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Der Mensch in seiner Welt – Johan Simons` Inszenierung von Elfriede Jelineks in Mülheim preisgekrönter „Winterreise“ bei den Autorentheatertagen am DT Berlin

Samstag, Juni 25th, 2011

„Musik macht einen fremd, obwohl ja alle dauernd Musik hören, der eine dies, der andre das, man kann sich ja kaum vor ihr retten, sie ertönt einfach überall, manchmal fast nur noch als Wummern von Bässen, und trotzdem: wenn man sie selbst erzeugt, die Musik, wird man dabei, auch für sich, gleichzeitig etwas Fremdes, nicht so fremd, wie die Komponisten es gewesen sind, aber doch, denn ihren Rufen folgt man schließlich, und wohin sie einen locken, das sollte man wissen, wenn man ordentlich geübt hat (o je!), aber wenn wir dort angelangt sind, dann bricht eben auf einmal dieser Boden unter uns ganz weg, wir sind selber ganz weg, und wir wissen, daß wir nicht mehr gemütlich unter uns sind, sondern daß das, was unter uns ist, sich bewegt – wie die Zeit. Keine Rettung.“

Elfriede Jelinek, Die Zeit flieht (1999), Aus einer Festschrift zum siebzigsten Geburtstag Leopold Marksteiners (Orgellehrer der 13jährigen E. Jelinek)
www.elfriedejelinek.com

dsc04270.JPG Foto: St. B.
Warten auf den Wanderer. Die leere Bühne wird sich bald mit der Jelinekschen Gedankenwelt füllen. Autorentheatertage 2011 im DT

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh` ich wieder aus.“ aus: „Gute Nacht“, 1. Lied des Zyklus „Die Winterreise“, Text von Wilhelm Müller (1794–1827)

Dieses in-der-Welt-sein und doch fremd in ihr sein, das ist das Lebensthema Elfriede Jelineks ebenso wie das von Franz Schubert, beide außenstehende Beobachter und gleichzeitig messerscharfe Analysten dessen, was um sie herum geschieht. und dessen. Nun hat E. Jelinek diese Reflexionen auf das eigene Leben noch mal in aller epischen Breite, lose an die Zyklen der von Schubert vertonten Winterreise angelehnt, vor uns aufgefächert. Aber noch viel näher ist der Text an Heideggers „Sein und Zeit“ orientiert. „Der Sinn des Lebens ist, dass der Mensch immer mehr zu dem wird, der er im Grunde seines Wesens eigentlich ist.“ Und dieser erkenntnisorientierten Untersuchung unterzieht sich nun E. Jelinek mit diesem Text, das eigene Sein und Dasein, die Existenz in der Welt und die Beziehungen mit den in dieser Welt befindlichen Gegenständen und anderen Menschen.
Der Mensch ist in die Welt geworfen, lebt in ihr und stirbt schließlich. Heidegger bezeichnet das ins-Leben-geworfen-sein aber als ständigen Prozess. Der Mensch muss sich immer wieder in bestimmten Situationen für eine von mehreren Möglichkeiten entscheiden. Im Verstehen sieht er sie vor sich, ist sich also selbst vorweg. Der Mensch ist stets in der Gefahr sich mit seinen Vorstellungen, Gefühlen, Gedanken und Handlungen in der Interaktion mit dem in der Welt Befindlichen zu verlieren und ihm zu verfallen. Mit Heideggers Begriffen wie z.B. Angst, Sorge, Fürsorge, Schuldig-sein, Gewissen, Vorlaufen, auf-sich-selbst-zu-kommen und -zurückkommen, Gewesenheit, Loslassen, Vergessen, Behalten und schließlich dem Begriff der Zeitlichkeit des Menschen spielt Jelinek auf gewohnt doppeldeutige Weise in ihrem Stück, das nun Johan Simons an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt hat. „… aber die Zeit ist nicht meine, diese Zeitlichkeit war auch nicht meine, ich komme aus einer anderen Zeitlichkeit, nicht aus dieser, …“
Zu Beginn ist die aus sägerauen Brettern zusammengezimmerte Bühne vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang noch leer. Links sitzt der Musiker Jan Czajkowski in Skifahrermontur an zwei zusammengestellten Klavieren. Es wird über Lautsprecher im gesamten Haus heulender Wind eingespielt. Durch die Tür zwängt sich schließlich dem Sturm trotzend Stefan Hunstein als verschneiter Wanderer aus der feindlichen Außenwelt herein und beginnt einen Monolog über das schon besprochene Sein, Dasein, dem sich-Einholen und Vorüber-sein. Er drückt damit Jelineks Zweifel und Sehnsüchte in ihrem Leben aus. „…was zieht da an mir. Mein Schatten kann es nicht sein, den habe ich ans Vorbei abgegeben, der war die ganze Zeit hinter mir, bin schon mehrmals an ihm vorbei, (…) das Vorüber, ach vorüber, habe ich immer schon eingeholt, (…) mein Vorbei, das kommt nicht wieder, am Vorbei kommt man nicht mehr vorbei, an diesem Verlauf hat man teil, aber man wird nie Teilhaber,… denn man verläuft sich immer selbst im entscheidenden Moment.“
In bewährter Kalauermanier geht es dann auch weiter. Nun tritt der Rest des 7köpfigen Ensembles in eigenwilligen Kostümen auf, die beiden Belgier, Benny Claessens als „fette“ Braut und der kleine Kristof Van Boven als androgyne Mädchengestalt mit Bubikopf und Karokleid, dagegen die großgewachsene Wiebke Puls als Alter-Ego der Autorin, Hildegard Schmahl als Mutter und André Jung als geistig verstörter Vater. Sie spielen nun das Hochzeitsthema durch, der Wanderer wird zum Bräutigam, der die gute Party mit der reichen Braut macht. Der Fall der Kärtner Pleitebank Hypo Alpe Adria die 2009 zu 100% vom Staat Österreich übernommen wurde. Die Braut wird „geschmückt“ und verkauft, man steckt ihr Geld unter den Rock, sie wird zum billigen Hauptgewinn. Die Gier nach dem Geld wird hier zu einem Veitstanz der Geilheit und Travestie.
Danach wird der Fall Kampusch behandelt. „Das Mädchen wird erst viel später wieder rauskommen. Man wird es dafür verachten und bestrafen, dass es so lange weg war, man wir es mit Verachtung strafen.“ Eine durch Neid und Missgunst geprägte Öffentlichkeit, die sich über die Öffentlichkeit des Opfers erregt, Kristof Van Boven wird abgewiesen, muss weichen und tänzelt fremd unter den anderen umher. „Die Kleine glaubt, nur weil sie von der Erde fortgebracht und in die Erde hineingebracht worden ist, ist sie etwas Besonders. Das ist sie nicht.“ zischen alle. Fremdenhass und Verdrängung und auch sonst bekommt der Österreicher wieder sein Fett ab. „Was haben die in unserem Keller verloren? Wer sind die überhaupt? Dort, in unserem Keller, können sie nichts verloren haben, im Schatten ihrer eigenen Träume, nicht einmal dort haben sie was verloren.“ Leise werden dazu immer wieder Passsagen aus der Winterreise Schuberts gesummt oder gestöhnt, gesungen wird nicht. Es soll keine Romantik oder Melancholie aufkommen.
Dann wird es wieder persönlich, wenn Wiebke Puls als Elfriede Jelinek ihr Leben Revue passieren lässt. „Die Liebe liebt nicht das Wandern, aber sie sucht immer den Anderen, das ist sehr dumm von ihr. (…) Ich verlange Zärtlichkeiten, die mir zustehen, ich habe sie auf meinem Geburtsticket eintragen lassen, jetzt will ich sie endlichen konsumieren, nachdem ich jahrelang Mama gepflegt habe.“ Die komplizierte Beziehung zu Mutter und Vater, eigene Wünsche, Hoffnungen und  Enttäuschungen, alles packt E. Jelinek in diesen Text. Das Posthornthema wird hier immer wieder eingeflochten. Nach und nach verlassen die Spieler wieder die Bühne. Bis hierhin wirkt die Inszenierung von Simons teilweise fahrig und unentschlossen, der Textfluss E. Jelineks kann sich nicht voll entfalten. Simons versucht einen persönlichen Zugang zum Text zu finden, aber mehr als eine schöne poetische Choreografie wird nicht daraus. An den Schauspielern liegt es sicher nicht. Simons ist zu ehrfürchtig vor der Autorin, Jelinek mit angezogener Handbremse sozusagen.
Der zweite Teil nach der Pause gehört ganz André Jung, er sitzt erst zusammengesunken am Klavier und entwickelt dann in einem längeren Monolog die Angst eines Mannes vor dem Vergehen und Verschwinden. Er übernimmt nun die Stellung des Wanderers, der seinem Ende entgegen geht. „Ich rutsche aus mir heraus, doch was mich tragen sollte, das ist jetzt fort, kein Halten mehr, kein Halt mehr, kein Halt an Frau und Kind, …“ Es ist der Vater E. Jelineks, der in einer Nervenklinik starb. Sie benutzt das Bild eines Flusses wie in der Winterreise Schuberts für das vergehende Leben. „… Frau, Tochter!, wie euer Fluß des Lebens mich kampflos, mühelos hergegeben hat, widerstandslos, das war schon eine Leistung!, Respekt!, (…) Nein vom Gebirge komm ich diesmal nicht, früher oft, diesmal nicht, ich komme aus dem Fluß, aus dem Wasser… Wo bin ich gelandet, wohin hat mich der Fluß gespült?“ Ein Mensch der sich immer mehr verliehrt. Dagegen stehen die Einwürfe der Mutter und der Tochter, die wieder die Bühne betreten haben und sich versuchen zu rechtfertigen.
Die Texte des Leiermanns sind gänzlich gestrichen, es werden noch Passagen aus dem letzten Kapitel in Bezug zu den drei Sonnen von Wiebke Puls vorgetragen, vergebliche Bemühungen noch einmal mitzuhalten, mit den Abfahrern und „Snowboarderlinern“. „Meine Sonne ist das nicht, meine Sonnen seid ihr nicht…“ Simons zeigt Flutbilder als Videoprojektion und ein irrer Junge (Katja Herbers) vollführt Holzschuhtänze. Der Abend hat so kein richtiges Ende, Simons hat das scheinbar genügt. Der Dramatikerpreis in Mülheim für das Stück, der morgen vergeben wird, geht in Ordnung, allerdings bietet der Text noch genug Platz für weitere Interpretationen. In der neuen Spielzeit ab September 2011 werden sich dann die junge Hausregisseurin Bettina Bruinier am Schauspiel Frankfurt und Andreas Kriegenburg hier am DT in Berlin an der „Winterreise“ versuchen.

„So, da steh ich also mit meiner alten Leier, immer der gleichen. Wer will dergleichen hören? Niemand. Immer dieselbe Leier, aber das Lied ist doch nicht immer dasselbe.“

„Denn nichts von all dem meint sich selbst oder ist gemeint. Aber es ist auch nichts anderes gemeint. Ein Rätsel, das Schubert ist. Ein Rätsel, das uns aufgegeben wird, indem einer sich selbst aufgegeben hat, und wir stehen jedenfalls nicht auf dem Adreßaufkleber.“
Elfriede Jelinek, Zu Franz Schubert (1998)
www.elfriedejelinek.com

alle anderen Zitate aus: Elfriede Jelinek „Winterreise“, Rowohlt Verlag Hamburg, 1. Auflage 2011, 127 Seiten, 14,95 €  e-jelinek_winterreise.jpg