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„Constellations“, das Erfolgs-Stück des englischen Dramatikers Nick Payne, inszeniert von Hüseyin Michael Cirpici in der Box des Deutschen Theaters.

Sonntag, Januar 11th, 2015

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Von der Eleganz der Honigbiene zum Quanten-Multiversum

Foto DT-Schaukasten

Foto DT-Schaukasten

Es ist die vielleicht rührendste Szene oder auch Konstellation dieses Abends in der Box des Deutschen Theaters, wenn Roland (Matthias Neukirch) einen Zettel aus seiner Hosentasche hervorkramt und etwas ungelenk seiner Angebeteten Marianne (Natali Seelig) mit einer selbstgeschriebenen Rede über die bescheidene, ruhige Eleganz der Honigbiene einen Heiratsantrag macht. Seine Ausführungen über das klar strukturierte Leben in einem Bienenstock kontrastiert er mit der Schwierigkeit und Unsicherheit des menschlichen Daseins, das einen immer wieder vor Entscheidungen stellt. „Wenn auch unser Leben so einfach wäre.“ wünscht sich der zu tiefst zweifelnde und doch in diesem Moment so entschlossen, wie nie wirkende Mann.

Natürlich erhört Marianne schließlich ihren Roland, aber nicht ohne dass uns das Stück des jungen englischen Dramatikers Nick Payne nicht noch weitere Konstellationen mit anderem Vorzeichen und Ausgang anbieten würde. Roland verschusselt den Zettel, improvisiert und verdreht alles, Marianne wirkt gelangweilt, oder speist den Stammelnden mit den Worten ab: „Das haben wir doch alles schon besprochen.“ Typische Situationen einer Zweierbeziehung, die die meisten im Publikum schon so oder ähnlich erlebt haben könnten. Wenn nicht bis zum Heiratsantrag gekommen, dann doch wenigsten im Anbahnen der Liebesbeziehung, der ersten Begegnung und dem Kennlernen.

Zweier-, Dreier- oder Viererkonstellationen erfreuen sich besonders großer Beliebtheit am Theater und beim Publikum. Sind sie doch in den meisten Fällen ein Garant für gute Unterhaltung und wahres Schauspielerfutter. Zumal, wenn sich der Autor hier auch noch eines gänzlich nichtlinearen Erzählstils bedient. Schon das Stück Drei Mal Leben der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza spielte mit den verschieden Konstellationen eines Abends. Eine Konstellation ist eine bestimmte Lage oder Situation, die sich aus dem Zusammentreffen besonderer Umstände und Verhältnisse ergibt. Ganz zufällig, durch freie Wahl oder eben durch Fügung, sprich dem Schicksal. Im Grunde lebt gerade auch das Theater von solchen möglichen wie unmöglich scheinenden Geschichten. Nur hat man sie so wie bei Nick Payne vielleicht noch nicht erzählt bekommen.

Nick Payns Stück Constellations, 2012 mit Sally Hawkins (genau, die von Happy-Go-Lucky) und Rafe Spall am Royal Court Theatre in London uraufgeführt, ist, mit jeder Menge Vorschusslorbeeren versehen, bereits im letzten Jahr erfolgreich in deutscher Übersetzung am Schauspielhaus Wien und dem St. Pauli Theater Hamburg inszeniert worden. Am New Yorker Broadway läuft Constellations derzeit mit dem Hollywood-Star Jake Gyllenhaal & dem TV-Sternchen Ruth Wilson als Robert und Marianne. Die Kritiker überschlagen sich fast überall mit ihrem Lob. Vielleicht war man am Deutschen Theater dann doch nicht ganz so davon überzeugt. Jedenfalls inszeniert Hörspielregisseur Hüseyin Michael Cirpici das Stück nun als Kammerspiel, was es wohl auch eher ist, in der kleinen Box des DT.

Constellations von Nick Payne in der Box des DT <br/> Foto (C) Arno Declair

Constellations von Nick Payne in der Box des DT
Foto (C) Arno Declair

Es beginnt auf leerer Bühne dann auch genau mit eben jener ersten Begegnung der beiden Protagonisten auf einer Party. Die Konversationsversuche brechen zunächst nach kurzen Sätzen ab und beginnen wenig verändert immer wieder neu. Der Musiker Tobias Vethake setzt dazwischen akustische, elektrisch verstärkte Breaks. Man tastet sich weiter im Smalltalk vor, erntet Desinteresse oder gar Abfuhr. Einem tatsächlich etwas ungelenken Partybrüller ist es dann zu verdanken, dass das Gespräch doch noch in Gang kommt. Marianne traktiert Roland mit der Frage, ob er schon einmal versucht habe, seine Ellenbogen zu lecken. Das schreit natürlich nach Ausprobieren, wenn mal wieder die Cocktail-Party oder wie hier das Barbecue ins Wasser zu fallen droht.

Der eigentliche Clou aber ist, dass hier mit dem eher einfach gestrickten Bio-Imker Robert und der Quantenphysikerin Marianne zwei scheinbar völlig konträre Charaktere aufeinanderstoßen, was dann letztendlich aber gar nicht den Ausschlag für den weiteren Verlauf der Liebesgeschichte gibt, sondern eher die wissenschaftlich wie philosophisch gleichermaßen interessante These, dass jede getroffene Entscheidung in einem Paralleluniversum weiter existiert. Die genaue Erklärung zum Multiversum möge man bitte selbst im Internet oder Programmheft nachlesen. In gewisser Weise wäre das durchaus auch ein Freibrief zur Unsterblichkeit. Etwas, worüber man nicht nur auf feucht fröhlichen Partys trefflich reüssieren könnte. Wie etwas gelaufen wäre, hätte man sich irgendwann einmal irgendwie anders entschieden, hat sich sicher jeder schon einmal gefragt. Hier ist nun plötzlich alles möglich.

Im Folgenden erkunden die beiden Liebenden dann ganze Scharen von beständig wechselnden, abzweigenden Universen von Liebe, Eifersucht, Fremdgehen, Verlassen und Wiederfinden, was allerdings auch einige Redundanzen zur Folge hat. Wieder geerdet wir das Ganze durch eine sogenannte Schicksalszufälligkeit. Das Programmheft bemüht hier den deutschen Philosophen Odo Marquard mit seiner Apologie des Zufälligen. Ein Gehirntumor im Frontallappen, der sich hier irgendwann bei Marianne einstellt und ihr das Sprechen schwer werden lässt, lenkt die Gespräche ins düster Existentielle, was den Tod oder gar möglichen Selbstmord als Ende der gemeinsamen Geschichte in Betracht zieht. Letztendlich auch die Frage nach Gott und der Zeit, die bleibt.

„Wir Menschen sind stets mehr unsere Zufälle als unsere Wahl.“ ist das Fazit des skeptischen Philosophen Marquard, wie letztendlich auch das des Stücks von Nick Payne. Es ist trotzdem weder ausschließlich für wissenschaftlich noch philosophisch interessierte Geister geschrieben. Die Liebe übersteht alles und schlägt auch hier emotional die reine Wissenschaft. Zeit ist nicht einfach nur relativ, sondern so gesehen auch irrelevant. Alles beginnt immer wieder neu, will uns das unverhoffte Wiedersehen im Tanzstudio am Schluss sagen. Der Sinn des Lebens als unbestimmte never ending Zeitschleife.

Trotz allem fliegen hier außer aus einer Discokugel kaum Sterne und zünden die Pointen nicht halb so wie gewünscht. Nick Payns Stück Constellations erweist sich eben doch nicht einfach nur als Well-Made Play und sicherer Selbstläufer. Irgendeine unvorhergesehene Konstellation scheint dem vollkommenen Erfolg des Abends irgendwie im Wege gestanden zu haben. An den routinierten DT-Darstellern Natali Seelig und Matthias Neukirch liegt es vermutlich nicht. Ein weiteres, völlig unsentimentales an Wilhelm Busch angelehntes Bonmot aus Odo Marquards Apologie lautet: „Der Sinn – und dieser Satz steht fest – ist stets der Unsinn, den man läßt.“ In diesem Sinne möge man höchst selbst Stück und Inszenierung bewerten.

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Constellations
von Nick Payne
Premiere: 8. Januar 2015 in der DT-Box
Regie: Hüseyin Michael Cirpici
Bühne und Kostüme: Sigi Colpe
Musik: Tobias Vethake
Dramaturgie: Hannes Oppermann
Besetzung:
Natali Seelig (Marianne), Matthias Neukirch (Roland)

Dauer: ca. 80 Minuten, keine Pause

Termine:
11., 21., 23. Januar 2015
15., 27. Februar 2015
02. März 2015

Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/constellations/

Zuerst erschienen am 10.01.2015 auf Kultur-Extra.

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