Archive for the ‘Mirko Borscht’ Category

Der Auftrag und Der Horatier – Zweimal Heiner Müller in Berlin

Freitag, Dezember 16th, 2016

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Der Auftrag – Mirko Borscht inszeniert am Maxim Gorki Theater Heiner Müllers Erinnerung an eine Revolution als fernen Krieg der Welten

Die Knotenpunkte des politischen Koordinatensystems an Berliner Theatern heißen in diesem Herbst Bertolt Brecht, Peter Weiss und Heiner Müller. Mit mehr oder minder großem Erfolg versuchte man sich z.B. mit Brecht und Weiss im HAU und DT an der Wiederbelebung von deutscher Geschichts- und Revolutionsdramatik. Das Maxim Gorki Theater zieht nun mit Heiner Müller nach. Mirko Borscht inszeniert Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution. Das ist einerseits immer ein Blick zurück in die Vergangenheit, anderseits aber auch einer nach vorn in die Gegenwart und Zukunft. So heißt es in Brechts Fatzer: „Wie früher Geister kamen aus Vergangenheit / So jetzt aus Zukunft ebenso.“ (Müller erarbeitete bekanntlich eine Fassung des Fragments). Man kann sie als Wiedergänger vergangener Kämpfe betrachten wie auch als düstere Boten aus der Zukunft, in der der Mensch dem „Krieg der Landschaften“ gewichen ist. Müller beschreibt das Warten auf die Revolution als Zeitschleife, eine Wiederkehr des immer Gleichen, allerdings unter anderen Umständen. Die Differenz dient „der Sprengung des Kontinuums“. Zumindest das scheint Mirko Borscht verstanden zu haben.

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Foto (c) Esra Rotthoff

Ansonsten verortet der Regisseur Müllers Figuren mal wieder konsequent in der Zukunft oder einem imaginären Transitraum im Nirgendwo, der hier wie eine Business-Lounge einer Abflughalle aussieht – mit einem futuristischen Aufzug in der Mitte, über dessen Schiebetür der Maschinenmensch aus Fritz Langs Metropolis flimmert. Borscht zitiert hier vermutlich unbeabsichtigt ein Thema der musikalischen Lecture-Performance Müller in Metropolis, die andcompany&Co Anfang des Jahres anlässlich des Heiner-Müller-Festivals im HAU aufgeführt hatten. „As a sleeper in Metropolis / You are insignificance” singt da Anne Clark. Müller als kühler Kybernetiker einer Zukunftsvision, in der der Mensch sich von der Bedeutung seiner Geschichte befreit. Im Gorki wird aber eher auf die Trennung der Gesellschaft in oben und unten abgezielt. Das alte Thema von Sklave und Herr.

Müller Stück spielt das diskursiv durch. Im Auftrag des jakobinischen Konvents der Französischen Revolution landen Debuisson, Sohn eines Großgrundbesitzers, der bretonische Bauer Galloudec und der schwarze Sklave Sasportas auf Jamaika, um einen Sklavenaufstand gegen die Briten im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu organisieren. Der Westimport einer Revolution, die noch vor der Ankunft der drei Emissäre in Port Royal durch einen Staatsstreich des Generals Napoleon beendet wurde. Debuisson wechselt die Seiten, während Sasportas gehängt wird und Galloudec in Gefangenschaft stirbt. Der Auftrag scheint obsolet und wird von Galloudec in einem Brief an den Absender zurückgegeben. Heute importiert der Westen immer noch gern Freiheit und Demokratie, während Gleichheit und Brüderlichkeit weiterhin nicht besonders hoch im Kurs stehen.

Nachdem zu Beginn schon die Briefzeilen Galloudecs das Ende wie aus einem fernen Lautsprecher vorwegnehmen, wird die Exposition des Stücks nochmal szenische durchgespielt. Widerwillig nimmt Susanne Meyer als Bürger Antoine in graublauem Anzug den besagten Brief vom syrischen Schauspieler Ayham Majid Agha entgegen. Ein Zeichen, dass auch an anderen Ecken der Welt heute Revolutionen am Desinteresse Europas scheitern. Ansonsten sitzt er nur leidend am Rand. Daneben holt Till Wonka als Debuisson die Leichen von Galloudec (Aram Tafreshian) und Sasportas (Falilou Seck) aus dem Fahrstuhl und wäscht sie. Der bürgerliche Intellektuelle in Abwartehaltung frischt alte Erinnerungen auf, bis diese beginnen ihm an die Wäsche zu gehen.

Das ist hier v.a. ein Spiel mit der „Maske der Revolution“, die Debuisson für seinen Auftrag gar nicht braucht. Er spielt sich selbst, während im „Theater der weißen Revolution“ Galloudec und Sasportas laut Büchners Danton persiflierend mit ihren Pappköpfen aneinandergeraten. Der Herr und Ausbeuter bleibt nach zweifachem Verrat was er ist. Weiß ist die Farbe der Regression. Der Griff nach dem Fleischtopf, wie Sasportas abschätzig bemerkt, ist seine Revolution. Debuisson sinkt in die Arme seiner alten Liebe (Cynthia Micas) und erteilt den anderen eine zynische Absage. Sasportas Maske ist dagegen seine schwarze Haut, die er nicht abstreifen kann. Seine Heimat bleibt der Aufstand. Nur kann er sich mit dem anderen Abgehängten, dem Bauern Galloudec, nicht über das Wie verständigen.

Die Kapitalismuskritik ist dem Stück sozusagen eingeschrieben als einem Kampf der „Neger aller Rassen“ (hier obsiegt Müller über die sonst auf Political Correctness achtende Textfassung des Gorki-Teams), was dem global operierenden Kapital eine neue, global denkende Solidarität entgegensetzen soll. Das ist gerade heute im Angesicht erstarkender rechtsnationaler Kräfte dringend geboten, wenn auch nur schwer vermittelbar. Die rebellischen Puppen werden wieder eingemottet. Dazu singt die Musikerin Romy Camerun „People lust for fame like athletes in a game“ aus Nina Simons Stars und andere Jazzklassiker zur eigenen Klavierbegleitung. Leider hebt dabei die ansonsten eher flügellahme Bodencrew nicht wirklich ab. Auch im recht eintönig im Müller-Stil von Ruth Reinecke vorgetragenen Subtext Der Mann im Fahrstuhl als Angstraum des postkolonialen weißen Mannes ist die globale Dimension des Stücks nur rein textlich fassbar. Der Engel der Verzweiflung ist ganz gestrichen.

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In dieser recht braven Müller-Inszenierung vermittelt Till Wonkas Debuisson zum Ende hin an der Rampe nochmals seine „Angst vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein.“ Das verdeutlicht natürlich die Haltung des westlichen Bildungsbürgers als Bankrotteur, der sich selbst aus dem Auftrag entlassen hat. Damit legt Borscht aber nur kurz den Finger in die Wunde. Wie bankrott sind heute Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wirklich bzw. worin könnte noch so etwas wie ein Auftrag bestehen? Und was hindert uns daran ihn anzunehmen? Zum Thema globale Solidarität weiß die Inszenierung keine Antwort und zementiert damit den Status Quo. Und das, obwohl z.B. der französische Soziologe Didier Eribon mit seinen Thesen über die Rolle der linken Intellektuellen und das Verschwinden der Arbeiterklasse gerade in der öffentlichen Debatte steht. Für das sich so international gebende Gorki Theater ist das eher ein Armutszeugnis.

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Der Auftrag
Erinnerung an eine Revolution
Von Heiner Müller
Regie: Mirko Borscht
Bühnenbild: Christian Beck
Kostüme: Elke von Sivers
Musik: Romy Camerun
Video: Hannes Hesse
Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit: Ayham Majid Agha, Romy Camerun, Susanne Meyer, Cynthia Micas, Ruth Reinecke, Falilou Seck, Aram Tafreshian, Till Wonka
Premiere war am 10.12.2016 im Maxim Gorki Theater
Termine: 07. und 09.01.2017

Infos: http://gorki.de/de/der-auftrag

Zuerst erschienen am 12.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Spiel mit der „unreinen Wahrheit“ – Die Agentur für Anerkennung versucht mit Heiner-Müllers Horatier-Text eine Selbstbefragung im Theater unterm Dach

Der Horatier im Theater unterm Dach - Foto (c) Kamil Rohde

Der Horatier im Theater unterm Dach
Foto (c) Kamil Rohde

Der Horatier, 1968 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings entstanden, gehört zu den Mythen-Stücken Heiner Müllers. Der Dramatiker greift in diesem relativ kurzen Versepos die antike Legende des römischen Patriziergeschlechts der Horatier auf und wandelt sie lehrstückhaft ab. Im Streit der Städte Rom und Alba um die Führung im Krieg gegen die Etrusker kommt es zu einem Entscheidungskampf, der zwischen zwei ausgelosten Vertretern der beiden Städte entschieden werden soll. Ein Horatier aus Rom kämpft gegen einen aus der Familie der Kuriatier aus Alba und tötet den bereits Verwundeten, obwohl dieser angibt, mit der Schwester des Horatiers verlobt zu sein. Beim triumphalen Einzug des Siegers in Rom tritt ihm seine Schwester entgegen und trauert um ihren toten Verlobten. Aus Zorn über ihre vermeintliche Untreue gegen Rom tötet sie der Horatier. Der Held wird zum Mörder „ohne Notwendigkeit“. Es werden hier im Grunde zwei Themen durchgespielt. Was wiegt schweren: Der Verdienst oder die Schuld? Ein vor allem moralisches Dilemma. Um dies zu entscheiden, wird das zunächst dem Helden zujubelnde, im Kampf gegen den Feind geeinte Volk Roms aufgefordert, mit „einer Stimme“ zu sprechen. Müllers Ziel ist nicht nur die kollektive Rechtssprechung durch das Volk, sondern auch die Anerkennung der „unreinen Wahrheit“, das Kenntlichmachen der Dinge und ihrer Widersprüche. Schuld und Verdienst sind gleich zu benennen.

Die Agentur für Anerkennung führt das in einer Art Spiel auf. Die einzelnen Ensemblemitglieder müssen zum Thema eigene Geschichten vortragen, wobei die anderen über den jeweiligen Verdienst oder die Schuld des Erzählenden entscheiden müssen. Belohnt wird mit einem Luftballon, abgestraft mit dem Zusammenkleben von Armen oder Beinen mit Paketband. Da gibt es ganz banale Berichte, etwa aus der Kindheit von Homa Faghiri, die dem großen Bruder mal eins ausgewischt hatte, oder von Fabian Neupert, der einmal einen Schwarm Fruchtfliegen mit dem Staubsauger beseitigte. Katharina Merschel musste, um zu den Proben von Brüssel nach Berlin zu gelangen, den Flieger nehmen, was schlecht für ihr CO²-Charma ist. Schon schwieriger wird es, wenn Darinka Ezeta davon erzählt, wie sie ihren gewalttätigen Vater gegen eine Glastür rennen ließ, oder dass Ayham Hisnawi für die geplante Flucht als Bootsführer nach Europa die Familie in Syrien zurücklassen musste.

 

 

Der Horatier im Theater unterm Dach - Foto (c) Kamil Rohde

Der Horatier im Theater unterm Dach – Foto (c) Kamil Rohde

 

So reflektiert man in kurzen Stücksequenzen, die mit „Text“, „Handlung“, „Verdienst oder Schuld“ und „Zukunft“ überschrieben sind, das eigene Verhalten anhand von Erlebnissen oder berichtet aus dem Probenprozess und prüft dabei Müllers Stück auf seine heutige Tragweite. Dass dabei nicht nur dröge Textexegese herauskommt, dafür sorgen ein schnell wechselnder Spielablauf und immer wieder die Hinterfragung bestimmten Thesen, die sich für das Ensemble bei der Beschäftigung mit dem Stoff ergaben. Neben Selbstbefragungen wie etwa wen man heute für eine Idee opfern würde oder welche Ideale man selbst schon verraten hat, stehen Fragen, wie das Volk den Mächtigen vertrauen oder sich vor ihnen schützen kann? Wer ist überhaupt das Volk, was macht es gewalttätig, und gibt es überhaupt einen Staat, der nicht auf Gewalt gründet? Um all diese Fragen kreist die Inszenierung beständig, bevor auch Heiner Müllers Stück auch noch in Gänze zur Aufführung kommt.

Und hier bleibt dann das Ensemble chorisch mit einer Stimme werktreu am pathetischen Verstext Müllers, kämpft mit Stöcken, ehrt den Helden und straft den Mörder anhand von starren Puppen, denen man den Lorbeerkranz aufsetzen oder die Glieder ausreißen kann und deren Luftballonköpfe mit blutrotem Flitter platzen. Mutet einem dieses Gleichnis aus archaischen Mythen und kraftstrotzenden Worten auch heute etwas fremd an, so kann man doch deren Wirkung auf die Massen in Zeiten populistischer Volksversprechungen gut nachvollziehen. Ein Lehrstück auf Ideologien und falsch verstandenen Nationalstolz, das im Schlussteil seine Warnung vor der Mythenbildung durch das bewusste Verschweigen von Anteilen der Schuld oder des Vierdienstes eines Menschen offenbart. Ist der Mensch auch unteilbar, so trägt er stets auch Widersprüche in sich. Berichtet Müllers Stück, das laut Ensemble keine Gnade kennt, auch nicht von einer greifbaren heutigen Utopie, so ist es dann vielleicht doch die, das der Mensch in seiner Fehlbarkeit ein ewiges und einziges Projekt bleibt.

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DER HORATIER (Theater unterm Dach, 24.11.2016)
von Heiner Müller
Konzept: Agentur für Anerkennung
Regie: Reto Kamberger
Ausstattung und Dramaturgie: Ute Lindenbeck
Chor: Anna Dieterich
Mit: Darinka Ezeta, Homa Faghiri, Ayham Hisnawi, Katharina Merschel und Fabian Neupert
Premiere war am 24. November 2016.
Weitere Termine: 17., 18. 12. 2016 // 14., 15. 1. 2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.theateruntermdach-berlin.de

Infos: www.anerkennungen.net

Zuerst erschienen am 25.11. 2016 auf Kultura-Extra

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Ist der Mensch fremdbestimmt? – DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN! Ein Stück von Fränk Heller im SchwuZ und „Woyzeck III – Magic Murder Mystery“ frei nach Georg Büchner von Mirko Borscht und Ensemble am Maxim Gorki Theater

Montag, April 7th, 2014

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DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN!
Ein Stück von Fränk Heller über pseudowissenschaftlichen Selbstoptimierungswahn aufgeführt im SchwuZ.

Fränk Heller (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Fränk Heller (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

„Du musst dein Leben ändern“ ist der in fünfhebige Jamben gemeißelte Ausruf der Bewunderung des Dichters Rilke beim Anblick eines Jünglingstorsos im Pariser Louvre. Was damals noch Ausdruck einer Art Offenbarung, in jenem leuchtenden Steinfragment des Dichtergotts Apoll das Licht der Wahrheit erblickt zu haben, ist in Zeiten der Postmoderne zu einem reinen Schlagwort verkommen. Eine schöne Phrase, die zwar einem bekannten deutschen Philosophen noch für einen anthropologisch umwickelten bunten Strauß aus kulturhistorischen Bonmots taugte, aber ansonsten beliebig anwendbar nur noch die ständige Optimierung des eigenen Ichs meint. Peter Sloterdijk spricht von Übungen zur Perfektionierung des Menschen in Hinsicht auf biologische, soziokulturelle und symbolische Eigenschaften. Die Arbeit an sich selbst, was nichts anderes bedeutet, als eine allgemeine und umfassende Disziplinierung des Individuums zur Verbesserung seiner selbst und somit der Welt.

Einen besonderen Raum nehmen dabei sogenannte „spirituelle Übungssysteme“, auch Religionen genannt, ein. Nun haben wir gerade erst in Nis-Momme Stockmanns Stück Die Kosmische Oktave gelernt, dass der Individual-Wahn mit seinem Streben nach Einzigartigkeit und Ausschöpfung aller persönlichen Möglichkeiten durchaus auch einen geheimen Wunsch nach Uniformierung impliziert. Der Mensch ist bei seiner Suche nach Selbsterkenntnis und -verwirklichung ganz besonders anfällig gegenüber jeglicher Art spiritueller, religiöser oder parawissenschaftlicher Ansprache. Ratgeberliteratur, Selbsthilfegruppen, Lebenstipps aus Zeitschriften, Weblogs und entsprechenden Internetseiten verbreiten dabei nicht nur verschiedenste Anregungen und Ansichten, sondern auch jede Menge unbelegtes Halbwissen.

(C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

(C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Womit wir dann auch beim eigentlichen Thema sind, dem sich das Ensemble der ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY um Regisseur und Autor Fränk Heller in ihrer neuen Theaterproduktion mit dem gleichermaßen philosophischen wie programmatischen Titel Du musst dein Leben ändern widmet. Gleich beim Einlass ins SchwuZ, dessen Clubräume sich hinter einem unscheinbaren Neuköllner Garagentor labyrinthartig ausbreiten, wird einem von einer vollkommen überzeugend argumentierenden jungen Frau gesegnetes Liebeswasser für 59 € die Flasche angeboten. Sie nennt es eingeweckte Liebe. Ob nun zur inneren oder äußeren Anwendung muss ihr Geheimnis bleiben, denn schon wird man von einem jungen Mann in seinen Bann gezogen, der von sich behauptet, the cutest Boy in Town zu sein. „My car is fast, my teeth are shiney / I tell all the girls they can kiss my heinie“ singt dieser cool actin’ Boy und seine Jünger schwören auf Bobs Fähigkeiten als Körpercoach.

In einem Nebenraum sitzt ein Mann, der eine platonische Beziehung zur Stimme seines Navigationsgeräts im Auto pflegt, die sich nach Belieben ein- und ausschalten lässt. Er ist wegen eines Hilferufs seines Bruders auf dem Weg nach Berlin. Wir beobachten weiter ein schwules Pärchen im Disput über eine den Beziehungsalltag rettende Idee einer Weltreise. Zögerlichkeit gegen klare Ansage. Jeder pflegt hier seine ganz persönliche Neurose nach dem Motto: In Schöneberg hocken wie Kant in Königsberg, nur von Vernunft keine Spur. Raus aus der Do-it-your-self-Gemütlichkeit, Angst vorm Verlieren ist Bäh. Wenn nur jemand eine Richtung vorgeben könnte. Man sehnt sich nach Führung und schreitet bestens angeleitet zur Vermessung des Ichs. Der Macho Bob dringt vor zur neuen Epoche der Männlichkeit und will dafür Herzblut und nicht nur sein Sperma verschwenden.

Das Zusammentreffen aller erfolgt fast zwangsläufig auf dem Dancefloor des Nachtclubs. Zu Electro-Beats mischen sich problembeladene Schwule wie Heteros, tanzen, baggern, reden und versuchen ihr Ego zu wahren, bis die festgefügte Fassade zu bröckeln beginnt. Bob trifft seinen schwulen Halbbruder Bernd, um sich Rat zu holen. Beim großen Coach in Liebesdingen herrscht nämlich schon länger tote Hose. Beide führen ein selbstverleugnendes Doppelleben und auch der Rest der ausgebrannten Gesellschaft hält sich nur mit schaler Esoterik und Internetwissen über Karma und feinstoffliche Wesen über Wasser. Skeptiker erzeugen da nur schlechte Vibes und Negativstimmungen. Die Wurzel des Problems wird längst durch die vielen Ratgeberstimmen überdeckt, erlittenes Unheil als Chance verkauft. Einfach loslassen und die Resettaste zum Neustart drücken, ist die Devise.

(C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

(C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Heller lässt seine Figuren hier in völliger Konfusion zusammenprallen, was auch zuweilen für etwas Verwirrung beim Zuschauer sorgt. Das Tempo und andauernde Stimmengewirr lässt einem auch kaum Zeit, Atem zu holen, um das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten. An sich ist das Setting des SchwuZ dafür schlau gewählt und die Thematik auch gut durchdacht. Etwas Straffung täte der Story aber durchaus gut. Man verliert sich doch etwas in den schönen Bildern und übt sich in Phraseologie. Fränk Heller löst das Problem der inneren Unruhe und Fremdbestimmung seiner Protagonisten auch nicht auf. Er schafft mit seinem ironischen Text jedoch berechtigte Zweifel am Ritus des sich stets erneuernden Menschen. Der Rausschmeißer kommt in Gestalt der Putzfrau, die den intellektuellen Problemmüll mit Wortgewalt und haarigem Besen auskehrt. Die Party ist hier aber noch lange nicht am Ende.

DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN!
ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY
Premiere war am 02.04.2014 im SchwuZ
Rollbergstraße 26
12053 Berlin-Neukölln

Regie und Text: FRÄNK HELLER
Recherche u. Dramaturgie: JUDITH KÖNIG
Choreographie: TOMER ZIRKILEVICH
Musik: MARCELO ROYO
Licht: JULIA KLEINKNECHT
Sound: SERGIO MARINARO
Video: SIMON WECKERT
Maske: SEMIH USTA
Bühne: BENJAMIN MENZEL, JOHANNES SCHNEIDER
Produktion: MARKUS WECHSLER
Spiel:
KEVIN BRANDSTÄTTER, IRIS MARIE DUFFEK, RONAN FAVERAU BERTHELO, NINA HEITHAUSEN, NATASCHA MATTMÜLLER, MAX PHILLIP SCHRÖDER, PETER STEINKOHL, DENITSA STOYANOVA, LAURA PREUSSING, MARKUS WECHSLER, TIBOR WOLF

Karten und weitere Infos: http://www.efb-company.de/de/projects/du_musst_dein_leben_aendern.html

Termine:
MITTWOCH, 9. APRIL 2014
Einlass 20.30 Uhr
danach Party im SchwuZ: Populärmusik
MITTWOCH, 16. APRIL 2014
Einlass 20.30 Uhr
danach Party im SchwuZ: Populärmusik

Zuerst erschienen am 06.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Woyzeck III – Magic Murder Mystery
Eine Stückentwicklung frei nach Georg Büchner von Mirko Borscht und Ensemble am Maxim Gorki Theater.

Am Maxim Gorki Theater sind seit Neuestem Rechercheprojekte und gemeinsame Stückentwicklungen in Mode gekommen. Nach Falk Richters Small Town Boy und Yael Ronens Common Ground nun also Woyzeck III – Magic Murder Mystery. „Wie viel Woyzeck braucht der Mensch?“ fragen das Ensemble und Regisseur Mirko Borscht in ihrer gemeinsamen Arbeit frei nach Georg Büchner. Eine Frage, die man durchaus auch ganz ketzerisch in „Wie viele Woyzecks verkraftet ein Theaterabend?“ abwandeln könnte. Ausgehend von Büchners Dramen-Fragment um den einfachen Soldaten Franz Woyzeck, der, getrieben durch innere Stimmen und eine ihn quälende Umwelt, aus Eifersucht seine Geliebte Marie ersticht, soll hier verhandelt werden, was genau einen denn da so umtreibt. Ein Blick in den Abgrund des Menschen, zwischen Liebe und Hass, Leben und Tod. „Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.“ – wie es bei Büchner heißt. Oder besser noch: „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“

Woyzeck III am Maxim Gorki Theater - Foto (c) Esra Rotthoff

Woyzeck III am Maxim Gorki Theater
Foto (c) Esra Rotthoff

Regisseur Mirko Borscht kommt vom Film. Mit Combat Sechszehn, einem Film über das Abdriften eines Jugendlichen in die rechtsextreme Szene, hatte er 2005 einen ersten größeren Kinoerfolg. Borscht greift in seinen Theater- und Kinoarbeiten immer wieder Extreme und Abgründiges in der Gesellschaft auf. Es scheint ihn wie magisch anzuziehen. Bühnen-Adaptionen von Werken der Schriftsteller Wladimir Sorokin und Matias Faldbakken zeugen ebenfalls von dieser Obsession. Die beiden bilden auch den Grundstock der Inspiration für das nun aufgeführte Theater-Projekt, das mit Texten von Clemens J. Setz, Julian Jaynes, dem Ensemblemitglied Dimitrij Schad und einem weiteren Extremisten der deutschen Underground-Literatur Jörg Fauser aufwartet. Fausers Kriminalromane und seine eigene Biografie sind mit Sicherheit eine Fundgrube des Abstrusen. Durch die amerikanischen Beatpoeten beeinflusst, griff Fauser zur Cut-up-Methode und unter Drogen auch mal gedanklich zur Pistole, was uns zu William S. Burroughs führt, dem Vater der Beatniks, der versehentlich seine Frau erschoss und dessen Roman Naked Lunch auch mal kurz in Borschts Woyzeck-Projekt auftaucht.

Hier wahrscheinlich aber eher in der Kino-Fassung von David Cronenberg, den Borscht zwar nicht in seinen Quellenangaben aufführt, der aber mit seinen zahlreichen Horror- und Science-Fiction-Streifen durchaus Pate für diese Inszenierung gestanden haben könnte. Orientiert hat man sich hier laut Angabe am französischen Dokumentar- und Experimentalfilmer Philippe Grandrieux, dem US-Regisseur Abel Ferrara und dem US-Drehbuchautoren Nic Pizzolatto. Da hängt Borscht die textliche und visuelle Messlatte natürlich ziemlich hoch. Dem Urheberecht ist das Team jedenfalls ganz geschickt und durchaus künstlerisch ambitioniert aus dem Weg gegangen. Wie Burroughs und Fauser bedient man sich ebenfalls einer Art des Cut-ups, zerschnipselt das vorliegende Text- und Bildmaterial und puzzelt das Ganze zusätzlich beballert mit eigenen Überschreibungen als Collage wieder zusammen.

Herausgekommen ist ein düster-magischer Abend, der um das Morden in all seine Facetten kreist. Das Töten aus Gier, Eifersucht, Hass oder Leidenschaft, es wird hier in losen aneinander gereihten Spielszenen von den fünf Darstellern Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Friederike Bernhardt, Dimitrij Schaad, Falilou Seck und Till Wonka immer wieder recht plastisch vorgeführt. Es beginnt aber mit einer sehr interessanten, wenn auch etwas fantastisch anmutenden Fassung der Urschöpfung. Falilou Seck trägt den Bericht zur melancholisch-klassischen Klaviermusik der Musikerin Friederike Bernhardt vor. Es geht um die Wandlung des unendlichen Lichts zum Universum, die Entstehung Gotts aus einer Träne, die Schaffung der Welt, des Menschen und des ersten für Gott begangenen Mords. Was darin mündet, dass sich der Mensch fortan in Schmerz in seine Urform der Unschuld zurücksehnt und darum weiter mordet. Auf einer Videoleinwand ist der Rückraum der Bühne zu sehen, auf der Till Wonka Leichenpuppen in einem Totem-Kreis drapiert und gelegentlich mit der Axt bearbeitet. Dazu stößt er Laute und Kommentare aus, die den ersten Woyzeck-Darsteller Tamer Arslan zur Tat treiben sollen.

Dem mit einer  Langhaarperücke ausgestattetem Zauderer redet Dimitrij Schad als diabolischer Demagoge alle möglichen Gründe für eine Ermordung seiner Frau ein. Mareike Beykirch gibt erst eine Frauenleiche und dann wohl eine recht resolute Marie, die ihren Woyzeck ebenfalls provoziert und wohl an die auch auf dem Programmzettel angegebene Schriftstellerin und Radikalfeministin Valerie Solanas, die durch ihr SCUM-Manifest und Schüsse auf den Popart-Künstler Andy Warhol für Aufsehen sorgte, angelehnt ist. Ansonsten ist eine Rollenaufteilung schlecht auszumachen. Man bewegt sich recht frei eines zwingenden Regiekonzepts zu orgelnden Elektroklängen und flimmernden Videos über die Bühne, und der Zuschauer hat dabei schon etwas Mühe den Faden nicht zu verlieren. Faliou Seck rezitiert im Bühnenhintergrund düstere Verse und es laufen Geschichten ab, die von echten Mördern wie dem als Unabomber bekanntgewordenen US-Amerikaners Ted Kaczynski oder dem britischen Massenmörder Dennis Nilsen inspiriert sein könnten.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Mirko Borscht lässt nichts unversucht, das Publikum mit visuellen Reizen zu überfordern und Mord als Ursache suchender, durch Schuld getriebener Wesen darzustellen. Dabei verliert die sichtlich an sich selbst besoffene Inszenierung irgendwann jegliches Gespür für ein Ziel, Zeit und einen tieferen Sinn. Der ist wohl angesichts des schweren Themas und gruftigen Settings auch nicht ernsthaft zu erwarten. Als tatsächlicher Lichtblick der Inszenierung schält sich schließlich der im Mittelteil von Dimitrij Schad vorgetragene, selbst gestaltete Monolog nach den Theorien des US-amerikanischen Psychologen Julian Jaynes heraus. Hier ist die Rede von einer, noch in der Antike vorherrschenden, bikameralen Psyche des Menschen. Sie greift die bei schizophrenen Menschen auftretende Stimmenproblematik auf, und zeichnet, anhand der Heldensagen des Homer, den Menschen als von göttlichen Stimmen in seinem Gehirn fremdbestimmten Menschen. Erst später entwickelte sich durch soziale Gegebenheiten ein Bewusstsein, das diese Stimmen verdrängte. Die alten Götter schienen tot, und der Mensch erfand in Form von neuen Religionen die notwendigen moralischen Instanzen. Etwas, was durchaus diskussionswürdig wäre, aber sicherlich zeitlich eine Theatervorstellung sprengen dürfte.

Danach zerfließt das Ganze immer mehr in Kunstnebel, Kunstanstrengung und visueller wie textlicher Beliebigkeit. Man schaut wie in eine sich drehende Dreamachine von Brion Gysin, bis es einem vorm Auge zu flimmert beginnt. Allerdings ohne wirklichen visionellen Zugewinn. Die Inszenierung wiederholt und erschöpft sich schließlich in einer symptomatischen Feststellung, dass jeder Ausweg gleich enttäuschend und sinnlos sei. Etwas versöhnlich aber auch unbefriedigend dann das Schlussbild mit einem sich im wahrsten Sinn des Wortes zusammenraufenden Paar. Liebe als Ausweg? Dem stünde dann nur noch der so schuldbeladene Mensch selbst im Weg.


Woyzeck III – Magic Murder Mystery
frei nach Georg Büchner
von Mirko Borscht und Ensemble
Premiere: 04.04.2014 am Maxim Gorki Theater
Regie: Mirko Borscht
Bühne: Christian Beck
Kostüme: Elke von Sivers
Musik: Friederike Bernhardt
Video: Hannes Hesse
Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit:
Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Friederike Bernhardt, Dimitrij Schaad, Falilou Seck und Till Wonka

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/woyzeck-iii/743/

Zuerst erschienen am 06.03.2014 auf Kultura-Extra.

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