seine eigenen Vorurteile kennen und in Rechnung stellen. Erst nach dem Vorurteil kommt das Urteil. Der Kern des Vorurteils ist die Wahrheit, die man nicht aushalten kann. Nicht durch das Leugnen der Wahrheit, sondern durch die Kritik daran, komme man schließlich vom Vorurteil zum eigentlichen Urteil. Was man glaubt ist war und wird war. Breivik würde sich ohne Verbindlichkeit zum eigenen Leben selbst betrügen. Sein Ziel ist sich selbst ernst zu nehmen, indem er sich als Held darstellt. Das ging natürlich auch in die Richtung eines Versuchs, Breivik psychologisch zu bewerten und zu pathologisieren.

Bei aller Brillanz von Brocks Ausführungen, an anderer Stelle hätte man ihm gerne noch weiter zugehört, musste ihn die Diskussionsleiterin, die Theaterkritikerin des Tagesspiegels Christine Wahl, ein ums andere Mal unterbrechen, da sonst das übrige Publikum keine Chance mehr bekommen hätte, selbst das Wort zu ergreifen. Worauf Brock etwas beleidigt reagierte. Er revanchierte sich leider für den Wortentzug mit kleinen giftigen Ausfällen in Richtung einiger in seinen Augen unbelehrbarer Zuschauer, die seinen Thesen und Vorschlägen so gar nicht folgen konnten und wollten. Bazon Brock kam dann noch auf Stalins Schauprozesse der 1930er Jahre in Moskau zu sprechen und gab einige Anekdoten über den NKWD-Chef Jagoda zum Besten. Er landete schließlich mit seinen geschichtlichen Ausflügen bei den gewaltsamen, proletarischen Kämpfen der 1920er Jahre auf dem Berliner Alexanderplatz, als Replik auf den Einwurf eines Zuschauers, der den Fall Johnny K. in den Kontext Kulturkampf stellen wollte.

Die Diskussion drehte sich nun immer mehr im Kreis. Über anfänglich positive Äußerungen zur Performance gab es auch Kritik an der Form der Diskussion und der Nichtbeachtung der Opfer. Was wohl an dem großen Abstand zum Geschehen liegen würde, wie eine in Norwegen lebende Deutsche meinte. Weitere Wortmeldungen irrlichterten dann etwas verschwurbelt um die Faszination des Textes und der Person Breivik, die es uns dankenswerter Weise möglich macht über dieses Thema diskutieren zu können und gipfelten in einer Kritik an christlichen Werten und der perversen Institution Kirche. Aus Richtung einiger junger Künstler im Publikum kam dann endlich auch noch die Kritik an der Inszenierung des Textes durch die überdeutliche Betonung des Vortrags. Man habe nichts anderes erwartet und sehe sich nun durch die Aufführung auch in der Annahme bestätigt, dass hier nur die persönlichen Interessen der Macher im Vordergrund stünden. Rau und Soydan gerieten dadurch plötzlich unter einen verstärkten Rechtfertigungsdruck, worauf Sie wiederum etwas säuerlich reagierten.

Das hier die Diskussion nicht etwas zielführender moderiert wurde, ist dann wohl auch einer der Gründe, woran sie schließlich gescheitert ist. Aber vermutlich sind dann Thema und Text doch nicht so interessant oder in dem Maße konsensfähig, wie Rau sich das vielleicht dachte, um darüber wirklich in einen konstruktiven Dialog treten zu können. Der Täter Anders Behring Breivik und seine spektakuläre Tat werden die wahren Absichten des Theatermachers immer überschatten und letztendlich einer unaufgeregten Debatte im Wege stehen. Somit ist Milo Rau eigentlich nur eines geglückt, die Dekonstruktion und Entdramatisierung eines unspektakulären Textes hin zur absoluten Banalität. Was am eigentlichen Ziel, nämlich der Auseinandersetzung mit der menschenverachtenden Ideologie dahinter, so ziemlich vorbeischießt. Das hier die Diskussion nicht etwas zielführender moderiert wurde, ist dann wohl auch einer der Gründe, woran sie schließlich gescheitert ist. Aber wahrscheinlich sind dann Thema und Text doch nicht so interessant oder konsensfähig, um darüber wirklich in einen konstruktiven Dialog treten zu können. Somit ist Milo Rau zumindest eines geglückt, die Dekonstruktion eines unspektakulären Textes zur absoluten Banalität, was am eigentlichen Ziel, der Auseinandersetzung mit der menschenverachtenden Ideologie dahinter, so ziemlich vorbeischießt.

Nur mit der „Banalität des Bösen“ (siehe auch Zitat oben), wie bei Hannah Arendt beschrieben, lässt sich der Fall Breivik dann auch nicht gänzlich erklären. Vielleicht eher noch mit einer Notiz aus ihrem Denktagebuch: „Es gibt das radikal Böse, aber nicht das radikal Gute. Das radikal Böse entsteht immer, wenn ein radikal Gutes gewollt wird.“ Hannah Arendt hat zwar das radikal Böse wieder zu Gunsten des banalen verworfen, Figuren wie Breivik entstehen aber immer auch dann, wenn Moralität sich von der Menschlichkeit abwendet, aus unreflektierten Vorurteilen speist und sich radikal abzugrenzen beginnt. Wenn das Subjekt sein Handeln nicht mehr reflektiert, werden Ideen und Wertvorstellungen zur Ideologie. Vom Fanatiker zum Mörder ist es dann nicht mehr allzu weit. Bei Breivik gibt es keine Differenz mehr zwischen Urteilen und Handeln. Er ist eins mit sich und seiner menschenverachtenden Ideologie und trotzdem weit davon entfernt ein gefestigter Charakter zu sein, der in einem urteilsfähigen Selbst wurzelt. „Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein. Darin liegt der Horror des Bösen und zugleich seine Banalität.“ (Hannah Arendt, „Über das Böse“) Um sich nun selbst hinter so einem Text zu erkennen, und auch kritisch hinterfragen zu können, gehört eben etwas mehr als nur das Hören einer Lecture-Performance. Das Projekt von Milo Rau denkt diese moralphilosophische Ebene nicht mit. Und bewegt sich somit auch passend zum Thema des Monologfestivals „Jenseits von Gut und Böse“.

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Nationaltheater Weimar: Die Breivik-Lesung sorgte für eine Menge Zündstoff. Veröffentlicht am 20.10.2012 von dapdvideo auf YouTube

Weitere Links zum Thema:

„Warum sollten sich nur Rechtsextreme mit dem Text befassen?“
Milo Rau verteidigt sein Theaterprojekt „Breiviks Rede“ auf Deutschlandradio.

Europäischer Common Sense
Nachtkritik zur Aufführung in Weimar
von Christian Baron

Der Mörder hat das Wort
Anders Breivik wird zum Bühnenautor – in Kopenhagen, Oslo, Weimar und Berlin. Zur Bluttat darf er nun die Theorie liefern. Warum hören wir ihm zu? Peter Kümmel in Die Zeit

Zoff um Breivik als Bühnenheld
Das Schweigen der Belämmerten
Von Wolfgang Höbel auf Spiegel-Online

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