Archive for the ‘Mülheimer Dramatikerpreis 2010’ Category

Mülheim, Stücke 2010 – zur Dramatik der „kleinen Anzeichen“

Montag, Juni 7th, 2010

Ich will hier mal auf einen kleinen Gedankenaustausch von Christian Rakow mit Oliver Bukowski auf der Stücke-2010-Seite hinweisen, den die beiden zur Dramatik der „kleinen Anzeichen“ geführt haben, dem Artikel von Christian Rakow, der hier auch zum Preis der Mülheimer Theatertage angezeigt war und den meisten Autoren dort eher Oberflächlichkeit und Kunstgewerblichkeit vorwirft. Bukowski findet das Thema sehr diskussionswürdig. „Schön, wenn hier mal eine Debatte auf diesem argumentativem Niveau weitergehen könnte.“ Na bitte, dann führen wir sie doch offen und nicht im stillen Kämmerlein.

Bukowski legt genau noch mal den Finger in die richtige Wunde. Was will man haben, sauber recherchierte und „tiefschürfende“ Stücke die „nicht nur Knöchelchen ins Parkett reichen, um dann auf die fleischbildende Erfahrungskompetenz des Zuschauers zu hoffen“ (so Bukowski) oder „virtuose“ (Lange-Müller) Fantastereien a la Schimmelpfennig. Von Bukowski werden das Gespann Oskar Negt und Alexander Kluge angeführt, als die Beobachter und politischen Berichterstatter des realen Alltags schlecht hin, oder Felicia Zeller mit ihrem wunderbaren Stück „Kaspar Häuser Meer“ über die Ohnmacht der Jugendämter. Wie genau realistisch darf es denn nun wirklich sein, oder gibt es gar einen Mittelweg?

Ich glaube nicht, man sollte es doch jedem Autor selbst überlassen zu seinem Stil zu gelangen. Es ist sicher hilfreich auf Unzulänglichkeiten aufmerksam zu machen, aber Jungautoren wie Laucke, Palmetshofer und Stockmann ständig vorhalten zu wollen, das ihre neue Dramatik nur an der Oberfläche kratzt, ist doch zu viel des Guten. Stockmann zeigt sich zum Glück auch sehr resistent, wenn nicht sogar renitent dagegen, wie man ja bei Stücke 2010 lesen konnte.

Da stellt sich mir jetzt eigentlich auch gar nicht die Frage „Wie es sein sollte“, um der von Rakow diagnostizierten „thematische Armut“ begegnen zu könnten, sondern eher Was wird im Vorfeld schon falsch gemacht? Da kann man jetzt den Ball getrost wieder an Bukowski zurückspielen und um wieder an den Anfang zurück zu gelangen an die Theater und Dramaturgen sowieso. Das Maxim Gorki Theater in Berlin macht nämlich genau das Richtige, jährliche Themenschwerpunkte mit der Möglichkeit für junge Autoren sich in bestimmte Themen ein zu arbeiten und darüber in einem eigenen Stück zu reflektieren. Die Ergebnisse sehen zumindest in dieser Spielzeit sehr passabel aus.

Sicher sind die Stücke von Dea Loher und Schimmelpfennig voller Allgemeinplätze und recht banal, das aber auf ziemlich hohem Niveau. Das muss man erst mal so hinkriegen. Und dann auch noch den Jungdramatikern Laucke und Stockmann so was wie Oberflächlichkeit und Krämern im Kleinen vorzuwerfen, das geht etwas weit. Die können schließlich auch nichts dafür, das sie bereits jetzt, mit diesen noch etwas unbedarften Stücken ausgewählt worden sind. Da hat es wohl doch an guten Alternativen gefehlt außer eben der Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek, das ist doch sehr offensichtlich. Das Rene Pollesch in Mühlheim und beim Theatertreffen schmählich vergessen wurde, ist doch eh klar.

Ein gutes Beispiel, wie man diesen „Realismus der kleinen Anzeichen“, wie es Christian Rakow nennt, umgehen kann, hat übrigens Philipp Löhle mit den Überflüssigen gegeben. Hier muss der Zuschauer noch kleine Umwege denken und kann nicht nur eindeutige Bilder entschlüsseln. Hier gut, da böse gibt es nicht. Löhle zeigt mit seinem kleinen Eastern sehr gekonnt, wie dieses Ungewohnte im Realismus aussehen könnte. Vielleicht liegt ja tatsächlich im Genre eine Chance der Beliebigkeit zu entkommen.

Mülheimer Dramatikerpreis 2010 für Roland Schimmelpfennig

Samstag, Juni 5th, 2010

„Der Goldene Drachen“ in einer Inszenierung von Roland Schimmelpfennig für das Burgtheater Wien

Chöre gehören also in die Kirche? Das ist die Meinung der Jurorin Katja Lange-Müller. Der Chor ist aber eines der vielleicht ältesten theatralischen Mittel überhaupt, möchte man da rufen. „Großartig“, „hochintelligent“, „meisterhaft“, „hervorragend“, „unglaublich virtuos“, „hoch beunruhigend“ urteilt die Jury zu den meisten der vorliegenden Stücke und „artistische Präzision“ wird dem Preisträger Schimmelpfennig bescheinigt. Also die Juroren entpuppen sich da ja wohl eher als Hohepriester ihrer eigenen Ästhetik. All das, was da gelobt wird, findet man auch bei den Kontrakten des Kaufmanns, nur das Elfriede Jelinek nicht vordergründig diese Klischees bedient. Sie verliert 2-3 zugunsten des gut Gebauten, raffiniert Verwobenen und einer „brisanten, aktuellen Problematik“. Da staunt man doch.

Was ist nun an Schimmelpfennig tatsächlich so preiswürdig? Seine durchaus interessante Gestaltung, eine Short-Cut-Technik, schnelle Rollen- und Ebenenwechsel? Ähnliches macht auch Dea Loher in Diebe. Dazu kommt die Parabel der Grille und Ameise innerhalb der Rahmenstory, die sich einem erst nicht recht erschließen will, bis die Auflösung sie direkt in die Handlung einbezieht. Das ist aber auch der Knackpunkt, ab hier kommt es knüppeldick. Aus der Grille wird die Zwangsprostituierte Asiatin, der Händler wird zum Zuhälter und der von seiner Freundin verlassene Nachbar zum fiesen Sextouristen im eigenen Land. Da interessiert es kaum noch, dass im Asia-Imbiss der junge chinesische Aushilfskoch an einem gezogen Zahn verblutet. Die Stewardessen sehen ein kleines Boot im Meer (Achtung Flüchtlinge!) und eine von ihnen wirft den Zahn, der in ihrer Suppe gelandet ist, nach ein paar vergeblichen Gefühlsregungen ins Wasser. Der illegale Chinese wird in den Wandteppich mit dem goldenen Drachen gewickelt, das Symbol der Freiheit für ihn und in den Fluss entsorgt. Ohne seine Schwester im Nebenhaus gefunden zu haben, tritt er als Leiche eine wundersame Reise zurück nach Hause an. Das Schicksal schlägt halt gnadenlos zu, wer hätte das gedacht? Die Geschichte ist überladen mit Ausrufezeichen und lässt einem kaum noch die Möglichkeit der eigenen Reflexion.

Die Inszenierung im Akademietheater besorgt er gleich noch selbst. Das Ganze erinnert ein wenig an den Guten Menschen von Sezuan von Friederike Heller an der Schaubühne. Schnelle Rollen- und Geschlechterwechsel, hier aber ganz ohne Musik, nur ein immer währender Klang einer Schelle oder Glocke im Hintergrund. Das hat es bei Gosch auch immer schon gegeben. Irgendetwas was sich durch das ganze Stück zieht, wie ein roter Faden, ein sich durchs Bühnenbild bewegender Baum, oder das stetige Verschieben einer Bühnenwand als Darstellung der Vergänglichkeit, das sich die Welt weiter dreht. Nun hat es Schimmelpfennig selbst probiert, einmal wie sein alter Regisseur zu sein und es gelingt ihm ganz gut. Das Stück beginnt etwas lau, aber es entwickelt sich im Laufe der Zeit ein Märchen, über die alltäglichen Dinge des Lebens, mit all ihren Härten und Abgründen, wie bei allen Stücken Schimmelpfennigs.

Schimmelpfennig ist aber ein Meister des Einkleisterns in märchenhafte Bilder, das hat durchaus seinen Reiz. Jürgen Gosch hat diese überbordenden Phantasien immer wieder gut geerdet. Nur, nun ist Gosch weg, Schimmelpfennig entdeckt sein soziales Gewissen und gewinnt. Wo da plötzlich diese Brisanz herkommen soll, erschließt sich nicht so ganz. Ähnlich ist es mit Dea Loher, die uns jahrelang mit düsteren Beschreibungen der zwischenmenschlichen Abgründe erfreut hat und das meine ich durchaus ernst. Sie hat plötzlich einen Hang zur Komödie und die Theaterwelt jubelt. Ist es nicht eher die Inszenierung Andreas Kriegenburgs, die hier so hervor scheint? Denn die Geschichten um die eher banalen Figuren in Diebe, sind genau so übermotiviert und mit Fingerzeigen gepflastert, das man gar nicht weiß, worum es Loher hier eigentlich wirklich geht. Vielleicht sollte man die Stücke in Mülheim in Zukunft auch nur noch szenisch lesen, um Sie von den vorgefertigten Bildern einer Inszenierung zu befreien. Es wird aber mit beiden Stücken, die zur Zeit vorherrschende Ästhetik genau getroffen und so gehen die Preise, eben auch der Publikumspreis, natürlich auch an die Richtigen. Eine Jury ist ja auch nur ein Abbild eines bestimmten Geschmacks.

Mit dieser Juryentscheidung wird aber wieder ein Text abgewertet, der einfach nur Text sein will, ohne das Schielen nach der möglichst kongenialsten Umsetzung. Die Kontrakte des Kaufmanns bräuchten diese ja nicht einmal, man kann das Stück auf einem Sofa sitzend vorlesen, das einem nachher unterm Hintern weggezerrt wird und alles wäre darin enthalten. Elfriede Jelinek hat mit diesem Stück eine Darstellung der sich immer wieder selbst pervertierenden für den normalen Menschen kaum noch zu durchschauenden Maschinerie der imaginären Geldvermehrung und -vernichtung auf den Finanzmärkten dieser Welt geschaffen. Der Text findet dafür immer wieder Begriffe die im normalen Sprachgebrauch bereits wie selbstverständlich erscheinen und zeigt uns deren Doppeldeutigkeit als Spiegel für unsere Reflexionen. Der Rückschluss ins Private kommt schlagartig mit der Axt.

Dieser Text ist ein Angebot an jeden Regisseur, jenseits der vorherrschenden Mentalität Texte auszuplündern, sich immer wieder neue Bilder zu bauen. Um noch mal auf den Chor-Gedanken zurück zu kommen, es geht heute eben nicht mehr nur um Individuen, wir sind alle verstrickt. Und genau das zeigt der Text von Elfriede Jelinek, wie kein anderer, nur will das wohl nicht jeder wahrhaben.

nachtkritik-stuecke2010.de

Oh, Demosthenes – für Nis-Momme Stockmann, der Versuch einer Erwiderung

Freitag, Mai 14th, 2010

„Unmöglich ist es, daß der Ungerechte, der Meineidige, der Lügner, eine dauerhafte Macht besitze. Eine solche Macht hält für einmal und auf kurze Zeit. Sie blüht, wenn es glückt, in Hoffnung auf, aber, von der Zeit belauert, fällt sie von selbst zusammen.“

Demosthenes, der berühmteste Redner Attikas, versuchte in seinen Reden zum Kampf gegen die Vereinnahmung der Griechen durch Philipp II. von Makedonien aufzurufen.

Auch Du hast Deinen Phillip gefunden. Ich darf doch Du sagen, da Du mir vorkommst, wie ein alter Kumpan, ein Bruder im Geiste.

Nur sind wir auch Verbündete? Was weißt Du von mir, was weiß ich von Dir?

Da wir doch keinen Sektor teilen, höchstens uns immer wieder annähern und entfernen, uns aneinander reiben und im günstigsten Falle eine kleine Schnittmenge bilden.

Aber wir teilen eine Sehnsucht. Wir stehen am Meer der Geschichten aus Himbeersoße.

„Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird liegen am Kai.“

Dein Schiff wird kommen. Es wird mich mitnehmen über dieses Meer, wird mich wieder absetzen und ich werde warten auf die Rückkehr, einen Penny in der Hand.

Bist Du der Mann der die Welt aß? Gib Sie wieder frei, Stück für Stück.
Lass mich teilhaben an Deinen Träumen und Ängsten.
Knuff mich ruhig stark in die Schulter, ich will es aushalten.

„Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird beschießen die Stadt.“

Du brauchst keinen Nietzsche, der Nihilismus ist Dir fremd.
Sei ein Strauchelnder im Heer des Gleichschritts.

„Auch Quellen und Brunnen versiegen, wenn man zu oft und zu viel aus ihnen schöpft.“

Ein Besessener, in dem was du willst. Steh gleich einem Einar Schleef im Gleichmut des diskursiven Konsens.
Saug Deine Wahrheit aus dem Hier und Jetzt. Vertraue nicht dem Ruf nach Brisanz und Relevanz.

„Der Ausgangspunkt für die großartigsten Unternehmungen liegt oft in kaum wahrnehmbaren Gelegenheiten.“

Und so will auch ich glücklich vor mich hin rezipieren, will zuhören dem Logographen der Seele, aufnehmen und verstehen.

„Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird entschwinden mit mir.“

Deinem Sinn für Liebe und Schönheit vertrauend, hoffend nicht für Dich zu sein, der mit dem falschen Teil um die Ecke kommt,

Dein XYZ, nicht als Dein Kritiker sondern Dein Publikum.

(Unter Verwendung von Zitaten des Demosthenes und Brechts Seeräuber-Jenny)

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Zur Philippika von Nis-Momme Stockmann gegen die Bewertungsmacht der Kritik auf der Stücke-2010-Seite von Nachtkritik zu den Mühlheimer Theatertagen. Nachzulesen auf  Stücke 2010 – 35. Mülheimer Theatertage NRW

Das ist natürlich sehr kokett, in der Position von Nis-Momme Stockmann, zu behaupten nicht gefallen zu wollen. Mit seiner scheinbaren Verweigerung eine Geschichte zu erzählen, in „Ein Schiff wird kommen“, legt er aber den Finger in die Wunde. Ich meine, gut beobachtet zu haben, wie einige Zuschauer sich in ihren Sitzen hin und herrutschend, nicht so wirklich in diese Story ergeben wollten. Das ist ungewöhnlich für uns, erst zum Schluss etwas präsentiert zu bekommen, womit wir vorher nicht gerechnet haben. Aber ich glaube, darum geht es auch, keine Erwartungen zu erfüllen, sondern das zu machen, was für einen selbst Relevanz hat. Die Schmähung der Kritiker und des Kulturbetriebs, der auch Stockmann selbst trägt, ist aber durchaus nachvollziehbar. Er beißt voll Wut in die Hand die ihn füttert, das mag arrogant erscheinen, ob der Tatsache, das auch andere junge Autoren in diesem Betrieb bestehen wollen und müssen. Aber er hat einen Kampf begonnen, der ihm wichtig erscheint und das ist das Recht der Jugend. Er wird in Zukunft daran gemessen werden, vor allem von denen, die seiner Meinung nach die Künste verseuchen. Aber auch das Publikum wird erfahren wollen, wie er diese Kraft, die er aus der begonnen Auseinandersetzung gewinnen will, nutzen wird. Dafür wünsche ich ihm viel Erfolg und das sich ihm weitere Gleichgesinnte anschließen werden.